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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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7. Die Begegnung

Wie siehst du jetzt im Frieden aus, liebe alte Stadt? Als der Friede verkündet war, hat man am Sonntage darauf mit drei Glocken zur Kirche geläutet, statt mit zweien; und der Pastor hat von der Kanzel den Herrn um Kraft gebeten, auf daß die Stadt den Frieden ertrage. In deinem Aussehen ist wenig geändert, die Mauern hat niemand gebrochen, und die armen Zunftgenossen, die mit dem Säbel an den Toren standen, sind auch nicht erschossen worden, nur ein bayrischer Soldat hat beim Hinausreiten einen von der Wache aus Rachsucht übel geschlagen, weil ihm das Getränk der Stadt mißfiel. Straßen und Häuser stehen wie sonst, und die Menschen unterhalten sich und mühen sich, sind unzufrieden und hoffen auf eine bessere Zukunft wie immer. Und wenn sie im Wirtshause beieinander sitzen, so fragen sie, ob das wirklich eine Zeit des Friedens sei, in der sie leben. In den Festungen liegen die Franzosen wie in der letzten Zeit des Krieges, französische Generäle regieren in der Hauptstadt, französische Kommandos durchziehen das Land, holen das Vieh aus den Ställen und die Brotfrucht vom Boden, nur daß sie die Gänse und Hühner auf dem Hofe verschonen. Das Zahlen, Liefern und Steuern hat sich im Kriege so eingebürgert, daß man die Gewohnheit im Frieden nicht loswerden kann. Ja, die Last wird ärger, denn neben den Feinden fordert jetzt auch die eigene Regierung. Wo aber sind unsere einquartierten Soldaten geblieben, wo schultert der Posten, der sonst vor der Hauptwache auf und nieder schritt, und wo sitzen die Offiziere vom runden Tisch der Weinstube? Alles verschwunden, die Kompanie ist aufgelöst, die Leute haben sich verlaufen, denn der Staat ist sehr klein geworden und soll sich den Luxus eines großen Heeres nicht machen. Nur der Hauptmann ist wieder da und wohnt beim Fleischer Beblow wie sonst, aber in der Dachstube. Er ist auf Halbsold gesetzt, trägt auch nicht mehr seinen blauen Rock, sondern geht wie andere in einem alten, verschossenen Zivilkleide, noch finsterer und mürrischer als sonst, und seine kleine Schwester näht und kocht für ihn und arbeitet zuweilen bis in die Nacht, damit sie ihm mit einem Paket Tabak Freude machen kann; sie bittet und drängt ihn, bis er sich entschließt, des Nachmittags mit ihr auf dem Stadtwall spazierenzugehen, denn ihm selbst ist widerwärtig, daß die Leute ihn in seinem Zustande ansehen. Auch Schuster Schilling ist da, aber die gegenwärtige Konjunktion vermag ihn durchaus nicht zu befriedigen, denn für seine neuen Stiefel findet sich kein rechter Absatz; mancher, der früher Schuhwerk trug, hat die Laune, jetzt barfuß durch die Welt zu gehen. Hutzel steht wieder an seiner Tür, immer noch mißtrauisch; er hat an drei Orten eingegraben und noch nicht alles hervorgeholt, und ißt mit seiner Familie aus Blechlöffeln, weil er sich die bittere Sorge, noch einmal zu verstecken, nicht machen will. Vollends in der Weinstube ist eine Änderung bemerkbar; der ganze erste Tisch und der Tabakskasten sind verschwunden, der Stadtdirektor, ein gedrückter Mann, sitzt jetzt bei den anderen Offizianten, und wenn der Kammerherr einmal vom Gute hereinkommt, so nimmt er seinen Platz neben dem Einnehmer. Nur Herr Köhler ist bis auf seinen Tituskopf ganz der alte, wohlhäbig und schlau; wenn er über den Lauf der Welt gespöttelt hat, zieht er sich daheim unter seine Dichter zurück, auch am Bilde des Alten Fritz hängt noch der Trauerflor. Und wenn er auf dem Stadtwall den Buskows begegnet, so bewegt er seinen Hut mit einer Miene, die ihm niemand nachmachen kann. Denn die untere Hälfte seines Gesichtes weist einen finstern Trotz wegen des Storches, und aus den Augen lacht die Befriedigung wegen seiner Verschwörung mit der Sylphe.

Heut aber hat er sein Zimmer festlich geschmückt, er hat selbst in einem Garten der Vorstadt den großen Blumenstrauß geholt und auf den Tisch vor dem Sofa gestellt, und in seiner Küche wird eine Kalbskeule am Spieß gedreht, denn sein Liebling, der Doktor, ist wiedergekommen und zum ersten Male sein Gast.

Der Winter war vergangen und der Sommer in das Land gezogen, bevor der Doktor aus der Grafschaft nach der Stadt zurückkehrte. Er hatte seine Kranken nicht verlassen wollen und er wußte, daß sein Vetter ihn daheim zur Zufriedenheit der Leute vertrat. Als er jetzt seinem Freunde gegenüberstand, hielt ihm dieser einen gefüllten Becher entgegen.

»Auf solchen Willkommen habe ich mich lange gefreut«, begrüßte ihn Herr Köhler. »Wenn wir alle in diesem Jahre zerstoßen, verärgert und zurückgekommen sind, Ihnen hat der Krieg wohlgetan, denn Sie stehen anders vor mir als damals, wo Sie gingen. In Ihnen ist Lebensmut und stolze Sicherheit. Natürlich, wenn wir krank sind, wird der Arzt unser Herr. Nun, ich denke, dies Herrengefühl werden Sie unter uns nicht verlieren, denn wir sind jetzt alle arme Patienten, die nach guten Ärzten seufzen. Heut aber nichts von ärgerlichen Dingen, sondern, wie Nestor zur betränten Hekuba sagt: Trink ihn aus, den Trank der Labe, und vergiß den großen Schmerz.«

Als beide in Behagen beieinander saßen, begann der Einnehmer: »Sie bleiben doch jetzt bei uns, und mit leichterem Herzen?« Er sah den Freund prüfend an.

»Ich nehme meine Praxis wieder auf«, antwortete dieser, dem fragenden Blick ausweichend. »Meinen Vetter behalte ich hier, bis sich ihm irgendwo Aussicht auf erfolgreiche Tätigkeit bietet.«

»Hm!« sagte der Einnehmer, »das bedeutet wohl, er soll ins Feld, sobald es wieder losgeht?«

»Er oder ich«, entgegnete der Doktor. Er hob ein Buch, welches aufgesperrt neben ihm lag, und las: »Reden an die deutsche Nation. – Der große Mann erhebt darin strenge Anklage gegen die Selbstsucht und Genußsucht des lebenden Geschlechtes, aber die Ermahnung zur Buße und Einkehr in uns selbst kam den Deutschen zur rechten Stunde.«

»Der Selbstpeinigung wegen lassen wohl auch Sie Ihre Pfeife im Winkel stehen?« fragte der Einnehmer und faltete die Hände: »Ich bekenne die Selbstsucht und Genußsucht meines Jahrhunderts, auch meine eigene. Ich habe seither, wenn der Winter dem Transport günstig war, zwei- bis dreimal ein Dutzend Austern gegessen; waren die Austern nicht frisch, so wurden sie von der Weinwirtin gebraten, das versteht die Frau. Ich bekenne auch die Sünde, daß ich zuweilen ein Glas Ausbruch getrunken habe, und ebenso hatte ich die Selbstsucht, grob zu werden, wenn ein andrer meinen Zaun ungebührlich benutzte. Von solcher Versunkenheit heilt uns der große Napoleon gründlicher, als Ihr Professor. Die Austern finden nicht mehr den Weg hierher, und unsere Zäune sind vom Feinde eingerissen und als Brennholz verbraucht. Wenn es jemandem schlecht geht, so kommen die Pastoren mit und ohne Bäffchen und rufen Zeter über die Sündhaftigkeit. Ich denke, bei uns ist weniger schlechte Sitte, Üppigkeit und Selbstsucht, als bei den Franzosen, welche so siegreich über uns triumphieren. Mich kränkt's, daß man jetzt überall die Menschen anklagt und nicht die Verhältnisse, unter denen sie zu leben gezwungen waren. Dennoch muß ich ernstlich darauf bestehen, daß Sie sich diesen Wein mit Genußliebe gefallen lassen, denn ich habe in Hoffnung auf diese Stunde der Versuchung widerstanden, die Flasche allein auszutrinken.«

Der Doktor hatte in den ersten Tagen viel auf die Grüße und freundlichen Anreden der Bürger zu antworten. Er erkannte, daß er der Stadt wert geworden, und begann aufs neue seine Tätigkeit in der frohen Empfindung, daß er hier in Wahrheit heimisch war. Unter den ersten Kranken, welche seine Hilfe begehrten, war auch der Hauptmann auf Halbsold. Der Doktor stieg zwei enge Treppen hinauf in eine Dachwohnung; dort fand er den Hauptmann verfallen und mürrisch in seinem Bett, davor das kleine Fräulein, mit einer Arbeit beschäftigt. Es war keine tödliche Krankheit, nur die Nachwirkung der früheren Strapazen, und befördert, wie der Arzt argwöhnte, durch schmale Kost, denn in Kammer und Stube sah es dürftig aus. Ein kleines altes Sofa, mit geblümtem Baumwollstoff überzogen, war von Sonne und Luft so gebleicht, daß man die ursprüngliche Farbe nur an viereckigen Stücken erkannte, welche an einer geschützten Stelle ausgeschnitten und von vorn eingesetzt waren. Über dem Sofa hing das Pastellbild eines älteren Offiziers, wahrscheinlich des verstorbenen Vaters. Der Doktor ließ sich, um zu verschreiben, von der Schwester in ihr kleines Hinterstübchen führen, lobte die Aussicht, welche hinter den Dächern der Nachbarhäuser den Stadtwald und die blauen Berge wies, tröstete die Besorgte und freute sich über die ruhige Sicherheit, mit welcher die kleine Dame sich in ihren Wänden bewegte, und daß, bei aller Einfachheit, der Raum so sauber und wohnlich war. Als er herunterkam, winkte ihn die Hauswirtin in ihre Stube. »Es geht knapp dort oben zu,« sagte sie vertraulich, »und die Schwester näht bis in die Nacht, wenn sie Arbeit findet. Du lieber Gott, wer hat jetzt Geld, um andere nähen zu lassen? Ich habe es übernommen, ihr Arbeit zu verschaffen; wenn Sie unter Ihren Bekannten jemanden wüßten; das Wartegeld des Bruders reicht ja nicht viel weiter als zur Miete, die aber bezahlt er jeden ersten. Sie glauben gar nicht, wie tätig unser Fräulein ist; sie hat immer noch Hilfe für andere übrig, und man hört sie niemals klagen.«

Seitdem wurde der Doktor ein regelmäßiger Besucher der Geschwister; die aufrichtige Hochachtung, welche er der Schwester bewies, tat auch dem Bruder wohl, und er wurde bald nicht mehr mit mürrischem Argwohn betrachtet. Einst vernahm er schon auf der Treppe Musik, und als auf sein Klopfen nicht geantwortet wurde, trat er endlich ein. Der Hauptmann saß im Bett und spielte leise auf einer alten Geige, Minchen aber stand daneben vor ihrem Notenpult und blies die Flöte. Da der Doktor vor Jahren sich auf demselben Instrument geübt hatte, so verstand er, daß sie mit Fertigkeit und mit gutem Ansatz zu blasen wußte. Errötend legte sie die Flöte weg; da aber der Arzt sie beim Abschiede an der Treppe bat, ihrer Gesundheit wegen das eifrige Blasen zu meiden, winkte sie ihn wieder in ihre Stube und sagte vergnügt: »Wundern Sie sich nicht darüber; ich habe die Flöte, als der selige Vater noch lebte, bei der Kompanie gelernt, und sie greift mir die Brust gar nicht an. Weil der Bruder oft bekümmert ist über seine Untätigkeit und über unsere beschränkte Lage, so haben wir uns ausgedacht, wenn er erst wieder gesund ist, wollen wir miteinander auf Reisen gehen und kleine Konzerte geben; wir nehmen einen fremden Namen an, und wenn wir etwas erworben haben, kommen wir wieder hierher zurück. Es fehlt uns nur manchmal an Noten, die ich für mich abschreiben könnte.«

»Was ich selbst besitze, steht Ihnen zu Diensten.« Das war dem Fräulein lieb, und ein Austausch wurde beschlossen.

Da der Doktor von jenem Besuche des Fräuleins bei dem Einnehmer gehört hatte, so vertraute er dem Freunde an, was er jetzt vernommen. »Das Auswandern sieht ihr ähnlich,« antwortete dieser trocken, »das kommt von den Reisebeschreibungen; mich wundert nur, daß sie nicht die Pickelflöte bläst.«

Aber er ging am nächsten Tage zum Kaufmann, erstand ein Schock feine Leinwand und gebot der Haushälterin, diese mit einer Probe seiner Wäsche zu Frau Beblow zu tragen.

Dasselbe wiederholte sich mehrere Male, bis endlich die Haushälterin bei einer neuen Bestellung Einwände erhob: »Aber Herr Einnehmer, der ganze Schrank ist ja voll Wäsche; es ist mehr Vorrat von Bettzeug, Tischzeug und Leibwäsche, als Sie in Ihrem Leben gebrauchen können, und die neue Wäsche liegt ganz unbenutzt.«

»Das versteht Sie nicht,« bedeutete Herr Köhler unwillig, »ich gedenke steinalt zu werden. Kennt Sie die Geschichte von den sieben fetten und magern Kühen des Pharao?« Die Haushälterin wußte von den sieben Kühen und von den sieben Ähren. »Lese Sie den Vorfall aufs neue durch!« befahl der Herr. »Ein vorsichtiger Wirt muß beizeiten einschaffen. In kurzem kommen die mageren Jahre, wo alle unsere Weber gegen die Franzosen marschieren müssen. Dann wird alle Leinwand aufhören.«

 

In der Geißblattlaube des Pfarrgartens saßen Henriette und Bärbel, die Schulzentochter. Auf dem Tisch vor ihnen lag ein kleiner Berg grüner Bohnen, Bärbel hatte, um während ihres Besuches nicht müßig zu sitzen, ein Messer genommen, und schnitt in die Schüssel, welche sie im Schoße hielt. Auch für die Unterhaltung sorgte die junge Frau fast ganz allein, denn Henriette saß schweigsam, und die Hand sank ihr zuweilen herab. Sie mochten wohl an Trauriges gedacht haben; Bärbel fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Augen, als sie sagte: »Mir gruselt's, wenn ich bei der Scheune vorbeigehe. Und dann die Verwüstung bei euch, die Schafherde kann ich gar nicht vergessen. Dieses Unglück haben wir nicht gehabt, denn wie die schlechten Nachrichten kamen, sagte mein Karl zu mir: ›Bärbel,‹ sagte er, ›als der Vater auf dem Totenbette lag und schon fast ganz hinüber war, richtete er sich noch einmal auf und sprach: Karl, wenn Krieg wird, schlachte zuerst die Schafe!‹ Diese letzten Worte des Alten haben wir befolgt; was wir nicht sogleich verkaufen konnten, haben wir geräuchert, und meiner hat es auf unserem Heuboden unter alten Brettern versteckt. Dort hat es niemand gefunden, nur daß wir selbst unser Vieh aufessen mußten. Aber so geht's im Kriege. – Das beste ist noch, daß sie eure silberne Kelle nicht fortgetragen haben, denn diese ist ein schönes Stück und gebührt dir zu deiner Ausstattung.«

Henriette machte eine abwehrende Bewegung.

»Du bist heut wieder traurig,« sagte Bärbel, »willst du allein sein? Ich komme ein andermal.«

»O bleibe,« bat Henriette; »ich kann mit dir über das Vergangene besser reden, als mit Vater und Mutter.«

Bärbel setzte sich wieder fest und schlug die Arme übereinander. »So rede,« sagte sie, »denn aus dem stillen Kummer kommt nichts Gutes heraus. Das Hauptsächlichste bei der ganzen Geschichte ist: Welchen willst du haben?«

»Wie kannst du so fragen!«

»Das versteht sich,« antwortete die Freundin, »wenn ich an einer Wegzwiesel stehe, so muß ich doch wissen, ob rechts oder links, und ein Mädchen muß auch darauf denken, welcher Ehemann sich für sie schickt. Als ich meinem Karl gut wurde, stürte er mit seinen Augen noch unter allen Mädchen herum, ich aber winkte ihm mit dem Ellenbogen, wie man so sagt, und ich bekam ihn. Du hast ihrer zwei. Sind sie dir beide recht, jeder in seiner Art, so warte ruhig ab und gräme dich nicht um sie.« Henriette schüttelte mit dem Kopf. »Ist aber einer unter ihnen, den du gern hättest, und ein anderer, den du gar nicht magst, so rede: Welchen willst du?«

Da sah Henriette nach der Gartenbank zur Seite, wo sie einst mit dem Besuch gesessen hatte, und sagte leise: »Den Doktor.«

»Er hat mir gut gefallen,« versetzte Bärbel, mit dem Kopf nickend, »er ist auch jetzt bei Wege, denn, wie man hört, fährt er wieder in die Dörfer. Der andere aber soll auch ein schöner Mann sein und dabei sehr martialisch.«

»Er ist mein Retter, Bärbel, aber er war mir fürchterlich. Er weiß wohl, daß ich den Finger krumm bog, als er den Ring daran stecken wollte.«

»Wenn du unsern Hiesigen haben willst und den Fremden nicht,« fuhr Bärbel mit unerbittlicher Logik fort, »so muß zuerst der Hiesige das merken. Ist er dir gut, wie du ihm, so kannst du auch Vertrauen zu ihm haben, und er kann dir raten, wie du den andern los wirst, da der Herr Senior das nicht vermag. Mein Karl,« setzte sie stolz hinzu, »würde den andern durchwamsen, wenn dieser auch noch so sehr mit seinem Säbel herumflunkerte. Doch das geht bei euch nicht.«

Henriette stand schnell auf und rief entsetzt: »Denke an das Blut, das bei der Scheune vergossen wurde.« Auch die Freundin schwieg eine Weile, aber sie ließ sich nicht beirren: »Der Doktor ist ein gesetzter Mann und weiß in der Welt Bescheid. Er würde wohl einen Weg finden.«

»Er ging bei mir vorüber,« klagte Henriette, »und sprach kein Wort zu mir; die Soldatenbraut war ihm verleidet. Meine gequälte Seele sehnte sich danach, ihm alles zu sagen; er aber grüßte so fremd und hart, daß mir fast das Herz brach.«

»Ihm war der Kopf dick, da der Herr Senior ihm gerade vorgeklagt hatte. Die Männer haben auch ihre Eifersucht, dann sind sie unvernünftig. Du aber mußt wissen, ob er dir noch gut ist, dadurch wirst du einen bessern Mut gewinnen, und du wirst dein Schicksal nicht mehr so allein herumtragen.«

»Du bist eine treue Freundin«, sagte Henriette, dankbar auf Bärbel sehend.

»Das ist schon recht,« bestätigte diese, »aber ich bin kein Mann. Komm, die Bohnen werden welk.« Und sie ergriff wieder das Messer.

Während der Arbeit überlegte Bärbel, wie sie selbst an den Doktor kommen könne. Denn ihr war deutlich, daß das Pfarrkind niemals den Mut haben werde, ihn anzustoßen. Auch für sie war die Sache schwer. Der Doktor wohnte fünf Meilen entfernt in anderem Kreise, Gelegenheit dorthin war selten, und hinzufahren ging während der Ernte vollends nicht an. Im Briefschreiben war sie immer tüchtig gewesen, aber solche Geschichten konnte man doch in keinen Brief setzen. Sie sann also über jedes Wort, das sie damals von dem Gaste vernommen. Endlich fiel ihr ein, daß dieser studierte Mann eine törichte Grille in seinem Kopfe hatte, diese wollte sie am Flügel fassen.

Sie bog deshalb bei der Heimkehr vom Wege ab nach der Hütte des alten Christian. Sie fand den Schäfer, der seit dem Verlust seiner Herde trübsinnig geworden war, allein in seiner Stube, wie er an einem Vogelbauer schnitzte. »Schäfer, ich habe vor dem Kriege gesehen, daß der Herr Senior in der Schublade allerlei Steine hielt, die man Feuersteine nennt. Diese habt Ihr doch Eurem Herrn aus der Erde geholt?«

»Das ist wohl möglich«, antwortete Christian vorsichtig.

»Könnt Ihr auch mir einen solchen Stein schaffen?«

»Wozu wollt Ihr ihn gebrauchen, junge Frau?« fragte der Alte.

»Er soll nicht für uns, nur für einen Bekannten. Sie sagen, wenn man so etwas unter das Kopfkissen legt, dann erinnert man sich an allerlei, was man vergessen hat.«

»Das ist nicht wahr, solche Kraft ist nicht darin«, versetzte der Schäfer, der selbst praktizierte und nicht leiden konnte, daß andere mehr wußten als er.

»Mein Bekannter macht einmal großes Wesen von diesen Steinen, und da will ich ihm behilflich sein; habt Ihr also davon, so gebt her.«

Der Schäfer brachte einen ziemlich großen Stein hervor. »Er hat sogar ein Loch, und ich will ihn mir selbst aufbewahren«, sagte er, um ihn nicht umsonst hinzugeben. Aber Bärbel ließ sich die Ware nicht verteuern und nahm ihm den Stein aus der Hand. »Ach was, an dem grauen Ding ist Euch auch nichts gelegen,« versetzte sie; »wenn wir im Herbst schlachten, bringe ich Euch etwas Besseres dagegen.« Und sie trug den Stein in ihrem Korbe nach Hause. Unterwegs wurde ihr auch der Umweg deutlich, auf dem sie das Geschenk in die Hände des Doktors spielen wollte. In dem Marktflecken, der auf halbem Wege zur Kreisstadt lag, war ihre Gespielin Liesel an den Ackerwirt Krause verheiratet, und in dem Flecken hatte der Arzt zuweilen zu tun.

So geschah es; Bärbel winkte dem Liesel und dieses rührte mit dem Ellenbogen den Doktor an. Denn als kurz darauf sein Wagen vor dem Wirtshause des Fleckens hielt, schickte die Wirtin eilends einen barfüßigen Jungen zu Krauses. Und nicht lange darauf kam Liesel heran und fragte schüchtern, ob der Herr sich noch auf sie und ihre Gespielin erinnere, die einmal mit ihm in der Pfarre zusammengewesen waren.

Wie gut erinnerte sich der Doktor daran! Als die junge Frau bemerkte, daß ihm die Begegnung etwas Großes war, fühlte sie sogleich ihre Überlegenheit, zog den Stein dreist aus der Tasche und log, er sei vom Bärbel gefunden, und diese hätte gemeint, da der Herr sich aus den Steinen etwas mache und schon die andern habe, so müßte er diesen auch erhalten. »Da ich dies gesagt hatte,« erzählte nachher Liesel ihrer Gespielin, »so tat ich, als wollte ich gehen; denn, dachte ich, er muß anfangen, wenn er jetzt wie ein Stock steht, so liegt ihm nichts an dem Jettchen. Er aber wurde Feuer über und über und fragte mich nach allem in der Pfarre aus, so daß ich zuletzt wie dumm sagte: ›Sie sollten einmal wieder hin; es würden sich gewiß alle freuen.‹ Da schüttelte er mit dem Kopf, ich aber tat, als hätte ich's nicht gesehen, und redete herzhaft weiter: ›Denen in der Pfarre sind auch die Franzosen verleidet worden.‹ Darauf sah er mich groß an und fragte: ›Auch dem Fräulein Henriette?‹ ›Der am meisten,‹ antwortete ich, ›das ist doch natürlich.‹ Mehr war nicht zu reden, denn die Wirtin stand in der Nähe, und ich wandte mich nur noch zu der Wirtin, gar nicht zu ihm, und sagte: ›Wenn die Bellerwitzin mit der großen Kutsche vorbeifährt, so sagen Sie doch dem Bedienten, die Frau Krause ließe Mamsell Henriette schön grüßen, denn das Pfarrfräulein kommt in der nächsten Woche für einige Zeit zu Besuch auf das Schloß.‹ Da wußte er's,« setzte Liesel stolz hinzu, »und es ging ihm im Kopfe herum.«

»Du warst immer die Schlaue«, sagte Bärbel bewundernd. Und als sie gleich am nächsten Tage nach der Pfarre kam, erzählte sie ihrer Freundin: »Am gestrigen Sonntage war die Gespielin mit ihrem Manne bei uns, sie wäre gern herübergekommen, nur ging es nicht, wegen ihres Kleinen, den sie mithatte; ist das ein dicker Junge! – Denke dir, sie hat neulich im Wirtshause den Doktor getroffen, der hat sich nach allem bei euch erkundigt, und am meisten nach dir, und er wurde dabei ganz feurig und rot, so daß die Gespielin sagte: Du kannst glauben, er ist ihr gut.«

Henriette antwortete nicht, sie stand mit gesenktem Haupt und ihre Hände zerpflückten die Astern, welche sie dem Bärbel mitgeben wollte, sie sprach auch später kein Wort von dem Doktor, aber sie erzählte von vielem anderen und bestand darauf, die Freundin ein Stück zu begleiten.

Als sie zwischen den Getreidefeldern heimkehrte, lief die Wachtel im Korn neben ihr dahin und ließ ihren Ruf erschallen. Lange hatte die Jungfrau der Hoffnung entsagt und in herber Trauer tröstende Stimmen, die leise an ihr Ohr klangen, weggescheucht; heut hörte sie auf die Sängerin, welche sich immer verbirgt und aus dem Versteck Günstiges kündet.

In der Nähe des Hofes empfing sie den artigen Gruß des Landrats, welcher gerade aus dem Tore fuhr. Daheim waren die Eltern in lebhaftem Gespräch und heiterer, als sie seit langer Zeit gewesen waren. »Denke dir,« rief der Vater, auf einige große Geldrollen weisend, »unverhofft ist das Glück bei uns eingekehrt. Vor einigen Wochen war ich aufgefordert worden, die Verluste, welche wir in der Kriegszeit erlitten haben, zu berechnen. Es war keine geringe Summe, das viele Vieh und der Schüttboden. Ich erstaunte selbst darüber und dachte, zurückerhalten werden wir in dieser eisernen Zeit doch nichts. Heut legt der Landrat die ganze Summe auf den Tisch und sagt, von der französischen Generalität sei der Befehl ergangen, mir den Betrag auszuzahlen. Auch sei ihm mitgeteilt, daß die französischen Kommandos, welche aus den Festungen geschickt werden, um von den Kreisen Proviant einzutreiben, vom Pfarrhofe nichts mehr zu beziehen hätten, und wir sollen fortan von allen Leistungen frei sein.«

Henriette schwieg.

»Die Schulzenfrau hat eine gute Milchkuh zu verkaufen«, sagte hoffnungsvoll die Mutter.

»Und Christian erhält seine Schafherde zurück«, ergänzte der Senior.

Die rosige Farbe, welche die Tochter auf den Wangen heimgebracht, war erblichen, als sie fragte: »Erhalten auch alle anderen ebenso wie wir in Gelde zurück, was ihnen geraubt ist?« Der Senior sah seine Tochter betroffen an. »Das wohl nicht; der Landrat meinte, es sei eine besondere Gunst.« »Und weshalb wird uns gewährt, was andern versagt bleibt?« fragte die Tochter wieder.

»Das sagte der Landrat nicht«, antwortete der Alte, erschreckt durch das Aussehen seines Kindes. »Er wünschte nur lächelnd Glück zu der einflußreichen Verwendung.«

»Der Kapitän hat es bewirkt,« entschied die Mutter, »ich dachte mir längst, er würde einmal von sich hören lassen.«

Henriette faltete die Hände und starrte vor sich hin. Zu der alten Fessel ein neuer Ring und zu dem alten Jammer neuer Streit! »Was ist dir, meine Tochter?« fragte der Vater.

»Sie regt sich wieder auf, weil von dem Kapitän die Rede ist«, sagte die Mutter unzufrieden.

»Mein Vater, warum hast du dies Geld genommen? Aus den Beuteln unserer Nachbarn haben es die Franzosen erpreßt, um dir ein Geschenk zu machen, und wenn wir befreit bleiben, müssen unsere Nachbarn den Fremden mehr zinsen als seither. An diesen Rollen hängt ein Fluch, die Seufzer und Tränen von Hunderten.«

»Du übertreibst!« sagte der Senior unsicher; »und doch ist dein Einwand nicht unbegründet. Aber im Vergleich zum Ganzen ist dieser Betrag so unbedeutend, daß die Landsleute den Verlust in ihrem Beutel kaum bemerken werden.« Und die Mutter erinnerte: »Dafür haben wir auch mehr gelitten und verloren als andere.«

»Und wäre unser Schaden zehnmal und hundertmal größer, so müßte uns der Gedanke doch bedrücken, daß wir besser und anders gehalten werden als unsere Nachbarn. Vater, wenn du mich liebst, so flehe ich: Gib das Geld zurück.«

»Wem?« fragte der Senior. »Wenn ich die angebotene Gunst zurückweise, so muß solche Weigerung uns übel ausgelegt werden und wir haben bei Gelegenheit neue Quälerei zu erwarten; das Geld aber werden die Franzosen vergnügt selbst behalten, dem Kreise wird es doch nicht zugute kommen. Ich habe es angenommen und quittiert und kann dem Landrat nicht sagen: Es tut mir leid.«

»So verbirg die Rollen in der dunkelsten Ecke und wahre dich, lieber Vater, daß du sie nicht öffnest in Mangel und Not, denn wisse, jeder Groschen davon wird einst von dir zurückgefordert werden.«

»Durch wen?« fragte der Senior erstaunt.

»Durch deine Tochter,« rief Henriette außer sich; »diese Rollen gehören zu dem Kaufpreis, den ein Fremder dafür zahlt, daß er mich wie eine Gefangene am goldenen Ringe hinter sich herziehen darf. Übergroß ist ohnedies die Verpflichtung, die wir gegen ihn haben, und mit ihrem Lebensglück bezahlt dein Kind unsere Rettung aus der Gefahr. Nimm nicht neue Gunst und Geschenke, wir tragen schon schwer genug an den alten.«

Der Vater hob die Geldrollen vom Tisch und verschloß sie in seinem Schrank. »Ich tue, wie du willst, mein Kind. Täglich bete ich, daß die Unsicherheit aufhören möge, die ein Brautstand ohne Bräutigam uns bereitet, und bei jeder Nachricht von Siegen des Kaisers hoffe ich, daß der Mann wieder für uns erreichbar wird, welcher bei der Entscheidung nötig ist.«

»Ich hoffe nicht mehr«, sprach Henriette vor sich hin.

Es war kein Zufall, daß in der nächsten Woche der Wagen des Doktors beim Hause des Kammerherrn vorfuhr. Der Gast wurde in der Besuchstube von der gnädigen Frau empfangen, nachdem sie noch mit einem schnellen Blick in den Spiegel ihre Toilette geordnet hatte. Denn der Doktor war bei ihr in besondere Gunst gekommen, zuerst vielleicht, weil er gute Formen hatte und doch im geheimen ein Sansculotte war; bald aber, weil sie ein ehrliches Zutrauen zu seinem Gemüt gewann und zu seinem Geschick, auf ihre Ideen einzugehen. Denn die gnädige Frau war nicht die vornehmste Dame im Kreise, aber die rührigste. Sie war in der Residenz einigemal von der Königin besonders beachtet worden und galt dafür, der hohen Frau ähnlich zu sein, nur daß ihr Näschen etwas spitzer war. Sie trug sich deshalb gern wie ihr Vorbild: Lockenhaar, einen kleinen Schleier um den Hals. In der Tat hatte sie einen weiteren Gesichtskreis als andere Frauen in der Nähe, sie wußte sich etwas damit, daß eine ihrer Cousinen am Hofe von Weimar war, und sprach begeistert über Poesie und über das Ideale; sie war besonders zuvorkommend gegen Bürgerliche, und immer voran, wo es galt, Vornehme zu begrüßen, Feste zu feiern und den Armen Strümpfe zu stricken, zu denen die Schuhe fehlten. Von ihr und ihrem Gemahl war deshalb oft die Rede. Obwohl Spötter ihnen die Beflissenheit, mit der sie sich um alles kümmerten, zum Vorwurf machten, so waren sie doch im ganzen Kreise wohlbeleumdet und nicht unbeliebt.

»Willkommen aus Rübezahls Reich!« begrüßte die Dame den Doktor. »Heut halten wir den flüchtigen Gast fest; Sie sollen von Ihren Abenteuern erzählen. Ihr Graf fuhr auf der Durchreise bei uns vor und wir haben ihn auch nach Ihnen ausgefragt. Ein bedeutender Mann, leider so kränklich, und doch ist er nicht älter als der Kammerherr, kaum über vierzig, und war noch vor wenigen Jahren einer der elegantesten Tänzer bei den Françaisen am Hofe. Aber die Politik macht die Männer jetzt merkwürdig alt, und doch stand diese Karriere sonst überall in dem Ruf, daß sie am besten konserviere. – Und die furchtbaren Krankheiten, mit welchen Sie zu tun hatten, man hört davon Schauderhaftes. Ach, Doktor, und des Friedens kann man sich auch nicht freuen. Dennoch hoffe ich, daß die Männer jetzt mehr Zeit und Gemüt für uns Frauen übrig haben, denn seither war die Unterhaltung von einer traurigen Eintönigkeit: Pferdemangel und Kanonendonner, und man machte sich ein Gewissen daraus, einen Walzer zum Klavier zu tanzen. Sie finden meinen Mann nicht zu Hause, doch dürfen wir ihn jede Stunde erwarten, außerdem ist heut ein lieber Besuch bei mir, den Sie ja auch kennen, die Tochter des Seniors, sie hat den Beinamen ›die Franzosenbraut‹, aber sie ist scharmant, nur ernster als sonst, doch steht es ihr gut.«

So unterhielt die lebhafte Hausfrau, und dem Doktor war lieb, daß sie die Beschwerden allein trug, bis sie sich endlich entschloß, ihn in das Familienzimmer zu führen. Henriette saß neben den kleinen Töchtern vom Hause. Als der Gast eintrat, erhob sie sich langsam, ihn zu begrüßen. Sie hatte sich gemüht, ihr pochendes Herz zur Ruhe zu bringen, dennoch stand sie ihm bleich vor innerer Erregung gegenüber, und nicht anders erging es dem kräftigen Manne. Er fand mit Mühe die schicklichen Worte, sich nach den Eltern und dem Garten zu erkundigen. Sie antwortete ihm, nachdem die erste Befangenheit überwunden war, mit ruhiger Haltung, aber er fühlte heraus, daß sie sich Zwang antat. Die Kammerherrin lud hinaus in den Park. Beiden wurde im Freien und in der Bewegung unter den andern leichter zumute und doch empfanden sie, daß sie in dieser Stunde zueinander gehörten und wie lästig die gleichgültige Unterhaltung war, an der auch sie teilnehmen mußten. Endlich wurde die Hausfrau abgerufen und die beiden jungen Fräulein liefen nach dem Obstgarten voraus. Der Doktor und Henriette standen an der Landestelle des Schloßteiches, und vor ihnen war ein kleiner Kahn am Ufer befestigt. Da wies der Doktor mit einem bittenden Blick auf den Kahn, das Mädchen trat hinein und setzte sich schweigend nieder, er löste die Kette, ergriff das Ruder und fuhr so weit vom Ufer ab, daß das gesprochene Wort für fremde Ohren verklang. Während er das Fahrzeug vorwärts trieb, wagte er in leisen Worten von seiner Liebe zu reden und von seiner Trauer. Die Blätter der Seerosen auf dem Wasser hoben und senkten sich, als ob das Beben seiner Stimme auch sie errege.

So lange er sprach, blickte sie unverwandt auf den Finger ihrer Hand, an welchem der Ring mit dem Vergißmeinnicht fehlte. »Ich lag hilflos am Boden,« begann sie langsam, ohne ihn anzusehen, »gedemütigt, mißhandelt, da hat er mich befreit. Als er den Unhold zwang, zu entweichen, und als er wieder eintrat und mir zurief, daß der andere gefallen sei, da, der Herr verzeihe mir die Sünde, meinte ich die Schmach von mir genommen und mir war auf Augenblicke, als müßte ich fortan dem Manne folgen, der mich gerächt hatte. Zürnen Sie mir, verachten Sie mich, daß ich so fühlte, nicht wie eine Christin und ein ehrbares Mädchen soll, aber es war so, und ich darf die Wahrheit nicht bergen, am wenigsten Ihnen. Und wäre er davongeritten, wie er kam, als ein Fremder, so hätte ich ihm nachgesehen wie meinem Heiligen. Aber eine Demütigung hat er von mir genommen und eine andere hat er mir an den Finger gesteckt. Daß er mich in meiner Erniedrigung gleich einem Nichts behandelte, welches er sich erkaufen und aneignen könne durch ein unwahres Wort, darum empörte sich mein Gemüt wieder gegen ihn wie gegen die Missetäter, und ich vermochte ihm für seine schnelle Hilfe, die mich gerettet, nicht zu danken.«

Auch der Mann, welcher ihr gegenüber saß, starrte finster zur Seite auf die Wellenringe, welche über das Wasser zogen. Und er fragte tonlos: »So war Ihr Gefühl damals; wie wurde es später?«

»Wie es damals war, so ist es noch heut«, antwortete Henriette in derselben Weise. »Um meinetwillen hat er einen Menschen getötet, und daß ich noch unter andern mein Haupt erheben darf, verdanke ich ihm; dies sind feste Bande, ich vermag sie nicht zu lösen; weil aber seine Hand selbst die Kette um mich gelegt hat, mich anzuschließen an sein Geschick, zürne ich ihm noch heut wie damals, denn er hat damit zerstört, was in meinem Leben fröhlich war, unschuldig und glückverheißend.« Jetzt sah sie ihn an und er sie, und aus ihren Augen quollen die Tränen.

»Und wenn er wiederkommt und Ihre Hand für sich fordert?«

Ein finsterer Schatten flog über ihr Antlitz. »Ich würde ihm dasselbe sagen, was ich heut Ihnen sage: Seine Frau kann ich nicht werden, und einem andern darf ich nicht angehören, solange er sein Anrecht behaupten will.«

»Sie nennen es ein Recht des Fremden? Es war ein übermütiger Einfall, ein ruchloses Spiel! Wie kann solche Tat ihm ein Anrecht an Ihr Leben geben?«

»Zuerst war es ein wilder Einfall, mit der Zeit ist es ein Anspruch geworden. Schon das zweite Jahr trage ich die Last, mit jedem Tage sind die Bande fester geworden, welche mich an ihn schnüren, die Leute betrachten mich als seine Braut, die eigenen Eltern möchten gern das Furchtbare sich und mir verhüllen; der Vater vertraut, daß der Himmel alles ohne sein Zutun fügen werde, die Mutter hofft, daß der Fremde ihrem Kinde einmal Schützer und Versorger werden könne. Ich hatte in den ersten Tagen und Wochen niemanden, vor dem ich mein Elend hätte klagen können, damit er mir rate und mich befreie. Gab es damals einen, der mir in seinem Herzen freundlich gesinnt war, so fühlte auch dieser sich mir entfremdet und ging mit höflicher Kälte an mir vorüber.«

»Henriette!« schrie der Doktor entsetzt.

Sie aber zog ihr Tuch um sich und fuhr traurig fort: »In dieser langen Zeit bin ich ruhiger geworden. Die Fessel, die ich trage, wird schwerer, als sie vormals war, aber ich bin gewöhnt, sie zu tragen. In Harren und Leiden ist der Frohsinn untergegangen und die Hoffnung, die einst ein törichtes Mädchen hegte. Ich trage mein Teil still; andere tun es auch.«

»In jenen Monaten bat jemand, der Ihnen von Herzen ergeben ist und der gern sein Leben für Sie hingeben würde, durch Ihren Vater, daß Sie ihm Ihr Vertrauen gewähren.«

»Dem Mitgefühl des Arztes hatte ich nichts zu vertrauen,« antwortete Henriette stolz, »und einem Manne, an dessen Freundschaft ich gern dachte, sah ich bei der Begegnung an seinen Augen an, daß für ihn das Mädchen, welches die fremden Soldaten an sich gerissen hatten, nicht mehr denselben Wert hatte, wie das unschuldige Pfarrkind, das ihm die Kleeblätter pflückte.«

»Henriette!« rief der Mann wieder – »zu dem Leid, das ich trage, fügen Sie ein neues, wenn Sie mich so grausam verkennen. Da ich Sie zuerst sah, wurde ich Ihnen gut, wie ich noch keinem Weibe gewesen, es war in meinem einsamen Leben die erste Liebe, und ich war selig, wenn ich an Sie dachte und mich an Ihre Seite. Da kam die Erzählung des Vaters; aus seinen Worten klang vieles, was mir wie Grabgeläut meines stillen Wunsches erschien. Welches Recht hatte ich auf Ihre Neigung? Was wußte ich davon? Sie hatten sich mir herzlich zugeneigt in froher Stunde, aber zweifelnd fragte ich mich, welchen Wert meine Liebe für Sie haben könne; und die Antwort, die ich mir selbst gab, war: daß ich noch wenig für Ihr Herz bedeuten konnte. Als ich von dem letzten Besuch nach Hause kam, habe ich mit dem Gedanken gerungen, ob ich es wagen dürfe, Ihnen zu schreiben und Sie von meiner Leidenschaft zu unterhalten. Ich war mutlos, Henriette, denn nicht ich hatte Sie an dem Schurken gerächt. Seitdem erst habe ich selbst erkannt, wie heiß und stark das Gefühl ist, das ich in mir herumtrage. Lassen Sie sich gefallen, daß ich Ihnen dies heut sage: Fürchterlich und unerträglich ist mir der Gedanke, daß Sie mir fremd werden können.«

Sie saß aufgerichtet im Kahne und zwang sich, fest zu scheinen, aber die Tränen rollten von ihren Augen.

»Ich wage in dieser Stunde nicht davon zu reden,« fuhr der Liebende fort, »was geschehen muß, um die Last einer unmenschlichen Verpflichtung von Ihnen zu nehmen. Vielleicht vermag ich dies, aber nur mit Ihrer Hilfe. Und darum flehe ich nur um das eine: daß Sie sich meine stille Verehrung gefallen lassen und daß Sie zuweilen daran denken, wie in Ihrer Nähe ein Mann lebt, dem Ihr Glück weit teurer ist als sein Leben, und dessen höchster Lebenswunsch ist, Ihre Liebe und Ihre Hand für sich zu erringen.«

Sie bewegte abweisend das Haupt, als sie traurig sagte: »Es ist an meinem Unglück genug; vergessen Sie mich.« Aber als sie ihn einen Augenblick ansah, drang ein heller Strahl ihm in die Seele. Dann blickte sie wieder abwärts und weinte still vor sich hin, er aber bewegte leise das Ruder und führte den Kahn dem Lande zu, wo die Hausfrau sie bereits erwartete.

Als der Doktor nach Hause fuhr, lag die Landschaft vor ihm im Zauberglanze der Nacht. Sein alter, sanfter Freund blickte vom dunklen Nachthimmel traulich über die schlafende Erde. Lichter und Schatten zogen in schnellem Wechsel vorüber, jeder Hof und jede Baumgruppe standen geheimnisvoll in farbigem Scheine, der doch keine Farbe war. Nur in leisen Tönen klang das Leben der Natur, die Grillen zirpten im Korn und eine große Nachtmotte schwirrte an seinem Hut: so weich und mild die Luft und so schön die träumende Welt rings um ihn her! Er aber achtete wenig darauf; ihm selbst war sein Dasein aus dem Dämmerschein sehnsüchtiger Erwartung hineingeworfen in scharfes Tageslicht und in die heiße Leidenschaft der Wirklichkeit. Wie sie vor ihm saß im Kahne, da war sie dasselbe Mädchen gewesen, das er geküßt hatte, und zugleich eine andere, ein stolzes und kräftiges Weib; es waren die Umrisse des Angesichtes, welches ihn einst in mädchenhafter Zärtlichkeit angesehen hatte, aber etwas anderes war in ihr Wesen gekommen: die Brauen zusammengezogen, das ganze Antlitz größer, die Gestalt fester, sogar die Stimme klang ihm tiefer und ernster in das Ohr. Ihren Willen setzte sie gegen den seinen und fest wehrte sie sein Bitten und Drängen ab. Sie hatten die Rollen gewechselt, er war der sehnsuchtsvoll Harrende geworden, und sie hatte in überlegener Haltung von dem gesprochen, was sie für Pflicht hielt. Dennoch empfand er, daß sie ihm noch nie so lieb gewesen wie in dieser Stunde. – Und er sollte ihr entsagen! Aber als sie das forderte, war sie weich geworden und ihr innerer Kampf wohl erkennbar. In dem Augenblick lag in ihren Augen und dem Ton der Stimme so viel Schmerz und Liebe, daß nicht die strengen Worte in ihm hafteten, sondern die tiefe Empfindung, welche sie dahinter verbarg.

Er strich sich über die heiße Schläfe und mahnte sich zu bedächtiger Überlegung. Was mußte er tun, um sie dem andern zu entreißen und für sich zu gewinnen? Schmachvoll dünkte ihn zu ertragen, daß der übermütige Franzose durch wildes Spiel mit dem eigenen und fremden Leben ein Recht gewonnen hatte über die Tage der Jungfrau und über die Zukunft eines deutschen Mannes; und ganz unleidlich, daß im günstigsten Fall das Glück redlicher Menschen abhängen sollte von Laune und Entscheidung eines Rivalen. Wilde Gedanken zogen wie Nachtvögel durch sein Hirn: War von zweien einer zuviel auf Erden? Aber er scheuchte die finstere Versuchung hinweg. Vergossenes Blut hatte dies unheimliche Bündnis gefestigt, neuer Tod vermochte den Überlebenden ein reines Glück nicht zu verschaffen. Was hier not tat vor allem, war das eine, daß er selbst sich ihr wert machte. Nur die Neigung zu ihm konnte ihr den Entschluß geben, sich von dem andern zu lösen trotz allem, was sie jetzt ihre Pflicht nannte und was sie ihm wie einen Schild zur Abwehr entgegenhielt. Ja, er selbst mußte Buße zahlen dafür, daß ihn bei der letzten Begegnung im Pfarrhause allzusehr der eigene Schmerz beschäftigt hatte und zuwenig ihre Leiden. Er wollte sie wiedersehen, sooft das möglich war, ohne daß er sich aufdrängte, er wollte ihre Zurückhaltung ehren und seine Rede behüten, aber wissen mußte sie fortan zu jeder Stunde, daß ein treues Herz ihr angehörte und daß er ein sicherer Berater sein konnte, wenn sie das Vertrauen gewann, das sie nicht zu ihm gehabt. Und er sann darüber, wie er sich ihr auch aus der Ferne vertraulich machen könnte und so lieb, daß ihr Gemüt sich gegen ihn öffnete.

Als er nach Haus kam, setzte er sich zur Stelle nieder und schrieb an sie: »Teures Fräulein! Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen von einer Leidenschaft vorklagen werde, welche meine Seele erfüllt. Nur darum flehe ich, daß Sie mir gestatten, Ihnen zuweilen so zu schreiben, wie ein Freund dem andern schreibt, auch über mich selbst und mein eigenes Leben. Lassen Sie sich leidend gefallen, wenn ich so weit Ihren Anteil in Anspruch nehme. Können Sie mir einmal auf meine Briefe eine Antwort geben, so wird dies für mich eine Seligkeit sein; aber auch, wenn Sie das nicht tun wollen, erlauben Sie mir, zu Ihnen zu reden, wie der Unglückliche zu seinem Beichtiger spricht.« Darauf schrieb er über seine Erlebnisse in den vergangenen Jahren und über vieles, was er dabei gedacht hatte.

Mit diesem Brief fuhr er nach dem Marktflecken zu Henriettens Gespielin und bat, den Brief sicher in die Hände des Fräuleins zu liefern.

»Sie ist noch bei der Bellerwitz; ich trage das Schreiben selbst zu ihr,« versprach Liesel, welche das Sachverhältnis scharfsinnig erkannte. Und als der ungeduldige Doktor nach einigen Tagen wieder vorsprach, erzählte die Vertraute: »Ich ließ sie aus dem Schloß bitten, wir gingen in den Garten, dort gab ich ihr den Brief. Ich saß auf der einen Bank, sie auf der andern; sie brach den Brief sogleich auf und las sehr lange; dann steckte sie ihn unter ihr Brusttuch und reichte mir die Hand. Als ich fragte: ›Ist vielleicht Antwort?‹ schüttelte sie nur mit dem Kopf und ging zu den Blumen, brach eine ab und gab sie mir. Dann fing sie an, von meinem Kleinen zu reden und von anderem.«

»Was war es für eine Blume?« fragte der Doktor.

»Es war eine weiße Rose; sie war wohl für Sie bestimmt, aber mein Kleiner hat sie sogleich zerrupft.«

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