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Die Akten von St. Avit

Arthur de Gobineau: Die Akten von St. Avit - Kapitel 10
Quellenangabe
authorArthur Gobineau
titleDie Akten von St. Avit
publisherrich Matthes
year1924
firstpub1923
translatorHans von Wolzogen
illustratorKarl Mahr
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161021
projectided5d8725
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Bild: Karl Mahr

Jules-Marie Sarboise. Dreiundvierzigster Abt. 1760. An die Herren Mitglieder der Akademie der Inschriften und schönen Künste.

Philosophie hat dies Jahrhundert aufgeklärt.
Der Aberglaube fühlt sich nimmer daseinswert,
nur irre, jämmerliche Funken
streut seine Fackel aus, die sonst so blutig flammte;
der Fanatismus flieht dahin, woher er stammte,
im Abgrund ist er schon versunken.

Die süße Duldung thront an seinem Platz, vor ihr
mit schweren Schritten wich die Unwahrheit von hier
in deine fremde, schwüle Ferne,
wo Sonne wird zu Gift, doch wo mit jedem Tage
man seine Torheit mehr erkennt, bis ohne Klage
man endlich sie verjagen lerne.
Das Weltall will nicht mehr ein trügerisches Licht.
Es herrsche die Vernunft! In vollem Strome bricht
die Wahrheit durch die düstern Nebel.
Die Priester, schamrot nun ob ihrer falschen Wunder,
sie widerrufen ihr Orakel, leerer Plunder
ward ihres Ruhmes alter Hebel. –

Als dunkler Priester ich uralten Heiligtums
sorg' ich, daß Tugend hier, froh keines höher'n Ruhms,
nur sanfte Menschenseelen weide.
Die Arbeit acht' ich hoch, nur Faulheit heiß' ich Sünde,
ich segne jeden Bund der Liebe und verkünde
hilfreiche Tröstung allem Leide.

Auf unsern Wiesen, wo die Herde blökend zieht,
das Lämmlein ruft dem Schaf, mein feuchtes Auge sieht
der Mutterliebe zart Gebilde.
Vor ihrer Hütten Tür beim Tone der Schalmeien
die Hirten, die zum Kranz die holden Blümchen reihen,
wie friedlich in des Abends Milde.

Und diesem schlichten Volk, so nahe der Natur,
lehr' ich die Weisheit leicht, die ich am Born erfuhr,
wo heil'ge Wahrheit quillt für Jeden.
Und zeig' ich ihnen dann, daß in der Torheit Tagen
getäuscht ward ihr Vertrau'n wie sie dem Tag erlagen,
sie glauben treulich meinen Reden.

So sagt ich: St. Avit, dess' Name weltbekannt,
den man euch als Patron des Klosters hier genannt,
o Kinder – den hat's nie gegeben!
Wo wäre denn das Grab, darein man ihn versenkte?
Ein plumpes Märchen, dem Mönchsdummheit Glauben
nur fromme Lüge ist dein Leben.

Bei unsern Ahnen, wißt, den Heiden, die auch jetzt
noch uns're Meister sind und bleiben bis zuletzt,
ist er dereinst ein Gott gewesen.
Die Christenpriester, die den Alten nicht vernichtet,
die haben ihn uns dann zum Heil'gen umgedichtet:
dem kann man ruhig Messen lesen.

Doch dies war nichts als List und eitel Heuchelei,
von nun an ab aber soll die Seele hoch und frei
zur Himmelsschönheit sich erheben.
Das höchste Wesen hat der Unschuld süße Spende
der ganzen Welt verleih'n. Die man sie wiederfände,
nach diesem Ziele laßt uns streben. –

Sie hören mit Begier. Ihr Geist wird wach und reg'
Das gute Volk, es drängt sich dicht um meinen Weg
Die Kinder segn' ich und die Frauen,
die Greise küss' ich, sitz' am Herd der Eheleute,
die jungen Mädchen trifft kein Scheltwort, wenn sie's
freute, sich nach den Buben umzuschauen. –

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