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Die Akten von St. Avit

Arthur de Gobineau: Die Akten von St. Avit - Kapitel 4
Quellenangabe
authorArthur Gobineau
titleDie Akten von St. Avit
publisherrich Matthes
year1924
firstpub1923
translatorHans von Wolzogen
illustratorKarl Mahr
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161021
projectided5d8725
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Bild: Karl Mahr

Hugo. Der fünfte Abt.

Der Ueberdruß nagt mir am Herzen!
O Nacht! O Nacht! O schöne Nacht!
Es kocht mein Blut. Die Nerven schmerzen.
Wie matt mein Mut, wie überwacht!
Und doch! Als ob ich aufwärts flöge,
ich ahne, fühle mich entrückt.
Welch Führer, der voran mir zöge?
Ach, wie dein Lächeln mich beglückt,
            O Phingari!

Gelehnt an meines Turmes Zinnen
kühl von der nächt'gen Luft umweht, –
mein Blick enteilt, sag', wirst du's inne
daß er dich Einsame erspäht?
Wie weiß und kalt in deinem Schimmer
ich dort die blauen Hügel seh!
Erschauernd such ich dich noch immer
welch Leiden heiltest du wohl je,
            O Phingari!

Doch kann ich nie von dir mich trennen
und ohne Weilen such' ich dich,
ein Märchenzauber nicht zu nennen,
er schlingt ein glutend Band um mich.
Die wilden Geister meiner Seele,
die heißen Flammen stille du!
Daß mich die Unrast nimmer quäle,
gib du mir deine süße Ruh,
            O Phingari!

Der weise Araber betrat die Turmterrasse
und sah zum Himmel auf: Phingari kehrt sich fort
dem Wassermanne zu. Verzeichnest du's?« – Verlasse,
bitt ich, den Späherplatz, so nahm der Abt das Wort.
»Ein Unrecht ist's vielleicht, was ich mit dir betreibe.
Unglücklich fühl ich mich, die alte Reue naht.
Ach, daß die Menge mir der Sorgen ferne bleibe,
die nie zum Ziele führt! Verstehst du mich, Murad?« –
»Eh ich von meinem Weg mich wenden ließ' und schrecken,
vergäß' ich selber mich. Doch, wenn es auch gefällt,
mich zu verwünschen, wohl, so nehm ich meinen Stecken
und suche meinem Werk ein andres Fleckchen Welt.«
»Und fürchtest du denn nicht, du triffst dabei die Sünde?
Nichts wider unser Tun sagt deine Seele dir?
Wir hätten Recht, Natur zu zwingen, daß sie künde,
was sie geheim uns hält? Das nur versich're mir!
Gar fremde Dinge sind's, die wir vermessen wagen.
Die Geister meistern wir mit unsrer Zauberkunst,
daß sie dem wilden Ruf der Seele Antwort sagen.
Dämonen locken wir aus Gruft und Nebeldunst,
durch alle Welten hin entsenden wir die Knechte,
fernster Gestirne Sein und Werden zu erspähn.
Im Tiegel zwingen wir des dunklen Stoffs Gemächte
zu weisen, was sie sind, geschieden zu zergehn,
bis daß im wirren Dampf, am Halse der Retorte
entflüchtet, flockenhaft, ganz ohne Form und Zier,
das unbekannte Was, wofür es keine Worte,
was nie ein Mensch geahnt, erbeutet unsre Gier.
So sonder Maß und Ruh' bestrebt, das zu vermählen,
was die Natur getrennt, um nie vereint zu sein,
wir legen uns're Hand an Keim und Kern der Seelen –
ja, das ist unser Ziel! So wirken wir zu zwei'n. –
Erlaubt uns Gott das Werk? Wird er die Täter strafen?
All unser Wunsch und Drang, die Sucht nach immer mehr,
wie viel wir uns bemüht, und was wir glücklich trafen,
folgt dem Gewinnste nicht die Buße hinterher?
Wie weise werden wir! Wir wissen Gold zu machen,
wir sind die Herrn der Welt, denn was verkauft sich nicht?
Und glückt's, den stolzen Geist zum Höchsten anzufachen:
aus urverborgnem Quell ersteigt ein Mensch an's Licht! –
Sind wir nun Götter? Sprich! Antworte! Rede offen!
Ich bleibe, wo ich bin und blicke nur zurück,
ach, auf die lange Bahn voll Leiden – Sorgen – Hoffen –
und müd' entsag ich selbst dem trügerischen Glück!«-

Der Araber darauf: »Von Jenen
seid ihr, die Er, der alles schafft,
bereichert mannigfach und denen
Er doch versagt die volle Kraft.
Genug des Menschenwahns versenkte
euch in der Torheit dunklen Schlund,
doch auch genug des Edlen lenkte
euch über dieser Erde Grund.
Der stolzen Seele Glanz und Glaube,
nach dem Unendlichen gewandt,
erhob sich mächtig aus dem Staube,
der die gemeine Menge bannt.
Doch eine Wucht von Hindernissen
Hält euren Flug hier unten fest:
unfromm ist eure Gier nach Wissen,
weil ihr euch selber nicht vergeßt.
Die dunklen Pforten zu erkämpfen,
wohl mangelt nicht es euch an Mut,
Ein kühner Aufschwung ringt in Krämpfen,
zur Klarheit drängt der Seele Glut.
Der Geist ist stark, des Willens Welle
zu leiten auf das edle Ziel,
allein er schweift von Stell' zu Stelle
und bald wird ihm des Spiels zu viel. –
Du mehr ein Dämon als ein Engel,
wenn du durch Meersturmwogen tollst,
erkenne deiner Schiffahrt Mängel:
Du weißt nicht, wo du ankern sollst.
Auf Küsten fern den Blick gerichtet,
gibst dich in aller Winde Hand,
und kaum, daß du ein Ziel gesichtet,
hast du dich ihm schon abgewandt.
So hast du mehr Verlust erlitten,
als selbst der Krebs auf seinem Gang
der, ob er rückwärts nur geschritten,
doch seine Beute sich errang. – –
Ich bin aus dem Metall, woraus mich Gott geschaffen,
ein festgeformter Bronzeguß:
vom Heil'gen nichts in mir und nichts in mir vom Pfaffen,
nichts von des Leuen Gier, nichts von der Lust des Affen nach ihrem tierischen Genuß.
Mein Hirn, daß allzeit ich in strenge Zucht genommen,
ward meines Leibes Herr allein,
es zwang ihn mit Gewalt, nur seinem Dienst zu frommen,
es ließ ihn nimmerdar zu seiner Ruhe kommen,
und immer mußt er fügsam sein,
Wie viele Kräfte mir gegeben sind und reifen,
zum Wissen werden sie verwandt:
Maschine bin ich nur, des Denkens Garn zu weifen,
bin überall zu Haus, weiß alles zu begreifen,
bin ganz Erforschung, ganz Verstand. –
Ich denke mir, der Gott, der so mich werden lassen,
wird mich auch dulden, wie ich bin;
wenn ich ihm nicht gefall', er kann mich leichtlich fassen
und setzt mich vor die Tür. Ich werd' ihn drum nicht hassen, als läg ihm Grausamkeit im Sinn!
Und waren ihm so lieb der Dinge Dunkelheiten,
was hat Er uns'rer Menschenart
die Weisen dann geschenkt? Warum zu allen Zeiten
in Bildern reich, die uns erleuchten, locken, leiten,
die Wahrheit selber offenbart? –
Bist du so müd? So bleib denn drunten. Ich – ich steige.
Du – lebe wohl! Ich scheide nun:
Mein Mut verläßt mich nicht, mein Oel geht nicht zur Neige.
Bis daß der Kern der Welt sich meinen Augen zeige,
unendlich viel ist noch zu tun!« –
»O Murad, Du sprichst wahr. Du Strenger kennst mich besser,
als ich mich selbst. Sei's denn! Genug von Was und Wie!
Ich habe Unrecht. Geh, hol' uns den Höhenmesser!
Verfolgten weiter wir den Lauf der Phingari!
Wohl, der Gedanke selbst, ob voller Irr' und Fehle,
dem wachen Menschen gibt er mehr als insgesamt
der Qualm der Sinnesglut in aufgestürmter Seele,
der einen faulen Grund, Irrlichtern gleich, entflammt.
Der ritterlichen Schar der Ahnen dacht' ich eben,
beneidete ihr Glück. Nun lächl' ich meinem Wahn.
Ich rief die Heil'gen hier, – ihr strenges Tugendleben –
Dürft' ich nur auf den Knieen mich ihren Füßen nah'n?!
Der Jugend scheint es leicht, der Liebe nur zu leben.
Verloren hab' ich sie; denn Bertha – sie ist tot!
Ich wuß't es ja, ich müßt' es einst dem Grabe geben,
das Bild, das flammend mir das Innerste durchloht!
Doch hab ich wen'ger nicht das scharfe Weh empfunden:
in Stücken all mein Sein, zerbrochen all mein Glück!
Wohl ist es wahr, die Zeit schließt alle unsre Wunden,
es weicht die Qual – allein: die Narbe bleibt zurück.
Ach, keine Wiederkehr! Vergangen ist vergangen!
Bedenk' ich nun, als Mönch, was lockte meinen Geist?
Wer hat der Seele Stolz zur Folgschaft sich gefangen?
Der freche Vielfraß war's, den man die Ehre heißt!
Zu lange zog ich hin auf dieses Falschen Pfaden,
erkannt ich seinen Wert, da war's zu spät!
Nicht fand Verlor'ner ich mich heim zu Gottes Gnaden –
nichts mehr von St. Avit empfand ich im Gebet. –
So denn, in meiner Angst, rief ich die Wissenschaften.
Doch ihre Mörderhand wies nicht die rechte Bahn:
verblendet, ganz verstört – kein Wissen blieb mir haften,
und auch das wen'ge Licht erlosch, das ich empfahn. –
Da kamst Ungläub'ger du! Ich folgte deiner Leitung.
So bleib denn auch bei mir, mein letzter Führer du!
Belebe mir den Mut zur letzten Zielerschreitung!
Den Messer her! Noch deckt uns Nacht das Höchste zu!
Es kommt der Augenblick, daß unter unsern Händen
die Quelle springt, worein zu tauchen sie's verlangt.
Freudloses Sein! was hilft's, sich von der Bahn zu wenden?
Nein! Alles sei gewagt! Gebannt sei, was noch bangt! –
Auf! Schreib! genau halt fest, eh Phingari verschwunden,
weil sie zum Untergang sich eben niederneigt.
Sieh, schon berührt ihr Schein die dunklen Hügelrunden,
Der Himmel rötet sich! Der neue Tag ersteigt!« –

 

Bei diesem Wort erscholl ein Ton von scharfer Helle:
die Morgenglocke war's, des Klosters Weckerin.
Die Mönche eilen schon hervor aus jeder Zelle,
ihr Lämpchen in der Hand, durch alle Gänge hin.
Der Estrich laut erklingt vom klappernd harten Schalle
– der Holzpantoffel ist gar eine rauhe Tracht! –
der großen Kirche zu im Zuge streben alle.
Der Araber berührt des Priesters Aermel sacht:
»Die Stunde des Gebets! So trennen wir uns, Meister!
Zu Deinesgleichen geh! Ich aber bleibe hier,
Gott fordert Lob und Dank der frommen Menschengeister,
die heil'ge Ordnung will's, demütig folge ihr! –
Den Ramaz werde hier ich gegen Mekka beten.
Was lebt, der Wurm im Staub, der Aar auf Felsenhöh'n,
Leviathan im Meer, der Mensch in seinen Städten,
nur durch die Regel lebt's, ist dauerhaft und schön.
Wir, die wir die Natur beherrschen, wir verehren
das ewige Gesetz, wir beugen unser Knie,
und wenn erhaben wir ob allem Wunder wären,
ja, selbst Gekrönte wir, die Krone schmäh'n wir nie.
Die Schwachen nur im Geist – wir dürfen sie beschämen:
bleib' ihnen das erlaubt, was uns nicht ziemen will.
Sie mögen's leicht und träg mit ernsten Dingen nehmen,
wer weise ist, der schweigt vor allem Hohen still.« –

 

Hugo – vom lauten Schall der Holzsandalen dröhnt
weithin der Kirche Schiff – nun tritt er in den Chor,
die Kappe wirft er ab, die mächt'ge Stimme tönt,
hoch aufrecht vor dem Stuhl trägt er die Lesung vor.
Bewundernd blickt die Schar der Mönche auf den Meister,
die dunkle Machtgestalt, der Augen scharfen Strahl –
es dünket sie, sie sah'n in seinem Blick die Geister
des Himmels und der Höll' erglühen auf einmal. –

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