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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Und doch! Mit welchem Verdruß, Trotz und mehr oder weniger deutlichen Widerstreben habe ich zu jenen Zeiten, da er noch mehr als eine Erinnerung war, jenen guten Griff erduldet! Und wie oft habe ich mich von ihm frei gemacht und bin mit den beiden anderen durchgegangen im Vogelsange in den Vogelsang und auf den Osterberg, aus der Niederung zu den Höhen, aus dem Alltag in den Sonntag, aus der griechischen und lateinischen Grammatik in die Tausendundeine Nacht, aus Vegas Logarithmen, aus der Mathematik und Arithmetik in die wirkliche Idealität von Zeit und Raum, in das raum- und zeitlose Jugendphantasiereich von Velten Andres und Helene Trotzendorff!

Auf dem Osterberge waren wir auch wieder alle drei zusammen an jenem Abend, der auf den eben beschriebenen stürmischen Familien- und Nachbarschaftssonntagnachmittag folgte. Die zwei anderen, wie gewohnt, ihre eigenen Wege gehend, ich verstohlen etwas später einem verstohlenen Wink und Zeichen Veltens folgend. Der Wald war selbst damals schon dort oben von ziemlich wohlgehaltenen Pfaden durchschnitten, wie man sie heute in den Bädern als »Promenadenwege« kennt. Hier und da hatte sogar schon irgendein Naturliebhaber und Wohltäter der Menschheit eine Bank aufgestellt, die meisten in das Gehölz und Gebüsch hinein, doch eine oder zwei auch an den Rand des Hügels mit dem Blick ins Tal und auf die liebe Heimatstadt und Hochfürstliche Residenz, halb in diesem Tale und halb im offenen Lande.

Auf dieser Bank am Waldrande im tiefsten Frieden der Natur fand ich auch diesmal die beiden ärgsten Störenfriede des Vogelsangs, den Sünder in die eine Ecke gedrückt, die Sünderin in die andere, so daß in der Mitte vollkommen Raum für mich, den guten Freund, übrigblieb. Da Neumond im Kalender stand, so war der Abend ziemlich dunkel. Die vereinzelten Sterne oben zählten nicht; nur die Lichter der Stadt in der Tiefe und die Gaslaternen ihrer Straßen und Plätze gaben einen bemerkenswerten Schein. Im fürstlichen Schloß schien »irgendwas los zu sein«, denn das leuchtete sogar sehr hell in die warme Sommernacht hinein und zu dem Osterberge empor. Im Walde war es still; wildes Getier, das nächtlicherweile in ihm aufgewacht wäre und sich bemerkbar gemacht hätte, gab's nicht mehr drin; die Fledermäuse, die ihre Kreise um uns zogen, zählten nicht; ihre weichen Fittiche störten den Frieden der Natur nicht. Nur vom Bahnhof her dann und wann das Pfeifen und Zischen einer Lokomotive, und aus den drei Bier- und Konzertgärten der letzte Wiener Walzer, der Einzugsmarsch aus dem Tannhäuser und der Hohenfriedberger harmonisch ineinanderdudelnd und den Abendfrieden hier oben wenig störend.

»So! Da sitzt ihr wieder!«

»Jawohl; und Gott sei Dank, frommer Sohn Karl, daß auch du noch da bist, Tugendbold! Keine fünf Minuten hätte ich es mit dem Mädchen da länger allein hier ausgehalten. So 'ne ganz verrückte Prise! Ist der das Gezeter, Gezerr, Geplärr und Geplapper da unten zu Hause auf die Nerven gefallen! Jawohl, dich brauchen wir grade recht notwendig, Krumhardt. Da ich mit meiner Mutter nicht gegen sie ankomme, so rücke du ihr noch einmal mit deinem Herrn Vater auf den Leib und kratze deinen eigenen Verstandskasten aus, um ihr Vernunft zu sprechen. Da haben unsere Mütter – ich meine meine und ihre – eine saubere Pflanze großgezogen. Höre sie nur, höre sie nur, Krumhardt! Ja, leg nur los, Elly – Miß Ellen Trotzendorff: die Nachbarschaft im Vogelsang ist ganz Ohr!«

»Wäre deine Mutter nicht, Velten, so könnte ich dich – könnte ich dich –«

»Erdrosseln, erwürgen, vergiften, mir jedenfalls mit beiden Krallen in die Haare fallen und beide Fäuste voll Skalp bergunter nach Hause rennen. Da, greif zu und zieh mir die Kopfhaut ab, Mamsell Squaw, und das übrige Fell meinetwegen mit. Mir liegt nichts dran.«

Es war die höchste Zeit, daß ich mich zwischen sie setzte, denn Helenchen war vollkommen bereit, von der Erlaubnis, die ihr da eben gegeben wurde, Gebrauch zu machen. Ihr bester Kamerad im Vogelsang hatte ihr wirklich seinen Strubbelkopf zu beliebigem Verfahren hingehalten; nun aber sprang sie doch nur auf von der Bank und stand vor uns am Rande des Osterberges und streckte uns die Faust zu und schnuckte und schluchzte zwischen den zusammengeklemmten Zähnen durch:

»Und ich glaube doch an meinen Vater! Ihr mögt alle sagen, was ihr wollt. Ihr könnt die Nasen verziehen und rümpfen, ihr könnt den Kopf schütteln, und ihr könnt meiner Mama Sottisen sagen, wie ihr wollt: ich glaube ihr doch, meiner Mama! Ich glaube doch an meinen armen Vater, er mag sein, wie er will! Und was könnt ihr hier im Vogelsang von ihm wissen? Ich, die ich als bloßes Wickelkind hierhergebracht worden bin, weiß doch noch mehr von der wirklichen Welt als ihr alle – deine Mutter ausgenommen, Velten. Aber die ist auch eine Märchenkönigin – eine viel höhere als die da unten, die kleine Durchlaucht da in ihrem lächerlichen Residenzschloß da unten! Das sind ihre Fenster – seht ihr, und so sollen meine Spiegelscheiben auch noch einmal leuchten, und noch viel heller! Deine Mutter braucht keine Kronleuchter über sich und keine türkischen Teppiche, und wäre sie meine Mutter und ich ihr Kind, so wollte ich auch nichts davon. Aber jetzt bin ich meines Vaters und meiner Mutter Kind und eine freie Republikanerin und Amerikanerin, und ich glaube an meinen Vater und werde auch meine Salons haben und Bediente, schwarze und weiße, Kammerfrauen und hohe Fenster, Kronleuchter und Teppiche und Reitpferde und Wagen und meine Loge im Theater und alles andere! Ja, und nun geh nur hin, Velten, und sage es deiner Mutter, was ich gesagt habe, und daß alle ihre Güte und Lehre an mich weggeworfen gewesen ist; aber sage ihr auch, daß ich so schreien muß, ich weiß nicht was, nur weil ihr alle, alle mich dazu getrieben habt, jeder auf seine Art. Ach Gott, was bin ich für ein armes Mädchen und so unglücklich in der Welt!« ...

Vor einem Jahre noch würde Velten Andres, kreischend vor Vergnügen ob dieses »himmlischen Witzes«, dieser »ausgezeichneten Komödie«, sich auf den Kopf vor der Bank auf dem Osterberge gestellt haben. Jetzt war dem schon nicht mehr so. Er lachte nicht mehr, sprang nicht mehr auf, sondern blieb ruhig auf seinem Platz auf unserer Bank, aber faßte mich mit noch fast schärferm Griff als mein Vater am Arm und sagte, auch zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch:

»Nun höre sie, Besterzogener, Treuestbehüteter, Verständigster und Vernünftigster unserer ganzen Blase – ich meine nicht die herzogliche Residenzstadt – da unten: was kann der Vogelsang, meine Mutter und dein Vater, was – kann ich noch dazu tun, um in diesem Mücken-, dem Nachtschmetterlingshirnkasten Ordnung zu stiften? Also – vivat natürlich der Papa Trotzendorff mit allen seinen schönen Aussichten für sich, für Lenchen und unsere Allerschlaueste und Beste, Lenchens Mama! Aber ungefangene Fische kann man nicht braten, sagte schon der weise Kikero im vollen Senat zu meinem lieben Freunde Katilina; also – verrücktes Herze, an deiner Stelle setzte ich mich doch fürs erste mal wieder ruhig da auf die Bank neben den braven Karl. Was? Du willst nicht? Habe ich mich etwa heute noch nicht genug geärgert? Guck einer, wie der Mieze die Augen im Dunkeln leuchten! Was? Nun wohl am liebsten in den hiesigen Urwald hinein oder kopfüber kopfunter bergab nach Hartlebens Anwesen und nach Hause? Na, denn meinetwegen noch mal die Hände aus den Hosentaschen! Da kann ich meine Pauke an dich und die Welt auch stehend halten. Na, Wurm?«

Nun war er doch, nicht aufgesprungen, sondern langsam aufgestanden, und sie duckte sich wirklich vor ihm, ohne daß er sie an den Schultern niederzudrücken brauchte und setzte sich mit dem Worte »Hansnarr!« auf der Bank an meiner Seite wieder fest hin. Er aber stand und redete seinerseits seinen Unsinn in den Sommerabend hinein, wie mein Vater sich ganz gewiß ausgedrückt haben würde.

»Recht hat sie eigentlich, Krumhardt. Ein fideler Nachmittag war's, und zwar sehr auf ihre Kosten. Aber habe ich nicht mit ihr auf demselben Rost gelegen, während die liebe Verwandtschaft und gute Nachbarschaft die Kohlen unter uns schürte? Um den zehnten August herum sind wir auch. Da ist wieder eine! Ihr habt doch für nichts Augen! Die Tränen des heiligen Laurentius, Krumhardt; wie du aus der Schule besser wissen solltest als ich! Selbst der Himmel schnuppt sich uns zuliebe. Noch eine! Wer soll denn da keine Wünsche haben, wenn ihm das ganze Firmament Gewährung winkt? Bloß aufpassen, Miez, daß der Wunsch mit dem Fallen der Sternschnuppe stimmt: nachher ist alles in Richtigkeit, als ob die Weltregierung, der Vogelsang mit, Hand und Siegel dazu gegeben und dein Vater, Krumhardt, die Registratur in der himmlischen Kanzlei besorgt hätte.«

»Laß endlich mal meinen Vater aus dem Spiel, Andres!«

»Warum denn? Sage ich denn etwa gegen den was? Gar nichts! Ist er nicht etwa auch heute nachmittag wieder der einzige gewesen, der ganz und gar recht hatte und wußte, was er wollte? Da nehme ich selbst meine Mutter nicht aus, denn ein Frauenzimmer bleibt doch auch die. Ja, Elly, das ist eben unser Jammer, daß wir zwei doch nur von unseren Müttern erzogen worden sind. Wie die Flügelengel haben sie uns unter beiden Armen und wollen uns mit in die Höhe nehmen, jede auf ihre Weise; und wenn dein Vater, Krumhardt, es auf seine Weise mit dir ebenso machen will und auch uns aus guter Nachbarschaft gern an den Beinen auf dem richtigen Erdboden festhalten möchte: wer hat was dagegen einzuwenden? Ich wahrhaftig nicht – noch dazu so nahe vor dem Abiturientenexamen ... da schnuppt sich wieder einer! Na, was hast du dir eben gedacht und gewünscht, Karlchen?«

Ich konnte es nicht leugnen, mit dem Wort waren in demselben Moment alle meine Gedanken und Wünsche bei diesem Examen gewesen –

»Du kommst durch!« lachte Velten. »Mit Eins A natürlich! Selbstverständlich erlebt nicht bloß dein Vater, sondern auch deine Mutter diese Ehre an dir. Aber nun du, Mädchen, woran hast du gedacht und was hast du dir gewünscht, als dieser Stern fiel?«

»Ich habe ihn gar nicht gesehen. Aber das ist auch einerlei. Für mich mögen so viele fallen, als sie wollen, ich wünsche wie immer nur eines: daß es für mich wieder so wird, wie ich es drüben gehabt habe in Amerika als kleines Kind, ehe ich hier im Vogelsang ins Elend gebracht wurde, ehe meine Mama mit mir auf dem Arme zu euch hier im Vogelsang ins Elend kam.«

»Du kriegst deinen Wunsch – da fiel eine!« jauchzte Velten. »Na, was sagst du nun, Krumhardt? ... Also nur weiter, du verunglückter Paradiesvogel, verflogener Tropenengel«, brummte er dann. »So? Das ist also das Resultat aus deinen Studien im Hey und Speckter und bei Mutter Andres und ihrem Sohn Velten:

Dick fällt der Schnee, der Wind geht kalt,
Habe kein Futter, erfriere bald.
Lieben Leute, o laßt mich ein.
Will auch immer recht artig sein!

Was? Schwarz sollten wir uns hier auch wohl noch färben, der brave Karl Krumhardt und der böse Velten Andres, um dir deine verflossenen Livreenigger ganz zu ersetzen? Und dabei soll dein Vater nicht wütend werden, Krumhardt, und meine Mutter noch immer ein und aus wissen in diesem ihrem sogenannten Kindergemüte? Na, da möchte ich wahrhaftig, der Papa Trotzendorff hätte denn bald wirklich mal wieder das Glück, was er verdient, und käme erster Kajüte und holte dich vierspännig, mit allem, was an dir hängt, wieder weg. Mir – wollte ich sagen Hartleben kann es ja einerlei sein. Meine Mutter – da schnuppt sich wieder einer!«

Von neuem ist Helene Trotzendorff aufgesprungen; jetzt aber bitterlich und zornig weinend. Sie schreit ihren besten Freund aus der Nachbarschaft fast an, mit dem Fuße aufstampfend:

»Ich sage dir wie Karl: laß unsere Väter zufrieden! Was ich an deiner Mutter gehabt habe in eurem Vogelsang und wie lieb und gut sie ist, das weiß ich wohl und brauchst du mir wirklich nicht vorzurechnen. Und mit deinen albernen Sternschnuppen – ja was hast du dir denn bei der letzten gedacht? Bist du besser und vernünftiger mit deinen Wünschen gewesen als ich? Dich kenne ich doch, du Phantast! Jawohl, da hat der Herr Oberregierungssekretär ganz recht, wenn er dich so nennt – wenn er dich einen Phantasten und Seiltänzer nennt und dir prophezeit, daß du noch mal den Hals brechen wirst, einerlei, ob du jetzt dein Schulexamen bestehst oder nicht, einerlei, ob du Schuster, Schneider, Ministerexzellenz oder Alexander der Große werden willst. Von dir lasse ich mir eure Wohltaten im Vogelsang am allerwenigsten vorrücken. Da, da fiel wieder eine, und jetzt habe ich mir gedacht: Oh, wenn du dem einmal zu Hause, das heißt drüben über dem Meer, bei uns zu Hause alles vergelten könntest, was er und der Vogelsang und seine liebe Mutter und alle hier an uns getan haben.«

»Du, die fiel, ehe du den Wunsch hattest!« sagte Velten.

»So? Dann wünsche du dir meinetwegen bei der nächsten Schnuppe, was du willst; ich habe für heute mal wieder genug von euren hiesigen Dummheiten und gehe nach Hause.«

»Dem seligen Diogenes seine Tonne wünsche ich mir«, lachte Velten Andres. »Den Heckepfennig, den Däumling und das Tellertuch der Rolandsknappen, den Knüppel-aus-dem-Sack, das Vergnügen, Persepolis in Brand zu stecken, und ein friedliches Ende auf Salas y Gomez. Fallet, ihr Sterne, und winket Gewährung! Übrigens habe auch ich für heute abend genug des Blödsinns. Also:

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?«

Sie machte eine Faust und holte wie zum Schlage aus, drückte ihm aber doch nur diese geballte kleine Hand auf die Stirn:

»Du bist und bleibst ein ganz alberner Peter, Velten. Komm, Karl; meinetwegen mag er sich in seine Tonne stecken und sich den Osterberg allein herunterrollen – meinetwegen über eure ganze Stadt und den Vogelsang weg.«

»Da fiel eine!« lachte Velten Andres. »Der Wunsch gilt!«

Sie schlug die Hand weg, die er ihr doch bot; er aber zog ihren Arm doch unter den seinigen:

»Nun aber im Ernst, mach ein Ende mit dem Unsinn. Heute ist der Wagen mit den silbernen Laternen für das gnädige Fräulein gottlob noch nicht vorgefahren; und das Gequiek und Gezeter von neulich unter der Armenmannsbuche, wo jemand erst mit der lächerlichen Schleppe am Busch hängen blieb, um sodann über dem Wurzelwerk sich auf die Nase zu legen und nach seinem besten Velten um Hülfe zu schreien, will ich nicht wieder haben. O Tränen des heiligen Laurentius, sie werden uns da unten vor Schlafengehen noch einmal schön die Leviten lesen! Da freue ich mich schon auf meine Mutter.«

»Deine Mutter ist viel zu gut für dich!« rief Miß Ellen, noch einmal mit dem Ärmel über die Augen fahrend, der letzten Zornestränen wegen.

»Jawohl, da hast du zum erstenmal heute abend recht«, sagte Velten. »Von der Scheußlichkeit der Menschheit hat sie nur sehr dunkele Begriffe, und ich tue deshalb auch mein möglichstes, ihr nach und nach klarere beizubringen.«

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