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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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6. Der Räuber Moor

Es war ein heller Morgen des beginnenden Frühlings, die Sonnenstrahlen streiften in der frischen Bergluft mit wohltuender Wärme die Wange des Reisenden. An den gefrorenen Gleisen des Waldweges hing weißer Reif, aber Zweige und Blattknospen des Laubholzes ragten glatt und rund, gefüllt mit geheimem Leben, unter den Bäumen sproßte das junge Grün und um kleine weiße Blüten flogen die ersten Schmetterlinge. Die Amsel pfiff ihr Lied und hinten im Walde krächzten die Krähen, sonst war es still, kein Mensch auf den Feldern und Wegen zu sehen. »Halt, wer da!« rief ein Posten, hinter dem Busch hervortretend. Der Wagen, welcher den Doktor mit seinem Begleiter bis hierher geführt hatte, hielt an und sie wurden einen mäßigen Hügel hinaufgeführt, dessen freie Höhe mit jungen Fichten umwachsen war.

Auf der Höhe empfing sie ein Offizier. Als er Namen und Begehr des Doktors erfahren hatte, sagte er: »Sie treffen den Generalgouverneur in der Nähe, ich schicke Sie sogleich zu ihm.« Aber schon kam der Rittmeister aus der Umgebung des Grafen ihm entgegen: »Seien Sie gegrüßt und dreimal willkommen, wenn Sie bei uns bleiben.« Im nächsten Augenblick stand der Doktor dem Grafen gegenüber; er sah eine hagere Gestalt von mittleren Jahren, das Antlitz bleich, die Wangen etwas eingesunken, zwei große Augen, welche hell und glänzend in die Welt blickten.

»Sie kommen ersehnt«, begrüßte ihn der Gouverneur mit freundlicher Stimme, »und werden finden, daß Sie vielen wohltätig sein können. Ein edler Mann Ihres Berufes, der aus der Hauptstadt zu uns durchdrang, ist schwer erkrankt und wir müssen seinen Beistand entbehren; nichts aber fehlt unseren armen Leuten so sehr, wie ärztliche Hilfe, und die Krankheit, gegen welche wir ratlos sind, wird uns schädlicher als der Feind. Der Rittmeister sagt mir, daß Sie entschlossen sind, uns auch mit den Waffen zu dienen; Sie sind uns aber am wertvollsten als Arzt, und ich bitte Sie, Ihren Beruf bei uns zu üben. Auch bei mir selbst«, fügte er lächelnd hinzu. Da der Doktor sich bereit erklärte, fuhr er fort: »Wer sicheres Leben aufgibt, um zu uns in die Berge zu kommen, der hat ein Recht darauf, daß wir ihn wie einen werten Freund empfangen. Indem ich Sie auffordere, unserem König das Gelöbnis der Treue in meine Hand abzulegen, begrüße ich Sie als Kameraden. Alle sind wir durch diesen Eid zueinander gesellt wie Bundesbrüder, und dieselbe brüderliche Gesinnung, die wir Ihnen entgegenbringen, werden Sie, wie ich hoffe, auch uns erweisen.« Seine Augen flogen über den Kreis der Offiziere, welche um ihn versammelt waren, und hafteten mit so seelenvollem Ausdruck auf dem Doktor, daß diesem vorkam, als ob er vor einem Mann von ungewöhnlicher Herzensgüte stehe. Er legte das Gelöbnis in die Hand dessen ab, der jetzt auch für ihn der höchste Befehlshaber wurde, und wandte sich dann sofort, um seinen Beruf zu üben, zu einem Husaren, der einen Schuß durch das Bein erhalten hatte, und an einen Baum gestützt zur Seite lag. Der Graf warf einen zufriedenen Blick nach ihm, dann sprach er zu seinem Gefolge.

Einzelne Offiziere kamen heran, den Doktor zu begrüßen, auch seine Kunst in Anspruch zu nehmen. Unterdes sah er in der Nähe den Gouverneur, welcher Nachrichten empfing und absandte, und beobachtete die schnelle und feste Weise des Mannes und die Gewandtheit, mit welcher er jeden behandelte.

Vor dem Aufbruch trat der Gouverneur wieder zu ihm: »Als der Adjutant mir von Ihrer Absicht erzählte«, begann er vertraulich, wie zu einem jüngeren Kameraden, »waren Sie mir nicht ganz fremd, denn Ihr Name stand bereits eingezeichnet in die Zahl derer, auf welche wir uns in Notfällen gern verlassen möchten.« Und da der Doktor ihn verwundert ansah, fuhr er fort: »Gute Freunde senden uns zuweilen die Namen solcher, welche nach ihrem Charakter geeignet sind, für uns Opfer zu bringen. Und Sie waren in Ihrer Stadt nicht sicher, daß nicht bei Gelegenheit einer von uns bei Ihnen angeklopft hätte, als bei dem Manne, der sein Vaterland liebt. Das große Unglück hat viel Schwäche und Mutlosigkeit zutage gebracht, aber im Heer und im Volke auch viel Treue und dauerhafte Kraft. Sie ist für uns in diesen Bergen die beste Hilfe, die kann der böse Feind uns nicht nehmen, und um dieser Gerechten willen wird der Himmel uns nicht verderben, sondern aus unseren Prüfungen siegreich hervorgehen lassen.«

Und lächelnd setzte er hinzu: »Das sind hohe Worte bei geringer Macht, denn wer uns jetzt sieht, ohne uns zu kennen, der kann uns wohl mit Freibeutern oder Räubern vergleichen.«

»Das geschieht auch von solchen, welche nicht hier waren«, versetzte der Doktor, und erzählte von den Klagen eines alten Soldaten aus König Friedrichs Zeit.

Der Graf lachte: »Es gibt viele, die deshalb über uns klagen werden. Aber der Stock, die Fuchtel und das Gassenlaufen waren auch nicht immer da, sie kamen als revolutionäre Neuerungen in die Welt, und sicher haben damals viele alte Krieger den Untergang alles kriegerischen Heldenmutes von ihnen befürchtet.«

Auf dem Wege nach der Festung, welcher der Doktor im Gefolge des Gouverneurs zufuhr, übersah er mit größerer Muße die Gesellschaft, in welcher er sich befand; der Graf hatte nicht ohne Grund an die Räuber gedacht, denn das Aussehen der Offiziere und Gemeinen war ungewöhnlich und durchaus gegen das Reglement: entschlossene Mienen und kriegerische Gestalten, mehr als eine von edler ritterlicher Haltung, aber nach den Uniformen aus allen Truppenteilen zusammengesetzt, jede Art von Husarendolman und Kopfbedeckung, sogar bayrische Uniformen notdürftig zugerichtet, die meisten einander nur darin gleich, daß sie durch Regen und Sonne, durch Biwak und feindliche Waffen entfärbt und durchlöchert waren. Auch die Pferde waren zum größten Teil aus dem Lande zusammengerafft oder vom Feinde erbeutet, viele unansehnlich und strapaziert durch übermäßigen Gebrauch.

In seinem Berufe fand der Doktor große Aufgaben und schwere Arbeit. Nicht alle Lazarette waren in der Stadt und in der darüber liegenden Festung, mehrere hatte der Graf mit gutem Grunde an anderen Orten der Grafschaft eingerichtet, und die Sorge dafür wurde durch die Entfernung erschwert. Kaum in einem der Lazarette gebot ein gelernter Arzt, Typhus und bösartige Fieber herrschten in allen, überall war kaum das Notdürftigste für die Verpflegung eingerichtet. Da kam dem Doktor zugute, daß er in Paris die Einrichtungen kennengelernt hatte, welche damals für die besten galten. Bald gewann er durch seine Vorschläge und das sichere Wesen, das er bei der Anordnung bewies, das ganze Herz des Gouverneurs. Und er hatte so viele Gelegenheit, zu helfen und zu retten, daß er am Abend oft todmüde, und doch in gehobener Stimmung, zu seinem kleinen Quartier in der Stadt zurückkehrte. Nach wenigen Tagen wurde ihm in der Nähe des Gouverneurs ein Feldbett aufgeschlagen.

Der Graf selbst erfuhr auf seine Frage, daß er ernsthaft krank sei, und daß sein Leiden, wenn er sich nicht mehr schone, für ihn verhängnisvoll werden müsse.

»So dürfen Sie nicht zu mir reden,« sagte er gutlaunig, »Schonung und Pflege sind unmöglich, und ebensowenig darf ich unbrauchbar werden, solange der Krieg dauert; von Ihnen also fordere ich, daß Sie mich zwischen Szylla und Charybdis durchsteuern.« Und den Arzt aufmerksam betrachtend, auf dessen erblichenen Wangen man die übergroße Anstrengung lesen konnte, setzte er hinzu: »Gern bäte ich, wenn ich Erfolg hoffte, daß auch Sie vor einer Niederlage sich in acht nehmen. Ich vermag im Notfall noch zu kommandieren, wenn ich auf dem Kissen liege, was soll aber aus unsern armen Kranken werden, wenn Sie nicht zur Stelle sind? Doch wieviel Sie auch in den Hospitälern zu tun haben, ich muß Sie noch außerdem für mich in Anspruch nehmen; eine Stunde des Abends müssen Sie mir opfern und sich gefallen lassen, daß Ihr Patient Ihnen vorklagt.«

Der Doktor merkte bald, wie edelherzig dieser Befehl war. Jedesmal, wenn er kam, fand er durch den alten Diener zwei Kuverts gedeckt, dann mußte er mit dem Grafen zum Abendessen niedersitzen. In dieser Zeit sprach sein Chef vertraulich zu ihm wie zu einem jüngern Bruder, zuweilen von der Politik, lieber von seinen persönlichen Freunden und von allerlei Menschen, die er kennengelernt hatte. So brachte er den Gast dahin, auch seinerseits zu erzählen, was ihm durch das Gemüt gezogen war.

Er entließ ihn nach einem solchen Abend mit einem Händedruck: »Das ist meine Kur. Sie haben mir meine Arznei gereicht, jetzt vermag ich wieder zu arbeiten.«

Durch dies Vertrauen gewann der Doktor zuweilen Einblick in das stille Triebwerk der Politik, und seine Verwunderung wurde immer größer über den Umfang der Tätigkeit, welche vom Kabinett des Gouverneurs ausging. Denn dorthin kamen Nachrichten aus allen Teilen der Provinz, Briefe vom Kaiserhofe in Wien, vom Auswärtigen Amte Englands, aus der Umgebung des russischen Kaisers; dazu vertraute Mitteilungen aus dem Hauptquartier in Ostpreußen, und andere aus der Residenz, welche oft auf seltsamen Umwegen eingingen, manche in einer Chiffreschrift geschrieben, zu welcher der Graf allein die lösenden Zeichen kannte. Dazwischen jede Art von militärischen Berichten und Projekten.

Draußen fand sich der Doktor mitten in das stürmische Treiben eines Feldlagers versetzt; in dem engen Raume der Festung Glatz drängten sich fast alle zusammen, welche mit Tat und gutem Rat zu helfen bereit waren. Vornehme Gutsbesitzer, zuweilen aus weit entlegenen Kreisen, kamen und gingen, brachten Nachrichten und nahmen geheime Aufträge mit sich. Höhere Verwaltungsbeamte der Provinz arbeiteten in engen Büros, die in einer Zimmerecke eingerichtet waren; ein oberster Gerichtshof sprach auch in bürgerlichen Händeln Recht; ihn hatte der Graf eingerichtet, weil er die Urteile, welche von den Obergerichten der Provinz im Namen des fremden Kaisers erlassen wurden, als nichtig behandeln mußte. Bei diesem Gericht fand der Doktor seinen Assessor aus der Kreisstadt beschäftigt. Und wer aus den überfüllten Häusern auf die Gassen trat, der stieß auch hier auf eine Menge abenteuerlicher Gestalten: Schmuggler von der nahen Grenze, welche ihre Ladungen in die Magazine geliefert hatten, Soldaten von fast jedem Regimente des Heeres, wie sie sich aus der Gefangenschaft gelöst oder durchgeschlagen hatten, Freiwillige aus allen Ständen der Bevölkerung, die sich zum Dienst anboten, Treiber, welche Schlachtvieh herbeiführten, jüdische Lieferanten mit ihren Proviantwagen. In den Werkstätten schnitten, nähten und hämmerten dichtgedrängt die Handwerker bis in die Nacht, auf allen Plätzen wurde exerziert, und noch des Abends klangen überall, wo Soldaten einquartiert waren, die Hörner, Trompeten und Pfeifen der Musiker, denn jede der neugebildeten Kompanien und Schwadronen war stolz auf eigene Musik, und sie wurde ihr gern gestattet, nur daß ihre Musiker auch als Soldaten fechten mußten. Unter den eifrigsten war Hans, der in der Schwadron des Rittmeisters sofort zu einer Trompete gekommen war und wenige Wochen nach seinem Eintritt vor dem Doktor an seinen Säbel schlug und stolz meldete: »Der war heut zum erstenmal dabei.« In dem engen Raume stießen die Menschen, so verschieden an Vergangenheit und Bildung, oft hart aneinander, aber obenauf war bei Offizieren und Gemeinen eine trotzige Zuversicht zur eigenen Kraft und Vertrauen zu der Führung.

Mit Befremden sah der Doktor in den ersten Tagen einen Offizier, der ihm scheu aus dem Wege ging, den Reiterleutnant vom runden Tisch, und er versagte sich nicht, den Rittmeister nach seiner Brauchbarkeit zu fragen.

»Ich habe ihn unter den andern tüchtig einhauen sehen«, sagte dieser gleichgültig. »Diese Art Mut hat er, zu selbständigem Kommando würde ich ihn ungern verwenden; er ist weichlich erzogen, um seine Person besorgt und braucht eine Stunde zum Anziehen.«

Aber an einem der nächsten Tage redete der Baron den Arzt an: »Sie haben mich damals gesehen, wo ich meine Pflicht nicht tat; es war mein erstes Kommando, bei welchem ich mit einem Feinde zusammentraf. Der Gedanke an den Morgen läßt mir seit der Zeit keine Ruhe. Wenn jetzt hier die nähern Umstände bekannt würden, müßte ich mir eine Kugel vor den Kopf schießen. Ich bitte also, schweigen Sie gegen jedermann.«

Wenn der Arzt mitten in der Nacht aus einem seiner Lazarette ins Quartier ging, sah er in dem Arbeitszimmer des Grafen immer noch Licht und zuweilen den Schatten einer auf und ab schreitenden Gestalt. Da sagte er dem Grafen bei der nächsten Zusammenkunft: »Das darf ich als Arzt nicht dulden!«

»Lagen Sie zu Bett, als Sie es sahen?« antwortete der Gouverneur.

»Ich hatte einen schweren Fall.«

»Ich auch«, versetzte der andere heiter. »Aber wir tun, was wir müssen, nicht auf gleiche Weise. Ich tummle mich in diesem Wirrwarr mit leichtem Sinn, Sie aber ernsthaft und mit schwerem Mut; und wenn Sie einmal ausruhen, so sehen Sie in sich gekehrt aus, als ob die Welt rings um Sie leer wäre.«

»Solchen Ernst, den ich auch in meinem Vornamen mit mir herumtrage, habe ich wohl von meinem Vater geerbt«, antwortete der Doktor.

Der Graf rückte ihm den Stuhl, schenkte ihm das Glas voll und legte sich auf dem Sofa zurück. »Erzählen Sie mir von Ihrem lieben Vater.«

Das tat der Doktor gern. Lange bevor er geendet hatte, hielt der Graf, neben ihm sitzend, seine Hand fest. »Ich danke Ihnen, mein Freund. Und jetzt will ich erfahren, was Ihnen unter uns leichten Husaren das Herz schwer macht.«

So vieler Freundlichkeit konnte der Doktor nicht widerstehen. »Ich hatte ein Mädchen lieb gewonnen; es war das erste frische Aufblühen einer innigen Neigung, und die Geliebte wurde mir plötzlich entfremdet.« Er berichtete von dem Überfall und der Verlobung im Pfarrhaus, wie ihm der Geistliche erzählt hatte. Der Graf hörte zu, ohne durch eine Frage zu unterbrechen. Als der Erzählende zu den Worten kam, welche der Franzose bei dem Ringwechsel gesprochen, fiel ihm die Spannung im Gesichte des Hörers auf. Nachdem er geendigt hatte, saß der Graf einige Augenblicke in Nachdenken. »Man sucht bei solcher auffallenden Tat nach den Beweggründen. Ein toller Streich, wie man ihn etwa einem verwegenen Fähnrich zutrauen könnte, scheint dies nicht zu sein. Ist die Demoiselle das, was man eine Schönheit nennt?« – »Ich glaube, ja«, versetzte der Doktor. – »So war es dies«, schloß der Graf. »Daß der Vater die Nichtigkeit einer solchen Verlobung nicht sogleich und nicht in der nächsten Zeit betont hat, dürfen Sie dem armen alten Herrn, der bis auf den Tod bedrängt war, nicht als übergroße Schwäche auslegen. Zunächst kommt es doch darauf an, wie das Fräulein selbst die Sache ansieht.«

»Ich habe sie durch den Vater bitten lassen, mir ihr Vertrauen zu schenken, sie ist nicht darauf eingegangen; sie verhüllt ihre Seele auch vor mir, und darüber traure ich. Ich hatte freilich noch kein Anrecht auf so hohes Vertrauen.«

»Auch Schüchternheit und Scham können ein unschuldiges Weib, dem geliebten Manne gegenüber, zum Schweigen veranlassen. Und von dieser Seite ist noch nichts verloren. Dagegen scheint mir dieser französische Rittmeister wohl wert, daß man sich nach ihm erkundige. Vielleicht kann ich Ihnen Auskunft verschaffen. Unterdes lassen Sie sich's gefallen, daß ich mich Ihnen in der Rolle eines Vertrauten aufgedrängt habe, und entsagen Sie der Hoffnung nicht so hartnäckig, wie bisher.«

Nach einer Zusammenkunft mit dem französischen General, welcher die gegenüberliegenden Truppen befehligte, rief der Graf am Abend seinem Tischgenossen entgegen: »Heut war ich Ihnen noch dankbarer, als ich wohl sonst bin, denn Sie haben mir die unvermeidlichen Viertelstunden der Konversation mit dem Franzosen erleichtert. Ich habe Auskunft über den Kapitän erhalten. Also, jene Szene im Pfarrhause hat den Prinzen und die Generalität weit mehr beschäftigt, als anzunehmen war. General Lefebre selbst war genötigt, deshalb beim Prinzen die Lärmtrommel zu schlagen, nicht wegen des Zweikampfes, sondern weil Herr Dessalle damals in seinem Zorn das gesamte Offizierkorps eines deutschen Rheinbundstaates vor den Ohren der Mannschaft und anderer Zuhörer mit sehr bedenklichen, respektwidrigen Ausdrücken bezeichnet hatte. Durch den zweiten Offizier, der sich vorsichtig dem Säbel des Kapitäns entzogen hatte, und durch die Unteroffiziere wurde dies nach dem Todesfalle zur Anzeige gebracht, die höheren Offiziere aber begingen in patriotischem Grimm die Taktlosigkeit, wegen dieser Ehrenkränkung Klage beim Oberkommando zu erheben. Prinz Jérôme vernahm in seiner Weise lachend und wohlgefällig das Abenteuer und dachte offenbar von dem Kapitän darum nicht schlechter, weil er den deutschen Tölpeln eins versetzt hatte. Um seinen Günstling aber den weiteren Folgen zu entheben, und die Angelegenheit durch Hinziehen zu beendigen, sandte er ihn mit Briefen an den kaiserlichen Bruder. Dies ist der Grund, weshalb der Offizier vom Horizont verschwunden ist und während dieses Feldzuges schwerlich in unserer Provinz erscheinen wird. Das letztere wenigstens ist günstig«; – und ernsthaft fügte er hinzu – »der Kapitän gilt, soweit dem Urteil meines Berichterstatters zu trauen ist, für einen Mann von Ehre; er ist durch eigene Tüchtigkeit heraufgekommen.«

Der Doktor saß in düsterem Schweigen, und der Graf fuhr ermutigend fort: »Denken Sie jetzt auch an die Freuden und Sorgen des nächsten Tages. Hundert gute Monturen sind heut früh von den Husaren eingebracht worden. Wir sollen Armeen aus der Erde stampfen und ein Kornfeld bauen auf der flachen Hand; das wird uns nicht leicht, doch viele helfen mit Freuden. Hätten wir nur eine Million Taler und sechs Monate Zeit, dann wollten wir Waldläufer uns sehen lassen.« Und er begann, vertraulich von seinen Plänen für die Ausrüstung zu erzählen, bis der andere das eigene Leid vergaß.

Ja, es war eine endlose, mühevolle Arbeit. Alles fehlte. Am wenigsten noch die Mannschaft. Die Treuen kamen zum Teil aus weiter Ferne, sogar aus den süddeutschen Fürstentümern, welche einst zu Preußen gehört hatten. Auch an Kompanieoffizieren war kein Mangel, von allen Waffen stellten sie sich ein, manche von zweifelhaftem Wert, aber auch nicht wenige der Besten, deren Name in späteren Jahren von Mund zu Mund ging. Doch weit schwerer als die Menschen war die Ausrüstung zu beschaffen. Wo das Pulver finden? Der Graf ließ eine Pulvermühle errichten, bald fehlte dafür der Salpeter; Schmuggler trugen mit Lebensgefahr einzelne Zentner auf dem Rücken über die österreichische Grenze. Zuletzt ließ der Gouverneur gar durch Streifpartien das Sprengpulver aus den Bergwerken, welche jetzt für den Feind fördern mußten, entführen. Wo die Musketen hernehmen? Die Gewehre, welche heimlich in der Landschaft gesammelt wurden, hatten jede Art von Kaliber, und es waren meist leichte Jagdflinten, im Krieg auf die Länge gar nicht zu gebrauchen; fast an jeder mußte repariert und gebastelt werden. Der Graf richtete deshalb auch eine Gewehrfabrik ein, aber natürlich vermochte diese nicht sofort Großes zu leisten. Woher das Tuch und Leder holen für Monturen und Riemenzeug? Woher endlich die Kavalleriepferde, seit der Feind den ganzen Winter über die Tiere aus den Ställen geholt hatte, darunter Gespanne, die der Landwirt nicht entbehren konnte. Und über allem, woher das Geld nehmen für den Sold der Festungstruppen und des kleinen mobilen Heeres? Ohne Geld und Löhnung war keine geordnete Verpflegung möglich, und wenn die Leute hungern mußten, liefen sie wieder auseinander. Die Geldsummen, welche durch patriotische Männer herzugebracht oder durch treue Steuereinnehmer den behenden Boten des Grafen ausgeliefert wurden, auch einzelne Sendungen, welche der Graf durch unermüdliches Schreiben von Wien und London zu erhalten wußte, reichten gerade von einer Woche zur andern, die Vermittler und Agenten waren zum Teil unsicher, und Veruntreuungen blieben nicht aus.

Und doch wuchs durch die rastlose Sorge und Tätigkeit des einen Mannes in den Frühlingsmonaten eine Kompanie und Schwadron um die andere herauf.

Aber je rühriger sich die neugebildeten Truppen im Lande tummelten, um so argwöhnischer vermehrte auch der Feind sein Heer. Gegen jedes Tausend, das der Graf ins Feld schickte, konnte der Kaiser, der von den Pyrenäen bis zur Weichsel gebot, durch einen Federstrich zehntausend senden, und je lästiger die Zwerge in den Bergtälern wurden, um so heftiger begehrte der Riese in der Ebene das Ende und die Bewältigung des Widerstandes.

Das sagte einst der Doktor dem Gouverneur, als er neben ihm auf einer Bastion stand und in die anmutige Sommerlandschaft hinabsah. Der Graf heftete seinen Blick auf den fernen Horizont: »Nicht bei uns liegt die Entscheidung, aber was wir von den Feinden auf uns ziehen, halten wir dort ab, wo unser Schicksal entschieden wird. Ob Österreich sich entschließt, uns zu helfen, ist noch immer die Frage; nur solange wir Preußen hier in diesem Lande von uns reden machen, können wir auf die Hilfe hoffen. Und ist bei einem Friedensschluß die Provinz mit allen ihren Festungen in der Hand des Feindes, so dürfen Sie annehmen, daß Schlesien für Preußen verloren ist, und dann ist unser Staat selbst verloren. Da haben Sie drei Gründe dafür, mein Freund, weshalb unsere Husaren wieder ausreiten, um den Franzosen die Wämser zu klopfen.« Er wies auf den gewundenen Weg, auf welchem Reiter und Fußvolk hinabzogen. »Heut müssen Sie mir gestatten, daß auch ich den Ritt mitmache, wir gedenken einen guten Fang zu tun.«

Am Abend bliesen die heimkehrenden Husaren Fanfare; der Graf hatte in einem ernsten Gefecht dem Feinde herben Verlust zugefügt und führte eine ansehnliche Zahl Gefangener mit sich zurück. In einem bayrischen Major, der gefangen neben dem Grafen einritt, erkannte der Doktor denselben Offizier, welcher früher ihn und den Rittmeister auf der Landstraße angehalten hatte. »Jetzt ist es an uns, Ihnen zu danken«, rief er bei der freundlichen Begrüßung. Da auch der Rittmeister das Seine tat, so fehlte es dem Bayern nicht an Bequemlichkeit und Gesellschaft. Der Major erwies sich als wackrer Mann von Ehre, und die Besuche des Arztes wurden für beide angenehm.

»Kennen Sie einen französischen Hauptmann Dessalle?« fragte einst der Doktor.

»Sie nennen einen Namen, der uns Bayern sehr lästig geworden ist«, antwortete der Major. Er erzählte mit Zurückhaltung von dem Zweikampf, und was der Doktor sonst schon wußte. »Wir Bayern sind in die Notwendigkeit versetzt, Erklärungen von ihm zu fordern. Meine Landsleute, an denen er zum Ritter geworden ist, waren so sehr im Unrecht, daß wir uns schämen müssen, und es wäre ganz in der Ordnung gewesen, wenn der Prinz Jérôme oder der Kaiser die strengste Bestrafung der Schuldigen, soweit diese noch am Leben waren, gefordert hätten. Das aber hat man nicht getan, dagegen hat der Prinz in Gegenwart eines bayrischen Generals vor einem großen Kreise die Geschichte von der Verlobung erzählt und dabei den ritterlichen Franzosen bis in den Himmel erhoben; und uns Bayern bleibt nur übrig, diesen Herrn mit dem Säbel zu begrüßen, sobald wir seiner habhaft werden. Glauben Sie mir, Doktor, auch unter uns sind viele, welche es für einen traurigen Krieg halten, wo Deutsche gegen Deutsche kämpfen und für Fremde einander totschlagen; wir für die Franzosen, und Sie für die Russen, denn beide haben wir von den Fremden Hinterlist und Tücke zu erwarten. So klagte der Bayer.

Mit gemischten Gefühlen vernahm der Doktor, daß jene Stunde im Pfarrhause auch über die Zukunft seines Gegners dunkle Schatten warf.

Aber der Doktor sollte noch von anderer Seite an den Fremden erinnert werden.

In der Tür einer Weinstube der Stadt traf er auf einen Husarenoffizier, dem ein jüdischer Händler gerade einen Brief zusteckte. »Komm zu uns herein, Bruder Doktor,« rief der Offizier mit hartem polnischen Akzent, »sind wir alle gerade lustig.« Da die Aufforderung von einem Liebling des kleinen Heeres kam, so folgte der Doktor der Einladung und saß in der fröhlichen Gesellschaft nieder. Der Offizier neben ihm zog den Brief aus der Tasche und lachte. »Dies hat mir der Jud zugesteckt, es kommt von einem alten Bekannten von mir, der im Stabe des französischen Generals ist. Bevor ich den Brief dem Gouverneur abgebe, will ich ihn selber lesen.« Er brach auf und lachte wieder. »Schreibt mir Ossowski kuriose Sachen. Kaiser will mir ein polnisches Regiment geben und mich zum Obersten machen, wenn ich hier quittiere und hinüberkomme. Ich werde sogleich antworten; Wirt, geben Sie eine Feder!« Und er malte auf einen Zettel mit großen Buchstaben: »Mein Herr, Sie haben mir auf polnisch geschrieben, ich habe als preußischer Offizier verlernt, auf polnisch zu antworten. Darum schreibe ich Ihnen deutsch, daß ich den für einen verdammten Kujon halte, welcher einem Preußen solchen Antrag macht; wenn ich Sie einmal finde, werde ich Ihnen das mit meinem Säbel beibringen! Mit gebührender Hochschätzung bin ich Ihr ergebener.« Er gab den empfangenen Brief und seine Antwort dem Adjutanten. »Schaffe das zu den Franzosen, lieber Bruder, und mache eine Adresse!«

Die Kameraden lachten und sammelten sich um den ehrlichen Gesellen. Und ein Husarenstreich nach dem andern kam zum Vorschein. Endlich sagte der Pole: »Dabei fällt mir ein, daß ich ohnedies schon einem Franzosen versprochen habe, mich mit ihm zu hauen, wenn wir einander treffen. Das war so. Im Winter streifte ich an der polnischen Grenze, und ich kam bis an die Straße, die durch Polnisches nach Ostpreußen führt; dort legte ich mich, wie Kater tut, auf die Lauer. Die Schwadron versteckte ich im Walde und zog mich mit wenigen Husaren quer über Feld zu einem einzelnen Wirtshaus, daneben war nur Scheune und Stall, nach beiden Seiten offene Straße. Ich postiere also einen Mann auf die Leiter, die am Dach der Scheune lehnt, und sperre den Kretschmer und sein Weib in den Keller. Die Pferde fressen zwischen Hof und Scheune aus dem Futterbeutel, und die Mannschaft sitzt daneben. Wir waren Tag und Nacht durch Wälder gezogen, Pferd und Mann sehr herunter. Ich aber gehe in das Haus und suche in der Kammer neben der Schenkstube, ob ich eine Schüssel finde, und ziehe mich schnell aus, um mich zu waschen, was überaus nötig war. Meine Husaren geraten unterdes über ein Fässel Branntwein und machen sich in größter Eile alle naß, wie Fliegen in Buttermilch. Auf einmal entsteht ein Getrappel und Geschrei, und bevor ich in die Kleider komme, höre ich die Stubentür aufgehen; ich schiebe also leise den Riegel vor die Kammertür und gucke durch den Ritz. Ein französischer Offizier tritt in die Stube, er hat einen Arm in der Binde und Pistole und Kuriertasche in der linken Hand. Zuerst sieht er sich argwöhnisch um, weil aber nichts in der Stube unordentlich ist, legt er Pistole und Tasche auf den Tisch und untersucht mit dem Säbel das Bett. Ich fahre wie ein Blitz hinter seinem Rücken aus der Kammer, packe die Tasche und halte ihm meine Pistole an das Ohr, wie er sich gerade herumdreht. Den Säbel konnte er, da ich ihn an das Bett drängte, mit seinem gebundenen Arm nicht ziehen. So war er einen Augenblick wehrlos in meiner Hand und sagte ruhig: ›Schieß!‹ ›Nein,‹ antwortete ich auf französisch, ›ich halte die Tasche, Sie halten meine Leute, wir tauschen, und machen Waffenstillstand!‹

›Gut! Auf Parole,‹ sagte er. ›Ich bin Kapitän Dessalle und wer sind Sie?‹ – Hatte ich keine Hosen an und schämte mich deshalb, den Namen eines preußischen Offiziers zu nennen, so sprach ich: ›Leutnant Brummteufel von Bila-Husaren, wegen der Reinlichkeit im Hemde.‹ Ich gab die Tasche in seine Hand, und er ging an die Tür und befahl seiner Mannschaft, meine Schlingel freizugeben. Darauf zog ich mich schnell an, er ließ eine Flasche Wein aus seinem Mantelsack bringen, wir saßen einander gegenüber und tranken; beim Abschied sagte er: ›Mein Herr, heut bin ich Ihnen etwas schuldig geblieben, ich bin gewöhnt, meine Schulden zu bezahlen, treffen wir uns wieder im Krieg oder Frieden, so hoffe ich, nicht verhindert zu sein, die Waffen zu gebrauchen. Dann werden Sie mir Genugtuung geben.‹ ›Ich bin immer zu Ihren Diensten,‹ sagte ich, ›und mein wirklicher Name ist Witowski.‹ Er grüßte noch mit der Hand und ritt dorthin und ich dahin. Am Abend aber holte ich meinen Husaren Futter und Brot aus der Schenke.«

Näher rückte der Feind und enger wurde der Kreis, in welchem die preußischen Fahnen wehten. Wenn es einmal gelang, den Gegner durch kühnen Angriff zurückzuwerfen, so kehrte er verstärkt wieder. Bei kleinen Unternehmungen waren die neugebildeten Kompanien und Schwadronen fast immer glücklich, bei größeren versagte die Kraft. Schon waren von den vier Festungen, über welche der Generalgouverneur gebot, zwei belagert, und der Fall der einen, des wichtigsten Waffenplatzes stand bevor. Vergebens sandte der Graf Boten und Befehle durch den Ring der Belagerer, um den Kommandanten zur Ausdauer zu veranlassen, vergebens ersann er einen verzweifelten Zug seines kleinen Heeres hinaus in die Ebene, um die Festung zu entsetzen; das Wagnis gelang nicht, er selbst hatte es wohl kaum gehofft. Unterdes lag er, vom Fieber geschüttelt, auf dem Lager, aber seine Energie, mit welcher er festhielt, was er noch in Händen hatte, und die behende Kraft, mit welcher er neue Hilfsmittel ersann, wurden nicht vermindert. Wenn der Doktor die schnellen Atemzüge und den glitzernden Schein der Augen beobachtete, da fühlte er herzliche Hochachtung vor einer Hingabe, die immer das Vaterland im Auge, das eigene Leben für nichts achtete, und vor einem Geiste, welcher der Schwäche des Leibes so siegreich widerstand. Als der Graf in einer solchen Stunde nach einem schmerzlichen Seufzer den teilnehmenden Blick des Arztes auffing, begann er: »Ich bin nicht mutlos, Doktor, aber traurig. Daß wir nicht hier sind, um Siege zu erfechten, und daß wir zuletzt untergehen müssen, wenn nicht ein erbarmendes Geschick von außen Hilfe sendet, das haben wir immer gewußt. Auch darauf bin ich gefaßt, daß unser Nachbar Österreich nach den letzten Ereignissen noch weniger geneigt sein wird, uns zu helfen, als er früher war. Was mir in der Stille zusetzt, das ist der Verlust an guten Kameraden und getreuen Herzen, den ich fast täglich erfahre. Solche Empfindung steht im Kriege einem Manne, der den Befehl hat, übel an, und vollends bei meiner abenteuerlichen Stellung ist sie eine Schwäche. Aber einen nach dem andern sehe ich fallen und verderben. Gerade in dem kleinen Krieg trifft das Schicksal die Bravsten, sie alle spielen bei ihren Wagnissen mit Tod und Teufel; dem Schlauen gelingt es fünfmal, und wenn er ein unerhörtes Glück hat, zehnmal, zuletzt fällt die Karte doch gegen ihn. Von meinen Getreuesten, die Sie fanden, als Sie hier ankamen, wie wenige sind noch übrig? Im großen Kriege verschwindet das Leben des einzelnen in der Masse; bei unserem Freibeuterkampfe zählte ich die Häupter, denen ich vertrauen kann und vermisse jedes, das aus dem täglichen Verkehr schwindet. – Auch der Schlaukopf ist dahin, mein Geschäftsreisender, der unermüdlich durch das Land zog und mit gewissenhaften Einnehmern seine Geschäfte machte; er hat uns zuweilen geholfen, wenn der letzte Pfennig ausgegeben war. Zuletzt wollte er auch einmal auf eigene Faust Krieg spielen und raffte sich einige Mannschaft zusammen. Dabei vertraute er zu sehr seinem Glück und kam in die Hände des Feindes. Neulich, als wir den bayrischen Major fingen, saß er als Gefangener in Zivilkleidern gebunden auf einem Karren, an welchem unsere Husaren vorüberjagten. Es wäre leicht gewesen, ihn loszuhauen, jetzt muß ich durch allerlei Kunststücke die Courtoisie der Franzosen wachrufen, damit diese uns nicht den armen Burschen als Spion abtun.«

In den nächsten Tagen wurde der Gouverneur von dem neuen französischen General, einem der nichtswürdigsten Werkzeuge des Kaisers, zur Verhandlung hinausgeladen auf das Feld inmitten der beiden Heere. Mit kriechender Höflichkeit begann der Franzose die Unterredung, in welcher er zur Übergabe mahnte, denn er wollte sich gern bei seinem Kaiser den Ruhm sichern, daß er den hartnäckigen Widerstand des Gegners bewältigt habe. Da ihn aber der feste Widerstand des Grafen reizte, brach die rohe Heftigkeit seines Wesens heraus. Er schrie, daß das preußische Heer des Königs geschlagen und vernichtet, der König selbst verschwunden sei: »Dies Königtum hat aufgehört, die jetzt noch widerstehen, sind nichts als Räuber und Mörder.« Er forderte die Offiziere auf, den unsinnigen Mann zu verlassen, der sie ins Verderben führen würde, er drohte, das Gut des Gouverneurs, das dieser in der Grafschaft hatte, niederzubrennen, die Familie desselben der Wut der Soldaten preiszugeben und ihn selbst an den Galgen zu hängen. Wohl niemals hat der Stellvertreter eines Königs solche Sprache ertragen. Die preußischen Offiziere griffen an ihre Waffen, um den frechen Franzosen niederzuhauen, der Graf trat dazwischen, wehrte dem Eifer und schied mit den Worten: »Wir respektieren in Ihnen den Vertreter Ihres Kaisers, aber wir verhandeln mit solchem Manne nicht mehr.«

Als der Gouverneur am Abend erschöpft auf dem Lager lag, und sein Vertrauter ihm sagte: »Wie der Franzose die gleißende Höflichkeit aufgab und durch seine Drohungen Sie in Ihrem innersten Leben kränkte, da erkannte ich, wie schwer es ist, die innere Empörung für das gemeine Wohl zu bändigen; ich hätte schwerlich der Versuchung widerstanden, den schlechten Mann niederzuschlagen oder gleich einem Hund wegzustoßen.«

»Loben Sie meine Zurückhaltung nicht,« sagte der Graf, »denn ich fühlte in diesem Augenblick tief die Demütigung, daß ich nicht als freier Herr ihm gegenüberstand, sondern als Diener eines Staates, der nicht in der Lage ist, seine Vertreter vor solcher Beleidigung zu schützen. Hätte ich aber dem Franzosen geantwortet, wie er verdiente, so wäre das dem Kaiser sehr willkommen gewesen, denn er hätte darin eine Veranlassung gefunden, über Verletzung des Völkerrechts und der französischen Ehre zu deklamieren und den Frieden, welchen er widerwillig und mit argen Hintergedanken, nur aus Rücksicht auf andere Mächte, uns bewilligen muß, zu erschweren. Er weiß heute so gut wie wir beide, daß zwischen uns und ihm ein ehrlicher Friede unmöglich ist, für ihn steht die Frage nur so, auf welchem Wege er uns umbringen soll, und für uns, wie wir seiner ledig werden. Er ist uns darin überlegen, daß er in seiner klaren Entschlossenheit genau sieht, wie die Sachen stehen. Beten Sie, Doktor, daß nicht eine Wahrheit werde, was heut der arge Mann von dem Schicksal unseres Königs und des Heeres gelogen hat.«

Nicht alles wurde als Wahrheit bestätigt, aber die Entscheidung war bei Friedland gegen Preußen gefallen durch die Unfähigkeit oder Hinterlist des russischen Feldherrn. Die Kunde, welche der Graf bald vom Prinzen Jérôme erhielt und dem Heere verbarg, verbreitete sich doch mit seltsamer Schnelle. Nach diesem Schlage schwand den Soldaten die Hoffnung und der Mut.

Und der Kampf um die Festung begann. Der Graf hatte mit Aufgebot aller Kraft ein verschanztes Lager auf einer Höhe errichtet, deren Besitz für die Behauptung der Festung entscheidend war.

»Auch Sie erwarten in den nächsten Tagen einen Sturm des Feindes«, sagte der Doktor zu dem Rittmeister, welcher einsilbiger als sonst an seiner Seite ging.

»Mich kränkt's, daß Sie mich gerade in der Arbeit haben, Doktor, und daß ich nicht dabei sein kann. Es ist eine gute Disposition, die der Graf für die Verteidigung jener Höhe dort gemacht hat, aber nach meinem Husarenverstand mutet sie unseren Offizieren und Soldaten allzuviel zu, denn alles bei uns ist noch zu locker. Wer unsern Gouverneur kennt wie Sie und ich, der muß ihn lieben und verehren bis zur Schwärmerei, und ich kenne keinen Mann auf Erden, der so rein und ohne Rücksicht auf sich selbst für seinen König und für andere lebt. Er ist hier wie die Sonne, die uns allen die Kraft zum Leben gibt, er allein, so daß, wenn er uns verlorengeht, in demselben Augenblick alles auseinanderfällt. Er hat nur eine Schwäche, er beurteilt uns alle im Grunde zu günstig. Beachten Sie seinen Blick, er sieht immer still verklärt in die Ferne, das große Ziel hat er fest im Auge und erfinderisch wie ein Dichter ersinnt er hundert Wege und Auskunftsmittel, um dahin zu gelangen, aber nicht so genau schätzt er die Hindernisse, welche ihm bei den nächsten Schritten in dem Wege stehen. Sein ganzes Wesen treibt ihn dazu, der Tüchtigkeit menschlicher Natur zuviel zu vertrauen, und trotz dem großen Scharfsinn, mit welchem er im ganzen die Sachen beurteilt, wird seine Rechnung zuweilen fehlerhaft, weil er die kleinen Reibungen und die Fehler seiner Werkzeuge nicht genug berücksichtigt.«

»Wie vermöchte er dieses Leben auszuhalten,« versetzte der Doktor, »die Unsicherheit, die ganz unerhörte Stellung eines Diktators, wenn nicht ein Zug von Begeisterung und sanguinischem Glauben in ihm wären? Und ich ahne, daß er auch von den Menschen, die ihn umgeben, manches kennt, was er allen verbirgt. Unser bayerischer Freund sagte mir, als er ausgewechselt wurde, beim Abschiede: ›Ich lasse Sie mit Bedauern hier zurück, denn die Braven hier sind alle verraten und verkauft.‹ Darauf erzählte er, daß ihm hier vielerlei für die Franzosen mitgeteilt worden sei, ›einiges Schriftliche habe ich verbrannt,‹ schloß er, ›denn ich habe nicht vergessen, daß ich ein Deutscher bin, und will mich, wenn ich Sie auch als ehrlicher Soldat bekämpfen muß, nicht zum Angeber gegen die Fremden machen.‹«

»Sie haben das doch dem Gouverneur mitgeteilt?« fragte der Rittmeister.

»Hören Sie, was er mir antwortete: ›Wenn man mich mit Schillers Räuberhauptmann verglichen hat, so wissen Sie jetzt auch, daß die Herren Spiegelberg und Schufterle unserer Gesellschaft nicht fehlen.‹«

Ein hoher Stabsoffizier schritt über die Bastion, ein älterer Mann mit einem hageren, bronzefarbenen Gesicht und finsteren, scharf geschnittenen Zügen. Der Doktor und der Rittmeister salutierten; als er vorüber war, stieß der Rittmeister mit innerem Abscheu seinen Säbel auf den Stein. »Das ist er, und er ist vielleicht nicht der einzige.«

»Wie ist es möglich, daß der Graf solche Menschen im Amte duldet, wenn er sie für Verräter hält?« fragte der Doktor bestürzt.

»Er hat sich lange geweigert, den Verdacht gegen sie aufkommen zu lassen, obgleich ihnen niemand traute. Jetzt endlich überwacht er sie. Aber dieser und noch ein anderer haben höheren militärischen Rang als der Graf selbst. Als Stellvertreter des Königs kann er sie, sobald ihr Verrat erwiesen ist, verhaften, im äußersten Fall erschießen lassen, aber so lange er keinen Beweis gegen sie hat, darf er ihnen den Befehl nicht nehmen. Der Gouverneur hat getan, was ihm ganz widerwärtig ist, dort oben in dem Bureau hat er einen geheimen Polizeidienst einrichten müssen, um Beweise gegen die höchsten Offiziere seiner eigenen Garnison zu finden. Es ist ihm bis jetzt nicht gelungen, und glauben Sie mir, das ist seine unablässige Sorge.«

Der Sturm auf das verschanzte Lager hatte begonnen, unter dem rollenden Donner der Geschütze und dem Knattern der Musketen eilte der Doktor zu dem Verbandplatz für die Verwundeten. Jetzt hörte und sah er die Schrecken, welche der Zweikampf der Völker jedem einzelnen bereitet, aber anders als vor einem halben Jahre empfand er das Furchtbare des Krieges, und auf alles gefaßt, sagte er sich: »Wunderlich ist es, daß derselbe Kriegssturm, welcher das Beste im Manne lebendig macht und das Höchste von ihm fordert, zugleich und oft in derselben Seele das Widerwärtigste und Gemeinste großzieht, rohe Wildheit, Geldgier und alle Laster, welche erwachen, wenn die alte feste Ordnung seines Lebens aufhört. Das Erhabenste ist zugleich auch das Schrecklichste, und mit dem Göttlichen in uns wird auch der Teufel mächtig.« Bald nahm die Sorge um die herbeigetragenen Verwundeten ihn völlig in Anspruch.

Am Abend drängten sich die geschlagenen Kompanien mürrisch und mutlos durch das Tor. Die Festung wurde belagert und die Rechnung ging jetzt um den Tag, an welchem sie fallen müsse.

Der Diener hatte den Tisch mit dem Abendessen des Doktors, wie er pflegte, an das Bett des Grafen gerückt, da begann der Kranke: »Ich muß mich Ihrer freuen, solange ich Sie habe. Was jetzt noch zu tun bleibt, ist das schwerste von allem, und doch so widerwärtig, daß niemand es loben wird.«

»Sie werden tun, was Ihre Pflicht ist,« sagte der Doktor, »nicht jede Pflichterfüllung wird durch den Beifall der Lebenden und der Späteren gerühmt. Ich bin gelehrt, daß man bei solcher Erfüllung niemals an den Beifall der Menschen denken soll, nur darauf, daß man der Mahnung des eigenen Gewissens und vernünftiger Erwägung folge.«

»Das ist eine strenge Lehre, mein Freund; auch die Besseren sorgen, vielleicht nicht um den Beifall der Menge, aber doch um die gute Meinung solcher, die ihnen wert sind. Wir Soldaten vollends, bei denen Befehl und Gehorsam so schonungslos sind, brauchen einen starken äußeren Antrieb, damit wir unsere Pflicht tun; der Soldat vermag Anerkennung und Ruhm nicht zu entbehren, und ebensowenig die Furcht vor Strafe, und die höheren Offiziere bedürfen diesen Sporn noch mehr als andere. Wenn Sie fragen, woher es kommt, daß in diesem Jahre gerade unter den Hohen unserer Armee soviel offene Schwäche zutage trat, die bis zum Verrat ging, so gibt es darauf eine kurze Antwort: weil sie vor ihrem guten Könige keine Furcht hatten. Ein General und jeder, der selbständiges Kommando führt und despotisch gebietet über Untergebene, muß im Grund seiner Seele unablässige Scheu hegen vor dem Stirnrunzeln seines Herrn, und dahinter vor Festung oder einer Kugel.«

»Ich selbst bin jetzt in der Lage, an eine Verurteilung und Festungshaft für mich zu denken«, fuhr er mit traurigem Lächeln fort: »Denn, Doktor, es geht mit uns zu Ende. In dem Pulvermagazin fehlt das Pulver, man hat mir seit Monaten falsche Bestände angegeben; ein unsichtbarer Feind hat sich beeilt, diese Hiobspost und andere hier zu verbreiten; den Leuten ist der Mut gebrochen, sie wissen, daß wir nicht mehr imstande sind, ernstem Angriff zu widerstehen. Bedauern Sie mich, denn mir ist auch die letzte Ehre des Soldaten versagt, diese Festung bis zum letzten Laib Brot und zur letzten Patrone zu verteidigen. Ich bin nicht zum Kommandanten der Festung bestellt, sondern zum Gouverneur des Landes. Meine Provinz ist klein geworden, aber außer diesen Steinen habe ich noch einige andere dem Feinde streitig zu machen, und erst auf dem letzten darf ich vergessen, daß ich meinen König und den Staat noch in andern Sachen zu vertreten habe als in militärischen. Dann erst darf ich die Scheide wegwerfen und an nichts denken, als an einen ehrlichen Soldatentod. Jetzt sollte ich diese Festung der Ehre ihres Kommandanten anvertrauen, aber dieser würde morgen dem Feinde das Tor öffnen und dadurch die Wochen, die ich noch gewinnen kann und auf die jetzt alles ankommt, zugunsten der Franzosen preisgeben. Deshalb werde ich die Demütigung einer Übergabe auf meinen Namen nehmen.«

Da vergaß der Doktor seine eigene Philosophie und rief in tiefem Schmerz: »Herr des Himmels, soll eine Übergabe auch hier das Ende sein! Unermeßliche Mühe und Arbeit haben Sie aufgewandt, uns allen sind Sie ein Vorbild geworden der Hingabe an Amt und Beruf. Ihrem Beispiel verdanke ich, daß ich erkannt habe, was ein Mann seinem Vaterlande schuldig ist, und jetzt sollen Sie demselben Schicksal verfallen wie die Schwachen und Schlechten, die anderswo den Befehl hatten? Und Sie sollen nicht unterliegen im ehrlichen Kampfe gegen den Feind, sondern durch elenden Verrat und durch die Gemeinheit anderer? Wahrlich, das ist ein fürchterliches Geschick. Die Ehre, die sich um Ihr Haupt gesammelt, soll Ihnen in der Meinung der Menschen genommen werden durch den Zwang kleiner und nichtswürdiger Verhältnisse.« Er wandte sich in seiner Bewegung ab.

»Sagten Sie nicht soeben,« begann der Graf mit weicher Stimme, »daß man die Pflicht tun soll ohne Rücksicht auf den Beifall der Menschen und nur das eigene Gewissen und vernünftige Urteil anhören?«

»Das habe ich gesagt; ich weiß wohl, daß Sie so handeln werden; aber das Volk bedarf auch Beispiele von Tugend und Größe, die ihm das Herz erwärmen. Und es wird krank, wie wir geworden sind, weil uns so sehr die Männer fehlen, deren Wert man mit Begeisterung empfindet. Sie waren der Mann, meinen schlesischen Landsleuten in finsterer Zeit ein solches Vorbild zu werden, und für mich ist es furchtbar, daß Ihnen durch ein ruhmloses Ende dieses Kampfes die Krone geraubt wird.«

Der müde Mann erhob sich und sprach leise: »Seien Sie ruhig, mein Freund. Was ich bis jetzt nur meinem König vertraut habe, sollen Sie erfahren: ich übergebe die Festung nicht. Wenn ich mit dem Feinde das Übereinkommen schließe, ihm die Tore an einem bestimmten Tage zu öffnen, so tue ich dies, um Zeit für die Verteidigung zu gewinnen. Gegenwärtig sind wir durch Verrat und Entmutigung wehrlos gegen den drohenden Angriff, ich brauche einige Wochen, um das zu bessern. Nur durch den Vertrag mit den Franzosen habe ich die Möglichkeit gewonnen, mich mit unserm Könige in gesicherte Verbindung zu setzen. Diese Verbindung habe ich benutzt, ihn anzuflehen, daß er mir erlaube, nicht mehr sein Stellvertreter im Lande, sondern nur Kommandant dieses Platzes zu sein. Die übermütigen Feinde verletzen jeden Tag den Vertrag, den ich mit ihnen schloß, und jeden Tag darf ich ihnen das nichtige Schriftstück vor die Füße werfen. Und nun wissen Sie, was Ihrer Freundschaft tröstlich sein soll; wenn nicht Friede wird, sollen sie mich lebendig nicht haben. Wir bewahren, will's Gott, dem Könige unsere Berge, oder wir machen dem Feinde die Mühe, uns ein Grab zu schaufeln.«

Die Franzosen drängten, dem abgeschlossenen Vertrage zuwider, während der Waffenruhe näher an die Festung heran; der Graf, welcher unterdes die Schäden an den Werken, an den Vorräten und in den Gemütern seiner Soldaten gebessert hatte, schloß drohend die Tore und verkündete seinen Entschluß, am Ende der Waffenruhe die Feindseligkeiten wieder zu beginnen. Da kam der Friede. Sogleich bestand der Gouverneur darauf, daß die Feinde die Grafschaft und die nächsten Landkreise räumten, und er setzte seinen Willen durch.

Er hatte das Gebiet für Preußen behauptet.

Als der Graf die Bedingungen des Friedens erfahren, lud er eine Anzahl Männer zu sich, welche ihm persönlich nahegestanden hatten. Der Doktor fand einige Offiziere von der früheren Garnison, Offizianten, welche in den Bureaus arbeiteten, adlige Gutsbesitzer aus der Provinz, die in den letzten Monaten sich und ihr Vermögen für den Staat eingesetzt hatten. Der Graf erhob sein Glas, trank die Gesundheit des Königs und sagte: »Wir lassen andere trauern über den Vertrag, welcher jetzt als Friede den Völkern verkündigt wird; wir wissen so gut wie der Herr der Franzosen, daß dies nur ein Waffenstillstand ist, den beide Teile, wir und der Kaiser, gebrauchen, um aufs neue zu rüsten; wir wissen, und der Kaiser ahnt es auch, daß die Feindschaft zwischen ihm und uns eine tödliche geworden ist, die nur enden wird mit der Vernichtung des einen. Wir aber vertrauen dem gerechten Gott, daß wir die Sieger bleiben. Während die Waffen ruhen, bereiten wir uns für den neuen Kampf. Wir haben hier in Not und Enge wie Brüder miteinander gelebt, und treue Genossen bleiben wir einander, wohin uns auch das Schicksal führt. Groß, wie die Niederlage unseres Vaterlandes war, soll auch die Erhebung sein, jeder Preuße, der die Waffen tragen kann, soll ein Krieger werden. Und so scheiden wir voneinander als Männer, welche jederzeit bereit sind, ihr Leben hinzugeben für ihren König und für die Befreiung ihres Vaterlandes. Jeder von Ihnen sammle in dem Kreise, in dem ihn sein Beruf festhält, die Gleichgesinnten. Für mich aber erflehe ich von der Vorsehung als das höchste Glück meines Lebens, daß mir vergönnt werde, Sie wieder um mich zu versammeln an dem Tage, wo wir die Waffen zu neuem Kampfe gegen den bösen Feind erheben.«

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