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Die Ahnfrau

Franz Grillparzer: Die Ahnfrau - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Ahnfrau
authorFranz Grillparzer
year1989
publisherPhilip Reclam Verlag
addressStuttgart
isbn3-15-004377-8
titleDie Ahnfrau
pages1-96
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Graf (rasch).
Und ich sah –

Günther.
Ihr sahet –?

Graf.
Nichts!

Günther.
Ihr saht etwa –?

Graf.
Nichts! nichts sag ich!

(Vor sich hin.)

Es ist klar, ich hab geträumt!
Wenn sich gleich die Sinne sträuben,
Das Gedächtnis es verneint,
Doch ist's so; ich hab geträumt!
Kann der Schein sich also hüllen
Ins Gewand der Wirklichkeit?
Diese Hand seh ich nicht klarer
Als ich jenes Bild gesehn!
Und doch, meine sanfte Berta!
Es ist klar, ich hab geträumt! –
Was stehst du so ferne, Berta?
Hast du keinen Vorwurf, Liebe,
Für den harten, rauhen Vater
Der so bitter dich gekränkt?
Ach, so warst du schon als Kind,
Trugest immerdar zugleich
Der Beleid'gung herben Schmerz
Und das Unrecht des Beleid'gers.
Immer gut und immer schuldlos,
Schienst du stets die Schuldige –

Berta (an seiner Brust).
Und bin ich nicht wirklich schuldig?
Wenn auch nicht als Grund des Zornes,
Ach, doch als sein Gegenstand!

Graf.
Du verzeihst mir also, Berta?

Berta.
Ihr habt wohl geträumt, mein Vater!
Es gibt gar lebend'ge Träume!
Oder dieser Halle Dunkel
Matt vom Kerzenlicht erhellt
Täuscht' in trügender Gestaltung
Euer schlummertrunknes Aug'.

Oh, ich hab es oft erfahren,
Wie die Sinne, aufgeregt,
Stumpfe Diener unsrer Seele,
Gern für wahr und wirklich halten
Die verworrenen Gestalten,
Die der Geist in sich bewegt.
Gestern nur, mein Vater, ging ich
In des Zwielichts mattem Strahl
Durch den alten Ahnensaal.
In der Mitte hängt ein Spiegel,
Halb erblindet und voll Flecken.
Wie ich ihn vorüber gehe
Bleib ich, meinen Anzug musternd,
Vor dem matten Glase stehn.
Eben senk ich nach dem Gürtel
Nieder meine beiden Hände,
Da – Ihr werdet lachen, Vater!
Und auch ich muß jetzt fast lächeln
Meiner kindisch schwachen Furcht,
Doch in jenem Augenblicke
Konnt' ich nur mit Schreck und Grauen
Das verzerrte Wahnbild schauen.
Wie ich senke meine Hände
Um den Gürtel anzuziehn,
Da erhebt mein Bild im Spiegel
Seine Hände an das Haupt,
Und mit starrendem Entsetzen
Seh ich in dem dunkeln Glase
Meine Züge sich verzerren.
Immer sind es noch dieselben
Und doch anders, furchtbar anders,
Und mir selbst nicht ähnlicher
Als ein Lebend'ger seiner Leiche.
Weit reißt es die Augen auf
Starrt nach mir, und mit dem Finger
Droht es warnend gegen mich.

Günther.
Weh, die Ahnfrau!

Graf (wie von einem plötzlichen schrecklichen Gedanken ergriffen, vom Sessel aufspringend).
Ahnfrau!

Berta (verwundert).
Ahnfrau?

Günther.
Saht Ihr nie ihr Bild im Saale,
Euch so ähnlich, gnäd'ges Fräulein,
Gleich als hättet Ihr dem Maler,
Lieblich wie Ihr seid, gesessen?

Berta.
Oftmals hab ich's wohl gesehn,
Es mit Staunen mir betrachtet,
Und es war mir immer teuer
Wegen dieser Ähnlichkeit.

Günther.
Und Ihr kennet nicht die Sage,
Die von Mund zu Munde geht?

Berta.
Schon als Kind hört' ich's erzählen,
Doch ein Märchen nennt's der Vater.

Günther.
Ach, er fühlt's zu dieser Frist,
Wie er sich's auch selbst verhehle,
Fühlt's im Tiefsten seiner Seele,
Daß es mehr als Märchen ist.
Ja, die Ahnfrau Eures Hauses,
Jung und blühend noch an Jahren,
Berta, so wie Ihr geheißen,
Schön und reizend, so wie Ihr,
Von der Eltern Hand gezwungen,
Zu verhaßter Ehe Bund,
Sie vergaß ob neuen Pflichten
Langgehegter Liebe nicht;
In den Armen ihres Buhlen
Überfiel sie der Gemahl.
Durstend seine Schmach zu rächen,
Straft' er selber das Verbrechen
Stieß ins Herz ihr seinen Stahl,
Jenen Stahl, den in der Blinde
Man dort aufgehangen hat,
Zum Gedächtnis ihrer Sünde,
Zum Gedächtnis seiner Tat.
Ruhe ward ihr nicht vergönnet,
Wandeln muß sie ohne Rast,
Bis das Haus ist ausgestorben,
Dessen Mutter sie gewesen,
Bis weit auf der Erde hin
Sich kein einz'ger Zweig mehr findet
Von dem Stamm den sie gegründet,
Von dem Stamm der Borotin.
Und wenn Unheil droht dem Hause,
Sich Gewitter türmen auf,
Steigt sie aus der dunkeln Klause
An die Oberwelt herauf.
Da sieht man sie klagend gehen,
Klagend, daß ihr Macht gebricht,
Denn sie kann's nur vorhersehen,
Ab es wenden kann sie nicht!

Berta.
Und das ist es –?

Günther.
Das ist alles
Was ich hier zu sagen wage,
Wenn gleich all nicht was ich weiß.
Eines ist noch übrig, eines,
Das des Hauses ältre Diener,
Das der Gegend welke Greise
Bang sich in die Ohren raunen,
Das der Sage heil'ger Mund
Aus der Väter fernen Tagen
In die Enkelwelt getragen.
Eines, das den Schlüssel gibt
Zu so manchem finstern Rätsel,
Das ob diesem Hause brütet.
Aber wag ich es zu sagen
Hier an diesem, diesem Ort
Wo noch kurz zuvor der Schatten –

(Mit scheuen Blicken umhergehend. Berta schmiegt sieh an ihn, und folgt mit ihren Augen den seinigen.)

Runzelt Ihr die hohen Brauen
Edler Herr? Ich kann nicht anders!
Meinen Busen will's zerbrechen
Und es drängt mich's auszusprechen
Beb ich selber gleich zurück. –
Kommt hierher, mein Fräulein, hierher
Und vernehmt und staunt und bebt. –
Mit der Ahnfrau blut'ger Leiche
Ward der Sünde Keim begraben,
Aber nicht der Sünde Frucht.
Das Verbrechen, das des Gatten
Blut'ger Rachestahl bestraft,
War, wie jene Sage spricht,
Wohl das Letzte ihres Lebens
Aber ach, ihr erstes nicht.
Ihres Schoßes einz'ger Sohn,
Den Ihr unter Euren Ahnen,
Unter Euren Vätern zählt,
Der des mächt'gen Borotin
Lehen, Gut und Namen erbte,
Er –

Graf.
Schweig!

Günther.
Es ist ausgesprochen.
Er, dem Vater unbewußt,
War ein Pfand geheimer Lust,
War ein Denkmal ihrer Sünde!
Darum muß sie klagend wallen
Durch die weiten, öden Hallen,
Die das Werk von Trug und Nacht
Auf ein fremd Geschlecht gebracht.
Und in jedem Enkelkinde,
Das entsproßt aus ihrem Blut,
Haßt sie die vergangne Sünde,
Liebt sie die vergangne Glut.
Also harret sie seit Jahren,
Wird noch harren jahrelang
Auf des Hauses Untergang;
Und ob der sie gleich befreiet,
Hütet sie doch jeden Streich,
Der dem Haupt der Lieben dräuet,
Den sie wünscht und scheut zugleich.
Darum wimmert es so kläglich
In den halbverfallnen Gängen,
Darum pocht's in dunkler Nacht –

(Entferntes Getöse.)

Berta.
Himmel!

Günther.
Weh uns!

Graf.
Was ist das?

(Das Getöse wiederholt sich.)

Fast gefährlich scheint dein Wahnsinn
Er steckt auch Gesunde an.
An die Pforte wird geschlagen
Einlaß fordernd. Geh hinab
Und sieh zu, was man begehrt!

(Günther ab.)

Berta.
Vater, du siehst bleich! Ist's Wahrheit
Was der alte Mann da spricht?

Graf. Was ist wahr, was ist es nicht?
Laß uns eignen Wertes freuen
Und nur eigne Sünden scheuen.
Laß, wenn in der Ahnen Schar
Jemals eine Schuld'ge war,
Alle andre Furcht entweichen
Als die Furcht ihr je zu gleichen. –
Und jetzt komm, mein liebes Kind,
Führe mich nach meinem Zimmer.
Ist's gleich noch nicht Schlafens Zeit
Ruhe heischt der müde Körper
Hat er doch in einer Stunde
Mehr als manchen Tag gelebt. (Ab mit Berta.)

(Pause. – Dann stürzt wankend, mit verworrenem Haar und aufgerissenem Wams, einen zerbrochenen Degen in der Rechten, Jaromir herein.)

Jaromir (atemlos).
Bis hierher! – Ich kann nicht weiter!
Wankend brechen meine Kniee,
Es ist aus! – Ich kann nicht weiter!

(Sinkt gebrochen auf den Sessel hin.)

Günther (nachkommend).
Sagt doch Herr, ist das wohl Sitte?
Einzudringen so ins Haus
Achtlos auf mein mahnend Wehren.
Sprecht, was wollt Ihr? was begehrt Ihr?

Jaromir.
Ruhe! – Nur ein Stündchen Ruhe,
Nur ein kurzes Stündchen Ruhe! –

Günther.
Was ist Euch begegnet, Herr?
Woher kommt Ihr?

Jaromir.
Dort – vom Walde –
Wurde – wurde überfallen –

Günther.
Ach man hört so manches Unheil
Von den Räubern dort im Walde!
Wie bedaur' ich Euch, mein Herr!
Ach verzeihet, wenn ich anfangs
Eure bange Hast mißdeutend
Und das Fremde Eures Eintritts
Anders sprach, als ich gesollt.
Wenn's Euch gutdünkt, folgt mir Herr
Nach den oberen Gemächern,
Wo Euch würdig Speis und Trank
Und willkommne Lagerstätte –

Jaromir.
Nein, ich kann – ich mag nicht schlafen!
Laß mich hier in diesem Stuhl,
Bis die Sinne sich gesammelt
Und ich wieder selber bin.

(Er legt den Arm auf den Tisch, und den Kopf darauf.)

Günther.
Was soll ich mit ihm beginnen?
Ganz verwirrt hat ihn der Schreck.
Bleib ich? geh ich? Laß ich ihn?
Ich will's nur dem Grafen melden,
Mag er selber doch empfangen
Seinen sonderbaren Gast. (Ab.)

Jaromir.
Ha, er geht, er geht! – Was soll ich?
Sei es denn! – Nun Fassung, Fassung!

(Der Graf und Günther kommen.)

Günther.
Hier mein gnäd'ger Herr, der Fremde!

Jaromir (steht auf).

Graf.
Laßt Euch doch nicht stören, Herr,
Und genießt der nöt'gen Ruhe.
Hoch willkommen seid Ihr mir,
Doppelt wert, denn Euch empfiehlt
Eure Not und Euer Selbst –

Jaromir.
Ihr verzeihet wohl die Stunde
Und die Weise meines Eintritts.
Mag mein Unfall mich entschuld'gen
Wo ich selbst es nicht vermag.
Dort in jenem nahen Walde
Ward ich räubrisch überfallen.
Ich und meine beiden Diener
Wehrten lang uns ritterlich:
Aber wachsend stieg die Menge,
Meine treuen Diener lagen
Hingestreckt in ihrem Blut.
Da gewahr ich meines Vorteils,
Und ins dunkle Dickicht springend,
Schnell, die Räuber auf der Ferse,
Such ich fliehend zu entrinnen
Und das Freie zu gewinnen.
Gibt die Hoffnung schnelle Füße
Leiht dafür das Schrecken Flügel.
Bald gewinn ich einen Vorsprung,
Und heraus ins Freie tretend
Blinkt mir Euer Schloß entgegen.
Gastfrei schien 's mich einzuladen,
Zögernd folgt' ich, – und bin hier.

Graf.
Halten wird Euch der Besitzer
Was sein Eigentum versprach.
Was nur dieses Haus vermag
Ist das Eure, Euch zu Dienste.

Berta (kommt,).
Hört' ich hier nicht seine Stimme?
Ja er ist's! – Mein Jaromir!

Jaromir.
Berta!

(Eilt auf sie zu. Plötzlich hält er ein, und tritt mit einer Verbeugung zurück.)

Graf.
Wär' es etwa dieser? –

Berta.
Ja er ist's, er ist's, mein Vater!
Ja er ist's, der mich gerettet,
Ja er ist's der teure Mann!

Graf.
Zieht Euch nicht so fremd zurück,
Seid Ihr doch nicht unter Fremden!
Schließt sie immer in die Arme;
Ihr habt Euch ein Recht erworben,
Daß sie lebt ist Euer Werk!
Wohl mir, daß mir ward vergönnt
Den zu sehen, dem zu danken,
Der mir meine letzten Tage,
Mir mein Sterbebett verschönt,
Mit dem Glücke mich versöhnt.
Komm an meine Brust, du Teurer,
Lebensretter, Segensengel!
Könnt' ich dankbar nur mein Leben
Für dich hin, du Guter, geben,
Wie du deines gabst für sie!

Jaromir.
Staunend steh ich und beschämt –

Graf.
Du? An uns ist's so zu stehn!
Ist doch unser Dank so wenig,
Ach, und deine Tat so viel!

Jaromir.
Viel? O daß ich's sagen könnte!
Daß es etwas mich gekostet!
Daß ich eine Wunde trüge,
Eine kleine, kleine Narbe
Nur als Denkmal jener Tat!
Es kränkt tief das Köstliche
Um so schlechten Preis zu kaufen!

Graf.
Ziert Bescheidenheit den Jüngling,
Nicht verkenn er seinen Wert!

Berta.
Glaubt ihm nicht, o glaubt ihm nicht!
Er liebt selber sich zu schmähen,
Ich weiß das von lange her!
Wie so oft lag er vor mir,
Meine Kniee heiß umfassend,
Und mit schmerzgebrochner Stimme
Rief er klagend, weinend aus,
Ich verdiene dich nicht Berta!
Er nicht mich, er mich nicht! –

Jaromir.
Berta!

Graf.
Wolltet Ihr wohl, daß sie minder
Des Geschenkes Wert erkennte!
Trieb Euch gleich zu jener Tat
Nur des Herzens edles Streben
Recht zu tun und groß und gut,
Laßt uns glauben, laßt uns schmeicheln,
Daß auf uns, auf unsre Not
Auch ein flücht'ger Blick gefallen,
Daß Ihr nicht nur bloß beglücken,
Daß ihr uns beglücken wolltet.
Wer sich ganz dem Dank entzieht,
Der erniedrigt den Beschenkten,
Freund, indem er sich erhebt!

Jaromir.
Was erwidr' ich auf das alles!
Wie ich bin, vom Kampf ermüdet,
Von den Schrecken dieser Nacht,
Taug ich wenig zu bestehen
In der Großmut edlem Wettstreit.

Graf.
Mußtet Ihr mich erst erinnern
Daß Ihr müd und ruhedürstend!

Berta.
Ach, was ist ihm denn begegnet?

Graf.
Das auf morgen, liebes Kind.
Berta komm und laß uns gehn.
Unser Günther mag ihn weisen
In das köstlichste Gemach.
Dort umhülle tiefer Frieden
Mit der Segenshand den Müden
Bis der späte Morgen naht.
O er hat ein weiches Kissen
Ein noch unentweiht Gewissen,
Das Bewußtsein seiner Tat! –
So, noch diesen Händedruck,
So, noch diesen Segenskuß,
So, mein Sohn jetzt geh zur Ruh'
Ein Engel drück' das Aug' dir zu!

Berta (den Alten abführend).
Schlummre ruhig!

Jaromir.
Lebe wohl'

Berta (an der Türe umwendend).
Gute Nacht denn!

Jaromir.
Gute Nacht!

(Graf und Berta ab.)

Günther.
So, nun kommt mein wackrer Herr
Ich will Euch zur Ruhe leiten.

Jaromir (in den Vorgrund tretend).
Nehmt mich auf Ihr Götter dieses Hauses,
Nimm mich auf du heil'ger Ort,
Von dem Laster nie betreten,
Von der Unschuld Hauch durchweht.
Unentweihte, reine Stelle
Werde wie des Tempels Schwelle
Mir zum heiligen Asyl! –

Unerbittlich strenge Macht,
Ha nur diese, diese Nacht,
Diese Nacht nur gönne mir,
Harte! und dann steh ich dir!

(Mit Günther ab.)

Ende des ersten Aufzuges

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