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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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9. Banges Harren

Am späten Abend fuhr der Wagen des Flüchtigen in den Hof des Grafen. Überrascht erhob sich dieser von seinem Arbeitstisch, als der Doktor eintrat. »Das Neue, was Sie bringen, ist nichts Gutes,« rief er bei der warmen Begrüßung, »ich sehe es Ihnen an.«

»Ich komme leider in persönlichen Angelegenheiten. Napoleon hat Befehl erteilt, mich durch die französische Besatzung von Glogau aufheben zu lassen. Die Warnung ging mir von einer Seite zu, welche keinen Zweifel an dem Plane übrig ließ. Ich eile vor allem zu Ihnen, denn es ist möglich, daß nicht gegen mich allein so unerhörte Gewalttat beabsichtigt wird.«

»Auch ich lebe hier von Spähern umgeben, aber ich bin ein erfahrener Verschwörer und nahe an der Grenze. Haben Sie etwas zurücklassen müssen, was Sie nicht in fremder Hand sehen möchten?«

»Hier ist meine Korrespondenz,« antwortete der Doktor, »ich will sie am liebsten bei Ihnen niederlegen.«

»Vortrefflich!« sagte der Graf. »Ist es leicht, Ihrem Wege hierher nachzuspüren?«

»Ich habe den Wagen mehreremal gewechselt.«

»Sie haben also jedenfalls Zeit, bis morgen bei mir auszuruhen. Der Sturm erhebt sich auch von unserer Seite gegen den Kaiser, wir stehen am Kriege. Die Gewalttat, welche er gegen Sie versucht hat, ist ein so auffälliger Angriff gegen die Ehre und Selbständigkeit einer Regierung, daß er dergleichen nicht oft wiederholen kann, ohne starkes Geschrei auch bei anderen Nationen gegen sich aufzuregen. Und da ihm hier die Sache mißlungen ist, so bin ich überzeugt, daß er gegen Sie den tückischen Sprung nicht zum zweiten Male macht; man sagt, daß die Bestien vom Katzengeschlecht beschämt davongehen, wenn ihnen der Ansprung auf die gehoffte Beute mißglückt. Erklären wir ihm, was ich immer noch hoffe, in letzter Stunde den Krieg, so hat er um anderes zu sorgen, und bewahren wir in unserer Schwäche den Frieden, so fällt für ihn der Grund weg, eine solche Razzia gegen einen einzelnen Fremden zu befehlen. Dennoch sollen Sie sich vorsehen. Unterdes werde ich persönlich dem schlechten Manne dafür zu Dank verpflichtet, daß er Sie in meine Arme geführt hat.«

»Mir ist doch nicht verständlich,« sagte der Doktor nach Besprechung ihrer gemeinsamen Tätigkeit, »wie gerade ich, ein einfacher Privatmann am kleineren Ort, in bescheidenen Verhältnissen, zu der Ehre komme, von den Franzosen in so auffälliger Weise heimgesucht zu werden.«

»Weil Sie zufällig am leichtesten erreichbar waren,« versetzte der Graf, »Sie dürfen annehmen, daß der Kaiser im ganzen weiß, was wir treiben. Er wollte an einem von uns, gleichviel an wem, ein Exempel statuieren, um unserer Regierung seinen Argwohn und seine Verachtung zu zeigen, und um die Schwachen unter uns zu schrecken. Freilich weiß er auch, daß er gegen die Bewegung in den Gemütern nichts ausrichten kann. Er kannte die Stimmung schon, als er uns im Frieden eine halbe Selbständigkeit bewilligte; seitdem hat, was in Spanien geschieht, seine Sorge vor einer Volkserhebung unter uns so gesteigert, daß diese Sorge ihn wie ein Gespenst verfolgt.«

»Kannte er uns, so war er ein Tor, daß er unseren Staat nicht vernichtete«, rief der Doktor.

»Wie gern hätte er es getan! Aber die Vernichtung Preußens hätte die Habgier der großen Nachbarn erregt. Für ihn allein war die Mahlzeit zu groß, und dem Bären und zweiköpfigen Adler einen Teil zu überlassen, verbot ihm die Klugheit, deshalb ertrug die Tigerkatze knurrend, daß das gepackte Wild halbtot den Krallen entkam. Jetzt vertraut er darauf, daß unserer Regierung die Kraft zu einem Entschluß fehlen wird, denn er, der Mann von stahlhartem und schnellem Willen, mißachtet gründlich unseren Herrn und hält die große Bedenklichkeit desselben für seinen besten Verbündeten. Er weiß wohl, daß er auf unserer Seite der Elbe nichts zu erwarten hat als Feindseligkeit. Im übrigen Deutschland ist das anders. Dort streichelt er mit Samtpfoten die Dichter von Weimar, weil er annimmt, daß sie großen Anhang unter den Gebildeten haben, denen solche Behandlung ihrer Größen wohltun wird. Die deutsche Poesie ist ihm so gleichgültig, wie Geschrei der Frösche im Sumpf, und während er den Herren dort Artiges über ihre Mannhaftigkeit sagt, ist ihm die Mannhaftigkeit eines Doktor König, welcher in seinem Kreise zweihundert Gewehre gegen ihn erheben kann, viel wichtiger als aller Verskram, für den er sich eine halbe Stunde vor den Audienzen vorbereitet hat. Da ihm die brutale Gewalt gegen Sie mißlungen ist, so wird er vielleicht auf etwas anderes sinnen, was uns wehe tut. Die Bestie in ihm ist älter geworden und die Geschmeidigkeit vermindert.« Und als die beiden spät in der Nacht sich trennten, sagte der Graf: »Ihr Zimmer ist bereit. Morgen lasse ich Sie über die Berge nach Böhmen fahren. Der Herzog von Braunschweig hat dort seine Rüstungen schneller beendigt als wir und ist bereits im Marsche gegen die Sachsen. Zu ihm sende ich Sie, ich habe übernommen, unsere Landsleute, die von den schlesischen Besitzungen des Herzogs kommen, an ihn abzugeben, und Sie werden dabei zu tun finden.«

Einige Tage nach der Flucht saß Henriette zwischen Bärbels Bett und der Wiege, aus welcher ein kleiner Kerl, das Abbild der Mutter, in die fremde Welt guckte. »Es war schon recht, daß du selbst gegangen bist, wenn's nur nicht bei Nacht gewesen wäre.«

»Wie durfte ich warten?« sagte Henriette.

»Ich hätte sehen mögen, wie sich der Doktor anstellte«, fragte neugierig die Freundin.

»Gut,« antwortete Henriette mit einem glücklichen Lächeln, »und gerade so, wie ich gedacht hatte. Er nahm seine Sachen in die Hand und ging mit mir auf die Gasse. Dort waren erst wenige Menschen; wir kamen zu einem Bekannten von ihm, einem Fleischermeister, als die Leute eben aufstanden. Die Frau war sehr freundlich gegen mich und weckte ein Fräulein, ein liebes Mädchen, das in demselben Hause wohnt; diese kam sogleich herunter, ihr empfahl mich der Doktor. Du hättest hören sollen, wie herzlich er das tat. Während der Fleischer ihm den Wagen bespannte, hatte er noch eine schnelle Unterredung mit seinem Vetter, dem jungen Arzte. Ich stand am Wagen, als er abfuhr, und er hielt meine Hand, als die Pferde schon anzogen. Der Meister begleitete ihn bis zum Stadtwald und kam mit gutem Bescheid zu uns zurück. Vom Walde aus fuhr er meilenweit auf Nebenwegen, wo kein Fremder seine Spur finden konnte. Unterdes holte der junge Herr für mich ein Fuhrwerk, das mich zur Liesel bringen sollte. Das Fräulein bestand darauf, mich bis dahin zu begleiten. Wir waren etwa eine Stunde gefahren, bis zu einer Wegscheide, da wies der Kutscher auf den anderen Weg: ›Dort kommen französische Soldaten.‹ Wir wandten uns um und sahen einen Kutschwagen mit einer Anzahl bewaffneter Reiter in schnellem Trabe der Kreisstadt zu fahren. Fräulein Minchen hielt meine Hand fest, doch keines von uns vermochte zu reden. Nicht lange, und ein einzelner Reiter sprengte bei uns vorüber, wendete das Pferd und sah in den Wagen. Ich hatte mir das Gesicht verhüllt und tat, als ob ich schliefe. Der Mann rief dem Kutscher zu: ›Woher und wohin?‹ und als dieser den Namen des Marktfleckens sagte, rief er: ›Gut!‹ und ritt zurück. Wir berechneten in großer Angst den Vorsprung, den der Doktor hatte; er war doch schon einige Meilen voraus. Heut erhielt ich durch Liesel einen Brief von ihm, daß er glücklich beim Grafen angekommen ist. – Als ich mit Krause zu dir kam, lag dein Kleiner bereits in der Wiege. Du wirst mich für eine untreue Freundin gehalten haben, Bärbel.«

»Ich wußte, es mußte ein großes Hindernis sein.«

»Und was mir lieb ist,« fuhr Henriette fort, »zu Hause haben sie nichts von dem nächtlichen Gange gemerkt, die Mutter wunderte sich nur, daß ich so sehr ermüdet aussah, und meinte, ich hätte mich um dich geängstigt. Liebes Bärbel, diesmal um einen andern.«

»Jetzt sind sie beide fort,« klagte Bärbel, »und niemand kann sagen, wenn einer von ihnen wieder sichtbar werden wird. Das ist ein schlechter Zustand für dich, du hast solches Schicksal nicht verdient.«

»Beklage mich nicht«, rief Henriette. »Wünsche mir Glück, daß es so gekommen ist, denn die Unsicherheit, in der ich lebte, ist jetzt zu Ende. Da ich allein durch Nacht und Nebel ging, schwand die Wolke von meiner Seele, die mir bisher den Trübsinn gemacht hat; ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Es wird mir schwer, dies allein zu vollbringen, ohne den Beistand des treuen Mannes, aber es muß geschehen, und wenn er glücklich heimkehrt, soll er erfahren, daß ich redlich gegen ihn gehandelt habe.«

»So ist es recht«, lobte Bärbel. »Aber wie willst du den andern fortschicken, er ist ja gar nicht vorhanden, und kein Mensch kann sagen, wo er verweilt. Das Land Spanien ist unermeßlich weit und alles voll von grausamem Kriege. Auch der Postbote wird ihn nicht auffinden.«

»Ist es auch schwer,« entgegnete Henriette, »ich suche mir einen Weg.«

Aber Bärbel fuhr fort, Unheil vorauszusagen: »Seinen Ring mußt du ihm zuschicken.« Henriette nickte. »Wie kannst du hoffen, daß dieser durch die wilden Länder zu ihm dringt? Sie werden unterwegs den Ring herausnehmen und den Brief zerreißen. Ich an deiner Stelle würde mich kurz entschließen und den Hiesigen heiraten. Wer weiß, ob der andere überhaupt kommt. Käme er, so müßte man ihm sagen: »Warum sind Sie so lange ausgeblieben? Jetzt ist es zu spät.«

»Auch er trägt meinen Ring am Finger.«

»Er hat ihn ja selbst genommen.«

»Und ihm hat niemand widersprochen«, antwortete die Jungfrau traurig.

Aber das Weib, welches danach rang, unerträgliche Fesseln zu lösen, die Männer, welche zum Kampf gegen den Feind rüsteten, alle Völker eines Weltteils, die sich gegen die Tyrannei einer verhaßten Nation empörten, sollten noch einmal vergebens hoffen, sich winden und an ihrer Kette zerren. Nur um so tiefer schnitten die Bande in ihr Leben, auch der Widerstand der Verzweiflung war vergeblich gewesen. Hütet euch, deutsche Herzen, daß der Mut nicht schwinde und die grünende Saat eurer Liebe nicht niedergetreten werde unter dem gepanzerten Tritt kalter, harter, tückischer Selbstsucht, die eine fremde Nation und ihr gottverfluchter Meister gegen euch verüben.

Der Doktor erreichte an der sächsischen Grenze das kleine Heer des Herzogs von Braunschweig; dort war er bei Aufnahme seiner Landsleute tätig, die von den schlesischen Besitzungen des Herzogs eintrafen. Er begleitete ihn bis nach Dresden und ritt beim Einzuge des Tapferen in die feindliche Residenz unter seinem Gefolge. Von dort kehrte er nach Böhmen zurück und weilte als vertrauter Agent seines Freundes in Prag, wo sich eine große Zahl patriotischer Preußen gesammelt hatte.

Da kam wie ein Wetterschlag die Botschaft, daß Österreich seinen Frieden mit Kaiser Napoleon geschlossen habe. Ein Brief des Grafen, welcher dies mitteilte, rief ihn wieder nach dem Gute desselben.

Der kranke Graf streckte ihm von seinem Bett die Hand entgegen. »Hier liege ich, mein Freund; Sie wissen, daß meine Krankheit getäuschte Erwartung heißt.« Mit geheimer Trauer erkannte der Arzt die Fortschritte, welche das Leiden des Kranken in den letzten Jahren gemacht hatte: »Ich verlasse Sie nicht, wenn Sie mich in Ihrer Nähe dulden wollen, bis Sie sich vom Lager erheben. Der Sorge um Gewehre und Patrontaschen sind wir ledig und Sie werden endlich Zeit gewinnen, an sich selbst zu denken. Wir hatten uns in der Jahrzahl verrechnet, nicht in unserer Hoffnung.«

»Es freut mich, daß Sie so mutig wiederkehren, nachdem Sie überall Vereitlung wackerer Pläne erlebt haben«, sagte der Graf traurig.

»Ich war besser daran als Sie«, versetzte der Doktor. »Sie wurden täglich gequält durch die Nachrichten über wechselnde Stimmungen an den Höfen und in den Kabinetten. Ich habe daheim und jetzt in der Fremde im Volke gelebt, da stellt sich unsere Lage anders dar. Das glimmende Feuer des Hasses vermag der Franzose nicht mehr auszutilgen; ein frischer Luftzug, und die Flamme lodert zum Himmel!«

»Und wenn der starke Luftzug in der rechten Stunde fehlt?« fragte der Graf.

»Es ist ein alter Bauernglaube, daß jeder Hausbrand sich zuletzt selbst einen Wind erregt, der ihm die Flamme schürt. So wird es auch bei dem Feuer sein, zu dem Sie die Scheite getragen haben. Wie fand der Kampf mit dem Fremden uns vor drei Jahren und wie jetzt? Damals ein friedliches Volk, hilflos gegenüber dem Widerwärtigen, auch in den Besseren Unsicherheit und Mangel an Entschluß. In drei Jahren hat der Kaiser uns gegen seinen Willen zu Männern gemacht, und wenn wieder drei Jahre über das Land gezogen sind, so bereiten wir ihm das Verderben.«

»Sagen Sie mir das alle Tage,« bat der Kranke, »denn dieser Glaube allein kann mir zur Genesung helfen. – Der König ist gegen mich gnädig gewesen,« fuhr er abbrechend fort, »er hat mich zum Chef des Husarenregiments ernannt, bei welchem Ihre liebsten Bekannten stehen. Helwig führt eine Schwadron; und Ihr getreuer Hans ist Stabstrompeter.«

»Dann werde auch ich in neuer Weise Ihr Untergebener,« sagte der Doktor, »denn ich habe mit dem Rittmeister besprochen, daß ich im nächsten Kriege bei seiner Schwadron als Freiwilliger eintrete.«

 

Der Kriegslärm war verstummt, der Friede, wie der Senior gewünscht hatte, dem Lande erhalten, da saß der würdige Herr am Schreibtisch und neben ihm die Tochter, und er schrieb zwei Briefe, die ihm beide schwer wurden. Den ersten an den französischen Major. Darin versicherte er in warmen Worten lebenslänglichen Dank und bekannte darauf, daß die Rücksicht auf das Glück seiner Tochter ihn nötige, jene schnelle Verlobung rückgängig zu machen, er sende den aufgesteckten Ring zurück und bitte um Wiedergabe des Reifes, den sein Kind am Finger getragen. In den Brief schloß er den Ring des Fremden ein. Den zweiten Brief aber schrieb er auf Henriettens Wunsch an Graf Götzen, erzählte darin kurz, was dieser bereits wußte, und bat inständig, da ihm der Weg in das Feldlager der Franzosen unbekannt sei, daß der Graf bei der französischen Gesandtschaft Beförderung des inliegenden Schreibens an den Major befürworten möge.

Als kurze Zeit darauf eine freundliche Antwort des Grafen einlief mit der Anzeige, daß er das Seine getan und den Brief so sicher als möglich befördert habe, fiel Henriette dem Vater um den Hals, und zum erstenmal seit mehreren Jahren setzte sie sich an das Klavier und sang die Lieblingslieder des Hauses. In der nächsten Woche aber erbat sie Erlaubnis, das Liesel zu besuchen. Denn der Doktor war wieder in der Heimat und hatte für diesen Tag bei Krause seinen Besuch angekündigt.

Draußen fuhr der Tauwind um die laublosen Bäume und raufte das Stroh am Scheunendach, auch in dem Gemüt der Menschen bargen schwarze Wolken den fröhlichen Sonnenschein. Aber als Henriette dem Freunde gegenüberstand, brach ihr die helle Freude in Tränen aus den Augen. Jetzt erst gehörte er ihr, und sie hatte ihn vor dem Verderben errettet.

Der Hauswirt wies seinen Gästen vergnügt einen Quell, den er in seinen Hof geleitet hatte; das Wasser, welches bis dahin heimlich in der Erde geflossen war, rann lustig in den neuen Steinbehälter, um fortan im Sonnenlicht zu fließen, solange tätige Menschen im Hofe lebten. Die Liebenden standen am Brunnen und zwischen ihnen plätscherte leise das Wasser, da erzählte Henriette von dem Briefe, den sie durch den Vater an den Franzosen gerichtet, und daß sie den Ring von sich abgetan; und ihre Gestalt hob sich in stolzer Freude, als sie die Seligkeit in seinem Antlitz sah.

»Ich hatte, während ich als Bote zu Ihnen ging, mir überlegt, daß ich dies tun müßte. Jetzt habe ich dadurch den inneren Frieden wiedergefunden, den ich lange entbehrt.«

»Geliebtes Mädchen!« rief der Mann.

»Still, mein Freund«, sagte sie feierlich. »Was Sie mir einst geschrieben von Schweigen und Entsagung, das gilt noch immer für uns beide.« Sie hielt ihren Finger, an dem einst ihr Ring gesteckt, in den Quell. »Kein Wasser wäscht von dem Finger, daß der andere ihn für sich genommen, und nicht mein Wille allein vermag mich zu befreien.«

»Ich werde Ihr Gefühl ehren, wenn es mir noch so schwer wird; aber ist denn nötig, daß ich noch immer Ihrem Hause fernbleibe? Diese Entbehrung ist allzu groß.«

»Sie ist nötig,« sagte Henriette bittend, »und nicht nur um der Leute willen« – sie hob ihre Hand – »wenn der ersehnte Tag kommt, wo ich wieder habe, was mir genommen ward, dann, mein Freund, fegt Susanne das Haus und ich trage Blumen hinein, Sie zu empfangen.«

Armes Mädchen! Das war keine Zeit, Gutes zu hoffen.

Es ist wieder einmal Sommer, der Tambour der Bürgerschützen trommelt durch die Straßen und ladet zum Feste, aber die Stadt ist diesmal nicht bereitwillig, sich zu freuen. Es ist vieles nicht in der Ordnung. Die ganze Stadt sieht heruntergekommen aus, die Hauswände sind lange nicht neu getüncht, neue Häuser sind gar nicht gebaut und die schlechten Giebel der alten kaum notdürftig gebessert. Die Menschen gehen ernst und mißvergnügt einher und die Zahl der fadenscheinigen Röcke, welche der Steuereinnehmer genau kennt, ist größer geworden. Die Schützen ziehen aus mit ihrer Musik, und der Zieler trägt die Scheibe; diesmal ist nichts darauf als ein Hirsch, an welchem die grimmigen Hunde heraufspringen. Das edle Tier hat den tödlichen Schuß empfangen, sinkt auf die Knie und das Blut strömt aus der Wunde. Es war die alte Geschichte, aber der Künstler wußte nichts Besseres und hatte sie neu gemalt. Der Bürgerschützen sind weniger geworden, denn manchem kommt das ganze Vergnügen zu teuer. Und wo ist die Freikompanie geblieben? Nur einzelne davon treten in den Stand und schießen mit, weil sie sich einmal dazu verpflichtet haben. Unser Freund, der Doktor, hält sein Gewehr, wie vor Jahren, aber er hat nicht nötig, sich leise mit den Bekannten zu bereden. Auch die Gesellschaft, welche unter den Linden Kaffee trinkt, scheint nach allem nicht so glänzend wie früher, viele Honoratioren fehlen, und Minchen Buskow fehlt, sie ist zum Besuch auf das Land gegangen, da ihre Schule Ferien hat. Sogar die Zahl der Buden ist vermindert, aus zweien ist eine geworden, denn nur die Frau mit dem Pfefferkuchen hat ausgelegt, dem Glasmann lohnt sich's nicht mehr, die Leute wollen ihre Groschen im Würfelspiel nicht dranwagen. Die Kinder allein schwärmen in heller Freude umher wie immer, und zu den früheren sind, gottlob, einige neue gekommen, kleine Wutzel, welche neben ihren Müttern auf dem Grunde kauern und mit Kienäpfeln spielen. Dort erscheint endlich unser Einnehmer, der schlaue Herr, er zieht eine Tüte aus der Tasche und spricht strafend zum Kaffeewirt: »Ich fordere besonderen Aufguß für diese gebrannten Möhren, denn die Mischung von Zichorie und Eichel, die Sie in die Töpfe schütten, ist für meinen Magen unerträglich; der ganze Platz riecht danach, ich wollte, Bonaparte würde zur Strafe für seine Sünden täglich einige Stunden mit Zichorie geräuchert.«

»Ach, Herr Einnehmer,« klagte der Kaffeewirt, »mit dem Zucker steht es noch schlechter. Den Kaffee bringen die Schmuggler zuweilen über die Grenze, aber der Zucker ist unerschwinglich.«

»Sie können hier schönen Heidehonig ziehen«, sagte Herr Köhler. »Unterdes rate ich Ihnen, die französische Sperre dadurch zu betrügen, daß Sie die Stücke Zucker dreimal so klein schlagen als sonst. – Sie haben recht, es geht uns schlechter als vor dem letzten Kriege. Alles klagt und schreit; da aber niemand mehr den Schreiern ihren Mund zuhält, so wird ihnen zuletzt durch lautes Klagen das Herz leichter und sie denken wieder an künftige, bessere Zeiten. – Wer fährt da heran? Beim Styx! Das ist die Kutsche der Bellerwitze.«

Der Diener öffnete den Schlag und die gnädige Frau stieg aus mit ihren beiden Fräulein, die in der Zeit hübsch in die Höhe geschossen waren und vornehm in das Getümmel der Bürger hineinstarrten. Als der Doktor herankam, die Dame zu begrüßen, hielt sie ihm einen Brief entgegen. »Dies brachte ein Bote aus dem Hause des Seniors auf unsern Hof und fragte, ob wir Gelegenheit nach der Kreisstadt hätten. Da ich selbst in der Stadt zu tun hatte und da der Brief für Sie bestimmt war, übernahm ich die Besorgung. Demoiselle Henriette soll krank sein. Leider ist das arme Mädchen übel daran; diese alte unglückliche Geschichte mit dem Franzosen bringt sie und die ganze Familie in eine falsche Stellung.« Der Doktor bestätigte durch eine stumme Verneigung, winkte seinen Vetter herzu und stellte den Einnehmer vor. Die gnädige Frau war erfreut, endlich dem Herrn persönlich bekannt zu werden, von dem der Kammerherr so viel Liebes erzählt hatte.

»Ich habe die Ehre, Ihren Herrn Gemahl seit der Zeit zu kennen, wo er eine kleine Guillotine als Berlocke trug«, sagte der Einnehmer mit artiger Verbeugung. Unterdes nahm der kleine Doktor behend die jungen Fräulein in Anspruch und die Gesellschaft bewegte sich schwatzend und lachend zwischen den Bänken. Als die Kammerherrin sich aber nach ihrem großen Günstling umsah, war dieser verschwunden. »Er ist zu einem Kranken gerufen«, entschuldigte der Vetter.

In dem Schreiben bat der Senior um einen Besuch, da seine Tochter erkrankt sei. Die Pferde rannten in gestrecktem Trabe, aber dem Liebenden dehnte sich der Weg zu unerträglicher Länge. Seine Briefe waren seither immer den regelmäßigen Weg gegangen, und seit Wochen hatte er Henriette nicht gesehen; doch schon beim letzten Zusammentreffen war sie bleich und still gewesen, und er kannte wohl den Gram, den sie trug. Von jenem Fremden war keine Antwort gekommen, seit Jahr und Tag keine Nachricht, das Harren und Bangen des Mädchens wurde unruhiger, sie hatte ihm gestanden, daß sie jedesmal beim Eintritt eines Besuches zusammenschrecke, denn sie fürchte, es müsse der Franzose sein. Heut ahnte der Doktor Unheil für sie und sich und bereitete sich vor, den Feind selbst zu finden.

Es war Abend, als er im Pfarrhofe aus dem Wagen sprang, er fühlte sich fast erleichtert, daß er den Senior allein ohne den argen Gast in der Stube traf. Wie vor Jahren stand er dem Vater gegenüber. Was war seitdem alles draußen in der Welt geschehen, – und hier in dem stillen Hause immer die alte Angst und Not!

»Meine Tochter hat gewünscht, daß wir Sie zu Rate ziehen«, begann der Pastor bekümmert und verlegen. »Es ist derselbe Zustand und dasselbe Leiden wie damals, als Sie zuletzt hier waren.«

»Ist es durch eine äußere Veranlassung hervorgerufen?« fragte der Arzt, doch er wußte die Antwort voraus.

»Ich habe Ihnen erzählt, wie es uns im Kriege ergangen ist«, antwortete der Senior zögernd; »auch das Weitere will ich nicht verbergen. Ich fürchte, ein Brief, den ich erhalten, hat ihr den Weinkrampf und das Fieber veranlaßt.« Er überreichte ihm ein Schreiben. »Es ist fast ein halbes Jahr alt,« sagte er, »die Stadt, welche darin angegeben ist, liegt ja wohl an der portugiesischen Grenze.« In dem Briefe stand:

Ehrwürdiger Herr! Ich kann es Ihnen und Fräulein Henriette nicht verdenken, wenn Ihnen ein Bräutigam zuwenig und zuviel ist, der seine Pflichten so völlig vernachlässigt. Ich habe keine andere Entschuldigung als den Dienst meines Kaisers, der mich seither ohne Unterbrechung von Ihnen ferngehalten hat. Ich vermag aber ungeachtet der Mitteilungen Ihres Briefes auf ein Verhältnis nicht zu verzichten, welches mir verhängnisvoll geworden ist und an welches sich für mich teure Hoffnungen knüpfen. Deshalb werden Sie vergeben, wenn ich den Ring, den ich jetzt am Finger trage, nicht zurücksende; ich bitte Sie vielmehr, mir zu gestatten, daß ich in nächster Zeit mich selbst bei Ihnen einfinde und persönlich um die Neigung Ihrer Tochter werbe. – Oberst Dessalle.

»Dies ist mehr, als ich für möglich hielt«, rief der Doktor empört und warf das Papier auf den Tisch. »Darf ich Fräulein Henriette sehen?«

Als er an das Bett der Kranken trat, wandte sie ihm ihr heißes Antlitz zu mit einem verzweiflungsvollen Blick, der ihm in das Herz schnitt. Er nahm ihre Hand und fühlte ein Zucken, als ob sie ihm die Hand entziehen wollte. Er saß lange am Bett und zwang sich, in leichtem Tone mit der Mutter von Gleichgültigem zu reden. Er konnte der Geliebten so, daß sie allein ihn verstand, nur sagen, daß er die Ursache der Krankheit kenne. Beim Abschied warf er in ihrer Gegenwart hin: »Ich habe im Marktflecken Kranke und übernachte dort bei Bekannten; ich kann morgen früh wieder herankommen.«

Eine schwere Krankheit brach aus. Nur der Doktor verstand die Größe der Gefahr und die Ohnmacht des Arztes, sie zu besiegen, und während ihm geheime Angst die Wangen entfärbte, mußte er sich sicher und überlegen stellen, um der Kranken und den Eltern den Mut zu erhalten. Aber wenn er allein war, rang er die Hände gegen den Himmel und flehte fassungslos um Erbarmen. Weit anders erging es in lichten Augenblicken der Geliebten; wenn sie zu ihm aufsah, die ermutigenden Worte vernahm und die treue, zärtliche Sorge erkannte, dann erschien ihr seine Gegenwart wie eine Arznei, die ein Engel ihr zutrug. Als er mit bewegter Stimme und feuchten Augen sagen konnte, daß die Macht der Krankheit gebrochen sei und Genesung zu hoffen, sprach sie leise: »Ich will wieder beherzt sein um Ihretwillen.«

Der Doktor hatte in diesen Wochen wenig darauf geachtet, daß auch in der Stadt eine fieberhafte Erwartung in die Menschen gekommen war. Endlich durfte er zu seiner Kranken von einer neuen großen Hoffnung reden. Zwischen Napoleon und Rußland war der Krieg unvermeidlich geworden, für Preußen der Tag der Erhebung nahe gerückt. Und er berichtete, wie sich's in der Kreisstadt und auf dem Lande wieder heimlich rühre, und wie es nur eines königlichen Wortes bedürfe, um die Arme von vielen Tausenden zum Verzweiflungskampf zu bewaffnen.

Als das Mädchen ihm mit leuchtenden Augen zuhörte, fuhr er heiter fort: »Ich habe bis jetzt gehorsam nach Ihrem Willen getan und meine Liebe still vor aller Welt geborgen. Jener Brief aus fernem Lande aber veranlaßt mich, das lange Schweigen zu brechen, und ich erflehe von Ihnen, Geliebte, die Erlaubnis, bei den Eltern um Ihre Hand zu bitten.«

Da aber schlug Henriette die Hände vor das Angesicht und rief in heißem Schmerz: »Das war die Angst, welche mich krank gemacht hat. Wenn Sie bei den Eltern um mich anhalten, so verliere ich alles, was mir noch den Mut gibt zu leben; denn ich müßte auf Ihre Werbung mit nein antworten.« Sie brach in Schluchzen aus. Er mühte sich, erschreckt durch den Anfall, sie mit zärtlichen Worten zu beruhigen, aber auch als sie aufgehört hatte zu weinen, saß sie in sich gekehrt auf ihrem Lager. »Unablässig quält mich der Gedanke,« rief sie endlich, »wie unglücklich Sie durch Ihre Neigung zu mir geworden sind. Ihnen vergehen die Jahre im einsamen Haushalt und diese Abhängigkeit von dem Belieben eines Fremden ist Ihrer unwürdig.«

»Sie wird es nicht sein,« antwortete bittend der Doktor, »wenn Sie mir sagen, weshalb sie nötig ist.«

Aber Henriette schüttelte das Haupt und weinte von neuem.

Wieder mühte er sich, sie zu trösten und sprach leise zu ihr von seiner Liebe und seinem Vertrauen, bis sie ihm schwermütig die Hand hinhielt. »Wollen Sie mich noch ertragen, wie ich bin, so bitte ich Sie: Lassen Sie es zwischen uns bleiben, wie es bisher war.« Und als er ihr dies versprach, neigte sich das Mädchen über seine Hand und küßte sie.

Er aber fuhr in stürmischer Bewegung heimwärts. Was war der Grund ihrer Angst und was schloß ihr den Mund? War es zu hoch gespanntes Pflichtgefühl gegenüber einer nichtigen Verlobung, oder war es geheime Sorge, daß er selbst mit dem Fremden in tödlichen Streit geraten könne? Was es auch war, gegen den Franzosen sammelte sich in seinem ehrlichen Gemüt ein bitterer Haß, und der letzte Trost, den er fand, war der, daß auch für ihr und sein Geschick die Entscheidung kommen werde durch den bevorstehenden Krieg.

Als mit der fortschreitenden Genesung seine Besuche seltener wurden und endlich ganz aufhörten, da sagte die Mutter verwundert zum Senior: »Der Doktor hat doch so vielen Anteil an dem Mädchen gezeigt und die weite Reise so oft gemacht, daß es mir manchmal auffällig war, und jetzt läßt er sich nicht mehr blicken.«

»Ich fürchte, er hat im Grunde etwas gegen uns«, antwortete der Pfarrer bedrückt.

Aber das erlösende Wort, welches die Waffen in die Hände des zornigen Volkes drücken sollte, wurde nicht vernommen, zum dritten Male war die Hoffnung auf Erhebung und auf Rache vergeblich gewesen. Zu der alten Schmach kam eine neue, die größte, greulichste. Als Bundesgenosse des höhnenden Tyrannen mußte das preußische Volk gezwungen seine Söhne in den neuen Krieg senden. Jetzt erst zahlten König und Staat die schwerste Buße für die Sünde, daß sie vor der großen Niederlage zehn Jahre lang preußisches Land und treue Herzen ausgetauscht und weggegeben hatten wie eine Ware, und daß sie ihre Grenzsteine herausgerissen und eingesetzt nach dem Gefallen des fremden Kaisers. Damals war der alte Stolz und die Ehre, welche die Ahnen um den Thron gesammelt, verloren worden, und darum zwang jetzt ein Übermächtiger das gedemütigte Volk in Sklavenketten hinter ihm herzuziehen als ein Teil seines reisigen Trosses. Sobald dieser furchtbare Zwang dem Volke deutlich wurde, da schwand auch wackeren Männern das Zutrauen zu dem Willen und der Kraft der Führer, an welche sie sich in öden Jahren gehalten. Die Heftigsten dachten daran, sich von ihrem Vaterlande loszusagen, die Besonnenen trugen finster und schweigend ein unerhörtes Geschick. Und einer von ihnen, welcher den Schmerz wie eine brennende Wunde fühlte, schrieb an seine Geliebte: »Jetzt habe ich nichts mehr, was mir dies Dasein wert macht, als den Gedanken an Sie, Henriette. Ich weiß, daß dieses Reich des Antichrists nicht dauern kann, und ich weiß, daß wir seiner ledig werden müssen, so wahr eine göttliche Vernunft über dem Leben der Völker und der Menschen waltet; aber ich vermag aus dem Abgrund, in den sie uns wirft, den Weg zur Rettung nicht zu erspähen und ich fühle mich in meinem Volke so schwach und der Ehre bar, daß ich auf den letzten Anspruch Unglücklicher verzichte, auf das Mitleid anderer Nationen mit unserem Geschick.«

Doch während die Klugen und Scharfsinnigen verzweifeln wollten, hatte eine höhere Gewalt, welche das Schicksal der Menschen und der Völker mit furchtbarer Genauigkeit abwägt nach ihren Gedanken und Werken, bereits dem Tyrannen den Pfad gewiesen, auf dem er verderben sollte, unerhört, abenteuerlich, wie sein Leben gewesen war. Die Geister der Zerstörung arbeiteten geschäftig in ihm selbst. Daß er schlecht war und ein Bösewicht im Purpur, das wußten Millionen, aber während auch seine Gegner in ihm noch den starken überlegenen Geist bewunderten, war er in der Tat bereits ein berückter Träumer, dem Wahngebilde das Hirn betäubten. Einst hatten ihn phantastische Ideen seiner Jugend zu den Sanddünen der Pyramiden geführt, die grünen Fluren am Nil sollten damals eine Station werden für seinen Alexanderzug nach Osten, weit über Syrien hinaus ins unermeßliche Blaue. Seitdem hatte er unter schwachen Dynastien und verrotteten Staatswesen aufgeräumt, und bei dieser Arbeit eines Totengräbers alles eingebüßt, was die Seele des Mannes festigt gegen unsinnige Einfälle. Die Menschen und Völker waren ihm geworden wie Brettsteine, die er hin und her setzte. Achtung vor menschlicher Tugend, vor Leben und Glück der Nationen war ihm verloren, und verloren war ihm zugleich die Fähigkeit, sich selbst zu beschränken, Zeit und Raum abzuwägen und eigene und fremde Kraft verständig zu berechnen. Und in dem verwüsteten Geist erhob sich aufs neue der Unsinn aus seiner Leutnantszeit; den Blick nach Osten gewandt, träumte er wieder sich und sein Heer über Steppen und Ströme hinaus Tausende von Meilen bis an die Fluten des Ganges und darüber ins unermeßliche Leere. Mancher aus seiner Umgebung erschrak, wenn er einmal wie ein Trunkener von seinen Plänen sprach, keiner wußte, wie sehr der Wurm in ihm bereits das Mark des Lebens zerfressen hatte. Die Klugen wußten es nicht, aber der einfältige Sinn des Volkes ahnte, daß unsichtbare Gewalten gegen ihn geschäftig waren.

Henriette stand auf dem Ringwall und blickte hinaus nach der fernen Heerstraße, auf der sich die Kolonnenzüge bewegten. Seitwärts bei den Dornen arbeitete der alte Christian emsig mit Haue und Schaufel, hieb in die Erde und rodete das Gestrüpp. »Was tut Ihr dort, Schäfer?« fragte das Mädchen. Der Alte trocknete sich mit dem Ärmel die Stirn. »Es muß alles heraus,« sagte er, »seine Zeit ist gekommen. Denn jedem auf Erden ist der Tag bestimmt, wo es hinweg muß, dem Dornholz hier und den Menschen dort.«

»Es will kein Ende nehmen mit dem Heereszuge und dem reisigen Fuhrwerk,« klagte Henriette, »seit acht Tagen fährt es dahin von früh bis zur Nacht, zahllos sind die Menschen, Tiere und Wagen; es ist, als ob ein ganzes Volk auswandert in ein anderes Land.«

Der Schäfer trat zu ihr. »Je mehr ihrer hinziehen, um so besser. Die dort oben in der Luft ziehen auch mit.«

»Was wollt Ihr damit sagen, Christian?«

»Haben Sie jemals so viele Krähen und Raben gesehen?« fragte der Alte, und er hatte recht, in ungeheuren Schwärmen flogen und schrien die dunklen Vögel.

»Sie finden Futter an toten Pferden und Abfällen, wo die Soldaten lagern.« Der Schäfer schüttelte, seiner Überlegenheit bewußt, den Kopf, dann sagte er leise: »Haben Sie heut nacht nichts gemerkt? Das Schwedenvolk, das hier herum und auf dem Kirchhofe liegt, ist aus der Erde gestiegen, einer nach dem andern, alle in grauen Mänteln, und die Gesellschaft breitete sich aus über die Felder und wälzte sich in der Luft nach derselben Richtung, in der diese fahren. Reiter und Fußvolk ziehen unten und die Grauen und ihre Vögel fliegen oben, und die oben sind mächtiger.«

Nachdem der wilde Schwall vorübergerauscht war, kam Bärbel nach der Pfarre mit geringem Lebensmut. »Unser Hof ist leer«, klagte sie; »es war eine schreckliche Woche, jeden Tag und jede Nacht rohes Volk im Hause, und das wüste Lärmen und Fordern in fremden Sprachen, nichts war ihnen gut genug, und wenn einmal ein Offizier sich unser erbarmte und die Leute schalt, so verhöhnten sie ihn und drohten. Ein Alter unter ihnen, der mit deutscher Sprache umzugehen wußte, sagte meinem Manne: ›Trage auf, Bauer, was du hast; wir wollen's genießen, weil wir leben, denn wir ziehen zu Grabe.‹ An einem Abend, wo die ganze Stube voll war, hatten sie geschrien und getrunken, daß uns Angst wurde, und mit einem Male fing ein junger Bursche an laut zu weinen, redete auf französisch zu den anderen und alle wurden still und ließen die Köpfe hängen. Die ganze Zeit über haben wir, Karl und ich, die Nacht über auf der Ofenbank gesessen, ich legte mich an die Schulter des Mannes, wenn mir die Augen zufielen, die Kleinen hatte ich in der Wiege vor mir. Wie sollten wir dieses Jahr durchmachen?«

»Dein Karl soll mit dem Wagen kommen; was die Pfarre entbehren kann, erhaltet ihr vor andern, ich will's beim Vater ausmachen.«

Auch in der Kreisstadt gab es bedächtige Männer, welche eine große Entscheidung voraussahen. »Ich frage gern in schweren Zeiten meinen Schuster um Rat,« sagte der Einnehmer zu seinem Freunde, »er ist kein großer Redner, aber er sieht die Dinge mit einem Mutterwitz an, den mancher Klügere nicht hat.« Schuster Schilling pochte lustig am Leder herum, als sein Kunde ihn begrüßte: »Nun, Meister, was wird aus diesem Kriegszuge des Kaisers herauskommen?«

Schilling schüttelte lange den Kopf und sagte gewichtig: »Der Mann ist niemals als Schustergeselle bei den Moskowitern gewesen, wie ich damals von Südpreußen aus, sonst würde er jetzt nicht zu ihnen gehen. Wie weit, glauben Sie, wird seinen Leuten auf dem langen Wege das Schuhwerk vorhalten? – Es ist alles zerrissen, bevor er zu den eigentlichen Moskows kommt, und wer soll dort für so vieles Volk neue Stiefeln machen? Das Land ist zu groß und mit zu wenig Menschheit besetzt, und es fehlt dort auch an anderem. Von Birkenrinde können sie nicht leben.«

»Die Stiefel läßt er aus Ihrem Laden holen, Meister, und die Speckseiten aus dem Rauchfange unserer Bauern, alles wird ihm ins Russische nachgeschafft.« Schilling lächelte: »Dann müßte er sein Heer zurückführen und sich alles selber holen, sonst wird das wenigste bis zu ihm durchdringen; die Russen können das durchaus nicht leiden. Nämlich die Russen sind gutmütig, aber sie haben diese Eigenschaft: Ist einer artig, so sind sie grob und nehmen ihm mit Gewalt, was er hat; und ist einer grob, so sind sie ins Gesicht artig und mausen ihm das Seine hinter seinem Rücken. Nehmen tun sie in jedem Falle. Jetzt geht Bonaparte grimmig gegen sie vor; folglich werden sie sich zurückziehen und über alles hinter seinem Rücken herfallen, und er wird mit dem einen Arm nach vorn und mit dem andern nach hinten hauen müssen. Diese Art Prügelei hält niemand auf die Länge aus.«

»Gut, Meister. Was aber soll mit uns werden? Wir sind seine Verbündeten geworden.«

»Das ist mir ganz recht,« erklärte der Schuster, »wir halten uns hübsch zurück und immer mehr zurück, lassen ihn vorwärts, und machen hinter der großen Ratte die Falle zu.«

»Meister,« rief der Einnehmer, »wenn Sie mir nicht für mein Schuhwerk unentbehrlich wären, würde ich Sie unserm König zum Minister empfehlen.«

»Ich habe nie großen Ehrgeiz gehabt«, sagte der Meister bescheiden.

Der Sommer kam und der Herbst, der Handwerker nähte und pochte in seiner Werkstatt und der Landmann tengelte seine Sense, um die Brotfrucht einzubringen. Der Bürger hielt zuweilen in der Arbeit an und lauschte, und der Mäher ließ die Sense sinken und sah hinauf in die Luft, als ob von dort etwas Neues heranziehe. Gedanken und Träume der Leute irrten umher in weiter Ferne und heimliche Erwartung schärfte jedem Auge und Ohr.

Die Frühstücksstube war lange verödet gewesen, jetzt traten die Herren wieder ein; sie saßen aber nicht wie sonst am Tische, sondern standen und gingen auf und ab, während sie von den neuen Siegen des Kaisers erzählten. Da sagte einst im Spätherbst der jüdische Weinwirt geheimnisvoll zum Einnehmer: »Einer von unsern Leuten ist aus Warschau zugereist, dort hat er sichere Nachricht erhalten von der großen Armee; das große Heer ist klein geworden, an den Landstraßen liegen überall tote Pferde und umgeworfene Karren, alle Städte sind angefüllt mit Kranken und Sterbenden, niemand will sie mehr begraben; alles, was der Kaiser über seine Siege schreiben läßt, ist erlogen.«

Seitdem folgte eine Botschaft der andern, von einer endlosen Heerreise in Wüsteneien, von Siegen, die so mörderisch waren wie Niederlagen, von Hunger, Elend und Untergang. Die Kunde klang zuerst undeutlich aus der Ferne wie Weheschrei eines Nachtvogels. Aber als der Wintersturm über die kahlen Felder fegte und die letzten Blätter von den Bäumen riß, wurde der Schicksalsruf lauter und lauter, bis er wie Posaunenschall in die Ohren drang. Mancher wackere Städter, der während des Sommers gedrückt seines Weges gegangen war, hob jetzt trotzig das Haupt, und die, welche einst bei der Freikompanie gewesen waren, griffen nach dem Gewehr, das lange verstäubt im Winkel gestanden, und prüften die Schlagfeder. Die Zeit war nicht danach, daß sich die Leute ohne Not neue Ware kauften, aber Schuster Schilling hatte große Kundschaft, und seine Werkstatt wurde der Unterhaltung wegen von vielen besucht, denn er hatte zuerst alles vorausgesagt. Eine Freude, wilde, grimmige Freude, wie die Leute niemals gefühlt, brach in Gebärde und Worten heraus. Als Beblow erfuhr, daß die Flucht der Franzosen begonnen, stieß er seinen Stahl dem gefällten Rinde bis an den Griff in den Leib, sprang in den Laden und fiel seiner Frau vor allen Leuten um den Hals; wo Bekannte zusammenstießen, schüttelten sie einander die Hände, lachten und weinten in einem Atem.

Draußen heulte der Wind, kalter Regen wandelte den gefallenen Schnee in mißfarbigen Schlamm und machte das Verweilen auf der Straße unbehaglich. Die Bürger saßen mit ihren Hausgenossen nahe am Ofen. Doch so oft draußen ein Karren rasselte, wenn der Sturm Dachziegel herunter warf oder ein starker Tritt auf dem Pflaster erklang, liefen die Leute an die Fenster; um jeden Wagen, um jeden Reiter, der mit seinem Pferde anhielt, sammelte sich im Augenblick ein neugieriger Haufe, dann gab es kurze Zeit ein Gewühl, niemand wußte warum, bis jung und alt sich wieder in den Häusern verlor. Als der Einnehmer in sein Amtslokal ging, fand er vor der Posthalterei einen gedrängten Haufen; da dies nicht die Stunde war, wo die ordentliche Post erschien, und da Herr Köhler jeder Sache auf den Grund ging, so trat er näher und schritt durch den Kreis, welcher einen Schlitten umgab. In dem Schlitten saßen zwei Männer, in große Pelze gehüllt. Der Posthalter kam eilig heraus und reichte dem Postillion Papiere, und als der Einnehmer ihn fragend ansah, sagte er leise: »Es ist ein französischer Herzog, durch Staffette angekündigt, er hat's eilig, weiterzukommen.« Da stellte sich Herr Köhler zurecht, um diesen Herzog zu betrachten. Von den beiden Männern saß der größere aufrecht und blickte finster um sich. »Du bist der Herzog nicht,« sagte sich der Beobachter, »dann also der andere.« Der Kleinere saß müde zurückgelehnt in seinem Pelze verborgen.

Endlich gelang es dem Einnehmer, bei einer ungeduldigen Bewegung des Verhüllten den Kopf zu sehen; er erkannte in dem trüben Tageslicht ein fahles, gelbliches Angesicht und fing einen harten Blick aus stechenden Augen auf, so daß er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Der Postillion schwang sich auf seinen Sitz und hob die Lederpeitsche, da griff Herr Köhler entschlossen in seine Brusttasche, zog den Hut, trat mit tiefer Verneigung an den Schlitten und legte etwas auf die Decke. Die Peitsche knallte, und der Einnehmer schritt, immer noch mit entblößtem Haupt, nach rückwärts, während die Pferde anzogen; dann setzte er seinen Hut gemütlich auf und schritt zu seinen Tabellen. Als er zur Mittagsstunde mit dem Doktor über den Markt kam, trat der Bürgermeister zu ihm. »Dies Buch ist auf der Gasse gefunden worden, der Ratsdiener sagt, daß Sie es dem Fremden heut früh überreicht haben.«

»Ha, in der Tat!« rief Herr Köhler, und betrachtete mitleidig den Band, welcher durch den Schlamm des Weges traurig verdorben war, »es ist das meinige. Ich will Ihnen sagen, wie die Sache zusammenhängt. Dieser Fremde, der heut morgen als Flüchtling hier durchkam, war der Kaiser Napoleon. Ich wollte ihm etwas Lektüre auf den Weg geben, aber der undankbare Kerl versteht Gutes nicht zu schätzen«, und er wies das Buch; es war von seinem Lieblingsdichter und hatte den Titel: Katzenbergers Badereise.

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