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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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8. König Friedrich Wilhelm

Das Kottbuser Ländchen lag wie eine preußische Insel rings von sächsischem Gebiet umgeben. König Friedrich Wilhelm war zur Besichtigung gekommen, hatte Soldaten gemustert und Kammergüter bereist. Jetzt war er bei einem ansehnlichen Gutsherrn zu Gaste, welcher sich mehr als andere Standesgenossen um die Kultur seines Gutes und der Umgebung bemühte.

Da der König den Aufenthalt in freier Luft liebte, so hatte der Gutsherr ein Zelt aus roher Leinwand aufgeschlagen mit einem größeren Raume für die Mahlzeit und einem kleineren daneben, wohin die Majestät sich zu ihrer Bequemlichkeit zurückziehen konnte. Die Vorderseite des Raumes, in dem der König bei Tische saß, war offen, so daß der Herr von seinem Sitz ein großes Tabaksfeld überschauen konnte, dessen hochaufgeschossene Stauden dem Wirte zu Freude und Stolz gereichten, denn er versuchte als erster in dieser Gegend den Bau der einträglichen Pflanze.

Der König war in sehr vergnügter Stimmung; er hatte unter den aufgesetzten Speisen Rauchfleisch mit Erbsen gefunden, einem alten Rheinweine tapfer zugesprochen und hörte jetzt am Ende der Mahlzeit wohlgefällig an, was der Landwirt von den Vorteilen des Tabaksbaues erzählte.

»Aber der Dünger, Kottwitz, wo soll der in dieser magern Gegend herkommen?« fragte die Majestät. Und als der Gutsherr von seiner Absicht sprach, einen schlechten Teich auszutrocknen und nach einer Vorfrucht Tabak dorthin zu pflanzen, schüttelte der König das Haupt und sagte: »Kottwitz, das wird Lausewenzel. Die Sache mag gut sein, aber rauchen tu' ich deinen Tabak nicht.«

Da wagte der Landwirt die Güte seines Tabaks zu verteidigen, trug eine Büchse und Tonpfeifen herzu, stopfte eine Pfeife und bat ehrerbietig, die Majestät möge nur einmal selbst versuchen.

Der König aber, welcher diesem Tabak nichts Gutes zutraute und dem auch unlieb war, daß eine fremde Hand gestopft hatte, legte die Pfeife beiseite und sprach wohlwollend weiter.

Der diensttuende Offizier wurde hinausgerufen; der König sah sich wiederholt nach ihm um und rief dem Eintretenden ungeduldig entgegen: »Was gibt's, Einsiedel? Was hast du? Brennt das Pulver in der Tasche?«

»Eure Majestät, ein auswärtiger Zivilist fleht um Gehör. Er gibt an, ein Kursachse zu sein, Magister und Kandidat der Theologie, mit Namen König.«

»König?« wiederholte die Majestät nachdenkend. »Was will der Sachse? Hast du ihn nicht gefragt?«

»Er will Eurer Majestät sein Anliegen selbst vortragen. Ein schöner Mann, Majestät, wenigstens einen Zoll über sechs Fuß.« Der König stand schnell auf. »Den kenne ich, er soll sogleich hereinkommen.« Er winkte mit der Hand, die Gesellschaft trat ehrerbietig aus dem Zelte und Friedrich wurde eingeführt. Er war bleich, aber er trug das Haupt hoch, als er nach ehrfurchtsvoller Verbeugung begann: »Eure Majestät befahlen mir vor zwei Jahren an Stelle meines Bruders, welcher damals in Eurer Majestät Diensten stand, zu kommen. Ich habe die Ehre, mich zu melden.«

Die Miene des Königs verfinsterte sich und die Finger umfaßten heftig das Rohr. »Euer Bruder ist ein fahnenflüchtiger Deserteur und Ihr seid nicht viel besser. Ihr habt zwei Jahre gebraucht, um Euch an Euer Versprechen zu erinnern.«

»Halten Eure Majestät zu Gnaden, ich war als Erzieher zwei Jahre im Ausland, hier ist mein Reisepaß und das Zeugnis meines Prinzipals; meine Angehörigen hatten mir in zu großer Sorge um meine Zukunft verborgen, daß Eure Majestät die Entlassung meines Bruders, welche ihm durch den Chef des Regiments erteilt war, kassiert haben. Vor wenigen Tagen kam ich in mein Vaterland zurück, erst dort habe ich das Schicksal meines unglücklichen Bruders erfahren. Von der Stunde an wußte ich wohl, was ich zu tun hatte.« Er bot die Papiere.

»Nimm die Schreiberei«, sagte der König zu Einsiedel.

»Es ist, wie er sagt,« berichtete dieser hineinblickend, »in dem Briefe versichert Herr von Reck, daß er selbst die schmerzliche Überraschung des Anwesenden gesehen, und er fleht die Gnade Eurer Majestät für den redlichen Mann an.«

»Der von Reck ist ein ordentlicher Kerl, aber Euch, Sachse, nützt sein Fürwort nichts. Euer Bruder hat mich unverantwortlich hintergangen, und Eure Regierung hat alle amikabeln Regards vergessen, als sie meinen Fahnenkorporal ohne Entlassungsschein zum Offizier annahm. Was soll daraus werden, wenn die Ehre und Reputation der deutschen Offiziere in solcher Weise prostituiert wird? Ich will ein Beispiel geben, daß ich mich nicht durch schöne Worte hinter das Licht führen lasse. Euer Bruder mag zum Teufel gehen, Ihr aber, da ich Euch jetzt habe, tretet zur Stelle statt seiner ein.«

»Was Eure Majestät über mein Schicksal beschließen, muß ich mir gefallen lassen,« sprach Friedrich ergeben, »denn ich habe Eurer Majestät versprochen, wenn Dieselben es fordern, mein Leben zur Verfügung zu stellen. Dazu bin ich jetzt bereit; aber eben deshalb flehe ich für meinen armen Bruder um Gerechtigkeit. Dieser ist nicht so schuldig, wie Eure Majestät annehmen, und er ist der Verzeihung und Gnade nicht unwert; auch seine Offiziersehre wage ich in tiefster Submission vor Eurer Majestät zu verteidigen. Er hatte von seinem preußischen Vorgesetzten unter amtlichem Siegel die Zuschrift erhalten, daß seine Entlassung von dem hohen Chef des Regiments bereits ausgefertigt sei und daß nur durch die Kommunikation an Eure Majestät die Zusendung verzögert werde. War mein Bruder im Irrtum, wenn er dies Schreiben für eine Lösung seines Dienstverhältnisses hielt, so hat er sich doch nicht darauf verlassen, sondern die sächsischen Kommandeure selbst, welche ihm den Eintritt in den sächsischen Dienst antrugen, haben ihm die Zusicherung gegeben, die Aushändigung des Entlassungsscheins bewirken zu wollen, nötigenfalls durch die Gesandtschaft.«

Der König stieß heftig mit dem Stocke auf. »Das ist eben die Lacheté, und dafür müßt Ihr jetzt entgelten.«

»Haben die sächsischen Oberoffiziere aber zu voreilig der Gnade Eurer Majestät vertraut,« fuhr Friedrich demütig fort, »so vertraue ich, daß die hohe Gerechtigkeit des Königs von Preußen nicht das Versehen derselben meinem Bruder zurechnen wird, der damals noch jung war und sich in betreff seiner Offiziersehre willig auf das Urteil seiner Vorgesetzten verließ.«

»Ich würde diese beim Kopfe kriegen, wenn ich sie hätte; so aber muß ich mich jetzt an Euch halten.«

»Mein Schicksal habe ich mit Vertrauen einem Herrn übergeben, der die Gedanken der Könige lenkt und ihre Taten richtet, und ich stehe vor Eurer Majestät als ein Mann, der gefaßt ist, sich von allen Hoffnungen, die er sonst für seine Zukunft hegte, zu scheiden. Aber da bis jetzt mein Beruf war, die heiligen Gebote mir und anderen zu erklären, so gestatten Eure Majestät mir auch zu sagen, daß das Versehen, welches durch meinen Bruder und durch die sächsischen Behörden etwa gegen Eurer Majestät hohes Amt begangen wurde, geringfügig ist gegenüber dem größeren Unrecht, welches Eure Majestät selbst an meinem Bruder begangen haben.«

Der König hob den Stock und trat ihm näher. »Was untersteht Er sich?«

»Ich spreche aus, was der gerechte Sinn des Königs von Preußen ohnedies recht gut weiß. Mein Bruder trat als Ausländer freiwillig in Eurer Majestät Dienst, aber er wurde dadurch nicht Eurer Majestät Sklave. Als unser Vater starb und die Familienverhältnisse eine Rückkehr in die Heimat wünschenswert machten, hat mein Bruder wiederholt um seinen Abschied angehalten und dieser ist ihm wiederholt verweigert worden; zuletzt wurde ihm Urlaub, um seine kranke Mutter zu besuchen, nur erteilt, nachdem Eure Majestät mich als Bruder wegen der Rückkehr verpflichtet hatten in einer Weise, welche bei Christen und Heiden ungewöhnlich ist.«

Einsiedel trat einen Schritt vor und machte eine abwehrende Bewegung. »Laß den sächsischen Pfaffen nur schwatzen,« sagte der König grimmig, »er hält seine Henkerspredigt. Was wagt Er mir mit seiner Zunge noch auf die Seele zu reden?«

»Nichts weiter«, sagte Friedrich fest, bebte ihm auch in tiefer Bewegung die Stimme. »Für mich selbst habe ich nichts zu bitten. Eure Majestät werden Ihre Macht an mir üben, wie Sie es vor Gott verantworten können. Ich weiß, daß Eure Majestät in dem Rufe eines strengen Herrn stehen und manche nennen Eure Majestät hart. Trifft mich die Härte, vielleicht haben andere den Segen.«

»Das hieß Ihn Gott reden«, rief der König, den Stock senkend.

Auf der Landstraße rollte ein Wagen heran; gleich darauf war außerhalb des Zeltes eine Bewegung erkennbar. Der Offizier eilte hinaus und brachte die Meldung: »Herr von Reck ist angekommen, um Eure Majestät von kursächsischer Seite zu begrüßen. Er hat eine Demoiselle mitgebracht und erfleht für sich und seine Begleiterin Audienz.«

»Jetzt schicken die Sachsen noch gar ihre Schürzen aus, um mir den Nachmittag zu verderben«, grollte der König. »Höre, Einsiedel, diesen hier will ich sogleich in der Montur meines Regiments sehen. Der Sergeant Döpel soll mit ihm tauschen.«

»Der Döpel ist anderthalb Zoll größer«, wandte der Offizier ein, welcher trotz seines Berufes ein gewisses Mitleid mit dem Fremden fühlte.

»Tut nichts,« sagte der König, »du mußt an den Knien nachgeben.«

»Der Döpel ist auch schmäler in den Schultern; es ist schade darum, der Mann wird sich schlecht präsentieren.«

»Dummes Zeug«, rief der König. »Zieh ihn hier gleich hinter der Leinwand an« – er wies auf den Nebenraum des Zeltes. »Rechts um und marsch!« befahl er seinem Opfer und sah ihm behaglich nach. »Die Fremden laß herein!«

Der sächsische Gutsbesitzer wurde mit Dorchen in das Zelt geführt. Der König stand würdig in der Mitte des Raumes: »Ich weiß mich sehr wohl auf Sie zu besinnen, Herr von Reck. Ist es ein Verwandter von Ihnen, der bei Marwitz steht?«

»Zu Befehl, Majestät, es ist mein Bruder!«

»Was also führt Sie zu mir?«

»Mir ist die Ehre geworden, Eure Majestät im Auftrage der sächsischen Regierung ehrfurchtsvoll zu begrüßen. Zugleich wage ich mein Mündel, Dorothea von Borsdorf, höchster Gnade zu empfehlen.«

Der König sah in guter Laune auf das hübsche Mädchen. »Will das Fräulein in preußischen Dienst treten?« Dorothea wollte sich tief verneigen, aber sie sank auf die Knie und hob die gefalteten Hände flehend auf.

»Stehen Sie auf, junges Frauenzimmer«, sagte der König zurücktretend; »Ich kann's nicht leiden, wenn Fremde vor mir knien. Am wenigsten Weiber. Ich knie auch nicht vor Ihresgleichen. Was ist Ihr Begehr?«

»Retten Eure Majestät den Fritz König.« Die Miene des Monarchen umwölkte sich. »Ha so! Hat er Sie angestiftet, zu mir zu kommen?« – »Nein,« rief Dorchen, »und er soll nie erfahren, daß ich gewagt habe, seinetwegen zu Eurer Majestät zu dringen.«

»Er ist ihr Bräutigam?« fragte der König, zu dem Begleiter gewandt.

»Nein!« entschuldigte sich Dorchen, »er ist nur ein guter Freund aus der Zeit, wo wir Kinder waren. Damals hat er mich mit eigener Lebensgefahr vor dem Ertrinken bewahrt, und«, fuhr sie errötend und stockend fort, »auch später hat er sich meinetwegen in Gefahr gestürzt, um mich in Polen aus schrecklicher Lage zu befreien.«

»Ich denke, er war in England«, sagte der König mit erwachendem Mißtrauen.

»Es war vor seiner Reise, damals, als er zuerst vor Eurer Majestät Angesicht kam. Ich war während jener fürchterlichen Wochen zu Thorn, und er brachte mich zu meinen Verwandten zurück.«

»Darum also wagte sich der Candidatus unter die Säbel der Polen? Und Sie haben die Geschichte ebenfalls erlebt? Ich kann sie nicht aus dem Gedächtnis bringen, und wir müssen sagen: Der Herr weiß alles zum besten zu lenken, aber wir ängstigen uns, weil wir seine Gedanken nicht verstehen.«

»Dasselbe sagte damals auch Fritz.«

»So?« fragte der König, »er ist wohl ein heftiger Theologe, der gegen die Andersgläubigen auf seiner Kanzel paukt?«

»So ist er nicht, er folgt mehr der Lehre von der Liebe und dem Erbarmen, nur daß er kein Kopfhänger ist.«

»Das ist recht«, bestätigte der König zufrieden. »Die Diskutierer auf der Kanzel kann ich nicht leiden und die Kopfhänger auch nicht. Wer ein gutes Gewissen hat, soll freudig und beherzt geradeaus sehen. Tun Sie das auch, mein Kind, und sagen Sie mir ehrlich, was Sie wollen. Ich soll den Mann nicht für mich haben, sondern Ihnen zurückgeben, weil Sie ihn selber behalten wollen.«

Ein glühendes Rot flog über Dorchens Gesicht. Unter den kurzen Worten des Königs zerriß der Schleier, welcher ihr das eigene warme Gefühl verborgen hatte, und leise sagte sie: »Das will ich nicht!« Aber im nächsten Augenblick lag sie wieder auf den Knien und rang die Hände. »Ich habe gewagt, Herr König, was für ein armes Mädchen zu viel und schwer ist, verachten Sie deshalb meine Bitte nicht. Ja, ich bin ihm gut, und was noch niemand von mir gehört hat, Eurer Majestät will ich es gestehen, damit Eure Majestät sich unser erbarmen. Ich weiß, daß er aus brüderlicher Liebe sich ausgeliefert hat wie jemand, der in den Tod geht, denn er ist nicht zum Soldaten erzogen, sondern zum Geistlichen.«

»Wie können Sie sagen, Demoiselle, daß er zu mir gekommen ist wie einer, der sich dem Profoß ausliefert? Hat er eine solche Meinung vom König von Preußen?«

»Nein!« rief wieder Dorchen, noch immer kniend, »ich hätte nicht gewagt, zu kommen, wenn Monsieur Fritz nicht zu Eurer Majestät ein ganz anderes Vertrauen hätte. Denn damals, als wir die unglückliche polnische Stadt verließen, sagte er zu mir mit schwerem Seufzen: Als Sachse wollte ich, wir hätten das nicht erlebt, und ich wollte lieber, wir wären unter dem König von Preußen zu Hause.«

»Nun,« sagte der König, »was nicht ist, kann noch werden.« Er schob die Leinwand zurück und rief:

»Herein, Sergeant!« Friedrich trat ein im blauen Rock des Königs. Er stand steif da, aber die Augen waren ihm feucht, und er hatte Mühe, die Haltung zu bewahren.

Als Dorothee den Geliebten in der Montur erblickte, verlor sie alle Fassung, die Tränen brachen ihr aus den Augen und sie verbarg ihr Gesicht im Tuche. Unterdes betrachtete der König mit innigem Vergnügen das Aussehen des Theologen. »Die Montur ist gar nicht zu enge,« sagte er zu seinem Vertrauten, »mit dem Maß hattest du recht, er käme doch noch ins erste Glied. – Was ist hier los?« fuhr er verwundert gegen Dorothea fort. »Herr von Reck, Ihr Mündel ist mit der Veränderung nicht zufrieden. – Hat Er gehört, was diese von Ihm erzählt hat?«

»Ja,« antwortete Friedrich leise, »wider meinen Willen.«

»Es geschah auch nicht mit meinem Willen, Fräulein,« versuchte der König zu begütigen, »aber das Unglück ist einmal geschehen, nun wißt ihr's beide. Hören Sie auf mit dem Weinen!« – er stampfte mit dem Stocke auf – »das kann ich nicht leiden. Sie gefielen mir vorhin besser. Was sagt Er zu den Geständnissen dieser Demoiselle?«

»Die Erinnerung daran wird mir für mein Leben das höchste Glück sein; ihre Worte gleichen dem letzten Gruß eines Freundes, von dem ich für immer scheide.«

»Wegen meines Rockes?« fragte der König.

»Ja«, sagte Fritz. »Auch hatte die Mutter den Wunsch, daß Fräulein Dorothea einst die Gattin meines Bruders wird.«

Der König sah enttäuscht von einem zum andern. »Zum Teufel mit Eurem Bruder!« rief er unwillig.

Wieder trat der Offizier ein, diesmal selbst in Alteration. »Der Freikorporal König von Markgraf Albrecht meldet sich in Arrest.«

Dorchen stieß einen leisen Schrei aus und tat einen Schritt auf Fritz zu, als wenn sie bei ihm Schutz suchte; auch der König stand überrascht. »Einsiedel, ich will ihn nicht sehen. Trägt er sächsische Montur?«

»Er kommt zivil, er hatte heut früh seine Entlassung aus dem sächsischen Dienst genommen.«

»Hast du ihm gesagt, daß der Bruder statt seiner angenommen ist?«

»Gewiß,« antwortete der Offizier, »und ich habe ihm gesagt, daß er wie ein Verrückter handelt, wenn er sich jetzt in unsere Hände und vor die Augen Eurer Majestät wagt. Ich habe ihm geraten, er solle zur Stelle seinem Pferde die Sporen geben und nach Sachsen zurückreiten, denn was ihm hier bevorstehe, sei ein Kriegsgericht und dahinter Ketten oder eine Kugel.«

»Das war recht«, sagte der König.

»Er aber meinte, er könne nicht dulden, daß der Bruder für sein Unrecht bezahle, und müsse darauf bestehen, sich selbst anzugeben.«

»Warum hat er nicht früher so gedacht?« grollte der König und sah von der Seite auf Friedrich. »Es ist zu spät, der andere ist bereits angenommen.«

»Das hielt ich ihm vor; er aber meinte, er könne nicht leben mit einer solchen Schuld gegen seinen Bruder auf der Seele, und ich sollte so barmherzig sein und ihn melden.«

»Wie war er?«

»Wie ein braver Kerl vor einem Duell, höflich, aber kurz.«

Der König sah wieder nach den Liebenden. Die weinende Dorothee hatte die Hand des Rekruten ergriffen, und er blickte ihr traurig ins Gesicht. »Geht beide dort hinein,« gebot der Monarch, »und damit die jungen Leute nicht miteinander allein bleiben, leisten Sie ihnen Gesellschaft, Herr von Reck.« – Darauf befahl er dem Offizier: »Ich will den Ausreißer doch sehen, halte für alle Fälle die Wache bereit mit Ober- und Untergewehr.«

»Eure Majestät haben ja niemand mitgenommen als den Döpel, weil Dieselben meinten, Sie wollten Kottwitzen nicht zuschanden essen; und der Döpel steckt, wie Eure Majestät befohlen, in dem schwarzen Rock des Theologen.«

»Dann bleibst du selbst gegenwärtig. Diese schwadronierenden Sachsen sollen sehen, daß wir mit ihrem Mundwerk und ihren Flattusen auch noch fertig werden.«

August trat ein, stellte sich aufrecht hin und begann seine Meldung: »Freikorporal August König!«

Der Monarch unterbrach ihn rauh: »Ist mir nicht bewußt. Warum tragt Ihr nicht die sächsische Montur, wenn Ihr Euch bei mir meldet? Ich mag's nicht leiden, wenn ein fremder Offizier sich wie ein Federfuchser kleidet.«

»Ich habe meinen Abschied aus kursächsischem Dienst genommen und heute früh erhalten.«

»Abschied?« fragte der König. »Es kommen dabei Irrtümer vor.«

»Hier ist mein Entlassungsschein«, sagte August, ein Papier herausziehend. Der König winkte dem Offizier, der es abnahm und meldete: »Der Schein ist in Ordnung.«

»Kümmert mich nicht weiter«, entschied der König. Einsiedel gab dem Delinquenten das Papier zurück.

»Raucht Ihr Tabak, Leutnant König?« fragte der Monarch.

»Zu Befehl, Eure Majestät.«

»Dann zündet Euch diese Pfeife an. Reich sie ihm«, gebot der Herr seinem Vertrauten, »und sorge für Feuer.«

August setzte erstaunt den Tabak in Brand. »Raucht!« gebot der König unwillig. »Ich habe zu tun.« Er setzte sich auf einen Holzstuhl an den Tisch, nahm einen Anschlag über die Kosten der Entwässerung, welchen der Gutsherr zurechtgelegt hatte, und las darin. August stand still und steif am Eingang des Zeltes und blies stark riechenden Dampf aus der Pfeife. Auch der Adjutant harrte unbeweglich. Der König ergriff ein Papier nach dem anderen und vertiefte sich darein, das dauerte eine Weile. Endlich fragte er über die Schulter: »Wie schmeckt der Tabak?«

»Schlecht, Eure Majestät,« antwortete August, die Arme anziehend, »er fuselt.«

»Das war Sein Glück,« rief Friedrich Wilhelm aufstehend, »ich habe es dem Kottwitz im voraus gesagt. Es ist gut, Leutnant König, Ihr könnt abtreten. Und da Ihr von hier sogleich in Eure frühere Garnison zurückreisen werdet, so mögt Ihr einen anderen Abschied als der ist, den Ihr in Eurer Tasche tragt, für einen Namensvetter von Euch mitnehmen, der auch August König hieß und vor Jahren in meinen Diensten stand. Die Aushändigung ist durch gewisse Umstände verspätet worden. Setze dich, Einsiedel, und schreibe für den gewesenen Freikorporal August König einen richtigen Abschied. Und schreibe darunter das Jahr und den Tag, an welchem der Bewußte die preußische Garnison verlassen hat, damit seine Landsleute ihn nicht für einen verdammten Ausreißer halten. Wißt Ihr, wie lange es her ist?« August nannte das Jahr und den Tag, aber die Worte kamen klanglos aus der Kehle.

Einsiedel schrieb, der König sah wieder in die Rechnungen, bis ihm der Offizier den Abschied zur Unterschrift vorlegte. Der Herr unterzeichnete und winkte, den Schein dem Sachsen zu geben. Aber August verweigerte die Annahme. »Danken Sie Gott und stecken Sie ein«, sagte leise der Offizier. August antwortete ebenso: »Ich kann an meinem Bruder nicht zum Schelm werden.«

»Was gibt's noch?« grollte der König, sich umsehend.

»Er will den Abschied nicht nehmen, Majestät.« Der König erhob sich, und als er sah, daß August das Knie beugte, rief er zornig: »Donnerwetter, wer in meinen Diensten gewesen ist, soll wissen, daß der Soldat nicht kniet, außer im ersten Gliede beim Feuern.«

»Vergebung, Majestät«, bat der Verabschiedete. »Dem August König, welchem die höchste Gnade heut die Entlassung bewilligte, darf ich den Abschied nicht mitnehmen, wenn ich ihm nicht seinen Bruder zurückbringe, welcher sich als sein Stellvertreter der Gnade Eurer Majestät übergeben hat.«

»Der Deserteur will noch Bedingungen stellen?« rief der Monarch in hellem Zorn. »Er wagt auf meine Nachsicht zu trotzen? Ich will ihm einen strengen Herrn zeigen. Nimm seinen Degen. Fort mit ihm!«

»Er hat keinen Degen, Majestät«, rapportierte der Offizier, und gebot, zu dem Sachsen tretend: »Sie sind verhaftet, folgen Sie mir.« August rückte sich zusammen. Er erkannte, daß er in ungnädige Hand gefallen war, aber er sprach nichts weiter, sondern wendete sich zum Gehen.

Da vernahm der König ein unterdrücktes Schluchzen aus dem Nebenraum des Zeltes. »Oho!« rief er und schlug mit dem Stock auf den Tisch, denn ihm fiel ein, daß er als ehrlicher Mann den älteren Bruder nicht behalten konnte, wenn er den jüngeren im Arrest festsetzte. »Einsiedel!« Der Offizier und sein Gefangener wurden am Eingang sichtbar. »Frage doch den Kerl, ob er in Sachsen eine Braut hat?« Der Offizier wiederholte die Frage, und August antwortete: »Nein!« »Ob er eine gewisse adlige Dorothea Borsdorfin von Person kennt.«

»Ich kenne sie seit meiner Kindheit«, sagte August.

»Frage ihn,« gebot der König weiter, »ob er die Dreistigkeit gehabt hat, sie heiraten zu wollen.«

»Es war zwischen den Eltern vielleicht davon die Rede«, versetzte August. »Ich glaube aber nicht, daß ihr Gemüt mir zugewandt ist.«

»Sie will Ihn durchaus nicht zum Manne«, brach der König gegen den Unglücklichen los. »Sie will Seinen Bruder; daß Er es nur weiß.«

Der König rührte an die Leinwand. »Bringen Sie Ihre Anbefohlenen heraus, Herr von Reck!«

Dorothea trat mit ihrem Vormund heran, hinter ihnen Friedrich in der Montur. »Hier, Fräulein,« sagte der Monarch mit einer unbeholfenen Ritterlichkeit, die ihm doch gut stand, denn man merkte ein ehrliches Wohlwollen, »hier sind zwei Brüder. Einer davon gehört mir, der andere mag gehen, wohin er will. Der, den Sie heiraten wollen, den nehme ich, und ich will mir Mühe geben, die Einwilligung Ihrer Verwandtschaft durchzusetzen.«

Das Fräulein stand zwischen den beiden Brüdern. »Majestät«, flehte sie zitternd.

»Ängstigen Sie sich nicht,« versuchte der König zu trösten, »ich meine es gut, und ich will Ihnen beweisen, daß ich kein Tyrann bin, obgleich dieser hier« – er wies auf Friedrich – »mich dafür ausgeschrien hat.«

Dorothea sah zur Erde, aber die Rechte hob sich leise auf Friedrich zu. Der König ergriff schnell ihre Hand und legte sie in die des Kandidaten, stellte sich vor diesen und berührte ihm mit dem Knopfe des Stockes die Brust. »Dich wollte ich,« sprach er, »und du gehörst zu mir. – Ziehe jetzt meine Montur aus, obwohl ich dich lieber darin sehe als in dem schwarzen Rock. Der Feldprediger von Markgraf Albrecht ist hinfällig, ich setze dich in seine Stelle, damit sollst du bei mir anfangen. Ihr, Herr Leutnant aus Sachsen, steckt jetzt Euren preußischen Abschied in die Tasche. Da Ihr, um Eure brüderliche Pflicht gegen meinen Feldprediger zu erfüllen, aus dem sächsischen Dienst ausgetreten seid, so will ich dafür sorgen, daß Ihr wieder hineinkommt. Kottwitz!« rief er aus dem Zelt. »Den Herren Sachsen schmeckt der Tabak nicht. Laß den Wagen vorfahren.«

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