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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Die Sonne geht um diese Jahreszeit gegen halb fünf Uhr unter. Die breiten Straßen, die großen Plätze der Stadt lagen noch in ihrem Lichte; in dem Stübchen der Frau Fechtmeisterin Feucht war es merkwürdigerweise noch hell, das Stückchen Himmelszelt vor dem Fenster für den Novembernachmittag lichtblau und wolkenfrei wie am schönsten Sommermorgen. Wohl ein Vierteljahrhundert war hingegangen, seit ich zum erstenmal zwischen diesen vier Wänden gestanden und verwundert umher und von der Bewohnerin auf die Wände gestarrt hatte. Nun stand ich wieder so; – während in den langen Jahren um mich her nichts an seinem Platze geblieben war, hatte sich hier nichts verändert. Die Zeit, die mit so leiser, sanfter Hand über die Stirn der kleinen, greisen Elfin gestrichen hatte, hatte auch in ihrer Umgebung nichts von der Stelle gerückt, nichts in den Winkel geworfen, nichts unter den Auktionshammer gebracht, nichts – in den Ofen geschoben. Die Frau Fechtmeisterin Feucht allein von uns allen hatte ihr Eigentum noch vollständig beisammen, und da stand sie nun wie damals mit dem Strickzeug in den Händen und dem Garnknäul unter der Achsel und deutete plötzlich um sich herum auf ihre Waffentrophäen und die ungezählten Schattenbilder vergangener Burschenherrlichkeit und seufzte:

»Weshalb mußte der, an den ich von euch allen als den Letzten mein ganzes Herz gehängt hatte, mir so was zuleide tun? Setzen Sie sich, Herr Oberregierungsrat.«

Da saß sie mir wieder gegenüber, am Fenster wie die Frau Doktern im Vogelsang, in ihrem Korbstuhl und mit ihrem Strickzeug, aber diesmal Gespinste und Knäul im Schoße, und sagte:

»Er hat drüben – jetzt bei der Frau Mungo, einen Vers über sich an die Wand geschrieben, den können Sie nachher lesen; jetzt aber muß ich es erst von der Seele los sein, was ich mit ihm erlebt habe – ich, das alte, alte Weib, mit dem Kinde, ja mit diesem Kinde, dem jungen Menschen!«

Sie hatte bei ihren Jahren wohl recht, so von Velten Andres und auch von uns anderen als Kindern zu reden, und sie sprach auch wie eine märchenerzählende Großmutter in der Dämmerstunde: ich konnte nur sitzen und hören.

»Was meinen Sie wohl, wie Ihnen zumute wird, Herr Oberregierungsrat, wenn plötzlich so ein unbekannter alter Mensch vor Ihnen steht und fragt: ›Frau Fechtmeisterin, nehmen Sie immer noch dumme Jungen in Kost und Logis?‹ und dann Ihnen sagt: ›Ich bin der und der!‹ und Sie nachher nur sagen können: ›Ja, Kind, dann komm herein!‹?«

Sie erwartete natürlich keine Antwort auf die Frage, sondern fuhr mit der Hand auf meinem Knie fort:

»Ich vergesse den Tag in meinem Leben nicht. Es ist am letzten fünfzehnten Juni gewesen, am Nachmittage, so um diese Tageszeit, wo es bei mir klingelt, und ich frage, mit wem ich die Ehre habe, und der Besuch sagt: ›Ich bin der Studiosus der Weltweisheit Velten Andres, wissen Sie, Frau Fechtmeisterin, und da Ihr Zettel noch immer aushängt und meine alte Bude zufällig frei ist, möchte ich sie noch einmal wiederhaben.‹ – Herr Oberregierungsrat, wenn ein Gespenst Sie am hellen, lichten Tage auf die Schulter klopft und Ihnen einen Namen wie vom Kirchhof her nennt, können Sie nicht heller als wie ich schreien: ›Was wollen Sie? Wer wollen Sie sein?‹ Eine gute halbe Stunde hat's gedauert, ehe ich mich in ihn, meinen Schlimmsten und meinen Besten, gefunden und mich noch mal über den lieben Gott gewundert habe, daß er mich auch dieses noch bei Lebenskräften und gesunden Verstandessinnen erleben lassen will. Seine Zeit wollte es freilich haben, bis ich mir aus dem gegenwärtigen Spuk meinen alten, lieben Sohn von damals herausgeholt hatte und an ihn glauben konnte. Nicht daß er, mein Velten, etwa wie ein Spuk ausgesehen hätte; nein, ganz respektabel grau, nur mit ein bißchen zuviel Haut und zuwenig Fleisch auf den Knochen und müde, Herr Oberregierungsrat! Müde, müde! Wie einer, der seit einem Menschenalter nicht von den Füßen gekommen ist! Todmüde von seinem Wege durch sein junges Leben! Natürlich nötige ich ihn denn aufs Sofa, und da sitzt er und sagt nichts, aber lacht; und das, Herr, das Lachen hat meinem letzten Zweifel ein Ende machen müssen. ›Menschenmöglich ist es ja nicht; aber Ihre Stube ist frei, Velten‹, habe ich gesagt. ›Soll ich nach Ihrem Gepäck schicken, oder wollen Sie es selber holen – ich weiß nicht, woher!?‹ – ›Ja, das weiß ich auch nicht!‹ lacht er mich wieder an und reicht mir über den Tisch da seine Brieftasche. ›Meine Papiere für die Polizei und die Miete wie schicklich pränumerando; behalten Sie gleich den ganzen Bettel, ich gehe heute früh zu Bette.‹ – ›Und keine Wäsche? Und keine Bücher?‹ – ›Nichts!‹ – ›O du lieber, lieber Gott, so kommen Sie zu der Fechtmeisterin Feucht zurück?‹ – ›So!‹ sagt er nur und reicht mir über den Tisch die Hand, und ich fühle wohl, daß die ein bißchen fieberisch ist; aber meine ist ja desto kälter, und so fasse ich fest zu und rufe: ›Ja, wenn das so ist, bleibst du natürlich bei mir. Es ist zwar spät am Tage für mich; aber für einen langt's wohl noch. Dich füttere und flicke ich mit unseres Herrgotts Hülfe noch heraus!‹ Jaja, Herr Oberregierungsrat, in dem Augenblicke habe ich den Mann du genannt, als hätte ich ihn wie ein Kind auf dem Arme! Daß das nicht so war, konnte ich damals ja noch nicht wissen. Aber drüben sitzt die Frau auf seinem leeren Bett; ich darf Sie wirklich nicht zu lange aufhalten hier bei mir, Herr Krumhardt; Sie sind nebenan wohl nötiger. Also kurz: er hat sein letztes halbes Jahr bei mir zugebracht und ist bei mir gestorben. Mühe hat er mir nicht gemacht und Unkosten auch nicht; aber (und hier leuchteten die Augen der fast Neunzigjährigen wie die eines greisen Feldherrn über ein Schlachtfeld) Freude hat er mir auch jetzt wieder gemacht: er war doch der Närrischste, aber auch der Tapferste von euch allen. Schade, daß er zu feine Nerven mitbekommen hatte und so, so, so sein Leben führen und so, so zum Ende kommen mußte, wenn er nicht als euer aller Narr oder im Irrenhause zugrunde gehen wollte.«

»Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde«,

murmelte ich, bis ins Tiefste durch das ruhige Wort der verstandesklaren Greisin erschüttert.

»Das ist es, was er drüben mit Kohle an die Wand geschrieben hat. Nun sitzt die Frau Mungo davor und hält den Kopf mit beiden Händen darüber – das arme Ding. Als ob sie die Schuld davon trüge, daß euer Velten eigentumlos über und von der Erde gegangen ist! Was hilft es mir, daß ich der lieben Seele zurede: ›Du konntest nichts daran ändern, Herz‹; es mußte eben auch einmal einen solchen Egoisten zu euch anderen, wenn auch nur der Rarität wegen, in der Welt geben. In ein Kloster, wie meine liebe Leonie, konnte der nicht gehen. Mitleiden hat er wohl gehabt, aber ein barmherziger Bruder steckte nicht in ihm. Oh, wie die zwei sich zum erstenmal wiedersahen bei der Fechtmeisterin Feucht, die barmherzige Schwester aus dem Diakonissenhause am Rhein und dieser von allen Straßen der Welt, beide ohne Eigentum auf und an der Erde!«

»Leonie des Beaux und Velten Andres?« stammelte ich.

»Ja, die beiden auch. Sie erinnern sich der Zeit wohl, wo das Vorderhaus noch stand und wir alle, selbst ich, noch jung waren. Nun war es im September, und er hatte sich vollkommen bei mir eingerichtet, das heißt eigentlich ich ihm alles. Nicht aus meinem Geldbeutel: in seiner Brieftasche hat er genug Scheine aus aller möglichen Herren Ländern gehabt, daß ich ihm davon nicht bloß noch ein halb Dutzend Hemden, sondern auch alles übrige besorgen konnte – nach seinem jetzigen kuriosen Leben wohl noch auf Jahre hinaus. Auch in der Leihbibliothek hatte ich ihn abonnieren müssen; denn ausgegangen ist er kaum mehr – da entschuldigte er sich immer mit seinen kranken Füßen. Auf seinem alten Studentensofa und seinem Bett hat er gelegen und den lieben langen Tag und auch manchmal die Nacht durch gelesen, alles, was ihm einmal gefallen hat in seiner Kindheit und Jugend, und immer aus den alten, schmierigen, ekligen, zerrissenen Bänden von Olims Zeiten. Brachte ich ihm ein neues Exemplar, ließ er's liegen und meinte: ›Mutter Feucht, das ist das rechte nicht.‹ – Jaja, man konnte sich bei allem irgend etwas denken, aber man mußte sich wirklich sehr in seine Grillen und Schrullen hineinfinden. Und sehen Sie mal, Herr Oberregierungsrat, das ist jetzt denn auch wirklich mein Stolz und meine Freude, daß er mit denselbigen, ich meine die Schrullen und Grillen, nur bei mir eine Unterkunft gesucht hat. Ja, er ist freilich nicht der einzige von meinen alten Herren, dem gegenüber ich die Jüngere geblieben bin mit Gottes gnädigem Beistand. Aber da brauchen Sie nur auf die Straße hinauszugucken: wenn so eine von uns über ihre Jugendschwäche herausgekommen ist, da weiß sie schon ihren ihr vom Herrgott anbefohlenen Wackelkopf und Knickebein auch an der Linden- und Friedrichstraßenecke durchs Gewühl zu dirigieren. Überheben Sie sich ja nicht über Ihre liebe Frau unbekannterweise, Herr Krumhardt. Wenn Sie die jetzt gut behandeln und handhaben, tut die Ihnen vielleicht auch noch mal das gleiche.«

Der letzte Schein der Herbstsonne war längst von dem Stückchen Himmelszelt vor unserm Fenster gewichen; die Dämmerung kam rasch, und ich hätte gern hier das Protokoll abgekürzt; aber wenn wer jetzt was zu den Akten zu geben hatte, so war das doch die Frau Fechtmeisterin Feucht, und ich unterbrach sie nicht durch überflüssige Bemerkungen meinerseits, zumal sie selber sagte:

»Ich komme sofort auf die Hauptsache, Herr Oberregierungsrat, aber ihr Herz hat unsereine auch voll bei solcher Sache!«

Ich konnte, nachdem sie sich die Augen getrocknet hatte, nur die beiden lieben, tapferen Knochenhände fassen, in die sich Velten Andres zu seiner letzten Pflege gegeben hatte.

»Herrgott, wie habe ich dann seine und meine Stube voll gehabt von der vergangenen Zeit. Wie er es erfahren hat, daß sein Freund wieder da sei und im alten Quartier, weiß ich nicht; aber er war auch sofort da, der Herr Kommerzienrat, und was es dann für Szenen zwischen ihnen gegeben hat, davon weiß auch niemand zu erzählen als ich. Wie haben sie in Güte und mit Gewalt an ihm gezerrt und gezogen, daß er mit ihnen kommen sollte! Als wenn es bei dem jemals der Welt Pracht und Herrlichkeit getan hätte! Sein Behagen hat er wie alle anderen Leute durch sein Leben haben wollen, aber nur auf seine eigene, kuriose Art, und so hat er es zuletzt nur bei der Fechtmeisterin Feucht finden können. Und der Herrgott hat ihm Gnade dazu geschenkt; eigentlich so recht krank ist er gar nicht gewesen; sein Herz hat nicht mehr gewollt, haben dem Herrn Kommerzienrat seine Doktoren gesagt. Er ist auch gar nicht weiter vom Fleisch gefallen, sondern im Gegenteil. Er schob es auf seine Füße, daß er lieber lag als ging; aber die hätten wohl auch ausgehalten, wenn das dumme Herz gewollt hätte. Das hatte aber alles, alles aufgegeben und so auch seine Füße. Sehen Sie, Herr Oberregierungsrat, an meinem armen Velten habe ich erst als Neunzigjährige gelernt, daß es eine Dummheit ist, wenn man sagt: der Mensch braucht nur zu wollen. Dieser wilde Mensch konnte nicht mehr wollen, und so hätte ihn auch Schwester Leonie mit dem besten Willen nicht wieder auf die Füße stellen und in den Tumult draußen in unserer Dorotheenstraße stoßen können, selbst – wenn sie gewollt hätte! Aber wenn eine auch schon aus dem Menschenlärm heraus ist, so ist das meine Leonie, meine Leonie des Beaux! Sie ist zuerst mit ihrem Bruder gekommen; aber dann auch allein. – Oh, wenn ich an die alte Zeit in dem alten Vorderhause denke, wie schön sie war, ich meine meine Leonie, und wie schön sie spielte und ihre alten französischen Lieder sang und alles mitten in diesem Berlin wie ein fremdländisches Märchen war – oh! ... Aber nun war dies jetzt noch tausendmal mehr wie aus einer andern Welt heraus als wie das Frühere. Stellen Sie sie sich nur vor, die beiden, grade die beiden, die so wieder aus ihren jungen Tagen und Phantasien sich so wieder bei der Fechtmeisterin Feucht zusammenfinden mußten, und nichts mehr um sich und in sich von der Erde Herrlichkeit, und was sonst der Mensch zu seinem Wohlbehagen und seiner Freude als sein Eigentum um sich festhält und für es nicht bloß mit dem Schläger, sondern auch mit Mund, Hand und Herzen auf die Mensur tritt! Sehen Sie, Herr Oberregierungsrat, nacherzählen kann ich es nicht, aber verstanden und mitgefühlt habe ich, was da im letzten Monat zwischen diesen zwei Menschenkindern vorgegangen ist. Zusammen hätten die nie kommen können; aber sich darüber aussprechen, wie sie durchs Leben gekommen sind, das konnten sie und das haben sie getan und sind friedlich und ruhig voneinander geschieden – ganz ruhig, viel, viel ruhiger als damals im Vorderhause, wo sie das Leben noch vor sich hatten. Aber – großer Gott, das ist ja vollständig Nacht, und die arme Frau da drüben hat noch immer kein Licht!«

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