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Die alte Isergil und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Die alte Isergil und andere Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleDie alte Isergil und andere Erzählungen
publisherVerlag Neues Leben Berlin
editorUlrike Hirschberg
year1981
translator
correctorreuters@abc.de
created20140305
projectid360ee586
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»Die Ausfahrt«

Auf der Dorfstraße bewegt sich zwischen den weißen Lehmhütten unter wildem Johlen eine merkwürdige Prozession.

Eine Schar Menschen kommt daher, in dichtem Haufen, langsam und lärmend – sie wälzt sich heran wie eine große Woge, und voran schreitet mit traurig hängendem Kopf ein struppiges, elendes Pferd. Setzt es ein Vorderbein auf die Erde, dann wirft es den Kopf zurück und neigt ihn wieder so sonderbar vor, als wollte es das zottige Maul in den Straßenstaub drücken; setzt es aber ein Hinterbein vor das andere, dann sinkt seine Kruppe so tief zur Erde ab, daß es scheint, es müsse jeden Augenblick umfallen.

An den Vorderteil des Bauernwagens ist mit einer Leine, die ihr die Hände bindet, eine kleine, völlig nackte Frau, fast noch ein Mädchen, gefesselt. Sie bewegt sich irgendwie sonderbar – seitlich – voran, ihre Beine zittern und knicken ein, der Kopf mit dem zerzausten dunkelblonden Haar ist erhoben und ein wenig in den Nacken geworfen, die weit geöffneten Augen starren mit stumpfem Blick, in dem nichts Menschliches ist, in die Ferne. Ihr ganzer Körper ist mit runden oder länglichen roten und blauen Flecken bedeckt, die feste, mädchenhafte linke Brust ist aufgeschlagen und blutet. Das Blut zieht sich als rotes Band über den Bauch und über das linke Bein bis an das Knie hin und verliert sich auf der Wade in einer braunen Kruste von Staub. Es sieht aus, als hätte man dieser Frau einen langen, schmalen Streifen Haut vom Körper abgezogen. Und offenbar hat man sie lange mit einem Holzscheit auf den Bauch geschlagen oder mit Stiefeln auf ihm herumgetreten, denn er ist ungeheuerlich angeschwollen und erschreckend blau.

Die Füße der Frau – sie sind wohlgeformt und klein – schleppen sich mit Mühe über den grauen Staub, ihr ganzer Körper verbiegt sich, und es ist unverständlich, wieso sie sich auf ihren Beinen hält, die – wie der ganze Körper – voller blauer Flecken sind, wieso sie nicht umsinkt und, an den Armen hängend, sich von dem Wagen über die warme Erde schleifen läßt ...

Auf dem Wagen aber steht ein hochgewachsener Bauer, in weißem Hemd, mit einer schwarzen Lammfellmütze auf dem Kopf, unter der eine feuerrote Haarsträhne hervorquillt und über die Stirn fällt; in der einen Hand hält er die Zügel, in der anderen eine Peitsche, mit der er methodisch bald auf den Rücken des Pferdes, bald auf den Körper der kleinen Frau eindrischt, die ohnehin so zugerichtet ist, daß sie fast jede Ähnlichkeit mit einem Menschen verloren hat. Die Augen des rothaarigen Bauern sind blutunterlaufen und funkeln in bösem Triumph. Das Haar unterstreicht ihre grünliche Farbe. Die bis an den Ellenbogen aufgekrempelten Ärmel des Hemdes entblößen die kräftigen, von dichten roten Loden bedeckten Arme; der geöffnete Mund ist voller scharfer weißer Zähne; von Zeit zu Zeit ruft der Bauer mit heiserer Stimme aus: »Da ... Hexe! Hei! Da hast du! Aha! Da!«

Hinter dem Wagen und der an ihn gefesselten Frau strömt in hellem Haufen das Volk, schreit, johlt und pfeift, lacht und hetzt. Jungen rennen ... Manchmal stürzt einer von ihnen vor und ruft der Frau zynische Worte ins Gesicht. Die Lachsalven der Menge übertönen alle anderen Laute, auch das dünne Pfeifen der Peitsche in der Luft. Die Frauen haben sinnlich erregte Gesichter und vor Vergnügen funkelnde Augen. Die Männer rufen dem, der auf dem Wagen steht, Widerwärtigkeiten zu. Er dreht sich zu ihnen um und wiehert mit weit geöffnetem Mund. Ein neuer Peitschenhieb geht auf den Körper der Frau nieder. Die lange, dünne Peitschenschnur trifft die Schulter und verfängt sich unter dem Arm. Da reißt der Bauer auf dem Wagen die Peitsche scharf zurück; die Frau schreit winselnd auf, sinkt hintenüber und fällt rücklings in den Staub. Aus der Menge stürzen welche zu ihr hin, beugen sich über sie und verdecken sie mit ihren Leibern.

Das Pferd bleibt stehen, setzt sich aber gleich wieder in Bewegung, und die zerschundene Frau geht wie zuvor neben dem Wagen her. Und der kümmerliche Gaul setzt langsam die Beine und nickt in einem fort mit dem zottigen Kopf, als wollte er sagen: Was für ein Elend, ein Tier zu sein! Die Menschen zwingen einen, an jeder Scheußlichkeit teilzunehmen ...

Und der Himmel, der Himmel des Südens, ist völlig wolkenlos, die Sonne ergießt freigebig ihre sengenden Strahlen.

+++

Ich habe hier nicht etwa von mir Erfundenes niedergeschrieben oder die Wahrheit entstellt – nein, das Geschilderte ist leider keine Erfindung. Das nennt sich »Ausfahrt«. So bestraft ein Ehemann die Untreue seiner Frau; es handelt sich um ein Sittenbild, um einen Brauch, und ich habe das im Jahre 1891, am 15. Juli, gesehen – im Dorf Kandybowka, Gouvernement Cherson, Kreis Nikolajew.

Ich wußte, daß man bei uns hinter der Wolga eine untreu gewordene Frau nackt auszieht, mit Teer beschmiert und mit Hühnerfedern überschüttet und in diesem Aufzug auf der Dorfstraße herumführt. Ich wußte, daß erfinderische Ehemänner oder Schwiegerväter eine »Treulose« im Sommer gelegentlich mit Sirup beschmieren und den Insekten zum Fraß an einen Baum binden. Ich hatte gehört, daß man die »Treulosen« bisweilen gefesselt in einen Ameisenhaufen setzt. Und schließlich sah ich, daß all das unter ungebildeten, gewissenlosen, durch ein wölfisches Leben in Neid und Gier verwilderten Menschen möglich ist.

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