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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Die Abendsonne schien der Nachbarin in das Fenster, als ich mit sorgendem, schwerem Herzen zu ihr kam, und sie hatte auch geweint, die Frau Nachbarin Andres. Die elegante Karte, die mein Vater bei Seligmacher und Söhne gefunden hatte und auf welcher Mr. and Mrs. Mungo sich allen Freunden und Bekannten in den Vereinigten Staaten als miteinander für Glück und Unglück, für Gesundheit und Krankheit, für Leben und Tod Verbundene empfahlen, lag auch auf dem Nähtischchen der Frau Doktorin, und der Begleitbrief Veltens daneben.

Die Mutter des Freundes reichte mir die Hand, nachdem sie ihr feuchtes Taschentuch zwischen die Blumentöpfe in ihrer Fensterbank geschoben hatte, und sagte: »Sieh, das ist freundlich von dir, Karl. Wenn sich die Welt um einen her verändert, hält man sich am besten an die Jungen aus seiner alten Bekanntschaft, an die, welche ihr Recht noch vom nächsten Tag erwarten, lustig in der neuen Flut schwimmen und aus ihrem jungen Recht an die Zeit den Alten wenigstens den Kopf ein wenig zurechtsetzen können, wenn auch nicht das Herz. Elly hat sich verheiratet, Velten hat geschrieben. Da ist sein Brief, und du kannst ihn lesen. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß sich der Vogelsang so sehr für mich verändern könnte. Aber so geht es eben, wenn der Mensch es nicht glauben kann, daß ihm seine liebsten Hoffnungen aus dem Leben weggewischt werden können.«

Sie sah sich hier in ihrem Stübchen, in welchem sie unter all ihren Erinnerungen saß wie die Frau Fechtmeisterin Feucht in der Dorotheenstraße zu Berlin unter den ihrigen, mit einem kummervollen Blicke um: »Wie doch alles dem Menschen auf einmal so ganz andere Gesichter schneiden kann! Und doch ist es nur das eine Bildchen dort, das kleine Lichtbild da über der Kommode, dessen liebe, lachende Augen mir mein Altfrauenheim verwüstet und alles über- und durcheinandergeschoben haben wie bei einem Umzug oder nach einem Brande. Da – lies seinen Brief! Was er dazu tun kann, daß die alte Frau im Vogelsang nicht ganz aus ihrer Fassung kommt, das besorgt er natürlich auf seine alte Weise. Unter kriegt ihn auch das nicht; aber man müßte eben nicht zwischen den Zeilen lesen können, um sich von ihm auf diese seine Weise unterkriegen zu lassen.«

Ach, wie diese beiden Leute bis in die feinsten Nervenfädchen, bis in die flüchtigsten Seelenstimmungen hinein sich nachzutasten, sich nachzufühlen wußten! Sie machten einander nichts weis, und das war, ausnahmsweise, für sie ein großes Glück: für andere, und leider die Mehrzahl der auf dieser Erde sich näher und nächst Angehenden, wäre es freilich das Gegenteil gewesen. Es ist nicht immer das Behaglichste, wenn zwei oder mehrere, die zusammengehören, sich zu gut verstehen. Die einzige Möglichkeit für ein wenigstens gedeihliches Hüttenbauen und Zusammenwohnen liegt dann einzig und allein in dem Sichaufeinanderverstehen. Ich habe das auch aus meiner Amts- und Geschäftspraxis sehr, sehr in den Akten. –

Velten schrieb:

»Sie haben sie uns genommen, Mutter, und sind völlig in ihrem Recht, da sie das nach ihrer Meinung beste Teil für sie gewählt haben. Ich habe sie verloren; aber diesmal bin ich nicht schuld daran, das Glück der Erde verpaßt zu haben. Du weißt, wie oft man mir das bei Euch zu Hause aufzuriechen gab und, wenn die beleidigte Nase darob nicht lief wie die eines geschlagenen Schuljungen, sondern sich nur trocken-tückisch krauste, nicht nur von allen Schlechtigkeiten menschlichen Charakters, sondern auch von absoluter, bodenloser, randundbandloser Charakterlosigkeit sprach. Ich habe das Meinige getan, durch Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre, bei Tag und Nacht, bei allem, was ich getan, überdacht und gedacht habe, den schönen Schmetterling für mich – für uns festzuhalten: nun stehe ich wieder wie ein Schuljunge und besehe an den Fingern den bunten Farbenstaub von den Flügeln des entflatterten Buttervogels und denke vor allem an die alte Frau zu Hause, die da sitzt und sich fragt: Was für eine Nase wird er diesmal machen? – Mutter, mein – unser liebes, armes, kleines Mädchen, was würde dem jetzt mit einem zerfließenden Liebhaber gedient sein? Also – trocken überschlucken und ein Kreuz über eine närrische Lebensepoche ziehen wie über eine Kalenderwoche, die bis Donnerstag im Sonnenschein lag und am Freitag in einen Landregen überging! Unserm lieben Wildfang gebe ich gar keine Schuld; – kann man überhaupt einem Menschenkinde Schuld an seinem Schicksal geben? Was kann die Lerche gegen den Spiegelblitz, der sie aus der blauen Luft in die Versandschachtel und die Bratpfanne holt? Mit ihrem tückischen Glanz haben sie auch unser liebes Singvögelchen aus dem Vogelsang hernieder in ihr Netz stürzen machen und ihr nicht nur das arme, dumme, kleine Schädelchen und Gehirnchen, sondern auch das schöne, weite Herz eingedrückt. Sie wird eine stattliche Mistreß Mungo: die Nadel der Kleopatra, jetzt im hiesigen Zentralpark, die doch schon in Ägypten viel gesehen hat und hier im Lande täglich auch noch manches sieht, sah nimmer ein schöneres, vornehmeres Weib an sich vorbei und durch ihren Schatten gleiten. So wächst das immer aus dem Schlamm empor, einerlei ob am Nil oder am Hudson! Mir fehlen wieder mal die Knöpfe am Hemdärmel, alte Mutter zu Hause; aber Elly wird sie mir nicht annähen, worauf wir doch so fest gerechnet und des Lebens Seligkeit vom Vogelsang aus gegründet hatten; und das erinnert mich nun grade erst recht an Deinen alten Nähtisch, auf dem dieser Brief, wenn der Ozean ihn nicht verschlingt, demnächst liegen wird, und erinnert mich an Deinen Sessel dabei und das leere ›Schawellche‹ daneben und den Blick durch die Efeuranken, über den Garten weg, auf den Nachbar Hartleben und sein Anwesen (Strohwitwe Trotzendorff und Töchterlein eingeschlossen) hinein in den ganzen Vogelsang, und – ich bin wieder allein auf die alte Frau im Korbsessel an dem Fenster angewiesen und ein Vagabund – ein Wanderer im Leben – zerlumpter denn je. – In die hiesigen Verhältnisse habe ich mich übrigens eingelebt, daß ich meinen jüngsten Freunden keinen Grund zur Verwunderung mehr gebe. Wünschest Du mich auch als Millionär wiederzusehen wie Mr. Charles Trotzendorff? Oder ziehst Du den deutsch-amerikanischen Staatsmann, Muster Karl Schurz, vor? Meine Vogelsangstudien im Englischen, unserer Kleinen zuliebe, kommen mir jetzt wundervoll zustatten. Die Phrasen und den Tonfall, um eine ›Mäh‹ jauchzende Menschenansammlung zum ›Bäh‹jammern zu bringen und das politische Tier, Mensch genannt, mit einem Strick durch die Nase oder um den Hals für Klios ewige Tafeln und vergänglichen Griffel als notierungswert zu dressieren, lernt sich bald. Sollte Freund Krumhardt, ich meine unser Karlchen – nicht den Alten, aus seiner Geschäftspraxis demnächst mal einen neuen edlen Kinkel nebst Spulrad und Märtyrerglorie in der lieben Heimat für einen überseeischen Heros-Befreier zur Verfügung haben, so reflektiere ich darauf und bitte, aus guter alter Kameradschaft mir die Vorhand zu lassen. Eine republikanische Bürgerkrone für einen Märtyrer aus dem neuen Deutschen Reich! Das Ding wird leider schwer zu finden sein, denn den alten wahren Otto den Schützen von seinem Wergzupfen und Wollespulen im Reichstage zu entführen, würde ihm doch selber auch jetzt noch nicht recht in die gelbweiße Kürassiermütze passen. Aber wie sang Fräulein Leonie des Beaux in der Dorotheenstraße zu Berlin?

Je ne dors ni ne veille;
Cet enfant me réveille.

Da bin ich doch wieder bei meinem in der Fifth Avenue verzauberten armen Mädchen! Siehe Goethes Epilog zu dem Trauerspiele Essex:

Hier ist der Abschluß! Alles ist getan,
Und nichts kann mehr geschehn! Das Land, das Meer,
Das Reich, die Kirche, das Gericht, das Heer,
Sie sind verschwunden, alles ist nicht mehr!

Jaja, was nimmt man sich alles vor zu Glück und Ruhm und zum Besten der Welt in der Welt, bis der Narrenkönig, dem diese Welt gehört – siehe Schillers Jungfrau von Orleans – einem das Bein stellt und alle Weisen, Helden und weggelaufenen Schuljungen auf die Gefühle eines Zahnarztes, der selber Zahnweh hat, hinunterdrückt! Du weißt es, Mutter, und Du kannst es mir bezeugen, daß die Scheu der Leute, sich vor der Menschheit, das heißt den nächsten ihresgleichen, lächerlich zu machen, mir leider immer nur zu sehr gemangelt hat; aber die Sehnsucht, mir selber endlich einmal wieder lächerlich vorzukommen und somit das richtige Maß für die Dinge dieser Erde wiederzugewinnen, ist mir bis jetzt auch nicht in solcher Fülle und Üppigkeit zuteil geworden. Zu Hause, im Vogelsang, würde das wohl noch am leichtesten zu erreichen sein, Deinem lieben Korbstuhl gegenüber und mit des seligen Vaters geliebter ersten Originalausgabe des Wandsbecker Boten auf Deinem Nähtische und mit der einzigen Aussicht über Deine Buchsbaum- und Blumenbeete, meine Stachelbeerbüsche und unsere grüne Hecke auf den Nachbar Hartleben und sein Anwesen. Da ginge es wohl noch am leichtesten an, dem teuren Ahnherrn in dem Buche, dem Vetter Andres, und dem braven Vetter Michel im eigenen Busen sein Recht wiederzugeben; aber – + ! ? + –

Frage Karl um seine Meinung hierüber, doch – laß es lieber auch nur. Daß der Frager bei solchen Gelegenheiten den Gefragten und seine Antwort im voraus ziemlich genau kennt, würde auch diesmal und hier nichts zur Sache tun; aber aus Deinen Briefen weiß ich ja, daß auch um Euch dort im Vogelsang allgemach die Dekoration sich so sehr verändert, daß er – der Freund – sich da binnen kurzem am allerwenigsten noch zurechtfinden wird. Aus Büschen werden Bäume, aus Bäumen Hausmauern, aus Grün Grau. Aus obststehlenden (freilich meistens dazu verführten) Schuljungen werden die besten Verwaltungsbeamten und Regierungsräte, sowie die schärfsten Staatsanwälte, und – aus dem nichtsnutzigsten Schlingel des Vogelsangs wird (wenigstens was ich dazu tun kann) the most glorious tramp, der glorioseste Landstreicher, der je auf den Wegen der Welt den anständigen Passanten einen Schauder und Schrecken eingejagt hat, wenn er an einem Stadttor nach seinen Papieren gefragt wurde, nimmer dergleichen aufzuweisen hatte und vielleicht auch erst in irgendeinem Bedford gaol als alter Kesselflicker anfangen wird, sich über the Pilgrim's Progress, über seines Lebens Pilgerfahrt, die letzte Rechnung abzulegen.

Meine liebe, liebe Mutter, Du kannst nichts dafür, und mein Vater auch nicht. Solches war mir an der Wiege gesungen, aber nicht von Dir mit Deinem: ›Buko von Halberstadt‹ oder: ›Schlaf, Kindchen, schlaf, da draußen geht ein Schaf‹. Es kauert immer eine andere Sängerin auf der andern Seite des ersten Schaukelkahns menschlichen Schicksals und summt ihren Sang in ihre Hexenbartstoppeln, und der stammt von den Müttern viel weiter hinabwärts und ist der allein maßgebende.

Also streich Dir die Sorgen- und Unmutsfalten wieder einmal aus dem lieben tapfern Gesichte und halte Dich weiter an der Väter Erfahrung, daß Unkraut so leicht nicht vergeht. Sage mit dem alten Vertrauen auf unsern eigentümlichen, unveräußerlichen eisernen Bestand von Familienadel: ›Oh, dieser dumme Junge!‹ – Und halte fest: wir sind doch die zwei gewesen, welche die wenigsten Sorgen im Vogelsang auf unserm Hirn und Herzen geduldet haben, und so soll es bleiben! Veränderte Dekorationen sollen uns nie etwas anhaben; halte Deinen Platz an unserm Herde fest und mir den meinigen: ich komme ebensosehr als Sieger wieder wie – Mr. Charley Trotzendorff. Es gibt ein verschiedenartiges Achselzucken der Leute in der Welt: ich hoffe mir das meinige, nach meiner Weise, mit ebenso gutem Recht zu verdienen wie er das seinige und das Nachgaffen und den Neid der Welt auch. Ziehe meinetwegen hier auch Freund Krumhardt über unsere Hecke als Kommentator bei, wenn Dir ob solchen beglückenden Aussichten in die Zukunft doch etwas nüchtern und unheimlich zumute werden sollte. –

In der Heimat und zumal im Vogelsang bin ich fürs erste nichts nutze – und auch Dir nicht, armes, tapferes Mütterchen. Übrigens sind und bleiben wir zwei immer beisammen, ob auch ein paar Tropfen Wasser und einige Krümel Erdboden mehr uns trennen. Zu den Füßen der Treue bleibe ich sitzen, wenn es mir auch nicht vergönnt wurde, zu den Füßen der Liebe Werg zu spinnen. Nach dem Wocken der Omphale freut man sich ordentlich auf den Nemeischen Löwen, die Lernäische Hydra, den Erymanthischen Eber und vor allem andern auf die Stymphaliden und die Ställe des Augias. Daß ich Dir grade die goldenen Äpfel aus den Gärten der Hesperiden heimbringen werde, ist mir selber etwas zweifelhaft; aber darauf verlaß Dich, und Du kannst auch in der Nachbarschaft davon erzählen und damit renommieren: den Zerberus hole ich mir sicherlich aus der Unterwelt herauf, wenn auch nur, um das große Schrecknis der ewigen Nacht mir beim kurzen Lebenstageslicht so genau und gemütlich wie möglich zu besehen. Philosophie studieren nennt man das vor den Kathedern nach geschriebenen Heften – frage nur Freund Krumhardt danach, der sich des bürgerlichen Anstands wegen sein Teil davon hat in die Feder diktieren lassen. Und vom Lehrstuhl des Professors der Weltweisheit bis zum Schneidertisch des Hauses der des Beaux ist auch wieder einmal nur ein Schritt. Hab ich mir meinen Freund Leon auf den Buckel geladen, so soll ich ihn natürlich auch darauf behalten. Vater des Beaux schreibt mir, der Junge werde ihm, ohne meine Beaufsichtigung, von Tag zu Tage unter den Händen mehr zu einem Narren und es bleibe ihm nichts übrig, als den Knaben mir nachzuschicken; eine Reise um die Erde unter meiner Führung erscheine ihm als das letzte Mittel, den Phantasten für den künftigen Kommissions- oder Kommerzienrat zu ernüchtern. Ich werde also nicht umhin können, das, wenigstens für die ersten Stationen meiner eigenen Weltwanderung, noch einmal zu meinem Gepäck zu legen; habe also zurückgeschrieben: das Kind möge kommen, ich würde das Zutrauen zu verdienen suchen. Jawohl, das Zutrauen unter den Leuten! Erhalte mir das Deinige, alte Frau!

Dein Sohn und Erbe    
Velten Andres.«

Es ist eine kalte Nacht, in der ich dies zu den Akten hefte; aber ich habe das fröstelnde Zusammenziehen der Schulterblätter doch mehr dem klareisigen Hauch, der von der letzten Seite dieses Briefes ausgeht, zuzuschreiben als der Winterwitterung draußen vor dem Fenster. Und wenn man – damals – dieses Schreiben in der Stadt unter den Bekannten, den Leuten, herumgezeigt hätte, würden sie alle gesagt haben:

»Der alte, ewig überhitzte Wirrkopf! Es bleibt dabei, er kann auf nichts zu seinem Fortkommen rechnen als auf das Glück der Betrunkenen und die Vorsehung, die über die Unmündigen wacht.« –

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