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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Er hob ihn in die Höhe, wie wenn man einem Kinde oder einem Hunde etwas Begehrenswertes zeigt; meine Frau klammerte sich immer fester an mich an und flüsterte: »Es ist scheußlich!«, aber die alte, treue Dienerin des Hauses Andres, erst mit beiden Armen weit um sich greifend, wie nach etwas im Leeren Vergangenem, reckte die dürre Faust auf und kreischte:

»Jawohl, zum Zeugnis von der Welt Dank und Lohn! Und zum Andenken an den Herrn Vater und die Frau Mutter, und mögen sie sich nicht in ihren Gräbern umwenden wegen Ihnen, Herr Velten, und das ist mein letzter Wunsch und Abschied, Herr Andres.«

Er legte den Schlüssel zu seinem leeren oder ausgeleerten Vaterhaus nun dem vor Gift und Galle zitternden alten Mädchen in die Hand, die ihn bei seinen ersten Schritten auf der Erde mitgehalten und ihm geholfen hatte, seine Mutter auf dem Totenbett für den Sarg zurechtzulegen. Die Schellenbaumen aber griff ihn und fuhr mit ihm ab, und zwar mit einem Laut wie ein verwundetes Tier, und der Vogelsang lachte ihr nach und das Théâtre-Variété aus dem Tivoli gleichfalls, als ob dieser »spaßhafte und kuriose Herr« jetzt seinen besten Witz zu seiner »Generosität« als Zugabe gegeben habe.

»Herrschaften, ein Schuft, wer mehr gibt, als er hat!« rief jetzt aber er, sich auf seiner Haustürtreppe hoch aufrichtend und seinen Festgästen freundlich aber fest die Tür in der Gartenhecke weisend. Und es ward leer um ihn, wie es in seinem Hause geworden war. Aus dem war freilich nicht das geringste mehr zu holen. Die letzten Nachzügler aus der alten Freundschaft des Vogelsangs waren schon belastet mit Sparren, Bohlen und Brettern, die auf den völligen Abbruch hindeuteten, an uns vorbeigeschlüpft; aber auch von ihnen hatten einige doch scheu, verlegen und wie verdutzt ob der Sache noch eine freie Hand hingehalten und gesagt: »Wir bedanken uns auch recht schön, Herr Andres.«

Auch das Théâtre-Variété hatte genug von dem Spaß und sich empfohlen. Alle sehr heiter bis auf den Affenmenschen. Der schien mit einem Male auf allen ihm von der Wissenschaft und den Herren Darwin, Häckel, Virchow, Waldeyer und so weiter auferlegten Wert verzichten zu wollen. Dieser Künstler zögerte noch einen Augenblick, verlegen, schüchtern, als ob er noch etwas zu sagen habe, aber nicht recht damit aus sich heraus könne. Plötzlich jedoch fiel der »Tierheit dumpfe Schranke« unter Gesten und Mimik, die den homo sapiens als Publikum zu hellem Jauchzen hätten bringen können; er stieg, sozusagen, aus dem Pavian oder Gorilla heraus, die geschmeidigen Muskeln steiften sich und – »Menschheit trat auf die entwölkte Stirn«: Herr German Fell aber trat auf Velten Andres mit einer Hölzernheit zu, die ihn in der Meinung verschiedener älterer Herren aus meiner Kanzleiverwandtschaft sehr gehoben haben würde, bot ihm die Hand und sagte:

»Mein Herr, Sie haben mir während der letzten Monate dann und wann nebenan die Ehre gegeben; Sie verzeihen also, wenn ich mir heute hier bei Ihnen das Vergnügen gemacht habe. Bei so kurzer und vager Bekanntschaft würde es – suchen Sie das bessere Wort –, würde es unangebracht sein, wenn ich um Ihre Freundschaft bitten wollte; Sie werden mich jedoch auch nicht verachten, weil ich dann und wann etwas mehr als andere Affe bin. In gedrückten Mußestunden pflege ich mich jedenfalls immer noch wie andere von uns Primaten mit transzendentaler Menschenkunde zu beschäftigen; ich habe ebenfalls einige Semester in Wittenberg studiert, ehe ich zu den Anthropoiden ging. Mein Herr, Ihr Ruf ist während der letzten Wochen auch zu uns und also auch zu mir gedrungen; ich habe dann und wann mit Interesse ein Stündchen mit vor Ihrem Ofen gesessen. Siehe da, habe ich mir gesagt, auch einmal wieder einer, der aus seiner Haut steigt, während die übrigen nur daraus fahren möchten! Mein Herr, ich wünsche einen recht guten Abend, und nicht bloß für den heutigen Tag.«

»Mein Herr«, rief aber jetzt Velten Andres, der seinen unheimlichen Wandnachbar aus dem Théâtre-Variété mit immer steigendem Erstaunen hatte reden lassen, »mein Herr, nun bitte ich doch, mir genauer zu sagen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe –«

»Mit einem vom nächsten Ast, mein Herr. Vom nächsten Ast im Baum Yggdrasil. Man kann sich auf mehr als eine Art und Weise dran und drin verklettern, mein Herr. Mit unseren Personalbezüglichkeiten dürfen wir uns wohl gegenseitig verschonen. Auf bürgerlich festen Boden hilft wohl keiner dem anderen wieder hinunter; aber reichen wir uns wenigstens die Hände von Zweig zu Zweig. Mein Herr, ich danke Ihnen.«

Wofür er dankte, sagte er weiter nicht. Meine Frau hat es nie begriffen, ich aber habe mir auch nicht die vergebliche Mühe gegeben, es ihr begreiflich zu machen. Sonderbarerweise reichte auch unser Freund Velten seine Hand nur wie mechanisch und ohne eigentlich genaues Verständnis der Sache her. Herr German Fell drückte sie ihm, ließ sie fallen, sah dem verkletterten Nachbar in der Weltesche mit dem ganzen melancholischen Schimpanseernst in das verdutzte Gesicht, schurrte, sozusagen, ganz und gar wieder in seine Kunst, das Leben zu überwinden, hinab und folgte, runden Rückens, so sehr als möglich Vierhänder, den Théâtre-Variété-Genossen, die den halben Winter durch im Tivoli hinter meines Vaters Grundstücke auf Spukmeyers »seligem Grasgarten« meinem Jugendfreunde die verständnisvollsten Nachbarn in Stadt und Vorstadt gewesen waren.

Nun hatten wir sie für uns allein, die verwüstete Kindheitsidylle. Leise zog meine Frau an mir, doch wagte sie nicht einmal flüsternd ihren Wunsch, die Leere und Öde auch so schnell als möglich hinter sich zu lassen und mich mitzunehmen, auszusprechen. Ich aber konnte so noch nicht scheiden, ich konnte den armen Freund, dem eben so grimmig recht und unrecht gegeben worden war, nicht in seiner türlosen Hauspforte allein stehen lassen. Ich mußte noch nach Herrn German Fell ein Wort für unsern letzten Abschied vom Vogelsang finden, und ob der Ton mehr oder weniger gezwungen herauskam, ich schlug den Freund lachend auf die Schulter:

»Sieh auf, alter närrischer Mensch! Ein leichtbewegtes Herz ist ein elend Gut auf der wankenden Erde, und die vollgültigste Gegenzeichnung des Wortes hast du eben in wunderlichster Weise erhalten. Sie würden es rundum selbst nicht der Zeitung glauben, wenn man es ihnen durch die erzählte, daß es euresgleichen heute noch gibt und auch nicht bloß vor Zeiten mal in der thebaischen Wüste oder auf der Straße nach Olympia, Muster der sterbende Alte von Sinope, gegeben hat. Du hast deinen Willen gehabt und durchgeführt, nun tu aber auch uns den Gefallen und komm wenigstens für die letzten Tage und Nächte in der Heimat mit uns nach Hause.«

Wir standen jetzt in dem Wohnzimmer seiner Eltern, in dem er so gründlich mit seinem besten Eigentum aufgeräumt hatte, der eigentumsmüde Mann, der freie Weltwanderer. Und er sah auf und um sich her, wie einer, der einen Schlag vor die Stirn erhalten hat und sein Selbstbewußtsein nur mühsam wieder zusammenfindet. Er tat mir in tiefster Seele leid, und zu helfen war ihm nicht: er hatte aus seinem verödeten Vaterhause den Nachbar im Gezweig des Baums Yggdrasil mit sich auf allen seinen ferneren Wegen durch das Dasein zu schleppen. Mich und mein zitterndes, ihre Angst und ihre Tränen hinunterschluckendes Weibchen mochte er schon loswerden aus der Erinnerung an seinen letzten Abend zu Hause; aber Herrn German Fell nicht. Der blieb ihm drin! –

»Ich möchte doch heute abend noch einmal der Vorstellung da neben mir an beiwohnen. Wie man doch seinesgleichen, so was zu einem gehört, nur dadurch und dann kennenlernt, wenn es einem so im Gedränge den Ellbogen in die Seite setzt, nicht wahr, Karl? Den Affenmenschen aus dem Tivoli dürfte ich Ihnen doch wohl nicht als Freund, Gast und Gastfreund mitbringen, gnädige Frau? Also bitte, Kinder, laßt es dabei, daß wir einander so wenig als möglich durch unser Vorhandensein in dieser wimmelnden Welt genieren. In einer geschäftlichen Angelegenheit muß ich freilich auch vom Deutschen Hofe aus dich belästigen, lieber Karlos.«

Ich fühlte den Arm meiner Frau immer mehr an meiner Brust erzittern. Sie hielt in der heißen Hand noch immer ihr armes Sträußchen erster Frühlingsblumen; jetzt aber entfiel es ihr und verstreute sich auf dem schmutzigen, zerstampften Fußboden unter Scherben von zerschlagenem Geschirr, Tapetenfetzen und wertlosesten Trümmern von Hausgerät.

»Komm du mit nach Hause!« flüsterte sie. »Ich halte dieses nicht länger aus! Oh, mein armes kleines, liebes Kind zu Hause! Bitte, komm, ich muß zu meinem Kinde. – Das laß ich mir nicht nehmen, wenn er auch dich verwirrt. Ich halte mein Eigentum an der Welt fest! Bleib, wenn du willst, - ich will nach Hause und zu meinem Kinde! Ja, bleib, bleib und steige mit ihm und seinem andern Freunde, dem gräßlichen Affenmann, so hoch du willst aus unserm armen lieben Leben in die Höhe: ich will zu meinem Kinde und meinem Eigentum an der Welt!«

Sie ist uns fortgelaufen, mit dem Arm und Ellenbogen vor den Augen, selber wie ein Kind, das sich vor einem Schlage fürchtet.

»Gute Nacht, Velten.«

»Gute Nacht, Krumhardt...«

Ich holte meine Anna erst an der zweitnächsten Straßenecke ein. Als ich mein Eigentum wieder an mich nehmen wollte, weigerte es sich dessen durch mehrere Gassen. Mit fast bösem Blick wies die Kleine, statt meinen Arm zu nehmen, nach dem Vogelsang zurück:

»Ich habe dem Herrn Generalsuperintendenten versprochen, dir für Gut und Böse zu gehören, und ich habe mir selber versprochen, nur da zu sein und zu bleiben, wo du bist und gehst und stehst, Karl; aber – dahin bringst du mich nicht mit zehn Pferden wieder! Dahin setze ich in meinem Leben meinen Fuß nicht wieder. O lieber Gott, was machen deine Menschen aus deiner schönen Welt!« –

Ich habe den Freund im Leben nicht wiedergesehen. Als er am nächsten Tage nicht zu mir kam und ich am Abend im »Deutschen Hofe« nach ihm fragte, wußte man nur, daß er seine Rechnung berichtigt habe, aber nicht, ob er sich noch in der Stadt aufhalte.

Von London aus machte er es schriftlich mit mir ab, es unserm Riekchen Schellenbaum amtlich und gerichtlich glaubhaft zu machen, daß zu dem Hausschlüssel, mit dem es als mit seinem »einzigen Andenken« abgefahren war, auch der »neue Bauplatz«, einer der besten im neuen Vogelsang, gehöre.

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