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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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7. Unsicheres Glück

Am Ersten jeden Monats durfte der glückliche Leutnant seine liebe Demoiselle im Hause des Grafen besuchen; dann war immer die kleine Komtesse zugegen; sie las in einem Buche und fuhr nur zuweilen in das Gespräch der Liebenden hinein. Doch trotz dem Zwang, den ihre Gegenwart auferlegte, lernte August jetzt sein Mädchen in anderer Weise lieben als früher; er erkannte nicht nur, daß ihr Herz an ihm hing, auch daß sie gescheit und redlich war und in ihrem Charakter dem Vater gar nicht unähnlich. Zuweilen verwünschte er die Beschränkung des Verkehrs, doch trug gerade das Ungewöhnliche der Besuche dazu bei, seinem lebhaften Sinn das Verhältnis reizvoll zu erhalten. Und als sein Regiment in die alte Garnison zurückkehrte, wurde zwar die Trennung schwer, und das Abkommen der Liebenden, einander fleißig zu schreiben, vermochte nur wenig zu trösten, aber August behielt doch die gehobene Stimmung. Er war wieder geneigt, sich für ein Glückskind zu halten, wozu ihn einst die Frauen im elterlichen Hause ernannt hatten. Wurde er auch zuweilen durch Fortunas Finger herabgedrückt, immer wieder war er in die Höhe geschnellt, und er hoffte, daß die Zukunft auch seinem größten Herzenswunsch hold sein werde.

Seine Mutter freilich fand er in ernsten Sorgen, als er sie von der Garnison aus besuchte. Das Vertrauen zu dem Vormunde war gründlich erschüttert. Die Großmama, welche in der letzten Zeit hinfällig geworden, hatte dem vornehmen Vetter Verfügung über den größten Teil ihres Vermögens gestattet, und der Herr war in weltmännischem Leichtsinn der Versuchung unterlegen, dasselbe zur Bezahlung seiner drückenden Schulden zu verwenden. Die Sicherheit, welche er etwa noch bieten konnte, war so ungenügend, daß ein großer Verlust in Aussicht stand.

In dieser Zeit war für Madame König der Anblick ihres Leutnants und der Gedanke an seine gute Karriere die beste Erquickung. Und wenn sich August in der neuen Montur mit seinem silbernen Degen ritterlich um Dorchen bewegte und das Fräulein zu den Tulpen und Narzissen des Gartens führte, gefiel er jetzt auch der gnädigen Frau von Borsdorf; sie bedachte, daß trotz der Schulden das Gut doch nach einigen Jahren einen Landwirt ernähren könne, und da sich auch die polnischen Aussichten als Trugbilder erwiesen hatten, so ging diesmal ihr Herz auf, und sie sagte, auf die Kinder weisend, zu ihrer Freundin: »Es ist ein hübsches Paar, und sie halten treu zusammen.« Aber sie erhielt nicht die Antwort, welche sie begehrte, denn diesmal wurde Madame König zur Vorsicht gemahnt durch den Wunsch, für ihren Sohn eine reiche Partie, wenn auch eine bürgerliche, zu gewinnen, und sie antwortete: »Es ist eine Kinderfreundschaft, meine Liebe, man kann beide ruhig gehen lassen, sie denken sich weiter nichts dabei«, so daß Frau von Borsdorf Mühe hatte, ihre Kränkung zu verbergen und auf dem Rückwege das verwunderte Dorchen schalt, weil sie zu vertraulich mit dem Leutnant gewesen sei.

Nur einen geheimen Kummer hatte August. Sein preußischer Abschied kam nicht. Die Wetterwolken zwischen Preußen und Sachsen hatten sich verzogen, sie konnten nicht mehr das Hindernis sein. War es die Ungnade des Königs? August suchte sich diese Möglichkeit auszureden, aber die Ungewißheit bedrückte ihn so sehr, daß er zum zweitenmal an seinen Gönner Vogt schrieb, welcher jetzt Oberstleutnant des Regiments war, und um Nachricht bat. Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort, wohl aber schrieb ihm sein alter Freund Roncourt, er sei veranlaßt, ihn zu benachrichtigen, daß sein Name in der Regimentsliste nicht gestrichen und nur durch besondere Gnade des Chefs mit dem Vermerk »beurlaubt« versehen sei, daß aber der Hauptmann heftig von Desertion spreche und behaupte, daß die Kompanie solche Schonung nicht länger ertragen könne. Während August noch den Schreck über diese Nachricht in sich herumtrug, ließ ihn der Oberst kommen und erklärte mit umwölkter Stirn, ihm sei der Privatbrief eines höheren Offiziers von Markgraf-Albrecht zugegangen, der König von Preußen habe den Entlassungsschein nicht an das Regiment zurückgeschickt und nach wiederholten Anfragen den Bescheid erteilt, er verweigere den Abschied. Auf dienstlichem Wege sei in dieser unangenehmen Angelegenheit keine Hilfe zu finden.

Bestürzt antwortete August: »Der Herr Oberst haben, als ich eintrat, auf den Entlassungsschein keinen Wert gelegt.«

»Allerdings,« versetzte der Oberst, »unter den damaligen Konjunkturen, und da die Erteilung zweifellos schien. Doch verhehle ich Ihnen nicht, daß es dem Regiment unangenehm sein würde, wenn die Herren Preußen an unserem Hofe Alarm schlagen sollten. Deshalb rate ich, die Sache auf diplomatischem Wege zu erledigen.«

»Ich bitte den Herrn Obersten, sich für diesen Weg meiner anzunehmen.«

»Mein junger Freund,« antwortete der Oberst wohlmeinend, »in dergleichen diffizilen Fällen gilt als Regel, daß die große Treppe weniger bequem zum guten Ziele führt, als die kleine. Geht die Angelegenheit auf der großen Treppe durch das Regiment an die Majestät, so gibt es auf eine kühle Verwendung aus Dresden eine Antwort von kurzer Höflichkeit aus Berlin, und die Sache kann für immer zu Ihrem Nachteile entschieden sein; während durch Connaissancen und Privatregards ohne Schwierigkeit das Gewünschte erreicht wird. Sie kennen ja den würdigen Herrn von Reck.«

Das mußte August zugeben. Denn Herr von Reck, Besitzer eines nahen Gutes, war Dorchens Vormund; August hatte schon als Knabe auf dem Gute zugleich mit Dorchen im Wasser gelegen und war jetzt zuweilen bei Jagden ein willkommener Gast. »Der Kavalier«, fuhr der Oberst fort, »ist ein Verwandter unseres Geschäftsträgers in Berlin; wenn er diesen veranlaßt, bei dem Staatsminister von Grumbkow einige gute Worte einzulegen, so wird der Entlassungsschein ohne allen Lärm erteilt.«

August war mit diesem Bescheid unzufrieden, aber er fand keinen besseren Rat. Er fuhr sogleich auf das Gut des Herrn von Reck, machte ihn zum Vertrauten seiner Not und erhielt das Versprechen warmer Verwendung. Er sah jetzt ein, daß er in übler Lage war. Es wurde ihm leicht, gegen die Mutter zu schweigen; aber das größte Mißbehagen empfand er, als er an seinen Bruder schrieb, denn er getraute sich nicht mehr, diesem seine Verlegenheit mitzuteilen. Sich selbst sagte er, daß er dem Bruder nicht unnötige Sorgen machen dürfe, aber im Grunde bangte ihm vor dem entschiedenen Willen des Ältesten. Bald jedoch gewann er wieder Zutrauen auf einen guten Ausgang dieser Angelegenheit, denn er empfing einen neuen Beweis, daß das Glück nicht müde wurde, ihm Überraschungen zu bereiten.

Einst sah er auf der Straße einen kleinen Herrn vor sich hergehen mit gebeugtem Haupte, in schwarzem Trauerkleide, den Degen an der Seite. Erst nach einer Weile erkannte er seinen früheren Rekruten und wollte verwundert über den Wandel im Äußeren des Magisters mit kurzem Gruß vorüber, als der Kleine aufblickte und ihn anredete, während ein Freudenschimmer über sein Gesicht zog: »Es ist mir ein unerwartetes Vergnügen, den Herrn Leutnant wiederzusehen.«

»Guten Morgen, Herr Magister«, versetzte August und ging weiter. Aber der Kleine drängte sich an seine Seite und bat, indem er, die Hand am Degen, gleichen Schritt zu halten suchte: »Entziehen sich der Herr Leutnant nicht meiner Gesellschaft, da mir jetzt ein mitfühlendes Herz Bedürfnis ist. – Juno ist gestorben, lieber Monsieur König.«

»Ich bedaure, Herr Magister.«

Der Kleine griff nach seinem Taschentuch. »Sie war zuweilen strenge«, sagte er, »jedoch lag das mehr in ihrem Charakter, als in einer ungünstigen Gesinnung gegen mich, denn sie meinte es manchmal besser zu mir, als ich selbst.« Er wischte sich die Augen: »Lugete Veneres Cupidinesque! Sie hat mir alles hinterlassen, was sie besaß: drei Häuser, und in dem Kasten, dessen Schlüssel immer in ihrem Bett steckte, war viel mehr, als irgend jemand gedacht hatte; und kurz, Monsieur König, ich bin auf meine alten Tage ein reicher Mann.« Wieder faßte er nach seinem Tuche.

»Dazu wünsche ich Glück, Herr Magister«, sagte August, immer noch bemüht, sich zu entziehen.

Aber der Witwer fuhr, Tritt haltend, fort: »Wer zu den Sechzigen gekommen ist und in der Welt allein steht, findet das Glück nicht groß. Hat der Herr Leutnant einige Zeit für mich übrig, so wage ich die Bitte, mit mir hier auf den Friedhof zu treten und das Monument zu betrachten, welches ich der Seligen gesetzt habe.«

Er bat so angelegentlich, daß August mit ihm ging. Als der Kleine mit Genugtuung die Urne aus Sandstein gewiesen und die Tafel, deren Inschrift den Verlust einer zärtlichen Gattin beklagte, setzte er sich auf eine Ecke des Grabsteines und begann feierlich: »Herr Leutnant, ich habe Sie hierhergeführt, weil es mich drängt, Ihnen etwas mitzuteilen. Ich kann das einsame Leben nicht länger ertragen.«

»Wollen Sie wieder heiraten?« fragte August verwundert.

»Damit ist es vorbei«, sagte der Magister, den Gedanken mit der Hand abwehrend. »Nein, Monsieur König, ich habe den Wunsch, Sie nach römischem Recht zu adoptieren und zu meinem Erben zu machen.«

»Herr Magister,« versetzte der erstaunte August, »das ist ein Gedanke wie damals, wo Sie mein Rekrut werden wollten. Es würde Ihnen bald leid tun. Sie wissen, ich habe schon einmal Unannehmlichkeiten gehabt, weil ich Ihrem Wunsche willfährig war; es könnte mir jetzt noch übler bekommen.«

»Mir war es damals widerwärtig,« klagte der Magister, »und es geschah gegen meinen Willen, daß die Verwandten sich einmischten. Jetzt aber ist auch mein Bruder tot, obgleich er jünger war als ich, und er hat keine Kinder hinterlassen. Da habe ich Sie mir ausgewählt. Sie waren mir angenehm seit Ihrer Kinderzeit, und Sie haben das richtige heroische Wesen, denn mein Erbe soll nur ein Mann von Bravour sein.«

Da August trotz der ernsten Zumutung, die ihm gestellt wurde, ein Lächeln nicht bergen konnte, hob der Kleine den Finger und sagte feierlich: »Herr Leutnant, wenn Ihnen das Innere meines Herzens bekannt wäre, würden Sie nicht lachen. Lassen Sie sich vor dieser Urne erzählen, was ich noch keinem Menschen vertraut habe, auch nicht meiner Seligen. Ich war ein fröhliches Kind von guten Anlagen, hatte immer Freude an dem Poetischen und einen guten Stilus, so daß die Lehrer und auf der Universität die Herren Professoren mich lobten und meine Mutter auf mich, als den Ältesten der Kinder, ihre ganze Hoffnung setzte. Aber ich war demütig erzogen und von schüchterner Natur. Da, als ich bereits Magister war und den Degen trug, wurden meine Mutter und meine verstorbene Schwester von einem jungen Offizier so schwer beleidigt, daß ich die Pflicht fühlte, Satisfaktion von ihm zu fordern. Ich fühlte die Pflicht, Monsieur König, denn ich hatte das richtige Ehrgefühl; aber als es dazu kam, versagte dem armen Magister der Mut.« Er verdeckte die Augen mit der Hand. »Dies wurde das Unglück meines Lebens, denn seitdem war ich mir selbst verächtlich; die Leute wunderten sich, daß ich herunterkam und in die Schenke ging, und meine Mutter starb in Kummer.« Er stützte den Kopf auf die Hand. »Sie werden mich ganz gering achten, Herr Leutnant.«

»Nein, lieber Herr Magister«, rief August in herzlichem Mitgefühl. »Ich kann mir jetzt auch denken, weshalb Sie immer Soldat werden wollten.«

»Nicht wahr?« fragte der Magister aufblickend, »als Soldat hätte ich die Dreistigkeit erhalten. Sie aber, Monsieur König, haben das resolute Wesen, welches ich mir wünsche. Als Sie mich arretierten, fühlte ich in meinem Herzen die größte Hochachtung vor Ihnen. Seit der Zeit lag mir auf der Seele, wie glücklich ich wäre, wenn ich einen solchen Sohn hätte. Darum will ich Sie dazu machen, indem ich Sie an Kindesstatt annehme, und ich bitte Sie, mißachten Sie meinen Antrag nicht, denn er kommt aus gutem Herzen und ist ernsthaft gemeint.«

Da schüttelte August die Hand des Magisters und antwortete: »Der Herr Magister hat mir größeres Vertrauen geschenkt, als sonst jemandem. Ich will meinen Dank dadurch beweisen, daß auch ich Ihnen etwas offenbare, was noch niemand von mir gehört hat. Aber, Herr Magister, nicht auf dem Friedhofe, sondern im Freien, wenn Sie mich begleiten wollen.« Der Kleine erhob sich bereitwillig, und August führte ihn aus dem Tore zwischen die Getreidefelder. Dort begann er im Sonnenlicht unter den blühenden Ähren: »Ich will zu Ihnen von einer Demoiselle sprechen, die ich innig liebe und die, wie ich hoffe, auch mir zugeneigt ist. Sie ist sittsam und gut erzogen, aber sie trägt ein schweres Unglück, sie hat vor dem Gesetz keinen Vater.« Und er erzählte den ganzen Verlauf seiner Liebe, wie er Friederike kennengelernt und wie er Jahr und Tag den Zwang getragen, sie nicht zu sprechen. Er erwähnte auch bescheiden den Stieglitz und das Honorar für die französische Stunde, den Tod ihres Vaters und wie er sie verloren und in der Hauptstadt wiedergefunden, und er schloß mit den Worten: »Herr Magister, meine Mutter lebt, und sie würde es als eine Untreue des Sohnes gegen den verstorbenen Vater betrachten, wenn ich in eine andere Familie treten wollte. Kann ich aber nicht der Sohn des Herrn Magisters werden, das Glück meines Lebens würde ich Ihnen danken, wenn Sie mich zum Schwiegersohn annehmen wollten.« Während August feurig von der Geliebten erzählte, saß der kleine Magister unter Kornblumen und Feldmohn auf einem Stein, und um ihn wogten die Ähren im Winde. Er saß still mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen, und die Tränen liefen ihm immer stärker an den Wangen herab, ohne daß er es selbst wußte. Nur einmal, als der Erzähler von dem gewaltsamen Tode des Hauptmanns berichtete, stand er auf und starrte den Jüngling mit wildem Blick an, aber er setzte sich sogleich wieder. Als August geendet hatte, blieb der Kleine noch immer sprachlos, der Mund zuckte ihm krampfhaft, und er rang vergebens mit seiner Bewegung. Endlich begann er leise: »Jener erwähnte Hauptmann Spieß war als Fähnrich in sächsischem Dienst und trat bei der Reduktion in ein preußisches Regiment. Der Magister Blasius aber und sein Bruder haben nach Sitte der Gelehrten ihrem Namen die lateinische Endung angehängt, und die verstorbene Mutter der Demoiselle Friederike, welcher Sie gut sind, hieß mit ihrem Familiennamen Blaß und war die leibliche Schwester desselben Magisters, welchen Sie kennen. Der Hauptmann nahm die Tochter als sein Kind feindselig in das Preußische. – Lassen Sie mich jetzt allein, Monsieur August. Ein alter Mann wünscht der göttlichen Vorsehung zu danken, daß sie es mit ihm in seinen alten Tagen weit besser gefügt hat, als er verdient.« Er winkte grüßend mit der Hand und ging allein durch die Kornfelder dahin.

Am nächsten Tage reiste der Magister mit Briefen, die ihm August für die Geliebte und für die Komtesse geschrieben hatte, nach der Residenz. Beim Abschiede sagte er dem Glücklichen: »Ich komme nicht eher zurück, als bis ich durch das geheime Konseil für mich eine Tochter und für Sie die Jungfer Braut erhalten habe, und ich hoffe, daß ich das Kind mitbringe.«

Unterdes empfing Herr von Reck die Antwort seines Verwandten; sie war so ungünstig wie möglich. Der König hatte auf ein wohlwollendes Fürwort, welches in seinem Tabakskollegium an ihn gerichtet wurde, zornig geantwortet, er werde dem Flüchtling den Entlassungsschein nicht geben und wenn die sächsische Majestät selbst ihn darum angehe. Er wolle ein Exempel statuieren. Auffällig sei nur, daß er trotzdem die Sache liegen lasse und beim Regiment nichts verfüge. Vielleicht könne noch eine zu guter Stunde von der Familie übergebene Supplik nützen, und dafür eröffne sich gute Gelegenheit, weil der König in den nächsten Wochen das Kottbuser Land bereisen und ganz in der Nähe des Herrn von Reck verweilen werde.

Nach Empfang dieses Briefes ließ sich Herr von Reck durch sein Mündel, welches für die Sommermonate zum Besuch war, die Londoner Adresse des Kandidaten König geben und schrieb zunächst nicht an August, sondern an den Ältesten der Familie.

Dorchen war an einem hellen Sommertage mit sorglosem Herzen durch die Felder gewandelt. Jetzt lehnte sie an dem neuen Geländer des Steges, von dem sie als Kind ins Wasser gefallen war, band Feldblumen zu einem Strauße und dachte an vergangene Zeiten. Da vernahm sie schnelle Tritte, derselbe Mann, von dem sie selig geträumt, kam auf sie zu. Sie wußte bereits, daß er im Herbst aus England zurückerwartet wurde, und flog ihm freudig entgegen. Aber sie hielt erschrocken vor dem schwermütigen Ernst an, der auf seinem Antlitz lag. »Ich komme meines Bruders wegen, dessen Ehre und künftiges Leben in großer Gefahr sind«, begann Fritz gemessen. »Einen Tag war ich bei der Mutter; ich habe ihr nur gesagt, daß ich wegen Augusts Entlassung mit Ihrem Herrn Vormund verhandeln müsse. Dies ist jetzt geschehen. Von hier gehe ich, um mich nach meinem Versprechen dem Könige von Preußen zu stellen. Ich habe keine Hoffnung, zurückzukehren. Vorher wollte ich noch einmal das liebe Fräulein sehen; ich bitte Sie, daß Sie meiner freundlich gedenken.« –

»Muß der Herr Kandidat gehen?« fragte Dorchen, einer Ohnmacht nahe.

»Ich muß. Die Gefahr ist für meinen Bruder und für mich nicht dieselbe. Er hat harte Strafe zu befürchten, die er schwerlich ertragen würde, ich habe davon nichts zu erwarten. Leben Sie wohl, Dorothee.« Ihn übermannte die Rührung, er wandte sich schnell ab und schritt dem Hause zu. Dorchen neigte sich über das Geländer, die Sommerblumen schwammen im Wasser dahin.

In der Wohnung des Magisters saßen am Abend desselben Tages drei Fröhliche zusammen; der Magister als Hausherr und Vater nahm den Ehrenplatz auf dem Sofa ein, aber der neuen Würde ungewohnt, fuhr er hin und her, um Tischgerät herbeizuholen, so daß Friederike ihn bitten mußte, ihr Recht als Tochter zu beachten. Die Demoiselle goß den Herren aus großer Kanne den vornehmen Trank der Schokolade, welche der Magister aus der Residenz mitgebracht, in die Schälchen, und August freute sich innig über die sichere Ruhe, mit welcher sie sich in der neuen Umgebung bewegte. Während er erzählte und die beiden zuhörten, trat sein Bursch herein und brachte einen Brief, den ein Expreßbote vom Gute des Herrn Reck zugetragen hatte. Darin schrieb der Gutsherr vorsichtig, daß Augusts Bruder angekommen sei und sich dem König von Preußen während dessen Reise vorstellen wolle. Dem Herrn Leutnant werde erwünscht sein, dies zu erfahren und vielleicht mit dem Absender des Briefes Rücksprache zu nehmen.

August saß betäubt, und in dem Bestreben, sich und der Geliebten den furchtbaren Ernst der Nachricht zu verhüllen, sagte er: »Mein lieber Fritz! Ich denke, ihm gelingt es, mit dem König fertig zu werden.« Aber er rief gleich darauf: »Ein Fremder muß mir schreiben, daß mein Bruder in der Nähe ist.«

Niemand antwortete. August stützte den Kopf in die Hand und starrte auf den Brief. Da sagte Friederike ruhig: »Ist der Herr Bruder von großer Leibeslänge und sein Versprechen gegen unseren König von der Art, wie er dem Monsieur August erzählt hat, so wird dem Könige mehr an dem Bruder gelegen sein, als an meinem lieben Monsieur, und der König wird den Bruder nach Potsdam schicken.«

August stand auf. Die Worte waren wie ein Windeshauch, der den Nebel vor seinen Augen zerriß, er sah die Geliebte unverwandt an, sie ebenso ihn, doch keines sprach von dem, was zu tun sei. Endlich beugte sich Friederike über das Bauer, in welchem der Stieglitz alt und lebensmüde saß, und redete zu dem Vogel: »Wenn unser lieber Monsieur August seine Strafe überstanden hat und wieder als Gemeiner bei Markgraf Albrecht eingekleidet wird, dann ziehen auch wir beide fort von hier in das kleine Haus an der Stadtmauer. Die Rieke kocht und wäscht ihrem Schatz und der Vogel singt.«

Da ergriff August seinen Hut und sprang aus dem Zimmer.

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