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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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3. Es wird Krieg

Es sah nach Krieg aus. Zuerst wurde diese Möglichkeit an der bewaffneten Macht erkennbar, die Offiziere drillten eifriger, schritten noch stolzer als sonst durch die Gassen und wurden in der Weinstube lästig, weil sie mehr tranken und wetterten und allzuoft das französische Gesindel mit kräftigen Worten aufrieben. Auch unter den Honoratioren war die Heiterkeit geschwunden; es wurde viel leise geredet und es gab heftige Erörterungen. Der Stadtdirektor klagte über die Arbeitslast und der Einnehmer fand keinen Beifall, als er erzählte, der Hauptmann habe die Kompanie angelernt, nur immer geradeaus auf Napoleon loszurücken und diesen durch Pelotonfeuer zu erschießen.

Dennoch erschreckte die Nachricht, daß der Krieg erklärt sei. Wurde er auch, wie jedermann wußte, in weiter Ferne geführt, so handelte es sich diesmal doch um weit mehr, als um einen Marsch nach Polen. Die Kompanie sollte ausrücken. Die Offiziere hielten am Abend vorher mit einigen Bekannten vom Landadel ein festliches Gelage und die Soldaten empfingen von dem guten Willen der Quartiergeber eine letzte Mahlzeit. Am Morgen schlug der Tambour Reveille durch die Straßen und die Soldaten eilten aus den Quartieren, die älteren begleitet von ihren Frauen und Kindern, welche bitterlich schluchzten. Als sich nach langen Vorbereitungen die Kompanie in Bewegung setzte, schritten die Offiziere mürrisch und durch die schlaflose Nacht verstört dem Tore zu, und die Angehörigen der Kompanie drängten, das Geleit gebend, zu beiden Seiten. Auch die Schwester des Hauptmanns, das kleine Fräulein von Buskow, zog in ihrer schwarzen Enveloppe auf dem Bürgersteige vorwärts, um ihrem Bruder noch so lange als möglich nahezubleiben, und die Leute, welche wußten, daß sie heut das beste Recht hatte, wichen, wo sie ging, teilnehmend zur Seite. Die Soldaten aber brachen rechts und links aus und nahmen noch einmal von ihren Frauen und Mädchen Abschied, viele mit nassen Augen; nur die Polen unter ihnen, welche aus Südpreußen als Rekruten zugeführt waren, sahen gleichgültig geradeaus und hofften in der Stille auf eine Gelegenheit, dem verhaßten Dienst zu entweichen. Die Bürgerschaft aber, jung und alt, stand fast vollzählig auf der Straße oder an den Türen und rief den Scheidenden Grüße zu. Oft waren Offiziere und Mannschaft ihnen verleidet gewesen, heut dachten sie doch daran, daß die armen Leute in Gefahr und Tod gingen, viele Quartierwirte steckten ihren Soldaten auf dem Wege gefüllte Flaschen zu, und Fleischer Beblow versprach dem seinen noch am Tore zweimal wöchentlich Kost für Weib und Kind.

In den nächsten Wochen kam den Bürgern ihre Stadt still und leer vor; sie vernahmen nicht mehr die täglichen Signale der Garnison, nach welchen sie sich gerichtet hatten fast wie die Soldaten, und sie spotteten, daß alte Zunftgenossen, welche in ihrem Erwerb zurückgekommen waren, mit einem unförmlichen Säbel an der Seite den Wachtdienst bei den Toren versahen. Zuweilen kamen noch durchziehende Truppen, und lange Reihen von Proviantwagen rasselten auf dem Pflaster, auch die Schwadron, bei welcher der Baron stand, ritt durch die Stadt, und der Leutnant hielt vor der Frühstücksstube an, ließ sich ein Glas Wein auf das Pferd reichen, schleuderte das geleerte Glas großartig auf die Steine und jagte seinen Reitern nach. Doch blieb die Schwadron nicht lange aus; an einem Mittag war sie wieder da und zog langsam, ohne Begeisterung, in entgegengesetzter Richtung zurück. Täglich umstanden die Leute das Posthaus und drängten sich nach Briefen und Zeitungen. Aber in den Zeitungen war wenig zu lesen, nur zahllose Gerüchte kamen aus den großen Städten, meist Gutes verheißend; und wenn jemand auswärts gewesen war, liefen die Leute an den Wagen des Heimkehrenden und fragten ihn aus. Eine schwüle Erwartung lastete auf den Gemütern, jedermann hoffte, wenn er mit andern zusammen war, das Beste und redete tapfer, aber im geheimen fühlte jeder Zweifel und Bangen.

Der Doktor hatte das Haus des Seniors durch die ganze Zeit nicht besucht; ihn hielt das Zartgefühl ab, ungeladen in eine Familie zu treten, in welche er nur als Arzt gerufen worden. Einmal aber war er auf der Landstraße dem Wagen begegnet, worin der Senior mit seiner Tochter saß. Da war er von seinem Sitz gestiegen und hatte schnell in den andern Wagen hinein nach dem Befinden der Frau Pastorin gefragt. Es wurde nur ein kurzer Austausch von Frage und Antwort, aber der Vater lud zu einem Besuche ein, sobald ihn der Weg in die Nähe führe. Der Doktor sah in ein liebes Antlitz, hörte den Ton einer sanften Stimme und erkannte – durfte er sich's gestehen? – die Freude, welche Henriette bei der Begegnung fühlte. Das war für ihn ein glücklicher Tag gewesen. Dann kamen Kriegsgeräusch und Sorge. Jetzt ließ es ihm keine Ruhe, er mußte wissen, wie sie im Pfarrhause diese Wochen gespannter Erwartung verlebten.

Als er aus dem Wagen sprang, stand sie auf der Schwelle. Der Korb, den sie hielt, entglitt ihrem Arm, aber sie trat dem Gast gleich darauf mit strahlenden Augen entgegen. Keines wußte recht, was es bei der Begrüßung sagte, doch beide fühlten in der Unruhe sich so froh und glücklich, daß sie nicht das wilde Gebell des Hofhundes vernahmen und nicht die Frage des Kutschers, ob er ausspannen solle. Das Mädchen gedachte zuerst ihrer Pflicht, sie löste die Hand, welche er festhielt, aus der seinen, aber ihm war, als wollte sie ihn mit sich hineinziehen. Unterdes gebot die Stimme des Vaters: »Halte den Herrn Doktor nicht auf, wir sind auch da, ihn zu begrüßen.« Wie ein alter Freund trat er in das Haus, setzte sich vor allem zur Frau Pastorin, die er außer Bett fand, und empfing ihren Dank und ausführlichen Bericht über die besiegte Krankheit, während Henriette herantrug, was in einem gastfreien Pfarrhause für den Gast zu finden war. Der Doktor hing mit seinen Augen an jeder Bewegung des lieben Mädchens, und ihm kam vor, als schwebe sie gelöst vom Erdboden über die Schwelle. »Sie hat darauf bestanden, heut eine Babe zu backen,« sagte die Mutter zufrieden, »es muß ihr geahnt haben, daß ein lieber Besuch kommen würde.« Henriette nickte fast unmerklich mit dem Haupte. Der Senior dankte nochmals für das schöne Bild, welches jetzt prächtig über dem Sofa hing, und kam dabei natürlich auf Doktor Luther. Aber er setzte von diesem mit einem großen Schritt über drei Jahrhunderte in die Gegenwart, indem er ein aufgeschlagenes Buch vor den Doktor legte: »Dies ist unsere Bitte: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herrgott, zu unsern Zeiten; es ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten.« Und da die Frauen gerade das Zimmer verlassen hatten, fuhr er leiser fort: »Wir sind hoffentlich sicher, daß der schreckliche Krieg nicht in unsere Nähe kommen wird?«

Der Doktor sah in den gefüllten Wirtschaftshof und über die Strohdächer der Scheunen und Ställe, und ihn überkam eine plötzliche Angst: »Es wird einem Preußen nicht leicht, die Möglichkeit anzunehmen, doch wenn Sie auch an das Unwahrscheinliche denken wollen, so erlaube ich mir die Frage, haben Sie nicht die Absicht, das Wertvollste der Habe und vielleicht auch Fräulein Henriette für einen solchen Fall in einer Stadt zu bergen?«

»Wir haben noch nicht daran gedacht,« antwortete der Senior würdevoll, »ich bin Ihnen aber dankbar, daß Sie daran erinnern. Meine Schwägerin in unserer Kreisstadt wird uns gern diese Sorge abnehmen; denn Sie haben recht, in der Stadt ist doch besserer Schutz.«

Diese Aussicht machte dem Doktor das Herz wieder leicht, und da Henriette eintrat, bat er: »Gönnen Sie mir die Freude und führen Sie mich in den Garten.«

Sie hing den Hut über den Arm, und beide eilten dem Vater voraus ins Freie.

»Als Sie bei uns waren, blühten die Rosen noch nicht«, sagte das Mädchen; »und jetzt sind sie dahin. Wenn ich im Sommer davorstand, dachte ich, Sie müßten die Blüte sehen, denn sie war dies Jahr schöner als sonst.« Sie hielt vor einem Bäumchen an, selbst so schön und begehrenswert, daß er, hingerissen, ihre Hand faßte; sie ließ ihre Hand in der seinen, und er fühlte das warme Leben, welches darin zuckte. So traten sie nebeneinander zum Garten hinaus und erstiegen die alte Schanze.

Es war ein kreisrunder Wall von mäßigem Umfang, er schloß auf der Innenseite einen vertieften Raum ein, der höher als das Land draußen und wohlgerundet wie ein Kessel war. »Hier führen Stufen hinab,« wies Henriette, als sie auf dem Rande standen, »der Rasen ist jetzt glatt. Als Kinder sind wir oft mit Freuden in die Tiefe gerutscht.« Und sie schwang sich behende vor ihm hinunter. »An dieser Stelle finden wir zuweilen Glücksblätter«, sagte sie in der Tiefe und blickte scharf auf den niedrigen Rasen. Endlich beugte sie sich hinab. »Hier ist Klee mit vier Blättern.« Vergnügt hielt sie ihm das grüne Blatt hin. »Nehmen Sie, es soll Ihnen Gutes bedeuten.« Der Doktor stand wie bezaubert, der Wallring umschanzte das liebe Mädchen und ihn gegen die ganze Welt, nichts war zu sehen als der Himmel, welcher wie eine lichtblaue Glocke über dem Ringe stand. Er nahm das Blatt aus ihrer Hand, und hingerissen von der heiteren Unschuld ihres Wesens und dem warmen Blick, mit dem sie ihn bittend ansah, neigte er sich zu ihr und küßte sie leise auf den Mund. Sie stand still und schloß einen Augenblick die Augen; aber gleich darauf sah sie mit rosigen Wangen wieder zärtlich zu ihm auf. Keins von beiden sprach. Sie hob den Strohhut vom Boden und führte den Gast die Höhe hinauf. Dort blickten sie von dem Wall herab in die helle Landschaft. Die Herbstsonne neigte abwärts, über die Stoppelfelder vor ihnen neigten sich weiße, glänzende Fäden wie ein dünner Schleier, dahinter sah man in der klaren Luft Dorf neben Dorf, bei jedem ragten die Dächer aus einem Kranz von Bäumen, deren Laub im Sonnenlicht wie bräunliche Bronze schimmerte, bis sich die letzten Baumgruppen wie ferne Inseln am dämmrigen Horizont verloren. »Ich zeige Ihnen auch die Gegend, wo Sie wohnen«, sagte das Mädchen. »Manchmal haben wir dort hinausgesehen und gefragt, ob Sie wohl einmal kommen würden. Der Vater war unsicher, ich aber dachte, Sie müßten doch nach der Mutter sehen.« Und fröhlich setzte sie hinzu: »Es war heut nicht der erste Kuchen, welcher für Sie gebacken wurde.«

Als sie in die Nähe des Friedhofs kamen, bellte ein Hund. An der Stelle, wo der Sage nach einst die Hütten eines Dorfes gestanden hatten, weidete der Schäfer eine kleine Schafherde. »Sie gehört uns,« erklärte Henriette stolz, »der alte Christian versieht sie mit seinem Knaben; er ist auch unser Wächter und muß einige Stunden des Tages ausruhen.« Der Alte stand zwischen wilden Schlehen und Brombeeren, den Rücken einem alten Gemäuer zugekehrt. Er nahm den Hut ab und gebot dem Hund, nicht durch sein Gebell zu stören. Henriette wies auf die Steine: »Das ist der Rand des verfallenen Brunnens, der, wie man sagt, einst mitten in einem Dorfe war. Der Vater ließ das Holzdach darüber zimmern, damit an den Kirchtagen nicht ein Kind darin verunglücke.«

»Guten Tag, Schäfer,« grüßte der Doktor, »Eure Herde darf auf einen guten Herbst hoffen, denn die Spinneweben hängen weiß über den Feldern.«

»Die einen weben Glück, und die andern verkünden Unglück,« antwortete der Alte, »und das Unglück wird mächtiger als das Glück.«

»Wer verkündet Unglück?« fragte der Doktor, ergötzt durch das feierliche Aussehen des Weissagenden. Der Schäfer antwortete nicht, er wandte sich zu der Tochter seines Herrn und wies mit dem Stabe nach dem Brunnen: »Sie geht wieder um!« »Redet nicht so etwas, Christian,« sagte Henriette unzufrieden, »Ihr wißt, der Vater kann es nicht leiden.« Wieder zeigte der Schäfer geheimnisvoll hinter sich: »Sie tut, was sie muß, und niemand kann es ihr wehren. Die aber am Leben sind, mögen sich wegen ihrer Warnung in acht nehmen.« Der Doktor sah seine Begleiterin fragend an. »Die Leute haben eine Scheu vor dem Platze, wo der Brunnen steht«, erklärte das Mädchen. »Es geht die Sage, daß sich zur Zeit des Schwedenkrieges, als das Dorf noch stand, ein Weib in den Brunnen gestürzt hat, um ihren Verfolgern zu entgehen.«

»Heut nacht war das Brunnenweib wieder da,« sagte der Alte; »vom Kirchhofe kam sie her, sie zog in langem weißen Gewande wie ein Rauch, und als ich nach dem Brunnen hinsah, war das Holzdach fort und eine schwarze Öffnung vorhanden, die Gestalt aber schwebte um den Brunnen, wirbelte in die Höhe und versank darin. Das kann auch der Herr Senior nicht fortschaffen. Meine Schafe wissen Bescheid, es geht selten eines bis zu den Steinen, und der Hund weiß es auch, er winselte die ganze Nacht.«

»Das Unheil ist bereits gekommen, Alter,« sagte der Doktor, »ein harter Krieg hat angefangen.«

»So erzählt man sich«, versetzte der Schäfer, entschlossen, nichts weiter zu berichten, und ging scheltend zu seinen Schafen.

»Auch unsere Hofleute sind durch diese Zeit aufgeregt und sehen und hören jetzt allerlei«, fügte Henriette hinzu, um den Schäfer zu entschuldigen. Aber die finstere Sage und die Verkündigung des Alten befingen doch beider Gemüt, sie gingen ernsthaft und schweigend nebeneinander.

»Die Mutter wartet mit dem Essen,« rief der Senior aus dem Garten, »jetzt will auch ich von unserem Gaste etwas hören, denn wir vernehmen hier wenig Neues, und doch nimmt der Streit der Großen auch uns die Ruhe.«

Die letzte Stunde verlief in Mitteilung der Gerüchte, welche durch das Land flogen, und der Doktor war nicht mehr mit Henriette allein. Nur beim Abschiede lag ihre Hand noch warm in der seinen. Wieder fuhr er in stiller Seligkeit heimwärts. Und immer sah er sie in der Tiefe des Ringwalls vor sich, wie er sie küßte.

Nun war zu seiner Zeit ein Kuß noch kein Beweis von Liebe; ernsthafte Männer und ehrbare Frauen gönnten diesen Beweis freundlicher Gesinnung einander gern, und vor andern waren die Landsleute des Doktors bereitwillig. Aber jedermann wußte auch, daß es dabei große Unterschiede gab. Heut pochte sein Herz in der holden Ahnung, daß er dem Pfarrkinde lieb geworden sei; und an dies beseligende Gefühl, das in ihm aufschoß, spann seine Phantasie zahllose Fäden, die sich aus der Gegenwart in die Zukunft hineinzogen, ein ganzes Gewebe von neuem Glück, das er für sich zu hoffen wagte.

Ein scharfer Windstoß pfiff an dem Wagen vorüber; die Pferde scheuten, der Kutscher wandte sich um. »Es ist etwas in der Luft«, sagte er, und knallte mit der Peitsche.

Der Doktor fuhr aus seinen Träumen auf. Vor der sinkenden Sonne erhob sich eine Wolkenbank, über ihm aber wölbte sich blau und lichtvoll der Abendhimmel, und ein großer Raubvogel, gefolgt von einer Schar Krähen, flog in der Höhe dahin. Und wieder schlug ein plötzlicher Windstoß an seine Wange, riß Blätter und Äste von den Bäumen und trieb sie im Kreise um Pferde und Wagen. »Es ist ein Wirbel,« sagte der Doktor, »er zieht vorüber.« »Das bedeutet was«, rief der Kutscher und peitschte aufs neue die erschreckten Pferde. Sie fuhren im scharfen Trabe durch niedriges Gehölz, das sich zu beiden Seiten des Weges breitete; da schrie eine wilde Stimme: »Halt!« Aus dem Gebüsch sprang in brauner, verschossener Jacke ein Mann, der die Krempe seines Filzhutes tief in die Stirn gedrückt hatte. Der Kutscher hob drohend die Peitsche. »Ist dies der Doktor aus der Kreisstadt?« rief der Fremde.

»Was wollt Ihr?« fragte der Doktor und faßte nach seiner Waffe.

»Kennen Sie mich noch, Herr?« Es war der Flüchtling, welcher einst dem Arzt den Verlust seiner Mütze geklagt hatte. »Eine große Schlacht ist gewesen im Sächsischen, die hiesigen Soldaten sind gelaufen wie eine Schafherde, den Offizieren ist es heimgezahlt; es liegen viele still auf der Erde.«

»Woher wollt Ihr das wissen?«

»Ich fuhr über die Grenze mit einem Marketender, jetzt bin ich zurückgeritten, Pferde ohne Reiter waren genug zu haben. Der Franzose zieht heran, und der Inspektor wird auf das Strohbund gelegt. Sie wollte ich fragen, wie es meinem Mädchen auf dem Schlosse geht.« – »Ich habe sie vor wenig Tagen gesund gesehen.« – »Ich bitte, sagen Sie ihr, der Hans läßt sie grüßen, und sie soll mir treu bleiben. Jetzt wird bessere Zeit, und wenn der Franzose kommt, kann ich mich wieder im Lande sehen lassen.«

»Wie dürft Ihr bessere Zeit hoffen für Euch und Euer Mädchen? Wenn der Franzose bei uns einbricht, dann werden wir alle unglücklich. Versteht Ihr nicht, was feindliche Einquartierung heißt und Mißhandlung durch Fremde? Mit dem Kriege zieht Hunger und Krankheit ins Land, und ich sage Euch, nur ein schlechter Kerl freut sich über das Unglück seiner Heimat.«

»Den andern mag es meinetwegen gehen, wie es will, und Ihnen, Herr, wünsche ich nichts Böses, aber den Grafen und den Inspektor sollen die Franzosen streichen.«

»Doch Ihr seid ein Preuße.«

»Wenn die österreichischen Pascher mich einen Preußen gescholten haben, so habe ich sie geknufft, wie recht war,« versetzte der Mann finster, »aber unter den Franzosen kann man auch leben.«

»Denkt Ihr so, dann geht Eurer Wege, ich will nichts mehr mit Euch zu tun haben«, versetzte der Doktor unwillig.

»Ich wollte Ihnen noch wiederbringen, was Sie mir damals gegeben haben«, sagte der Bursch und legte Geld auf den ledernen Schurz des Wagens. Der Doktor beugte sich vor und schob das Geld weg, daß es auf den Weg fiel. »Fahr zu, Kutscher!« Die Pferde zogen an, und im Windgebraus ging's weiter. Nach einer Weile drehte sich der Kutscher um und rief in den Wagen: »Er steht noch am Wege, wo er stand.«

Als der Doktor spät durch das Stadttor fuhr, rannten die Leute in den Straßen hin und her, auf dem Markt sammelten sie sich in Haufen um weinende Soldatenfrauen. Die erste Botschaft von einer verlorenen Schlacht war gekommen, und die Menschen gaben sich in Schreck und Klage dem Eindruck hin, oder suchten sich mit trotzigen Worten dagegen zu wehren.

Wie empörte Meereswogen durch den gebrochenen Damm über das schutzlose Land dahinfluten, so folgten jetzt die Unglücksbotschaften mit reißender Schnelle aufeinander. Das Heer geschlagen und wieder geschlagen, zur Kapitulation gezwungen und gefangen, der König geflüchtet bis in den entferntesten Osten des Staates, die Residenz in der Hand des feindlichen Siegers. Schrecklicher noch wurde dies gehäufte Unglück, das die Zeitungen verkündeten und das jeder vernahm, durch zahllose Berichte von einzelnen, welche selbst einen Teil der Schrecken erlebt hatten. Bald kamen Soldaten der Garnison zurück, einzeln oder in kleinen Haufen, die sich der Gefangenschaft durch die Flucht entzogen hatten; sie kamen ohne Waffen, zerlumpt, verhungert, klagten das Greuliche, das sie erlebt, und fluchten über die Offiziere, welche sie geführt. Der Feind zog näher heran, auch die Provinz hatte seinen Einbruch zu erwarten, die Festungen allein vermochten ihn durch ihre Gegenwehr aufzuhalten. Seit einem Menschenalter hatten die Bürger der Stadt keinen Krieg gesehen, nur ältere Leute wußten aus ihrer Jugend von den Feldzügen Friedrichs II. zu erzählen. In gesetzlicher Ordnung hatten die Lebenden Gedeihen und Glück gefunden. Jetzt auf einmal sollten sie herrenlos und rechtlos dem Gelüst eines übermütigen Siegers preisgegeben sein. Da war kein Wunder, daß der Kleinmut in die Herzen drang und daß mancher an Flucht dachte.

Der Stadtdirektor kam aus der großen Stadt zurück, ging mit gesenktem Haupt umher und vertraute endlich kummervoll seinen Getreuen, daß der mächtige Minister, welcher an des Königs Statt die Provinz regierte, in Gegenwart vieler Räte mit gerungenen Händen geklagt hatte, alles sei verloren. Der Einnehmer machte eine Dienstreise nach der nächsten Festung. Nach der Rückkehr saß er bei seinem Glase stiller als sonst und antwortete auf die Fragen, was er vernommen habe, bärbeißig: »Nichts; nur einen Anschlag hoher Obrigkeit habe ich in der Festung gelesen. Wir alle sollen den feindlichen Truppen mit Bereitwilligkeit und Höflichkeit entgegenkommen und nach Kräften ihre Forderungen befriedigen. Ich hoffe, Männer und Frauen werden sich das gesagt sein lassen. Da wir sie in den nächsten Wochen erwarten dürfen, so mag jeder die Zeit benutzen, neue Gardinen aufzustecken und sein Silberzeug für die Franzosen zu putzen; denn, wie man hört, picken diese gleich den Dohlen nach allem, was glänzt.« Das ließen sich die Städter gesagt sein, und in den Häusern begann heimliches Pochen, Graben und Mauern.

»Sie sind bekümmert, Herr Hutzel«, begrüßte der Doktor im Vorübergehen einen wohlhabenden Hausbesitzer, der in dem Ruf stand, sich selbst alles Gute zu gönnen, anderen aber wenig. »Nehmen Sie sich in acht, wer so ängstlich aussieht wie Sie, dem trauen die Feinde zu, daß er viel zu verlieren hat.« Der Mann wurde noch bleicher, als er vorher war. »Ich ersuche Sie, sich nur einen Augenblick hereinzubemühen.« Er führte durch den Hof in den Garten und sah sich argwöhnisch um. »Ich habe zu Ihnen ein Vertrauen, wie sonst zu keinem Menschen,« sagte er; »ich bin jetzt der Verzweiflung nahe und bitte Sie flehentlich um einen Rat.« Der Arzt erwartete Mitteilungen über eine ernste Krankheit, aber Hutzel fragte: »Wohin soll ich verstecken?«

»Sie haben ja ein eigenes Haus, geschlossenen Hof und dazu diesen Garten.«

»Alles unsicher«, klagte der Mann. »Verschlagen und vermauern ist unmöglich, weil ich dazu einen Handwerker brauche. Ich ließ vermauern. Als ich den Arbeiter bezahlte, lachte er so auf eine gewisse Weise, und mir fiel auf das Herz, daß ich ganz in seiner Gewalt war, denn wer steht mir dafür, daß er nicht schwatzt, oder gar dem Feinde sagt: Halbpart, und ich verrate euch was. Ich brach also mit diesen meinen Händen die Steine wieder auseinander und hob die Kiste heraus. Jetzt wollte ich im Hofe das Pflaster aufreißen und ein Loch machen; auch das war nicht zu bewirken, ohne daß der Knecht oder die Magd etwas davon merkten, und ich war wieder in der Macht dieser Leute. Ich ging bei Nacht mit Grabscheit und Laterne in den Garten und vergrub die Kiste. Auf einmal höre ich von der andern Seite des Zauns die Stimme meines Nachbars, des Tischlers, der mir ohnedies aufsätzig ist: ›Sie sind es, Herr Hutzel? Meine Frau sah das Licht und dachte, es wären Spitzbuben.‹ Und ich war wieder in fremden Händen und mußte wieder forttragen.«

»So vergraben Sie in dem Stadtwald.«

»So weit aus meinen Augen?« wehklagte der Mann.

»Dann also lassen Sie es darauf ankommen und verstecken Sie gar nicht.«

Aber die kopflose Sorge wich in dem Volke bald männlicheren Gedanken; einige der Edelleute, welche in der Friedenszeit mit alten Rechten und ererbtem Ansehen stolz über dem Volke gestanden hatten, bewährten sich jetzt als beherzte Männer, welche wohl wußten, daß ihnen ihre Vorrechte große Pflichten auferlegten. War auch das alte Heer geschlagen, sie waren bereit, ein neues zu rüsten, mehrere tausend Förster und Jäger in der Provinz trugen die Büchse, groß war die Zahl der heimgekehrten Soldaten, und nach Hunderttausenden zählten die Männer, die den Gutsbesitzern untertänig dienten; in Herrenhöfen und Bauerndörfern stand ein guter Schlag Pferde. In wenig Wochen vermochten sie ein neues Heer aufzustellen. So dachten die Besten vom Adel, aber auch in den Städten und auf dem Lande arbeitete derselbe Gedanke.

Der Doktor kam bei dem Hause des Fleischers vorüber, wo der Hauptmann gewohnt hatte, er sah die Schwester des Offiziers vor der Tür sitzen, die Hände im Schoß gefaltet und das Haupt geneigt; ein Bild demütiger Trauer. Er grüßte und wollte vorübergehen, da er dem kleinen Fräulein wenig bekannt war; sie aber stand auf und sagte, zu ihm tretend, mit tränenden Augen: »Auch mein Bruder ist verwundet und gefangen«; und als der Doktor ehrliche Teilnahme aussprach, trocknete sie die Tränen: »Es ist nicht der Bruder allein, was mich weinen macht. Wäre ich ein Mann, so würde ich nicht weichmütig hier sitzen, sondern mir ein Gewehr schaffen.« Der Fleischer, ein hünenhafter Mann, trat hemdärmelig in die Tür. »Meiner ist auch wieder da« – er meinte seinen Soldaten –, »er hat dem Fräulein die schlimme Nachricht gebracht; jetzt sitzt der arme Kerl in seiner Kammer und fragt mich, was aus ihm werden soll. Er schämt sich, in seiner Montur auszugehen, und die Obrigkeit weiß nichts mit ihm anzufangen.« Der Meister schlug die Arme übereinander. »Ich habe mir's überlegt, Herr Doktor, wie man mit diesem Napoleon fertig werden kann.« Der Doktor blickte ihn fragend an. »Man muß ihn hinausschmeißen«, sagte der Fleischer entschlossen.

»Das ist es ja eben, was unsere Soldaten nicht vermochten.«

»Die hatten zu schlechte Kost; da konnte nichts Gutes herauskommen, ich hab's immer gesagt. Wir selbst müssen es tun. Es sind mehr als dreihundert handfeste Männer von guter Kraft in der Stadt, wir haben es ausgezählt. Mein Sohn geht auf der Stelle mit, im Notfalle fasse ich auch den Kuhfuß.«

»Wo aber sollen die Anführer herkommen?«

»Daran liegt's«, sagte der Fleischer bedenklich. »Wissen Sie, zu wem ich Vertrauen hätte? Das ist unser Herr Einnehmer, Sie gehen als Doktor mit; ich denke, wenn's zum Einhauen käme, würden Sie auch nicht hinten bleiben.« Als der Doktor dem Freunde von dem guten Zutrauen des Zunftmeisters berichtete, antwortete dieser ernsthaft: »Ich habe mein lebelang nur einmal ein Gewehr abgefeuert, und ich fürchte, ich habe einer Ente den Kopf zerschossen, weil sie gar zu nahe vor mir saß. Dennoch bin ich dem Fleischer für die Meinung dankbar; denn in solcher Zeit erkennt man, daß man von den andern für einen ehrlichen Mann gehalten wird. Dieser Sturmwind fegt bei uns viel Spreu von der Tenne.«

Und die Feinde kamen.

Es war ein finsterer Dezembertag, als der erste feindliche Reiter, die Pistole in der Hand, durch das Stadttor ritt, hinter ihm ein Offizier und vier Mann. In deutscher Sprache fragte der Offizier am Tore die Bürger, die aus den Häusern gelaufen waren, und als er erfuhr, daß keine Soldaten in der Stadt standen, sprengte er auf den Ring und stieg vor dem Gasthofe ab, ein junger, blühender Mann mit gebräuntem Antlitz. In der Torfahrt verhörte er wieder den Wirt, der ihm zögernd Bescheid gab, und nachdem er sich versichert hatte, daß in der Nähe nichts von den preußischen Truppen gesehen worden war, quartierte er sich gemütlich ein und forderte ein Frühstück und den Arzt. Dem eintretenden Doktor stellte er sich vor: »Kapitän Dessalle. Es ist nur ein Ritz in das Fleisch, für den ich Ihre Hilfe erbitte«, sagte er höflich in französischer Sprache, zog seine Uniform aus und wies eine tiefe Wunde am Arm. Der Doktor verband schweigend. »Wir kommen als ungebetene Gäste«, sagte der Fremde lachend. »Sie werden sich an uns gewöhnen müssen, mit Ihrem Könige und seinem Heer geht es zu Ende.«

»Das wird der Himmel verhüten«, versetzte der Arzt.

»Der Himmel ist denen günstig, die sich selbst zu helfen wissen, das versteht unser großer Kaiser am besten. Ist Ihnen gefällig, mit mir zu frühstücken?« Der Doktor dankte.

Am Abend war die Wirtsstube mit Gästen gefüllt, denn die Bürger eilten neugierig zum Trunk, um den jungen Feind zu betrachten, der sich so ungezwungen unter den Würdenträgern der Stadt niederließ, als gehöre er dorthin. Während die Leute leise darüber stritten, ob er ein Franzose war, da doch seine Mannschaft aus Schwaben stammte, zog er die kleine Tochter der Wirtin an sich und fuhr ihr durch die blonden Locken. »Meine Puppe kann ich dir nicht zeigen,« sagte die Kleine zutraulich, »die habe ich vor den Franzosen versteckt. Dort unter dem Schenktisch liegt sie und schläft, wo der Vater das Geld und die silbernen Löffel vergraben hat.«

Die Leute lachten. »Ach, du Unglückskind«, rief die entsetzte Wirtin. Der Fremde aber holte ein Geldstück aus der Tasche. »Hier hast du einen französischen Groschen, bitte deine Mutter, daß sie dir dafür einen hübschen Husaren kauft.«

Und als er sich, artig grüßend, in seine Stube zurückgezogen hatte, rühmte ihn die Wirtin: »Der ist von ganz anderem Schlage, als unsere hochnäsigen Offiziere.«

Es ergab sich, daß die Feinde herangeritten waren, um eine Anzahl Pferde in Empfang zu nehmen, welche der Kreis dem Feinde zu liefern hatte, und der stolze Stadtdirektor verhandelte demütig mit dem Offizier, der sich so sicher und überlegen zu gebaren wußte, als sei er schon lange Regent der Landschaft. Am andern Tage wurden die Pferde, zumeist aus den königlichen Ämtern, auf den Ring geführt. Der Tag verging unter Hufgeklapper und trübseligen Verhandlungen, bis endlich die Gäule im Gasthofe und einigen nahen Ställen untergebracht wurden. Die wenigen Reiter, welche den Franzosen begleitet hatten, schliefen in den Ställen.

Im Morgengrau des nächsten Tages pochte es an das geschlossene Stadttor. Als der Torwächter öffnete, sah er den wohlbekannten Reiterleutnant aus der nächsten Garnison, hinter ihm den Junker, einen Unteroffizier und dreißig Gemeine der Schwadron. »Wo liegt der Feind, und wieviel sind ihrer?« fragte der Leutnant. Sobald er den Bescheid erhalten, rückte das Kommando in die Stadt. Die hinteren Ausfahrten der Häuser, in denen die Einquartierung lag, wurden auf den Rat des Unteroffiziers besetzt, die Reiter drangen ein und fingen zwei Gemeine, welche gerade die Pferde putzten. Doch ging der Überfall nicht ohne Lärm ab, und dem feindlichen Unteroffizier gelang es, sich mit zwei Mann nach dem Gasthofe zu schleichen. Da befahl der Leutnant seinem Kommando, vor dem Gasthofe aufzureiten.

Ein Fenster öffnete sich, der Fremde sah heraus und fragte in französischer Sprache: »Guten Morgen, meine Herren, was steht Ihnen zu Diensten?« Als Antwort fiel ein Schuß, den einer der Reiter ohne Kommando abgab. Der Franzose dankte im nächsten Augenblick in gleicher Weise, und der Reiter stürzte verwundet auf das Steinpflaster. »Ihr alle habt denselben Willkommen zu erwarten, wenn ihr euch nicht fortmacht«, rief der Fremde. Zur Stelle saßen einige Mann ab, drangen in den Gasthof und auf die enge Treppe, aber der Franzose trat mit seinen Pistolen in die Stubentür und rief ihnen zu: »Wer von euch sich untersteht, heraufzukommen, den schieße ich nieder, wie euren Kameraden.« Da hinter dem Zornigen drei Karabiner im Anschlag lagen, und die Stürmenden keinen Befehl erhielten, die Treppe und Stube mit Gewalt zu nehmen, so wichen sie abwärts, und hinter ihnen wurde das Haus von vorn und hinten verschlossen. Das Kommando zog sich zurück und machte in achtungsvoller Entfernung auf dem Ringe halt. Unterdes hatte sich der Platz mit Neugierigen gefüllt, der Baron ritt unter die Bürger und rief: »Herr Beblow und Meister Schilling, ich ersuche Sie, in den Gasthof zu gehen und dem Feinde vorzustellen, daß er sich gutwillig ergebe, er muß ja die Unmöglichkeit einsehen, sich zu befreien.« »Das ist nicht unsere Sache«, antwortete Schuster Schilling mit Kopfschütteln.

»Ich versichere euch auf meine Ehre,« ermutigte der Leutnant, »ihr werdet nicht erschossen, nur ich habe das zu befürchten, wenn ich mich nähere.«

Die Bürger traten schweigend zurück. Der Doktor, welcher herangekommen war, sah, wie der alte Unteroffizier errötete und unwillkürlich die Faust ballte. Das Kommando hielt unschlüssig, der Leutnant ritt vor demselben hin und her. Auch der Doktor fühlte, daß ihm die Wange heiß wurde, und rief: »So dürfen die Leute nicht stehen bleiben, ich bin bereit, mit dem fremden Offizier zu verhandeln.«

»Ich lasse Sie nicht allein gehen«, sagte der Einnehmer. »Wenn wir aber als Abgesandte zu diesem gallischen Helden eindringen, so ist Vorsicht nötig; ich verlange einen Trompeter.«

Ein junger Reiter ritt freiwillig vor. »Bleibt Ihr nur zurück, mein wackrer Junge, ich wünsche zivile Musik. Holt Eure Trompete, Turmwächter Steinmetz, und marschiert vor uns her, Ihr seid, solange Ihr blast, sicher wie in Abrahams Schoß.«

»Mir ist unbekannt,« sagte Steinmetz bekümmert, »was bei dergleichen Handlungen gebräuchlich ist.«

»Es wird heut nicht so genau genommen«, tröstete der Einnehmer.

Die Trompete wurde geholt. Steinmetz, der Türmer, schritt in Parade vor. Da sein Gemüt schwer belastet war, so geriet er auf das Signal, welches er oft in ähnlicher Gemütsstimmung vernommen hatte, und blies das Stück, welches gebräuchlich war, wenn ein Husar Spießruten lief.

Der Gastwirt ließ eine kurze Leiter durch das untere Fenster herab. Die Herren stiegen, von dem fremden Unteroffizier geleitet, die Treppe hinan und richteten dem Franzosen ihren Auftrag aus. Dieser aber wies auf die Pistolen, welche auf dem Tische lagen, und antwortete: »Ihr Offizier soll heraufkommen, mich zu holen, wenn er es vermag; lebendig bin ich nicht zu haben, und jede weitere Verhandlung ist unnütz.« Mit diesem Bescheide verließen die Gesandten den Gasthof. Als sie zu dem Kommando zurückkehrten und die Antwort überbrachten, ritt der Unteroffizier heran und rief in grimmiger Bewegung: »Herr Leutnant, ich bitte um Erlaubnis, mit einem Beritt abzusitzen und den Feind gefangenzunehmen.«

»Nein,« antwortete der aufgeregte Leutnant, »es ist Befehl, Verlust an Mannschaft zu vermeiden, mag der Franzose bleiben, wo er ist, wir reiten hinten herum und holen die Pferde aus den Ställen.« So geschah es. Das Kommando schwenkte in eine Nebengasse ein und zog mit einem Teil der Pferde, welche der Franzose requiriert hatte, wieder zum Tore hinaus. Die Leute verliefen sich, der Markt wurde leer. Als der Doktor einige Stunden später in den Gasthof gerufen wurde, fand er den Offizier zum Aufbruch bereit. »Ihr Kommando ist artig gewesen,« rief der Fremde lachend dem Eintretenden zu, »es hat mir die Hälfte der Pferde zurückgelassen. Sind das die Husaren Friedrichs des Großen? Sie verstehen, in den Hintergassen herumzureiten.«

»Sie werden nicht immer so vorsichtig geführt werden«, versetzte der Doktor finster.

»Sie selbst hätten mich gern gefangengenommen«, sagte der Franzose mit spöttischem Lächeln. »Sie heißen König, mein Herr, wenn ich recht vernahm. Stammen Sie hier aus der Gegend?«

»Ich bin in Schlesien geboren.«

»Der Name ist häufig unter den Deutschen, bei uns in Frankreich würde er lange Zeit dem Besitzer eine schlechte Empfehlung gewesen sein.«

»Dafür ist Ihr Kaiser jetzt um so mehr beflissen, die Welt mit Königen zu versehen.«

»Diese sind gut genug für die Fremden«, sagte der Offizier hochmütig. »In Frankreich gibt es nur einen Herrn, und das ist unser Stolz. Doch Verzeihung, ich wollte Sie nicht verletzen.« Er hielt die Hand auf den Tisch. Der Doktor bemerkte an dem Mittelgliede des kleinen Fingers einen dünnen Goldreif mit einem Vergißmeinnicht, wie er ihn sonst wohl schon gesehen hatte; er dachte sich, daß der Ring von einem Mädchenfinger herkomme, und als er die stattliche, elastische Gestalt des jungen Kriegers betrachtete, mußte er zugeben, daß es diesem auch bei Frauen wohl geglückt sein müsse. Trotz der patriotischen Abneigung freute ihn, daß der kräftige Mann eine Stelle in seinem Herzen hatte, die anderen Gewalten als seinem Kaiser gehörte.

Nachdem der Verband erneuert war, legte der Fremde ein Goldstück auf den Tisch. »Ich bin Ihnen Dank schuldig.«

»Sie haben mir nur Gelegenheit gegeben, meinen Beruf zu üben«, antwortete der Doktor höflich. »Es ist meine Pflicht, jedermann hilfreich zu sein. Von einem Feinde nehme ich kein Honorar.«

Der Fremde sah ihn scharf an, aber er nickte beistimmend: »Vielleicht treffen wir uns einmal wieder, und nicht als Feinde, denn der Kaiser pflegt festzuhalten, was er erobert hat, und dies ist die Zeit, wo alte Throne in den Trödelladen kommen.«

»Dafür wurde auch Ihrem schwäbischen Landesherrn ein neuer gezimmert«, versetzte der Doktor.

»Ich bin kein Schwabe«, antwortete der Fremde stolz, »und nur durch einen Zufall zu diesem Kommando gekommen. Meine Leute sind unbändig, aber ich denke, sie werden mit der Zeit zu guten Soldaten.«

Kurz darauf trabte der Franzose mit seinen Reitern und den Pferden aus dem Tor.

»Der Baron ist entlarvt,« sagte der Einnehmer, dem Fremden nachsehend, »und doch wäre mir lieb, wenn das Pferdegetrappel von heut früh nicht zu meinem Alten mit dem Krückstock heraufgeschallt hätte.« Er wies auf das Bild des Königs, an dem ein Trauerflor befestigt war.

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