Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
Schließen

Navigation:

Wir haben, seit ich angefangen habe, diese Akten des Vogelsangs zu kollationieren, das bekommen, was man einen schönen Winter nennt, – erfrischenden, jahreszeitgemäßen Frost, wenig Heulstürme, aber viel Schnee.

Auch in der Nacht, in der ich jetzt weiterschreibe, schneit es wieder. Unaufhörlich rieselt seit dem Nachmittag das weiße Gewirbel nieder und macht die Erde still, glatt und rein. Wenn ich ans Fenster trete und nach der nächsten Gaslaterne hinübersehe, kann ich mich nur schwer von dem schönen Schauspiel losreißen: von allen Naturerscheinungen bringt der Schneefall (vom warmen Zimmer aus gesehen) die behaglichsten Bilder und Traumminuten mit sich. Der Schnee wärmt. Ich kenne Leute, egoistische Zärtlinge, die es sich behaglich vorstellen, von ihm zugedeckt als haus- und heimatloser, hungriger Wanderer auf der Landstraße müde einzuschlafen und sich aus der ungemütlichen, bitteren Wirklichkeit sanft hinauszuträumen:

Erhebt euch, ihr Täler,
Sinkt nieder, ihr Höhn;
Ihr hindert mich ja,
Meine Liebste zu sehn; –

wie kommt es nur, daß mir das alte welsche Lied, schön wie irgendein deutsches – den ganzen Abend durch nicht aus dem Sinn will? Daß ich es immer von neuem summen muß, während der Schnee fällt, die Täler ausfüllt und die Berge niederdrückt, indem er sich weiß, farblos auf sie legt?!

Es ist nun schon lange Jahre her, seit uns Leonie des Beaux das Lied in der Dorotheenstraße zu Berlin zum erstenmal sang. Die hohen Berge, die tiefen Täler, die weiten Meere der Erde haben es nicht verhindert, daß Velten Andres und Helene Trotzendorff wieder zusammenkamen; sie sind auch nicht schuld daran gewesen, daß sie sich nicht wiederfanden für das Erdenleben.

Der Jugendfreund aus dem Vogelsang hat sein Wort gehalten, daß er von dem Mädchen nicht lassen werde, daß er ihr nachsteigen werde, wohin sie sich auch verklettert haben möge, daß er aber freilich jetzt nicht mehr den Freund aus dem Nachbarhause zu Tal laufen lassen werde, um den Vogelsang zu Hülfe heraufzurufen auf den Schluderkopf.

Er war vor dem Beginn seiner Weltfahrten nur noch einmal zu Hause, um Abschied von seiner Mutter und uns zu nehmen. Ich ging damals auch schon auf Freiersfüßen, und da weiß man ja, wie das dann geht mit dem verliebten jungen Menschen und seinen Gefühlen für seine liebsten und treuesten Schulbankgenossen. Ihre Sorgen und Hoffnungen, Leiden und Freuden sind wahrlich um solche Lebensstunde nicht mehr die unserigen. Mit einem »Na, denn mach's gut, Alter!« ist der Abschied, auch unter den besten Freunden, an einer Straßenecke, am Bahnhof oder auf einem Hafenkai rasch abgetan. Es ist eine Seltenheit – (immer unter besagten Umständen!) –, daß einem von beiden, dem Orest oder dem Pylades, dem Kastor oder dem Pollux, dem David oder dem Jonathan, die Zigarre der Rührung wegen ausgeht, und ist es ausnahmsweise mal der Fall, so ist der Bewegteste, und das ist fast immer der Zurückbleibende, imstande, den Scheidenden noch um Feuer zu bitten. –

Es war diesmal nicht mehr die ganze Nachbarschaft, welche diesem Scheidenden nach dem Bahnhof das Geleit gegeben hatte. Meine greisen Eltern fühlten, kopfschüttelnd, nicht mehr die Verpflichtung dazu. »Es ist doch zu sehr eine Narrenfahrt, und ich bezweifle, daß ich sowohl dem Jungen wie der Alten das für die Gelegenheit gewünschte Gesicht ziehen kann«, hatte mein Vater gesagt; und meine Mutter hatte gemeint: »Ich glaube auch nicht, daß Amalie dieser Aufmerksamkeit und Anteilnahme von unserer Seite bedarf. Hat sie sich jemals im Guten und im Bösen das geringste von uns sagen lassen? Sie haben eben beide immer ihren eigenen Kopf.« –

Was bedeuteten diese Blätter, wenn ich nicht wahr auf ihnen wäre? Im tiefsten Grunde war ich vollständig der Meinung meiner Eltern – solange sie das Wort hatten und Vernunft sprachen, und verfiel ebenso gründlich immer von neuem schon der wortlosen Überredungskraft der zwei anderen aus der nächsten Nachbarschaft. Es genügte schon vollständig, daß Velten mich lachend auf die Schulter schlug und seine Mutter dabei mir zunickte. Eindringlicher war's natürlich, wenn die weise alte Frau noch hinzufügte:

»Höre ja nicht auf den Narren, Freund Karl. Bleibe du ruhig auf deinem Wege und halte die Welt aufrecht; nicht bloß hier im Vogelsang, sondern auch für den Vogelsang!«

So war es auch bei dem diesmaligen Abschiednehmen auf dem Bahnhofe. Der Lebensmut und die Siegesgewißheit des scheidenden Freundes überwältigten das nüchterne Besserwissen, das ich noch mit dorthin genommen hatte, völlig. Und als mir Velten noch sagte:

»Ich verlasse mich fest darauf, daß du wie gewöhnlich meine Stelle bei der Alten vertrittst und dich ihrer gegebenenfalls nach Kräften annimmst«, – konnte ich mich nur fragen:

»Ja, wird das möglich sein und je nötig werden können?«

Ich versprach es aber, wahrhaftig mit feuchten Augen und stockendem Herzen – mit dem besten Willen, seinen Platz am Herde meines Nachbarhauses festzuhalten und die »alte Frau« nicht einsam dort sitzenzulassen, während er seine Siege in der Welt erfocht. –

Wir sahen ihn abfahren, wie damals Helene Trotzendorff. Es war eben ein anderer Zug, ein Vergnügungszug, angelangt, und ein Gewühl aufgeregten und dem Anschein nach sehr vergnügten Volkes, das unserer Stadt und ihrer hübschen landschaftlichen Umgebung seinen Besuch zugedacht hatte, quoll uns daraus entgegen. Der Morgen war schön, die Sonne schien, ein fröhlicher Schenktisch war von einem sorglichen Komitee errichtet worden; die fremden Liedergenossen oder Sangesbrüder kamen nicht nur mit ihrem musikalischen Hoch, sondern auch mit viel Durst bei uns an, und eine einheimische Blechmusikbande brach mit schmetterndem Hall zum Willkomm los: die Stadt und Residenz hatte sich sehr vergrößert und verschönert seit dem Tage, an welchem Mr. Charles Trotzendorff sein Weib und sein Kind aus ihr weg und zu sich holte, und der jetzige Bahnhof, von welchem ich nun die Frau Nachbarin, die Mutter des Freundes, nach Hause führte, stand damals auch erst auf dem Papier und lag noch auf den Tischen der Fürstlichen Landesbaudirektion. –

Die »Frau Doktorin« hatte ihren Arm in den meinigen gelegt, und sie, die bis in ihr höchstes Alter hinein einen leichten, schwebenden Schritt gehabt hat, bedurfte auf diesem Heimwege doch einer Stütze; ich wiederholte mir im Innersten das Versprechen, welches ich dem Freunde gegeben hatte.

Als wir das Getümmel hinter uns hatten, sah sie sich wie erschreckt um, wie man sich umsieht, wenn man etwas sehr Wichtiges hinter sich vergessen oder etwas sehr Wertvolles verloren zu haben glaubt. Dann aber faßte sie meinen Arm mit beiden Händen, indem sie stehenblieb, zu mir glanzvoll aufsah und rief:

»Und das mußt du doch selber sagen, bester Karl, daß ihr alle bis jetzt ihm gegenüber doch immer unrecht behalten habt! O bitte, sprich mir nicht dagegen! Ich habe meine Lust an ihm, meinen Glauben an ihn, meine Hoffnung auf ihn von jetzt an freilich nötiger denn je. O ihr alle, alle! Wir sind so gute Nachbarn gewesen unser ganzes Leben lang – laßt es uns bleiben – wir sind ja nur noch so wenige beisammen! Sieh, da ist nun mein dummer phantastischer Kopf: jetzt ist es doch wieder ganz anders mit der Welt in Licht und Farbe, als wie es noch vor fünf Minuten war! Da sah ich ihm noch in die Augen und mit seinem Sieg über die Welt auch den meinigen drin. Diese entsetzliche Blechmusik da hinter uns! ... Wie die Leute doch so vergnügt sein können und so geschäftig-eilig! Bitte, laß uns etwas rascher gehen! – Wozu denn dieser Lärm, diese fürchterliche Eile in der Welt? Wie wird er darin zurechtkommen? Er hat das ja leider von mir, daß er es mit nichts, wie andere Leute, eilig hat und sich Zeit zu allem nimmt und gern allein für sich sitzt, wie seine törichte alte Mutter. O bitte, sage es auch deinen Eltern, bitte sie, daß sie mich fürs erste wenigstens allein für mich lassen, bis ich mich wenigstens etwas wieder in mir zur Ruhe gefunden habe. Mein Gott, sind wir Mütter schuld daran, wenn wir unsern Kindern unser Bestes mit auf den Weg geben und sie elend dadurch machen? Wenn wir uns getäuscht hätten! Es wäre zu trostlos, wenn er seinen Willen durchsetzte und den meinigen mit und es doch nichts weiter als ein Märchengespinst, ein höhnisch-hübsches Schattenspiel an der Wand wäre! Wenn er mir das Kind heimbrächte und es doch seine Lebensbedingungen drüben hätte! Komm rasch – rasch nach Hause, bester Junge: der Strauß pflegt seinen Kopf in den Sand zu stecken, und die alte Doktern Andres steckt ihren in den Vogelsang. Aber bitte, halte mir für die nächste Zeit deinen lieben, guten Vater vom Leibe! Ist das nicht der Nachbar Hartleben, der sich dort in seinem Rollstuhl in die warme Sommerluft fahren läßt? ... Jawohl, Nachbar, er läßt Sie vor allen anderen noch einmal herzlich grüßen, und Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie sich heute abend noch auf ein Stündchen zu mir herüberschieben lassen, daß wir noch ein wenig über ihn zusammen schwatzen können. Wir zwei müssen jetzt mehr denn je treulich und fest zusammenhalten, Herr Nachbar.«

»Jawohl, Frau Nachbarin! Zumal da ich heute mein Grundstück meiner kümmerlichen Gesundheitsumstände wegen abgegeben habe, bis auf das Haus und den Morgen Gartenland dabei, um doch wenigstens noch ein bißchen was Grünes vom Fenster aus im Auge zu haben. Das wird eine großartige Konservenfabrik grade Ihnen gegenüber, Frau Doktern. Jaja, die Welt verändert sich um einen her, ohne daß man es eigentlich merkt, wie das ja auch in der Bibel steht. Hat mir recht leid getan, Frau Nachbarin, daß ich unsern Herrn Velten nicht mit nach dem Bahnhofe bringen konnte, zumal wie diesmal vielleicht auf Nimmerwiedersehn, denn davon hilft uns niemand, Frau Doktern, die Jüngsten sind wir Alten hier im Vogelsang nicht mehr, und was einem drüben über dem großen Wasser alles passieren kann, davon liest man ja tagtäglich das Menschenmöglichste von Glück und Unglück in der Zeitung. Na, ist der Lump – nichts für ungut, liebe Frau – dorten ein allmächtiges Tier und unzähliger Millionär geworden, so wird's unser junger Herr ja auch wohl machen; und wenn der mal, und vielleicht gar noch dazu mit einer jungen Frau, heimkommt, denn stellt sich das, was vom Vogelsang noch vorhanden ist, sicherlich auf die Zehen und bringt ihm ein musikalisches Hoch, dreimal doller als wie das, womit sie da eben wieder mal vom Bahnhofe in die Berge ziehen. Aber wie es ausfallen mag, dabei bleibt's Frau Nachbarin, wie sie uns auch den Vogelsang verbauen mögen: die Aussicht zwischen uns aufeinander sollen sie uns nicht verbauen. Er hat auch mir versprochen, mal an mich zu schreiben, mein ewiger Sappermenter, unser Tausendsassa! Ich habe ihn so manches Mal auf den Trab bringen müssen und sein Mädchen, ich meine die kleine Himmelskröte aus meiner Erkerwohnung, mit, und zwar nicht immer mit den lieblichsten und höflichsten Worten. Aber winken Sie mir nur mit einem Briefe von ihm, Frau Doktern, ich lasse mich ranrollen mit meinen jetzigen verdammten gichtbrüchigen Knochen und heule mit Ihnen oder reibe mir die Hände mit Ihnen, wie's ihm beliebt und er sich sein Leben bei den Antipoden einrichtet. Daß da wieder eine Kuriosität herauskommt, das steht mir baumfest. Diese Gewißheit ist mir doch natürlich aus meiner Bekanntschaft und Freundschaft mit ihm herausgewachsen wie je ein Stamm da oben in meinem Waldeigentum, und da kann ich mich wirklich schon jetzt vor dieser neuen Fahrt im Geäst mit meinen Gedanken verklettern und mir die Frage stellen: was wird das unsinnige Menschenkind nun jetzt wieder anstellen? Na, na, liebste, beste Frau Nachbarin, jetzt machen Sie mir kein böses Gesichte! Den Trost haben wir doch jedenfalls aus tausendfältiger Erfahrung: neun Leben hat ihm ja auch die Mutter Natur mitgegeben. Sie mögen ihn alle besser kennen als ich; aber wenn ihn einer ganz genau kennt, so ist das der alte Hartleben, denn wie oft bin ich hinter dem Burschen her gewesen, mit der hellen Wut über ihn, dem ersten besten Knüppel und Holzscheit oder mit beiden Händen vor dem Bauche, um mir mein Pläsiervergnügen an ihm zusammenzuhalten und es den Spitzbuben nicht zu sehr merken zu lassen. Jawohl ist dem keine Mauer, hinter der es für ihn in allen fünf Weltteilen was zu holen gibt, zu hoch. Und was die Mauern anbetrifft, durch die man auf Erden vor Verdruß mit dem Kopfe rennen möchte, na, die rennt er eben ein oder weiß auch 'nen Weg um sie herum zu finden, wovon ich ebenfalls hier im Vogelsang und auf meinem seligen Grundstücke die allermöglichsten Erfahrungen habe. Also machen Sie sich nur nicht zu viele Sorgen um ihn, Frau Nachbarin. Mit dem hat's keine Not, ob er als ein reicher Mann wie der Halunke Karlchen Trotzendorff uns nach Hause kommt oder ob er eines Abends anklopft und sagt: ›Da bin ich wieder, Herr Hartleben; es ist mir diesmal nicht geglückt, und es wäre mir ein Gefallen, wenn Sie diese Nacht einen Platz auf dem Stroh und morgen früh einen Tausendmarkschein zum neuen Anfangen für mich hätten.‹ Aber zu dem letztern noch eines zu Ihrem Trost, Frau Doktern! Wenn einer hier im Vogelsang im stillen auf Ihren Herrn Sohn gepaßt hat, so bin ich das und weiß: er klopft niemalen so an. Ein Kopfkissen auf dem letzten Stroh müßte man dem schon mit vielen Finessen und Höflichkeiten ankomplimentieren. Der junge Satan hatte das weichste Herz hier im ganzen Vogelsang – nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich auch vor Ihnen so rede, Herr Karl, Herr Assessor! –, aber wenn es dem einmal gefriert, so wird ein Eisklumpen draus, mit dem man der ganzen Menschheit den Hirnkasten einschmeißen könnte! Und nun nehmen Sie es nicht übel, Frau Nachbarin und Herr Krumhardt, daß ich Sie so lange aufgehalten habe, aber ich habe ja heute auch von einem Eigentum Abschied genommen, das mir mein ganzes Leben durch ans Herz gewachsen gewesen ist, und so bin ich denn bei Ihnen mit auf dem Bahnhof in Gedanken gewesen mehr als ein anderer hier im Vogelsang, und weiß Sie zu erkennen, liebste Frau Nachbarin. In früheren Jahren hätten Sie mir ein Wort wie mein jetziges nicht angesehen und geglaubt, Herr Assessor. Da hätten Sie wohl nur gelacht über den Nachbar Hartleben, den alten Grobian. Aber so in einem solchen Jammerrollstuhl, da hat es sich was mit der Menschen Arm- und Beinkräften und gesunder Lunge; da scheniert sich auch unsereiner nicht, mit seinen intimeren Meinungen herauszugehen; und nun, Herr Assessor, sehe ich, daß die Frau Doktern am liebsten mit ihren Gedanken allein sein möchte, also bringen Sie sie still nach Hause und grüßen Sie auch Ihre Eltern. Ich als neugebackener Rentner lasse mich noch ein Stück um die Promenade kutschieren – Herrgott, wer mir dies Vergnügen noch vor fünf Jahren prophezeiet hätte! Recht guten Morgen, liebe Herrschaften ...«

So bringe ich es zu den Akten, wie der Vogelsang sprach, indem ich hundert Worte in eines ziehe, während der Schnee der heutigen Winternacht unablässig weiter herabrieselt. Und ich muß dabei die linke Hand übers Auge legen, während ich schreibe; als ob mir die Sonne zu hell und blendend drauf läge. Es ist nicht das und ist es doch. Was trübt das Auge mehr als der Blick in verblichenen Sonnen- und Jugendglanz?

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.