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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Welch eine Nachbarschaft! Jawohl, das war es, was trotz aller Warnungen und Drohungen, Aufregungen und Ärgernisse meines braven seligen Vaters mir den Vogelsang unter dem Osterberge bis heute noch zu einem Zauber macht, der mich dahin bannt, obgleich er so sehr, so ganz und gar recht hatte mit seinen Warnungen vor diesem Zauber. Bin ich nicht heute der einzige von uns dreien, der seine gesunden fünf Sinne exakt und werkmäßig beieinandergehalten und es nach bürgerlichen Begriffen (sehr wohl berechtigten!) zu einer soliden Existenz in der schwankenden Erdenwelt gebracht hat? Und hält mich dieser alte Zauber heute nicht mehr denn je – der Zauber der Nachbarschaft, trotzdem daß Velten Andres und Helene Trotzendorff auf anderen Wegen und, nach unseren bürgerlichen Begriffen, verlorengegangen sind in der Welt und die Welt nicht gewonnen haben? Wenigstens der arme Velten. Die hundertfache Millionärin, die Witwe Mungo, geborene Trotzendorff, ist ja wohl nicht ganz so sehr zu beachselzucken wie der ganz verrückte Mensch, der arme kuriose Kerl, der Andres! Schade um ihn, wie hätte der es mit seinen Talenten und seinen vielen, vielen guten Gelegenheiten, es zu was zu bringen, in der Welt zu etwas bringen können!

Aber pragmatisch, pragmatisch, Karl Krumhardt! Das heißt, referiere dir selber so werkmäßig als möglich, Oberregierungsrat Doctor juris Krumhardt, um dir selber wenigstens deinen Standpunkt in Sachen Andres contra Trotzendorff oder umgekehrt klarzuhalten. Wenn nicht wegen eines andern Publikums, möchte es deiner Kinder wegen wohl der Mühe wert sein.

Wir, Velten und ich, waren ungefähr zehn oder zwölf Jahre alt, als wir anfingen, mehr und mehr aufzuhorchen, wenn in unsere Kinderspiele, Schularbeiten und Dummejungenstreiche der Name Trotzendorff hineinklang, mit bedenklichem Kopfschütteln von seiten meiner Eltern, mit bedauerndem von seiten der Mutter Veltens. Da hieß es in unserm Hause: »Konnte man das nicht voraussehen?« und im Nachbarhause: »Die arme Agathe!« Bei uns: »Der Schwindler mußte ja zu diesem Ende kommen, und nun schickt er uns das leichtsinnige Geschöpf, seine Frau, auch gar noch wieder über den Hals!« Nebenan: »Mit so einem armen kleinen Kinde! Und so weit her, über die See; ganz allein mit dem kleinen Mädchen über das große Meer!«

Die weite See, wo Robinson Krusoe seine Wunderinsel fand und wir, Velten und ich, so gern eben eine solche gesucht hätten, – das große Meer, über welches Sindbad der Seefahrer schiffte und seine tausendundein Abenteuer erlebte, über welches Whittington (dreimal Lord-Mayor von London) seine Katze verhandelte und vom Negerkönig drei Säcke voll Goldstaub für das brave Tier zurückempfing: das war es, was natürlich zuerst unsere Knabenphantasie erregte.

»Du«, sagte Velten, »es kommt eine Frau mit einem kleinen Mädchen aus Amerika wieder hierher nach dem Vogelsang. Meine Mutter kennt seine Mutter, und deine Mutter kennt sie auch.«

»Das weiß ich auch schon. Mein Vater und meine Mutter haben aber auch seinen Vater gekannt und sagen, er sei ein Taugenichts.«

»Davon hat meine Mutter nichts gesagt, aber kennen tut sie ihn auch. Das ist mir übrigens ganz Wurst; aber das Wurm! Hol mal deinen Atlas. So eine dumme Schürze und Zimperliese auf dem Atlantischen Ozean, wenn wir ihn nur in der Geographiestunde haben und bloß Dummheiten vom Doktor Klebmaier zu hören kriegen, wenn wir nicht wissen, wie weit er reicht! Na, laß sie mir nur kommen! Drüben bei Hartlebens haben sie sich eingemietet; meine Mutter hat ihnen dabei geholfen.«

»Mein Vater und meine Mutter auch. Es geht ihnen recht schlecht, und man muß sich ihrer annehmen, sagen sie. Weißt du, sie sind eben alle gute Freunde miteinander gewesen, die Alten. Ja, wir sollten uns ihrer annehmen!«

»Meinetwegen. Was ich dazu tun kann, wird gemacht. Von einem Mädchen mehr soll mir diesmal noch nicht übel werden, obgleich wir des Zeugs schon eigentlich borstig hier zu viel im Vogelsang haben. Überall stehen sie einem im Wege, und über keine Hecke kann man steigen, ohne daß man zwischen einen Haufen von ihnen fällt und fünf Minuten nachher das Gezeter angeht: ›Wenn du dich nicht aus unserm Garten scherst, sagen wir's deinem Vater!‹ Übrigens, Karlchen, kannst du mir noch mal deinen Lederstrumpf leihen, ich will doch lieber vorher, ehe die Kreatur einrückt, über Amerika nachlesen.« –

Wie viele deutsche Jungen haben diese Cooperschen Lederstrumpferzählungen, »für die Jugend bearbeitet«, hinübergelockt in das Land der Langen Flinte, der Großen Schlange und des Renard subtil? Ob das bei Mr. Charles Trotzendorff aus dem Vogelsang auch der Fall gewesen war, kann ich nicht in den Akten nachweisen, was seine Jugendzeit betrifft. Aus späteren Dokumenten geht mir hervor, daß es sich nicht so verhielt – daß ihn weder der edle Unkas noch der tapfere Major Heyward und auch nicht die stolze schwarzhaarige Cora und die blonde liebliche Alice an- und dorthingezogen hatten, sondern ganz was anderes: etwas, was nicht das geringste mehr mit jener wundervollen, lügenhaft-wahren Kinder-Urwaldswelt zu schaffen hatte, nämlich ganz einfach das Geschäft in den glorreichen Vereinigten Staaten von Nordamerika. Auch aus dem edlen deutschen Vaterlande, vom grünen Rhein und aus dem Vogelsang, kann das deutsche Gemüt die vollkommene Befähigung mit übers Wasser nehmen, nicht nur mit Messrs. Longbow, Snake, Renard and Company vortrefflich auszukommen, sondern selbst sie bei günstiger Gelegenheit dergestalt übers Ohr zu hauen, daß sie sich den fernern Import von dergleichen Konkurrenz am liebsten gänzlich verbitten würden. Aber das sind Geschichten aus Väterzeiten. Ich habe, wie gesagt, wenig über Herrn Charles Trotzendorff in meinen Papieren. In unserer Heimatstadt war er Auswanderungsagent und wanderte seinerzeit selber aus, und zwar aus zwingenden Gründen. Seine Frau, die Freundin und Schulbankgenossin meiner Mutter und der Nachbarin Andres, nahm er aus dem Vogelsang mit. Sie soll in ihrer Jugendblüte sehr schön gewesen sein und war auch eine noch nicht häßliche Erscheinung, als er sie uns dahin, für eine Zeit, wiederschickte, »zur Aufbewahrung für besseres Glück«, wie mein Vater sagte und wie es sich später auch wirklich so herausgestellt hat.

Es war Veltens Mutter, an welche »Mrs.« Agathe Trotzendorff dann und wann aus Amerika schrieb; Velten hat bei seinem »großen Aufräumen« wohl ein halb Dutzend Briefe mit überseeischem Poststempel in den Ofen geschoben. Soviel ich mich erinnere, war weder stilistisch noch ethisch das geringste daran verloren; jedenfalls ging aus ihnen hervor, daß Mr. Charles Trotzendorff ein großer Schwindler war, der seine Sache verstand, also Glück gehabt hatte, es wieder haben konnte und jedenfalls im Pech sich zu helfen wußte. Das letzte Schreiben berichtete über ihn, daß er recht im Pech sitze, von »schlechten Menschen unglaublich betrogen worden sei« und deshalb fürs erste seinen Haushalt auflösen müsse. Wie uns, das heißt mir und Freund Velten, später die Sache klar wurde, war er damals nur mit genauer Not an einem längeren Aufenthalt in Sing-Sing vorbeigeglitten. Jedenfalls war er nach dem in jener Zeit noch mit einigem Recht »fern« genannten Westen verduftet und hatte Weib und Kind dem Vogelsang wieder zugeschoben. Was wußten wir im Vogelsang von Mr. Fisk und der Erieeisenbahn, von Mr. Tweed, dem Tammanyring und Sing-Sing? –

Sie kamen an, die deutsch-amerikanische Mutter und little Ellen, das amerikanische kleine Mädchen, und bezogen auf Hartlebens Anwesen die von uns ihnen im Nebengebäude daselbst gemietete Wohnung. Der Einzug ging vor, während wir beide, Velten und ich, in der Schule waren. Als wir nach Hause kamen, fanden wir unsere beiden Mütter in erklecklicher Aufregung und zitternder Ratlosigkeit beieinandersitzend und horchten, wie Jungens horchen, wenn ihre Mütter die Hände stumm im Schoße ringen oder sie laut schreiend über den Köpfen ausspreizen, als wollte ihnen nicht bloß das Himmelsgewölbe, sondern auch die Stubendecke auf die Hauben fallen.

»Das Frauenzimmer ist ja als eine komplette Närrin heimgekommen!« ächzte meine Mutter.

»Du lieber Himmel, was wird das werden!« seufzte die Nachbarin Andres.

»Weißt du, Amalie, wie ich hier sitze?«

Veltens Mutter schüttelte den Kopf.

»Vollständig mit dem Eindruck, als ob wir – wir beide hier im Vogelsang schuld dran seien, daß Hartlebens Nebenhaus nicht Unter den Linden in Berlin oder noch großartiger irgendwo drüben bei den Amerikanern in New York oder sonstwo liege. Und mit den hundert Talern, die der Schlingel Trotzendorff meinem Mann für die Einrichtung geschickt hat, hätten wir selbstverständlich unserer hiesigen Frau Herzogin häusliche Ausstattung drüben bei Hartlebens beschaffen müssen für diese – diese, unsere Mistreß, oder Lady, oder wie wir sie sonst zu betitulieren haben! Bitt ich dich!«

»Die arme Agathe.«

»Bedauere sie gar noch! Nimm es mir nicht übel, hier bin ich doch anders. Ich für mein Teil werde ihr bei späterer, kommender Gelegenheit meine Meinung nicht vorenthalten, daß sie sich in unsere Verhältnisse zu schicken habe, und wir nicht in ihre.«

»Großer Gott, ihre Verhältnisse!« seufzte Veltens Mutter.

»Nun, ich meine eben ihre großartigen früheren, nicht ihre jetzigen. Ja, da magst du wohl wieder recht haben, Malchen, und ich werde mich auch für mein Teil bemühen, ihr dieselben so behaglich und verständlich zu machen, wie es mir möglich ist.«

Ich ziehe selbstredend im besten Sinne des übelverwendeten Wortes diese Unterhaltung der Mütter aus den Akten. Daß wir dummen Jungen das so nicht aufbewahrten, ist selbstverständlich. Wir zwei – Velten und ich – wußten nur, daß etwas ganz aus der Regel Fallendes und durchaus nicht ganz und gar Angenehmes dem Vogelsang die Ruhe aufgestört hatte und die Behaglichkeit für unabsehbare Zeit (wie mein Vater meinte) zu kränken drohte. Übrigens gewannen wir sofort die Überzeugung, daß die Geschichte uns beide gar nichts angehe, und mit der »neuen Schürze bei Hartlebens« wollten wir schon bald fertig werden, wie mit den anderen dummen Gänsen auf den Schulwegen, in den Gärten und Gassen bei Sommersonnenschein und Winterschnee.

So warteten wir denn mit dem Kinn auf dem Zaun wie zwei europäische Indianer nach Hartlebens Wigwam hinüber.

»Aus den beiden dummen Engländerinnen, Cora und Alice, mache ich mir gar nichts«, sagte Velten, »aber wenn diese Neue rot, grün, gelb und blau angemalt käme, wie Junitau im Pfadfinder, dann wär doch noch was, und mal was Neues, hier bei uns in der ewigen Langweilerei aus dem Kokon gekrochen.«

»Du! Da kommt deine Mutter mit ihr! Ach, der Dreikäsehoch! Guck, läßt sich auch noch an der Hand führen und – richtig – hat natürlich geweint und zimpert noch und läßt sich nachziehen, als ob deine Mutter der richtige Oger wäre und ihr bei euch zu Hause bloß von Kinderfleisch lebtet. Na, nun mach nur, Velten, daß du auch nach Hause kommst. Du hast sie wahrscheinlich heute zu Tische – guck, da nimmt deine Mutter das große Balg in eurer Gartentür gar noch auf den Arm! Na, adjö, da rufen sie auch bei uns nach mir, und meinen Vater kennst du.«

Es war ein Sonnabend und keine Schule am Nachmittag; wir lagen also am Osterberg unter einem Busch, und ich vernahm den ersten Bericht über das erste Zusammentreffen der Familien Andres und Trotzendorff beim Suppennapf.

»Ja, sie waren bei uns zur Fütterung«, erzählte Velten. »Die englische Madam auch. Die kann Deutsch, aber sie tut manchmal, als ob sie es vergessen habe. Die Kleine kann nur Englisch, das heißt, Amerikanisch: die richtige Wilde! Und sie sind schauderhaft vornehm, das heißt eigentlich gewesen. Es ist übrigens nur gut, daß meine Mutter noch vornehmer ist und auch ein bißchen englisch kann, durch meinen Vater. So ging es denn so ziemlich glatt ab; nur ich kriegte es natürlich zu hören von meiner Alten, daß jetzt das Hinflegeln mit beiden Ellenbogen auf dem Tische aufzuhören habe und daß sich eine Masse anderes nicht schicke. Die Kleine hat den Teufel in ihren Augen und greinte, und auf gelbe Erbsen, dicke Bohnen, Steckrüben, Mohrrüben und sonst unser Futter scheint sie noch nicht recht eingerichtet zu sein. Sie hat eine Mohrin als Amme gehabt und Mohren als Bediente; aber meine Mutter hat sie zuletzt doch zum Lachen gebracht, und daß sie mich angrinste. Ihre Mama war zuletzt die einzige, die bei ihrem Jammergesicht blieb und nach Tische meiner Mutter auch jetzt wieder was vorweinte. Ellen heißt die Krabbe; auf deutsch Helene, und meine Mutter hatte sie auf dem Sofa auf dem Schoße und tröstete sie beide. Da habe ich mich gedrückt, denn den ganzen Nachmittag so was auszuhalten, konnte keiner von mir verlangen. Na, Mitleid will ich ja wohl gerne mit haben, wie meine Mutter verlangt; aber kriegt sie mich, dieser neuen, fremden Nachbarschaft wegen, auch noch an das Englische, so werfe ich auf. An dem Latein und dem Französischen haben wir grade genug in der Schule. Puh, Mitleiden! Hat da jemals einer mit uns Mitleiden gehabt, Karlchen?«

»Nee«, sagte ich.

»Aber wie sollen wir uns denn mit der Kröte verständlich machen, wenn wir kein Englisch können? Auf unsern Buckel laden sie sie doch ab; darauf nehme ich jetzt schon Gift. Übrigens habe ich auch versprechen müssen, nicht den ganzen Nachmittag vom Hause wegzubleiben. Drunten in unserer Laube sitzt die ganze Prostemahlzeit beisammen und hat Mitleid. Deine Mutter auch, Krumhardt.«

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