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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Dieser Sommer-Sonntagnachmittag, der eigentlich ganz gemütlich und vogelsangmäßig angefangen hatte, ging wieder einmal recht unbehaglich zu Ende. Die Nachbarin Trotzendorff irrte sich doch sehr, wenn sie meinte, meinen Vater durch ihre unvermutete Hinweisung und den Angriff auf den armen guten Velten ganz für ihre sonstigen Anschauungen, sowie überhaupt ihre Lebensanschauung gewonnen zu haben. Es war dem ernsten, würdigen Herrn manches nicht recht an meinem besten Freunde, aber eigentlich gar nichts an Mistreß Agathe Trotzendorff und gar an Mr. Charles Trotzendorff.

Nun, was den letztern anbetraf, so genügte fast immer eine wegschleudernde Handbewegung und eine lang hingeblasene Tabakswolke, um den vollkommen und für immer aus Raum, Zeit und Kausalität für den Obergerichtssekretär Krumhardt hinauszuweisen.

Da er dazu aufgefordert worden ist, so nimmt er das Wort, mein seliger Vater, und sagt der Nachbarin Agathe seine Meinung, gibt sie vor der gesamten Freundschaft umher zu Protokoll. Ohne im geringsten wegen Injurien belangt werden zu können, erklärt er sie für die albernste, unzurechnungsfähigste Gans, die jemals dem Vogelsang durch ihr Gegacker und Geschnatter die Harmonie gestört habe. Wie er selbst meinetwegen wohl seine Hoffnungen hat, aber sich keine Illusionen macht, so sind ihm Illusionen der Nebenmenschen vollkommen unerfindlich und also auch unbegreiflich. Obgleich er selber die mehr oder weniger spärlich aus Amerika einlaufenden Banknoten und Wechsel zu deutschem Gelde zu machen hat, glaubt er doch im Grunde an sie nie recht und hat immer das Gefühl, der transatlantische Telegraph sei ihm bei dem Bankier mit dem einheimischen Staatsanwalt zuvorgekommen, und zwar in lakedämonischer Kürze durch das eine Wort: Schwindel! Er ist ein eifriger Zeitungsleser und weiß, daß merkwürdige Sachen in der Welt vorkommen und merkwürdige Leute ein kurioses Glück haben, nicht bloß in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, sondern auch im deutschen Vaterlande; aber an seinen alten Schulbankgenossen Charley Trotzendorff glaubt er weder im deutschen Vaterlande noch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es gibt auch Illusionen der Verneinung. Sie nehmen überhaupt wunderliche Formen und Farben an, unsere – Täuschungen im Dasein auf dieser Erde. –

Wie deutlich die verstörte Gruppe in der Gartenlaube mir heute noch vor Augen steht! Mistreß Trotzendorff in kindischen Tränen, Helene in trotzigen; meine Mutter in verhaltenen, verlegenen, aber ganz und in allem der »Ansicht des Vaters«. Freund Velten mit einem zugekniffenen und einem nach Miß Ellen hinüberblinzelnden Auge und überhaupt einem Gesicht wie: »Herr Gott, wozu dein schönes Wetter und deine angenehme Welt, wenn keiner was damit anzufangen weiß?« – und die einzige auch jetzt dem Vogelsang vollkommen Gewachsene, »unsere Amalie«, seine Mutter, Nachbar Hartlebens Frau Doktern – die Frau Doktorin Amalie Andres! –

Im Grunde ist sie doch die einzige von allen, vor der auch mein Vater Respekt hat und auf die er hört, wenn er das Wort genommen hat und sie es nach ihm nimmt, trotzdem er als »Familienfreund« auch ihr gegenüber das Wort: »Unzurechnungsfähiges Frauenzimmervolk« oft genug hinter den Zähnen brummt. Und sie sagt jetzt, »ihr« Kind – nicht ihren »dummen Jungen«, sondern die »arme Kleine von drüben überm Weg und überm Weltmeer« zu sich heranziehend:

»Lieber Nachbar Krumhardt, ich bitte! – Aber ihr Leutchen, was seid ihr für ein Volk! Wie soll sich denn unsereins hier durchfinden, wenn jeder rundum recht hat von seinem Standpunkt aus? Beste Agathe, was hätte ich wohl, und der arme Velten, diese letzten langen, traurigen Jahre ohne den verständigen, treuen Freund unserer Familie, ohne unsern Familienfreund anfangen sollen? Und wie undankbar sind wir oft gewesen! Wie oft haben wir es besser verstehen wollen als er! Ja, Nachbar Krumhardt, das ist nun eben Ihr Schicksal, daß Sie in eine solche Gesellschaft von Phantasiemenschen gesetzt worden sind und Geduld haben müssen. Wie oft habe ich mir in schlaflosen Nächten vorgehalten: im Grunde bist du die Allerschlimmste, Amalie! Selbst Agathe Trotzendorff fährt nicht so närrisch wie du auf den Wolken und ihren Hirngespinsten über den Vogelsang im blauen Himmel umher. Da habe ich denn wohl nach Entschuldigungen gesucht und die beste nur auf unserm Kirchhofe gefunden: Hätte der Liebe da, der dort unter seinem grünen Hügel liegt, dich nicht so sehr verzogen und mit sich in die Höhe gezogen, so möchtest du ja auch wohl vernünftiger und verständiger in den tagtäglichen Dingen und Angelegenheiten sein und deinen Velten besser erziehen und dem Herrn Oberregierungssekretär weniger Verdruß machen können. Sehen Sie, bester Nachbar, und diese Entschuldigung hat dann grade das Gegenteil von meiner und Veltens Besserung bewirkt. Ich habe mir verhältnismäßig glückliche Tränen abgetrocknet und bin doch mit besserm Gewissen auf meinem Kopfkissen eingeschlafen, als ich mich drauf hingelegt hatte. Und weil wir denn hier plötzlich so in eine allgemeine Beichte hineingeraten sind, so kann ich nur sagen, daß ich am andern Tage nach jeder solchen Gewissensbißnacht stets die allermöglichsten und Ihnen verdrießlichsten Einwendungen gegen Sie hatte, bester, teurer Freund – und wie gesagt, so haben Sie eben mit uns Geduld haben müssen, diese letzten schweren Jahre durch, wo Sie unsere einzige treue, sorgliche männliche Stütze in der nahen Nachbarschaft und der weiten Welt waren, Herr Nachbar. Sie schütteln den Kopf, weil ich hier so in den schönen Sonntagsabend hineinschwatze, und ich bin noch nicht fertig, sondern komme jetzt auf Agathe. Ja, Nachbar, da sehen Sie mich nur an: gegen die habe ich die nämliche vergebliche treue Familienfreundsrolle gespielt wie Sie gegen mich. Wie habe ich der, in Ihrem Sinne, Herr Nachbar, Vernunft gesprochen, ohne das geringste auszurichten. Eben noch, wie Sie selber von hier aus gehört haben. Und das Resultat? Wie immer! Wie ich gegen Sie, Herr Regierungssekretär: halb Tränenflut, halb zehn ausgespreizte arme, wehrlose, dumme Weiberkrallen! Gradeso wie ich! Nur ein kleiner, ganz kleiner Unterschied: sie sucht immer noch ein Glück, welches es doch nicht gibt; ich will nur aus angeborener Schwäche und Ängstlichkeit mir manchmal nicht gern eine erträgliche Stunde verderben lassen. O ja, auch deshalb wäre es für uns beide Frauen wohl besser, wenn ich meinen Velten von Hause wegschickte und ihr ihr liebes Kind auch genommen würde, um unter bessere Zucht und strengere Obhut zu kommen, als sie, und ein bißchen auch ich, leisten können. Aber sie will ihre Helene für den lebenden Vater bei sich aufbewahren, und ich frage mich bei allem: was würde Valentin dazu sagen? Was würde der tote Vater zu dir und deinem Velten sagen? Und das nimmt mir auch gegen Agathe alle Waffen aus der Hand. Ja, schütteln Sie nur den Kopf, Nachbar; Sie haben vollkommen recht: wir bedürfen eines Vormunds, auch wo, oder besonders wo, wie in unserm Fall, unsere Kinder und unsere Männer für uns armen Weibsleute mit im Spiel sind. Freilich ist's kein dankbares Geschäft, grade da den Vormund spielen zu müssen! Leider wissen Sie das auch mir gegenüber aus tausendfacher Erfahrung, Nachbar Krumhardt; also« – und so weiter, und so weiter noch eine geraume Weile.

Aber mein Vater hielt sich auch schon seit einer geraumen Weile den Kopf mit beiden Händen, um nicht zu sagen: mit beiden Händen die Ohren zu. Was sie sagen wollte, die Frau Doktorin Amalie Andres, wußte er wohl; jedoch wie sie es herausbrachte, das ging ihm doch über die Bäume, nicht nur seines Hausgartens, sondern auch des ganzen Vogelsangs. Und noch dazu in Gegenwart der Kinder – der Unmündigen – dieses jungen Volkes, dem da eine saubere Heckenpredigt gehalten wurde, auf die es sich freilich bei jeder nachfolgenden Lebenstorheit und Nichtsnutzigkeit berufen konnte.

Man brauchte da nur den Schlingel, den Velten, anzusehen, wie der, nach außen mit dem komödiantenhaftesten Armesündergesicht, nach innen hinein seine »gloriose Alte« herzte und küßte und den ernsten, treumeinenden Familienfreund zum Narren und für einen Narren hielt.

Und dann gar die verzogene Krabbe der entmündigungsreifen Amerikanerin aus dem Vogelsang! Dies junge Ding, das Hartleben heute mit der Peitsche aus seinem Lieblingsbirnenbaum herunterholen wollte, um ihm morgen den Korb mit der ganzen Ernte und einem Blumenstrauß drauf persönlich ins Dachstübchen auf seinem Anwesen hinaufzutragen! Diese »kleine Affe«, die einen selbst in diesen jungen Jahren zur Verzweiflung bringen konnte mit ihren angeborenen »Allüren« und den aus allem, was nichtsnutzig im Leben war, zugelernten; gleichviel ob es mütterliche Erziehung, Modenzeitung, Leihbibliothekslektüre oder Herumtreiberei mit allen jungen Taugenichtsen des Vogelsangs in Wald und Feld hieß! – –

Ich habe diesen einen Sonntagnachmittag von vielen hunderten seinesgleichen, und nicht bloß im Sommer, sondern auch in jeder andern Jahreszeit, wenn nicht aktenmäßig, so doch aus den Akten so deutlich und farbenfrisch als möglich zu Papier gebracht. Es erübrigte mir also nur noch, auch zu schildern, wie mein Vater all das Seinige: Pfeife, Tabakskasten, Zeitung, Amtsblatt an sich nahm und immer als ein durch Weiberlärm, Dummheit, Gezeter betäubter, durch feuchte Taschentücher und trockenste Albernheit aus jedwedem Konzept gebrachter Familienvater, Familienfreund und wohlmeinender Nachbar im Sommer die Gartenlaube, im Winter die Familienstube hinter sich ließ und sich in sein Reich, eine Treppe hoch, zurückzog und mich gewöhnlich mit sich nahm. Ich verzichte drauf; aber seinen Griff verspüre ich heute noch am Oberarm, wie ich mich in diesem düstern Wind- und Reifmond, mit Mistreß Mungos Brief vor mir, in jene doch so unschuldige, glückselige, sonnedurchleuchtete Zeit zurückdenke. Dann aber sehe ich auch zu dem Bilde des alten Herrn über meinem Schreibtisch unter einigen Gewissensbissen auf und – möchte das Nachgefühl seiner grimmigen, aber treuen Faust an meinem Arm wahrlich nicht missen, auch durch mein ganzes ferneres Leben.

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