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Gutenberg > Franz Grillparzer >

Die Ahnfrau

Franz Grillparzer: Die Ahnfrau - Kapitel 8
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Ahnfrau
authorFranz Grillparzer
year1989
publisherPhilip Reclam Verlag
addressStuttgart
isbn3-15-004377-8
titleDie Ahnfrau
pages1-96
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Vierter Aufzug

Halle wie in den vorigen Aufzügen. Lichter auf dem Tische. Berta sitzt, den Kopf in die flachen Hände und diese auf den Tisch gelegt.

Günther (kommt).
Ihr seid hier, mein gnäd'ges Fräulein?
Mögt Ihr weilen so allein
In den düsteren Gemächern
Und in dieser, dieser Nacht?
Wahrlich, eine schreckenvollre
Hat dies Aug' noch nie gesehn.
Wimmernd heult der Sturm von außen
Und im Innern schleicht Entsetzen
Sinnverwirrend durch das Schloß.
Auf den dunkeln Stiegen rauscht es,
Durch die öden Gänge wimmert's,
Und im Grabgewölbe drunten
Poltert's mit den morschen Särgen,
Daß das Hirn im Kreise treibt
Und das Haar empor sich sträubt.
Manches steht uns noch bevor,
Wandelt doch die Ahnfrau wieder;
Und man weiß aus alten Zeiten,
Daß das Großes zu bedeuten,
Schweres anzukünden hat,
Unglück oder Freveltat!

Berta.
Unglück oder Freveltat?
Unglück, ach und Freveltat. –
Reichte nicht das Unglück hin
Dieses Dasein zu vernichten,
Warum noch den schweren Frevel
Laden auf die wunde Brust?
Warum, du gerechtes Wesen,
Noch mit des Gewissens Fluch
Deinen harten Fluch verschärfen?
Warum, Gott, zwei Blitze werfen,
Wo's an einem schon genug?

Günther.
Ach, und Euer grauer Vater
Draußen in dem Wintersturm
Bloßgestellt der Wut des Wetters
Und der blut'gen Räuber Dolch!

Berta.
Dolch? – Was sagst du? – Welcher Dolch?
Gab ich? Nahm er nicht?

Günther.
Liebes Fräulein,
Laßt den Mut nicht ganz entweichen!
Alle diese trüben Zeichen
Sind ja doch nur Wetterwolken,
Die des Sturmes Nahn verkünden:
Doch nicht alle Donner zünden,
Und des Blitzes glühnder Brand
Liegt in Gottes Vaterhand.

Berta.
Du hast recht. – In Gottes Hand!
Du hast recht! – Ja ich will beten!
Er wird Hilf' und Trost verleihn;
Er kann schlagen, er kann retten,
Er kann strafen und verzeihn!

(Am Sessel niederknieend.)

Günther (ans Fenster tretend).
Es erhellet sich die Gegend,
Fackeln streifen durch das Feld.
Man verfolgt den Rest der Räuber,
Der sich hier verborgen hält.

Berta (knieend).
Heil'ge Mutter aller Gnaden,
Laß mich dir mein Herz entladen,
Aus mich schütten meinen Schmerz;
Mild, mit weichem Finger streife
Von der Brust den Kummer, träufe
Balsam in dies wunde Herz!

Günther.
Rund herum im Kreis sie stehen,
Jeder Ausweg ist verstellt.
Da mag keiner wohl entgehen,
Wie er sich verborgen hält.

Berta (in steigender Angst).
Hüll ihn ein in deinen Schleier
Den Geliebten, mir so teuer,
Er ist ja zurückgekehrt!
Wollest gnädig ihn bewahren!
Führ ihn durch der Späher Scharen,
Führ ihn durch der Feinde Schwert!

Günther.
Wär' doch Euer Vater hier.
Daß es ihn hinausgetrieben!
Wär' er doch bei uns geblieben,
Wenn – mit Schaudern denk ich's mir!

Berta.
Schau herab vom Sternensitze,
Und auch ihn, auch ihn beschütze,
Dem man schon so viel geraubt;
Was den Teuern, Lieben dräuet,
Sei auf dieses Haupt gestreuet,
Sei gelegt auf dieses Haupt!

Günther.
Jetzt scheint etwas auf gespürt!
Alles eilt der Mauer zu.
Setzt er sich auch noch zur Wehr,
Der entkömmt wohl nimmermehr.

Berta (in höchster Angst, fast schreiend).
Wend es ab! – Ach, wende! wende!
Hier erheb ich meine Hände.
Oder ende! – ende! – ende!

(Pause. – Beide horchen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Berta richtet sieh langsam auf.)

Günther.
Horch! – Ein Schrei!

Berta.
Ein Schrei!

Günther.
Wieder Stille.

Berta.
Wieder Stille –

Günther.
Himmel! War das nicht die Stimme?

Berta.
Wessen Stimme?

Günther.
Fort Gedanke!
Das zu denken wär' schon Tod!

Berta.
Wessen Stimme?

Günther.
Ei nicht doch!
Alle stehen sie versammelt
Rings um einen Gegenstand,
Der, so scheint's, am Boden liegt.

Berta.
Liegt? Am Boden liegt?

Günther,
Ich kann
Nicht hinvor bis dahin blicken,
Denn des Hauses scharfer Vorsprung
Hemmt die Aussicht nach der Seite.
Doch dünkt mich an jener Linde,
Die das Fenster dort beschattet –

Berta.
An der Linde?

Günther.
Ja, so dünkt mich.

Berta.
An der Linde? – Liegt am Boden?

Günther.
Wie ich sagte. Also scheint's.

Berta.
Gott, mein Jaromir!

Günther.
Ei Fräulein,
Der schläft ruhig in der Kammer.

Berta.
Schläft? Ach schläft um nie zu wachen!

Günther.
Horch, man kömmt. – Da laßt uns fragen
Was sich unten zugetragen.

(Hauptmann kommt.)

Hauptmann (eintretend).
Heda! Betten! Tücher! Betten!

Günther.
Ach sagt an doch, edler Herr!

Berta (steht bewegungslos).

Hauptmann.
Ihr auch hier, mein holdes Fräulein?
Darauf war ich nicht bereitet.
Hilfe wollt' ich hier begehren,
Nicht des Unglücks Bote sein.
Euer Vater ist –

Berta (schnell).
Und Er?

Hauptmann.
Wer, mein Fräulein?

Berta.
Und – die Räuber?

Hauptmann.
Noch ist es uns nicht gelungen.
Ach und Euer Vater –

Berta.
Nicht? –
Nun habt Dank für Eure Botschaft! 2

Hauptmann.
Botschaft? Welche Botschaft?

Berta.
Daß –
Ich erwarte wollt' ich sagen,
Ich erwarte Eure Botschaft.

Hauptmann.
Hört sie denn mit wenig Worten. –
Euer Vater ist verwundet.

Berta.
Ist verwundet? Wie, mein Vater?
O ich will ihn pflegen, warten,
Sorglich heilen seine Wunden,
Und er soll gar bald gesunden
An der Tochter frommen Brust.

Hauptmann.
Nun mich freut's, daß meine Botschaft,
Euch gefaßter, mut'ger trifft,
Als ich fürchtete und – hoffte.

Günther.
Also war's doch seine Stimme!
Ich will alsogleich hinaus –

Hauptmann.
Bleib! Bereite lieber alles,
Denn man bringt ihn schon hierher.
Hart traf ihn der Stoß des Räubers –

Berta.
Ha! – des Räubers?

Hauptmann.
Wohl, des Räubers;
Wessen sonst? Doch ja, Ihr wißt nicht. –
Wir durchstreiften rings die Gegend,
Euern Vater in der Mitte,
Denn trotz meiner warmen Bitte,
Blieb er, tief die Kränkung fühlend,
Die ich schuldlos ihm gebracht,
Helfend, leitend unter uns –
Horch! Da rauscht's durch die Gebüsche,
Und die Wachen rufen's an.
Keine Antwort. Meine Leute
Froh ob der gefundnen Beute
Stürzen jubelnd drauf und dran.
Und nach einem jener Gänge
Die in wildverworrner Menge,
Halb verfallen, weit umhin
Dieses Schlosses Wall umziehn,
Sahn wir einen Schatten fliehn.
Euer Vater stand der Nächste,
Und mit vorgehaltnem Degen
Stürzt er jugendlich verwegen,
Nach dem Räuber in den Gang.
Da ertönt ein matter Schrei.
Eilig stürzen wir herbei.
Euer Vater liegt am Boden,
Ohne Leben, ohne Odem,
Seiner selbst sich nicht bewußt,
Einen Dolch in seiner Brust.

Berta.
Einen Dolch?

Hauptmann.
Ja, liebes Fräulein!

Berta.
Einen Dolch?

Hauptmann.
Ja, einen Dolch.

Berta.
Fort! hinaus! hinaus! hinaus!

Hauptmann (sie zurückhaltend).
Bleibt doch, liebes Fräulein, bleibt doch!
Seht man bringt ihn. –

(Soldaten und Diener bringen den Grafen auf einer Tragbahre, die sie in der Mitte der Bühne niedersetzen.)

Berta.
Gott! Mein Vater!
Laßt mich! Laßt mich!

Hauptmann.
Ruhig, Fräulein!
Denn Ihr tötet Euch und ihn!
Ruhig!

Berta.
Ruhig? – Laßt mich! Laßt mich!

(Sich losreißend und an der Bahre niederstürzend.)

Vater! Vater! O mein Vater!

Graf (in Absätzen).
Ah bist du es, meine Berta?
Gutes Mädchen, armes Kind,
Armes, armes, armes Kind!

Berta.
Vater, mir nicht diese Güte,
Vater, mir nicht diese Huld,
Sie vergrößert meine Schuld!

Graf.
Wenn in jenem Augenblicke
Bei der Fackeln fernem Licht
Mich getäuscht mein Auge nicht,
Wenn er's war, er den ich meine –
Armes, armes Kind, dann weine
Um dich selber, nicht um mich!
Wo ist Jaromir?

Berta (bebend, leise).
Ich weiß nicht.

Graf.
Wo ist Jaromir, mein Kind?

Berta (ihr Gesicht in die Kissen verbergend).
Vater! Vater!

Graf.
Nun, es sei!
Fahre wohl denn, fahre wohl
Meine letzte, einz'ge Hoffnung!
Wohl, die Sonne ist hinunter,
Ausgeglimmt der letzte Schein,
Dunkle Nacht bricht rings herein.
Es ist Schlafens-, Schlafenszeit! –
Gutes Mädchen, armes Kind,
Klage, dulde, leide, stirb!
Dir kann nimmer Segen werden,
Für dich gibt's kein Glück auf Erden,
Bist du ja doch meine Tochter,
Bist doch eine Borotin.

Günther.
Haltet ein, mein gnäd'ger Herr!
Eure matte, wunde Brust
Leidet unter Eurem Sprechen.

Graf.
Laß mich, treuer Diener, laß mich
Noch einmal, am Rand des Grabes,
Diesem wüsten, wirren Leben,
Wüst und rauh und dennoch schön,
Noch einmal ins Auge sehn.
Seine Freuden, seine Leiden
Mich zum letzten, letzten Abschied,
Noch einmal als Mensch mich fühlend,
Drücken an die Menschenbrust.
Noch zum letzten Male schlürfen
Aus dem bittersüßen Becher –
Und dann Schicksal nimm ihn hin!

Berta.
Vater, nein! Nicht sterben! – Nein!
Nein, Ihr dürft nicht, dürft nicht sterben!
Seht, ich klammre mich an Euch
Seht, Ihr dürft, Ihr könnt nicht sterben!

Graf.
Willst du mit den Kinderhänden
In des Schicksals Speichen greifen?
Seines Donnerwagens Lauf
Hält kein sterblich Wesen auf.

(Ein Soldat kömmt.)

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