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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Ich habe sie häufig in meinem Berufe zu suchen, die Verschollenen in der Welt; sie zu einem bestimmten Termin zu zitieren und sie, wenn sie nicht erscheinen, für tot zu erklären und ihren Nachlaß den Erben oder dem Fiskus zu überantworten. Meistens ist es armes, kümmerliches Volk, das so verlorengeht und gesucht werden muß, doch von Zeit zu Zeit ist da auch einer oder eine verschollen, auf deren Wege auch den abgehärtetsten Beamten die Phantasie und das Bedürfnis des Menschen, Wunder, wenn nicht an sich, so doch an anderen zu erleben, unwiderstehlich nachlockt.

Das ist nun bei meinem Freund Velten Andres nicht im mindesten der Fall gewesen. Von Mysterien und Romantik habe ich nicht das geringste zu notieren. Er ist stets mit uns in Korrespondenz geblieben; hat alle Verkehrswege via Southampton, Bremen und Hamburg, ja auch den unterseeischen Telegraphen benutzt, um in möglichster Verbindung mit dem Vogelsang zu bleiben. Ich bin eben in seinem Leben über nichts im Dunkel geblieben als – über ihn selber. Das war aber ja nicht seine Schuld! Diese lag hier nur an mir, und solches ist öfters der Fall, als die Leute glauben.

Schreibe ich übrigens denn nicht auch jetzt nur deshalb diese Blätter voll, weil ich doch mein möglichstes tun möchte, um mir über diesen Menschen, einen der mir bekanntesten meiner Daseinsgenossen, klarzuwerden? Aber es ist immer, als ob man Fäden aus einem Gobelinteppich zupfe und sie unter das Vergrößerungsglas bringe, um die hohe Kunst, die der Meister an das ganze Gewebe gewendet hat, daraus kennenzulernen.

Wenn je ein Mensch für das Leben unter allen Formen und Bedingungen ausgerüstet war, wenn je einer das Seinige dazu getan hatte, sich seine Schutz- und Angriffswaffen zu schmieden, so war das Velten Andres. Mit allen den Vorzügen und Tugenden begabt, die Ophelia aufzählt und von denen der dänische Prinz so schlechten Gebrauch machte, ging er wahrlich nicht von »Wittenberg« nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und später seines Weges weiter.

Man hat einen guten Ausdruck dafür, wenn einem das mühelos, oder anscheinend mühelos, zufällt, um was andere sich sehr quälen müssen. »Es fliegt ihm an«, sagt man und beneidet den Glücklichen, zuckt auch wohl bedenklich die Achseln dabei und zieht »im ganzen ein solides Sitzfleisch doch vor«. Letzteres hat auch seine Vorzüge und nimmt seinen gebührenden Platz später im Lehnstuhl am warmen Ofen oder in der Julisonne fröstelnd, aber behaglich mit vollstem Recht ein. Er, mein Freund, ist in seinem kurzen Leben alles gewesen: Gelehrter, Kaufmann, Luftschiffer, Soldat, Schiffsmann, Zeitungsschreiber – aber gebracht hat er es nach bürgerlichen Begriffen zu nichts, und ich kann es auch nicht zu diesen Akten beibringen, daß er sich je um etwas anderes richtige Mühe gegeben habe als um das kleine Mädchen aus dem Vogelsang, die heutige Witwe Mungo aus Chikago. –

Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M'empêchez de voir
Ma mi' Madelon –

Es läuft immer auf wenn auch melancholische, so doch nüchterne Nachüberlegungen hinaus; aber auch an diesem Abend muß ich wieder seufzen: Wie anders hätte doch sein Leben werden können, wenn er ein Ohr gehabt hätte für die süße Stimme aus der Heimat und Augen für die tiefen, treuen, traurigen Blicke, die scheu, angstvoll verstohlen ihm hier folgten und so gern bis zum Ende, mochte das auch werden, wie es wollte, über ihn gewacht hätten.

Mit dem Hause des Beaux, das heißt dem alten Herrn und Freund Leon, ist er übrigens im regen Verkehr geblieben; und wenn er einmal, wie des Spaßes wegen, als ein recht wohlhabender Mann, für Deutschland wenigstens, aufgetreten ist, so ist ihm wirklich das zum größten Teil angeflogen aus dem großen Geschäft in der Dorotheenstraße zu Berlin. Daß Religiosität und Geschäftssinn nicht feindliche Geschwister sind, hat nicht allein das Haus Israel bewiesen; auch die frommen Vertriebenen, die auf der Mayflower »drüben« landeten, haben das ebensowohl bewiesen wie diese alten Hugenotten des Edikts von Nantes in der Mark Brandenburg. Und sie reichen sich auch heute noch die Hand durch die ganze Welt: Synagoge, Kirche und Börse! Das Haus des Beaux konnte einem Freunde schon Empfehlungsbriefe nach New York oder New Orleans mitgeben, die ihm die Wege ebneten und seinen Aufstieg erleichterten, selbst wenn er nur kam, um zum zweitenmal den Versuch zu machen, ein armes Mitgeschöpf aus der Verkletterung herabzuholen, sonst aber sich wenig aus den Herrlichkeiten der Zeitlichkeit machte.

Es ist ihm zum zweitenmal nicht gelungen, und mit der Hülfe aus dem Vogelsang war diesmal gar nichts getan. Was half es, daß ihm, wie ihm damals der alte Hartleben mit Leitern und Stricken beisprang, jetzt seine Mutter ihre auch in Sorgen, Angst und Kummer immer sonnigen Briefe schrieb und die seinigen, nach seiner Weise, immer scherzhafter, immer lustiger, immer siegesgewisser wurden, je tiefer er »in den Quark hineinwatete« und in der Puppenkomödie die Fäden mit ziehen half? Sie spielten sich da nur selber eine liebe, rührende Komödie vor, die, was die Nachbarschaft anging, niemand zum Lachen oder Lächeln brachte.

»Ich hätte es nie geglaubt«, sagte mein Vater sehr ernsthaft, »der Mensch scheint sein bisheriges Narrenwesen doch nicht ganz unnützlich getrieben zu haben. Da hält mich eben, auf dem Wege vom Gericht her, der Prokurist von Seligmacher und Söhne mit einem Privatbriefe von drüben, aus der Firma Charles Trotzendorff und Kompanie, weißt du, Mutter, unserm Karl Trotzendorff, an, und darin ist von ihm, ich meine dem Jungen drüben, in einer Weise die Rede, die ich niemals für möglich gehalten haben würde. Der poetische Hanswurst scheint völlig ins Gegenteil umgeschlagen zu sein. Ja, er scheint sich eine Stellung in der dortigen Literatur gemacht zu haben und an einem Handelsblatt in einer Art sein Maulwerk schriftlich betätigt zu haben, daß es ihm, wenn auch wohl nur zufällig, die Bekanntschaft und, wie es scheint, Achtung eines ihrer Allergrößten dorten, nämlich was das Geld anbetrifft, zugezogen hat. Das wäre denn ja recht gut und erfreulich, und so wird er sich darein ergeben, daß es mit dem Mädchen, der jungen Dame, nichts geworden ist. Bei Seligmacher und Söhne haben sie heute morgen von der Familie drüben, ich meine den Trotzendorffs, die Verlobungsanzeige der Tochter zugeschickt gekriegt. Du mußt doch mal zu der Nachbarin hinübersehen, ob die schon was Genaueres weiß und wie sich der Junge jetzt zu der Sache verhalten wird. Doch dieses nur beiläufig. Ich war auch bei Arnemann; – er ist nicht mehr abgeneigt, auf meine Bedingungen einzugehen. Man trennt sich ja zwar nicht gern von der hiesigen Gemütlichkeit, aber es hat sich doch allmählich zu viel hier im Vogelsang um uns her verändert. Die Fabrik auf Hartlebens Grundstück versperrt mir den letzten Blick auf den Osterberg, und dann halte ich es auch für unsern Assessor besser, daß ihn unter jetzigen, veränderten Lebensverhältnissen die Residenz nicht hier unter den kleinen Leuten aufsuchen muß. Ich meine, Mutter, wir machen in nächster Woche den Kontrakt über den Verkauf von Haus und Garten perfekt.«

»Wenn du meinst, Krumhardt«, sagte meine Mutter mit zitternder Stimme.

»Ich meine, daß wir diese freilich ernste Sache schon so reiflich überlegt haben, daß wohl wenig mehr dazu zu sagen ist. Was gibt es denn eigentlich noch, was uns hier festhalten könnte? Schon der Schatten allein, den mir da hinten die neue Feuermauer auf meine Rosenplantage wirft, verdirbt mir das ganze Pläsier an der Liebhaberei. Mit dem Kaffeetisch im Garten unter diesen Fabrikgerüchen ist's auch nichts mehr. Unsere Plätze im letzten Grün des Vogelsangs haben wir sicher auf dem Papier bei der Friedhofverwaltung. Also, Junge, Karl, Herr Assessor Krumhardt, es bleibt dabei: der alte Pelikan hackt sich noch mal die Brust seiner Nachkommenschaft wegen auf. Wir ziehen in die Stadt, der veränderten Verhältnisse wegen. Laß es mich erleben, daß ich an dir einen Herzoglichen Regierungsrat herangezogen habe, so soll es mir auch nicht drauf ankommen, auf meine Rosen- und Aurikelnzucht zu verzichten. Man kann auch im Notfall an den Hyazinthen und Geranien seine Befriedigung finden, und dafür, denke ich, mein Sohn, wirst du eben immer, wie für deine alten Eltern, ein sonniges Gelaß in deinen neuen Gesellschafts- und Wohnungsverhältnissen übrig haben. Die Gelegenheit in der Archivstraße, die Mutter und ich uns zum Beispiel neulich angesehen haben, hat nach hinten heraus und doch nach der Sonnenseite ein Altenteil, was für so einen subalternen, quieszierten Obergerichtssekretär mit so einem ihm Freude machenden Sohne – jetzt kann ich dir das wohl sagen, mein Junge! – paßt, als ob der Bauherr seinerzeit ihn mit seinen Bedürfnissen eigens dafür ins Auge gefaßt hätte. Nicht wahr, Mutter, wir finden uns schon unserm Jungen zuliebe in die veränderten Verhältnisse?«

»Ja, ja, ja! obgleich es mir doch schwer ankommen wird«, schluchzte die gute alte Frau. »Freilich rückt uns hier das Neue zu arg auf den Leib, und wo man aus dem Fenster guckt, ist es das Alte nicht mehr; aber weißt du, Mann, es wird mir doch sein als wie damals, wo man den Sargdeckel auf unser kleines Mädchen legen wollte und ich auch nicht glauben konnte, daß es möglich und nötig sei. Kein eigenes Waschhaus mehr und keinen Platz zum Wäschetrocknen im eigenen Garten! Aber es ist ja richtig, das schlechte Tanzlokal, das da dicht an unserer grünen Hecke aufgewachsen ist, paßt nicht einmal mehr zu unseren Verhältnissen, also zu unserm Karl seinen gar nicht. Und du hast recht, Krumhardt, die Eltern sind dazu da, daß sie ihre Kinder in die Höhe bringen und in immer bessere Gesellschaft, bis in die beste, wenn's möglich, und das ist freilich hier im Vogelsang niemals möglich gewesen, also – wie Gott will. Ich habe mich in so vieles im Leben finden müssen und werde mich auch hierein finden. Das Kind wird es ja auch, und vielleicht auch mit seinen Kindern, einsehen, was Vater und Mutter an ihm getan haben, und es ihnen noch in ihrem Grabe gedenken.«

Nun hätte ich noch einmal hiergegen einreden können, um die Sache in die rechte Beleuchtung zu rücken; aber was würde es geholfen haben? Wahrhaftig, ich bin es nicht gewesen, der die zwei treuen, wackeren Seelen mit ihren Wurzeln aus dem Boden hob und sie so in ihren greisen Tagen in ein fremdes Erdreich versetzte! Ihre liebe menschliche Torheit war's, die da Pflicht, Pflichten, Vorzug, Gewinn, Ehre, Lob, Ruhm und Glück sah, wo die übrigen Millionen unserer Brüder und Schwestern im Erdenleben – ebendasselbe sahen. Sie hatten ihren Kopf und Sinn drauf gesetzt, daß der Vogelsang nicht mehr zu ihnen »passe«, und sie nicht zu dem Vogelsang.

»Aufgesetzt ist der Kontrakt, Frau«, sagte mein Vater, »und wenn es dir recht ist, kann Arnemann heute noch zur Ausfertigung und Unterschrift kommen, zu einem ruhigen Schlaf kommen wir jetzt doch nicht anders mehr.«

Meine Mutter ist also an diesem Tage nicht mehr bei der Nachbarin Andres gewesen, um das Genauere über das Privatschreiben aus Amerika an Seligmacher und Söhne und Velten und Helene Trotzendorff zu hören, ihre Teilnahme zu beweisen und, wenn möglich, Trost zuzusprechen. Ich aber habe mich gegen Abend noch einmal durch das Schlupfloch aus unserer Kinderzeit, das wunderreiche, damals freilich längst wieder zugewachsene Schlupfloch in der lebendigen Hecke zwischen den Nachbargärten gezwängt und die alte Türklinke, deren Griff einem seit Menschengedenken so häufig in der Hand blieb, von neuem aufgedrückt, um hier, bei der Frau Doktorin, wo die Welt sich doch eigentlich am meisten verändert hatte, mich an das sonnig unverwüstlich Bleibende im Wechsel der Witterung des Erdentages zu halten. Ich fand die Frau Doktorin allein im Vogelsang über ihrem Brief aus den Vereinigten Staaten.

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