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Die Ahnfrau

Franz Grillparzer: Die Ahnfrau - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Ahnfrau
authorFranz Grillparzer
year1989
publisherPhilip Reclam Verlag
addressStuttgart
isbn3-15-004377-8
titleDie Ahnfrau
pages1-96
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Erster Aufzug

Gotische Halle. Im Hintergrunde zwei Türen. An beiden Seitenwänden, links und rechts, ebenfalls eine Türe. An einer Kulisse des Vorgrundes hängt ein verrosteter Dolch in seiner Scheide. Später Winterabend. Licht auf dem Tische.

Graf Borotin. Berta.

Der Graf (am Tische sitzend und auf einen Brief hinstarrend, den er in beiden Händen hält).
Nun Wohlan, was muß geschehe!
Fallen seh ich Zweig' auf Zweige,
Kaum noch hält der morsche Stamm.
Noch ein Schlag, so fällt auch dieser
Und im Staube liegt die Eiche,
Die die reichen Segensäste
Weit gebreitet rings umher.
Die Jahrhunderte gesehen
Werden, wachsen und vergehen,
Wird vergehen so wie sie;
Keine Spur wird übrigbleiben;
Was die Väter auch getan,
Wie gerungen, wie gestrebt,
Kaum daß fünfzig Jahr' verfließen
Wird kein Enkel mehr es wissen
Daß ein Borotin gelebt!

Berta (am Fenster).
Eine grause Nacht, mein Vater!
Kalt und dunkel wie das Grab.
Losgerißne Winde wimmern
Durch die Luft, gleich Nachtgespenstern;
Schnee soweit das Auge trägt,
Auf den Hügeln, auf den Bergen,
Auf den Bäumen, auf den Feldern,
Wie ein Toter liegt die Erde
In des Winters Leichentuch;
Und der Himmel, sternelos,
Starrt aus leeren Augenhöhlen
In das ungeheure Grab
Schwarz herab!

Graf.
Wie sich doch die Stunden dehnen!
Was ist wohl die Glocke, Berta?

Berta (vom Fenster zurückkommend, und sich, dem Vater gegenüber, zur Arbeit setzend).
Sieben Uhr hat's kaum geschlagen.

Graf.
Sieben? Und schon dunkle Nacht!
Ach, das Jahr ist alt geworden,
Kürzer werden seine Tage,
Starrend stocken seine Pulse
Und es wankt dem Grabe zu.

Berta.
Ei, kommt doch der holde Mai,
Wo das Feld sich kleidet neu,
Wo die Lüfte sanfter wehen
Und die Blumen auferstehen!

Graf.
Wohl wird sich das Jahr erneuen,
Diese Felder werden grünen,
Diese Bäche werden fließen,
Und die Blume, die jetzt welket,
Wird vom langen Schlaf erwachen
Und das Kinderhaupt erheben
Von dem weißen, weichen Kissen,
Öffnen ihre klaren Augen
Freundlich lächelnd wie zuvor.
Jeder Baum, der jetzt im Sturme
Seine nackten, dürren Arme
Hilfeflehend streckt zum Himmel,
Wird mit neuem Grün sich kleiden.
Alles was nur lebt und webt
In dem Hause der Natur,
Weit umher, in Wald und Flur,
Wird sich frischen Lebens freuen,
Wird im Lenze sich erneuen:
Nie erneut sich Borotin!

Berta.
Ihr seid traurig, lieber Vater!

Graf.
Glücklich, glücklich nenn ich den,
Dem des Daseins letzte Stunde
Schlägt in seiner Kinder Mitte.
Solches Scheiden heißt nicht Sterben;
Denn er lebt im Angedenken,
Lebt in seines Wirkens Früchten,
Lebt in seiner Kinder Taten,
Lebt in seiner Enkel Mund.
O es ist so schön, beim Scheiden
Seines Wirkens ausgestreuten Samen
Lieben Händen zu vertraun,
Die der Pflanze sorglich warten,
Und die späte Frucht genießen;
Im Genusse doppelt fühlend
Den Genuß und das Geschenk.
O es ist so süß, so labend,
Das was uns die Väter gaben
Seinen Kindern hinzugeben
Und sich selbst zu überleben!

Berta.
Über diesen bösen Brief!
Ihr wart erst so heiter, Vater,
Schienet seiner Euch zu freuen,
Und nun, da Ihr ihn gelesen,
Seid mit eins Ihr umgestimmt.

Graf.
Ach, es ist nicht dieses Schreiben,
Seinen Inhalt konnt' ich ahnen.
Nein es ist die Überzeugung,
Die sich immer mehr bewährt;
Daß das Schicksal hat beschlossen,
Von der Erde auszustoßen
Das Geschlecht der Borotin!
Sieh, man schreibt mir, daß ein Vetter,
Den ich kaum einmal gesehen,
Der der einz'ge außer mir
Von dem Namen unsers Hauses,
Kinderlos, ein welker Greis,
Gählings über Nacht gestorben.
Und so bin ich denn der Letzte
Von dem hochberühmten Stamme,
Der mit mir zugleich erlischt.
Ach, kein Sohn folgt meiner Bahre,
Trauernd wird der Leichenherold
Meines Hauses Wappenschild,
Oft gezeigt im Schlachtgefild,
Und den wohlgebrauchten Degen
Mir nach in die Grube legen.
Es geht eine alte Sage,
Fortgepflanzt von Mund zu Mund,
Daß die Ahnfrau unsers Hauses,
Ob begangner schwerer Taten,
Wandeln müsse ohne Ruh',
Bis der letzte Zweig des Stammes,
Den sie selber hat gegründet,
Ausgerottet von der Erde.
Nun wohlan, sie mag sich freuen,
Denn ihr Ziel ist nicht mehr fern!
Fast möcht' ich das Märchen glauben,
Denn fürwahr ein mächt'ger Finger
War bemüht bei unserm Fall.
Kräftig stand ich, herrlich blühend
In der Mitte dreier Brüder;
Alle raubte sie der Tod!
Und ein Weib führt' ich nach Hause,
Schön und gut und hold wie du.
Hochbeglückt war unsre Ehe
Und ein Knabe und ein Mädchen
Sproßten aus dem keuschen Bund.
Bald wart ihr mein einz'ger Trost,
Meine einz'ge Lebensfreude,
Denn mein Weib ging ein zu Gott.
Sorgsam, wie mein Augenlicht,
Wahrte ich die teuern Pfänder;
Doch umsonst! Vergeblich Streben!
Welche Klugheit, welche Macht,
Mag das Opfer wohl erhalten,
Das die finsteren Gewalten
Ziehen wollen in die Nacht!
Kaum drei Jahre war der Knabe,
Als er in dem Garten spielend
Von der Wärtrin sich verlief.
Offen stand die Gartentüre,
Die zum nahen Weiher führt.
Immer sonst war sie geschlossen,
Eben damals stand sie offen, (bitter)
Hätt' ihn sonst der Streich getroffen!

Ach, ich sehe deine Tränen
Treu sich schließen an die meinen.
Weißt du etwa schon den Ausgang?
Ach, ich armer, schwacher Mann,
Habe dir wohl oft erzählet
Die alltägliche Geschichte.
Was ist's weiter? – Er ertrank!
Sind doch manche schon ertrunken!
Daß es just mein Sohn gewesen,
Meine ganze, einz'ge Hoffnung,
Meines Alters letzter Stab;
Was kann's helfen! – Er ertrank –
Und ich sterbe kinderlos!

Berta.
Lieber Vater!

Graf.
Ich verstehe
Deiner Liebe sanften Vorwurf.
Kinderlos konnt' ich mich nennen,
Und ich habe dich, du Treue!
Ach, verzeih dem reichen Manne,
Der sein Habe halb verloren
In des Unglücks hartem Sturm,
Und nun mit der reichen Hälfte,
Lang an Überfluß gewöhnet,
Sich für einen Bettler hält.
Ach verzeih, wenn das Verlorne
In so hellem Lichte glüht,
Ist doch der Verlust ein Blitzstrahl,
Der verklärt was er entzieht!
Ja fürwahr, ich handle unrecht!
Ist mein Name denn das Höchste?
Leb ich nur für meinen Stamm?
Mag ich kalt das Opfer nehmen,
Das du mit der Jugend Freuden,
Mit des Lebens Glück mir bringst!
Meines Daseins letzte Tage
Seien deinem Glück geweiht.
Ja an eines Gatten Seite,
Der dich liebt, der dich verdient,
Werde dir ein andrer Name
Und mit ihm ein andres Glück!
Wähle von des Landes Söhnen,
Frei den künftigen Gemahl,
Denn dein Wert verbürgt mir deine Wahl!
Wie du seufzest! – Hast wohl schon gewählet?
Jener Jüngling? – Jaromir –
Jaromir von Eschen denk ich.
Ist's nicht also?

Berta.
Wag ich es? –

Graf.
Glaubtest du dem Vaterauge
Bleib' ein Wölkchen nur verborgen,
Das an deinem Himmel hängt?
Sollt' ich gleich wohl eher schelten,
Daß ich erst erraten muß
Was ich längst schon wissen sollte:
War ich je ein harter Vater,
Bist du nicht mein teures Kind?
Edel nennst du sein Geschlecht,
Edel nennt ihn seine Tat,
Bring ihn mir, ich will ihn kennen,
Und besteht er auf der Probe
So kann manches noch geschehn.
Fallen gleich die weiten Lehen
Als erloschen heim dem Thron,
Ein bescheidnes Los zu gründen
Hat noch Borotin genug.

Berta.
O wie soll ich –

Graf.
Mir nicht danke!
Zahl ich doch nur alte Schulden.
Hast nicht du's um mich verdient,
Hat nicht er's, der wackre Mann?
Denn er war's doch, der im Walde
Dir das Leben einst gerettet,
Und mit eigener Gefahr?
Ist's nicht also, liebe Tochter?

Berta.
Oh, mit augenscheinlicher Gefahr!
Hab ich's Euch doch schon erzählet,
Wie in einer Sommernacht
Ich dort in dem nahen Walde
Mich lustwandelnd einst erging,
Und vom Schmeichelhauch der Lüfte,
Von dem Duft der tausend Blüten
Eingelullt in süß Vergessen
Weiter ging als je zuvor.
Wie mit einmal durch die Nacht
Einer Laute Klang erwacht,
Klagend, stöhnend, Mitleid flehend
Mit der Tonkunst ganzer Macht;
Girrend bald gleich zarten Tauben
Durch die dichtverschlungnen Lauben,
Bald mit langgedehntem Schall
Lockend gleich der Nachtigall,
Daß die Lüfte schweigend horchten
Und das Laub der regen Espe
Seine Regsamkeit vergaß.
Wie ich so da steh und lausche,
Ganz in Wehmut aufgelöst,
Fühl ich mich mit eins ergriffen,
Und zwei Männer, angetan
Mit des Mordes blut'ger Farbe,
Mit dem Dolch, den Augen dräuend,
Seh ich gräßlich neben mir.
Schon erheben sie die Dolche,
Schon glaub ich die Todeswunde,
Schreiend, in der Brust zu fühlen:
Da teilt schnell sich das Gebüsche,
Reißend springt ein junger Mann,
Hoch den Degen in der Rechten,
In der Linken eine Laute
Auf die bleichen Mörder zu.
Wie er ihnen obgesieget,
Wie er, einzeln, sie bezwang,
Wie die kühne Tat gelang
Weiß ich nicht. In starre Ohnmacht
War ich zagend hingesunken.
Ich erwacht' in seinen Armen,
Und zum Leben neu geboren,
Unbehilflich, schwach und duldend
Wie ein Kind am Mutterbusen
Hing ich an des Teuren Lippen
Seine heißen Küsse trinkend.
Und mein Vater, für das alles
Was er erst für mich getan,
Konnt' ich wen'ger als ihn lieben?

Graf.
Und ihr saht euch öfter?

Berta.
Zufall
Ließ mich drauf ihn wieder finden.
Bald – nicht bloß der Zufall mehr.

Graf.
Warum flieht er deines Vaters,
Seines Freundes Angesicht.

Berta.
Obgleich edlem Stamm entsprossen,
Nur des Hauses edler Stolz,
Nicht sein Gut kam auf den Erben.
Arm und dürftig wie er ist,
Fürchtet er, hört' ich ihn sagen,
Daß der reiche Borotin
Andern Lohn für seine Tochter,
Als die Tochter selber zahle.

Graf.
Ich weiß Edelmut zu ehren,
Wenn er sich und andre ehrt.
Bring ihn mir, er soll erfahren,
Daß dem reichen Borotin
Er sein reichstes Gut erhalten,
Soll erfahren, daß dein Vater
Für das Gold der ganzen Welt
Dich nicht für bezahlet hält. –
Doch jetzt, Berta, nimm die Harfe
Und versuch es, meinen Kummer
Um ein Stündchen zu betrügen.
Spiel ein wenig, liebe Tochter!

(Berta nimmt die Harfe. Bald nach den ersten Akkorden nickt der Alte und schlummert ein. Sobald er schläft stellt Berta die Harfe weg.)

Berta.
Schlummre ruhig, guter Vater!
Daß doch all die süßen Blumen,
Die du streust auf meinen Pfad,
Dir zum Kranze werden möchten
Auf dein sorgenschweres Haupt. –
Ich soll also ihm gehören,
Mein ihn nennen, wirklich mein?
Und das Glück, das schon als Hoffnung
Mir der Güter größtes schien,
Gießt in freudiger Erfüllung
Mir sein schwellend Füllhorn hin!

Ich kann's nicht fassen,
Mich selber nicht fassen,
Alles zeigt mir und spricht mir nur ihn,
Den Wolken, den Winden
Möcht' ich's verkünden,
Daß sie's verbreiten so weit sie nur ziehn!

Mir wird's zu enge
In dem Gedränge
Fort auf den Söller, wie lastet das Haus;
Dort von den Stufen
Will ich es rufen
In die schweigende Nacht hinaus.

Und naht der Treue,
Dem ich mich weihe,
Künd ich ihm jubelnd das frohe Geschick
An seinem Munde
Preis ich die Stunde
Preis ich die Liebe, preis ich das Glück. (Ab.)

(Pause. – Die Ahnfrau, Bertan an Gestalt ganz ähnlich, und in der Kleidung nur durch einen wallenden Schleier unterschieden, erscheint neben dem Stuhle des Schlafenden und beugt sich schmerzlich über ihn.)

Graf (unruhig im Schlafe).
Fort von mir! – Fort! – Fort! (Er erwacht.)
Ah – bist du hier meine Berta?
Ei das war ein schwerer Traum,
Noch empört sich mir das Innre!
Geh doch nach der Harfe, Berta,
Mich verlangt's Musik zu hören!

(Die Gestalt hat sich aufgerichtet und starrt den Grafen mit weitgeöffneten toten Augen an.)

Graf (entsetzt).
Was starrst du so graß nach mir,
Daß das Herz im Männerbusen
Sich mit bangem Grausen wendet,
Und der Beine Mark gerinnt!
Weg den Blick! Von mir die Augen!
Also sah ich dich im Traume
Und noch siedet mein Gehirn.
Willst du deinen Vater töten?

(Die Gestalt wendet sich ab und geht einige Schritte gegen die Türe.)

Graf.
So! – Nun kenn ich selbst mich wieder! –
Wohin gehst du Kind?

Die Gestalt (wendet sich an der Türe um. Mit unbetonter Stimme).
Nach Hause. (Ab.)

Der Graf (stürzt niedergedonnert in den Sessel zurück. Nach einer Weile).
Was war das? – Hab ich geträumt? –
Sah ich sie nicht vor mir stehn,
Hört' ich nicht die toten Worte,
Fühl ich nicht mein Blut noch starren
Von dem grassen, eis'gen Blick? –
Und doch, meine sanfte Tochter! –
Berta! Höre, Berta!

(Berta und Kastellan kommen.)

Berta (hereinstürzend).
Ach, was fehlt Euch, lieber Vater?

Graf.
Bist du da! Was ficht dich an,
Sprich, was ist's, unkindlich Mädchen,
Daß du wie ein Nachtgespenst
Durch die öden Säle wandelst
Und mit seltsamen Beginnen
Lebensmüde Schläfer schreckst?

Berta.
Ich, mein Vater?

Graf.
Du, ja du!
Wie, du weißt nicht? Und noch haften
Deine starren Leichenblicke
Mir gleich Dolchen in der Brust.

Berta.
Meine Blicke?

Graf.
Deine Blicke!
Zieh nicht staunend auf die Augen!
Siehst du, so! – doch nein, viel starrer!
Starr? – die Sprache hat kein Wort!
Blickst du mich liebkosend an,
Um den Eindruck wegzuwischen
Jenes finstern Augenblicks?
All umsonst! So lang ich lebe
Wird das Schreckbild vor mir stehn,
Auf dem Todbett werd ich's sehn!
Scheint dein Blick gleich Mondenschimmer
Über einer Abendlandschaft,
O ich weiß, er kann auch töten!

Berta.
Ach, was hab ich denn begangen,
Das Euch also aufgeregt,
Und Euch heißt die Augen schelten,
Die den Euern bang begegnend
Sich mit Wehmutstränen füllen.
Daß ich Euch im Schlaf verlassen,
Unbedachtsam fortgegangen –

Graf.
Daß du fortgingst? – Daß du hier warst!

Berta.
Daß ich hier war?

Graf.
Standst du nicht
Hier auf dieser, dieser Stelle
Schießend deine kalten Pfeile
Nach des grauen Vaters Brust.

Berta.
Als Ihr schliefet?

Graf.
Kurz erst, jetzt erst!

Berta.
Eben komm ich von dem Söller!
Als der Schlummer Euch umfing
Ging ich sehnsuchtsvoll hinaus
Nach dem Teuern umzuschauen.

Graf.
Schändlich! – Mädchen, höhnst du mich?

Berta.
Höhnen? – ich, mein Vater? – ich?

(Mit überströmenden Augen zu Günther.)

Ach sprich du! – Ich weiß nicht – kann nicht!

Günther.
Ja fürwahr, mein gnäd'ger Herr,
Ja, das Fräulein kömmt vom Söller.
Ich stand bei ihr, und wir schauten
In die schneeerhellte Gegend
Ob kein Wanderer sich nahe.
Erst als Ihr sie gellend rieft,
Eilte sie mit mir herbei.

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