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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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10. Der Verlobte

Immer noch fiel der Schnee in großen Flocken, aber die weiße Decke, welche sich über die Straßen der Stadt breitete, war trügerisch, denn wo ein Fußtritt oder ein Schlitten eindrückte, füllte sich die Spur mit schlammigem Wasser. Durch Schnee und Regen klangen dumpfer als sonst die Sonntagsglocken, da kam ein plumper Bauernschlitten, mit grauer Leinwand überdeckt, von zwei abgetriebenen polnischen Gäulen gezogen, durch das Stadttor. Ein alter Mann mit langem grauen Schnurrbart und einer polnischen Mütze trieb als Kutscher die elenden Pferde und sah wild zur Seite, als der Stadtsoldat herantrat und sein »Halt! Wer da?« rief; denn wegen des durchziehenden französischen Volkes hatte die Stadt auch für den Tag eine Torwache bestellt.

Der Kutscher antwortete etwas in fremder Sprache, wovon die Wache nur »L'Empereur« verstand.

»Die Geschichte mit dem Lamperör ist zu Ende,« sagte der Stadtsoldat unwillig, »mit euch macht man jetzt wenig Federlesens. Die Hintergasse hinein zum Spital, dort meldet euch!«

Ein kurzer Befehl kam aus dem Fuhrwerk, der Kutscher peitschte die Mähren und fuhr geradeaus dem Markte zu. Der Torwächter sah ihm entrüstet nach: »Das Volk will noch nicht parieren,« brummte er und setzte sich wieder in sein Schilderhaus, »auf dem Markte werden sie euch schon anhalten.« Der Schlitten fuhr beim Gasthofe vor, der Hausknecht stand in der Tür, er rührte sich nicht, dem Kutscher zu helfen. »Fahrt fort, ihr findet hier kein Unterkommen.« Da rief aus der Leinwand die Stimme eines Mannes: »Ich lasse die Frau Wirtin ersuchen, sich herzubemühen.« Nach einer Weile kam die Wirtin langsam heran, aber sie schlug vor dem Schlitten die kräftigen Arme übereinander, gerüstet, den Fremden abzuweisen. Die Leinwand öffnete sich, in dem Schlitten lag, auf Futtersäcken, in Decken gehüllt, ein Mann in französischer Uniform, deren verschossene Goldstickerei schließen ließ, daß der Kranke ein vornehmer Offizier war.

»Ein alter Bekannter bittet um ein Quartier, Frau Wirtin; ich habe vor einigen Jahren bei Ihnen gewohnt.« Die Wirtin starrte in das Gesicht. »Das ist ja der fremde Kapitän, der unsere Reiter aussperrte. Mein Gott, wie sehen Sie aus?«

»Weisen Sie mich nicht ab, denn ich bin krank.«

»Ich darf Sie nicht nehmen,« sagte die Frau mit erwachender Teilnahme; »die Kranken müssen alle ins Hospital.«

»Ich brauche nur einige Tage Ruhe, um mich zu erholen, und werde Ihnen dankbar sein.«

»Ich muß Sie aber sogleich anmelden beim Magistrat und auch bei dem Herrn Doktor.«

»Das ist mir recht, ich bitte um den Besuch des Arztes«, sagte der Franzose. Er wurde mit Hilfe seines Begleiters und des Hausknechts aus dem Schlitten gehoben und die Treppe hinaufgeführt. Da die Wirtin ihn einmal aufgenommen hatte, gedachte sie freundlicher ihrer Pflicht und fragte, was er begehre: »Wärme in das Zimmer und etwas Warmes zu trinken.«

»Das fordern sie alle,« sagte die Wirtin im Herausgehen, »er ist sehr verändert, aber noch immer ein schöner Mann. Wie prächtig sah er damals aus, als er mit der Pistole jedermann niederschoß.« Der Fremde legte erschöpft den Kopf auf die Kissen. Eine Stunde darauf öffnete der alte Begleiter leise die Tür. Der Doktor hatte die Botschaft erhalten, daß ein französischer Oberst seine Hilfe begehre; als er vor das Bett des Fremden trat, der sich in unruhigem Halbschlummer hin und her warf, fuhr er zurück, und sein Antlitz wurde so blutlos, wie das des Kranken. Vor ihm lag der Feind seines Lebens, der ihm und einer anderen seit Jahren Glück und Frieden verstört hatte; hilflos lag er vor ihm, er sah, wie der Arzt sieht, den Beginn einer schweren Krankheit, und er sollte ihn heilen. Wie er so unbeweglich stand, richtete sich der Franzose halb auf und starrte ihn mit großen Augen an: »Ich bin krank, mein Vater«, murmelte er leise in deutscher Sprache; doch gleich darauf fuhr er französisch fort: »Sie sind es, Herr Doktor? Solches Wiederfinden haben wir beide nicht gewünscht. Aber Sie sehen, ich halte mein Wort und komme zurück, damit Sie mich weiter in die Kur nehmen. Machen Sie mich schnell gesund, Herr, denn mein Kaiser braucht mich.« Der Doktor setzte sich zum Bett und tat die Fragen an den Kranken selbst und an den alten Franzosen, welcher an der Tür stand, dann verordnete er, was zunächst nötig war, und sagte gehalten: »Ich werde mir vor allem Mühe geben, durchzusetzen, daß Sie im Gasthofe bleiben, das Hospital ist leider überfüllt, und den Kranken wird es schwer, sich dort zu erholen. Ich bringe sogleich Bescheid.«

»Kein Hospital,« rief der Fremde heftig, »auch in dem Gasthofe denke ich nicht zu bleiben; ich habe hier in der Nähe eine Familie auf dem Lande, in welcher ich meine Genesung abwarten will, dort hoffe ich bessere Pflege zu finden.«

Als der Arzt wiederkam, war die Krankheit zum Ausbruch gekommen. Der Fremde warf sich in wilden Phantasien umher. Der Doktor lauschte auf die tollen Reden in französischer und deutscher Sprache, und er hörte mit Schrecken, wie die Bilder von Gefechten und die Todesangst vor einem kalten Strom, in dem der Kranke neben seinem Pferd treiben mußte, mit anderen Gedanken wechselten, von einem Pfarrhause, das er suchte und nicht finden konnte. Er sah auf die Hand des Liegenden, der Ring mit dem Vergißmeinnicht steckte daran. Als er das Bett verließ, nahm er den alten Begleiter beiseite und sagte: »Ich will bewirken, daß Sie hier bleiben und die Pflege Ihres Herrn übernehmen dürfen.« Der Franzose dankte mit tränenden Augen. »Ich werde dafür sorgen, daß Sie selbst gut verpflegt werden, damit Sie in diesem Dienste aushalten können, und ich werde Ihnen, wenn die Krankheit sich steigert, noch einen Mann zur Hilfe beiordnen; dafür geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie dem Kranken mit Festigkeit widerstehen, wenn er in lichten Augenblicken den Willen ausspricht, Bekannte zu sehen, die er in dieser Gegend hat, und daß Sie, wenn er es noch so dringend verlangen sollte, ohne mein Wissen keine Nachricht nach auswärts abgehen lassen. Die Krankheit droht mit Ansteckung, und ich kann es nicht verantworten, andere der Gefahr auszusetzen.« Der Alte versprach alles.

Als der Doktor nach Hause kam, warf er sich in den Sessel und schlug die Hände vor das Gesicht. Von den bitteren Pflichten seines Berufes sollte ihm keine erspart bleiben; nach jener Krankheit der Geliebten die Todesgefahr des Mannes, der sich zwischen ihn und sein Glück gedrängt hatte. Es war ein schwerer Fall; wenn er sich zurückzog und dem für die Fremden bestellten Chirurgus die Behandlung überließ, wer konnte ihn tadeln? Wenn der Fremde ein Opfer der Krankheit wurde, wie tausend andere, so war die Geliebte frei! Dieser Gedanke wirbelte ihm durch das Hirn, aber nicht lange. Er erhob sich, trat an das Fenster und sah hinaus zu den grauen Schneewolken: »Das ist mein Kriegsdienst,« sagte er bitter, »er bringt nicht nur das Leben in Gefahr, auch die Seele.« Und er legte die heiße Stirn an die kalten Scheiben, dann maß er mit festem Schritt sein Zimmer. »Sie muß es wissen«, sagte er laut, und von neuem überkam ihn die Angst, und wie sehr er sich in seinen Gedanken wehrte, auch ein anderes Gefühl, das mit Eifersucht nahe verwandt war. Wer konnte sagen, ob ihr nicht als Pflicht erschien, dem Kranken zur Pflege herbeizueilen? Durfte er das hindern? »Nein!« rief er laut. »Sie hat das Recht, zu fordern, daß ich ihr jetzt vertraue, wo für uns beide die Zeit der Prüfung kommt.« Und er schrieb ihr, auch von seinem innern Kampf, er gelobte ihr, alles für den Kranken zu tun, was er vermöge, und flehte, daß sie sich und die Eltern jetzt keiner Gefahr aussetze. Erst als er auf diesen Brief die kurze Antwort erhielt: »Ich werde tun, mein Freund, was Sie für recht halten«, wurde er ein wenig getröstet.

Die Krankheit stieg; es vergingen Tage, wo der Doktor selbst nicht an die Genesung glaubte. Er kam und ging, saß halbe Stunden bei dem Bett und lauschte auf die Atemzüge eines Lebens, das ihn elend machen sollte, wenn er es erhielt. Dann kam ein Tag, wo der alte Husar mit Tränen der Dankbarkeit seine Hand ergriff und erstaunt war, daß der gute Doktor die Hand so heftig zurückzog. Endlich durfte er dem Kranken sagen: »Die größte Gefahr ist beseitigt, jetzt kommt alles darauf an, daß Sie Kräfte gewinnen.«

»Sie haben redlich an mir gehandelt, mein Herr,« sagte der Franzose, »ich weiß recht gut, daß Sie das Überwindung gekostet hat. Ich sah zuweilen, wie Ihr Auge auf mich gerichtet war; Sie sind Patriot und hassen in mir den Feind Ihres Vaterlandes.«

»Ich habe gegen Sie meine Pflicht getan wie gegen jedermann,« antwortete der Doktor, »und ich denke, Sie werden auch nach Ihrer Genesung mir dies Zeugnis geben.«

»Ich habe Ihre Sorge und die der guten Wirtin lange in Anspruch genommen; mein treuer Diener sagt mir, daß ich Wochen hier gelegen. Ist es für andere nicht mehr gefährlich, in meine Nähe zu kommen, so wünschte ich wohl, daß einer Familie, die ich in dieser Landschaft kenne, Nachricht von meinem Hiersein gegeben wird.«

»Wenn Sie diese Rücksicht auf die Gesundheit anderer nehmen,« antwortete der Doktor, »so muß ich Sie bitten, noch einige Tage zu warten.«

»Ich bin geduldig geworden«, seufzte der Franzose und sank müde in die Kissen zurück.

Als aber der Doktor das nächstemal eintrat, begann der Kranke wieder: »Sie sollen wissen, daß ich eine Braut hier in der Nähe habe.«

»Sie haben davon in Ihren Phantasien gesprochen.«

»Wohl möglich«, nickte der Franzose. »Es war eine wunderliche Affäre, mein Herr. Ich hatte Gelegenheit, einen guten alten Mann und seine Tochter aus den Händen von Marodeuren zu befreien; die Marodeure waren Ihre deutschen Landsleute, keine Franzosen. Ich war eine Zeitlang allein unter trunkenen Wilden, und um die Situation zugunsten der Gefährdeten zu wenden, sagte ich zu den Schuften, daß die junge Dame meine Braut sei; und da ich nicht für eine Unwahrheit verantwortlich werden wollte, so verlobte ich mich zur Stelle mit ihr.«

»Waren das Fräulein und der Vater damit einverstanden?« fragte der Doktor mit rauher Stimme.

»Die schöne Henriette war ziemlich bewußtlos, als die Ringe gewechselt wurden, das ist wahr; der Vater hatte nichts einzuwenden. Sie schweigen, mein Herr, Sie halten die Sache für den übermütigen Scherz eines jungen Offiziers, der ich damals war? Ich habe nichts dawider, wenn ein bedächtiger Deutscher den schnellen Entschluß verurteilt. Doch da Sie als Arzt auch gern beobachten, was in der Seele vorgeht, so will ich zu meiner Rechtfertigung Ihnen im Vertrauen zweierlei sagen. Zuerst natürlich, daß das Mädchen sehr schön war, und daß die rührende Hilflosigkeit, in der sie am Boden lag, mir die ganze Seele bewegte, und ich versichere Sie, es sind seitdem Jahre vergangen, aber ich sehe die holde Gestalt noch oft in dieser Weise vor mir. Warum schweigen Sie, mein Herr? Hören Sie noch etwas. Als ich in die Stube sprang und mich umsah, die Schufte zurückwarf und die gebrochene Gestalt an der Hand hielt, da, Doktor, war mir plötzlich zumute, als hätte ich das alles schon einmal erlebt und gewollt, und als müßte ich sie mir verloben, um ihr Leben vor Ärgerem zu bewahren. Und ich tat es, wie etwas, das sich von selbst versteht. – Übrigens hat das Abenteuer zu meinem Glück geholfen, soweit jemand von Glück sprechen kann, der vor Ihnen liegt, wie ich. Der Bruder des Kaisers, der damals in Ihrer Hauptstadt befahl, erfuhr davon, fand die Geschichte plaisant und sandte mich in guter Absicht mit Briefen zum Kaiser. Auch diesem muß durch seine Umgebung oder den Prinzen der Vorfall bekannt geworden sein, und er war aus irgendeinem Grunde nicht unzufrieden, vielleicht weil ein Franzose sich darin weniger gewalttätig darstellte als die Deutschen, und erwies mir seitdem bei jeder Gelegenheit persönliche Gnade. Er behielt mich in seiner Nähe, dann wurde ich nach Italien und Spanien geschickt und schnell befördert. Der Kaiser vergißt nichts. Als vor dem Ausmarsch nach Rußland mein Regiment bei ihm vorüberzog, rief er mich heran und fragte mit einer wahrhaft liebenswürdigen Freundlichkeit: ›Oberst, wie geht es Ihrer deutschen Frau?‹ Und als ich antwortete: ›Meine Braut lebt noch in ihrer Heimat bei den Eltern‹, setzte er hinzu: ›Der Bräutigam war in der Fremde. Ich hoffe, wenn diese weite Promenade beendet ist, werden Sie der Kaiserin die Generalin Dessalle vorstellen.‹«

Der Doktor bezwang die innere Empörung. »Haben Sie nie daran gedacht,« sagte er bitter, »daß Ihr plötzlicher Einfall das Lebensglück eines Mädchens, welches Ihnen doch fremd war, zerstören konnte?« Der Franzose erhob sich in seinem Bett und sah den Arzt groß an: »Mein Herr, ich will die Dame zur Oberstin Dessalle machen.«

»Wenn aber sie selbst diese Ehre nicht zu würdigen weiß?«

Der Kranke legte sich wieder zurück und lächelte. »Ihr Vater hat mir in der Tat in den letzten Jahren so etwas in einem Briefe angedeutet, den ich in Spanien erhielt, und wie er schrieb, auch meinen Ring zurückgeschickt. Der Ring lag übrigens nicht in dem Briefe. Ich mußte antworten, daß ich diese Aufkündigung eines zarten Verhältnisses für allzu streng halte, den Ring meiner Braut bewahren und vorläufig meine Rechte gegen jedermann behaupten werde, bis ich Gelegenheit erhalte, von ihr selbst Erhörung zu erbitten. Ich nahm an, daß dies in kurzem möglich sein werde, und ahnte nicht, daß ich mich als Kranker ihr vorstellen würde.«

Der Doktor stand auf. Während er aber nach Haltung rang, um dem Egoismus des Fremden ruhig entgegenzutreten, sah er, daß ein Kranker vor ihm lag, dessen Arzt er war. Und er begnügte sich zu sagen: »In einigen Tagen darf die Familie benachrichtigt werden, dann werden Sie auch meinen Beistand entbehren können.«

Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, sagte der Franzose zu seinem Begleiter: »Dieser Mann ist mein Feind, und wir sind hier nicht in guten Händen.«

»Ach, Herr Oberst, wenn Sie wüßten, wie er um Sie gesorgt hat; oft kam er noch in der Nacht und saß mit gefalteten Händen an dem Bett, ihm verdanken wir, daß Sie alles überstanden haben.«

»Einerlei!« rief der Kranke; »ich will fort, alle Leute hier hassen uns. In dem Pfarrhause finden wir bessere Gesinnung.«

Der Doktor schrieb sogleich an den Senior, teilte die Krankheit und den Wunsch des Obersten mit, ersuchte um Entscheidung und verbarg dem Pastor nicht, daß zwar die Gefahr der Ansteckung bei nötiger Vorsicht geschwunden sei, daß aber der Aufenthalt des Obersten in der Pfarre der Familie doch vielleicht nachteilig sein könne.

Der Brief, welchen Bärbel zugleich mit einem andern an Henriette überbrachte, erregte im Pfarrhause große Bestürzung. Der Vater fühlte die Verpflichtung der Familie, aber auch, daß das Einlagern des kranken Franzosen in dieser Zeit eine schwere Sache sei; auch die Mutter hatte alten Hoffnungen beinahe entsagt, sie fürchtete die Ansteckung und Belästigung, die Tochter entschied: »Wenn er zu uns will, und wäre er ein Pestkranker, wir dürften es ihm nicht verweigern; hat er sein Leben für uns aufs Spiel gesetzt, so ist jetzt der Tag gekommen, wo wir es für ihn wagen müssen. Danken wir dem Himmel, daß er dies so gefügt hat, die Last der Verpflichtung uns leichter zu machen.« Bärbel aber schlug, als sie mit Henriette allein war, die Hände zusammen. »Wie kannst du das tun, den, welchen die Leute für deinen Bräutigam halten, ins Haus nehmen, während du einen andern lieber hast? Was soll dieser dazu sagen?«

»Ja, Bärbel,« rief Henriette, »gerade des andern wegen. Die beste Stube soll der Franzose haben und Pflege wie ein Bruder, das ist sein Recht.«

»Das ist nicht recht und wird nicht gut«, entschied Bärbel kopfschüttelnd und ging nach Hause, zum ersten Male unzufrieden mit ihrer Freundin.

Der Senior kam mit seinem Wagen nach der Stadt, den Kranken abzuholen. Er suchte zuerst den Doktor auf. »Wir dürfen uns dem Wunsche des Obersten nicht entziehen nach allem, was vorhergegangen ist, auch meine Tochter ist der Meinung. Würde Ihre Begleitung nicht vorteilhaft sein?« fragte er furchtsam. »Wir haben zwar gar keinen Anspruch darauf, ein so großes Opfer zu verlangen.«

»Hat Ihre Fräulein Tochter den Wunsch ausgesprochen?«

»Es fiel mir auf dem Wege ein,« sagte der Senior, »damit Sie an Ort und Stelle anordnen könnten, wie der Kranke gehalten werden soll.«

»Dafür ist meine Begleitung nicht nötig,« versetzte der Doktor finster, »sagen Sie Fräulein Henriette, daß ich, sobald sie meine Anwesenheit wünscht, zu jeder Stunde bereit bin. In den ersten Tagen bedarf der Kranke Schonung, auch aufregende Gespräche sind so viel als möglich zu vermeiden.«

Henriette ging den Tag über geschäftig durch das Haus, sie ließ sich nicht nehmen, das Zimmer für den Obersten und ein kleines daneben für den alten Franzosen selbst einzurichten und trug aus dem einfachen Hausrat alles zusammen, was irgendwie zur Bequemlichkeit eines werten Gastes dienen konnte. Die Mutter sah verwundert zu. »Ob sie insgeheim noch daran denkt, daß er sie zur Frau haben will?« Und sie fragte: »Willst du die blühende Hyazinthe nicht auf den Tisch stellen?«

Henriette verneinte: »Sie riecht zu stark in der Krankenstube.«

Wie der Abend kam, zündete sie in allen bewohnten Zimmern Lichter an, hing auch im Flur die große Laterne auf, so daß das Haus mit vielen leuchtenden Augen in die Finsternis hineinblickte. Dann setzte sie sich still hin, die Hände im Schoß gefaltet, und wartete.

Der Wagen fuhr vor, die Mutter eilte neugierig in den Flur, dort den Gast zu begrüßen. Henriette blieb wie ein Bild von Stein sitzen; es war derselbe Sessel, an dem sie damals auf dem Boden gelegen hatte, und dieselbe Stelle, auf welcher er ihr den Ring angesteckt. Da trat der Franzose ein, gestützt auf den alten Husaren; langsam erhob sie sich und verneigte sich wie gegen einen vornehmen Fremden. Auch der Franzose stand einen Augenblick festgebannt, die Augen flogen wie einst durch das Zimmer und hafteten auf dem tiefernsten Antlitz der Jungfrau vor ihm. »Haben Sie Nachsicht mit einem Kranken,« begann er in gemessenem Tone, »wenn er nach langem Aufenthalt unter Menschen, die ihm feindselig waren, alte Bekannte aufsucht, bei denen er menschliches Mitgefühl für sich erhofft.«

»Mein Vater und ich verdanken dem Oberst, daß wir heute hier stehen, Sie zu begrüßen; wenn der Aufenthalt in unserem Hause für Ihre Genesung irgend von Nutzen sein kann, so sind Sie uns als Gast willkommen.« Er verbeugte sich schweigend, sprach einige Worte zum Senior und der Hausfrau und bat dann, ihm zu gestatten, daß er auf sein Zimmer gehe. Dorthin geleiteten ihn die Eltern. Der Empfang war überstanden, Henriette war zufrieden, daß er ihr diesen leicht gemacht hatte, und bat still um Kraft, die nächsten Wochen zu ertragen.

Als der Oberst sich mit Hilfe des Alten auf dem Lager zurechtgerückt hatte, begann er trotz seiner Müdigkeit in guter Laune: »Nun, Vater, wie gefällt dir die Braut und das Hochzeitshaus?«

»Mademoiselle ist schön und entschlossen, sie ist die Herrin im Hause; daß sie dem Herrn Obersten ergeben ist, möchte ich nicht behaupten.«

»Aus dem Vater habe ich herausgehört, daß sie wenigstens keinen Freiwerber hat. Aber die guten Leute hier fühlen sich im Grunde auch belästigt durch unsere Gegenwart, und es kann wohl sein, daß sie bald Landesfeinde in uns sehen. Es tut nichts. Seit den traurigen Nächten im russischen Schlitten und in dem widerwärtigen Gasthofe kommt mir dies Bett vor, als stände es im Elternhause« – er streckte dem Diener die Hand entgegen – »ruhe auch du, mein Alter, dir tut es nicht weniger not als mir, und für die Zukunft vertrauen wir unserm alten Glück.«

Am andern Morgen wurde der Gast spät sichtbar. Henriette traf ihn im Zimmer des Vaters, er grüßte sie artig und sprach sie an mit der gewöhnlichen Aufmerksamkeit, welche ein Mann von Selbstgefühl der Tochter des Hauses zu widmen hat; dann redete er zum Vater weiter von den Beschwerden des letzten Feldzuges, ruhig und gehalten, nur einmal wurde er lebhafter, als er seinen Diener erwähnte. »Meinem Alten verdanke ich, daß ich nicht im Schnee zurückgeblieben bin. Ich war gestürzt und lag betäubt, da wußte er mir ein Gespann zu verschaffen – er hatte es nicht ohne Kampf mit anderen armen Teufeln gewonnen –, lud mich darauf und war durch viele öde Meilen mein Fuhrmann.«

»Er ist von Ihrem Regiment?« fragte der Senior.

»Er war Wachtmeister, als ich eins hatte; es ist dahin, hochwürdiger Herr. Der Alte aber und ich gehören noch in anderer Weise zusammen. Er ist mein Pflegevater, und wenn ihn diese Eigenschaft bei Ihnen irgendwie empfehlen kann, so bitte ich herzlich, lassen Sie es ihm zugute kommen.« Das versprach der Senior bereitwillig und fragte, ob er ihn an den Tisch ziehen sollte.

»Das würde er auf keinen Fall annehmen,« sagte der Oberst, »überlassen Sie ihm selbst, sich unterzubringen; er versteht gut, heimisch zu werden.«

»Das ist er schon,« versicherte der Senior, »und nicht von heut. Er findet auch die alte Magd wieder, die er früher mit seinem Französisch unterhalten hat.«

Der Oberst war aufgestanden und betrachtete die Bilder an der Wand; dem Senior war erfreulich, daß sein Gast die Erinnerungen an Doktor Luther so angelegentlich ins Auge faßte.

»Ich bin Protestant,« sagte der Oberst, sich umwendend, »und ich bin der Sohn eines Pfarrers. Mein Vater war ein strenger und trübsinniger Mann, der seinen wilden Knaben oft mit Härte behandelte. Dem Sohne wurde das Vaterhaus verleidet, und da er einst mit sechzehn Jahren wegen eines kleinen Vergehens schwere Züchtigung erlitten hatte, entlief er in dem kindischen Gedanken, sich allein durch die Welt zu schlagen, am liebsten als Soldat. Er gesellte sich zu dem Troß eines Regiments, das in den Krieg zog, es ging ihm elend, was ganz in der Ordnung war; bei einer Retirade wurde er durch den Schlag, den ihm ein Betrunkener versetzte, von dem Karren geworfen, auf den er hungernd und erschöpft gekrochen war. Wie er so verloren am Wege lag, fand ihn ein Unteroffizier von den leichten Reitern. Der Reiter nahm den Knaben mit sich und gewann ihn lieb wie einen Sohn, er wandte auf ihn, was er konnte, und bat für ihn bei seinen Vorgesetzten. Der Knabe wurde in eine Militärschule aufgenommen und trat in das Regiment, in welchem sein Pflegevater stand. Seitdem hat der Alte ihn behütet und für ihn gesorgt, mehr, als für sich selbst. Sein Pflegekind ist Oberst geworden und er ist immer noch Wachtmeister. Ich hoffe, wir beide bleiben beieinander, so lange wir leben.«

Als er so sprach, sah er auf seine Hand. Ihr Ring steckte daran. Da stand sie auf und verließ das Gemach.

In solcher Weise führten sich die beiden Fremden im Hause des Seniors ein. Der Oberst war fast den ganzen Tag auf seinem Zimmer, nur des Mittags und eine Stunde nach Tische erschien er in der Familie, er verstand aber, sich in dieser Zeit die gute Meinung der Eltern zu gewinnen. Da er bekannt hatte, daß er Protestant war, so wagte der Senior zuweilen einen kleinen Ausflug in Doktor Luthers Leben und Schriften; bei solchen Spaziergängen bewies der Gast eine bezaubernde Bereitwilligkeit mitzugehen, die nicht nur durch den Wunsch, zu gefallen, veranlaßt wurde. Offenbar war ihm selbst diese Art der Unterhaltung angenehm, weil sie ihn an die eigene Knabenzeit erinnerte oder weil ihm solche liebevolle Hingabe an längst vergangene Zustände etwas Neues war. Das Herz der Mutter gewann er ganz und gar. Er war demütig dankbar für jede Freundlichkeit, die er von ihr empfing; er wollte nicht leiden, daß sie ihm etwas zutrug, und zeigte sich trotz seiner Schwäche stets beflissen, ihr ein Aufstehen und einige Schritte Weges zu ersparen. Henriette fragte sich: Ist dies die Artigkeit eines gewandten Mannes oder ist es Gutherzigkeit? Bis er einmal, als die Frau Pastorin dagegen protestierte, daß er ihr ein Glas Wasser herbeiholte, angelegentlich bat: »Erlauben Sie mir das; ich habe durch meine Schuld zu früh das Glück verloren, meiner Mutter die Pflichten des Sohnes zu erfüllen, und mir ist jetzt zumute, als könnte ich hier das Versäumte nachholen.«

Aber auch Henriette vermochte die kalte Förmlichkeit nicht zu behaupten, die sie in den ersten Tagen gegen ihn gezeigt hatte. Wenn er in anmutiger Nachlässigkeit über Wildes und Gefährliches sprach, das er erlebt hatte, oder wenn er kleine drollige Geschichten erzählte, was er gut verstand, und dabei einmal unbefangen wie ein Kind lachte, so mußte sie sich selbst zugeben, daß er in solchen Augenblicken wahrhaft liebenswürdig war. Sie selbst behandelte er mit gleichförmiger Artigkeit, ohne sie durch auffallende Zuvorkommenheit scheu zu machen, aber in dieser leichten und sicheren Weise lag etwas, was ihr Angst machte; er betrachtete sie im Grunde immer als ihm angehörig, und sie kam sich vor wie ein gefangener Vogel, der aus dem Bauer in eine geräumige Stube versetzt ist, feste Wände umgeben ihn doch von allen Seiten.

Doch ganz unverändert blieb sein Wesen ihr gegenüber auch nicht; sie merkte, daß sie ihm gefiel, aber sie ahnte nicht, wie sehr. Wenn sie kam und ging, folgte ihr sein bewundernder Blick; wenn sie gesprochen hatte, saß er lauschend, als klänge ihre Rede in seiner Seele nach; wenn er, durch Vater oder Mutter veranlaßt, etwas erzählte und lebhaft wurde, wandte er sich unwillkürlich an sie, als ob nur sie vorhanden sei. Nach einer rauhen Woche voll Sturm und Regen schien die Sonne warm an die Scheiben, da ging er zum erstenmal hinaus in den Garten, und wie er wieder in das Zimmer trat, überreichte er ihr ein Schneeglöckchen und sagte dabei: »Erlauben Sie, daß ich den Raub von den Beeten an die Herrin zurückgebe. Es ist ein guter Name, den die Blume im Deutschen hat; wenn das Glöckchen geläutet hat, stellt sich nach und nach die ganze Gemeinde auf den Beeten ein. Lassen Sie mich hoffen, daß auch mir nach dem ersten winterlichen Gruß hier eine wärmere Neigung erblühe.« Henriette hatte keine andere Antwort als eine stumme Verneigung, aber in ihrem Zimmer schritt sie unruhig auf und nieder. Was hatte sie auf sich genommen? So durfte das nicht fortgehen, die Not wurde größer als sie je gewesen; von den Eltern hatte sie keine Hilfe zu erwarten, sie selbst mußte dem Fremden jede Hoffnung benehmen. Aber ihr bangte vor der Stunde.

Während sich in dem Pfarrhause ein stiller Kampf vorbereitete, fuhr draußen in Stadt und Land der Frühlingssturm durch die Seelen. Der König war in die Provinz gekommen, das Volk rüstete zum Kampf.

Der Senior hatte in seinem Zartgefühl zum Gast nie über das Große gesprochen, was draußen in der Welt vorging; Besuch von Bekannten hatte sich nicht eingestellt, und die Familie lebte so allein, als wäre mit dem Pfarrdorf auch die ganze Umgegend in eine Wüstenei verwandelt. Der Senior wunderte sich zuletzt darüber, und sagte zur Tochter: »Auch keiner von den Amtsbrüdern läßt sich sehen.«

»Weil der Franzose bei uns wohnt«, antwortete Henriette traurig. »Das Haus ist den Nachbarn verleidet.«

»Von seiner Krankheit ist doch Ansteckung nicht mehr zu befürchten,« sagte der Vater, »und wenn die Leute mit dem Obersten bekannt wären, würden sie über den freundlichen Mann anders urteilen.«

Sooft die Zeitung in die Pfarre kam, bat der Oberst darum und brachte sie schweigend zurück. Es stand wenig darin, er las doch daraus, daß er in Gefahr sei, Kriegsgefangener zu werden. Das sagte ihm auch sein Begleiter. »Als am Sonntag die Glocken läuteten, trat ich in den Garten, mir das Bauernvolk hier zu betrachten. Da drängten sie sich an die Mauer und viele sprangen hinauf, sahen mich tückisch an, schrien und ballten die Fäuste. Die Luft ist schwül, mein Oberst; es wird Zeit, daß wir davonreiten.«

»Warte ab; ich habe hier einen wilden Vogel gefunden, den ich mir zähmen will für unser Haus.«

»Wo ist Ihr Haus, mein Oberst? Das Zelt ist es und der blaue Himmel. Der Kaiser braucht uns.«

»Gut, mein Vater, ich denke daran. Zürne mir nicht, wenn ich auch einmal um ein friedliches Glück sorge. Mir ist es noch nie so gut geworden, und ich könnte den ganzen Tag bei dem Mädchen sitzen, ihr die Maulwürfe wegfangen und die Gießkanne tragen.«

»Wahren Sie sich nur, mein Oberst, daß Ihnen die Demoiselle Gärtnerin nicht das kalte Wasser ins Gesicht gießt. Sie hat kein gutes Herz für uns Franzosen.«

»Meinst du, Alter? Ich bewahre, woran ich sie festhalte.«

Henriette trug dem Vater ihre Wochenrechnung vor. »Der Oberst macht es dir doch schwer, die Wirtschaft zu führen,« sagte der Senior bedenklich, »wenn nur nicht der tägliche Wein wäre für ihn und auch für den Alten, das letztere ist doch wohl nicht nötig.«

»Du weißt, wie lieb ihm sein Begleiter ist«, antwortete die Tochter.

»Das ist schon recht, aber wo das Geld hernehmen?«

»Der Wein ist zu Ende, ich setze heut die letzte Flasche auf. Der Knecht muß nach der Stadt, neuen holen.«

»Meine Kasse ist leer«, sagte der Senior gutlaunig, zog eine Schublade auf und untersuchte vergeblich.

»Meine Sparbüchse auch«, antwortete Henriette. »Die drei Dukaten Patengeld sind draufgegangen.«

»Was aber tun?« überlegte der Vater. Er sah die Tochter zweifelhaft an. »Dort in der Ecke liegen immer noch die Geldrollen; jetzt, meine ich, dürfen wir ohne Bedenken etwas davon nehmen, es ist ja zu seiner Bequemlichkeit.«

»Nein, mein Vater,« bat Henriette, »die Summe gehört nicht uns und nicht ihm, und wir dürfen uns daran nicht vergreifen.«

»So schaffe Rat«, sagte der Senior ein wenig ärgerlich. Henriette strich ihm bittend an die Schulter. »Von dem Silberzeug brauchen wir nur ein halbes Dutzend, die Hälfte ist unnütz, und im Notfall können wir die schwere Kelle auch entbehren. Ich fahre selbst nach der Stadt und kaufe Zinn.«

»Lieber Gott,« klagte der Pastor, »man soll ja sein Herz nicht an Dinge hängen, welche Motten und Rost fressen, aber dies war die Ausstattung, als ich deine Mutter heiratete. Diese Stücke sind mit uns alt geworden. Wie wird deine Mutter das ertragen?«

»Sie sitzt in der Kammer und weint, sie hat aber nichts dawider. Ich will es geschickt machen, denn der Oberst darf nichts davon merken.«

»Das versteht sich«, bestätigte der Vater.

Der Wagen des Landrats fuhr vor. Als er eintrat, wollte Henriette sich entfernen.

»Mich führt nichts Geschäftliches her,« begann der Landrat, sie aufhaltend; »es ist eigentlich nur eine Bitte, die ich an den Herrn Senior zu richten habe. Am nächsten Sonntage soll der Aufruf des Königs ›An mein Volk‹ von den Kanzeln verkündigt und eine patriotische Mahnung daran gefügt werden. Als alter Bekannter erlaube ich mir den Vorschlag, daß Sie an diesem Tage einer großen Aufregung einem andern Amtsbruder den Gottesdienst und die Verkündigung übertragen.«

»Weshalb, Herr Landrat?« fragte der Pastor betroffen.

»Ein vornehmer Franzose weilt als Gast in Ihrem Hause«, erwiderte der Beamte. »Ich weiß, daß er von unserer Regierung nicht als Gefangener betrachtet wird, und ich kann mir denken, daß Bande zarter Verpflichtung Sie veranlassen, ihm in Ihrem Hause eine Freistätte zu geben. Aber ich meine, es wird Ihnen selbst unter diesen Umständen peinlich sein, von Ihrer Kanzel der Begeisterung und dem tiefen Haß, welcher in unserer Bevölkerung gegen die Franzosen lebt, wirksamen Ausdruck zu geben.«

»Herr Landrat,« versetzte der Senior mit zitternder Stimme, »unser Erlöser hat geboten: Liebet eure Feinde. Haß vermag ich nicht in meine Seele zu bringen, noch weniger von der Kanzel zu predigen. Aber ich bin ein Preuße und meinem Könige treu ergeben, und wenn Krieg für die Rettung des Vaterlandes notwendig geworden ist, so werde ich in meinem Amte meine Pflicht tun wie jeder andere Amtsbruder.«

Nicht ohne Verlegenheit widersprach der Landrat: »Auch wenn Sie selbst das Wünschenswerte mit warmen Worten sagen können, so besorge ich, würde die Wirkung auf Ihre Gemeinde nicht die richtige sein. Es wäre wohl möglich, daß in diesen Tagen leidenschaftlicher Erregung durch die Heftigkeit einzelner Mitglieder der Gemeinde ein Mißton in die heilige Feier käme, der Sie selbst am tiefsten verletzen würde.«

Der Senior setzte sich in seinen Stuhl und faltete die Hände. »Gott, mein Herr, hast du mich vor sieben Jahren darum aus den Händen der Mörder errettet, damit ich diese Demütigung erlebe?«

Die Tochter beugte sich über ihn: »Trage auch diese Prüfung, geliebter Vater.« Sie griff in den Schreibtisch, hob die Geldrollen heraus und legte sie vor dem Landrat auf den Tisch. »Diese Summe haben Sie vor Jahren meinem Vater im Auftrage einer fremden Regierung überbracht, sie ist unberührt geblieben, wie sie damals war. Der Vater hob sie auf bis zu dem Tage, wo er sie hingeben könnte für einen patriotischen Zweck. Jetzt wird zu freiwilligen Gaben für Ausrüstung des Heeres aufgefordert werden; ich bitte Sie, als unsern Beitrag, dies hinzunehmen. Andere mögen mehr geben, es ist das letzte Geld, welches der Vater im Hause hat.«

»Ich darf Ihre Gabe nicht ablehnen«, sagte der Landrat, selbst bewegt durch den Schmerz des Vaters und der Tochter. »Ich hoffe, sie wird den falschen Argwohn tilgen, der sich gegen Sie erhoben hat. – Noch habe ich für Ihren Gast dies amtliche Schreiben abzugeben.«

Als der Senior seine Fassung so weit wiedergewonnen hatte, daß er dem Obersten den Brief zu überreichen vermochte, brach dieser schnell das große Siegel auf und bemerkte vor Freude über den Inhalt nichts von der Niedergeschlagenheit des Hausherrn. Er fand einen Freipaß der Militärbehörde zur Reise nach Frankreich mit einer kurzen Zuschrift des Grafen Götzen, in welcher gesagt war, daß der humane Beistand, welchen der Oberst in dem letzten Kriege preußischen Untertanen mit eigener Gefahr geleistet habe, die Veranlassung geworden sei, ihn während seiner gegenwärtigen Krankheit mit seinem Begleiter nicht als Kriegsgefangenen zu behandeln. Der Oberst wies verwundert das Schreiben dem Senior. »Wem verdanke ich diese Gunst?« Aber der Senior wußte es nicht.

»Da mein treuer Sergeant mit angeführt ist, muß Ihre Regierung genau mit dem Sachverhältnis bekannt sein.«

»Wir haben Sie beim Landrat angemeldet«, suchte der Pastor zu entschuldigen.

Aber es gelang doch nicht, dem Gast die Verlegenheit der Familie ganz zu verbergen; was die Herrenstube verschwieg, kam in der Küche heraus. Zwischen dem alten Franzosen und der Dienstmagd Susanne bestand ein gutes Einvernehmen. Der Sergeant half ihr, soweit seiner Würde geziemte, bei der Küchenarbeit, war immer genügsam und gutlaunig. Und es blieb ein stilles Verhältnis, denn keines verstand viel von der Rede des andern, der Franzose aber etwas mehr als Susanne, da er auf seinen Kriegsfahrten allerlei fremde Worte erbeutet hatte. Wie nun am Nachmittage das Fräulein in die Stadt gefahren war und Susanne betrübt am Herde saß und die Augen mit der Schürze wischte, fragte der Sergeant unruhig in seinem gebrochenen Deutsch: »Demoiselle Susanne, weshalb sind Sie heut traurig?« Da kam etwas von einer silbernen Kelle und dem Weine heraus, was der Alte verstand. Als am Abend der Oberst seinem Vertrauten erzählte, daß ein Freipaß für sie beide angelangt sei, sagte der Alte feierlich: »Es ist Zeit für Sie, mein Oberst, den Paß zu gebrauchen, die Rücksicht auf diese armen Leute hier zwingt dazu«; und er berichtete seinem Herrn das Geheimnis der Küche. Der Oberst war betroffen, aber die Nachricht machte ihm mehr Freude als Sorge. Solche Opfer brachte man nur einem Gaste, den man sehr wert hielt, und Henriette selbst machte den Weg, um ihm das Behagen des Mittagstisches zu erhalten! – so daß er dem Alten sagte: »Du weißt, mein Vater, daß die Oberstin Dessalle in keinen dürftigen Haushalt tritt und daß es unsere Sache sein soll, ihr, was sie jetzt hingibt, tausendfach zu ersetzen.« Der Alte schüttelte schweigend den Kopf.

Am nächsten Morgen ging der Oberst im Garten auf und ab, als Henriette aus dem Hause kam. Sie wich der Begegnung nicht aus, sondern erwartete, gehoben durch den Willen, eine Entscheidung herbeizuführen, seine Anrede. »Ich fürchte, schon zu lange Ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen zu haben; lassen Sie als Entschuldigung gelten, daß es mir sehr schwer wird, von hier zu scheiden. Es war mein Los, unablässig im Getümmel des Krieges herumgeworfen zu werden. Die gleichförmige Tätigkeit Ihres Haushaltes, der Frieden hier und die gute Gesinnung gegen alle Welt sind für mich ein neues Glück, und mir ist, als würde man hier zufriedener und besser.«

»Sie sind in der Genesung,« antwortete Henriette, »und dies Gefühl macht weich und zufrieden.«

»Es ist noch etwas mehr, mein Fräulein, es ist Ihre Nähe« – er lud sie mit einer Handbewegung ein, auf der Bank Platz zu nehmen. Dort hatte ein anderer neben ihr gesessen, sie ging vorüber und führte zu der Sommerlaube. Noch fehlte den Ruten des Geißblattes das grüne Laub, und die Strahlen der ersten Frühlingssonne fielen grell auf den Erdboden. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig,« begann der Oberst, »daß ich dem Wunsch Ihres Vaters, der mir in fernem Lande zukam, nicht entsprochen habe. Ihr Ring, den ich an meinem Finger trage, ist für mich bedeutungsvoll geworden, ich betrachte ihn mit einer Art Aberglauben und sorge, mein gutes Glück wird von mir scheiden, wenn ich ihn verliere. Das Ereignis, welches ihn an meine Hand brachte, hat mir zwar Feinde geschafft, aber auch Gunst und Beförderung, es gab Veranlassung, daß der Kaiser selbst mir persönlichen Anteil zuwandte, und ich weiß, daß er auch meine Beziehungen zu Ihnen kennt.«

Das klang selbstsüchtig, und Henriette antwortete kalt: »Für andere hat jene Stunde nicht so günstige Folgen gehabt, mein Herr.«

»Ich stelle meinen Talisman in schlechtes Licht,« fuhr der Oberst fort, »wenn ich an ihm nur rühme, daß er Gunst und Gnade gebracht hat. Ich verdanke ihm viel Besseres. Der Gedanke daran, daß er mich in eine geheime Verbindung mit Ihnen gesetzt hat, ist mir zuweilen in Stunden der Versuchung ein Schutz gewesen; oft dachte ich in der Fremde, wo ich Gefahr und Jammer sah, an die Not Ihres Hauses und an die Hilflosigkeit, in welcher ich Sie, holde Henriette, und Ihre Eltern fand, und wenn mir hier und da gelang, ein gutes Werk zu tun, so bin ich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet. In einem spanischen Dorfe waren französische Soldaten grausam ermordet worden; meine Leute hatten einen Einwohner ergriffen und an den Baum gebunden, um ihn zu füsilieren. Sein Weib warf sich vor mir nieder und umfaßte meine Knie. Ich war in Empörung, gerade wie meine Reiter, und ich wollte sie wegstoßen, da preßte sie mir in der Angst die Hand zusammen und ich fühlte den Druck des Ringes. In dem Augenblick sah ich Sie vor mir am Boden und band den Spanier los, nicht ohne eigene Unbequemlichkeiten, denn meine wütenden Reiter wollten sich das Sühnopfer nicht entreißen lassen. Und wie jenen Schelm, so hat der Ring auch manches Heimwesen der Feinde vor der Zerstörung geschützt und vielleicht auch manches junge Weib vor dem Verderben. Ich sage das nicht, um mich Ihnen als einen hochherzigen Mann darzustellen; ich bin ein wilder Reiter, und ich fürchte, das lange Liegen im Felde hat in mir verdorben, was der Mensch in friedlichen Verhältnissen leichter bewahrt. Es war nicht mein Verdienst, sondern das Ihre, wenn ich in diesen Jahren eines unaufhörlichen Blutvergießens gern daran dachte, daß es auf Erden ein Glück gibt, das ich entbehren muß: Weib, Kind, geordnetes Hauswesen und das redliche Leben eines honetten Mannes, der seine Pflicht erfüllen kann, ohne täglich anderen wehe zu tun. Je länger mich mein Schicksal aus einem Feldzuge in den andern führte, um so lebendiger wurde der Traum und um so heißer die Sehnsucht nach einem stillen Glück an Ihrer Seite. Wenn ich müde saß am flackernden Feuer, vor meinen Augen das Gewühl des Biwacks, in meinem Ohr das Stöhnen der Verwundeten, da klang es in mir wie das Geläut dieser Kirche und wie eine fromme Mahnung, daß auch mir eine andere und bessere Zukunft bereitet sei.« Seine Rede war lebhafter geworden, er sprach das letzte in großer Bewegung.

Henriette sah scheu nach ihm hinüber. »Es war die Sehnsucht nach Erlösung von einem schrecklichen Berufe, was Sie beschäftigte, Herr Oberst, aber es war nicht das fremde Mädchen, das Sie nur einmal gesehen.«

»Vielleicht war es früher so,« antwortete der Franzose; »jetzt ist es mehr. Seit ich hier verweile und das Glück habe, Sie täglich zu sehen, die Sicherheit zu sehen, mit der Sie sich in Ihrem Kreise bewegen, und den Stolz, mit dem Sie meiner Werbung begegnen, seitdem fühle ich mit jedem Tage mich fester in Ihren Banden. Ich weiß jetzt, daß ich ein glücklicher Mann wäre, wenn Sie sich entschließen könnten, mich mit Zuneigung zu betrachten.« Henriette stand auf. »Aus der Phantasie ist eine Leidenschaft geworden, holde Henriette,« fuhr er heftig fort, »und der Gedanke ist mir unerträglich, daß ich Sie verlieren sollte.«

»Und wenn alles wahr ist, was Sie sagen,« rief Henriette, »haben Sie in diesen Jahren nie daran gedacht, wie das Mädchen unterdes gelebt hat, dem Sie im Spiele Ihrer Gedanken eine Neigung zuwandten? Durch Zwang haben Sie mich an sich gebunden, nach meinen Gefühlen aber nicht gefragt; seitdem habe ich lange Jahre die bittere Demütigung getragen, wie eine willenlose Sklavin an einen fremden Mann gekettet zu sein. Hassen kann ich Sie nicht, denn Sie haben in Ihrem wilden Mute mich und meinen Vater geschützt, die Neigung aber, welche Sie fordern, finde ich nicht in meiner Seele, und die Frau des Obersten Dessalle kann ich niemals werden.«

Der Oberst stand auf. »Ich verstehe,« sagte er, »Sie sind eine Deutsche, und wie hier im Lande die Stimmung ist, sehen Sie in mir den Franzosen. Sie werden mir das Zeugnis nicht versagen, daß ich die Gefühle einer deutschen Frau während meiner Anwesenheit gewürdigt habe. Aber die feindliche Spannung, welche jetzt zwei Nationen gegeneinander bewaffnet, wird nicht dauern, in wenig Monaten ist der Zwist zwischen meinem Kaiser und Ihrem Könige entschieden. Schnell wechselt auch bei den Regierungen Genossenschaft und Abneigung. Zürnen Sie mir deshalb nicht, schöne Henriette, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich Sie wegen Krieg und Frieden der Völker nicht aufzugeben vermag. Hatte ich Sie vorschnell mit mir verbunden, so bin ich seitdem älter geworden und habe den Wert dieses Erwerbes erkannt, und ich bin entschlossen, alles zu wagen, um Sie mir für die Dauer meines Lebens zu gewinnen.«

Henriettens Gestalt hob sich höher, die mädchenhafte Scheu war abgetan: »Sie rühmen die Rücksicht, die Sie mir bewiesen haben, Herr Oberst; und doch wollen Sie zu dem alten Zwang einen neuen fügen; und die Genugtuung, die Sie mir geben wollen, soll die sein, daß Sie mich auf eine Zukunft verweisen, wo Ihre Werbung mir besser gefallen müsse. Meinen Sie, daß solche Selbstsucht Ihnen das Herz eines Weibes gewinnen kann? Sie handeln nicht edel an mir und nicht wie ein Mann von Ehre gegen ein Weib handelt, zu dem er eben erst von seiner Liebe gesprochen.«

»Henriette!« rief der Oberst unwillig.

Sie fuhr sich über die Stirn. »Nein, verzeihen Sie mir, das ist die Sprache nicht, die mir gegen meinen Retter geziemt; nur bitten darf ich und Sie an das erinnern, was Sie mir von Ihrer freundlichen Gesinnung gegen mich gesagt. Bin ich Ihnen etwas wert und hat Ihnen jemals der Gedanke an mich wohlgetan, so flehe ich, daß Sie jetzt nicht auf einem Anspruch bestehen, der mich jeden Tag unglücklich macht, weil er mich demütigt und meine Zukunft in schwarzes Dunkel hüllt. Geben Sie mir meinen Ring zurück. Einmal haben Sie mich zu Ihren Füßen gesehen; ist es eine Befriedigung für Sie, so will ich wiederum vor Ihnen niederfallen und die Knie meines Retters umfassen, damit Sie die Fessel lösen, durch die ich an Sie gekettet bin.« Sie beugte sich in ihrer Leidenschaft abwärts. Bestürzt wehrte ihr der Oberst. »Sie lieben einen anderen, mein Fräulein!« rief er.

Henriette richtete sich auf. »Vielleicht«, sagte sie tonlos.

»Jetzt begreife ich Ihren Widerstand, Mademoiselle«, versetzte der Franzose bitter. »Aber vergessen Sie nicht, daß der Ring, welcher Sie zu meiner Verlobten gemacht hat, auch mir noch andere Träume als die eines idyllischen Stillebens an Ihrer Seite wachruft. Jener Bayer, der in der Ecke Ihres Hofes liegen blieb, war nicht der einzige. Noch zweimal habe ich seitdem mit Kameraden des Toten ein ähnliches Zusammentreffen gehabt; es hängen für mich auch finstere Erinnerungen an dem Reif, die mein Leben belasten. Ich habe blutigen Preis für ihn bezahlt, und ich ersehne auch deshalb die Nähe der lieben Gattin, damit sie mir mit ihrer weichen Hand düstere Gedanken von der Stirn scheuche. Zürnen Sie also dem Egoismus des Mannes nicht zu sehr, wenn er fortfährt, gegen jeden anderen sein Anrecht auf Sie zu verteidigen.«

Er wandte sich dem Hause zu; Henriette lehnte an dem Pfosten der Laube und starrte vor sich hin.

Sie war den Tag über für den Gast nicht sichtbar; die Eltern entschuldigten ihre Abwesenheit mit Unpäßlichkeit. Am Abend erklärte diesen der Oberst, daß er genötigt sei, morgen abzureisen, und bat um den Wagen bis zur Poststation. Da der nächste Tag ein Sonntag war, sagte der Senior mit vielem aufrichtigem Bedauern über die Abreise, der Wagen stehe sogleich nach dem Gottesdienst zu seiner Verfügung.

Als die Glocken läuteten, bereitete sich Henriette nach einer schlaflosen Nacht, zur Kirche zu gehen. Wie sie aus dem Garten auf den Friedhof kam, standen die Dorfleute in dichten Haufen, aber sie boten dem Pfarrkinde nicht wie sonst freundlichen Gruß, sondern wendeten sich scheu zur Seite. Von allen gemieden wie eine Unreine, schritt sie in das Gotteshaus zu ihrem Sitz.

Der fremde Geistliche predigte über die Pflichten gegen das Vaterland. Nach der Predigt las er den Aufruf des Königs an sein Volk von der Kanzel vor und sagte mit bewegter Stimme: »An euch ergeht heut der Ruf, verlaßt Pflug und Hof, verlaßt Eltern und Kinder, Weib und Braut. Hier im Tempel des Herrn, vor versammelter Gemeinde, gebt Zeugnis, daß ihr Männer seid, bereit zum Kampf und, wenn der Herr gebeut, zum Tode für die Freiheit eures Vaterlandes, damit ihr und eure Angehörigen nicht im Elend der Knechtschaft dahinlebt unter der Geißel des bösen Feindes. Da ich heut an dieser heiligen Stätte zu euch rede, habe ich das Recht, als erster meinen eigenen Namen zu nennen; ich bin bereit, mit Bibel und mit Waffen hinauszuziehen in den Krieg, und wer tun will wie ich, der erhebe sich und nenne im Hause Gottes vor den Ohren der Nachbarn und Anverwandten laut seinen Namen!« Da entstand tiefe Stille, daß man das Rauschen eines Blattes durch die ganze Kirche hören konnte. Ein junger Mann stand auf und rief seinen Namen, und ein Gemurmel, welches klang wie ein leises Gebet, ging durch die Gemeinde. Denn dieser erste war der einzige Sohn einer armen Witwe. Wieder schallte ein Name, und wieder summte der leise Ton andächtiger Freude durch den Raum; dieser war ein prächtiger Bursch, voran bei allen Freuden der Jugend und ein Liebling der Mädchen. Ein neuer Name, und lauter rauschte es unter den Hörern; der sich jetzt darbot, war verheiratet, und sein junges Weib saß auch in der Kirche mit bleichem Antlitz, die Augen nach dem Kreuz auf dem Altar gerichtet, und neben ihr saß ein kleiner Knabe. Neue Namen erklangen schneller nacheinander und zu zweien. Als sich eine ganze Reihe gemeldet hatte, hörte Henriette eine Stimme, die ihr alles Blut zum Herzen drängte, denn neben ihr schallte laut durch den Raum der Name: Ernst König. Sie sah an ihrer Seite den Geliebten stehen und blickte mit einer heiligen Freude zu ihm auf. Er wandelte ihr den Tag der Demütigung in einen Tag der Ehren, denn um ihretwillen war er in die fremde Gemeinde gekommen, damit auch sie heut ein Recht erhalte, das Liebste, was sie hatte, zum Opfer zu bringen.

Als die Rufe verhallt waren, stieg der Geistliche von der Kanzel, schritt zum Altar und forderte die Freiwilligen auf, heranzutreten, damit er mit ihnen bete. Sie kamen herzu, jeder begleitet von seinen Angehörigen; neben dem armen Burschen ging die weinende Mutter und neben dem Ehemann seine Frau, und der Mann hielt seine Hand auf dem Kopf des Kindes. Da erhob sich auch Henriette und trat neben dem Geliebten zum Altar, alle knieten nieder, der Prediger betete und erteilte ihnen den Segen. Es war einfacher Gottesdienst, ohne Pracht der Worte im Dämmerlicht der alten Dorfkirche; und wie in dieser einen in vielen hundert anderen.

Langsam schritten die Leute aus der Kirche und sammelten sich auf dem Friedhofe um die Männer, welche am Altar eingesegnet waren. Als der Doktor neben der Pfarrtochter herauskam, drängten die Bauern mit achtungsvollem Gruß an beide heran, denn auch in den Dörfern dieser Gemeinde wußten viele, daß der Doktor seit Jahren ein Führer der stillen Arbeit für das Vaterland gewesen war, und es freute sie, daß er in ihrer Kirche Zeugnis abgelegt hatte. Neben Henriette aber ging auf der anderen Seite das Bärbel, welches wußte, wie der Gespielin heut zumute war, und vor den Leuten seine Freundschaft beweisen wollte.

An der Haustür stand der Oberst, zur Abreise gerüstet; er erwartete Henriette, um sie noch einmal zu sprechen. Als sie vom Friedhofe her an der Seite eines anderen herankam, beide mit verklärtem Antlitz, so feierlich, daß man ihnen ein gemeinsames Glück ansah, da zog sich das Angesicht des Franzosen drohend zusammen, und mit schnellen Schritten auf den Doktor zutretend, begann er: »Mein Herr, jetzt verstehe ich den Widerstand meiner Verlobten und die Abneigung, mit der Sie selbst Ihren Beruf ausübten, während ich krank war. War ich Ihnen bis heut Dank schuldig, so vermag ich von dieser Stunde in Ihnen nur den Todfeind zu sehen, der zwischen mir und einem Weibe steht, welches ich als meine künftige Gattin betrachte.«

Der Doktor entgegnete ruhig: »Ich komme von einer Stelle, wo ich mein Leben einem größeren Kampfe geweiht habe, als der Streit mit einem persönlichen Feinde ist, und in meiner Seele ist zu dieser Stunde kein Raum für Haß und Rachsucht. Daß die Ansprüche aber, welche Sie an die Hand dieses Fräuleins erheben, nichtig sind, und daß Sie unehrenhaft und ruchlos handeln, wenn Sie dieselben gegen den Willen des Fräuleins geltend machen wollen, davon werde ich Sie zu überzeugen suchen, sobald wir beide frei sind von der Pflicht, welche uns jetzt zwei feindlichen Heeren zuführt.«

»Es ist genug«, sagte der Oberst, nachlässig an seinen Pallasch rührend, und sich zu Henriette wendend, fuhr er fort: »Mein Schicksal will es, Fräulein, daß ich wie ein irrender Ritter den Weg zu Ihrer Gunst durch Abenteuer erkämpfen soll; der Kampfpreis wird dadurch für mich um so wertvoller. Leben Sie wohl, schöne Henriette, ich halte fest an meinem Traum.« Er hob den Finger, welcher ihren Reif trug, verneigte sich tief vor ihr und trat in das Haus zurück.

Im nächsten Augenblicke rollte der Wagen zum Hofe hinaus; die Jungfrau aber legte ihre Hand in die des Geliebten: »Ich habe ihm gesagt, daß ich niemals sein Weib werde. Seit ich heut am Altar neben Ihnen stand, fürchte ich ihn nicht mehr, auch für Sie nicht mehr, mein Freund.«

Bei einem späteren Besuch sagte Bärbel zu Henriette: »Als die beiden mit Worten gegeneinander kämpften, überkam mich ein Graulen. Unser Hiesiger war größer, und der Fremde dunkler und geschmeidiger, aber in Angesicht und Gebärde war einer dem andern ähnlich.«

Henriette antwortete nicht, aber sie blickte so traurig und erschrocken auf die Vertraute, daß Bärbel dachte: Sie weiß es auch, und sie hat deshalb vor dem Fremden heimliche Angst gehabt.

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