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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 99
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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11. Ins Feld

Während von der ungeheuren Sturmflut des Jahres nur einzelne Wellen nach dem einsamen Pfarrhofe schlugen, brach in der Kreisstadt der Strom durch beide Tore, er rauschte auf dem Markte und auf den Gassen und drang in alle Häuser und Herzen.

Zuerst kamen die flüchtigen Überreste des großen Heeres: einzeln und in Haufen schlichen sie durch das Tor, halb verhungert und halb erfroren, entblößt und in Lumpen, auch das Schuhwerk gerade so, wie ihnen prophezeit war; zerstörte Leben, die dem Untergange verfallen waren selbst nach ihrer Rettung aus der Faust der Feinde. In dem Entsetzen über das schreckliche Gottesgericht schwand der Haß, womit der Bürger sie kommen sah.

Nicht lange, und russische Reiter folgten. Da die ersten mit ihren langen Bärten, auf kleinen, struppigen Pferden, zum Ringe ritten, geriet die Stadt vor Freude außer sich. Alles lief herzu und umdrängte die Wilden, die Kinder faßten sie an den Beinen, und die Frauen streichelten ihre Pferde. Nur zwei Verbündete, der Einnehmer und sein geheimer Ratgeber, betrachteten die neuen Freunde ruhiger; der Verehrer deutscher Poesie brummte: »Die einen gingen, die andern kamen, dasselbe Ding mit neuem Namen«, und Schilling sagte zu seinen Leuten: »Wenn ihr ihnen die Hände schüttelt, so haltet die Arme steif, damit sie euch nicht zu nahe auf den Leib rücken, denn die Moskowiter tragen Unzähliges an sich, was kriecht und springt.« Als nun vollends die Baschkiren einrückten, spitze Filzmützen über den bartlosen gelben Gesichtern und schräggeschlitzten Augen, bewaffnet mit Flitzbögen und Pfeilen, um den Bonaparte wie einen Sperling vom Baume zu schießen, da staunten die Städter in heller Bewunderung die fremdartige Kriegsmacht an und kamen sich selbst vor wie Prinzen in einem bunten Märchen, während das Heidenvolk auf ihrem Ringe große Feuer anzündete und Stroh breitete, um darauf zu lagern.

Unterdes lief aus der Hauptstadt eine Botschaft nach der andern herzu, welche die Landsleute noch näher anging; seit ihr König zu ihnen gekommen war, erkannten sie, daß der Tag da war. Sechs Jahre hatten sie auf diese Zeit geharrt, und immer war ihr Hoffen getäuscht worden; als jetzt endlich der Kriegsruf in ihr Ohr schmetterte, war es keine Überraschung; sie wußten bereits, was sie zu tun hatten, und rüsteten feierlich und still zum Aufbruch. Nur hier und da quoll es aus den übervollen Herzen auffällig hervor. Der alte Trommler der Bürgerschützen, welcher seit einem Menschenalter bei den Festen der Stadt mit seinen Schlägeln wirbelte, wurde von diesem Geist der Zeit ergriffen; seine Nachbarn hörten in Stunden, wo sie der Ruhe pflogen, ganz in der Nähe den Sturmmarsch dröhnen, und wenn sie auf die Gasse liefen, war nichts zu sehen, bis sie endlich in das Fenster des Alten hineinlugten. Da ging der Nachbar auf seinen Dielen in die Runde, hatte die Trommel umgehängt und schlug nach Leibeskräften sich selbst zur Befriedigung.

Steinmetz war seines Dienstes auf dem Ratsturme längst enthoben und nur noch Anführer der Stadtmusik, aber er bewahrte dem Turme, dessen Uhr er aufzog, eine innige Zuneigung. Als der königliche Aufruf bekannt wurde, ging er, ohne jemand zu fragen, mit seiner Musik in der Mittagsstunde auf den Turmkranz und blies dort zwischen Himmel und Erde eine ganze Stunde lang. Was er blies, waren alles Choräle.

Die Jugend der Straße jedoch, welche seit dem Eintritt der Kosaken mit Heldenmut singend und pfeifend auf den Gassen umherschwärmte, hatte sich als Feld für ihre kriegerische Tätigkeit den Platz vor dem Hause des Kommissionsrates ausgewählt. Dort veranstaltete sie jeden Abend unerfreuliche Ständchen, und es nützte nichts, daß der Beunruhigte die Ratsdiener und Stadtsoldaten zu Hilfe rief, denn die behenden Musiker verschwanden, sobald die bewaffnete Macht sich näherte, und waren nach dem Abzug derselben wieder da, so daß der Kommissionsrat endlich mit seiner Familie zu einem Bekannten auf das Land zog. »Jetzt ist auch mein Zopf gerächt«, sagte der Einnehmer.

Es war natürlich, daß die alte Kriegskraft der Stadt, welche ins Zivil versetzt war, am meisten von der Bewegung ergriffen wurde. Major von Henner ließ seine alte Uniform aus dem untersten Grunde seiner Truhe heraufholen und setzte die Stadt in Verwunderung, als er fortan nur in einem seltsamen blauen Rock aus der Zeit des Alten Fritz sichtbar wurde. Auch in der Finsternis machte ihn schon auf mehrere Schritte ein starker Lavendelgeruch kenntlich, welcher die Uniform durch zwanzig Jahre gegen die Motten verteidigt hatte. Nun konnte zwar der Major die neumodischen Rüstungen nicht billigen und verbarg auch seine Kritik durchaus nicht, aber er neigte sich doch allmählich einer milderen Auffassung zu, seit er von der Kommission des Kreises ersucht worden war, als Ehrenmitglied an dem Ausrüstungsgeschäft teilzunehmen, und arbeitete mit dem Feuer eines Jünglings an der Sache.

Vollends der Hauptmann war im Nu ein anderer geworden. Jahrelang hatte er mit der Welt und seinem Schicksal gegrollt, jetzt schritt er hochaufgerichtet unter den Bürgern in neuer Uniform einher, grüßte freundlich und empfing achtungsvollen Gegengruß, denn er war zum Führer einer Landwehrkompanie ernannt. Es ist wahr, eine andere wäre ihm lieber gewesen. Dennoch war der Abend, an welchem er sein Patent empfing, der glücklichste seines freudenarmen Lebens. Er trat, ohne Worte zu machen, vor das Bild seines Vaters und sah es mit starren Augen an, bis die Schwester herzukam und ihn umarmte; da brach der finstere Mann in die Worte aus: »Ich hätte mich in dieser Zeit erschossen, wenn du nicht mein Trost gewesen wärst«, und hielt das kleine Fräulein fest, als wäre sie der Fels im Meere und er ein Schiffbrüchiger.

Als am Sonntage nach dem Gottesdienst die Freiwilligen aufgefordert wurden und viele Augen den Doktor vergebens suchten, erhob sich der Bürgermeister vor der Gemeinde und verkündete: »Der Name, den wir alle zuerst erwarten, wird heute in einem anderen Gotteshause unserer Gegend gerufen; ich bin ermächtigt, dies zu erklären.« Den nächsten Tag aber war der Doktor zur Stelle und sammelte aufs neue seine Mannschaft. Nicht jeder, der sich vor Jahren verpflichtet hatte, vermochte zu kommen, dafür fanden sich jüngere ein. Auch die gute Ordnung und Einheit, mit welcher früher der Graf die Rüstungen geleitet hatte, war nicht zu behaupten, es ging in der Hauptstadt tumultuarisch und eigenmächtig zu und die Freiwilligen meldeten sich zu verschiedenem Dienst. Endlich durfte auch dem regelmäßigen Heere und einer Landwehr, welche neu errichtet werden sollte, nicht zu viele Kraft entgehen. Darum verteilte sich die Kompanie des Doktors in verschiedene Truppenteile; er selbst aber wurde von den Vertretern des Kreises festgehalten und in ihren Rat gezogen. Denn das ganze Geschäft der Rüstung und der Lieferungen wurde durch drei kluge Männer geleitet, und diese waren: der Kammerherr als Stellvertreter des Landrats, unser Bürgermeister und Krause, Vertreter der Bauernschaft.

Fast noch eifriger als die Männer sorgten die Frauen. Auch sie bildeten einen Ausschuß, Vorsitzende wurde natürlich die Bellerwitz, und die Tätigste Minchen Buskow. Die Kammerherrin kam jetzt alle Wochen in ihrer Kutsche zur Stadt, und Minchen eilte unermüdlich von Haus zu Haus und erbat Decken, Wäsche, altes Linnen und was irgend sonst durch Frauenhände bei Aufstellung eines Heeres vorgesorgt werden konnte. Wer weiblich war oder sonst kleine geschickte Hände hatte, nähte Hemden, schnitt Binden und zerzupfte die Fäden alter Leinwand. Ganze Bollwerke von Scharpie wurden hergestellt, und es ist Grund zu der Annahme, daß der große und grausame Krieg nicht imstande war, sie aufzubrauchen.

Nachdem die Freiwilligen berufen waren, wurde in den Kirchen von Stadt und Land zu Beiträgen für das Vaterland aufgefordert. Das Volk war verarmt, ach, wie sehr! Die ungeheuren Forderungen des Feindes hatten Hab und Gut verzehrt, ein Mißjahr fast ohne Ernte war gerade erst überstanden, zuletzt hatten die Heerhaufen, welche nach Rußland zogen, wie Heuschreckenschwärme vertilgt, was etwa noch in Scheune und Stall zu finden war. Dennoch brachten die Leute eifrig herzu, was sie in ihrer Armut entbehren konnten.

Dabei fand auch der gute Senior die Versöhnung mit seiner Gemeinde. Denn der Landrat hatte in den Dörfern, die zur Kirche gehörten, anschlagen lassen, daß er am nächsten Sonntage nach dem Gottesdienst selbst den Aufruf vortragen werde. Die Kirche war wieder so voll, daß man die Türen nicht schließen konnte, der Senior hielt in großer Bewegung seine Predigt und setzte sich dann, nichts weiteres ahnend, in den Stuhl neben der Sakristei. Da trat der Landrat, ein starker Mann, der seine Stimme gewaltig erheben konnte, auf den freien Platz vor dem Altar und las den Aufruf so schön, daß er gebieterisch in jedes Ohr klang. Als er die Stellen genannt hatte, wo man die Gaben abliefern konnte, darunter auch das Pfarrhaus, fügte er hinzu: »Die erste Gabe hat unser hochwürdiger Herr Senior selbst in meine Hände gelegt.« Und er erzählte, daß die Franzosen nach den großen Verlusten und der Leibesgefahr, die der Pastor im vorigen Kriege erlitten, diesem eine Summe zurückerstattet hätten; er aber habe das Geld nicht berührt, auch nicht in Zeiten bitterer Not, sondern für diesen Tag verwahrt. Der Redner hob die Rollen in die Höhe. »So hat er sie vor Jahren erhalten, und unerbrochen gibt er sie zurück.« Hierauf nannte er die Summe, welche für die Ohren der Zuhörer sehr groß klang. Da saß der Senior, während ihn seine ganze Gemeinde zufrieden oder mit stiller Reue ansah, unbeweglich, obgleich er im Innern mächtig erregt war; er blickte hinauf zum Balkendach der alten Kirche, und ihm kam vor, als ob die Engel dort oben ihren himmlischen Gesang anstimmten: Ehre dem Herrn und Friede hienieden, Friede auch zwischen dem Pastor und seiner lieben Gemeinde.

In der Kreisstadt aber wurde bei der Aufforderung zu freiwilligen Gaben bekanntgemacht, daß der Einnehmer Hauptperson für die Annahme sein sollte. Daß er es wurde, verstand sich für die Bürger fast von selbst. Denn schon vor einigen Jahren war er der Mann des allgemeinen Vertrauens geworden, damals, als jedermann, der etwas Silberzeug im Hause hatte, eine Steuer vom Lot bezahlen mußte, wofür den einzelnen Stücken ein Stempel aufgedrückt wurde. Die Enkel mögen solches Silber liebevoll bewahren zur Erinnerung an die harte Not ihrer Voreltern. – Damals hatte mancher seinen stillen Schatz von sechs Kaffeelöffeln kleinmütig und mißvergnügt herzugetragen, Herr Köhler war aber sehr freundlich gewesen, vorab gegen die kleinen Leute, hatte alles verzeichnet, gepackt, versendet und genau zurückgegeben. Nur Hutzel, den großen Hausbesitzer, hatte er streng behandelt, weil dieser nichts brachte als einen Zettel, auf dem er die Zuckerzange und anderes aufgeschrieben hatte, und sich entschieden weigerte, die Wertstücke selbst aus dem Versteck ans Tageslicht zu bringen. Aber der Einnehmer hatte ihn doch gezwungen; seitdem grollte der Mann mit Herrn Köhler. Deshalb war dieser verwundert, als Hutzel jetzt unter den ersten erschien und eine große Geldrolle auf den Tisch legte. »Lassen Sie nachzählen.« Und als er seine Quittung erhalten hatte, fragte er: »Es kommt doch in die Zeitung? Ich bitte zu bemerken: Hausbesitzer und Kirchenvorsteher.« So kamen sie alle, jeder in seiner Weise, manche, die kein Geld hatten, boten Getreide, und ein Stadtbauer wickelte aus seinem Tuch eine ungeheure runde Wurst. »Sie ist geräuchert und hält sich«, sagte er, um sie dem Vaterlande annehmbar zu machen, »denn Geld ist nicht vorhanden.«

»Wir wollen versuchen, ob wir sie zu Gelde machen können«, versetzte der Einnehmer dankend.

Leider darf nicht verschwiegen werden, daß diese Annahme freiwilliger Gaben Veranlassung zu einer Entfremdung zwischen Herrn Köhler und Minchen von Buskow wurde. Schon als das Fräulein in sein Amtslokal trat, wurde der Einnehmer unzufrieden. Denn er hatte über diesem Geschäft allmählich eine gewisse nüchterne und kritische Ruhe erhalten und dachte bei sich: Die hätte auch zu Hause bleiben können. Sie aber legte ein kleines Papier auf den Tisch und sagte bittend: »Es sind die Trauringe von Vater und Mutter; wir lesen in der Zeitung, daß auch Ringe angenommen werden.«

»Gewiß,« entgegnete Herr Köhler verbindlich, »sie werden nach dem Goldwert geschätzt und eingeschmolzen. Will jemand solche Andenken zum Taxwert zurückkaufen, so steht es ihm frei.«

»Das vermag ich aber nicht«, sagte das Fräulein, die Ringe zum Abschiede liebevoll betrachtend.

»Monatliche Gehaltsabzüge, der ganze Betrag auf zwölf Monate verteilt, Sie haben wegen Ihres Gehaltes Kredit, die Stadtkasse legt es aus, Sie behalten dieses Andenken an Ihre lieben Eltern und haben es doch gegeben.« Er stellte das so überlegen dar, daß Minchen gar nicht zu widersprechen wagte. Der Einnehmer nahm also Goldwage und Probierstein, taxierte die Ringe, versprach, die Summe aus der Stadtkasse zu erheben, die monatlichen Abzüge von ihrem Gehalt zu veranlassen und ihr alsdann die Ringe wieder zu übermachen. Er besorgte dies mit Hilfe des Kämmerers und schickte sie mit einem Schreiben desselben zurück.

Doch als das Fräulein die Wertstücke wieder in der Hand hielt, fiel ihr ein, daß sie ja doch die Ringe hätte geben wollen und daß die Sache nicht in der Ordnung sei. Nun fürchtete sie aber das Mißfallen des Herrn Einnehmers zu erregen, wenn sie die Gabe noch einmal brächte; deswegen verschwor sie sich mit Frau Beblow und beredete diese, in den ersten Nachmittagsstunden, wo Herr Köhler nicht im Lokal war, sondern nur sein vertrauter Schreiber, die Reife als Gabe von einem Unbekannten abzugeben. Das konnte nicht auffallen, weil auch andere ihre Trauringe hintrugen. Die Sache war schlau erdacht, aber zum Unglück hatte der vereidete Schreiber, der auch als Freiwilliger ausrücken wollte, gerade in seinen Angelegenheiten zu tun, Herr Köhler war selbst zur Stelle, und Frau Beblow fiel in seine Hände. Er hörte mit Verachtung ihre Ausrede, daß diese Gabe von einem Unbekannten komme, denn er hatte die Ringe sofort wiedererkannt, und indem er brummte: »Sie ist leichtsinnig, und es ist ihr nicht zu helfen«, gab er mürrisch die Quittung. Als nun Frau Beblow zurückkam und den unglücklichen Verkauf berichtete, wurde Minchen sehr darüber bekümmert, daß der Einnehmer sie für eine leichtsinnige Person hielt und daß er ihr seine gute Meinung entzogen hätte. Wenn sie seitdem Herrn Köhler begegnete, kam ihr vor, als ob dieser mit geringerer Artigkeit grüßte, und sie dankte ihm scheu und befangen. Das merkte wieder der Einnehmer, und so gerieten die beiden ohne Worte allmählich in ein sehr gespanntes Verhältnis; die Grüße wurden immer kürzer, und weil keines recht wußte, warum, so war auch gar keine Verständigung möglich. Das Fräulein empfand das tief. Ihr Leben im Hause war ohnedies einsam geworden, denn ihr Bruder hatte sie verlassen, um seine Kompanie zu übernehmen, und wenn sie des Abends allein in ihrem Dachstübchen saß, grämte sie sich bitterlich über die schlechte Meinung und dachte nach, wie sie die Feindseligkeit wohl besiegen könnte.

Nun war der Einnehmer auf Ansuchen des Magistrats Ehrenvorstand ihrer Schule geworden; er wurde jeden Monat dort sichtbar, gab seinen guten Rat, ermahnte und lobte die Kinder. Da fiel ihr ein, ob sie ihm nicht durch diese eine Bitte vortragen könnte, von seinem Zorn abzulassen. Sie wählte dazu ein kleines Mädchen, dessen Vater als Landwehrmann mitziehen sollte, und brachte dem Kinde einen Vers bei, den sie sich selbst ausgedacht hatte. Als nun der Einnehmer zu seiner Zeit wieder erschien und die Arbeiten der Kinder besah, welche diesmal sämtlich für das Vaterland verfertigt wurden, verweilte er auch vor der Kleinen, die sein Liebling war, zog eine Tüte Pfeffernüsse aus der Tasche und riet ihr, davon zu nehmen und den Rest unparteiisch unter ihre Gespielinnen zu verteilen. Da stand das Kind feierlich auf und sagte mit hellem Stimmchen seinen Spruch:

»Wir bitten zu dem lieben Gott
Für dein Wohlergehen,
Habe Nachsicht auch mit uns,
Wenn wir was versehen.«

»Du kannst hübsch singen, kleiner Vogel«, sagte Herr Köhler erfreut. »Ersuche unser liebes Fräulein, daß sie dir den Vers aufschreibt, und bringe ihn mir nach Hause.« Er selbst sah Minchen so zufrieden an, daß sie erkannte, sein Unwille sei geschwunden. Denn die Musen haben in ihrer himmlischen Güte jedem Menschen die Begabung zugeteilt, daß ihm Verse, welche zu seiner Ehre gedichtet sind, ausnehmend gut gefallen. Deshalb hielt auch der Einnehmer daheim den Zettel mit dem Reime nachdenkend in den Händen und sagte: »Es ist merkwürdig, sie hat doch Poesie.«

Durch das Ersatzgeschäft in seinem Kreise aufgehalten, konnte der Doktor erst später als die Kameraden aufbrechen. Vorher traf er noch einmal bei den Vertrauten im Marktflecken mit Henriette zusammen. Dies Wiedersehen, das letzte vor einer langen Trennung, war dem Anscheine nach ruhiger als ein früheres; sie waren in so begeisterter Stimmung, daß Schmerz und Angst nicht aufkamen. Erst als er beim Abschiede die Geliebte in die Arme schloß, brach die mächtige Bewegung in beiden hervor, er warf sich auf die Knie, und sie hielt die Hand über seinem Haupt, den tränenlosen Blick nach oben gerichtet.

In der Hauptstadt suchte er zuerst den Grafen Götzen auf. Er wurde in ein Krankenzimmer geführt. »Das ist mein Schicksal,« begann der Graf traurig, »mir ist nicht bestimmt, mit meinen Landsleuten ins Feld zu ziehen. Der Wassertropfen verrinnt in der großen Strömung. In vergeblicher Mühe und in Sorge, die unablässig am Herzen nagte, ist die Lebenskraft geschwunden. Ich brauche jetzt die Philosophie, welche Sie mir einst empfahlen; aber das Bewußtsein, daß man früher einmal seine Pflicht getan, ist ein schlechter Trost in dieser Zeit, wo so unermeßlich viel zu tun wäre.«

»Ihnen aber bleibt ein anderer Trost«, entgegnete der Doktor. »Wenn der Hörnerklang der schlesischen Freiwilligen zu Ihren Fenstern heraufschallt, und sooft Sie in der Zeitung lesen, daß unsere Bataillone vor dem Feinde sich brav gehalten, sollen Sie die Freude empfinden, wie wir Schlesier Ihnen mehr als jedem anderen verdanken, daß wir teilhaben an den Ehren dieses Jahres. Sie waren es, und Sie fast allein, der in unserem mutlosen Elend während der Jahre großer Demütigungen uns eine mannhafte Gesinnung und das Vertrauen zu der Zukunft unseres Staates gegeben hat. Wie mir, so haben Sie tausend anderen die Waffen in die Hand gelegt, die wir endlich gebrauchen dürfen. An Sie haben wir uns bisher gehalten, jetzt ist es an uns, Ihrem Beispiel nachzueifern und unserem Meister Ehre zu machen.«

»Darum also tragen auch Sie die Büchse?« fragte der Graf mit melancholischem Lächeln, und abbrechend sagte er: »Freund Helwig ist zum Major ernannt; es ist im Werke, ihn als Führer eines Streifkorps mit dem halben Regiment in den Rücken des Feindes zu senden. Er hat sich bereits wacker getummelt, Sie werden ihn in der Lausitz finden und Mühe haben, zu ihm durchzudringen.«

Es war am Ende des Mai, als der Doktor zu Pferde, in Uniform und mit den Waffen eines reitenden Jägers, in Kottbus eintraf, wo das Streifkorps Ruhetag hielt. Der erste Bekannte, dem er auf dem Marktplatze begegnete, war Hans, welcher sich die Erlaubnis ausgewirkt hatte, zu der Schwadron des Majors überzugehen. Hans lief in voller Freude auf den Einreitenden zu und führte ihn nach dem Gasthofe, wo die Offiziere lustig zusammensaßen, unter ihnen der Pole, welcher die zweite Schwadron kommandierte. Die Freunde sprangen auf, als der neue Freiwillige in das Zimmer trat. Es gab herzliche Umarmungen und viele Fragen.

Wie durch Zauberkunst sah sich der Doktor plötzlich als Genosse streifender Husaren. Die ersten Wochen wurde ihm der Dienst sauer; die Vorübungen, welche er daheim in den letzten Jahren nach Anweisung eines Husarenunteroffiziers gemacht hatte, halfen ihm wenig, aber er war kräftig und unermüdlich und fand bei Offizieren und Mannschaft so bereitwillige Nachhilfe, daß er sich manchmal gegen allzugroße Schonung, die man ihm gewähren wollte, sträuben mußte. Da kurz nach seinem Eintritt ein Waffenstillstand geschlossen wurde, so erhielt er mit anderen Rekruten Frist zu notdürftiger Ausbildung. Nach dem Stillstand aber gewann auch er vollgemessenen Anteil an den Freuden und Gefahren des Reiterlebens. Zwar das ersehnte freie Schweifen im Rücken des Feindes vermochte der Major lange nicht durchzusetzen, denn sein General Bülow, ein methodischer Herr, machte nicht viel aus dem Parteigängerdienst und hielt seine Leute lieber fest unter eigenem Kommando. Dadurch wurde dem Doktor Gelegenheit, nach den siegreichen Kämpfen zum Schutz der Residenz in die Scharen der fliehenden Feinde einzuhauen, bis die Nacht dem Reitergefecht ein Ende machte. Seitdem gab es fast jeden Tag kleinere Zusammenstöße mit dem Feinde, selten kamen die Husaren ohne Gefangene und Siegeszeichen in ihre Quartiere. Aber erst Anfang Oktober gelang es dem Streifkorps, sich von dem Vorpostendienst bei der Nordarmee zu befreien. Wie ein junger Jagdfalk, der lange mit dem großen Steinadler in einem Käfig zusammengeschlossen war, flog der Major, den Banden entlassen und froh, sich frei die Beute zu jagen, über die Elbe in das Gebiet, welches noch von der französischen Armee beherrscht wurde. Seine Schwadronen warfen sich auf die Verbindungen des Feindes, fingen Kuriere ab, verwirrten Kolonnenzüge, störten die Zufuhren, griffen kleinere Heerhaufen ohne Rücksicht auf die Übermacht an und belästigten unablässig den Gegner.

Als in dieser Zeit der waghalsigen Streife das Korps die Festung Erfurt, welche noch in französischen Händen war, umschwärmte, um die ausgesandten Detachements, die aus der Umgegend Furage eintrieben, zu hindern, erhielt Witowski Befehl, mit seiner Schwadron die große thüringische Heerstraße zu beobachten und nach einem Fange auszusehen. Der Pole war darüber höchlich erfreut, denn wie der Führer des Korps gegenüber seinem General, so wollte auch er gern gegen seinen Freund Helwig die Unabhängigkeit behaupten. Vor dem Abmarsch kam er zum Doktor: »Bruder, reit einmal mit mir.«

»Gern,« sagte dieser, »wenn der Major es gestattet.«

Als die Erlaubnis erteilt war, zog die Schwadron unter hellem Gesange südwärts.

Der Pole war ein erfahrener Parteigänger, er hatte sich mit gutem Grunde selbst einen Kater genannt, denn unerschöpflich in kleinen Listen, wußte er sich so gewandt zu schmiegen und zu drücken, daß er den Feinden unsichtbar blieb, bis für ihn der Augenblick des Ansprungs kam. Diesmal führte er mit besonderem Behagen die Schwadron, welche zum Teil mit Piken bewaffnet war, und eine Anzahl Jäger zwischen feindlichen Besatzungen hindurch bis in die Nähe der Heerstraße.

Etwa eine Meile nordwärts der Straße lag einsam ein großes Vorwerk, dahinter ein Gehölz mit einer Lichtung. Dorthin rückte er mit seinem Kommando und erzählte seinem Vertrauten, dem Doktor: »Einer von meinen Husaren ist ein Verwandter des Gutsbesitzers; ihn habe ich verkleidet vorausgeschickt, und ich finde hier gute Kundschaft.« Bis zur Dämmerung kamen und gingen Boten. In der Dunkelheit brach er auf und führte seine Schwadron in die Nähe eines Dorfes an der Straße. »Dort hat sich auf dem Marsch eine halbe Batterie eingelegt, wollen sie herausholen.« Er umstellte das Dorf und postierte Jäger an die Landstraße nach beiden Richtungen. »Bricht ein Fahrzeug heraus, so schießt zuerst die Pferde nieder«, – dann rückte er auf einem Seitenweg von den Feldern gegen das Dorf. Es gelang, die sorglosen Wachen am Eingange zu bewältigen, ohne daß ein Schuß fiel; die Schwadron drang in den Ort und fand die Geschütze und Wagen an einem freien Platz aufgefahren. Ein Teil der Mannschaft saß ab und durchsuchte die Gehöfte. Tumult, Geschrei und Schüsse unterbrachen die nächtliche Stille, in wenig mehr als einer Stunde war die Mehrzahl der feindlichen Artilleristen und die Bedeckungsmannschaft niedergehauen oder gefangen, nur wenige entkamen in das Feld oder bargen sich im Versteck. Die Fahrknechte wurden gezwungen, anzuspannen und beim ersten Morgengrau führte der Rittmeister die Gefangenen und die halbe Batterie als Beute aus dem Dorfe. Vergnügt strich er seinen dunklen Schnurrbart. »Gern möchte ich die Kanonen verstecken und abliefern,« sagte er, »damit die Mannschaft ihre Dukaten verdient. Die Feldwege sind von den Erntewagen festgefahren und die Feinde sollen Mühe haben, uns zu finden.« Er brachte seinen Fang glücklich zu dem Vorwerk. Dort befahl er zu füttern und abzukochen. »Jetzt laß uns ausruhen, Bruder, denn wir haben noch etwas vor.«

»Mancher ist entkommen,« versetzte der Doktor, »auch aus meinem Gehöft sind einige Mann über den Gartenzaun gesprungen, wir schossen ihnen vergeblich nach.«

»Wir haben die Offiziere, dort sitzen sie verwundet auf dem Protzkasten, die Mannschaft aber, wenn sie auf dem Marsch überfallen wird, hat immer den Brauch, daß sie den Weg zurückläuft, den sie schon gemacht hat, und nicht nach vorwärts. Die Flüchtigen haben weit zu laufen, von dort hinten droht uns heut noch keine Gefahr, die Gefangenen schicke ich sofort auf unsere Garnison zu.« Er gab einem Offizier den Befehl, mit einer Bedeckung und den Gefangenen aufzubrechen, wies ihm leise eine Sandgrube als Versteck an, wo er sie unterbringen sollte, und machte ihm ein bedeutsames Zeichen mit der Pistole: »Wenn einer trotzige Miene macht, geben Sie ihm sogleich einen Freipaß zum Teufel, damit die andern in Furcht bleiben. Doch der Artillerist, wenn er die Geschütze verloren hat, ist geduldiger. Warum lassen Sie den Feuerwerker zurück, Leutnant?« fragte er, auf einen Franzosen deutend, der in der Nähe stand.

»Verwundet!« meldete sich der Mann finster in französischer Sprache, »und geschlagen ins Kreuz« – und setzte sich schwerfällig auf einen Holzklotz.

»Dann hinein mit ihm ins Haus!« gebot der Pole gutmütig, als er das Blut am Kopfe des Feindes sah. »Dort ist Lazarett und Chirurgus.«

Am Nachmittage rückte der Rittmeister von neuem aus. Auf anderen Wegen weiter gegen Osten kam die Schwadron wieder der Heerstraße nahe. Der Pole teilte sie und stellte die Beritte im Schutze eines Holzes verdeckt auf, er selbst winkte seinen Freund zu sich, stieg ab, kroch auf einen kahlen Hügel und beobachtete liegend mit seinem Fernglase nach beiden Richtungen die Straße. »Aus einem polnischen Landsmann, der unter den Gefangenen war, habe ich herausgebracht,« erzählte er, als der Doktor an seiner Seite lag, »daß vornehme französische Generäle zurück sind, welche mit ihren Wagen und Bedeckung zum Heer des Kaisers reisen. Ist es auch unsicher, vielleicht kommen sie uns noch in den Weg.« Wohl eine Stunde lagen sie spähend auf der Höhe. Endlich rief er mit heller Freude: »Dort kommen sie; es sind Reiter, und sie sind gewarnt, denn sie marschieren vorsichtig. Wir packen sie von vorn, die andern im Rücken.«

Als die Husaren zur Attacke aufritten und die feindlichen Reiter sichtbar wurden, hob sich der Freiwillige im Sattel, schrie den Namen Dessalle und setzte, alles vergessend, den anderen voran auf die Heerstraße, seinem Feinde entgegen. Sooft er bis dahin mit den Franzosen zusammengestoßen war, bei jedem Überfall, und wenn er nach einem Treffen hinter dem fliehenden Gegner herjagte, immer hatte er erwartet, die Gestalt seines Nebenbuhlers im Anritt gegen sich zu finden. Er wußte, daß er ihm im Felde begegnen würde; jetzt hatte er ihn vor sich und die Stunde der Entscheidung war da. Ein wilder Kampfzorn überkam den bedächtigen Mann, und Leib und Seele unter der Herrschaft plötzlich auflodernder Leidenschaft, rief er zum zweitenmal den Namen des Franzosen. Gellend klang ein Gegenruf, und beide rannten aneinander. Die größere Gewandtheit des Obersten vermochte dem rasenden Anfall des Deutschen nur mit Mühe zu begegnen, denn blitzschnell und mit übermenschlicher Kraft fielen die Hiebe gegen ihn. Neben sich hörte der Freiwillige den Ruf des Polen, doch er schrie: »Mein ist er!«, als wollte er den Beistand anderer abhalten. Von der anderen Seite aber jagte Hans herzu mit der Lanze, die er einem Verwundeten entrissen hatte; der Franzose bäumte sein Pferd, den Stoß zu parieren, das Roß überschlug sich und der Reiter lag betäubt unter ihm am Boden. Da neigte sich der Freiwillige auf seinem Pferde über ihn und ein Strahl wilden Triumphes fiel auf den Gestürzten, gleich darauf schlug er sich im Getümmel mit anderen feindlichen Reitern herum.

Die Hälfte der französischen Bedeckung entrann in schneller Flucht, der Rest wurde niedergemacht oder gefangen. Als Hans zum Sammeln blies und der Doktor an der Stelle vorüberkam, auf welcher er mit dem Franzosen zusammengestoßen war, saß der alte Wachtmeister am Boden und stützte den Körper des Ohnmächtigen. Der Pole aber lachte seinen Freiwilligen an und wies auf die Koppel von Beutepferden, welche durch seine Husaren zusammengetrieben wurde: »Es sind gute Pferde darunter.«

Der Oberst wurde auf einen Wagen gelegt, den ein Husar aus dem nahen Dorfe herbeiholte, und die Schwadron zog mit Pferden und Gefangenen wieder dem Gehöfte zu, in welchem der Rittmeister sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Als die fröhlichen Sieger ankamen, fanden sie dort alles, wie sie es verlassen, nur die Husaren, die zur Bewachung zurückgeblieben waren, erhielten scharfen Verweis, weil sie der Versuchung nicht widerstanden hatten, sich gesellig mit einem starken Trunk zu vergnügen, und weil das Verhör ergab, daß die französischen Artilleristen die Branntweinflaschen aus ihren Protzkästen selbst herzugetragen und wie gute Kameraden an dem Trunk teilgenommen hatten. Die Verwundeten wurden wieder im Hause auf Betten und Streu untergebracht, der Oberst auf das Lager gelegt, welches in einer Kammer neben der Wohnstube stand, und der alte Sergeant zu seiner Bedienung bestimmt.

»Der Oberst ist ein wilder Teufel,« sagte der Pole zum Doktor, »und finster wie die Nacht, auf höfliche Anrede hat er keine Antwort gegeben; ich traue ihm nicht.« Er untersuchte selbst die Kammer, beim Bett war nur ein kleines Fenster, so enge, daß sich auch ein Gesunder nicht hindurchzuschwingen vermochte; er befahl, die Kammertür auszuheben, und postierte einen Husaren in die Wohnstube, damit der Franzose allein wäre und doch auffällige Bewegungen seiner Wache nicht verbergen könnte. Der Doktor rief den Alten heraus und sagte ihm, daß er bereit sei, das Bein zu untersuchen, wenn der Verwundete es wünsche. Doch als der Diener dem Obersten dies leise mitteilte, antwortete dieser nur durch eine abwehrende Bewegung des Abscheus, und der Chirurgus des Streifkorps wurde in die Kammer geschickt; er meldete einen Beinbruch, der nicht gefährlich sei, und tat sein Bestes, den Fuß zu schienen. Der Kranke lag still und der Sergeant ging ab und zu.

Draußen im Hofe und Garten tummelten sich lustig die Husaren, bereiteten ihre Mahlzeit, rauchten und schwatzten. Hinter den Gebäuden des Hofes standen die erbeuteten Geschütze und Wagen, bewacht von freiwilligen Jägern; in einer Abteilung der Scheune lagerten die Offiziere und einige Freiwillige, auch sie gehoben durch den gelungenen Fang. Es wurde dunkel, und Hans ließ bereits durch die Burschen der Offiziere die Streu auf der Tenne breiten zum Nachtlager für die Herren. Da stellte sich der alte Franzose nahe zum Bett des Obersten und begann leise: »Ich bringe eine Meldung, Herr Oberst.« Dieser wandte ihm das düstere Antlitz zu. »Der Feuerwerker hat heut, während die feindlichen Husaren von seinen Leuten unterhalten wurden, heimlich ein Faß Sprengpulver in die Scheune gegenüber geschafft und unter Erbsenstroh versteckt. Vom Faß hat er die Zündschnur gelegt und längs dem Stall mit Stroh bedeckt bis an dieses Haus gezogen. Er ist Savoyarde und fühlt Rachsucht, weil ihn die Husaren verwundet und durch Schläge übel zugerichtet haben. In der Nacht, wenn die Scheune mit Feinden gefüllt ist, will er sprengen, er hofft, die Wache zu betrügen. Das Pulverfaß steht neben dem Lager der Offiziere, die Stoppine läuft hier hinter dem Haus herum bis zu der Kammer nebenan, wo der Savoyarde wegen seiner Wunde einquartiert ist. Ich sagte ihm, er dürfe es nicht tun ohne Ihre Genehmigung. Sobald der Herr Oberst an die Wand pocht, zündet er an.« In den Augen des Obersten flammte ein grelles Licht auf, als er fragte: »Wo liegt der Arzt aus jener Stadt?«

»Bei den Offizieren in der Scheune.«

»Warum hat es der Tropf nicht getan, ohne Meldung davon zu machen?« murmelte der Kranke.

»Mein Oberst, der Doktor hat Ihr Leben gerettet«, versetzte der Alte.

»Er hat mir gestohlen, was das Glück meiner Zukunft werden soll; er hat sich eingedrängt zwischen mich und eine andere, einer von uns beiden muß von dannen.«

»Wenn das sein muß,« fuhr der Alte fort, »so pflegt mein Oberst das Pulver in der Pistole zu gebrauchen, aber nicht im Faß.«

»Im Kriege trifft der Tod mit jeder Waffe.«

»Aber Oberst Dessalle gebraucht nicht jede.«

»Sie haben Ihre Meldung getan, Wachtmeister; ich werde das Zeichen geben.« Der Alte rückte sich steif zusammen und salutierte militärisch.

Die Sonne war untergegangen und das Abenddunkel erfüllte die Räume des Hauses. Der Rittmeister kam in die Wohnstube und befahl Licht zu bringen; da der helle Schein auch die anderen Offiziere herbeizog, rief der Pole in den Hof hinaus: »Komm zu uns, Bruder Doktor, es ist Wein hier aus Franken.« Der Freiwillige erschien und saß mit den andern am Tisch nieder.

Der Rittmeister trug ein Glas zu dem Diener. »Trink, alter Vater, da dein Herr nicht kann, und sei lustig; heut mir und morgen dir, so heißt es bei uns Husaren.« Der Alte dankte und stellte das Glas unberührt neben sich. »Dieses Glas aber bringe ich dir, Bruder Doktor,« fuhr der Rittmeister fort, »heut bist du als mein Freiwilliger geritten und ich habe mich über dich gefreut. Bei uns Polen ist eine Rede: Jedermann schlägt nach seinem Großvater, – ich denke, deiner war auch Soldat.«

»Nur eine Stunde seines Lebens«, antwortete der Doktor lachend. »Er war ungewöhnlich hoch gewachsen, deshalb wollte ihn der Vater Friedrichs des Großen in sein Potsdamer Regiment stecken und hatte ihn schon einkleiden lassen. Doch besann der König sich anders und gab ihm eine Pfarre. Der Großvater hielt sich noch im hohen Greisenalter gerade aufgerichtet wie ein Gardist, ich habe eine dunkle Erinnerung an ihn und an sein schönes weißes Haar, wie er mir einst die Hand auf den Kopf legte.«

»Mir hat niemand den Kopf gesegnet«, sagte der Rittmeister ernster als er sonst zu sein pflegte. »Den Großvater hieben die Konföderierten mit ihren Säbeln zu Tode, und den Vater erschossen die Franzosen, während er in österreichischen Diensten stand, beide habe ich nicht gekannt. Da zog meine Mutter ins Preußische, als ich noch ganz winzig war. Dort sah ich als kleines Kindel zuerst einen Husaren und sagte meiner Mutter sogleich, ich wollte auch einer werden. Solange ich denken kann, habe ich kein anderes Vaterhaus als das Regiment, und keinen andern Segen auf dem Kopf, als den Segen, welchen der Herrgott einem ehrlichen Husaren gibt.« Er stieß das Glas auf den Tisch. »Schenke den Rest ein, Bruder, morgen reiten wir, bevor die Sonne aufgeht, und jetzt pascholl nach unserem Nachtquartier in der Scheune.«

Die Preußen verließen die Stube, es wurde allmählich still, auch draußen verhallte der Lärm. Der Sergeant stellte sich an das Bett des Obersten und beugte sich über ihn, der Kranke schlief. Erstaunt lauschte der andere auf die Atemzüge und harrte längere Zeit, es regte sich nichts. Kopfschüttelnd nahm er das Wassergefäß und ging in den Hof.

Als um diese Zeit der Doktor noch einmal aus der Scheune zum Brunnen kam, sah er in der Finsternis an der Seite eine Gestalt am Boden kauern. Als er herantrat, erkannte er den alten Franzosen. »Was tun Sie hier, mein Braver?« fragte er verwundert. Der Alte erhob sich.

»Ich habe eine Kugel für mich gefunden«, entgegnete er grüßend und schritt dem Hause zu. In der Kammer neigte er sich wieder über das Angesicht seines Obersten. Dieser lag unverändert. Der Sergeant saß neben dem Lager nieder, griff nach dem Glase, das ihm der Preuße dargeboten hatte, und trank es aus.

Alles war still, die Sterne stiegen zur Höhe und gingen nieder, die erste Morgenröte stieg herauf. Hans trat aus der Scheune und blies Reveille, auch der Oberst erhob sich in seinem Bett. »Ich werde mich zu Arrest und Kriegsgericht melden, sobald der Herr Oberst den Säbel wieder hat«, sagte der Sergeant finster.

»Was meinst du, Alter?«

»Ich habe gestern abend gegen Befehl die Zündschnur durchschnitten und die Leitung unterbrochen.«

»Ich weiß es, mein Vater; ich wußte, daß du es tun würdest, als du hinausgingst, denn ich schlief nicht.«

Mit demselben strengen Ernst meldete der Sergeant weiter: »Ebenso habe ich gestern gegen den Befehl dem Feuerwerker gemeldet, daß der Herr Oberst oder ich ihm künftig einmal einen Schuß durch das Hirn jagen würden, wenn er sich untersteht, ohne mündlichen Befehl des Herrn Obersten die Stoppine anzuzünden.«

»Es ist gut«, versetzte der Oberst und streckte ihm die Hand hin. »Komm, mein Vater, setze dich zu mir; mir bleibt auf Erden niemand als du.« Er sank auf sein Lager zurück. So blieben beide schweigend, bis der Pole, zum Aufbruch bereit, in die Kammer kam.

»Die alte Rechnung ist noch nicht ganz ausgeglichen, obgleich wir einander gehauen haben«, begann der Pole; »auch ich bin gewohnt, Ehrenschulden zu bezahlen. Sie haben mir damals meine Husaren freigelassen. Wollen Sie mir Parole geben für sich und Ihren Begleiter, daß Sie in diesem Feldzuge nicht mehr gegen uns dienen, so gebrauche ich das Recht, welches ich als Kommandeur eines Streifkorps habe, und lasse Sie sogleich frei abreisen, wohin Sie wollen.«

»Es ist dafür gesorgt, daß mir die Parole nicht schwer wird«, entgegnete der Oberst, nach seinem Fuß weisend, und gab das Gelöbnis. Der Rittmeister rief in den Hof und übergab dem Alten Pallasch und Säbel.

»Da wir Artigkeiten austauschen,« begann jetzt der Franzose nicht ohne Selbstüberwindung, »so lassen Sie sich als meinen Dank mitteilen, daß in der Scheune neben Ihrem Nachtlager ein Faß Pulver steht; die Leitung, welche dazu bestimmt war, Sie auffliegen zu machen, hat mein Sergeant gestern abend unterbrochen, um Sie vor einer lästigen Störung Ihrer Ruhe zu bewahren. Wenn Sie diese Tat, die er ohne Befehl, nur als Soldat von Ehre getan, für dankenswert halten, so können Sie ihn dadurch verbinden, daß Sie von einer Untersuchung gegen den Anstifter absehen, damit die Redlichkeit meines Alten gegen den Feind nicht einem seiner Kameraden den Hals kostet.«

»Ich weiß Ihnen nicht besser zu danken, Wachtmeister,« versetzte der Rittmeister, »als daß ich den Kerl zur Stelle loslasse, da ich eine solche Bremse nicht mit mir fortnehmen will.«

»Noch um eine Gunst wage ich zu bitten,« fuhr der Oberst fort; »ich möchte so schnell als möglich diesen Ort verlassen, ohne sonst jemanden zu sehen, und ersuche Sie um einen Wagen für mich und meinen Begleiter.«

»Der Beamte des Vorwerks soll sogleich anspannen«, entgegnete der Pole. »Stoßen wir wieder zusammen, so tue ich nicht den ersten Hieb.«

»Auch ich nicht«, sagte der Franzose. Beide grüßten einander mit der Hand und schieden.

Als der Doktor kurz darauf in die Stube trat, war Oberst Dessalle mit seinem Vertrauten verschwunden. »Wohin ist er gereist?« fragte der Doktor den Rittmeister.

»Südwärts nach der nächsten Stadt«, versetzte der Pole. »Er wird uns das Geschäft nicht stören; wir wechseln die Straße. Die Geschütze muß ich aber sprengen. Das Pulver dazu steht neben unsrer Schlafstelle.«

Oberst Dessalle war verschwunden. Der Doktor hatte im Winter und während des nächsten Feldzuges im Frühjahr oft Gelegenheit, bei französischen Offizieren nach ihm zu fragen. Viele kannten ihn und mancher gab Nachricht über ihn bis zu dem Tage seiner Gefangenschaft; wo er seitdem geblieben, wußte niemand zu sagen.

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