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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Er ist doch mein Freund gewesen, und ich der seinige. Ich habe sein Leben miterlebt, und doch, grade hier, vor diesen Blättern, überkommt es mich von Seite zu Seite mehr, wie ich der Aufgabe, davon zu reden, so wenig gewachsen bin. Ich habe alles erreicht, was ich erreichen konnte; er nichts – wie die Welt sagt – und – wie ich mich zusammennehmen muß, um den Neid gegen ihn nicht in mir aufkommen zu lassen! Was kann ich heute an seinem Grabhügel andres sein als ein nüchterner Protokollführer in seinem siegreich gewonnenen Prozeß gegen meine, gegen unsere Welt? Was aber würde erst sein, wenn ich auch nicht mein liebes Weib, meine lieben Kinder gegen diesen »verlorengegangenen«, diesen – besitzlosen Menschen mir zu Hülfe rufen könnte? – – –

Wie gesagt, ich mußte nach Haus ins erste juristische Examen und ließ ihn in Berlin, in einer Gesellschaft, oder besser Genossenschaft, die damals schon nicht mehr bloß aus der Familie des Beaux bestand.

Das Beste aus dem Vogelsang, der Form wie dem Gehalt nach, in der Dorotheenstraße zu Berlin! Wie in dem Stübchen der Frau Fechtmeisterin die Trophäen des alten seligen Jenenser Lanistra oder, wie Leon ihn in seinen Chroniken fand, Maistre escrimeur ihr innerlichstes Behagen durch ein leises Schütteln und Klirren ausdrückten! Wie die Frau Fechtmeisterin manchmal ihren »närrischsten und liebsten dummen Jungen« am Ohr nahm und rief: »Jetzt hören Sie aber auf, Sie junger Schulfuchs! Sind wir die sieben Schwaben an einem Spieß, oder sind wir die vier Haimonskinder auf einem Gaul? Ich weiß es wirklich nicht. Und Sie, Fräulein Leonie? Geht es Ihnen auch so wie mir, daß Sie nie recht wissen, was das Menschenkind eigentlich für Ernst nimmt? Ja, ob er jemals in seinem Leben schon irgendwas für Ernst genommen hat? Ich für mein Teil habe mir seit lange nicht so oft wie jetzt meinen Seligen hergewünscht, um diesem jungen Leichtsinn und Phantastikus den richtigen Waffensegen zu geben, daß die Philister ihn uns nicht auf seinem Lebenswege zum Krüppel geschlagen im Chausseegraben liegenlassen. Velten, Velten, nehmen Sie das Wort der Fechtmeisterin Feucht drauf an, daß sie ihrerzeit manche gute Klinge aus mancher festen Faust hat schlagen sehen. Nicht alles, was auf der Mensur in den Lüften blitzt und leuchtet, sitzt nachher auf die richtige Weise und bringt eine saubere Abfuhr zuwege. Da mag man doch aufs Tapet bringen, was man will, Herr Andres: solch ein armer, unschuldiger, pudelnärrischer Draufgänger, mit der Gabe, den Spieß zu ärgern, wie Sie ist mir weder in Jena noch hier in Berlin noch sonst in meinem lieben, langen Leben vorgekommen. Den Herrn Leon frage ich nicht um seine Meinung; aber was ist Ihre Ansicht, Fräulein des Beaux?«

»Man kann auch unter den Fußtritten der Leute auf der Landstraße und in der Gasse auf Salas y Gomez sterben«, sagte Leonie des Beaux leise. Damals ging das Wort an mir vorüber in der lachenden, lustigen Unterhaltung, wie das so gewöhnlich ist, und ich habe mich vielleicht höchstens einen kurzen Augenblick darüber verwundert, wie das Mädchen dazu kam. Heute haftet mein Blick, von meinem Schreibtisch aus, über das benachbarte Hausdach hinweg auf einer bewaldeten Hügelkuppe. Das ist der Osterberg, auf dem wir, da wir noch Kinder waren, die Sternschnuppen, die Tränen des heiligen Laurentius, fallen sahen und es versuchten, bei jedem fallenden Funken einen Wunsch zu haben, um ihn in Erfüllung gehen sehen zu können.

Einen Tod auf Salas y Gomez, das heißt einen einsamen Tod, aber – nach dem Wege und Siege des Welteroberers wünschte sich Velten Andres damals.

Sein Wunsch ist ihm erfüllt worden! Er hat die Welt überwunden und ist mit sich allein gestorben. – – –

Also, wie gesagt, ich ließ ihn in Berlin, bestand zu Hause ehrenvoll, und wie es mein Vater auch gar nicht anders erwartet hatte, mein erstes juristisches Examen, wurde der nächsten Behörde, die eine Lücke für mich aufzuweisen hatte, als rechtskundiger Katechumene zugeteilt, entsprach den Anforderungen meiner Vorgesetzten und sah, wie mein Papa, dem zweiten »stärkern Licht«, das heißt der nächsten Prüfung, mit nicht ungerechtfertigtem Vertrauen entgegen. Er kam einige Male in den Ferien zu seiner Mutter heim und – stellte dem Vogelsang sowie der Residenz seinen Freund, Herrn Leon des Beaux, vor, indem er ihm sein Bett in seinem Schülerstübchen unterm schrägen Dache der Frau Doktorin abtrat, selber auf dem Sofa kampierte und (auch durch mich) in der Hauptstadt verbreitete: den Titel »Vicomte« habe die Familie im Laufe der Jahrhunderte einschlafen lassen, aber die französische Republik erkenne ihn heute noch an, und der schüchterne junge Mensch habe für jeden, der ihn zu nehmen wisse, einen unbegrenzten Kredit bei seinem Herrn Vater in der Tasche.

»Das geht ja noch über Schlappe!« seufzten unsere Zeitgenossen in der Heimat, fügten jedoch beruhigt hinzu: »Na, er wird wohl wieder nichts damit anzufangen wissen und seine guten Karten nicht aus Dummheit, sondern purer Suffisance abermals aus der Hand geben.«

»Was haben Sie den Herrschaften hier eigentlich über mich aufgebunden?« fragte wohl (und hatte das Recht dazu) der Sohn und Erbe des jetzt wohlhabendsten und berühmtesten Schneidermeisters von Berlin an der Spree, in gewohnter schüchterner Verlegenheit die Hände aneinander reibend. »Die Leute sind doch ganz gewiß nicht meinetwegen so liebenswürdig gegen mich an diesem entzückenden Orte.«

»Bloß Ihretwegen, Leon! Ich habe nur beiläufig fallen lassen, daß Sie mein guter Freund sind und daß mir Ihr Herr Vater sein Haus und einen Crédit illimité, das heißt Riesenpump, bei sich eröffnet habe. Krumhardt kann das bezeugen und unsere Alte da auch, Monsieur le vicomte.«

»Jaja!« lachte die Frau Doktorin Andres. »Beruhigen Sie sich aber nur, mein lieber Freund; solchen schlimmen Ruf unter den Leuten können Sie sich schon gefallen lassen. Es ist noch nicht die schlimmste Art, um verlegen zu werden, wenn einem die Leute in den Gassen nachgucken.«

»Monstrari digito«, entfuhr mir selbstverständlich, und ebenso selbstverständlich fuhr Velten Andres fort im Zitat:

»Et dicier Hic est!«, fügte aber natürlich hinzu, und zwar grinsend: »Herrje, er weiß auch hierfür ein Zitat! Leon, wünschen Sie heute nachmittag im Kasinokonzert den vornehmen Fremden zur Darstellung zu bringen, oder legen Sie sich lieber mit mir in den Wald am Schluderkopfe und wehren mir die Fliegen ab?«

»Aber Velten?!« murmelte selbst die Nachbarin Andres; doch ihr Sprößling meinte:

»Ich arbeite ja dabei an seiner Bildung, Mama. Na, wie ist's, Leon? Und wie ist's mit dir, Auskultatore oder zu deutsch: Aufmerker, auch, nach Heyses Fremdwörterbuch, Sitzungszuhörer?«

Auch ich verzichtete auf das Gartenkonzert der bessern oder besten Gesellschaft des Städtleins, und so durchstreiften wir die Wälder auf den Hügeln auch diesmal wieder wie in unserer Knabenzeit, und unsere Kameradin, Helene Trotzendorff, ging wieder mit uns. Velten hatte wieder einen Brief von ihr in der Tasche, über den er mit seiner Mutter schon manches gesprochen hatte und von dem er nunmehr auf dem Schluderkopfe auch uns genauere Mitteilung machte. –

Wir hatten heute alle unsere Kindermärchenwinkel in unserm frühern Zauberreich wieder aufgesucht, der Freund und ich, und uns vor dem »hohen Gast aus der Reichshauptstadt« nicht im mindesten geniert. Vor wem hatte sich übrigens Velten Andres auch je in irgendeiner Weise »geniert«?

Er hatte uns geführt. Von Busch zu Baum, vom Fels zum Weiher, durch den ganzen Zauberwald mit einem fortwährenden »Weißt du noch, Karlchen, hier? Erinnerst du dich noch, Krumhardt, da?« bis auf den Schluderkopf zu einem kurios verästelten, hohen Eichenbaum, an dem freilich für die drei Nachbarkinder aus dem Vogelsang ein wirkliches Abenteuer hing –

Hier hatte sie sich einmal verklettert, und ihm war es nicht möglich gewesen, sie aus den Lüften und schwankenden Zweigen wieder herunterzuholen und ihr zu festem Boden unter den Füßen zu verhelfen: ich hatte in die Stadt hinunter nach Beistand laufen und den Nachbar Hartleben mit seinen Leuten und mit Stricken und Leitern zu Hülfe rufen müssen.

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