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Die Ahnfrau

Franz Grillparzer: Die Ahnfrau - Kapitel 11
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Ahnfrau
authorFranz Grillparzer
year1989
publisherPhilip Reclam Verlag
addressStuttgart
isbn3-15-004377-8
titleDie Ahnfrau
pages1-96
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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(Die Töne nehmen nach und nach einen immer ernsteren Charakter an, und begleiten zuletzt folgende Worte:)

Chor (von innen).
Auf, ihr Brüder!
Senkt ihn nieder
In der Erde stillen Schoß,
In der Truhe
Finde Ruhe,
Die dein Leben nicht genoß.

Jaromir.
Ändert ihr so schnell das Antlitz
Unerklärte Geisterstimmen?
Habt so lieblich erst geschienen,
Zoget ein, wie Honigbienen,
Und jetzt kehrt ihr fürchterlich
Euren Stachel wider mich!
Das sind keine Friedensklänge,
Ha, so tönen Grabgesänge!
Dort in der Kapelle Licht –
Stille Herz! Weissage nicht!
Ich will sehen, sehen, sehen!
Sollt' ich drüber auch vergehen.

(Er klettert an verfallenem Gestein bis zum Kapellfenster empor.)

Gesang (fährt fort).
Hat hienieden
Auch den Frieden
Dir dein eigen Kind entwandt,
Dort, zum Lohne,
Statt dem Sohne
Reicht ein Vater dir die Hand.

Und den Blinden
Wird er finden
Wie er Abels Mörder fand,
Das Verbrechen
Wird er rächen
Mit des Richters schwerer Hand.

Jaromir (wankend und bleich zurückkommend).
Was war das? – Hab ich gesehn?
Ist es Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit,
Oder spiegeln diese Augen
Nur des Innern dunkle Bilder
Statt der lichten Außenwelt?

Starr und dumpf in wüstem Graus
Lag das weite Gotteshaus,
Seine leichenblassen Wangen
Mit des Trauers Flor umhangen;
Am Altar des Heilands Bild
Abgewandt und tief verhüllt,
Als ob Dinge da geschehen,
Die's ihn schaudre anzusehen.
Und aus schwarzverhülltem Chor
Wanden Töne sich empor,
Die um Straf' und Rache baten
Über ungeheure Taten.
Und am öden Hochaltar,
Ringsum eine Dienerschar,
Lag, umstrahlt von dumpfen Kerzen,
Eine Wunde auf dem Herzen,
Weit geöffnet, blutig rot,
Lag mein Vater bleich und tot.
Wie, mein Vater? Mag ich's sagen?
Nein, lag der, den ich erschlagen,
Denn, was auch die Hölle spricht,
Nein, er war mein Vater nicht!

Bin ich ja doch nur ein Mensch,
Meine Taten, wenn gleich schwarz,
Sind ja doch nur Menschentaten,
Und ein Teufel würde beben,
Gält' es eines Vaters Leben.
Hab ich doch gehört, gelesen
Von der Stimme der Natur,
Wär' mein Vater es gewesen,
Warum schwieg sie damals nur?
Mußte sie nicht donnernd schreien,
Als der Dolch zum Stoß geneigt,
Halt! Dem deine Hände dräuen,
Mörder, der hat dich gezeugt!
Und wenn sie, sie die ich liebe,
Liebe? – Nein die ich begehre,
Wenn sie meine Schwester wäre,
Woher diese heiße Gier,
Die mich flammend treibt zu ihr?
Schwester? Schwester! Toller Wahn!
Zieht es so den Bruder an?
Wenn uns Hymens Fackeln blinken,
Wir uns in die Arme sinken,
In des Brautbetts Bindeglut,
Dann erst nenn ich sie mein Blut.

Mir wird Tag. Die Nebel schwinden,
Es erhellet sich die Nacht.
Was ich suchte will ich finden,
Was ich anfing sei vollbracht!
Glaubst du, Wünsche können retten,
Und entsühnen kann ein Wort?
Nie muß man den Weg betreten,
Wer ihn trat, der wandle fort.
Sie muß ich, ja sie besitzen,
Mag der Himmel Rache blitzen,
Mag die Hölle Flammen sprühn
Und mit Schrecken sie umziehn.
Wie der tolle Wahn sie heiße,
Weib und Gattin heißt sie hier
Und durch tausend Donner reiße
Ich die Teure her zu mir.

Hier der Ort und hier das Fenster!
Die Entscheidungsstunde naht
Und mahnt laut mich auf zur Tat.

(Im Hinaufsteigen.)

Schauderst Liebchen? Sei nicht bange!
Sieh, du harrest nicht mehr lange,
In des Heißgeliebten Arm
Ruht sich's selig, ruht sich's warm!

(Durchs Fenster hinein.)
(Hauptmann kommt mit Soldaten, die Boleslav führen.)

Hauptmann.
Suche nicht mehr zu entrinnen,
Du hast Sorgfalt uns gelehrt!
Ruhig und nicht von der Stelle!
Aber wo ist dein Geselle?
Hier, sprachst du, verließest du ihn?

Boleslav.
Ja, mein Herr!

Hauptmann.
Er ist nicht hier!

Soldat.
Herr, an jenem kleinen Fenster
Sah ich es von weitem blinken,
Und es wollte mich bedünken,
Daß ein Mensch in voller Hast
Durch die enge Öffnung steige.
Und ich wette, Herr, er war's;
In des Schlosses innern Gängen
Suchet er wohl Sicherheit.

Hauptmann.
Wohl, nicht mehr kann er entweichen,
Wo er sei, an jedem Ort
Soll die Rache ihn erreichen.
Und nun folgt mir! Eilig fort!

(Ab mit den Soldaten.)

Grabgewölbe.

Im Hintergrunde das hohe Grabmal der Ahnfrau mit passenden Sinnbildern. Rechts im Vorgrunde eine Erhöhung, mit schwarzem Tuch bedeckt.

Jaromir (kommt).
So! Hier bin ich! – Mutig! Mutig! –
Schauer weht von diesen Wänden,
Und die leisgesprochnen Worte
Kommen meinem Ohre wieder
Wie aus eines Fremden Mund. –

Wie ich gehe, wie ich wandle,
Ziehet sich ein schwarzer Streif,
Dunkel wie vergoßnes Blut
Vor mir auf dem Boden hin,
Und ob gleich das Innre schaudert,
Sich empöret die Natur,
Ich muß treten seine Spur.

(Seine Hände begegnen sich.)

Ha, wer faßt so kalt mich an?
Meine Hand? – Ja, 's ist die meine.
Bist du jetzt so starr und kalt,
Sonst von heißem Blut durchwallt,
Kalt und starr wie Mörderhand,
Mörder, Mörder, Mörderhand!

(Vor sich hinbrütend.)

Possen! – Fort! Gebt euch zur Ruh'!
Fort, es geht der Hochzeit zu!
Liebchen, Braut, wo weilest du?
Berta, Berta, komm!

Die Ahnfrau (tritt aus dem Grabmale).
Wer ruft?

Jaromir.
Du bist's! Nun ist alles gut,
Wieder kehret mir mein Mut.
Laß mich Mädchen dich umfangen,
Küssen diese bleichen Wangen –
Warum trittst du scheu zurück,
Warum starrt so trüb dein Blick,
Lustig Mädchen, lustig Liebe!
Ist dein Hochzeittag so trübe?
Ich bin heiter, ich bin froh,
Und auch du sollst's sein, auch du!
Sieh mein Kind, ich weiß Geschichten,
Wunderbar und lächerlich,
Lügen, derbe, arge Lügen,
Aber drum grad lächerlich.
Sieh sie sagen – Lustig, lustig!
Sagen, du seist meine Schwester!
Meine Schwester! – Lache Mädchen,
Lache, lache sag ich dir!

Ahnfrau (mit dumpfer Stimme).
Ich bin deine Schwester nicht.

Jaromir.
Sagst du s doch so weinerlich.
Meine Schwester! – Lache sag ich!
Und mein Vater – Von was anderm!
Alles ist zur Flucht bereitet,
Komm!

Ahnfrau.
Wo ist dein Vater?

Jaromir.
Schweige!
Schweig!

Ahnfrau (steigend).
Wo ist dein Vater?

Jaromir.
Weib,
Schweig und reiz mich länger nicht!
Du hast mich nur mild gesehn,
Aber wenn die finstre Macht
In der tiefen Brust erwacht
Und erschallen läßt die Stimme,
Ist ein Leu in seinem Grimme
Nur ein Schoßhund gegen mich;
Blut schreit's dann in meinem Innern,
Und der Nächste meinem Herzen
Ist der Nächste meinem Dolch.
Darum schweig!

Ahnfrau (mit starker Stimme).
Wo ist dein Vater!

Jaromir.
Ha!
Wer heißt mich dir Rede stehn? –
Wo mein Vater? – Weiß ich's selbst?
Meinst du jenen bleichen Greis
Mit den heil'gen Silberlocken?
Sieh, den hab ich eingesungen,
Und er schläft nun, schläft nun, schläft!

(Die Hand auf die Brust gepreßt.)

Manchmal, manchmal regt er sich,
Aber legt sich wieder nieder,
Schließt die schweren Augenlider
Und schläft murrend wieder ein. –
Aber Mädchen, narrst du mich?
Komm mit mir, hinaus ins Freie!
Schüttelst du dein bleiches Haupt?
Eidvergeßne, Undankbare,
Lohnst du so mir meine Liebe,
Lohnst du so was ich getan?
Was mir teuer war hienieden,
Meiner Seele goldnen Frieden,
Welt und Himmel setzt' ich ein
Um dich mein zu nennen, mein!
Kenntest du die Höllenschmerzen,
Die mir nagen tief im Herzen,
Fühltest du die grimme Pein,
Könntest Reine du es wissen,
Was ein blutendes Gewissen,
O du würdest milder sein,
O du sagtest jetzt nicht: Nein!

Ahnfrau.
Kehr zurück!

Jaromir.
Ha, ich? zurück?
Nimmermehr! Nicht ohne dich,
Geh ich, Weib, so folgst du mir.
Und wenn selbst dein Vater käme,
Und dich in die Arme nähme,
Mit der grassen Todeswunde,
Die mit offnem, blut'gem Munde,
Mörder! Mörder! zu mir spricht,
Meiner Hand entgingst du nicht.

Ahnfrau.
Kehr zurück!

Jaromir.
Nein, sag ich, nein!

(Man hört eine Türe aufsprengen.)

Ahnfrau.
Horch, sie kommen!

Jaromir.
Mag es sein!
Leben, Berta, dir zur Seite
Oder sterben neben dir.

Ahnfrau.
Flieh, entflieh, noch ist es Zeit!

(Eine zweite Türe wird eingesprengt.)

Jaromir.
Berta! Hierher meine Berta.

Ahnfrau.
Deine Berta bin ich nicht!
Bin die Ahnfrau deines Hauses,
Deine Mutter, Sündensohn!

Jaromir.
Das sind meiner Berta Wangen,
Das ist meiner Berta Brust,
Du mußt mit! Hier stürmt Verlangen
Und von dorther winkt die Lust.

Ahnfrau.
Sieh den Brautschmuck den ich bringe!

(Sie reißt das Tuch von der bedeckten Erhöhung. Berta liegt tot im Sarge.)

Jaromir (zurücktaumelnd).
Weh mir! –
Truggeburt der Hölle!
All umsonst! Ich laß dich nicht!
Das ist Bertas Angesicht
Und bei dem ist meine Stelle!

(Auf sie zueilend.)

Ahnfrau.
So komm denn Verlorner!

(Öffnet die Arme. Er stürzt hinein.)

Jaromir (schreiend).
Ha! –

(Er taumelt zurück, wankt mit gebrochenen Knieen einige Schritte und sinkt dann an Bertas Sarge nieder.)
(Die Türe wird aufgesprengt. Günther, Boleslav, der Hauptmann und Soldaten stürzen herein.)

Hauptmann (hereinstürzend).
Mörder, gib dich! Du mußt sterben!

(Die Ahnfrau streckt die Hand gegen sie aus. Alle bleiben erstarrt an der Türe stehen.)

Ahnfrau (sich über Jaromir neigend).
Scheid in Frieden, Friedenloser!

(Sie neigt sich zu ihm herunter und küßt ihn auf die Stirne, hebt dann die Sargdecke auf und breitet sie wehmütig über beide Leichen. Dann mit emporgehobenen Händen:)

Nun wohlan, es ist vollbracht,
Durch der Schlüsse Schauernacht
Sei gepriesen ew'ge Macht! – –
Öffne dich, du stille Klause,
Denn die Ahnfrau kehrt nach Hause!

(Sie geht feierlichen Schrittes in ihr Grabmal zurück. Wie sie verschwunden ist, bewegen sich die Eingetretenen gegen den Vorgrund zu.)

Hauptmann.
Ha, nun bist du unser –

Günther (eilt dem Sarge zu, hebt die Decke auf und spricht mit Tränen).
Tot!

(Der Vorhang fällt.)

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