Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 90
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
Schließen

Navigation:

2. Am Ringwall der Vandalen

Der königliche Einnehmer Köhler blieb dem Doktor der liebste und vertrauteste Umgang. Er war ein gesetzter Mann in guten Mitteljahren, in dem behaglichen Gesicht glänzten zwei hübsche, ausdrucksvolle Augen, welche er beim Sprechen gern zusammendrückte. Er war als Ehrenmann geschätzt, aber seiner spöttischen Einfälle wegen mehr gefürchtet als geliebt, und der Kammerherr nannte ihn kaustisch. Unverheiratet und nicht ohne Vermögen, sah er gern Gäste bei sich; auch diese hatten sich zu hüten, daß er ihnen nicht mit Wort oder Taten einen Possen spielte, der zuweilen derb war.

Einst hatte er den jüngeren Freund zum Abend auf einen Rehrücken geladen, der ihm als Geburtstagsgeschenk zugegangen war. Da öffnete sich die Tür, und wahrscheinlich angezogen von dem Duft des Bratens, den er im Vorübergehen aufgefangen hatte, trat der steife Hauptmann von Buskow in die Stube. Da die Beharrlichkeit des unbeliebten Gastes bekannt war, so hielt der Doktor den Abend für verdorben. Köhler aber sah den Freund mit seinem schlauen Blicke an, schob ihm ein Buch zu und zog den Hauptmann vertraulich zur Seite. »Ihnen ist bekannt, daß die Tungusen Hunde verspeisen.« Der Hauptmann hatte nichts dagegen einzuwenden. »Unter uns besteht eine Abneigung gegen diesen Genuß, wie der Doktor behauptet mit gutem Grund; wie ich sage, ohne Grund. Und heut will ich ihm das beweisen. Sie sind gerade der rechte Mann, dabei den Dritten abzugeben, denn Ihnen, als einem Militär, wird allerlei Fremdartiges im Feldkessel nicht unerhört sein.«

»Sie werden doch nicht« – fragte der enttäuschte Hauptmann. »Bst!« mahnte der Einnehmer. »Niemand darf etwas merken.«

»Sie haben aber doch noch etwas anderes in der Küche«, fragte der Offizier.

»Natürlich nicht,« versetzte der Einnehmer, »er darf keine Wahl haben.«

»Recht so; doch leider bin ich heut verhindert«, bedauerte der Besucher und entfernte sich nach gleichgültigen Reden. Und die beiden Freunde blieben allein. Als aber der Hauptmann einige Tage darauf in Gegenwart anderer den Doktor spöttisch fragte, wie ihm der seltsame Braten geschmeckt habe und der Doktor den Einnehmer befremdet ansah, antwortete dieser: »Denken Sie, Herr Hauptmann, wie es mir neulich erging. Meine Wirtin war in der Stille widersetzlich geworden, und da sie es für unehrliche Küchenarbeit hielt, den befohlenen Braten in die Pfanne zu tun, so hat sie hinter meinem Rücken ein wirkliches Reh, das mir zufällig der Oberförster geschickt hatte, gebraten und uns vorgesetzt.«

Seit der Zeit bestand eine Spannung zwischen dem Einnehmer und der bewaffneten Macht, und daraus wurde bald offene Feindseligkeit. Ein Bauer hatte nämlich dem Herrn Köhler einen jungen flügellahmen Storch zugetragen, den dieser sorgfältig fütterte und zähmte; der Storch lief gern aus dem Hofe und wurde ein eifriger Besucher der Gassen und des Marktes. Die Bürger freuten sich über das kluge Tier des Herrn Einnehmers, und die günstige Meinung, welche der Kinderwelt von den sozialen Verpflichtungen des Storches beigebracht war, verschaffte ihm auch die achtungsvolle Freundschaft der Straßenjungen. Der Storch aber gewann bei den Besuchen des Marktes eine Vorliebe für die Schildwache und für die Herren Offiziere, welche an der Vergatterung der Hauptwache auf und ab schritten; ihn mochte bedünken, daß dies eine ehrenvolle Beschäftigung sei, und er gewöhnte sich an, unter dem Jubel der Kinderschar auch seinerseits vor der geweihten Stätte ernsthaft hin und her zu gehen. Als Herr Köhler dies erfuhr, ließ er ihm vom Schneider blau und rote Frackschöße machen und band sie ihm über die Flügel. Da war natürlich, daß in der Bürgerschaft laute Heiterkeit entstand, daß aber die Kriegsmacht in den Frackschößen eine persönliche Kränkung sah. Der arme Storch bezahlte die Zeche, er wurde an einem der nächsten Tage in der Dämmerstunde dem Einnehmer tot ins Haus gebracht, und dieser wollte erkennen, daß sein Liebling durch einen Degenstich gemeuchelt sei. Er schwieg, wie ihm die Klugheit gebot, aber er sann auf Rache. In der Weinstube der Honoratioren stand nach alter Sitte ein Tabakskasten, aus dem sich die Gäste mit Diskretion bedienen konnten. Die Bürgerlichen brachten ihre Tabaksbeutel mit, die Herren vom Militär pflegten aus dem Kasten zu requirieren. Da geschah es eines Tages, daß nach dem Genuß der Frühstückspfeifen das gesamte Offizierkorps der Stadt in einen Zustand der Abspannung und Schwäche verfiel, durch welchen die kriegerischen Übungen des Nachmittags verhindert wurden. Der jüdische Wirt bewies erschrocken seine Unschuld, indem er andere Pfeifen aus demselben Kasten stopfen ließ, und es war auf niemanden sonst etwas zu bringen, doch war der Einnehmer an dem gefährlichen Morgen in der Stube gewesen. Und es ist gar nicht zu ermessen, wie weit dieses Kriegsfeuer zuletzt um sich gefressen hätte, wenn es nicht durch größere Ereignisse ausgetilgt worden wäre.

Unterdes gewann der Doktor Vertrauen und Zulauf und erhielt reichliche Gelegenheit, seine Kunst zu erweisen. Es währte nicht lange, daß er auch die Anstrengungen fühlte, denn einen großen Teil seiner Praxis fand er auf den Dörfern, und fast täglich, wenn die Kranken der Stadt besucht waren, mußte er mit jeder Art von Fuhrwerk meilenweit über Land. Zumal als der Herbst und Winter kam, wurde die Reise in offenem Wagen oder Schlitten, auf schlechten Landwegen durch wirbelnden Schnee und dunkle Nacht zur Beschwerde. Er aber fuhr, eingehüllt in seinen Pelz, einen Säbel zur Seite, unermüdlich nach allen Richtungen des Kreises, und die Leute rühmten an ihm, daß er den Armen ebenso bereitwillig helfe wie den Vornehmen. Als gewissenhafter Mann empfand er die furchtbare Verantwortung seines Berufes, denn die Wissenschaft hatte zu seiner Zeit von den Geheimnissen des inneren körperlichen Lebens weit weniger erspäht als wohl jetzt. Der Arzt war deshalb oft unsicherer, nur auf Beobachtung äußerer Erscheinungen und auf Mutmaßungen angewiesen, und der junge Doktor verbrachte manche schlaflose Nacht in Zweifel und Gewissensbedenken, und doch durfte ihm niemand etwas davon ansehen, und er mußte dergleichen schwere Sorge allein tragen, ohne einen Vertrauten.

Noch etwas störte ihm das Behagen. Es wurde ihm bitterlich sauer, Honorar zu fordern, am schwersten bei den anspruchsvollen Reichen; den Armen gab er lieber, als er nahm. Dies Gefühl vermochte er nicht zu überwinden, und seine Forderungen niederzuschreiben blieb ihm die widerwärtigste Arbeit. Da war es natürlich, daß seine Einnahmen nicht im richtigen Verhältnis standen zum Umfange seiner Tätigkeit. Doch besaß er von seiner Mutter ein mäßiges Vermögen, welches ihn von den Honoraren unabhängig machte, und er betrachtete dies als ein großes Glück.

Allmählich drang der Ruf, den er als Arzt gewann, über die Grenzen seines Kreises hinaus. Unter anderen Einladungen in die Ferne erhielt er einst die eines Landgeistlichen, der für seine kranke Frau, welche in Behandlung eines anderen Arztes gewesen war, ein Gutachten erbat. Der warme Ton des Briefes und die Weise, in welcher der würdige Senior seine Angst um die liebe Frau aussprach, gewannen ihm im voraus besondere Teilnahme des Doktors. Der Wagen rollte durch eine fruchtbare Ebene, deren üppiges Grün in der warmen Frühlingsluft das Auge erfreute. Dennoch wurden dem Reisenden die Meilen des Weges zu lang, und der Kutscher, der zuletzt in der Gegend nicht mehr bekannt war, mußte einige Male nach der Pfarre fragen. Endlich trabten die Pferde über unbebautes Land, das mit Ginster und Dornen bewachsen war, bei einem runden Hügel vorüber, in einen weiten Hof mit Scheunen und Ställen, die einer großen Feldwirtschaft angehörten, und hielten vor einem langgestreckten, niedrigen Bau unter Schindeldach.

Der Senior trat aus dem Hause dem Gaste entgegen, ein Mann in höheren Jahren, mit weißem Haar, aber von kräftiger Haltung, mit einem großen Kopf und vollen Angesicht, dem man die milde Gutherzigkeit ansah. Nach der ersten Begrüßung bat der Gast, zu der Kranken geführt zu werden, und er konnte nach sorgfältiger Prüfung des Falls dem Gatten zuletzt die frohe Mitteilung machen, daß die Krankheit heilbar und Genesung zu erwarten sei. Darauf erst erhob sich in der Studierstube des Herrn Seniors das unter treuen Deutschen notwendige Wechselgespräch, welches zu einer persönlichen Annäherung zu führen pflegt. Daraus erfuhr der Doktor, daß Behörden und Gemeinden sich in übergroßer Liebe zum Herkömmlichen niemals entschlossen hatten, ein neues Wohnhaus zu errichten, daß aber die Pfarre doch zu den besten des Landes zählte, viele reiche Dörfer gehörten dazu und vieles Ackerland; der Himmel aber hatte die Pflichttreue des Herrn Seniors durch reichen Kindersegen vergolten, die Söhne waren Beamte und Lehrer geworden, mehrere Töchter an Pastoren der Umgegend verheiratet. »Nur die jüngste Tochter lebt als treue Gehilfin der Mutter im Hause,« schloß der Senior seinen Bericht, »unsere Henriette ist Trost und Freude unseres Alters. Und dies idyllische Dasein wäre so glücklich, daß kaum ein Wunsch übrigbliebe, wenn wir nicht gar so einsam und allein lebten.«

»Bei solcher Pfarre muß doch ein großes Dorf sein.«

»Es ist gar kein Dorf da,« belehrte der Geistliche, »nur wenige Hütten, die zum Hofe gehören. Das Dorf wurde im Dreißigjährigen Kriege verwüstet, es stand auf der öden Stätte, an welcher Sie vorübergefahren sind, daneben liegt noch eine hohe Schwedenschanze; das Dorf wurde nicht wieder aufgebaut, nur die Kirche und Pfarre sind erhalten.«

Der Doktor trat wißbegierig an das Fenster. Eine schlanke Frauengestalt schritt behend vorüber, wie ein Lichtschein hob sie sich von dem dunklen Hintergrunde ab. Er sah eine rosige Wange, braungelocktes Haar, ein edel geschnittenes Profil, einen vollen, kräftigen Arm.

»Das war die Tochter,« sang es in ihm, »wie ist sie schön.«

»In solcher Einsamkeit helfen die Bücher«, fuhr der Senior fort. Der Doktor wandte sich um, das helle Licht war verschwunden, er stand in der grauen Wirklichkeit der schmucklosen Stube.

»Es ist vor allem der teuere Gottesmann Luther, mit dessen Lebenslauf und Werken ich mich beschäftige«, bedeutete der Senior, behaglich auf seinen großen Bücherschrank zeigend. Der Doktor sah artig nach den Titeln. »Hier finden Sie sein Bild«, erklärte der Pastor, an die Wand tretend. »Dort das seiner Käthe, und hier darunter sehen Sie die Stätte, an welcher er verborgen gehaust hat.« Er wies auf eine kleine Radierung der Wartburg.

»Als Student habe ich in den Ferien die Wartburg besucht,« fiel der Doktor ein, »auch die Studierstube, wo der Teufel mit dem Tintenfaß geworfen wurde.« »Darum könnte ich Sie beneiden«, rief der Pastor. »Es ist nämlich eine besondere Fügung, daß der große Mann in zwei wichtigen Lagen seines Lebens auf fürstlichen Burgen in Verborgenheit gelebt hat; sowohl auf der Wartburg, als auch später im Fränkischen auf der Koburg. Von der letzteren jedoch ist mir eine Abbildung zu erhalten nicht gelungen.« »Die Koburg habe ich nicht selbst gesehen,« sagte der Doktor arglos, »doch habe ich von meinem Vater gehört, daß irgendwo bei Verwandten ein Neues Testament aufbewahrt wird, in welches der Reformator einem meiner Vorfahren, der mit ihm bekannt war, auf der Koburg einen Spruch eingeschrieben haben soll.« »Das ist ja eine große Erinnerung«, rief der Senior, den Arzt mit einer neuen Art von Achtung betrachtend. »Also Ihre Familie war mit Doktor Luther bekannt. Bitte setzen Sie sich und erzählen Sie.« Er faßte den Gast mit beiden Händen und drückte ihn auf das Sofa. –

»Es ist lange her, Herr Pastor,« antwortete der Doktor hilflos, »und ich bekenne, gar nichts weiter von der Bekanntschaft zu wissen.«

Da öffnete sich die Tür und Henriette trat ein. Der Gast schnellte in die Höhe, wieder kam ihm vor, als ob ein heller Schein den Raum erleuchte. Er sah mit einer Mischung von Bewunderung und Scheu das Mädchen vor sich und verbeugte sich tief. Ihre Wangen röteten sich bei ihrem gehaltenen Dank. »Der Kaffee steht im Garten«, sagte sie leise dem Vater.

»Das war ein guter Gedanke. Unsere Kaffeestunde ist vorüber, lassen Sie sich als Reisender noch eine Schale gefallen. Unterdes gewinnt die Küche Zeit, ihre Pflicht zu tun.«

»Ich kann Sie nicht so lange aufhalten«, wandte der Doktor ein, mit geringerer Ehrlichkeit, als ihm sonst eigen war, da er gern bleiben wollte. Und das mußte er zur Stelle versprechen. Denn Vater und Tochter sahen ihn ganz erschrocken an und der Senior hob beschwörend die Hände: »Ohne Abendessen den weiten Weg zurückmachen, das dürfen Sie uns nicht antun. Henriette! Tabak, Pfeifen und Fidibus, denn auch in der freien Natur soll der Mensch seiner Bequemlichkeit gedenken.«

Der Vater übernahm die Führung, der Doktor ließ sich nicht nehmen, den Tabakkasten zu tragen. Als sie so im Hausflur standen, wo der Geistliche noch schnell die Räumlichkeiten des Hauses erklärte, rollte ein Wagen in den Hof. Dem Gast entging nicht, daß ein leichter Schatten, wie ein Bedauern über das offene Angesicht der Tochter flog. Aus dem Korbwagen stiegen zwei Bauernmädchen in ihrer Sonntagstracht; der Kutscher aber sprach angelegentlich zu dem Hausherrn. »Mit dem Müller geht's zu Ende,« wandte sich der Senior betrübt zur Tochter, »und er verlangt meinen Beistand. Gottesdienst muß allem vorgehen; seien Sie mir nicht böse, lieber Doktor, wenn ich Sie um eines Sterbenden willen auf eine Stunde allein lasse, meine Tochter und diese wackeren Mädchen werden Sie unterdes umherführen.« Er eilte in seine Stube, sich für die geistliche Handlung zu rüsten. Der Doktor überlegte, ob er bei dem Tausch gewonnen hatte; über Doktor Luther brauchte er nicht mehr Auskunft zu geben, aber die Unterhaltung mit der Tochter war auch gestört.

Die Bauernmädchen begrüßten unterdes das Pfarrkind. »Der Wagen traf uns auf dem Wege, da stiegen wir ein«, erklärte die eine. »Wir kommen bitten,« begann die andere, »ob Sie mit Blumen zur Hochzeit aushelfen wollten.«

»Was fällt euch ein, ihr Mädel, daß ihr mich heut so fremd anredet?« schalt Henriette. »Wir sind Dutzschwestern und vom Vater zusammen konfirmiert,« erklärte sie dem Gaste, »hier Bärbel, die Schulzentochter, und Liesel vom Freibauer; ihr Vater und wir grenzen mit der Flur. Sie denken, weil ein Herr aus der Stadt dabei ist, müssen sie vornehm reden. Kommt alle mit, wir führen den Herrn in den Garten.« Sie öffnete die Hintertür des Hauses.

Dort lag der Garten, zwischen dem Hause und dem Kirchhofe eingehegt, ein wohlgepflegter Raum mit geradlinigen Beeten, auf denen die Frühlingsblumen: Primeln, Narzissen und stolze Kaiserkronen in üppiger Pracht blühten. Dahinter lief die niedrige Mauer des Friedhofes, halb verdeckt durch Flieder- und Jasminbüsche, man übersah den Friedhof mit den einfachen Denkmälern, die der Landmann nach der Väter Sitte errichtet, und in seiner Mitte die alte Kirche mit ihren gemauerten Strebepfeilern, dem blauen Holzdach und einem spitzen Turm, dessen oberer Teil auch aus Holz gezimmert war. Henriette beachtete wohl, wie sehr dem Gast das kleine Landschaftsbild gefiel, und als er ihr das mit einfachen Worten sagte, wies sie auf eine große Geißblattlaube an der Seite.

»Hier sitze ich oft am frühen Morgen, überlege mir die Arbeit für den Tag und sehe wie der Turm und das Kirchdach vom Frühlichte erglänzen. Hier ist es immer traulich und still. Nur des Sonntags füllt sich der Friedhof mit den Kirchgängern aus unserer Gemeinde, mit großen und kleinen; dann summt die Unterhaltung zwischen den Kreuzen, denn die Leute, die sich hier treffen, haben einander viel zu erzählen, und die Kinder lassen sich schwer abhalten, umherzuspringen, sie klettern auf die Steine der Mauer, kauern dort wie eine Reihe Schwalben und gucken neugierig in den Garten.« Sie führte nach der Laube, nötigte zum Sitzen und bot den Gästen die Tassen mit dem geschätzten Tranke; dem Doktor aber trug sie, wie sich geziemte, die Pfeife herzu. Als er ablehnte, bat sie so freundlich, daß er nicht gänzlich zu widerstehen wagte und eine kleine Meerschaumpfeife herausholte, die ihn seit der Studentenzeit auf seinen Reisen begleitete. Dazu brachte er sein Feuerzeug, Stahl und Schwamm, aus der Tasche und suchte den Feuerstein. Das Mädchen, erfreut, helfen zu können, zog die Schublade des Tisches auf und reichte ihm einen schönen glatten Stein mit scharfer Kante. Und als der Gast das Stück aufmerksam betrachtete, sagte sie: »Wir finden dergleichen oft bei der alten Schanze, der Vater meint, es sind Naturspiele.«

»Der Stein ist doch wohl von Menschenhand geschliffen und geschärft; diese Art geformter Feuersteine wird an solchen Stellen gefunden, wo einst Gräber der alten Heiden waren. Man fängt an, solche Erinnerungen zu sammeln. Wenn Sie es erlauben, will ich mir den Stein zum Andenken aufheben.«

Da fragte das Mädchen in dem Wunsch, ihm etwas Liebes zu erweisen, ob sie ihm mehr von derselben Art geben dürfe.

Nun lag dem Doktor gar nichts an den Feuersteinen des alten Heidenvolkes, aber ihr Erröten, und der fragende Blick ihrer Augen waren so anmutig, daß er eifrig bejahte und sich wider alle Wahrheit für einen Freund von derartigen Kuriositäten ausgab, und die holde Freude, mit welcher sie seine Antwort aufnahm, beruhigte sein Gewissen vollends über die Lüge. Denn sie hob jetzt aus dem Innern des Tisches ein graues Säckchen an das Licht, klapperte lustig mit dem Inhalt und stellte es triumphierend vor den Doktor hin. »Da sind ihrer viele, große und kleine!« rief sie.

Zuletzt wurde durch andere Mittel die Pfeife in Brand gesteckt und die blauen Wölkchen kräuselten sich in der Laube und fuhren zwischen dem Geißblatt in den Bereich der Sonnenstrahlen. Die Bienen summten und die Vögel sangen wie vor tausend und aber tausend Jahren, die Herzen schlugen und die Menschen gewannen einander lieb, jetzt, wie in uralten Zeiten. Mitten im Gespräch sprang Henriette auf, »die Mutter!« rief sie. »Ich sehe schnell nach ihr. Meine Gespielen werden unterdes auf den Kaffeetisch achten, Bärbel sorge dafür, daß die Tasse des Herrn Doktors nicht leer bleibt!« Sie eilte davon. Der Gast saß mit den Bräuten zusammen. Es waren zwei dralle, tapfere Mädchen, beide hübsch, und beide saßen ihm im Bewußtsein ehrenvoller Gesellschaft steif und schweigend gegenüber. Nur Bärbel erhob sich zuweilen, sah ihm in die Tasse und setzte sich wieder fest auf ihren Sitz. Als der Doktor aber, durch einige Fragen nach den beiden Verlobten und dem neuen Hausstand das Eis gebrochen hatte, wurden beide auf einmal gesprächig und erwiesen sich als frohsinnige und gescheite Kinder. Und Bärbel vergaß über der Unterhaltung ihre Pflicht keineswegs, sowie der Herr etwas getrunken hatte, goß sie trotz seinem Proteste nach und tat ihm auch reichlich Zucker hinein, bis der Doktor endlich den Löffel über die Tasse legte. Diese Erklärung, daß er an der Grenze des Möglichen angelangt sei, wurde von ihr geachtet. Die Mädchen aber waren viel schlauer, als der Fremde ahnte, denn sie fingen an, verblümt von Mamsell Jettchen zu reden, indem sie zuerst die Kühe des Pfarrhofes lobten, welche unter Obhut des Fräuleins standen, und dabei erzählten, daß die reiche Pachtersfrau in der Nähe eifersüchtig war, weil sie es nicht dahin bringen konnte, daß ihre Kühe die gleiche Menge Milch gaben. Dann kam heraus, daß Jettchen beim letzten Erntekranz mit den beiden Bräutigamen getanzt hatte und daß sie sehr gut tanze, endlich, daß sie eine Nähschule für kleine Dorfmädchen halte; kurz, es war nicht die Schuld der beiden Bräute, wenn der fremde Herr eine geringe Meinung von Jettchen nach der Stadt mitnahm.

Henriette kam zurück, und die Mädchen erhoben sich zum Gehen. »Die Mutter hat mich fortgeschickt, sie bedarf meiner heut nicht mehr, die Frau Kantorin ist zur Pflege gekommen. – Alles, was hier blüht, Liesel und Bärbel, sollt ihr haben, soweit es sich zu der Hochzeit schickt.« Sie standen vor zwei großen Myrtenbäumen still, die nach sorgfältiger Winterpflege fröhlich ihr junges Grün trieben. »Von den Myrten schneid' ich euch so viel, als die Bäume entbehren können. Schickt den Tag vorher eure Brüder mit den Körben, die Brautkränze winde ich euch hier.«

Die Mädchen machten nicht viel Dankesworte, aber in ihren Mienen erkannte man die stolze Befriedigung, denn sie waren zumeist der Myrte und des Kranzes wegen gekommen und alles war ihnen wohlgelungen. Beim Abschied reichten sie auch dem Doktor die Hand und gingen mit schnellen Schritten über den Hof ihrem Dorfe zu.

»Sie heiraten beide in der nächsten Woche,« sagte Henriette, »und ich muß bei zwei Hochzeiten Brautjungfer sein. Sie bekommen beide gute Männer und sind selbst kreuzbrave Mädel, die immer auf sich gehalten haben.«

Vom Hofe klang das Gebrumm der Kühe. »Mir ist zumute,« begann der Doktor, »als wäre ich hier nicht fremd, denn auch ich stamme aus einem Pfarrhaus vom Lande.«

»Ihr lieber Vater war Pastor?« rief erfreut das Mädchen, denn der ansehnliche Herr wurde ihr dadurch auf einmal viel vertraulicher.

»Mein Großvater war es«, fuhr der Doktor, dem das Herz aufgegangen war, redselig fort. »Dieser war Geistlicher in einem märkischen Dorfe; er hatte eine gute Stelle und eine große Wirtschaft und das ganze Haus voll Kinder, denn er erzog neben den eigenen noch die seines verstorbenen Bruders. Dies Geschlecht hat sich über das ganze Land verbreitet bis nach Sachsen und in das Reich. Mein Vater war der jüngste Sohn. Er trat in königlichen Zivildienst und lebte längere Zeit in den polnischen Provinzen. Meine liebe Mutter starb, als ich noch klein war, und der Vater hat mich als sein einziges Kind erzogen. Seine Tage unter fremden und feindseligen Menschen vergingen einsam, viele Arbeit und wenig Freude, ich allein war es, für den der ernsthafte, stille Mann lebte. Und ich habe die Liebe eines guten Vaters so voll genossen, wie wohl wenig Kindern zuteil wird.« Das Mädchen sah, daß ihm die Lippen zuckten. »Mein kleines Bett stand neben dem seinen, und er selbst legte mich des Abends in die Kissen, dann faltete er mir die Hände zusammen und saß an meiner Seite, bis ich einschlief. Frühzeitig wurde ich der Vertraute von vielem, was ihm durch die Seele zog. Als ich in die lateinische Schule kam, machte er mit mir noch einmal das ganze Lernen durch und freute sich innig, wenn ich ihn in der Mathematik etwas lehren konnte, was er selbst vergessen hatte. Oft legte er den Arm um mich und hielt mich lange fest, und dabei sah er zufrieden vor sich hin. Noch jetzt, wenn ich allein bin, sehe ich sein Antlitz, die Augen voll Liebe vor mir, und fühle die Wärme in meinem Herzen. Als ich auf die Universität gehen mußte, war die Trennung für den Sohn sehr schwer, für den Vater wohl noch schwerer.«

Während er so erzählte, hatten sie sich auf eine Bank gesetzt, welche unweit der Kirchhofsmauer stand; die Sonne war untergegangen, zum letzten rosigen Widerschein der Wolken warf der Mond sein blasses Licht, und im dämmrigen Doppellicht glänzte die Natur.

»Sie aber mußten, da Sie noch jung waren, unter wildfremde Menschen! Das war doch das größere Leid.«

»Ich denke, allein zu sein im leeren Hause, in dem die Stimme des geliebten Kindes verhallt ist, war noch schmerzlicher. Ich fand auf der Universität ein sorgloses Treiben und gewann bald gute Kameraden, ich sah und hörte viel Neues und viel Schönes.«

»Mein Vater studierte in Königsberg, Sie aber gewiß in Halle, denn dort waren alle jüngeren Amtsbrüder des Vaters.«

»Ja, ich war dort,« rief der Doktor, und die Erinnerung an eine frohe Zeit erhellte sein Antlitz, »ich fand daselbst berühmte Lehrer und hatte zum erstenmal die Freude, ein gutes Theater zu besuchen, denn ich ging und ritt fleißig nach Lauchstädt, wo die Gesellschaft aus Weimar spielte. Und das wurde für mich der größte Genuß.«

Schüchtern setzte Henriette die Unterhaltung fort: »Die Komödie kenne ich aus unserer Hauptstadt, dort war ich zwei Jahre bei meiner Tante. Erst als meine Schwester heiratete, nahmen mich die Eltern hierher zurück. Dort habe auch ich gefühlt, wie schaurig schön die Kunst ist und wie sie die Seele erhebt. Denn ob sie zu weinen zwingt oder ob sie lachen macht, es ist immer eine Wonne.« Genau dasselbe war die Meinung des Doktors. Sie saßen auf der Bank, und jetzt schien der Mond über ihnen, er allein, die Sonne hatte ihm ganz das Feld geräumt; ruhig und freundlich sah er hernieder, wie einem Himmelskörper über einem Pfarrhofe schicklich ist, und er warf seine Strahlen durch das Baumlaub auf zwei junge Gesichter, die beide einander zugewandt und beide in heiterer Bewegung waren. Und während jedes dem andern herzlich in die Augen sah und auf die Worte lauschte, vergnügte sich der Mond damit, die alte verstoßene Mauer mit neuem Goldglanz zu bekleiden, die Steine des Kirchhofs, unter denen die Dahingegangenen so ruhig schlummerten, mit blendendem Weiß zu übermalen und sogar den alten grauen Kirchturm mit überirdischem Licht zu verklären, so daß die Fledermaus, welche von dem Dichter als Uhu erwähnt wird, wegen des ungewohnten Scheines mit den Augen blinzte.

Noch immer sprachen die beiden begeistert von der Komödie und freuten sich, daß ihr Urteil über das gemütvolle Stück »Die Jäger« so ganz übereinstimmte. Deshalb überhörten sie den Wagen des heimkehrenden Vaters und fuhren empor, als sie die Stimme des alten Herrn hinter sich vernahmen, welcher um Entschuldigung bat, weil er so spät kam.

Da der Senior vor der Abendkühle warnte, mußte der Gast in das Haus zurück, und Henriette eilte in die Küche. Noch einmal sah der Arzt nach der Kranken, dann kam das Abendessen, vergeistigt durch einen ausführlichen Bericht des Seniors über die trüben Schicksale, von welchen Katharine von Bora in ihren letzten Lebensjahren betroffen wurde. Der würdige Herr war über den neuen stillen Zuhörer so erfreut, daß er die Unaufmerksamkeit gar nicht merkte; denn für den Gast gab es nebenbei viel zu sehen und auch zu denken. Nach dem Essen noch ein herzlicher Abschied, und der Doktor fuhr in die stille Nacht hinaus.

Er sah glückselig vor sich hin. Den Liederklang, die sanfte und wehmütige Poesie, welche ihm sooft das Herz gerührt, hatte er heut als wirkliches Leben genossen. Da war das Getrümmer aus wilder Vergangenheit, um welches die Brombeeren rankten und dämmrige Schatten schwebten, daneben der ehrwürdige Friedhof und die Kreuze, an denen die Kranzgewinde in der Luft zitterten, das bemooste Turmdach, um welches im trägen Flug die Eule flatterte, alles durch die Abenddämmerung in geisterhaften Schleier gehüllt. Und dicht daneben das frische junge Leben des Mädchens, ihre rosigen Wangen, der warme Gruß ihrer blauen Augen, die unschuldige Sicherheit. So voll von Anmut, wenn sie vor ihm stand, im Strohhut und einfachen Brusttuch, noch anmutiger, wenn sie sich niederbeugte, eine Blume zu pflücken und wenn sie das Haupt neigte, um auf den Gesang der Nachtigall im Fliederbusch zu hören oder auf die Worte, die er selbst zu ihr sprach. Friedlich und gleichmäßig zwischen kräftigem Schaffen und sinnigem Träumen verlief ihr Leben, wie der klare Bach, der durch die Auen der Dichter fließt, so heiter war sie und doch so rührend, o Henriette!

Als der Doktor nach Hause kam, stellte er das Säcklein mit den alten Feuersteinen aus den Heidengräbern sorgfältig auf seinen Schreibtisch, ging eine Weile auf und ab und sah sich die Leinwand, an der eine liebe Hand geknüpft hatte, immer wieder an. Endlich setzte er sich nieder und schrieb noch in der Nacht an einen Universitätsfreund, den er in Koburg wußte und der ihm einst ein zierliches Bild in sein Stammbuch gemalt hatte, ob er ihm eine Abbildung der Feste verschaffen könne.

Dieser Anschlag gelang über Erwarten. Nach einiger Zeit traf mit der Post eine Rolle ein, in welcher ein hübsches Bild der Burg und Stadt lag, die der treue Freund selbst mit Wasserfarben gemalt hatte. Das Format war, dem Patriotismus des Koburgers gemäß, allerdings viel größer gefaßt, als der Doktor sich gedacht; doch ließ er das Bild einrahmen und wagte dazu einen innigen Brief an Fräulein Henriette zu schreiben, in welchem er sie bat, das Bild als seinen Dank für die Feuersteine zu betrachten und ihrem Herrn Vater an seinem Geburtstage aufzustellen.

Als nach einiger Zeit eine Kiste vom Dorfe eintraf, fand er darin mit stiller Enttäuschung nur einen Brief des dankbaren Vaters, welcher mit feierlichen Worten ausdrückte, daß dies schöne Bild ein Hauptschmuck seiner Stube geworden sei. Zugleich aber bat der Pastor im Namen seiner Tochter um Vergebung wegen Übersendung einer Beisteuer zum Haushalt, da das Dorf etwas Besseres nicht biete. Unter den Frühlingsblumen lagen wohlhäbige Kunstwerke der Küche und Wirtschaft. Und obwohl die Tiere, welche das Material dazu geliefert hatten, von dem Dichter nicht unter die poetischen Gebilde der Natur aufgenommen waren, so bemerkte der Doktor diesen Mangel der Sendung doch durchaus nicht. Er stellte zuerst die Blumen in ein Glas, ging mit ihnen aus dem Kerzenlicht nach der Nebenstube, in welche der Mond sein volles Licht warf, betrachtete den Strauß, wie er vom Monde beschienen wurde, stand lange am Fenster und blickte auf zum Nachthimmel. Aber zuletzt gedachte er doch fröhlich des Schinkens und der Würste. Und als er mit den Geschenken beim Abendessen saß, wurde er den Gedanken nicht los, wie wehmütig es war, daß er das Gute fern von der Spenderin verzehren mußte. So aß und trank er in heimlicher Sehnsucht; neben den Schein seiner Kerze malte das sanfte Himmelslicht ein schräges Bild des Fensters auf den Fußboden und er sah zuweilen liebevoll darauf hin. Er hatte das Abbild der Stätte, an welcher die großen Erinnerungen seiner Familie hingen, ausgetauscht gegen Gewöhnliches und Vergängliches aus dem Rauchfang, und er kam sich vor wie ein reicher und glücklicher Mann. O Henriette!

 << Kapitel 89  Kapitel 91 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.