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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Wir waren also wieder zusammen. Was ich aus eigener Erfahrung und aus den Briefen meiner Eltern von den letzten Vorgängen im Vogelsang wußte, konnte er mir und sich nun noch einmal, wie unsere damalige Redensart lautete, zu Gemüte führen. Er tat es; und da er von allen Menschen, die ich im Privat- wie im Geschäftsleben kennengelernt habe, der einzige gewesen ist, dem nie etwas darauf ankam, wann, wo, wie und vor wem er sich lächerlich machte, so hätte er wohl einen bessern Schreiber seiner Geschichte, als ich bin, verdient. Wenn ich in dem einen Augenblick den vernünftigen Leuten zu Hause recht geben und sagen mußte: er ist wirklich ein unzurechnungsfähiger Narr und Phantast, so wurde mir doch schon im nächsten Moment so heiß bei seinen Worten, Blicken und Gesten, daß ich ihm um den Hals hätte fallen mögen: »Du bist und bleibst doch der famoseste, beste Kerl in der Welt, Velten! Geben dir die Götter nur ein bißchen Glück auf deinem Wege, so stirbst du nicht auf Salas y Gomez, wohl aber, nachdem du vielleicht leider auch dein Persepolis in Brand gesteckt hast, zu Babylon. Alter Junge, was ist das aber für ein Glück, daß wir uns von Kindesbeinen an kennen: daß viele andere dich ernst nehmen, verlangst du wohl selber nicht!«

Er lag auf dem Sofa, mit den Beinen über der Lehne, er saß auf dem Stuhl, er saß auf dem Tische, er lief auf und ab, während er jetzt mir erzählte von dem Vogelsang und Helenen Trotzendorff. Von Zeit zu Zeit griff er nicht sich, sondern mir in die Haare und schüttelte mir den Kopf mit einem:

»Lache nicht, Mensch! Oder ja, lache nur, denn das tue ich ja selber über mich, wenn ich mich aus der Haut eines von euch Pachydermen bei sogenannter ruhiger Überlegung beurgrunze. Weißt du, und das Frauenzimmer kann wirklich nichts dafür! Es hat das Seinige in wahrhaft großartiger Weise getan, sich mir zu verekeln. Wenn es sich da drüben in Amerika so weiterspielt, wie hier bei uns im Vogelsang, so kann es sich, sich, sich zu was bringen in der Welt – sagt auch meine Mutter, und bei deren lieben, alten Falten um den Mund weiß man denn auch nie, ob sie sich ins Rosige hinaufziehen oder ins graueste Elend herunter. Na kurz und gut, das Mädchen und seine Mutter sind weg, und der Vogelsang hat Gott sei Dank! gesagt. Ich auch. Denn dies hielt kein Mensch mehr aus – selbst meine Mutter nicht. Ein paar Löffel von dem letzten Rest unserer Kindersuppe hast du ja auch noch abgekriegt; aber den Napf gründlich auszuscharren, das hatten die Götter allein mir vorbehalten und mich auch wahrscheinlich schon darum noch ein Jahr länger als dich auf der Schulbank sitzenlassen. Freilich, den Mister Trotzendorff im Vogelsang einrücken sehen, war allein schon das Vergnügen wert. Die Kröte! Ich meine meiner Mutter Helenchen.

Ich habe mich aus ihrem Arm gerissen,
Doch nur mit ihr werd ich beschäftigt sein. –

Den ›Bazar‹, von dem nachher auch bei Schiller die Rede ist, hielten sie ja schon längst bei Hartlebens. Lies den Quatsch Don Manuels selber nach und denke dir mich, das Mädel, meine Alte, ihre alte verbohrte Schachtel von Mama, deine Eltern, den alten Hartleben, kurz, den ganzen Vogelsang in all den Glanz, der da in der Braut von Messina zutage kommt, hinein. Die Sorte Schlappe und Familie, das heißt das übrige Nest in seinen Spitzen der Gesellschaft, laß ja nicht aus der Komödie heraus und male dir die vier Wochen, die ihrer Abfahrt, nicht aus dem Vogelsang, sondern aus dem Hôtel de l'Europe vorangingen, selber. Weißt du, was dein Vater sagte, als wir vom Bahnhofe nach Hause zogen, Krumhardt?«

»Nun?« fragte ich, nicht ohne einige Sorge, meinem besten Freund sofort die Nase einschlagen zu müssen.

»'Es steckt doch leider viel Gemeinheit in der Menschheit!' sagte er und hatte wieder mal, wie meistens, recht.«

»Die alte Nachbarschaft und Freundschaft ist also doch wenigstens bis zu der Abreise zusammengeblieben, Velten?«

»Jawohl. Aber da frage nur den alten Hartleben nach dem Dank, den er für seine langjährige Gastfreundschaft gehabt hat von Papa und Mama Trotzendorff!«

»Und Helene?«

Da faßte der Freund meine Schulter:

»Wäre dieser ganze Quark des Erzählens wert, wenn die nicht auch bei uns zu meiner Mutter Kinde geworden wäre? Wie hätte man vor Lust kreischen können, wenn man nicht selber mit an dem Wurm erzogen hätte! Jetzt offen gesagt, ich ganz besonders sehr, Krumhardt! Karlos, sie gehörte doch zu uns, und so lasse ich sie auch noch nicht fahren. Sie weiß es auch selber, was für ein gut Stück von uns sie mit in die neue Herrlichkeit, drüben jenseits des Ozeans, nimmt. Krumhardt, ich nehme gar nichts dafür, mich auch vor dir bodenlos lächerlich zu machen: es steht geschrieben, daß ich dem Geschöpfchen bis an der Welt Ende nachlaufen soll.«

»Über Berlin?« fragte ich, um doch etwas zu sagen.

»Jawohl über Berlin! Habe ich mein Leben und damit auch alle meine Wege nicht noch vor mir?«

Er hob den linken Arm, dessen gelähmtes Handgelenk ihn nur für den vaterländischen Kriegsdienst untauglich gemacht hatte.

Es leuchtete eine solche siegessichere, lachende, unverschämte Zuversicht aus seinen Augen, klang so sehr aus seiner Stimme, daß er wirklich nicht nötig hatte, mich auch noch derartig mit der gesunden, eisernen Rechten auf die Schulter zu klopfen, daß ich nicht nur körperlich in die Kniee knickte, sondern mir auch seelisch niedergedrückt, zusammengeschnurrt – kurz, klein vorkam. –

Er erzählte nun des genauern, wie sich die letzten Tage des Aufenthalts der Familie Trotzendorff im Vogelsang abgesponnen hatten. Wie der Glanz, den der Vater der Familie mit sich brachte, seine Wirkung nicht bloß auf den Vogelsang, sondern auch auf die ganze Stadt ausübte. Es mochte wiederum nur ein trügerisches »bengalisches« Licht sein; aber das Meteor stand doch lang genug am Himmel über dem Osterberge, um das Volk, das seiner Meinung nach wahrlich nicht in Finsternis saß und sich durchschnittlich für sehr helle hielt, zum staunenden Aufsehen zu bringen. Merkwürdigerweise hatten sämtliche offizielle öffentliche Wohltätigkeitsanstalten der Residenz, vor allem die unter hochfürstlichem Schutz stehenden Stiftungen und Stifter, sodann aber auch die Kleinkinderbewahranstalten, die Krippen und so weiter, ja, auch der Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener sich des kurzen Aufenthalts Mr. Charles Trotzendorffs im ersten Gasthof der Stadt (mit Familie) auf eine Weise zu erfreuen, die nur für ausnehmend nüchterne, schlechte Charaktere nichts Erstaunliches an sich hatte. Kein anderer Ortseingeborener hatte in so kurzer Zeit so oft in den öffentlichen Blättern der Stadt gestanden als Mr. Charles Trotzendorff. Seit Menschengedenken hatte kein anderer wie er es so verstanden, sich binnen kürzester Frist so sehr loben zu lassen. Daß es vom fürstlichen Residenzschloß an bis in den Vogelsang hinein zu feine Nasen gab, denen er zu gut roch, ließ sich freilich nicht leugnen und also auch nicht ändern. Seine Durchlaucht verweigerte eine nachgesuchte Audienz. Mein Vater brummte: »Schwindel!« Veltens Mutter seufzte: »Mein armes, liebes Kindchen!«, und der alte Hartleben meinte: »Wissen Sie, Frau Doktern, ich kann lange zurückdenken, aber solch eine Komödie, mit solch einem Hanswurst als Hauptperson drin, hab ich doch noch nicht erlebt hier in der Nachbarschaft! Herrje, was hat das Karlchen, der Kerl, zugelernt, seit er vor Jahren seinen Abschied von hier nehmen mußte!« –

»Weißt du, Karlos«, sagte Velten Andres zu mir, »die Alte ließ sich grade in jenen reizenden Wochen mal wieder das Neue Testament von mir vorlesen, und da kamen wir denn naturgemäß auf die Situation im Evangelium Johannis. Es war auch Nacht, das heißt spät am Abend, und wir saßen bei der Lampe und waren beim dritten Kapitel: Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, mit Namen Nikodemus, ein Oberster unter den Juden; der kam zu Jesu bei der Nacht und sprach zu ihm – ›Du, da hat ja wer geklopft‹, sagte Mutter, und da war sie, unsere Kleine, und stand scheu in der Stubentür und wagte sich nicht herein – sie wagte sich nicht herein, grade wie der alte spitzbärtige Jüd und Schriftgelehrte. Ob der aber bei seinem Besuch so geschluchzt hat wie das Kind, kann ich nicht wissen, glaube es auch nicht. Sie hatten sie schon im Hôtel de l'Europe in Purpur und köstliche Leinwand nach der neuesten Modenzeitung ausstaffiert, aber die Hauptsache war doch das naßgeweinte Taschentuch. Mit dem in den Händen tat sie nun einen Sprung zu meiner Alten Sessel und lag vor ihr auf den Knieen und zog mit beiden Armen und Händen ihren Hals zu sich herunter und winselte: ›Tante Andres, ich kann nicht so von euch – von dir, dir, dir fortgehen! O bitte, bitte, verzeihe mir's, daß ich's nicht ändern kann und daß es mir auch Vergnügen macht! Ich habe mich auch jetzt ja nur weggestohlen, um es dir noch einmal zu sagen, daß ich euch – dich, dich und den Vogelsang so lieb habe und daß es mir so sehr leid tut, daß ich draus fort muß! O könnte ich euch doch mitnehmen! Wir haben ja nun das viele Geld und das Glück, von dem Mama immer geredet und sich damit in unserm Elend getröstet hat; aber mein Vater lacht und sagt: Nonsense, und es ist wieder mal alles, was ich denke und fühle, nichts als Unsinn! Jawohl, Velten, du hast mir dasselbe oft genug gesagt, und ich bin oft genug wütend drüber geworden; aber nun sage es mir dreist noch einmal. Jetzt biete ich dir keine Ohrfeige mehr dafür an. Die ganze Welt kommt mir mit einemmal so dumm und unsinnig vor, daß auf das bißchen, was ich von der Sorte dazu gebe, wirklich nichts ankommt. Tante, Tante, liebste, beste Tante Andres, laß es mich nicht entgelten, daß ich so gern weggehe von hier und mich so sehr auf das neue Leben freue. Wenn du mich nicht liebbehältst, ist ja alles nichts; und dem alten lieben Hartleben sag auch, daß ich nichts dafür kann, daß meine Eltern so grob gegen ihn gewesen sind. Zu dir wage ich mich ja noch bei Abend aus dem Hotel heraus; aber zu Hartleben wage ich mich nicht mehr bei Tage und bei Nacht; o bitte, bitte, sagt es ihm – du auch, Velten! –, daß er immer der beste alte Mensch gewesen ist und ich von uns allen drein – dir, Velten, Karlchen Krumhardt und mir – die einzige gewesen bin, die es ganz genau wußte, daß es unrecht war, wenn wir ihn alle Tage halb zu Tode ärgerten! Ach Gott, was hätte ich noch alles zu sagen! – O küsse mich nur nicht, Tantchen Andres! Oder doch, doch, küsse mich nur – es war ja zu schön, zu gut hier bei euch, und wenn du es nicht weißt, was ich auf dem Herzen habe, so kann ich uns nicht helfen.‹«

»Deine Mutter kann ich mir hierbei vorstellen, Velten«, sagte ich.

»So? Ja, du hast freilich immer mehr gekonnt als ich; aber in dieser Hinsicht meine ich doch, daß du dich irrst. Du meinst, sie brüllte sich das Herz aus dem Leibe? Sie hätte die Kleine in Krämpfen hin- und hergerissen? Nicht die Idee! Famos hielt sie sich, die alte Riesin, für meinen Geschmack in der tragischen Stunde beinahe zu ruhig. Aber am andern Morgen schon wußte ich natürlich, daß sie wieder mal das einzig Richtige getroffen hatte. Das weißt du, wie oft sie auf uns hineingepredigt hat; aber so wie diesmal hat sie noch nie zu einem von uns dreien gesprochen: ›Gehe in Frieden!‹ – Das Kind ist an dem Abend in Frieden aus dem Vogelsang gegangen und hat an der Gartentür leise hingeweint: ›Ja, du hast recht; Vater und Mutter gehen freilich vor, und ich gehe ja auch gern mit ihnen; aber du bleibst dicht hinter mir, Tante Male, und ich will deine Hand immer an meinen Rockfalten haben. Und wenn – wenn mal – so viel – Dummes über mich hier nach dem Vogelsang geschrieben wird, wie über Papa, so glaubst du es nicht eher, bis du Velten geschickt hast, um nachzusehen. Aber ich will auch jede Woche selber schreiben.‹«

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