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Die Akten von St. Avit

Arthur de Gobineau: Die Akten von St. Avit - Kapitel 9
Quellenangabe
authorArthur Gobineau
titleDie Akten von St. Avit
publisherrich Matthes
year1924
firstpub1923
translatorHans von Wolzogen
illustratorKarl Mahr
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161021
projectided5d8725
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Bild: Karl Mahr

Louis Nicolas Armand de Malerue. Vierzigster Abt. 19. November 1688. An Mme. la Marquise de M.

Madame, was ich versprach, das hab' ich gestern Morgen
gleich nach der Messe mich beeifert zu besorgen.
Der Wagen war bestellt, so bin ich hergefahren.
Der Abt ward überrascht, wie wir gewärtig waren.
Ein Mann, bei grauem Bart noch etwas grün zu nennen,
sein Aussehn ist sonst gut, doch – konnt' ich's recht erkennen –
sein Auge blickt nicht klar. Nun, das erstaunt mich nicht.
Die Wölfe hüllen sich – wir kennen das Gedicht –
in's unschuldweiße Fell der guten Lämmchen ein.
Die Art, so hoch geschätzt, ganz Tugend, fromm und rein,
trägt einen Abgrund tief versteckt im Herzen innen;
wer da hineinschau'n kann, wird sich das Bild gewinnen
von einem Hochmut, dem Verschlagenheit gesellt. –
Sogleich begann ich nun im leichten Ton der Welt:
»Ich finde hier« – so sprach ich lächelnd – »weise Männer,
ich zweifle nicht daran, doch ich gesteh' als Kenner:
des Königs Majestät denkt leider nicht wie ich.
Irrtümlich hat man ihn berichtet, sicherlich!«
»Seit lange schon, ich weiß,« erwiderte der Abt,
»doch wenn man selber nur mit Pflichtgefühl begabt« –
»Wohl! So gestatten Sie, daß ich Sie gleich ersuche,
Kenntnis zu gönnen mir von jedem Blatt und Buche,
daß Arnauld und der Jansenisten andere mehr
gegeben in Verwahr – wir wissen das – hierher.«
»Und hätt' ich solche auch, sie sind mir anvertraut.«
»Bedenken Sie sich wohl, Herr Abt« – dies rief ich laut –:
»Im Namen Majestät des Königs sprech ich. Hier
des Kanzlers Brief! Vielleicht erlassen Sie es mir,
daß den Befehlston ich genötigt anzuschlagen,
Sie haben zuviel Geist, Unsinniges zu wagen.«
»Ich habe zuviel Herz, Verräterei zu üben.«
(Der Stimme heller Klang begann sich hier zu trüben)
»Mein Herr, man diskutiert nicht, wenn ein König spricht,
der größte Fürst der Welt. Da ist Gehorsam Pflicht.«
»Tun Sie« so murmelt er, »nach Ihren Wohlgefallen,
verlangen Sie nur nicht, daß ich, g'rad ich von allen,
die Freundschaft, die mir Pflicht, die Ehre, die mich bindet,
jemals vergessen soll. Gleichviel was man auch findet,
durchstöbern alles Sie, die ganze Parochie!
Hier sind die Schlüssel, Herr, nun geh'n und suchen Sie!«
»Bedaure sehr,« sprach ich, »daß Sie sich so verirren.
Mit etwas Gleichmut ließ sich alles leicht entwirren.
Sie bringen mich dadurch in eine arge Lage,
beläst'gen muß ich Sie, und das ist keine Frage:
den Kürzer'n ziehen Sie dabei unweigerlich.« –
Er schüttelte den Kopf. Das Fenster öffnet' ich
rief die Gefreiten her, die allsobald erschienen
(die Straße draußen hielt besetzt ein Teil von ihnen).
Der ungeahnte Zug verwirrt' ihn wohl etwas,
doch merkt' er, daß im Blick man, was er dachte, las,
worauf er noch einmal mit heis'rem Tone sprach:
»Geht! Mit des Stärker'n Recht, durchstöbert, sucht, spürt nach!« –
Die Schlüssel nahm ich an, verächtlich warf ich sie
dem Polizisten zu, der näher trat, und schrie:
»Herr, sorgen Sie dafür, daß man gehorcht, geschwind,
dem Majestätsbefehl, dess' Träger Sie nun sind!« –
Das Fenster schloß ich zu, dann wandt' ich mich ins Zimmer,
und sah den Doktor an; der stand und schwieg noch immer.
So zog ich einen Stuhl heran und macht' es mir
vor dem Kamin bequem. Ich öffnet' ein Brevier
und gab die Miene mir, vertieft darin zu lesen;
dabei beachtet ich des Abtes Tun und Wesen,
und ich versich're Sie, er war in großer Pein,
ich rührte ihm fürwahr ein bittres Süppchen ein.
Bald neigt' er seine Stirn, bald rang er seine Finger –
und dieser Zustand währt' ein Stündchen, nicht geringer.
Da, plötzlich, bebt das Haus von einem Lärm von Stimmen:
man schreit, man brüllt – mir ahnt Gescheh'n von etwas Schlimmen:
das klingt nicht eben so, als wären's Freundlichkeiten.
»s'ist meiner Braven Schar, die sich den Spaß bereiten
zu zeigen, daß bei ihr die überleg'ne Stärke.
Doch tu' ich nicht, als ob ich das geringste merke.
Zu zittern schien der Abt, ich sah mich garnicht um,
die Augen fest auf's Buch geheftet, starr und stumm.
Auf einmal in den Saal stürzt der Prior herein
und eine große Zahl der Menschen hinterdrein.
Das packte mich denn doch, als mich ins Auge fest
der alte Priester faßt und so sich hören läßt:
»Herr, wollen Sie, daß das, was man hier wagt, geschieht?
Herr, Eure Leute sind's, im Haus des St. Avit,
den Altar schänden sie, sie treten d'rauf, sie brechen
das Reliquarium auf, die Lästrer die, die Frechen!«
»Sie folgen nur dem Trotz des Meisters, der euch leitet.
Er hat den Gottesmord, den neuen vorbereitet.
Ja, er allein, verstockt, verblendet und erblindet,
er ist der Läst'rer, der bald seine Strafe findet.
In salbungsvollem Ton setzte ich die Rede fort:
»O, meine Väter! hört, vergeßt den Frevler dort!
die wilde Seele, die, in böse Glut verloren,
Gesetz und König, ja, das Amt, dem sie geschworen,
die heil'ge Kirche selbst im Uebermut verletzt –
gebt diesen Menschen preis dem Dämon, der ihn hetzt.
Mit trock'nem Auge schaut er euren Aengsten zu,
verzweifeln möchtet Ihr, er bleibt in seiner Ruh'.
Ich würfe tausendmal mich ihm zu Füßen gerne,
daß ich das Unheil nur von Eurem Haus entferne.
O rettet – höret wohl! Euch alle bitte ich:
rettet ihn selber, ja, den Sünder selbst vor sich!
Rettet das Vaterland, das heil'ge Vaterland,
wo Fried' und Tugend sonst in voller Blüte stand!
Ja, rettet Euer Heim, das Kloster: St. Avit! –
Wenn einem von Euch Herrn, ein Zufall es verriet,
wo das verruchte Gift von Büchern und von Schriften
hier sein Versteck gewann, um Schaden anzustiften,
der muß gewissenhaft den König unterrichten,
nicht ohne guten Grund, ihn selbst sich zu verpflichten.«
Mit Feuer sprach ich so, vergaß auch ein'ge Zähren;
die Mönche schwankten schon. Sie meinten wohl, sie wären
im nächsten Augenblick entführt von einem Drachen,
um eine schlimme Fahrt zum Höllentor zu machen.
Ein Laienbruder schlich sich scheu zu mir heran –
als er ganz nahe stand, was reichte mir der Mann?
Eine Kassette war's – ich öffnete – ich sah:
die Beute – welches Glück! Ich hielt sie. – Sie war da. –
Alsdann mit kaltem Stolz zum Abte wandt' ich mich:
»Glauben Sie mir, mein Herr, ganz außer mir bin ich,
daß ich an Ihren Platz dahier mich setzen soll;
Allein der König selbst, er war so gnadenvoll.
Mich zwingt die harte Pflicht. Sie gehn, es ist sein Wille
Hier das Dekret! Mein Herr, Sie gehn in die Bastille.« –
D'rauf ging er, ohn' ein Wort! Am Gitter in den Wagen
hob ein Gefreiter ihn. Der Schlag ward zugeschlagen.
Fort war er – und zurück blieb eine stumme Schar.
Ich sandte den Prior, und wer verdächtig war,
in andre Klöster gleich, die Hitze abzukühlen.
Die Kleie ist heraus. Ich denk, in meinen Mühlen
schaff' aus dem Weizenrest ich noch ein gutes Mehl.
Ich bitte, stellen Sie mir gütig zu Befehl
noch eine kleine Zahl von sicheren Personen.
Ich darf fortan den Fleiß der Besten nicht verschonen.
Des Glaubens Reinheit heischt Arbeiten streng und scharf,
wozu ich Ihrer Hut und Hilfe sehr bedarf. –

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