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Die Ahnfrau

Franz Grillparzer: Die Ahnfrau - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Ahnfrau
authorFranz Grillparzer
year1989
publisherPhilip Reclam Verlag
addressStuttgart
isbn3-15-004377-8
titleDie Ahnfrau
pages1-96
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Dritter Aufzug

Halle wie in den vorigen Aufzügen.

Berta (sitzt am Tische, den Kopf in die Hand gestützt).
Liebe das sind deine Freuden,
Das Besitz ist deine Lust?
Wie sind dann der Trennung Leiden,
Und wie martert der Verlust?

(Sinkt in ihre vorige Stellung zurück.)
(Pause – Jaromir öffnet die Seitentüre rechts, und will schnell zurück da er jemanden erblickt.)

Berta.
Jaromir! – Du weichst zurück?
Weichst vor mir zurück? – O bleib!
Wie hab ich um dich gezittert,
O Geliebter, wie gebebt!
Sprich, wie fühlst du dich?

Jaromir (scheu und düster).
Gut! Gut!

Berta.
Gut? O daß ich's glauben könnte!
Jaromir, wie siehst du bleich!
Gott! Am Arm die Binde –

Jaromir.
Binde?

Berta.
Hier!

Jaromir.
Ei Scherz!

Berta.
Ein blut'ger Scherz!
Sieh das Blut hier an dem Ärmel.

Jaromir.
Hat's geblutet? Possen, Possen!

Berta.
Reiß mich doch aus dieser Angst!
Wo wardst du, und wie verwundet?

(Ihre Augen begegnen den seinigen, er wendet sich schnell ab.)

Berta.
Du erbebst? du kehrst dich ab?

Jaromir (einige Schritte sich entfernend).
Nein ich kann nicht, kann nicht, kann nicht!
Seh ich diese reinen Züge,
Senkt zu Boden sich mein Blick
Und der finstre Geist der Lüge
Kehrt zur finstern Brust zurück.
Hölle! eh' du das begehrst,
Laß zuvor dies Herz sich wandeln,
Und soll ich als Teufel handeln,
Mache mich zum Teufel erst!

Berta.
Jaromir, ich laß dich nicht!
Steh mir Rede, gib mir Antwort!
Wo wardst du und wie verwundet?

Jaromir (mit gesenktem Aug').
Schlafend ritzt' ich mich am Arme.

Berta.
Schlafend? Du hast nicht geschlafen!
Sieh, ich war in deiner Kammer,
Du warst fort, das Fenster offen!

Jaromir (erschreckend).
Ha!

Berta.
Geliebter, laß mich's wissen!
O du weißt nicht, welche Bilder
Schwarz vor meine Seele treten.
Heiß sie weichen! Heiß sie fliehn!
Wo wardst du, und wie verwundet?

Jaromir (mit Bedeutung).
Du begehrst's, so sei es denn! (Mit Absätzen.)
Angelangt in meiner Kammer
Hört' ich schießen, klirren, schreien –
Deinen Vater wußt' ich unten –
Wollte helfen – schützen – retten –
Weiß kaum selbst mehr was ich wollte. (Gefaßter.)
Wie ich nun so sinnend stehe,
Da gewahr ich einer Linde,
Die die frostentlaubten Aste
Bis zu jenem Fenster streckt.
Ich ergriff die starken Zweige,
Die sie hilfreich bot, und steige,
Unbesonnen, unbedacht
Rasch hinunter in die Nacht.
Hundert Schritte kaum gegangen –
Fällt ein Schuß – Ob Freund ob Feind –
Weiß ich nicht – genug – er traf.
Da erwacht' ich zur Besinnung,
Sah mit Schreck was ich gewagt.
Weiter gehen schien gefährlich,
Drum eilt' ich zurück zur Linde,
Die herab mir half, und finde
Auch den Rückweg so zurück.

Berta.
Und bei allen dem befiel dich
Auch nicht ein, nicht ein Gedanke
Nur an mich, an meinen Schmerz.
Einem Einfall hingegeben,
Wagtest lieblos du dies Leben
Das zugleich das meine ist.
O du fühlst nicht so wie ich!
Wenn dich gleiche Sehnsucht triebe,
Wüßtest du wohl, daß die Liebe
Auch das eigne Leben ehrt,
Weil's dem Teuern angehört.

Jaromir (an seinem verwundeten Arm zerrend).
Tobe, tobe, heißer Schmerz,
Übertäube dieses Herz!

Berta.
Warum zerrst du so am Arme?
Deine Wunde –

Jaromir.
Ist verbunden!

Berta.
Rauh die Schärpe umgewunden!
Harter, fühle meine Schmerzen,
Wenn du deine auch nicht fühlst.

Hier ist Balsam – hier ist Linnen –
Mir den Arm! Ich will ihn heilen.
Reich mir ihn; ich will versuchen,
Ob es mir vielleicht gelingt,
Einen jener lieben Blicke,
Ein Geschenk in schönern Tagen,
Jetzt als Lohn davonzutragen.
Jaromir, ich will's versuchen,
Ob die Hand hier mehr erreicht,
Als dies Herz voll heißer Triebe,
Ach und ob dein Dank vielleicht
Reicher ist, als deine Liebe, (Die Schärpe ablösend.)
Sieh doch nur, die schöne Schärpe,
Die ich mühevoll gestickt,
Und auf die, statt reicher Perlen,
Manche Träne frommer Liebe,
Dir einst teurer Schmuck, gefallen,
Sieh, wie ist sie doch zerrissen.
Ach zerrissen, wie mein Herz!

(Sie verbindet ihn. Die Schärpe fällt vor ihr auf den Boden hin.)

Berta.
Immer stumm noch, immer düster!
Ach du bist so sonderbar.
Im Gesichte wechselt Glut
Mit des Todes fahler Farbe,
Gichtrisch zuckt der bleiche Mund
Und dein Aug' sucht scheu den Grund.
Gott, du schreckst mich!

Jaromir (wild).
Schreck ich dich?

Berta.
Güt'ger Himmel, was war das?

Jaromir.
Horch! – Im Vorsaal – Hörst du? Tritte!
Fort!

Berta.
Bleib doch!

Jaromir.
Nein, nein, nein!
Horch, man kömmt! – Schnell fort! fort! fort!

(Eilt ins Gemach zurück.)

Berta.
Ist er's noch? Ist's noch derselbe?
Wie er bebte, und erblich,
Wie sein Aug' zu Boden sank!
Himmel! Wie er's auch verhehle,
Schwer ist noch sein Körper krank,
Oder – schwerer seine Seele.

Ein Soldat (kömmt, ein abgerissenes Stück von einer Schärpe in der Hand).
Ihr verzeiht! Ist hier mein Hauptmann?

Berta.
Nein, mein Freund.

Soldat.
Wo mag der sein?
Erst war er bei unsern Posten,
Und jetzt nirgends aufzufinden.
Glaubt' ihn schon zurückgekehrt
Um der Ruhe hier zu pflegen.

Berta.
Und mein Vater? –

Soldat.
Ist bei ihm!
Habt nicht Angst, mein holdes Fräulein.
An den Räubern ist's zu zittern,
Denn wir sind auf ihrer Spur.
Zielte Kurt ein bißchen schärfer,
Oder hatt' ich beßres Glück,
War der Räuberhauptmann unser.
Ja der Hauptmann! Staunt nur Fräulein.
Ei, ich war ihm nah genug
Um ihn wieder zu erkennen!
Wie er da so um die Mauern
Und durch die Gebüsche kroch,
Da schoß Kurt nach ihm, und brav,
Denn, bei meiner Treu, es traf,
Hier, am Arme.

Berta.
Gott! – Am Arme?

Soldat.
Ja, am Arm, 's floß Blut darnach.
Taumelnd wankt' er hart und schwer,
Und es wollt' uns fast bedünken,
Jetzt müss' er zu Boden sinken.
Wie ich ihn so wanken sehe,
Ich hervor, und auf ihn hin.
Hart faßt' ich ihn an am Gürtel
Und am Hals mit starker Hand,
Trotz dem Sträuben, trotz dem Ringen,
Meint' es müsse mir gelingen:
Doch bald war er aufgerafft,
Packte mich mit Riesenkraft,
Wie ich mich verzweifelt wehrte,
Mußt' ich dennoch auf die Erde
Und der Höllensohn verschwand.
Ob wir rasch gleich nach ihm setzen,
All umsonst, und dieser Fetzen,
Blieb statt ihm in meiner Hand.

(Das Stück der Schärpe hinhaltend.)

Berta (es erkennend).
Ha!

(Sie läßt ihr Schnupftuch auf die Erde fallen, so daß es die am Boden liegende Schärpe bedeckt, und steht zitternd.)

Soldat.
Ei ja mein schönes Fräulein.
Glaubt, fürwahr es ist kein Scherz
Dem da in den Weg zu treten.
Ich war lang in seinen Klauen,
Und noch jetzt denk ich mit Grauen,
Mit Entsetzen jener Zeit.
Wenn er so nach seiner Weise
Stand in der Gefährten Kreise,
Mit dem dunkel glühnden Blick,
Wie da nicht ein Laut entschwebte,
Und der Mutigste selbst bebte,
Und der Ungestümste schwieg.
Bis er mächtig dann begann:
Frisch Genossen, drauf und dran!
Jeder zu den Waffen eilte,
Und der wilde Haufen heulte,
Daß es bis gen Himmel drang
Und die Gegend rings erklang.
Und dann fort der ganze Troß,
Er vorauf auf schwarzem Roß,
Wie des Teufels Kampfgenoß,
Heiß von Wut und Rachgier glühend,
Blitze aus den Augen sprühend.
Wo der Haufe sich ließ sehen
War's um Menschenglück geschehen;
Nichts verschonte ihre Wut,
Alles nieder! Menschenblut
Rauchte auf der öden Stätte
Mit den Trümmern um die Wette.
Schaudert ihr? Es ist darnach.
Doch gekommen ist der Tag,
Wo auch ihnen wird ihr Lohn
Und der Henker wartet schon.

Berta.
Weh!

Soldat (den Fetzen auf den Tisch werfend).
Da lieg unnützes Stück.
Will noch mal hinaus zum Tanz,
Und was gilt's, ich bring ihn ganz!
Gott befohlen, schönes Fräulein! (Ab.)

Berta.
Weh mir weh! – Es ist geschehn!

(In den Sessel stürzend, und die Hände vors Gesicht schlagend.)

Jaromir (die Türe öffnend).
Ist er fort? – Was fehlt dir Berta?

Berta (deutet mit abgewandten Blicken auf das am Boden liegende Schnupftuch hin).

Jaromir (es aufhebend).
Meine Schärpe!

Berta (hält ihm das abgerissene Stück vor, mit bebender Stimme).
Räuber!

Jaromir (zurücktaumelnd).
Ha!
Nun wohlan, es ist geschehn!
Wohl, der Blitzstrahl hat geschlagen,
Den die Wolke lang getragen,
Und ich atme wieder frei.
Fühl ich gleich es hat getroffen,
Ist vernichtet gleich mein Hoffen,
Doch ist's gut, daß es vorbei!
Jene Binde mußte reißen
Und verschwinden jener Schein;
Soll ich zittern das zu heißen,
Was ich nicht gebebt zu sein?
Nun braucht's nicht mehr zu betrügen,
Fahret wohl ihr feigen Lügen,
Ihr wart niemals meine Wahl:
Daß ich es im Innern wußte,
Und es ihr verschweigen mußte,
Das war meine gift'ge Qual.
Wohl, der Blitzstrahl hat geschlagen,
Das Gewitter ist vorbei;
Frei kann ich nun wieder sagen
Was ich auf der Brust getragen,
Und ich atme wieder frei. –

Ja ich bin's, du Unglücksel'ge,
Ja ich bin's, den du genannt!
Bin's den jene Häscher suchen,
Bin's dem alle Lippen fluchen,
Der in Landmanns Nachtgebet
Hart an an dem Teufel steht;
Den der Vater seinen Kindern
Nennt als furchtbares Exempel,
Leise warnend: Hütet euch,
Nicht zu werden diesem gleich!
Ja ich bin's, du Unglücksel'ge,
Ja ich bin's, den du genannt!
Bin's den jene Wälder kennen,
Bin's den Mörder: Bruder nennen,
Bin der Räuber Jaromir!

Berta. Weh mir, wehe!

Jaromir.
Bebst du Mädchen?
Armes Kind, schon bei dem Namen
Faßt es dich mit Schauder an?
Laß dich nicht so schnell betören,
Was du schauderst anzuhören,
Mädchen, das hab ich getan!
Dieses Aug', des deinen Wonne,
War des Wanderers Entsetzen;
Diese Stimme, dir so lieblich,
War des Räuberarms Gehilfin
Und entmannte bis er traf;
Diese Hand, die sich so schmeichelnd
In die deinige getaucht,
Hat von Menschenblut geraucht!

Schüttle nicht dein süßes Haupt,
Ja ich bin's, du Unglücksel'ge!
Weil die Augen Wasser blinken,
Weil die Arme kraftlos sinken,
Weil die Stimme bebend bricht,
Glaubst du, Kind, ich sei es nicht?
Ach der Räuber hat auch Stunden,
Wo sein Schicksal, ganz empfunden,
Solche Tropfen ihm erpreßt.
Berta, Berta, glaube mir,
Dessen Augen jetzt in Weinen
Fruchtlos suchen nach den deinen,
Ist der Räuber Jaromir!

Berta.
Himmel! Fort!

Jaromir.
Ja du hast recht!
Fast vergaß ich wer ich bin!
Feige Tränen fahret hin!
Darf ein Räuber menschlich fühlen?
Darf sein heißes Auge kühlen
Einer Träne köstlich Naß?
Fort! Von Menschen ausgestoßen,
Sei dir auch ihr Trost verschlossen,
Dir Verzweiflung nur und Haß!
Wie ich oft mit mir gestritten,
Wie gerungen, wie gelitten,
Darnach frägt kein Menschenrat.
Vor des Blutgerichtes Schranken
Richtet man nicht die Gedanken,
Richtet man nur ob der Tat!

Nun, so weiht mich eurem Grimme,
Willig steig ich aufs Schafott,
Doch zu dir ruft meine Stimme,
Auf zu dir du heil'ger Gott!
Du hörst gütig meine Klagen,
Dir Gerechter will ich's sagen,
Was mein wunder Busen hegt,
Du, mein Gott, wirst gnädig richten,
Und ein Herz nicht ganz vernichten,
Das in Angst und Reue schlägt.

Unter Räubern aufgewachsen,
Groß gezogen unter Räubern,
Früh schon Zeuge ihrer Taten,
Unbekannt mit milderm Beispiel,
Mit dem Vorrecht des Besitzes,
Mit der Menschheit süßen Pflichten,
Mit der Lehre Lebenshauch,
Mit der Sitte heil'gem Brauch;
Wirst du wohl den Räuberssohn,
Wirst Gerechter ihn verdammen,
Menschenähnlich, schroff und hart,
Wenn er selbst ein Räuber ward!
Ihn verdammen, wenn er übte,
Was die taten, die er liebte,
Und an seines Vaters Hand,
Dem Verbrechen sich verband.
Weißt du doch, wie beim Erwachen
Aus der Kindheit langem Schlummer,
Er mit Schrecken sich empfand,
Seinem schwarzen Lose fluchte,
Zweifelnd einen Ausweg suchte,
Suchte, Himmel, und nicht fand.
Weißt du doch, wie seit den Stunden,
Als ich sie, ich sie gefunden,
Die mich nun bei dir verklagt,
Meinem wüsten Tun entsagt;
Weißt du – Doch wozu die Worte!
Wie mein Herz auch schwellend bricht,
Bleibt versperrt des Mitleids Pforte,
Du weißt alles, ew'ges Licht,
Und die Harte hört mich nicht.
Ab von mir bleibt sie gewendet. –
Nun wohlan, so sei's vollendet!
Ach, geendet ist's ja doch!
Ob mein Blut die Erde rötet:
Hat doch sie mich schon getötet,
Henker, sprich! Was kannst du noch?

(Geht rasch der Türe zu.)

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