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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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So wußte er damals schon zu denken und zu reden; ein Herr in einem Reich, das leider auch nicht sehr von dieser Welt war. Ich habe es in den Akten, wenn auch nicht aktenmäßig. Ich hole dies alles aus Ungeschriebenem, Unprotokolliertem, Ungestempeltem und Ungesiegeltem heraus und stehe für es ein. Ich muß es aber heute sehr aus der Tiefe holen, daß damals auf dem Osterberge, um den zehnten August jenes Jahres herum, wir Nachbarkinder des Vogelsangs die Tränen des heiligen Laurentius so fallen sahen und ihr leuchtendes Niedergleiten mit so wunderlichen Gedankenspielen begleiteten.

Aktenmäßig kann ich es leider bezeugen, daß er, Velten Andres, wirklich beim Maturitätsexamen durchfiel und dem Vogelsang wieder mal eine der Enttäuschungen und Genugtuungen bereitete, die er dem guten Ort, solange er sich dort aufhielt, immer von neuem schuldig zu sein glaubte.

»Man kann seiner armen Mutter nicht einmal raten, ihn gleich ganz hier zu behalten und einen Schuster aus ihm zu machen«, sagte mein Vater, mein »Zeugnis der Reife« in der Hand. »Unter den Komödianten wäre er vielleicht noch am besten aufgehoben, der Windsack! Da hast du es, mein Sohn, wie es kommen mußte. Nun geh hin und höre dir an, wie nebenan die Klagelieder Jeremiä lauten. O ich hätte dort Vormund und nicht bloß Familienfreund sein müssen!«

»Dann hättest du doch wohl nur noch mehr Ärger davon gehabt, bester Krumhardt«, sagte meine Mutter, mit vollberechtigter Genugtuung über unsern eigenen Familienerfolg mich in den Armen haltend. Für mich selber lag an diesem Tage die Sache so, daß ich mich des glücklichen Anlangens an diesem Ziel natürlich sehr freute, jedoch des Behagens darob durchaus nicht vollkommen froh war. Dazu war Velten doch ein zu guter Freund von mir und wußte ich zu genau, wie vieles er besser wußte als ich und wie es im Grunde doch nur die Mathematik gewesen war, die ihm das Bein gestellt hatte. Konnte er, Velten, dafür, daß er nach seinem Ausdruck da ein leeres Loch im Gehirn hatte, wo das meinige nach innen vollgestopft war und nach außen hin den betreffenden Buckel getrieben hatte? Es ist zwar eine Torheit, aber wie oft griff ich später meinen Jungen nach den Köpfen und tastete sorgenvoll nach den Höckern und Gruben, die ihnen die Begabung zum ruhigen Wandel auf der breiten Straße der goldenen Mittelmäßigkeit verbürgen sollten! Und am bedenklichsten dann, wenn meine Gattin einen außergewöhnlich offenen Kopf an einem der armen Kerle bemerkt haben wollte. –

Ich ging also vor dem Freunde aus dem Vogelsang weg, um nach dem Wunsche oder Willen meines Vaters selbstverständlich Jurisprudenz zu studieren, und – da die Wacht am Rhein und die an der Memel ebenfalls ihren Anspruch an mich erhoben – nach einer mitteldeutschen Universität, die mir Gelegenheit bot, mit möglichst geringen Kosten mich mit dem römischen Recht und dem damals gültigen deutschen Schießgewehr bekannt zu machen, wenigstens in den Grundzügen.


Aus dieser Zeit habe ich folgenden Brief in den Akten:

»Lieber Freund!

Denn dafür halte ich Dich noch trotz Schiller und aller Würde, die jegliche schöne Vertraulichkeit zwischen Dir und mir zu einem Dinge der Unmöglichkeit machen sollte. Du kannst es mir ja übrigens sagen oder schreiben, wenn es Dir gar nicht mehr paßt, das bisherige angenehme Verhältnis zwischen uns.

Einfach großartig war es von Dir! Mathematik sehr gut – Latein gut – Griechisch fast gut – Geschichte und so weiter gut – deutsche Sprache und Literatur genügend: Mensch, Göttergünstling, da Du ihn doch fürs erste weniger brauchst, so pumpe mir ihn, Deinen wohlorganisierten Hirnkasten, für nächste Ostern bloß auf acht Tage. Auf Ehre, Du kriegst ihn bestens geschont umgehend zurück; aber die Idee, ihn aufzustülpen und vor dem Rate der Zehn mit ihm aufs Seil gehen zu können, steigt mir derartig in den meinigen, daß meine Alte eben schon gefragt hat: ›Junge, was hast du jetzt wieder im Kopfe?‹ Die Benachrichtigung aber: ›Ich schreibe an Karlchen Krumhardt, daß ich mir ein Muster an ihm nehme‹, hat sie sofort gottlob beruhigt ob meines Stierens ins Blaue, und ich soll Dich von ihr grüßen. – Mir selber liegt ja leider weniger dran, mich nicht noch mal zu blamieren; aber der alten Frau möchte ich doch den Verdruß und Deinem würdigen Erzeuger sein melancholisches Behagen an meiner Schande nicht zum zweitenmal zum vollen Auskosten anbieten. Ich büffle. Und Du Ochse treibst Dich fessellos in der süßen Freiheit herum; und teure Angehörige, sowie Staat und Kirche halten Dir schon die volle Krippe und den warmen Stall bereit, wenn Du heimkehrst von der blumigen Wiese Deiner jungen Ungebundenheit. Mir blühte bis jetzt hier im Vogelsang bloß die Eselswiese, und wäre ich nicht ich und meine Alte sie, so wäre die Geschichte einfach nicht zum Aushalten gewesen, der faulen Redensarten wegen ob meiner bodenlosen Faulheit. Na ja! Hätte mich nicht auch unser allerhöchst Regierender, das heißt eigentlich mehr unsere allergnädigste Landesmutter kommen lassen, um mich persönlich kennenzulernen und mir ins Gewissen zu reden, so hätte allgemach meine Mutter jedem, der sich sonst nach mir erkundigte, nur sagen können: ›Unterm Sofa steckt er. Locken Sie ihn mal! Ich kriege ihn weder durch Güte noch durch Gewalt mehr drunter weg.‹ – Cäsar und sein Glück! Die Geschichte ist so ulkig, daß sie sogar meiner Alten die Kummertränen getrocknet hat. Dir, mein Junge, schreibe ich sie nur, um sie, wenn sie sonst brieflich an Dich gelangen sollte, auf das richtige Maß herunterzudrücken. Eigentlich war es Unsinn; aber da kein anderer augenblicklich vorhanden war, so mußte ich wohl dran: ich habe Schlappen für die menschliche Gesellschaft gerettet! ... Du kennst die öde Jammerseele in Baumwolle, Watte und mit Glacé. Mußte es dem Optimatensimpel – äh, hä, jä, nä – einfallen, auf die brüchige Stelle im Eise zu geraten und durchzubrechen! Good gracious! würde Mistreß Trotzendorff gekreischt haben; aber Elly, die das hochnäsige Vieh beinahe mit heruntergerissen hätte ins Verderben, setzte sich gottlob nur zeternd neben das Loch, in welchem der Tropf verschwunden war; das übrige kannst Du Dir denken. Ein Riesenulk, aber etwas kühler Natur! Und mit dem Kopfe, wie eine Fliege an der Fensterscheibe, in der feuchten Tiefe herumzusurren und vergeblich nach dem Auswege zu suchen, auch grade kein Vergnügen; noch dazu mit der Verpflichtung, einen andern Blechschädel am Schopfe zu halten und mit nach oben zu nehmen. Na, er – atmete lang und atmete tief und begrüßte das himmlische Licht – Schiller ist nicht unten gewesen, sonst würde sein Tauchergedicht um ein merkliches kürzer sein und sich wahrscheinlich auf ein ›Brr! Pfui Deubel!‹ beschränken, höchstens mit dem Zusatz: ›Lieber nicht zum zweitenmal!‹ – Daß wir – Schlappe und ich, nicht länger unten blieben, als nötig war, kann uns kein Mensch verdenken. Kurz also, ich brachte die Honoratiorenpuppe glücklich wieder zutage, fand das halbe Residenznest in vorsichtiger Entfernung um die Bruchstelle versammelt: von dem Rest schweigt des Sängers Bescheidenheit. So dumme, verbrüllte Frauenzimmergesichter, wie die des Vogelsangs, möchte ich aber doch nicht gern wieder um mich sehen – um den gloriosesten Schnupfen in der Welt nicht! Sie sämtlich mit strömenden Augen, ich mit fließender Nase und etwas verkrackeltem linken Handgelenk.

Volle vierzehn Tage hat es gedauert, bis die Arche wieder auf dem Trocknen saß. Meine Alte war selbstverständlich die erste, die den Fuß wieder auf festen Boden setzte und meinte: ›Junge, wenn es nun nicht so gut für uns abgelaufen wäre?‹

›Cäsar und sein Glück, und Unkraut vergeht nicht, Mama!‹

Unser Backfisch betrug sich wie gewöhnlich wie verrückt bei der Geschichte, war zum Anbeißen und verdiente selbstverständlich mal wieder Prügel; er war zu nett in seinem Kummer. Aber was hatte das Balg mir einen Korb zu geben und mit dem Maulaffen Schlappe auf das Windeis zu laufen? Ich wollte gar nichts sagen, Karlos, wenn Du es gewesen wärest, den sie gegen mich ausspielte.

Si vales, bene est, ego valeo, bis auf die dumme linke Vorderpfote, die ich fürs erste noch in Windeln und Schindeln zu tragen habe.

V. Andres.«

»Schlappe« hieß der gerettete Zeit- und Schulgenosse eigentlich nicht; das war nur sein Schulname. Sein wirklicher Name liegt sehr bei meinen Akten; übrigens gehörte sein Träger zur maßgebendsten Gesellschaftsschicht unserer Landeshauptstadt, und – ich habe seine Schwester geheiratet und eine gute Frau an ihr bekommen. –

Ach, was helfen die besten Karten dem in der Hand, der keinen Gebrauch von ihnen machen – kann?

Was half es Velten Andres, daß Schlappes Papa seiner Mutter und ihm mehr als einen Besuch machte und ihn aufrichtigst seiner hohen Protektion versicherte? Was half es ihm, daß Serenissimus und Serenissima ihn sich vorstellen ließen und ihm gleichfalls ihre freundlichste Gunst versprachen?

Nichts; da er blieb, was und wie er war!

Ob ihm das Leben zu einem hölzernen Löffel einen goldenen Napf unter die Nase schob, ob es ihm einen goldenen Löffel in die Hand gab und einen irdenen Napf auf den Tisch schob (was ihm auch passiert ist), es blieb ein und dasselbe, da er auch ein und derselbe blieb, nämlich derselbe ewig unberechenbare odd fellow des Vogelsangs – who had no harm in him and who had parts if he would use them, wie man in Cambridge von einem ähnlichen Menschen sagte, der es nach der Meinung der Vernünftigen in der Welt gleichfalls zu wenig mehr als zu einem schlimmen Ende brachte. Da er nur sich selber schadete, ging es ja aber auch eigentlich keinen was an, in welcher Weise er sich seiner Fähigkeiten bediente. –

»Es ist und bleibt eben der dumme Tropf aus Eurem Märchenbuche, der Hans im Glück. Vom Pferd auf den Elefanten, vom Elefanten auf den Esel und so abwechselnd, bis er endlich einmal auf platter Erde auf dem Rücken liegenbleiben wird«, schrieb mir mein Vater um diese Zeit. »Die Avancen, die ihm sein Zufallrettungswerk in der hiesigen besten Gesellschaft in die Hand gab, hat er richtig wieder verspielt. Wie auf unserm Büro erzählt wurde, haben Durchlaucht zu dem Herrn Vater Eures unter das Eis geratenen Schulfreundes längst bemerken müssen: ›Schade um den jungen Mann; ich würde ihn gern im Auge behalten haben.‹ – Mein einziger Trost ist, daß Du, mein Sohn, wenigstens fürs erste seinem verderblichen Einfluß aus dem Wege gerückt bist. Ob er demnächst sein Examen bestehen wird, weiß der liebe Himmel. Wenn nicht, was dann mit ihm? frage ich Dich!« ...

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