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Die Akten des Vogelsangs

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Akten des Vogelsangs
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32588-3
titleDie Akten des Vogelsangs
pages5-215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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Ich habe mich nun wirklich erst für eine Periode von anderthalb Jahren des näheren zu besinnen. Man hatte damals so viel mit sich selber zu tun, und die Tage gingen so leicht hin, daß es in der Tat seine Schwierigkeiten haben würde, ganz Genaues darüber zu Papiere zu bringen. Wir sind noch in den Ferien zu Hause beisammen: ich als Student und er noch als Schüler, und es ist für mich ein gewissermaßen peinliches Verhältnis. Für ihn nicht.

Auch Helene Trotzendorff ist noch im Vogelsang. Aber sie steigt nicht mehr über die grüne Hecke oder den Gartenzaun, kriecht auch nicht mehr unter der ersteren durch, sondern lehnt nur an ihnen: das schönste Mädchen, nicht bloß der Vorstadt, sondern der ganzen Stadt – hochgewachsen, goldblonden Haars, doch dunkel von Augen und Augenbrauen. Die Nachbarn sagen, sie sei vorzeitig in die Höhe geschloddert, aber das ist eine dumme und mehrfach auch vom Neid der Konkurrentinnen eingegebene Redensart. Im Waldgebirge Leukos, im arkadischen Gebiete des Pan und auf dem thrakischen Hämus würde man anders von ihr gesprochen und sie jedenfalls unter die zwanzig amnisiadischen Nymphen gezählt haben, die sich Artemis, wie Kallimachus singt, von ihrem Vater Zeus als Begleiterinnen ausgebeten hatte.

Mein Freund Velten ging freilich noch weiter und setzte mich durch philologisch-mythologische Kenntnisse über Verhältnisse in Erstaunen, von denen ich keine Ahnung aus der Schule mitgebracht hatte.

»Dieses Frauenzimmer«, sagte er. »Guck sie dir nur an, Mensch! Trägt sie nicht den von den Kyklopen geschmiedeten kydonischen Bogen der Diana selber? Und umklammert das prachtvolle Wurm nicht Tag und Nacht in ihrer Einbildung die Knie ihres Erzeugers mit der Bitte, ihr dreißig Städte und sämtliche Gebirge der Erde zu schenken? Kallimachus in seinem Hymnus hat's. Lies es selber nach, wenn es dir Spaß macht; mir macht es schon längst kein Vergnügen mehr, sie von ihren Phantasien abzubringen, und ich habe es auch aufgegeben.«

»Du scheinst dich aber jetzt sehr mit solchen Sachen abzugeben. Woher hast du denn dieses alles?«

»Sehr aus mir selber«, sagte Velten Andres, den sie erst ein Jahr nach mir für die Universitas literarum reif erklärten. –

Es schien damals, drüben in Amerika, einen kleinen Niedergang in den Angelegenheiten Mr. Charles Trotzendorffs gegeben zu haben. Mutter und Tochter wohnten noch bei Hartleben und warteten nicht im Optimatenviertel der Stadt auf den völligen Aufgang der Glückssonne von »Papa«. Mutter Andres hatte noch mehrfach zwischen den Bäcker, den Fleischer sowie die Milchfrau und den Kaufmann Tienemann und – Mistreß Agathe Trotzendorff treten müssen. Aber das ist so: ein heißer, glänzender Tag bricht öfter, als die Leute an Regentagen glauben wollen, aus wechselndem Gewölk hervor. Und manchmal bleibt es denn auch für die, welche »diese Witterung brauchen« können, »schön« bis zum Abend. –

Wie gesagt, ich habe wenig über diese Zeit in den Akten, was Velten und Helene anbetrifft. Mein kluger und wackerer Vater trug den Verhältnissen in einer Weise Rechnung, die ihm Velten Andres am allerwenigsten zugetraut haben würde. Wenn er mich im Vogelsang fest im Griff gehalten hatte, so ließ er mir jetzt merkwürdig freie Bahn.

Ich darf wahrlich nicht darüber lächeln; aber es ist so! Sein Ideal war, das, was er zu protokollieren und in die Registratur zu nehmen hatte, durch mich zu Protokoll und in die Registratur geben zu sehen: »Es ist mein Wunsch, daß du dich zu der besten Gesellschaft hältst. Wir, deine Mutter und ich, haben unser Leben darauf eingerichtet von deiner Geburt an. Laß mich an dir erleben, was ich selber nicht habe abreichen können.«

Selbstverständlich war ich daraufhin einer vornehmen Verbindung beigetreten, der schon die höchsten Spitzen der maßgebenden Kreise unserer heimatlichen Residenz angehört hatten als jugendfrohe Jünglinge; und ich kann es nicht leugnen: einige Male kam mir in dieser Lebensepoche ob meiner damaligen Verpflichtungen und Ehren der Vogelsang dann und wann so sehr aus dem Gesicht, daß Velten Andres vollkommen recht hatte, wenn er mich an den Beinen aus den Lüften wieder herunterzog durch das Wort:

»Bengel, von hier unten aus gesehen – aus der Froschperspektive betrachtet, bist du wirklich großartig, perpendikularmalerisch! Schade, daß du dich nicht selber so sehen kannst! Wie siehst du den fliegenden Göttergünstling, Mama?«

»Werde nicht unanständig, Junge«, sagte die Frau Doktorin. »Fliege du nur selber erst mal so.«

»Könnte mir nur im Traume einfallen!«

»Was haben wir vom wachen Leben mehr als unsere Träume?« fragte unsere Frau Nachbarin, und damit war ich denn damals schon wieder unten im wirklichen und wahrhaftigen Vogelsang – in der besten Nachbarschaft, die auf dieser verworrenen, feindseligen Erde möglich ist. –

Noch einmal ging ich aus den Ferien nach Göttingen, ehe wir beiden Nachbarsöhne wieder zusammentrafen, und zwar in Berlin. Am Tage meiner Abreise aber kam drüben bei Hartleben ein Brief an, der alles »zu Hause« veränderte: die neunte Woge, die Woge des Glückes, des Erfolgs rollte heran, goldglänzend, leuchtend, funkelnd von aller Herrlichkeit und Pracht der Welt, spülte hinein in den Vogelsang und trug zurückrauschend Helene Trotzendorff und ihre Mutter weg daraus. Mr. Charles Trotzendorff schrieb einen kurzen Brief, in welchem er dürr, nüchtern und wie als ob es sich so von selber verstehe, mitteilte, daß er demnächst als zehnfacher Dollarmillionär sich die Ehre geben werde, alte Freunde zu begrüßen und zugleich Weib und Kind zu sich zu holen.

Wie mir mein von Vorgesetzten und Untergebenen anerkannter guter Geschäftsstil abhanden kommt, je länger ich diese Blätter beschreibe, je klarer und deutlicher ich mir das zu Sinnen und Gedanken bringe, was ich hier dem Papier übergebe! Was bis jetzt das Nüchternste war, wird jetzt zum Gespenstischsten. Sie wackeln, die Aktenhaufen, sie werden unruhig und unruhiger um mich her in ihren Fächern an den Wänden und machen mehr und mehr Miene, auf mich einzustürzen. Ich kann nichts dagegen: zum erstenmal will an diesem Schreibtisch, jawohl an diesem Schreibtisch, die Feder in meiner Hand nicht so wie ich; und Velten Andres ist wieder schuld daran. Was meinem armen Vater seinerzeit so oft Verdruß und Sorgen machte, das Übergewicht dieses »Menschen« über mich, das ist heute noch ebenso sehr da wie in jenen Tagen, wo er mich durch die Hecke und über die Zäune des Vogelsangs zu jedem Flug ins Blaue aus dem Schul-, Haus- und Familienwerkeltag wegholte und wir Helene Trotzendorff mit uns nahmen, wenn sie uns nicht gar voranflog. –

In Berlin verfiel ich ihm sofort wieder.

Wie der Tag vor mir steht, an welchem ich diesem »krassen Fuchs« in der vollen Hahnenhaftigkeit meines vornehmen Verbindungsbewußtseins meinen ersten Besuch machte, nachdem ich mir herablassenderweise seine Adresse auf der Universitätsquästur hatte geben lassen!

»Studiosus Philosophiae Valentin Andres, Dorotheenstraße Numero 00, Hintergebäude, 3 Treppen, Frau Fechtmeisterin Feucht«, lautete sie, und es war ein Apriltag nach den Osterferien, als ich mit meiner Berliner Matrikel in der Tasche meinen Weg dorthin nahm. Wenn das Hinterhaus hielt, was das Vorderhaus versprach, so hatte der Neuling im Weltleben es gut getroffen; gewöhnlich ist das aber freilich nicht der Fall. Nicht ohne Grund bin ich hier etwas ausführlich.

An einem außergewöhnlich eleganten Schneiderladen (Herrenmoden) vorbei schritt man durch den gewölbten Hausflur, vorüber an der mit Teppichen belegten, in den ersten Stock führenden Treppe auf einen umfangreichen Hof, über den etwas nervenschwache Gemüter sich nur mit einiger Bedenklichkeit dem Hintergebäude zu wagen konnten. Der Eigentümer des Hauses, einer der ersten Hufschmiede der Stadt, bediente daselbst seine Kunden, und nicht jeder geht gern zwischen zwei Reihen Gäulen durch, die ihm alle die Hinterteile zuwenden und nicht alle ganz gutwillig ihr Schuhwerk in Behandlung geben. Schmiedegesellen, Reitknechte, Stallknechte, Kutscher in Livree und ohne solche walteten ihres Amtes zwischen ihren Schutzbefohlenen, je nach dem Temperament derselben und dem eigenen mehr oder weniger lärmhaft. Aus der Halle des Seitengebäudes leuchteten die Schmiedefeuer und klangen die Hämmer in das Gewieher, die Flüche, Begütigungen und die sonst übliche Unterhaltung zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Vieh, Tier und Mensch hinein. Man hatte wirklich zu schreien, wenn man sich hier nach der Frau Fechtmeisterin Feucht erkundigte.

Aber da war das Hintergebäude, und wer mit uneingeschlagenem Schädel oder Brustkasten zu ihm gelangte, der fand auch wohl, ohne zu fragen, die Pforte, von der aus die Treppe in den dritten Stock emporging.

Ich hatte damals das Glück, gelangte in das dritte Stockwerk und zog auf dem dämmrigen Vorplatze die Glocke.

»Frau Fechtmeisterin Feucht?«

»Bin ich«, sagte eine kleine, zierliche alte Dame zwischen fünfzig und sechzig Jahren.

»Studiosus Andres?«

»Dort jene Tür, mein Herr.«

Ich grüßte, und die kleine Frau setzte mir einen vollkommenen Hofdamenknicks hin; meinen Freund fand ich in einer der bekannten Berliner Studentenbuden zu Hause und Besuch bei ihm: einen feinen, eleganten, schmächtigen jungen Herrn mit schwarzen Haaren, von etwas kränklicher Gesichtsfarbe und von ungemein höflich-schüchternem Wesen. Gottlob auch bereits mit dem Hut in der Hand.

»Guten Tag, Krumhardt«, sagte Velten, als ob er mich noch über die Hecken des Vogelsangs grüßte. »Bist du da? ... Auf Wiedersehen, des Beaux! Übrigens könnte ich euch Leute doch auch der Bequemlichkeit wegen gleich miteinander bekannt machen. Mein Provinzialfreund, Herr Karl Krumhardt, der Rechtswissenschaft möglichst Beflissener – Herr Leon des Beaux aus dem Vorderhause, seines Zeichens –«

»Oh, ich bitte Sie, Herr Andres! Ich möchte jetzt nicht stören; – wenn Sie mir erlauben –«

»Menschenkind, nehmen Sie sich alle Freiheiten bei mir, die Ihnen angenehm sind. Ich werde mir bei Ihnen zu Hause selbstverständlich das gleiche erlauben.«

»Ich bitte darum!« rief der interessante, bleiche, schwarzhaarige Jüngling und entschlüpfte mit scheuen Verbeugungen, sowohl gegen Velten wie gegen mich.

»Es ist der Sohn des Schneiders aus meinem Vorderhause«, sagte Velten. »Seine Ahnen haben unter Ludwig dem Neunten gegen die Ungläubigen gestritten, haben Toulouse gegen Simon von Montfort verteidigt, im Löwengolf Galeeren gegen die Beis von Tunis, Tripolis und Algier kommandiert und unter Ludwig dem Vierzehnten, dem Edikt von Nantes und der Frau von Maintenon zuliebe, selber auf solchen gemütlichen Fahrzeugen gerudert. Der Zweig des Geschlechts, der sich unterm Großen Kurfürsten hierher nach Berlin ins Trockene gerettet hat, scheint mir jetzt auch sein Schäflein ins Trockene zu bringen. Ich glaube, ich kann dir die Firma des Beaux empfehlen für deinen Bedarf an Hosen, Jacken und Westen. Die Schwester des guten Jungen heißt Leonie, du findest sie im Vorderhause im ersten Stock – Blüthnerscher Flügel, deutsche, französische, englische Literatur und was sonst zu einer höhern Tochter gehört. Ich kann dich vorstellen, aber nehme die Verantwortung nicht auf mich, denn das Fräulein ist auch hübsch – immer noch südfranzösisches Genre. Leonie des Beaux! Wie klingt dir das von einer Schneidertochter hier im Lande der Fritzen und Karlinen? Wie mir scheint, hat die ganze Familie ein gut Stück Romantik aus der Langue d'Oc in den märkischen Sand durch die Jahrhunderte hineingerettet. Na kurz, die Gesellschaft gehört zu der noch immer so genannten französischen Kolonie, und ich benutze die Gelegenheit, mein Französisch zwischen Leon und Leonie aufzupolieren.«

Ich hatte ihn reden lassen müssen. War das der Mensch, dem ich im Innersten doch mit meiner deutschen Burschenherrlichkeit zu imponieren gewünscht hatte? Es ging ein Zug von so frühreifer Welterfahrung und Weltgewandtheit durch dies alles, daß ich nur verblüfft brummen konnte:

»Na, du scheinst dich ja auch ohne Beihülfe recht gut außerhalb des Vogelsangs und der Schulstube orientiert zu haben!«

Da flog es dunkel über sein eben noch so lachendes Gesicht:

»Doch wohl nicht ganz ohne das, was du Beihülfe nennst. Halb schob es, halb zog es, wenn du die Weiber zu den Menschen rechnest.«

»Du bist seit vierzehn Tagen in Berlin und in der weitern Welt, du krasser Fuchs?«

»Und ich habe daheim Miß Ellen Trotzendorff aus dem Vogelsang in den Eisenbahnwagen erster Klasse geholfen und meiner Alten über den Zaun des Vogelsangs versprochen, es ferner gut zu machen. Lieber Junge, in dieser Beziehung hat deines Vaters Gebrumm ebenfalls gar nichts genutzt: es bleibt eben für mich bei der Weibererziehung. Soll etwa Großvater Goethe den zweiten Teil seines Fausts bloß für sich und eure frechdummen Literaturgeschichtsschreiber zusammengestolpert und -geholpert haben? Nee, nee, mein Junge! Ich habe mich von den Weibern erziehen lassen und lasse mich von den Weibern weiter erziehen. Geh du nur hin; ich bleibe bei den Müttern, bei den Frauen und bei den Mädchen. Übrigens, Mensch, wäre es doch recht freundlich und herablassend von dir, wenn es dein erster Weg gewesen wäre, mich bei der Frau Fechtmeister Feucht aufzusuchen.«

»Gehört die etwa auch schon zu den Schürzen, hinter denen du dich im Dasein außerhalb der philosophischen Fakultät verkriechen willst?«

»Sehr!« lachte Velten Andres.

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