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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Ich war natürlich auch nach Berlin bloß des Studierens wegen gekommen. Damit wurde es diesmal gar nichts. Die schlimmsten Befürchtungen meines armen Vaters trafen ein; ich verfiel für die nächste Zeit wieder vollständig dem Verderben, das nach der Meinung aller Verständigen in der Heimat von dem Freunde ausging. Ich hatte ihn wieder, und er hatte mich wieder am Kragen, und wie sich die Vögel mit demselben Gefieder sofort wieder um ihn zusammengefunden hatten, das mußte ein Wunder sein auch für den, der an keine Wunder in dieser nüchternen Welt glaubte.

Da war zuerst seine Stubenwirtin, die Frau Fechtmeisterin Feucht. Ein anderer hätte die Millionenstadt jahrelang nach der aussuchen können, ohne sie zu finden: auf ihren jetzigen jungen Herrn, auf »ihren Velten«, schien sie schon jahrelang gewartet zu haben, um, »was sehr nötig war«, Mutterstelle an ihm zu vertreten.

Wir klopften schon am zweiten Abend unseres Zusammenseins an ihre Tür, und er stellte mich der kleinen Dame vor mit den Worten:

»Hier ist noch einer aus dem Vogelsang, gnädige Frau. Ein bißchen langweilig, aber sonst auch ein guter Kerl und erziehungsfähig, sogar ein wenig über das Maß seiner Bildungsbedürftigkeit hinaus.«

Dem naseweisen, scharfmäuligen Pennal einen »dummen Jungen« aufzubrummen wäre wohl das Sachgemäße gewesen, aber wie immer kam ich auch jetzt nicht dazu, meine Stellung dem Knaben gegenüber zu wahren.

»Von Jena?« fragte die elfenhafte kleine Greisin, noch immer die Klinke ihrer Tür in der Hand haltend.

»Von Göttingen.«

»War zur Zeit meines Seligen auch noch ein anständiger Aufenthalt. Bitte näher zu treten, Herr, wenn ich recht gehört habe: Studiosus juris Krumhardt?«

Ich konnte das nur bestätigen, aber mußte mich doch ein wenig zusammennehmen, um es mit der notwendigsten Höflichkeit und Freundlichkeit zu tun; doch –

»Weshalb kommen Sie nicht von Jena?« fragte die Frau Fechtmeisterin jetzt schon von ihrem Sofa aus. »Setzen Sie sich doch, Velten; und Sie auch, Herr Krumhardt, und nehmen Sie mir meine Frage nicht übel: ich komme nämlich von Jena, mein Mann ist da begraben, und ich bin dort jung gewesen, da erkundige ich mich denn bei den jetzigen jungen Herren gern so nach dort und der alten Zeit, eben hier von Berlin aus, wo keiner von uns eigentlich so recht weiß, ob er dahin gehört.«

Da saß sie, ein weißhaarig Mütterchen, mit scharfem, hübschem Altfrauengesichtchen und Augen, die auf jeder Mensur dem Gegner imponieren mußten, und das »keiner von uns« kam so selbstverständlich, natürlich, sachgemäß heraus, mit einem Anklang von Fechtboden und Kneipe, daß – es gar nicht anders möglich gewesen war: sie und Velten Andres mußten sich im Leben treffen. Der Wohnungsnachweis: Frau Fechtmeisterin Feucht, war vom Schicksal nur für meinen Freund Velten berechnet gewesen, im Treppenhause der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. –

»So setze dich doch, Mensch«, sagte der junge Weise aus dem Vogelsang, der bereits die andere Sofaecke neben seiner Frau Wirtin einnahm; ich aber stand freilich noch und sah mich immer noch um. Die ganze Welt kam hier gar nicht in Betracht; aber in ganz Deutschland gab es kein Witwenstübchen, das diesem glich. Mitten in diesem Berlin diese ganze deutsche Jugend, soweit sie sich in Jena und auf ihren Verbindungsbildern zusammengefunden hatte! Alle Wände damit bedeckt; – dazwischen, wo nur ein Räumchen, alles voll von Schattenrissen mit allen Couleuren an Mütze und Band. Waffentrophäen statt des Spiegels, Schläger und Stulpen und was sonst dazu gehört, wo nur noch was aufzuhängen war. Keine Ritterdame des romantischsten Mittelalters hatte je zu der Ausstattung ihres Ahnensaales und ihrer Kemenate so gepaßt wie die Frau Fechtmeisterin Feucht zu dem Schmuck und der Zierde ihres Altweiberstübchens, wie gesagt: mitten in diesem Berlin!

»Sie sehen sich wie jeder zuerst bei mir um und wundern sich, Herr Krumhardt«, lächelte die feine Greisin. »Ja, wundern Sie sich nur. Seine Messer schärft sich unser Herrgott selber, aber den Schleifstein drehen ihm die Menschen. Da die alten Bilder – die Fliegen sind tüchtig drüber gewesen –, sie haben auch ihr Teil an den deutschen Geschichten der letzten Jahre. Es sind ein paar gute Klingen drauf, die unser Herrgott nötig gehabt hat; und da haben wir den Schleifstein ihm mit gedreht; das heißt nämlich mein Seliger! Ich habe nur an ihm und euch jungen Leuten meinen Spaß – Gott verzeihe es mir! –, meine Freude gehabt; denn ich bin auch mal jung gewesen, meine Herren.«

»Das ist recht, Frau Fechtmeisterin«, brummte Velten, »renommieren Sie nur dem alten Mann da mit Ihrer Jugend. Er kann's gebrauchen.«

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür und –

»Das ist mein Schneider!« lachte Velten Andres. »Nun hab ich ja meine ganze gegenwärtige Bekanntschaft in eurer Weltstadt vollständig beieinander.«

Der junge Herr aus dem Vorderhause, den ich gestern schon in der Stube des Freundes getroffen hatte, schob sich schüchtern herein in das Gemach der Frau Fechtmeisterin:

»Ich darf doch?«

»Ja, kommen Sie nur, Leon«, sagte die Frau Fechtmeisterin. »Weshalb haben Sie Ihre Schwester nicht mitgebracht? Aber freilich, die hat schon am Morgen bei mir gesessen, das liebe Kind, um mir Gesellschaft zu leisten.«

»Und um mal von was anderem zu hören als von des Lebens bezahlten und unbezahlten Schneiderrechnungen«, lachte Velten.

»Redet man davon soviel bei uns, Herr Andres?« fragte der junge Herr und reiche Haussohn aus dem Vorderhause ein wenig vorwurfsvoll.

»Nein! Wahrhaftig nicht. Soweit ich bis jetzt darüber urteilen kann, des Beaux. Ich habe im Gegenteil bereits meinem Freunde Krumhardt davon erzählt, wie kurios anders das da drüben bei euch rauscht, klingt und tönt. Wie das da bunt durcheinandergeht. Troubadourgeklimper, Albigenser-Schwert- und –Speergerassel, hugenottischer Orgelklang und Chorgesang. Der Knabe aus der germanischen Provinz ist schon fest überzeugt, daß er in diesem seinem Berlin keine zweite gleich großartige Schneiderbude finden wird. Da habe ich Ihnen natürlich schon vorgearbeitet, Leon; übrigens bürge ich auch für jeden Pump, den er bei euch anlegt.«

»Aber Herr Andres?«

»Jawohl, mein Herr Andres«, sagte die Frau Fechtmeisterin Feucht, »seien Sie nicht zu naseweis und ausfallend. Dafür kennen auch wir beide uns doch erst zu kurze Zeit, als daß ich für alle schlechten Witze hier bei mir den Fechtboden hergeben möchte.«

»Karl, ich werde wieder verkannt!« seufzte kläglich mein Schulfreund aus dem Vogelsang. »Was habe ich denn anders sagen wollen, als daß Sie ein famoser Kerl sind, des Beaux, – ein Prachtmensch, der allen seinen großen Ahnen vor und nach dem Edikt von Nantes die Stange hält. Hat denn der Große Kurfürst nicht seine Leute zu euch geschickt, um sich den Rock bei euch wenden zu lassen? He, und da soll ich nicht einmal meinen Freund Krumhardt in das Vorderhaus empfehlen dürfen, um ihn hier am Ort in die beste Gesellschaft zu bringen?«

»Das läßt sich wieder hören, Leon«, meinte die Frau Fechtmeisterin.

Leon des Beaux aber drückte Velten Andres mit Tränen in den Augen die Hand und sagte schämig zu mir: »Mein Herr, es wird mir eine große Ehre sein, auch Ihre Bekanntschaft zu machen. Herrn Studiosus Andres kenne ich schon, habe ich die Ehre zu kennen.«

»Lassen Sie das Vergnügen nicht aus«, brummte der »Junge aus dem Vogelsang«.

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