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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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»Nun sage mir vor allen Dingen, wie bist du eigentlich zu der Bekanntschaft mit dem, wie es scheint, wirklich nicht übeln, scheuen Jüngling, diesem Schneider mit dem Namen Leon des Beaux gekommen?« fragte ich später am Abend auf dem Wege zur Kneipe den Freund.

»Wie man öfters zu allem Schönen, Nützlichen, Guten und Angenehmen sowie dem Gegenteil kommt – durch Zufall. Ich zog ihn wie damals Schlappen heraus; aber diesmal nicht unterm Eise weg, sondern aus dem Feuer – nämlich unserer schlechten Redensarten.«

»Unserer schlechten Redensarten?«

»Wenn dir dumme Witze, anzügliche Bemerkungen, rüde Anrempeleien lieber sind und besser klingen, mir auch recht. Die Fabel oder Wahrheit von der Krähe, die sich zum erstenmal zu Äsops Lebzeiten mit Pfauenfedern besteckte, kennst du wohl noch. Sie kam in diesem Abkömmling des Landes des Weins und Ölbaums, der Sonne und der Gesänge von neuem auf die Bühne der Welt, und ich natürlich ganz zur rechten Zeit, um meinen Spaß und nachher auch ein bißchen meinen Ernst dran zu haben. Das romantische Rindvieh hatte sich an einem der ersten Tage meines hiesigen Aufenthalts aus seiner Akademie für körperliche Bekleidungskunst im Roten Schloß in unsere Bude für geistige Maskierung dem Alten Fritz gegenüber verirrt, das heißt, sich als Hospitant in ein Kolleg über Ästhetik, in das ich auch die Nase steckte, eingeschlichen. Dummeres gab es gar nicht, ich meine nicht den lesenden Herrn Professor, sondern meinen Freund Leon des Beaux; doch das letztere wurde mir erst klar, als ich ihn zu Hause besucht hatte. Fürs erste war er für mich nur das in dem Dornbusch hängengebliebene scherzhafte Schafvieh. Philister über ihn! Der Hauptflegel, ein langer Bierlümmel mit der erbrechtlichen Anwartschaft auf den Landrat, Regierungspräsidenten oder sonst so was Schönes, der, wie sich nachher mir erklärte, mit dem Papa des Beaux hing, das heißt nach endlich bereinigtem Pump seine Rechnung noch mit ihm abzumachen hatte! Wie ich provinziales Unschuldswurm sofort in die Narrenteiding hineingeriet und mich sonderbarerweise auch der Situation gewachsen fühlen konnte, ist mir bis jetzt noch ein Rätsel. Es muß wohl so in mich gelegt sein, und im Grunde war's doch auch wieder nur der reine Vogelsang, wenn es da hieß: der Bengel muß doch bei jedem Unsinn und Skandal das Maul und die Faust im Spiel haben. Na kurz, du kannst dir das Ding jetzt schon ausmalen. Erst Hinhorchen, sodann ulkhaftes Vergnügen an dem Hauptwitz, Nähergehen, Umschlagen des Spaßes in sein Gegenteil, darauf die gewöhnlichen Redensarten bis zu dem: Herr, der dumme Junge sind doch nur Sie! ... Die Hauptsache war, daß ich meinen idealischen Schneider herausriß. Was sich nachher sachgemäß mit den Herren Kommilitonen an den Vorgang knüpfte, ist erledigt und Rechenschaft nach Goethes sämtlichen Werken Band eins gegeben worden. Selbstverständlich fühlte auch ich mich ein Mannsen und

... gedachte meiner Pflicht,
Und ich hieb dem langen Hansen
Gleich die Schmarre durchs Gesicht.

Wie sagt doch der andere Kerl aus Weimar? ... Die Blinden in Genua horchen auf meinen Schritt, oder so ungefähr. Fürs erste glaube ich mich in dieser Hinsicht hier bei euch im großen Weltleben gut genug gerauft zu haben. – Meinen zitternden Schneidersohn nahm ich unterm Arm: ›Nu, nur nicht ohnmächtig werden, Sie armes nasses Huhn! Sagen Sie mir um Gottes willen, was wollten Sie hier in dieser gemischten Gesellschaft? Und dann, wo wohnen Sie? Mein Name ist übrigens Andres.‹ – ›Meiner des Beaux – Leon des Beaux‹, stammelte das Geschöpf. – ›Aus Paris?‹ – ›Aus der Dorotheenstraße.‹ Da wir denn so ziemlich unter einem Dache wohnten, wie sich auswies, benutzten wir ein und dieselbe Droschke nach Hause, denn der Knabe war zum Gehen nicht mehr ganz in der nötigen Beinverfassung. Daß er mir am folgenden Tage bei meiner Frau Fechtmeisterin einen Besuch machte, war schicklich, würde meine Mutter sagen. Daß er mich einlud, nun auch zu ihm zu kommen und die Seinigen kennenzulernen, unnötig ... Krumhardt, ich kann jetzt auch dich dort einführen in der Familie! Würde es dir Vergnügen machen, das Haus des Beaux und Fräulein Leonie des Beaux kennenzulernen?« ...

Wenn ich heute an jene Redensart des Freundes denke und das Haus des Beaux, so wird es sehr licht um mich, und der Schein geht von den Leuten aus, zu denen ich damals geführt wurde. Der Junge aus dem Vogelsang, von der Schulbank, aus dem Pandektenkolleg und der Korpskneipe lernte wieder ein Stück Erde oder Welt kennen, von dem er nichts gewußt hatte, von dem er ohne Velten Andres auch wohl nie etwas erfahren haben würde. Seine übrigen gleichalterigen Lebensgenossen würden ihm wohl nicht dazu verholfen haben; schon in der Befürchtung, sich vor ihrer Welt durch zu genaue Bekanntschaft mit ihrem Schneider lächerlich zu machen. –

Sie kam uns von ihrem Flügel entgegen, Fräulein Leonie des Beaux. Ein hochgewachsenes, ruhiges Mädchen, ein schönes Mädchen, dessen freundlichem Gesicht es nichts tat, wenn sich über den großen, aber etwas kurzsichtigen schwarzen Augen die schwarzen Brauen dann und wann in eins zusammenzogen. Böse wollte sie dann nur selten hinsehen, nur etwas schärfer.

»Hinweise auf das Mittelmeer, Donjons, Falkenjagd, Zelter, Windspiele und König Renés Minnehöfe kannst du dir sparen, Krumhardt«, sagte Velten. »Ich habe sie alle schon selber gemacht. Auch den auf den Kastellan von Coucy und die Dame von Fayel. Übrigens, Karl, standest du gestern vor der lieben Kleinen grade so dumm, wie wenn du in Obertertia die Uhlandsche Simpelei dem Oberlehrer Knutmann zu deklamieren hattest.«

Er sagte dieses natürlich nicht in ihrer Gegenwart, sondern als wir wieder vor der Tür waren, und fügte hinzu: »Nun, was meinst du zu den Leuten?«

Man kann bei dem, was man »von den Leuten meint«, auch ein Gefühl haben von ihrer Umgebung, welches vollständig dazu gehört und nicht davon zu trennen ist. Dieses traf hier ganz und gar ein, und ich wußte nichts zu erwidern als: »Ausnehmend anständig.«

Heute würde ich sagen: es war ein vornehmes Haus, in welches wir gekommen waren; aber man hat ja so seine besondere Redensart für jede Lebensepoche. – Es war auch ein sehr wohlhabendes Haus, das auf dem besten Wege war, zu einem reichen zu werden. Mir imponierte es sehr, meinem Freunde Velten nicht im mindesten; der war da sofort so bei sich wie früher bei Hartleben im Vogelsang und jetzt bei der Frau Fechtmeisterin Feucht. Und es war dasselbe wie zwischen den grünen Hecken des Vogelsangs: es kam wieder ein schönes Mädchen für ihn an den Zaun, nur diesmal nicht, um sich mit ihm zu zanken, zu vertragen und wieder zu zanken. Leonie des Beaux zankte sich mit niemand in der Welt und vor allem nicht mit einem, dem sie sich zu Dank verpflichtet glaubte, weil er gegen »unser Kind«, ihren Bruder, gut gewesen war.

»Aber es sind ja auch beide ein paar Kinder«, sagte sie später, als wir zwei vertrauter und ganz bekannt miteinander geworden waren. »Ihr Herr Freund und mein armer Leon passen zueinander wie Hand und Handschuh. Herr Andres ist freilich die Hand. Ich freue mich recht, daß sie zusammengekommen sind, wenn auch durch eine so lächerlich-tragische Torheit meines närrischen Bruders. O Herr Krumhardt, bitte, nehmen Sie meinen Bruder nicht lächerlich! Man kann auch in einer Stadt wie Berlin noch immer in einem stillen Märchenwinkel aufwachsen, und das sind wir beide, Leon und ich; und mein Papa hat dazu geholfen (meine Mama ist lange tot), daß wir so geworden sind – Leon besonders, denn er hat von uns zweien immer die unruhigste Phantasie und Seele. Übrigens ist er doch auch ein rechter, guter Kaufmann. Er führt die Bücher da unten in unserm Geschäft, und Papa ist recht mit ihm zufrieden. Aber Papa ist eigentlich auch sehr mit daran schuld, daß wir so aufgewachsen sind in Einbildung und Träumen. Das hat sich so von einer Generation zur andern weitergegeben, seit wir unter Ludwig dem Vierzehnten nach Brandenburg zu dem Großen Kurfürsten gekommen sind. Ach, Herr Krumhardt, die Kinder des Schneiders des Beaux haben ihr Hausheiligtum und ihre Ritterbuchbibliothek wie der edle Junker Don Quijote von la Mancha. Hat Leon Sie noch nicht hineingeführt? Das wundert mich! Herr Vel- Herr Andres sitzt sehr häufig dort und hat auch schon manches Merkwürdige da gefunden, wie er sagt. Soll ich für Sie da auch sagen: Sesam öffne dich?«

»Das würde sehr liebenswürdig von Ihnen sein, gnädiges Fräulein.«

»Oh, spotten Sie nur über die Firma des Beaux, Vater und Sohn!« –

Es war hier wirklich kein Grund zum Spotten. Das Haus des Beaux hatte nicht nur seinen Salon, seinen Konzertflügel samt reichen Teppichen, Kronleuchtern, schönen Ölgemälden, Kupferstichen und dergleichen, was sonst zum laufenden Tag gehört; es hatte auch seine Bücherei, und in diesem nüchternen Berlin des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, heraus wie aus dem siebenzehnten Säkulum und in den Einzelheiten noch viel weiter zurück in den Zeiten und Historien, sein Museum. Wie die Leutchen es zusammengebracht hatten, war schon an und für sich ein historisches Wunder. –

»Von unseren angestammten Familienheiligtümern haben wir wenig mitbringen können in die Mark«, erklärte Fräulein Leonie. »Vieles ist geerbt oder angeheiratet; aber echt ist alles. Papa kommt durch seinen Beruf nicht selten nach Paris, und dann reist er gewöhnlich auch nach Südfrankreich, und sein Vater und Großvater haben das auch so gemacht. Papa kommt nie nach Hause, ohne sich und uns Kindern etwas von dorther mitzubringen. Bitte, nehmen Sie Platz!«

Das sah man, als sie sich an dem schwerfälligen, kugelfüßigen, grünbehangenen Studiertische in der Mitte des Gemachs niederließ, daß nicht nur alles umher echt war, sondern daß auch sie zu diesem Raume gehörte, und – ihr Bruder auch.

»Hier sitzen wir denn und denken uns zurück«, sagte Leonie. »Dann liegt auch für unsern Vater, oder grade für den erst recht, der Tag und unser Geschäft wie auf einem andern Weltball. Und hier ist an Leon und mich alles gekommen, was wir für unser Bestes halten und was den Leuten mit vollem Recht sehr komisch erscheinen muß, wenn wir damit unter sie geraten. Ich komme wohl nicht in die Verlegenheit; aber mein armer Bruder von seinem Schreibpult im Kontor drunten leider doch dann und wann, und so neulich wieder in Ihrer Universität, wo Herr Andres so gütig war, sich seiner anzunehmen. Er, Leon, hat es noch nicht so recht gelernt, den Traum und das Leben auseinanderzuhalten, und kommt also nur zu oft wie ein geschlagenes Kind nach Hause, und es kostet Wochen in diesem unserm Phantasiestübchen, ehe er sich wieder zurechtgefunden hat in der Welt. Wir haben eigentlich da draußen in der Zeitlichkeit einen großen Umgang, und darunter sucht er denn wie der alte Grieche nach Menschen, die zu ihm passen. Ach, wenn er dann nur ausgenutzt und gehänselt würde, so wollte ich gar nichts sagen; aber er wird auch gekränkt und bis ins Tiefste verwundet, und wenn ich auch die Älteste und die Vernünftigste bin – ein noch älterer Bruder von uns ist bei Mars la Tour gefallen –, so kann ich doch nur allzuoft ihm gar nicht helfen. Mich hat dieser grade für uns so schreckliche Krieg mit Frankreich nun wohl schon lebensverständig und tagesnüchtern genug gemacht in unserm hiesigen französischen Altväter- und Kinderzauberreich; aber ach, wenn ein Mensch es noch nötig hat, einen echten Freund zur Seite zu haben, so ist das mein armer Bruder! Und jetzt, Herr Krumhardt, nehmen Sie es mir nicht übel, jetzt hält er wieder einmal Ihren Herrn Freund, Herrn Andres, für einen solchen, und ich, ich – ich weiß nicht, wie ich Ihnen das sagen kann und ob ich es Ihnen sagen darf: ich weiß nicht, ob ich Freude oder Angst haben soll. Mein Bruder hat so viele Bekanntschaften gehabt, aber dies ist die erste, in der ich mich ganz und gar nicht zurechtfinden kann. O bitte, sagen Sie es sich selber besser, als ich es kann! Aber es wäre nicht edel und gut von Ihrem Freund, wenn er meinen lieben närrischen Leon noch mehr als ein anderer und bloß etwas feiner, also schlimmer, als ein armes Spielzeug behandeln würde.«

Es hat mein Freund Velten, von unserm ersten Zusammenaufwachsen im Leben und Vogelsang an, mir nie so ganz und gar mit allem, was in und an ihm war, vor der Seele gestanden wie in diesem Augenblick. Ich hätte eine Monographie über ihn schreiben und Doktor darauf werden können; aber zu erwidern wußte ich hier und jetzt nichts als:

»Gnädiges Fräulein, da können Sie ganz ruhig sein. Lustig macht sich der nur über sich selber. Da fragen Sie nur im Vogelsang nach. Ich will grade nicht sagen, daß er einen guten Ruf dort hatte in dieser Hinsicht; aber das war doch einfach bloß darum, weil ihn eigentlich nur drei Leute da ganz genau kannten. Seine Mutter, ich und – Ell- Fräulein Helene Trotzendorff.«

»Wohl eine liebe Tante von Ihrem Herrn Freunde?« fragte Leonie, und ich hatte mich wirklich erst einen Augenblick drauf zu besinnen, auf wen die Frage sich bezog. Aber es war ja auch richtig, damals ist Mistreß Mungos Mädchenname zum ersten Male in dem historischen Traumstübchen der Geschwister des Beaux genannt worden.

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