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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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4. Die Verlobung

Diesem ersten Besuch des Feindes folgten andere, deutsche Bundestruppen des Kaisers, Franzosen und Italiener; die Deutschen aber roher und zügelloser, als die Fremden. Dennoch hielten sie im ganzen in der Stadt so leidliche Manneszucht, daß die Bürger sich verwunderten und erzählten, es sei strenger Befehl des Kaisers, die Städte zu schonen. Jämmerlich aber waren die Botschaften, welche von den Dörfern kamen. Dort hausten die Feinde ganz unmenschlich, alle Gewalttaten und Greuel, welche dem zuchtlosen Sieger möglich sind, wurden begangen. Und wenn der Doktor über Land fuhr, oft angehalten und in eigener Gefahr, hörte er Klagen, die ihm das Herz zerrissen, und sah, was ihn entsetzte, geleerte Höfe, verdorbenen Hausrat, gemißhandelte Frauen und Männer, die an Schlägen und Wunden elend darniederlagen. Dann war sein einziger Trost, daß ein Mädchen, das er lieb hatte, durch die Flucht nach der Stadt davor bewahrt wurde, solches Elend in der Nähe zu schauen.

Des Abends standen die Leute jetzt in Haufen auf dem Stadtwall trotz Kälte und Schnee, und horchten schweigend in die Ferne. Wenn der Wind den Schall herzutrug, konnte man das dumpfe Dröhnen schwerer Geschütze hören, welche der Feind gegen Festungsmauern und gegen die Häuser umschanzter Städte richtete.

Weihnachten kam heran; nach altem Brauche trugen die Kinder aus dem Walde große Moospolster herzu, legten sie auf Bretter und steckten mit spitzigen Hölzlein bunte Bilder hinein, in der Mitte das Christkind mit Maria und Joseph, Ochs und Eslein und an die Seiten Schäfer und ihre Herden, darüber aber hingen sie einen großen goldenen Stern und Engel, welche auf einem Papierstreifen die Inschrift wiesen: »Gloria in excelsis«. Solchen Bau hatte der Doktor als Kind jedes Jahr zusammengefügt. Als jetzt die Knaben seiner Wirtin das Moos aus dem Walde heimbrachten und ihm fröhlich vorzeigten, wurde mit dem kräftigen Waldgeruch die ganze Freude und Sehnsucht der Kinderzeit in ihm wach; er setzte sich zu ihnen und half bei der künstlichen Arbeit, schnitt, wie sie, die Bilder und lehrte sie eine offene Hütte zu pappen, in welcher die ruhmvolle Krippe des Christkindes aufgestellt werden konnte. Aber während er sich aus den Schrecken der Gegenwart hineinzuträumen suchte in den glückseligen Frieden der Kinderarbeit, kam ihm vor, als vernehme er den dumpfen Schall ferner Schüsse, er sah die tödlichen Geschosse in feurigem Bogen herniederbrechen in die Wohnungen friedlicher Menschen, er sah abgehärmte Gestalten in den tiefsten Gewölben der Häuser kauern, und er fragte sich in tiefer Empörung: Du heiliger Lehrer, dessen Geburt die Kleinen im kindischen Spiel darstellen, du fordertest Liebe und Frieden auf Erden. Deiner hohen Lehre stimmt alles Holde und Freundliche in unserem Herzen zu. Hat sie recht? Oder ist Kampf und Streit der Nationen als eine ewige Notwendigkeit von der göttlichen Vorsehung geboten, und müssen wir im Kriege töten und uns töten lassen, um in friedlicher Zeit menschenwürdig zu leben? Sind die Greuel dieses Jahres nötig, und kann ein Mensch das Recht haben, dies Fürchterliche über Millionen andere heraufzubeschwören? Und wenn er sich antwortete: Dies Leid ist der Preis, den der Mensch dafür zahlt, daß er einem Volke angehört und einem Staat, und Krieg ist der Zweikampf der Völker, der als das geringere Leiden an die Stelle getreten ist einer rohen Selbsthilfe der einzelnen, welche unablässig zerstört; dann blieb er vor der Frage stehen: Wie weit bin ich als einzelner schuldig, mich dem Kampfe meines Heimatstaates hinzugeben? So dachte er, über Moos und Fichtenreiser des Waldes gebeugt, aber die Antwort fand er nicht.

Dieselben Festungen, um welche in den Kriegen Friedrichs des Großen der Kampf getobt hatte, wurden jetzt von den Franzosen belagert. Bei jeder hofften die Städter, daß die Kriegskraft der Fremden, die in der Provinz nur mäßig war, an den Bastionen zerschellen würde, doch eine Festung nach der andern wurde von schwachen Kommandanten, lange bevor die Not dazu zwang, dem Feinde ausgeliefert. Als aber die Hauptstadt des Landes trotz dem Widerspruch, den mutige Bürger erhoben, übergeben ward und der Feind zugleich mit der Stadt auch die Regierung des Landes in Besitz nahm, da drang auch in die Seelen der Bessern die Mutlosigkeit. Und von da folgte in den öden Wintertagen eine Unglücksnachricht der andern, nichts schien festzuhalten, worauf man gehofft hatte, nicht die Mauern, nicht die Menschen. Dem Feind gehörte die ganze Provinz, nur im Süden widerstand noch ein schmaler Landstrich: die Festungen an Österreichs Grenze und die Berge der Grafschaft Glatz; auch diese, wie man annahm, nur deshalb, weil es den Franzosen an Belagerungsgerät und Mannschaft fehlte.

Aus der Hauptstadt aber kamen immer neue Erzählungen von dem Übermute der Sieger, den Erpressungen der Befehlshaber; der eine hatte alles Silbergeschirr aus dem Laden eines Goldschmieds für sich requiriert, ein anderer brauchte täglich ein Faß Wein, sich darin zu baden; die königlichen Offizianten wurden mit kaltem Hohn wie Bediente behandelt, vornehme Gutsbesitzer standen demütig harrend im Vorzimmer der Fremden und erbaten als Gunst, ihnen Feste veranstalten zu dürfen. Von dem König aber und von dem Heere, die weit entfernt im äußersten Norden lagerten, drang selten eine Kunde in das Land.

Viele gaben die Hoffnung auf, daß das alte Wesen jemals wiederkehren werde, und nicht wenige freuten sich darüber. Mancher, den die schlechte Zeit wundgedrückt hatte, dachte, daß es nützlicher sei, den Sieger zum Freunde und Herrn zu haben, als den schweren Druck länger zu ertragen.

Denn das meiste, was der Bürger bis dahin mit scheuer Ehrfurcht betrachtet, hatte sich verächtlich gezeigt. Streng waren die Kleinen bevormundet worden, jetzt waren die höchsten Behörden, die ersten Offiziere in ihrer hohlen Eitelkeit und in der Erbärmlichkeit ihres Charakters erwiesen. Darüber klagte das warmherzige Volk mit Bitterkeit und die Schlechten mit hämischer Freude. Wenn einer der Gutsherren, der einen Sohn beim Heere hatte, nach der Stadt kam, so waren die Leute nicht mehr willig, die Mützen zu ziehen; sie wiesen vielleicht hinter seinem Rücken mit Fingern auf ihn und flüsterten sich zu, wie er sich die Einquartierung abgekauft und wie er bei den Feinden zu Hofe gegangen war.

Auch das neue Wesen der Fremden, welches so gewaltig der alten Ordnung überlegen war, dünkte vielen stärker und besser. Ja, der Kaiser verstand aufzuräumen; er würde durch wenige Federstriche den Stolz der Herren abschaffen, die mit Läufern durch die Straßen zogen und ihre untertänigen Leute zwangen, ihnen zu dienen, gleich als ob diese Negersklaven wären. Nicht nur in den Schenken, wo loses Volk verkehrte, auch in den Häusern studierter Männer, welche sich ihrer Wissenschaft und ihrer Erfahrung im Staatsdienst rühmten, vernahm man das Lob des Kaisers, und wenn deutsche Offiziere, die in französischem Dienst standen, in einer Gesellschaft seine Gesundheit ausbrachten, so schrien auch schlesische Landeskinder ihr Hoch dazu.

Und etwas Unerhörtes geschah; das ganze Land füllte sich mit Spionen. Die Fremden verstanden mit einer teuflischen Fertigkeit, die sie in anderen Ländern erworben hatten, schwache Menschen als Zuträger zu gewinnen; überall schlichen sich französische Agenten ein. Wer in größerer Gesellschaft ein freies Wort wagte, der lief Gefahr, angezeigt zu werden. Man wußte, daß hier und da jemand bei Nacht aufgehoben und nach der Hauptstadt geführt war. Vorsichtig und scheu gingen die Leute aneinander vorüber, ein Nachbar traute nicht mehr dem andern.

In der Stadt lebte ein pensionierter Rat, der wenig beliebt war. Man sagte, daß er wegen grober Amtsvergehen seinen Abschied erhalten habe. Dieser Mann suchte jetzt die Gesellschaft des Doktors, erzählte viel und laut von seinem Patriotismus und fragte den Doktor, der ihn kalt behandelte, nach seinen Ansichten.

»Lassen Sie sich nicht mit dem ein,« sagte einst die Gastwirtin vertraulich, »es geht mich nichts an, aber die Leute erzählen, daß er insgeheim mit dem Feinde zusammensteckt. Wenn Sie viel mit ihm gesehen werden, so kommen auch Sie ins Gerede.«

»Wenn er in solchem Verdacht steht,« versetzte der Doktor erstaunt, »wie können die Honoratioren ihn an ihrem Tische und in der Unterhaltung neben sich dulden?« Die Wirtin zuckte die Achsel. »Sie mögen es wohl aus Furcht tun.« Als der Doktor den Einnehmer deshalb befragte, antwortete dieser: »Ich rede nicht mit ihm, früherer Geschichten wegen, ob er spioniert, weiß ich nicht; aber glauben Sie mir, die ärgsten Spione sind unsere Oberbehörden, welche aus reiner Feigheit sich und die ganze Verwaltung den fremden Schuften in der Hauptstadt zu Füßen legen.«

Das nächste Mal begann der Doktor traurig:

»Es geht mit unserm Widerstand zu Ende. Die letzten Truppen, welche sich noch in der Grafschaft hielten, sind über die böhmische Grenze gesprengt.«

Der Einnehmer zuckte die Achseln: »Ich werde wohl nicht mehr lange über Steuern quittieren. Zwei Könige haben mit ihrem Stock dies Wesen zurechtgeschlagen, unter zwei andern ist es verloddert. Ich sage Ihnen, Doktor, der fühlende Mensch soll sich um diese Dinge nicht grämen.«

»Um was denn sonst?« fragte der Doktor.

»Um nichts,« antwortete der Einnehmer, »dem Weisen darf nichts auf Erden den Appetit verderben.« Beide saßen einander schweigend gegenüber.

Wieder begann der Jüngere: »Ich las, wie ein wohlmeinender Schriftsteller die Deutschen tröstend ermahnt, daß ihnen doch die Herrschaft bleibt im Reiche des Geistes, in der Wissenschaft und Poesie. Darin kann kein anderes Volk sich mit uns messen, und unsere heimische Art lebt sicher fort in unserer Muttersprache.«

»Auf der andern Seite der Oder reden sie polnisch, jenseits des Gebirges böhmisch, und unsere Edelleute freuen sich, wenn sie französisch parlieren können; erzählen Sie doch den Bürgern und Bauern von der Größe unserer Wissenschaft und Dichtkunst!«, antwortete der Einnehmer.

Wieder langes Schweigen. »Wohlan,« ermutigte sich der Doktor, »aus Trübsal und Gefahren steigt ein neues Leben empor; was unhaltbar war, fällt um uns in Trümmer. Die eigennützige Politik der Kabinette hat ihre Schwäche erwiesen. Die Schranken, mit welchen die Nationen voneinander getrennt wurden, sind gebrochen; für die Völker kommt jetzt eine Zeit brüderlicher Vereinigung.«

»Das sagen ja die Franzosen immer,« versetzte der Einnehmer, »und dabei treiben sie den Bauern die Kühe aus dem Stalle und raffen unsere sauer verdienten Groschen in ihre Tasche.«

»Auch der Kaiser, welcher jetzt mit seiner Geißel auseinanderwirft und zerschlägt, ist der Diener einer höheren Macht; er zwingt uns zur Buße und Einkehr in uns selbst, denn er lehrt uns, daß vieles, was wir in schlaffer Gutmütigkeit aus der Vergangenheit bewahrt haben, ein Unrecht geworden ist. Ob er bestimmt ist, ein besseres Leben bei uns heraufzuführen; wer wagt das zu entscheiden?«

»Das wage ich, als königlicher Steuereinnehmer, indem ich Ihnen im Vertrauen sage, daß ich ihn für einen Schurken, einen Dieb und Einbrecher halte. Aber andere unserer großen Herren sind nicht viel besser. Er nimmt's dreist in Scheffeln, die andern furchtsam in Löffeln. Und ich wiederhole Ihnen, der Weltlauf war immer so, und nur in seinen vier Wänden vermag der Mensch glücklich zu sein. Zuweilen hilft dazu ein Glas Wein.« Er trug eine Flasche Ungar heran. »Das trinken wir aus,« ermahnte er, »sonst holen es am Ende die Volksbeglücker.« Die Freunde setzten sich zusammen. Der Wirt wollte nicht von Politik reden und erzählte kleine schnurrige Geschichten, denen der Gast mit halbem Ohr zuhörte. Beide Weltbürger, der, welcher sich aus der gemeinen Außenwelt in die Stille des Hauses retten wollte, und der andere, der nach dem Haß der Könige eine Freundschaft der Nationen erwartete, sollten noch erfahren, daß sie selbst Besseres zu tun hatten, als über den Fall ihres Staates traurig nachzudenken.

 

Auch der Doktor hatte mühevolle Tage. Es gab viel Krankheit in den ausgesogenen Dörfern, die Wege waren unsicher geworden und nächtliche Fahrten galten für gefährlich. Er fuhr mit Säbel und Pistole bewaffnet zu seinen Kranken; aber die einsamen Reisen unter dem Nachthimmel waren ihm ganz recht. Wenn der Schneesturm um seinen Schlitten heulte und wenn die Wintersonne auf das weiße Bahrtuch schien, in welches die Landschaft gehüllt war, sann er ernsthaft über die großen Fragen, welche den Menschen beschäftigen, wenn er zertrümmern sieht, was ihm bis dahin lieb und ehrwürdig gewesen ist.

Als er bei einem Krankenbesuch auf dem Lande wieder Klagen über die Roheit und Raubsucht der Feinde angehört hatte, sagte der Bauer endlich: »Woanders ist es noch schlimmer hergegangen; bei dem Herrn Senior haben sie arg gehaust und er ist kaum mit dem Leben davongekommen.« Da befahl der Doktor dem Kutscher, sogleich nach dem Pfarrdorf zu fahren.

Der Weg bog von der Landstraße ab, zur Seite die wüste Stätte und das Dorngebüsch um den verfallenen Brunnen, dahinter der alte Ringwall. Über dem Deckel des Brunnens hämmerte der alte Christian. Der Doktor ließ halten: »Wie geht's in der Pfarre, Schäfer?« Der Alte schüttelte den Kopf: »Der Herr Senior will durchaus, daß ich den Deckel wieder festschlage; die Arbeit ist doch vergebens. Sie leidet's nicht mehr.«

»Wer will's nicht leiden?« Der Mann wies scheu in den Brunnen hinab. »Die einst hier heruntersprang.« Er warf die Axt weg: »Hier fing das Unglück an. Am Morgen kam die Magd mit der Nachricht gelaufen, der Brunnen wäre offen und das Holz nirgends zu finden. Der Herr meinte, es sei hineingestürzt. Es war ganz fest, sagte ich; ich selbst habe in den letzten Tagen daran gefaßt, wie können die Bohlen hinunterfallen? Dann haben Fremde dort nach Wasser gesucht, sagte der Herr, griff nach seinem Hut und ging selbst zur Stelle, doch war nirgends etwas zu finden. Und gleich darauf kamen die Räuber und Mörder über uns. Ach, und unser armes Fräulein!«

»Fahr zu, Kutscher«, schrie der Doktor in der Ahnung eines Unheils. Als er in den Hof einfuhr, fand er dort den Staatswagen des Kammerherrn. Der Bediente grüßte und berichtete ungefragt, daß die gnädige Frau zum Besuch beim Pfarrfräulein sei. Der Doktor wurde in die Amtsstube des Seniors geführt. »Erst auf dem Wege hierher habe ich vernommen, daß Sie in Gefahr gewesen sind.«

»Es war eine schwere Zeit,« antwortete der Geistliche, welcher kränklich und gebeugt vor ihm saß, »und ich besorge, die Prüfungen sind noch nicht zu Ende. Es ist uns im vorigen Herbst und Winter übel zugesetzt worden. Zuerst kamen kleine Kommandos, sie nahmen uns das Vieh aus den Ställen, kaum daß den Frauen gelang, die letzte Milchkuh zu verstecken; bis endlich an einem Sonnabend, da ich gerade memorierte, das Unglück hereinbrach.« Er hielt inne und sah den Doktor unruhig an. »Wir sind Ihnen bereits Dank schuldig, und Ihr Besuch erscheint mir wie eine Fügung des Schicksals; ich weiß, daß meine Henriette großes Vertrauen zu Ihnen hat, und es könnte sein, daß wir bald einmal Ihre Hilfe für sie erbitten müssen.«

»Ist sie krank?« fuhr der Doktor auf.

»Ich fürchte, obgleich sie im Hause umhergeht wie sonst.« Er hielt wieder inne. »Dem Arzte soll man mit Vertrauen entgegenkommen,« fuhr er, sich selbst ermutigend, fort, »und ich will Ihnen alles erzählen, wovon wir sonst ungern reden. An jenem Sonnabend war der Hof im Augenblick durch wilde Gestalten, durch Pferde und schreiende Soldaten gefüllt; sie drangen in die Stube mit wütenden Gesichtern und rohen Flüchen; der ganze Haufe war betrunken, leider waren es Deutsche. Sie hielten mir Pistolen an die Schläfen, drehten das Tuch um meinen Hals, um mich zu ersticken, und forderten das Geld und Silberzeug.

Während meine Frau zitternd in der Kammer herbeisuchte, was sie begehrten, hielt mich die Tochter fest umschlungen, um meinen Leib vor den Schlägen der Bösewichter zu schützen. Aber zwei, die Offiziersepauletten trugen, rissen sie von meinem Herzen und wollten sie mit rohen Liebkosungen zur Stube hinausziehen. Da hörte ich in halber Ohnmacht, wie unsere alte Magd, die an der Tür auf den Knien lag, jemanden anschrie: ›Herr, rettet unser junges Fräulein!‹ In dem Augenblick sprang ein junger Offizier über die Schwelle, ein schöner Mann, wie vom Himmel kam er. Er sah sich in der Stube um und schlug den Bösewichtern, welche mich quälten, die Pistolen zur Seite, und wie mein Kind, welches gebrochen auf den Knien lag, von den zwei Wüterichen fortgeschleift wurde, fuhr er auf diese zu und gebot ihnen mit flammendem Blick: ›Lassen Sie das Mädchen los.‹ Als die beiden sich unter Flüchen weigerten, packte er den Frechsten bei der Brust, warf ihn zurück und rief: ›Wagt es, ihr Hunde, die Braut eines französischen Offiziers anzurühren.‹ ›Braut?‹ schrien die andern, ›Lügner! Schlagt den französischen Windbeutel nieder.‹ Der Franzose zog seinen Säbel heraus und sagte jetzt ganz ruhig: ›Ich ersuche alle Anwesenden, Zeugen meiner Verlobung zu sein.‹ Er beugte sich zu meiner Tochter herab, welche im Schoß der Mutter auf dem Boden lag, zog ihr den Ring vom Finger, der ein Geschenk ihrer Pate war, und steckte ihr einen andern an, den er an der Hand trug. ›Herr Pfarrer, so verlobe ich mich mit Ihrer Tochter,‹ sagte er, und gleich darauf fuhr er die beiden Bösewichter an: ›Hinaus.‹ Unterdes waren einige seiner Leute in die Stube gedrungen, hatten die Marodeure aus dem Hause gejagt und bewachten die Tür. Es wurde still, wir hörten in unsrer Betäubung Säbelgeklirr aus dem Hofe. Kurz darauf kam der französische Offizier zurück und rief meiner Tochter zu: ›Der Elende wird Sie nicht mehr belästigen.‹ Er hatte ihn dort bei der Scheune zum Tode verwundet. Der Mensch starb wenige Stunden darauf und wurde von seinen Leuten in aller Stille auf einem Karren fortgeschafft.« Der Senior wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch sein Zuhörer barg das Gesicht hinter der aufgestützten Hand.

»Meiner Tochter lief der Schauder durch die Glieder,« fuhr der Geistliche fort, »der Franzose redete ihr tröstend zu: ›Armes Mädchen, fassen Sie Mut, es soll Ihnen kein Leid mehr geschehen‹; er hob sie auf und übergab sie der Mutter. Sie wurde aus dem Zimmer geführt. Als wir allein waren, fuhr der Offizier fort: ›Für die nächsten Tage lasse ich Ihnen einen zuverlässigen Mann als Sauvegarde im Haus, und später, hoffe ich, sollen Sie von aller Einquartierung verschont bleiben.‹ Er rief einen seiner Reiter herein, es war ein alter Haudegen von sehr gutem, kriegerischem Aussehen. Bisher hatte der Offizier deutsch geredet, wenn auch mit fremder Aussprache, mit dem Alten besprach er sich französisch. Dann wandte er sich wieder zu mir: ›Was hier vorgefallen ist, zwingt mich, sogleich aufzubrechen, um Sie und mich selbst zu sichern. Ich bitte Sie, bevor ich scheide, um ein Glas Wein; ich wünsche, die Gesundheit meiner Braut zu trinken.‹ Als er trank, lief ihm vom Arme das Blut herab. Und als er aufbrach, sagte er noch, meine Hand ergreifend, in seinem fremdartigen Deutsch: ›Mein ehrwürdiger Vater, als ich die Heimat verließ, hatte ich eine Schwester, welche Ihrer Tochter ähnlich war, und einen Vater mit weißem Haar, gleich dem Ihren, und es sah in der Stube fast so aus, wie hier.‹ Und meinen Dank unterbrach er mit den Worten: ›Grüßen Sie meine Braut und sagen Sie ihr, wenn ich wiederkomme, werde ich fragen, wann sie Hochzeit machen will‹, und ein französisches Lied singend, ritt er mit seinen Leuten von dannen. Doch einen Empfehlungsbrief für spätere Einquartierung hat er zurückgelassen.« Der Senior holte ein Papier aus dem Schreibtisch und wies es dem Doktor. Es war ein offener Brief in französischer und deutscher Sprache, worin der Unterzeichnete seine verlobte Braut und deren Eltern der Ehre aller Kameraden empfahl. Die Unterschrift war »Dessalle, Kapitän«, mit Angabe des Regimentes.

Der Doktor legte das Blatt auf den Tisch, er wußte jetzt, woher der Ring mit dem Vergißmeinnicht kam, und er wußte auch, wo die Armwunde empfangen war, die er verbunden hatte. »Und Sie haben später von diesem Dokument Gebrauch gemacht?« fragte er mit klangloser Stimme.

»Es hat uns einigemal in der Not gute Dienste geleistet«, antwortete der Geistliche gedrückt.

»Sie haben dadurch die Verlobung Ihrer Fräulein Tochter mit dem Fremden anerkannt,« sagte der Doktor traurig; »hat auch Fräulein Henriette ihre Zustimmung ausgesprochen?«

»Sie hat nie ein Wort dafür und dagegen gesagt, den Ring des Fremden hat sie abgezogen und verwahrt ihn in ihrer Kommode. Lange war sie auf den erlittenen Schreck bettlägerig; als sie wieder zu einigen Kräften kam und die Mutter von dem Unglückstage anfing, brach sie in Schluchzen aus und geriet in solche Aufregung, daß wir bis jetzt vermieden haben, davon zu reden, sie selbst erwähnt niemals den Offizier.«

»Hat Kapitän Dessalle seit jenem Tage sich nicht wieder gezeigt?«

»Nein. Einmal hat er mir in kurzem Billett angezeigt, er sei verhindert, uns wieder zu sehen, da er im Dienst verschickt werde.«

»Darf ich mir die Frage erlauben, wie Sie selbst die dreiste Tat des französischen Offiziers ansehen und was Sie ihm gegenüber und vielleicht vor andern zu tun gedenken?«

Der Senior faltete die Hände. »Ich stelle alles dem Willen des Höchsten anheim, er wird es wohlmachen.«

Dem Doktor empörte sich das Herz über solche christliche Ergebenheit.

»Die Heimsuchung ist über mein Haus gekommen, wie über unser Volk,« fuhr der Senior fort, »der Kaiser hat alles zerschlagen, worauf wir vertrauten, und niemand vermag zu sagen, ob er nur wie ein Skorpion ist, mit dem wir gezüchtigt werden, oder ob er ein Bote der Vorsehung ist, um uns, wenn auch wider unsern Willen, zu einem besseren Glücke zu führen. Ist er nur ein Werkzeug der Zerstörung, so wird Gott ihn finden und zerbrechen, wird er ein großer Reformator in irdischen Dingen, so wird er sich auch unsern Dank verdienen, und die Herzen werden sich ihm freudig zuwenden.«

Es war wenige Tage her, da hatte der Doktor, welcher jetzt in tiefer Empörung dem Alten gegenüber saß, ganz ähnliches gedacht; heut tönten ihm die Worte wie Vaterlandsverrat in das Ohr. Er verstand wohl, was der Senior vor ihm nicht aussprach; der fromme Mann hatte in seiner Ergebenheit bereits bei sich ausgemacht, daß der Herr ihm vielleicht einen Offizier des Kaisers als Schwiegersohn bestimmt habe, und er war bereit, ihn zu empfangen. Schmerz und Zorn wurden in dem Doktor so übermächtig, daß er vergebens nach Worten rang.

Es war ein langes, unfreundliches Schweigen.

»Die Frau Kammerherrin hält die Meinigen lange auf«, sagte der Pastor, nach der Türe sehend.

Der Doktor erhob sich. »Was Sie mir mitgeteilt haben, werde ich als Geheimnis bewahren. Ist das Leiden Ihrer Fräulein Tochter eine Folge des großen erlittenen Schreckens, so haben Sie Heilung von der Zeit zu hoffen; hat die Störung ihrer Gemütsruhe einen anderen Grund, so wird ihr Leiden nur beseitigt werden, wenn der Grund des Kummers wegfällt. Als Arzt vermag ich nur dann zu raten, wenn Fräulein Henriette sich entschließen kann, mir so weit ihr Vertrauen zu schenken, als der Arzt in solchem Falle beanspruchen muß. Darum lasse ich sie herzlich bitten. Es wird gut sein, wenn Sie ihr dies vorher mitteilen.« Als er die Stube verließ, fuhr der Wagen des Besuches ab. Henriette stand auf den letzten Stufen der Treppe. Da sie den Gast erkannte, wich alles Blut aus ihrem Gesicht, und sie hielt sich an dem Treppengeländer fest. Er blickte sie traurig an, grüßte schweigend und förmlich und stieg in den Wagen. Er sah nicht mehr, daß das Mädchen sich über die Treppe beugte und in lautes Schluchzen ausbrach.

Der Doktor drückte sich in eine Ecke des Wagens und versuchte, an alles mögliche andere zu denken, um die bitteren Empfindungen zu betäuben. Ihn übermannte fast die Trauer, daß sie jetzt vielleicht unglücklich war durch den übermütigen Einfall eines Fremden. – Doch wahrlich, es war Torheit, sich um dies Abenteuer zu grämen. War der Fremde nur ein frecher Taugenichts, so durfte der Ringwechsel aus dem Stegreif unter keinen Umständen ihre Zukunft bestimmen, und war er ein Mann von Ehre, so verstand es sich von selbst, daß die Sache keine weiteren Folgen hatte. Aber er war ihr Retter! »Wie vom Himmel kam er«, sagte der Vater. So dachte wohl auch die Tochter. Es war natürlich, daß ihr der Franzose lieb geworden war, dessen Ring sie bewahrte. – Und welches Recht hatte denn er selbst an das Mädchen?

Er rang in seinen Gedanken gegen das Neue, das wie ein giftiger Qualm seine Hoffnung auf Liebe und Glück verdorren machte. Und je länger er sich mühte, um so wilder wurde der Sturm in seinem Gemüt, bis ihm sein ganzes Leben entweiht und zerbrochen dünkte.

So kam er nach Hause und warf sich den Rest der Nacht ruhelos auf seinem Lager umher. Kalt und grau war der Morgen, und die finstere Entsagung, zu der er sich zwingen wollte, wurde immer wieder durch das Auflodern eines wilden Schmerzes gestört. Nur ein Strahl von Hoffnung fuhr zuweilen durch das Dunkel in seiner Seele: Henriette selbst würde seinen Beistand begehren. Aber Tag auf Tag verrann, und vom Pfarrdorf kam keine Botschaft.

Wohl aber traf er mit dem Kammerherrn zusammen, der ihm erzählte: »Meine Frau hat bedauert, neulich bei dem Herrn Senior Sie nicht gesehen zu haben. Das ist ja eine ganz poetische und romantische Begebenheit. Dem Fräulein darf man, abgesehen von der gegenwärtigen Kriegslage, zu der Partie gratulieren. Ich war im Auftrag der Stände genötigt, mit den Franzosen zu verhandeln. Da erkundigte sich der Prinz selbst nach der Familie des Seniors und rühmte den Bräutigam mit warmen Worten.«

»Und wie erwähnt Fräulein Henriette den Franzosen?« fragte der Doktor kalt.

»Sie hat meine Frau mit Tränen gebeten, über die ganze Angelegenheit gegen sie selbst und andere zu schweigen. Dies Zartgefühl macht ihr Ehre bei der jetzigen Unsicherheit aller Verhältnisse. Ich zweifle aber nicht, wenn erst der Friede geschlossen ist, wird sich dort alles günstig gestalten. Meine Frau ist bezaubert von der Haltung und Liebenswürdigkeit des Mädchens.«

So war es entschieden. Ein kurzer Traum von Liebe und Glück! Sonne und Mond verklärten den Friedhof so freundlich mit ihrem Licht, das Ende ist doch ein Grab für Liebe und Hoffnung; kurz war die Seligkeit, und ihr folgt ein ödes Leben voll von Entsagung. So dachte der Doktor daheim, er trat aus dem Sternenlicht in den dunklen Schatten und barg sein Gesicht in den Händen.

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