Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
Schließen

Navigation:

6. Bei den Sachsen

Als Friedrich mit dem Urlaub in das Quartier des Bruders trat, fiel August ihm gerührt um den Hals. »Du hast mir deine brüderliche Liebe erwiesen, wie der Vater wollte; wird auch für mich eine Gelegenheit kommen, dir dafür zu danken?« »Vielleicht kommt die Zeit, wo einem von uns ein weit größeres Opfer zugemutet wird«, antwortete Fritz, welcher an Dorchen dachte. Es wurde eine frohe Heimfahrt für beide. Die als Knaben geschieden waren, fanden einander in männlichem Jugendmut wieder, und jeder freute sich über die Tüchtigkeit des anderen. Auch die Mutter genoß, als die Brüder Hand in Hand vor ihr standen, zum ersten Male seit dem Tode des Gatten ein großes Glück. Aber nur wenige Tage durfte Fritz bei der Mutter weilen, die Reise hatte seine Ferienzeit völlig in Anspruch genommen, er mußte aufbrechen, um seinen neuen Zögling in Empfang zu nehmen und nach England zu geleiten. Als er schied, war Dorothee noch nicht aus Berlin angekommen und Fritz sagte sich vergebens zum Troste, daß ihm dies lieb sein müsse.

In der zärtlichen Pflege der Mutter suchte August sich die Gedanken an das freudenlose Leben der Zukunft fernzuhalten. Aber bald wurde er durch Gerüchte und durch die Zeitungen daran ermahnt. Die Ereignisse zu Thorn und der tiefe Unwille Friedrich Wilhelms hatten zwischen dem preußischen und polnischen Hofe so große Feindseligkeit aufgeregt, daß ein kriegerischer Zusammenstoß zu erwarten war. Die sächsischen Truppen wurden eilig vermehrt, der Verkehr an der Grenze stockte, die Behörden der beiden Länder verweigerten einander bereits die gewöhnliche Aushilfe und Unterstützung. August wurde von den sächsischen Offizieren, die er zufällig traf, mit kalter Nichtachtung behandelt, und erkannte mit Schrecken, daß die Frage an ihn herantrat, ob er gegen sein Vaterland in das Feld ziehen dürfe. Er schrieb, ohne der Mutter von seiner inneren Unsicherheit etwas zu sagen, deshalb an den Bruder nach London. Doch bevor die Antwort einlief, kam sein Vormund angefahren, und mit ihm ein Hauptmann von Wölfert aus einer nahen sächsischen Garnison. Der Vormund erklärte, es sei unmöglich, daß in solcher Zeit sein Mündel in preußischen Dienst zurückkehre, und der Hauptmann setzte hinzu: Er habe den Fall seinem Obersten vorgetragen, Monsieur König könne sogleich in dem sächsischen Regiment als Fähnrich eintreten, um nach einem Jahr Leutnant zu werden. August weigerte sich standhaft, obgleich die Mutter die Hände rang und ihm zurief, es werde ihr Tod sein, wenn er wieder in die ägyptische Dienstbarkeit ziehe. Endlich entschied der Vormund: »Wenn mein Herr Neffe sich durch ein Versprechen, welches sein Bruder unter ganz anderen Verhältnissen gegeben hat, verpflichtet hält, in dem Dienst einer feindseligen Macht zu beharren, so würde als letztes Mittel übrig bleiben, ein allerhöchstes Verbot gegen die Rückkehr zu veranlassen. Doch bevor dies Äußerste unternommen wird, ist der nächste Weg der beste, daß mein Herr Neffe unter Angabe der patriotischen Gründe um seine Entlassung aus dem preußischen Dienst einkomme. Ist diese früher verweigert worden, so ist jetzt die Lage der Sache eine ganz andere, auch den Herren Preußen kann nichts daran liegen, einen Sachsen wider seinen Willen bei der Fahne festzuhalten.«

Wenige Tage darauf erhielt August die Antwort des Bruders: »Da der Wille unserer lieben Mutter und Dein Pflichtgefühl für die sächsische Heimat auf der einen Seite stehen, auf der anderen das Versprechen Deiner Rückkehr, so darfst Du durch die Bitte um Entlassung allerdings versuchen, des preußischen Dienstes ledig zu werden. Wird Dir der Abschied verweigert, so müßte einer von uns beiden sich zur Verfügung des Königs Friedrich Wilhelm stellen.« Dies entschied. Der Korporal sandte zum zweitenmal sein Abschiedsgesuch an die Kompanie, und schrieb zu gleicher Zeit einen beweglichen Brief an seinen Gönner, den Major Vogt. Er selbst erwartete wenig von diesem Versuche und bereitete sich zur Abreise. Und als er nach mehreren Wochen die Antwort aus dem Stabsquartier erhielt, pochte ihm das Herz. Aber glückselig las er den Inhalt, denn der Major schrieb, daß sein hoher Chef, der Markgraf, die Berechtigung dieses Abschiedsgesuches anerkannt und die Entlassung verfügt habe. Der Entlassungsschein sei bereits ausgefertigt, nach Berlin zur höchsten Kenntnisnahme gesandt und werde dem Bittsteller demnächst zugehen. Darauf wünschte ihm der Major höflich Glück zur Lösung seines Dienstverhältnisses und sprach den Wunsch aus, daß er in seiner Heimat sich als braver Offizier bewähren möge.

Befreit von der Last, die ihn lange bedrückt, atmete August auf. Er fuhr mit dem Schreiben in die Garnison des Herrn von Wölfert, empfing Glückwünsche und wurde sogleich zum Obersten geführt. Auch dieser nahm ihn zuvorkommend auf und sagte: »Auf Grund dieses Briefes, dessen Handschrift und Schreiber mir wohlbekannt sind, können Sie zur Stelle in mein Regiment eintreten.«

»Doch habe ich den Entlassungsschein noch nicht in Händen«, wandte August ein.

»Der Brief genügt«, versetzte der Oberst. »Übrigens darf es nicht von dem Belieben eines fremden Monarchen abhängen, ob ein Sachse in das Heer seines Vaterlandes eintreten soll oder nicht. Und ich rate Ihnen, nicht zu zögern, denn unsere Augmentation wird in kurzem beendigt sein, und der Aufschub könnte Ihnen die Stelle unsicher machen, die Zusendung des Entlassungsscheins erfolgt bei den gegenwärtigen gespannten Verhältnissen vielleicht erst nach langer Zeit.«

So wurde August Fähnrich in einer Kompanie des Leibregiments. Die beglückte Mutter rühmte jetzt, daß ihre Verwandten dies für ihn durchgesetzt hatten, und erzählte, wie Tanten und Bäschen deshalb beim Stabe und in Dresden hin- und hergelaufen waren, er vernahm auch, daß Herr von Mickau mit der Mutter vertraulich einige artige Geschenke besprach: seidene Roben und einen Satz von dem neuen Meißner Porzellan, welche an Gönnerinnen in der Hauptstadt als Rekompens gesendet wurden. In seiner Freude sorgte er wenig darum. Sein Dienst wurde ihm leicht, er war durch die preußische Schule fest geworden und fand sich schnell in das Abweichende des Kommandos und der militärischen Einrichtungen. Die Mehrzahl seiner Kameraden hatte nicht mehr Schulweisheit zur Fahne gebracht als die preußischen, aber sie waren bequemer im Verkehr. Er stand jetzt in größerer Garnison und hatte Gelegenheit, auch im Gespräch mit unterrichteten Zivilisten seine Bildung zu erweisen und gescheite Urteile zu hören. Der Familie wegen empfing er Freundlichkeit selbst von Unbekannten, und wenn er seinen gegenwärtigen Zustand mit der Öde und Verlassenheit der preußischen Garnison verglich, so kam er sich vor wie in einer besseren Welt.

Als er einst mit solchen Gedanken auf der Straße ging, sah er an einer Haustür einen kleinen Mann stehen im Schlafrock, mit rötlicher Nase und gescheiter Miene. Der Kleine betrachtete ihn mit unverhohlener Bewunderung: »Welche Freude, Herr Fähnrich, daß ich Sie hier wiederfinde.« Das Gesicht des Fähnrichs zog sich drohend zusammen, er erkannte denselben Magister, der früher als Pasquillant der Familie schwere Tage bereitet hatte, und wollte mit kaltem Dank vorübergehen. Aber der Kleine vertrat ihm flehend den Weg. »Obwohl mir bewußt ist, daß Sie mich ohne Vorliebe regardieren wegen eines alten unbegründeten Verdachtes, so muß ich Ihnen doch sagen, da ich Sie jetzt als Herrn Offizier vor mir sehe, daß auch ich mit großer Bekümmernis den Verlust Ihres hochverehrten Vaters vernommen habe; er war ein Mann ganz nach dem Herzen aller Edlen, und ich sehe und vernehme mit Freuden, daß sein Herr Sohn ihm nachgeartet ist.«

»Ich danke Ihnen, Herr Magister«, antwortete August von oben herab.

»Gehen Sie nicht so stolz vorüber, verehrter Herr Landsmann,« bat der Kleine, »erweisen Sie mir nur auf einen Augenblick die Ehre, einzutreten, damit ich des schmerzlichen Gefühls enthoben werde, daß dieselben ungünstig von mir denken; denn ich habe Sie bereits gekannt, als Sie Ihr erstes rotes Röckchen trugen. Denken Sie noch daran, wie ich Sie damals in aufrichtiger Schätzung Ihrer Familie mit einer Tüte Pfeffernüsse regalierte? Heute bitte ich um die Erlaubnis, Ihnen mit einem Glase eigenen Wachstums aufzuwarten.« – »Ich kann mich nicht aufhalten, Herr Magister.«

»Nur im Stehen«, bat der Magister.

Der Fähnrich blieb in dem Flur, der Magister brachte ihm mit Verbeugungen eine Kanne Landwein zugetragen und erzählte, während der Gast das Glas in der Hand hielt, daß seine Frau in dieser Stadt einen sehr reichen Onkel beerbt habe und daß er jetzt als wohlhabender Hausbesitzer die Ernte des eigenen Weinbergs an gute Freunde ausschenke. »Doch,« fügte er mit einem trüben Blick nach dem Innern des Hauses hinzu, »nicht alle Götter lächeln dem Sterblichen freundlich zu; wer von Minerva und den Musen Gunst erfährt, wird vielleicht von Venus und Juno kurz gehalten.« Eine scharfe Frauenstimme aus der Tiefe des Kellers rief seinen Namen und fügte einige Scheltworte hinzu. »Mehr Juno als Venus«, sagte er wehmütig und wies mit dem Daumen nach der Tiefe.

Seit dieser Begegnung hatte August zuweilen Mühe, sich der Verehrung des Magisters zu entziehen, zumal wenn er des Nachmittags beim Hause vorbeikam, wo der Kleine durch die Gunst solcher Götter, mit denen er auf gutem Fuße stand, in einen gehobenen und redseligen Zustand versetzt war. Es ergab sich bald, daß der Magister eine besondere Vorliebe für kriegerisches Wesen hatte. Sooft die Trommler durch die Straßen schritten und die Wache aufzog, stand er an der Tür. »Cäsar hatte wenig Haupthaar,« sagte er zu dem Fähnrich, seine eigene Perücke hin- und herziehend, »und Prinz Eugen ist nicht hoch von Wuchs; auch ich habe seit meiner Jugend zu nichts so große Neigung gehabt, als zum Amt eines Obersten oder Generals. Glauben Sie, hochverehrter Herr Fähnrich, es gibt für einen Mann keine größere Lust, als zu kommandieren: Schießt mir dorthin oder jagt mir den aus der Stadt, Himmeldonnerwetter! Puff! und nieder mit ihnen! Das war mein Beruf, und, vertraulich zu reden, ich habe noch Stunden, wo ich meiner Juno einen Possen spielen und mich unter die Fahnen des Kriegsgottes stellen möchte.«

»Ich kann's nicht raten, Herr Magister«, antwortete August. »Bevor Sie soweit kommen, daß die Liktoren mit den Rutenbündeln vor Ihnen herschreiten, müssen Sie sich erst der Gefahr unterziehen, selbst Spießruten zu laufen.« – »Das schreckt mich nicht,« versetzte der Gelehrte geheimnisvoll, »auch in Bürgerhäusern gibt es Besen, welche widerwärtig streichen.«

Als August eines Abends in sein Quartier kam, fand er auf der Hausschwelle eine kleine Gestalt sitzen, welche sich mit dem Taschentuch schneuzte und dann die Hände zum Himmel hob.

»Was tun Sie hier, Herr Magister?« fragte er verwundert. Der kleine Mann fuhr in die Höhe und sprach schluchzend: »Ich melde mich!« – »Wozu, Herr Magister?« Der Kleine griff wieder nach seinem Taschentuch. »Ich halte es nicht länger aus. Die öfter erwähnte Juno verdient es nicht besser. Ich melde mich als Rekrut bei Ihrer Kompanie!«

August lachte. »Beschlafen Sie's, Herr Magister.« Aber der unzufriedene Gatte faßte ihn am Ärmel und erklärte heftig, er wisse wohl, was er sage, er wolle jetzt werden, was ihm immer im Sinne gelegen, denn zu Hause halte er es nicht aus, und er wolle in die Kompanie zu Herrn König treten. – August sagte, um ihn zu beruhigen: »In der Finsternis kann Ihre Annahme nicht stattfinden, machen Sie mir morgen früh die Freude, auf ein Schälchen Tee mein Gast zu sein.« Am andern Morgen lud August den Premierleutnant zu sich und beide harrten des Magisters. Dieser stellte sich pünktlich ein, setzte sich ernsthaft zu seiner Tasse nieder, und als August die Verhandlung mit der Frage einleitete: »Wissen Sie auch, Herr Magister, daß Sie sich gestern bei mir zum Rekruten gemeldet haben?« Da erklärte der Verzweifelte nüchtern und bestimmt, daß er das sehr wohl wisse und daß er auf seinem Willen bestehe. August hielt ihm vor, wie wunderlich es sei, daß er Frau und Hausstand aufgebe, der Magister aber sprach sich über alles zivile Leben, ja sogar über das Glück der Ehe verächtlich aus und behauptete, wenn der Herr Fähnrich, für den er besondere Affektion empfinde, ihn nicht annehme, so gehe er von hier sofort zu einer andern Kompanie. Die Offiziere sahen einander an. »Wohlan,« sprach der Fähnrich aufstehend, »wenn Sie es so haben wollen, so muß ich Ihr Verlangen erfüllen und Sie bei meinem Kapitän melden.« – Gerade das wollte der Magister. »Habe ich Sie aber gemeldet, so werden Sie erfahren, daß wir keine lustigen Zechbrüder sind, welche mit sich spielen lassen.« Auch das wußte der Gelehrte, und er bat den Fähnrich und den Leutnant sogleich sein Versprechen in ihre Hand zu empfangen, damit die Sache endlich die erforderliche Festigkeit erhalte. August meldete dem Kapitän den Handel, und dieser gab erfreut den Befehl, am nächsten Morgen den Rekruten zu ihm zu führen.

Den Tag darauf ging August in das Haus des Magisters, und da dieser noch schlief, trat er auf die Schwelle des Schlafzimmers und gebot: »Der Rekrut Magister Blasius soll aufstehen und zum Kapitän kommen!«

Hinter der Gardine bewegte sich's, der Magister steckte den Kopf heraus: »Hören Sie, Herr Fähnrich, ich habe nicht geglaubt, daß es so eilen würde. Entschuldigen Sie gütigst, ich kann heute nicht kommen.« Zugleich erhob eine weibliche Stimme sehr heftige Beschwörung mit vielen Scheltworten. Der Fähnrich behauptete seinen Ernst, fragte den Magister, ob er gesonnen sei, gutwillig mitzugehen oder nicht, und als der Magister erklärte: »Heut kann ich wirklich nicht«, schickte August nach der Wache. Im Hause entstand Geschrei und Wehklagen, eilig wurde der vornehme Bruder, Doktor der Rechte und angesehener Beamter, zu Hilfe geholt. Dieser kam zugleich mit der Wache und wollte den Fähnrich über die Nichtigkeit seiner Ansprüche verständigen, August aber wies ihn kurz ab: »Ich bitte, daß Sie mir in meinem Beruf keine Kollegien lesen; verfahre ich unrecht, so wissen Sie, wo ich zu belangen bin.« Da zog sich der Doktor schleunig zurück, der Magister aber stand im Nachtkleide, festgehalten durch die Arme seiner Gattin, welche ihn in heller Verzweiflung vor der Kriegsmacht schützen wollte. Erst das Geklirr der eintretenden Wache befreite den kleinen Herrn, der sich jetzt gutwillig zum Abgang rüstete, unterwegs seinen Soldatenmut wiederfand und auf die zornige Frage des Fähnrichs, ob er das Regiment zum Narren habe, versicherte, daß ihm das kräftige Verfahren gerade recht sei, seine Frau brauche nicht zu wissen, daß er aus eigener Neigung Militär werden wolle. So wurde er zum Hauptmann geführt, legte dort bereitwillig den Eid der Treue ab, schrieb eigenhändig seinen Namen in die Stammliste und erhielt sogleich Urlaub und das Recht, bis auf weitere Order zu der Gattin und seinem Hauswesen zurückzukehren.

Während aber August ganz mit sich zufrieden war, flüsterte und summte es durch die ganze Stadt, und nach der Residenz liefen bogenlange Beschwerden. Der Bruder des Magisters erklärte laut, er werde den Schimpf, welcher der Familie angetan sei, nicht ruhig ertragen und wenn es ihn das halbe Vermögen kosten solle. Seine Klagen und, wie die Offiziere behaupteten, wohlangebrachten Geschenke hatten auch Erfolg, denn ein geheimer Kriegsrat fuhr als Musterkommissar des Regiments mit einer Kommission von Offizieren und Beamten in die Garnison ein.

Als der Fähnrich vor die Kommission gefordert wurde, wollte der Vorsitzende zuerst von ihm wissen, aus welchem Grunde der Hauptmann den kleinen, alten, offenbar unbrauchbaren Magister angenommen habe. August fühlte sich durch den Verdacht, welcher der Frage zugrunde lag, in der Seele seines Vorgesetzten bitter gekränkt und entgegnete: »Ich muß einer hohen Kommission die Antwort auf diese Frage verweigern, weil die Frage ganz unmilitärisch ist, denn dem Soldaten steht es durchaus nicht zu, einen Vorgesetzten nach dem Beweggrund seiner Handlungen zu fragen.« Und als der Rat aufs neue drängte: »Sie sollen nur Ihre Meinung zu Protokoll geben, die Sie sich jedenfalls gebildet haben«, da versetzte der Fähnrich: »Meine Meinung zu sagen wäre ich vollends nicht verpflichtet. Doch bin ich bereit zu erklären, was ich selbst in ähnlicher Lage tun würde. Wenn eine Person wie der Herr Magister sich bei mir, als dem Hauptmann, freiwillig meldet, so werde ich sie annehmen zum Nutzen des Regiments und des königlichen Dienstes, auch wenn ich sie für völlig unbrauchbar halte. Denn da ich weiß, daß dem Eingeschriebenen selbst sein Wunsch bald verleidet wird und daß seine Anverwandten ihn in keinem Fall beim Regiment lassen, so bin ich sicher, als Ersatz für ihn einen brauchbaren Mann zu empfangen. Jeder Kapitän aber ist durch seinen Eid verbunden, die Kompanie für des Königs Majestät vollzählig und in gutem Stande zu erhalten.«

Dagegen wußte der Vorsitzende nichts einzuwenden, aber er bedräute jetzt den Fähnrich selbst: »Wie durften Sie sich unterstehen, einen verheirateten Mann von Kondition aus dem Bette zu holen? Ist Ihnen nicht bewußt, daß der Magister als graduierter Gelehrter einen höheren Rang hat als Sie selbst?« Auf solche Fragen verlor August die Geduld: »Wenn ein graduierter Mann sich durch Handgelöbnis verbunden hat, als Soldat einzutreten, so hole ich ihn, sobald mein Hauptmann es befiehlt, zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht, aus dem Bett oder aus der Kirche, ohne zu fragen, wie vornehm er ist. Und wenn es der Herr Geheime Kriegsrat selbst wäre, ich würde Sie holen und im Fall des Widerstandes arretieren. Und ich bitte, meine Rede Wort für Wort ins Protokoll zu schreiben.«

Da hob der Vorsitzende empört die Hände zum Himmel, und der Fähnrich wurde mit starken Vorhaltungen über sein dreistes und zu Gewalttaten geneigtes Wesen aus dem Verhör entlassen. Doch ein alter Oberstleutnant von der Kommission folgte ihm in das Vorzimmer und reichte ihm dort die Hand. Vom Obersten erhielt er kurz darauf einen langen schriftlichen Verweis wegen seines heftigen und keineswegs respektuösen Benehmens, unter der Hand aber die Versicherung, man sei beim Stabe ganz mit ihm zufrieden; so daß er merkte, der Dienst werde hier anders gehandhabt als im Preußischen. Der Magister empfing, ohne einen Ersatzmann zu stellen, seinen ehrlichen Abschied. Und er blickte seitdem scheu und betrübt zu dem Fähnrich auf, wenn dieser stolz an ihm vorüberging.

Nur eins war wunderlich, der Entlassungsschein aus dem Preußischen kam nicht. August hatte sogleich nach der Anzeige des Majors dem Bruder geschrieben, daß er den Abschied erhalten, ihm war damals gar nicht eingefallen, daß sich noch ein Hindernis erheben könne, weil er wußte, daß Annahme und Entlassung der Unteroffiziere vom Chef des Regiments allein abhing. Jetzt stiegen ihm Zweifel auf.

Aber er vergaß seine Bedenken über einem frohen Ereignis. Das Regiment wurde nach Dresden kommandiert, um die Besatzung der befestigten Residenz zu verstärken. August freute sich während des Marsches wie alle jungen Offiziere auf das großartige Leben, doch merkte er nach der Ankunft schon in den ersten Tagen, daß ein Fähnrich, der nicht aus vornehmer Familie war oder sorglos Geld ausgab, nur von der Straße den Glanz und die Herrlichkeit betrachten durfte. Und der Dienst in seiner Kompanie wurde beschwerlicher, denn der neue Premierleutnant war ein junger Graf, der gar nicht beim Regimente stand, sondern die Uniform auf seinen Reisen trug, und der Leutnant war Sohn eines Herrn vom Hofe und blieb die meisten Abende der Woche vom Dienst dispensiert.

Doch auch August sollte der Wunder teilhaftig werden, womit die prächtige Stadt damals den Zugereisten überraschte. Als er einst in der Nähe des Schlosses das Gewühl reichbekleideter Spaziergänger betrachtete, die Portechaisen, in welchen vornehme Damen von riesigen Heiducken geleitet wurden, vergoldete Karossen, edle Pferde in prächtigem Geschirr, die Kutscher in Tressenlivree auf hohem Bock und an dem Trittbrett hängende Lakaien, da fuhr ein vornehmer Wagen vorüber, in welchem zwei Frauen saßen, und eine von den beiden glich der Tochter seines alten Hauptmanns. »Es war nur eine Ähnlichkeit«, sagte sich August, während ihm das Blut zum Herzen schoß; da sah er, als der Wagen um die Ecke rollte, daß eine kleine Hand zum Fenster herauswinkte. Er eilte nach, aber er vermochte die schnellen Pferde nicht einzuholen. War es ein Zufall oder war es ein Gruß, und war Friederike zu einer Dame geworden, welche in der Karosse fuhr? Ihm wurde siedend heiß. Vergebens suchte er sich auf das Aussehen der anderen Frau zu erinnern, ihm kam vor, als sei sie sehr jung gewesen; auch von dem Wagen und den Pferden wußte er nichts Ungewöhnliches anzugeben. Es nutzte ihm nichts, daß er die nächsten Tage in jeder Freistunde durch die Straßen irrte und argwöhnisch in jeden Wagen blickte. Er sah das geliebte Mädchen nicht wieder.

Als August am ersten Tage des nächsten Monats sein Traktament geholt hatte und in sein kleines Quartier zurückkehrte, fand er in der Stube ein Paket, welches ein fremder Mann für ihn abgegeben, und darin zwei bunte Porzellanfiguren, Schäfer und Schäferin, von denen jede zierlich auf einem Felsen saß. Er hatte bis dahin der neuen Erfindung keine Beachtung gegönnt, aber er wußte doch, daß die Figuren eine kostbare Zuwendung waren. Natürlich dachte er sogleich an Friederike. Sollte dies eine Gegengabe für den Stieglitz sein? Aber er verwarf den Gedanken sogleich wieder; nach allem, was er von ihr wußte, sah ihr dies seltsame Geschenk nicht ähnlich. Er stellte die Figuren auf die bunte Kattundecke der Kommode, wo sie neben dem Tabakskasten und den Tonpfeifen standen, wie aus dem Feenland in das gemeine Menschenleben verschlagen.

Doch bei dieser Spende blieb es nicht; am Ersten des folgenden Monats wurde wieder etwas abgegeben, diesmal eine Puderquaste mit goldenem Griff; nach gleicher Zwischenzeit erschien eine Bonbonniere mit süßem Inhalt und dabei lag ein Zettel, auf welchem mit grober Hand geschrieben war: Du hast dich, wo es not, zu geben bald beflissen. Empfange jetzt den Dank, vertrau' trotz Hindernissen.

Das konnte von niemand anderem kommen als von der Tochter des Hauptmanns; aber nach der ersten Freude kam ihm wieder die Verwunderung, und er zürnte sich selbst wegen des geheimen Mißbehagens, das er empfand.

Unterdes wurde er auch während des Dienstes durch kleine Abenteuer in Anspruch genommen. Sein Regiment gab die Wache, er visitierte vor dem Quartier des Kapitäns die Parade der Kompanie und marschierte mit der Mannschaft nach dem Pirnaischen Tor ab. Auf dem Wege wurde er selbst durch seinen Obersten aufgehalten. Wie er zur Wache kam, hatte der Unteroffizier bereits die Vergatterung geschlossen, durch welche das Tor während der Ablösung für den Verkehr gesperrt ward, und eine Anzahl Leute wartete am Gatter geduldig auf die Eröffnung. Als die Schildwache ihm auftat, weil der Offizier im Dienste war, wollte sich ein Mann in grauem Habit, der einen Hut mit goldener Tresse und an der Seite einen Hirschfänger trug, ebenfalls durchdrängen, begann, da ihn der Posten zurückwies, gröblich zu schimpfen, und mühte sich, das angelehnte Gatter mit seinen Händen aufzureißen, indem er rief, daß er ebensoviel Recht habe zu passieren wie der Offizier, so daß der Soldat ihn endlich zurückstoßen mußte. Als August sich umwandte, nach dem Namen fragte und zur Ruhe ermahnte, schrie der Fremde: »Ich bin gräflicher Hausmeister und Sie haben mir nichts zu befehlen; ich will doch sehen, wer sich untersteht mir das Tor zu sperren.« Und er drängte aufs neue und riß am Gatter. Da ließ August den Tobenden arretieren und nach der Hauptwache schaffen und ersuchte den Offizier der abgelösten Mannschaft, welcher den Vorfall mit angesehen hatte, den Hergang und die grobe Widersetzlichkeit des Mannes zu melden. Der Platzadjutant kam später selbst zum Tor, ließ sich von dem Fähnrich berichten und lobte: »Sie haben ganz recht getan.« Der Arretierte wurde von der Hauptwache zum Auditeur des Gouverneurs gebracht und von diesem mit einem scharfen Verweis entlassen.

Wenige Tage darauf wurde der Fähnrich zu seinem Obersten befohlen, der ihm mit den Worten entgegenkam: »Sie müssen hohe Gönner haben, Monsieur König. Mir ist durch ein Billet des Feldmarschalls mitgeteilt worden, daß der König die Gnade gehabt hat, Sie zum Leutnant zu ernennen. Ich bekenne Ihnen meine Verwunderung, da solche Ernennung ohne Mitwissen des Regimentschefs ungewöhnlich ist.«

»Ich bitte den Herrn Obersten die Versicherung anzunehmen, daß ich hier ganz fremd bin, keinerlei Connaissance habe und meine Beförderung niemals auf einem anderen Wege betreiben würde als auf dem, welcher mir durch die Zufriedenheit des Herrn Obersten eröffnet wird.« Der alte Herr schüttelte den Kopf. »Und doch ist die Sache unzweifelhaft. Hier ist Ihr Patentbrief, von Seiner Majestät unterschrieben, und mir bleibt nichts übrig, als Ihnen Glück zu wünschen.«

Aber der neue Leutnant wurde schnell aus den Träumen von Glück und Liebe aufgeschreckt, als er wenige Tage darauf wieder zum Obersten beordert wurde. »Was, zum Teufel, Leutnant König, ist mit Ihnen los? Sie sind vor Seiner Majestät hart verklagt. Aus dem geheimen Konseil geht dem Regiment der Befehl zu, Sie wegen Ehrenkränkung eines gräflichen Hausmeisters zur Untersuchung zu ziehen, Ihnen außer der gebührenden Strafe aufzuerlegen, daß Sie den Mann um Verzeihung bitten und, falls Sie sich weigern, Ihre Entlassung zu verfügen.« August war über den jähen Sturz wie vom Donner gerührt. »Der Vorfall ist bereits früher vor dem Auditeur des Gouvernements verhandelt«, sagte er. »Werde ich vom Regiment für strafbar befunden, so muß ich mich der Strafe unterwerfen. Den Zivilisten aber um Verzeihung zu bitten, bin ich meiner Soldatenehre wegen durchaus nicht imstande, und ich flehe den Herrn Obersten an, mich im Interesse des Dienstes gegen diese ungewöhnliche Zumutung zu schützen.« Darauf erzählte er den Sachverhalt und berief sich auf die Zeugen.

»Das ist eine widerwärtige Affäre«, sagte der Oberst bekümmert. »Der grobe Hausmeister ist in Diensten der polnischen Gräfin Orczelska, welche zur Zeit die einflußreichste Dame der Residenz und Seiner Majestät so wert ist, daß ich besorge, die Ombrage der erwähnten Dame wird Ihnen verderblich. Ich rate, daß Sie sich sogleich mit einer Supplik an den Feldmarschall wenden, damit dieser Ihnen möglich macht, Seiner Majestät direkt Ihre Sache vorzutragen.«

»Gestatten der Herr Oberst, daß ich diesen letzten Schritt erst dann tue, wenn das Regiment über mein Recht und Unrecht entschieden hat.«

Das war dem Obersten unwillkommen, weil er sich und dem Regiment nicht eine mächtige Feindin zuziehen wollte, doch konnte er das Begehren des Leutnants nicht abschlagen. August erschien vor der Kommission, diese entschied, daß der Offizier nur seine Pflicht getan habe, und das Regiment berichtete in gleichem Sinne. Aber der höchste Bescheid darauf war nur eine Wiederholung der früheren Forderung: Abbitte oder Entlassung.

Der Oberst war gedrückt und verlegen, als er dem jungen Leutnant die königliche Order mitteilte, August aber mußte lachen, so daß der alte Herr unwillig sagte: »Monsieur König, das ist kein Scherz, es geht zwar nicht an den Kopf, aber an den Kragen.«

»Verzeihung, Herr Oberst, mir war nur wunderlich, daß ich zu meiner Verteidigung gegen eine Dame bataillieren soll.«

»Was aber wollen Sie tun?«

»Jetzt bitte ich den Herrn Obersten um Erlaubnis, selbst beim Feldmarschall und bei Seiner Majestät um Rücknahme der Order bitten zu dürfen.« Er eilte zur Stelle in das Palais des Feldmarschalls Grafen Flemming, welcher der mächtige Minister König Augusts des Starken war, früher ein Offizier von Verdienst, der lange in preußischem Dienst gestanden hatte, jetzt ein gewandter Diener und lustiger Gesellschafter des Königs, ein Mann, der an wenig glaubte und sich über wenig in dieser schlechten Welt wunderte. August erhielt leicht Einlaß und fand in dem Grafen einen stattlichen älteren Herrn in seidenem Schlafrock, der ihn wohlwollend empfing. Während er das Ereignis vortrug, glaubte er zu hören, daß der Minister vor sich hinsagte: »Die betrunkene Katze«; der laute Bescheid aber war: »Ich denke, die Affäre des Herrn läßt sich arrangieren. Ich an Ihrer Stelle würde den Burschen auch nicht um Verzeihung bitten. Melden Sie sich morgen bei dem diensttuenden Offizier vor den Appartements des Königs und erwarten Sie mich dort, ich werde Sie selbst einführen.«

Alles geschah, wie er gesagt. Am anderen Morgen schritt der Feldmarschall, dem harrenden August zuwinkend, nach den Zimmern des Königs; nicht lange, die Tür öffnete sich, und der Leutnant erhielt Befehl, einzutreten. Seine Majestät stand hoch mit königlicher Miene ihm gegenüber, immer noch eine gebietende Gestalt, obgleich das wüste Leben die vielgerühmte Kraft und Völligkeit bereits gemindert hatte. Er musterte das Äußere des Leutnants und drückte dem Grafen durch ein Kopfnicken seine Befriedigung aus. »Ich vernahm, worum es sich für Euch handelt,« begann der Herr gnädig, »erzählt selbst den Vorfall.« Und als August berichtet hatte, sprach der König: »War es, wie Ihr sagt, so hat der Verhaftete geringen Grund zu seiner Beschwerde. Ihr tatet ganz recht, ihn nicht durchzulassen. Daß Ihr ihn als Arrestanten auf die Hauptwache führen ließt, ist wohl im jugendlichen Diensteifer geschehen.« Und zum Grafen gewandt, fuhr er französisch fort: »Die kindische Gräfin hat ihren Kopf auf die Deprekation gesetzt; ich kann im Grunde dem jungen Manne nicht verdenken, daß er sich weigert, dem Schurken Gregor Abbitte zu tun, der Mensch hat sich unter den Polen das Brutalisieren angewöhnt. Versetzen Sie den Leutnant zu einem anderen Regiment, damit er dem Kinde aus den Augen kommt.«

»Das Leibregiment hat sich seiner angenommen«, antwortete der Minister mit ehrerbietigem Achselzucken ebenfalls französisch. »Die Versetzung wird in der Garnison Aufsehen machen, und die Offiziere werden sich beklagen, daß sie an höchster Stelle bei Erfüllung ihrer Dienstpflicht nicht geschützt werden.« Und in deutscher Sprache fuhr er fort: »Der unbedeutende Vorfall würde am besten beigelegt werden, wenn der Leutnant der Gräfin selbst ein artiges Bedauern über das Renkontre ausspräche. Der militärische Stolz, welcher ihn verhindert, dem Hausmeister Entschuldigungen zu machen, dürfte einer liebenswürdigen Dame gegenüber nicht genieren.« Der Leutnant rückte sich zurecht, um gegen die Zumutung zu protestieren, aber er sah die zusammengezogenen Brauen des Grafen und fing einen warnenden Blick auf, so daß er stumm blieb. Auch dem Könige gefiel der Vorschlag seines Staatsministers nicht, er betrachtete den blühenden Jüngling wieder vom Kopf bis zu Fuß, aber mit weit geringerem Wohlwollen, und sagte kurz: »Das ist nicht nötig. Die Sache soll durch mich erledigt werden«, und verabschiedete den Leutnant durch eine kleine Bewegung seiner Locken.

August meldete seinem Obersten den guten Erfolg der Audienz. »Haben Sie etwas Schriftliches erhalten?« fragte dieser. Und auf die verneinende Antwort sagte er: »Hier aber liegt eine königliche Order. Wir warten also ab.« Aus dem Kabinett erfolgte nichts weiter, August tat seinen Dienst wie zuvor, bis ihn einst der Oberst nach der Parade auf die Seite nahm: »Soeben ist durch das Stadtkommando an mich die Anfrage ergangen, warum Sie die Abbitte noch nicht getan, und dazu der Befehl, die königliche Order unverzüglich auszuführen. Suchen Sie sich schnell selbst zu helfen, wenn Sie Gönner finden.«

Wieder stand August in der Antichambre des Feldmarschalls. Er mußte diesmal lange warten, wurde auch gar nicht eingelassen, der Graf trat heraus, um wegzufahren, und sagte im Vorbeigehen achselzuckend: »Ich bin nicht imstande, Ihnen beizustehen. Der Einfluß jener Dame ist übermächtig geworden. Was ich damals vorschlug, nicht in der Meinung, daß es nötig sein werde, ist jetzt die letzte Hilfe. Suchen Sie die Gräfin auf und sagen Sie ihr etwas Verbindliches, die Dame läßt mit sich reden.« Damit schritt der Minister vorüber. August ging langsam hinterdrein, an der Treppe blieb er stehen und lehnte sich an die Brüstung. Das also war das Ende seiner Hoffnungen, so sah der Dienst in seinem Heimatlande aus! Warum sollte er nicht zu der schönen Gräfin gehen? Das taten ja alle, von Seiner Majestät und dem Feldmarschall an. Warum sollte er, der Leutnant, eine andere Ehre haben als diese? Es war einmal der Welt Lauf. Da kam ihm sein erschossener Hauptmann in den Sinn, er schlug mit der Faust auf den Pfosten der Treppe und rief laut: »Nein!«

»Ja!« antwortete eine Mädchenstimme, und eine kleine geballte Hand schlug neben der seinen auf die Treppe. Vor ihm stand ein junges Fräulein von etwa vierzehn Jahren in elegantem Hauskleide mit einem feinen Gesicht, das über ihr Alter klug schien; sie neigte das Köpfchen zur Seite, sah ihn schlau an und fragte: »Monsieur König, Leutnant im Leibregiment? Kommen Sie schnell mit.« Sie flog ihm voraus durch mehrere Zimmer und rief lustig an der Tür des letzten: »Bibi, ich habe ihn eingefangen, da ist er!« Ein Mädchen sprang von der Arbeit auf, die Robe, über welcher sie nähte, rauschte auf das Parkett, und Friederike stand, mit hoher Röte übergossen, vor dem Leutnant. Auch August war von dem unverhofften Anblick so überrascht, daß er sich stumm verneigte.

»Ist das ein Wiedersehen von zweien, die einander gut sind?« schalt das mutwillige Fräulein. »Hier ist Bibis Hand, Monsieur König.« Sie zog die Widerstrebende vorwärts. »Wollen Sie ihr einen Kuß geben, so wende ich mich ab.« Sie flog nach einem Sessel, warf sich hinein und vergnügte sich damit, ihren roten Samtpantoffel vom Fuße in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. August folgte dem Rat, den die junge Dame gegeben hatte: »Seit Wochen suche ich Sie vergebens.«

»Ich bin hier als Dienerin der Komtesse«, antwortete Friederike befangen.

»Das ist nicht wahr«, rief die Komtesse über die Schulter zurück. »Sie ist meine liebe Freundin und mir von dem Herrn Vater geschenkt, damit sie mich zu einer Deutschen mache.« Man hörte der Sprache des Fräuleins an, daß sie von Fremden erzogen war. »Ich wundere mich über den Herrn Leutnant, weil er mit Worten so sparsam ist.«

»Ich höre der gnädigen Komtesse zu«, versetzte August.

»Ja so«, sagte die Kleine und schnellte wieder in ihren Sessel zurück.

»Es ist mir weit besser geraten, als ich zu hoffen wagte«, erzählte Friederike. »Ich hatte mich wegen eines Unterkommens an unseren Herrn Major Vogt gewandt, und dieser schrieb meinetwegen an den Herrn Grafen, den er aus der Zeit des preußischen Dienstes kannte. Da traf es sich gerade, daß unser Herr Graf selbst für die Komtesse Tochter eine Person suchte, welche in Sachsen fremd wäre und ohne Familienanhang. So hatte ich das Glück, hierherzukommen. Denn, Monsieur König, Sie ahnen nicht, wie gut mein liebes Fräulein ist.« Sie eilte zu der Komtesse und neigte sich über die Hand, die kleine Dame aber faßte sie bei den Ohren, küßte sie und streichelte ihr mit der Hand die Wange, wie eine Mutter ihrem Kinde. »Ich weiß alles,« sagte sie stolz, zu August aufsehend, »daß der Herr Leutnant sich wie ein echter Kavalier gegen Demoiselle Bibi benommen hat. Nein, viel besser. Sie waren ein bescheidener Schäfer, und ich hoffe, Sie sind ihr von ganzem Herzen gut, obgleich ihr nur stumm aus der Ferne füreinander geseufzt habt. Aber Sie sollen wissen, daß Ihre Schäferin auch sehr hübsch zu reden versteht. – Ihren Vogel hat ein Läufer hergebracht, und Sie können ihn im Hause wiedersehen.«

»Dagegen habe ich der lieben Demoiselle für größere Überraschungen zu danken,« sagte August, »die mir hier in mein Quartier geflogen sind.«

Friederike sah befremdet zu ihm auf. »Das war ich«, lachte die Komtesse. »War der Vers nicht schön? Ich habe ihn aber nur abgeschrieben.«

»Von einer anderen Verwendung meiner jungen Herrin aber weiß ich«, sagte Friederike mit glücklichem Lächeln, sich vor dem Offizier verneigend: »Ich gratuliere dem Herrn Leutnant zu seiner Charge.«

»Ach, dieses Glück, welches ich der gnädigen Komtesse zu danken habe,« versetzte August traurig, »hat nicht lange gedauert; ich bin gezwungen, meinen Abschied zu nehmen; auch Seine Exzellenz, von der ich eben komme, vermochte mir nicht zu helfen.« Und er erzählte das Unglück. »Mir wurde der Rat gegeben, die Gräfin selbst um Verzeihung anzugehen, aber ich kann mich nicht dazu entschließen.«

Beide Mädchen protestierten lebhaft dagegen. »Das dürfen Sie nicht, um dieser Demoiselle willen«, versetzte die Komtesse mit mehr Ernst, als sie bis dahin gezeigt. »Verzögern Sie, womöglich, die Entscheidung bis auf morgen, Monsieur König, vielleicht habe ich Gelegenheit, mit dem Herrn Vater über Ihren Handel zu sprechen. Jetzt aber dürfen Sie der Demoiselle noch einmal die Hand geben, und dann schicken wir Sie fort. Wollen Sie in Zukunft meinen Liebling sehen, so müssen Sie sich bei mir melden, denn ich bin Herrin im Hause und außerdem die Gouvernante dieses Kindes.«

August versprach alles und schied mit neuem Lebensmut.

Am Abend war bei dem Staatsminister glänzende Gesellschaft, der König selbst war zugegen und alle Herrschaften des Hofes, welche sich der König begehrte. Beim Beginn der Assembleen war die Komtesse anwesend, vielleicht nach polnischem Brauch, vielleicht weil der Vater, der sie zärtlich liebte, auf den Geist und Takt stolz war, welchen sie bei solchen Gelegenheiten bewies. Die junge Dame empfing an Stelle der abwesenden Hausfrau die Gäste und zog sich zurück, sobald der König sich zum Spiel niedersetzte oder der Tanz begann. Da der König sie seine kleine Hebe nannte, ihr Vater der mächtigste Mann des Landes war und ihre verstorbene Mutter eine Prinzessin vom höchsten polnischen Adel, so wurde sie auch von den Damen mit ungewöhnlichem Respekt behandelt. Und Monsieur August hätte sich über die Haltung gewundert, mit welcher das ausgelassene Kind die Gräfin Orczelska begrüßte, denn bei dem Empfange war das Kind die vornehme Dame, die Gräfin aber, ungeachtet ihrer nahen Beziehungen zum Könige, doch die Unsichere.

Als der König mit der Orczelska und dem Hausherrn sich zum Trisette gesetzt hatte und die Karten ausgeworfen wurden, trat die kleine Komtesse an den König und bat: »Bevor ich Eurer Majestät gute Nacht sage, flehe ich um gnädige Erlaubnis, auch einmal hinter dem Stuhl mitzuspielen.« Der König wandte sich lächelnd um: »Willst du mein Partner werden?« Das Fräulein nickte: »Ich will auf Eure Majestät gegen die Gräfin halten, wenn Gräfin Orczelska mir das verstattet.«

»Worum will die Komtesse mit mir wetten?« fragte die Gräfin.

»Geld habe ich nicht, aber ich für mein Teil setze meinen Papagei, welcher der Frau Gräfin neulich so gut gefiel, und die Frau Gräfin verspricht, wenn sie verliert, einem Herrn, den ich auswähle, eine Freundlichkeit zu erweisen, die ich auch bestimme.« Da antwortete die Orczelska: »Das ist gefährlich, Komtesse. Ehe ich darauf eingehe, müßte ich wissen, wer der Herr ist.« Das Fräulein nahm schnell ein Pergamentblatt, schrieb mit dem Goldstift den Namen August K. und wies ihn der Polin. Diese las, nickte ihr lachend zu und sah den König an, und die Damen legten die Fingerspitzen zur Bekräftigung aufeinander. Das Spiel begann, der König hatte nicht gute Karten, aber die Gräfin war beflissen, ihr Spiel zu verlieren, und so machte sich's, daß die Majestät und mit ihr das Fräulein gewannen. Da verneigte sich das Kind vom Hause tief vor dem König und der Gräfin und sagte: »Majestät, der Herr, dem die Gräfin einen Gefallen zu tun versprochen hat, ist August König, Leutnant im Leibregiment, und das Gute, was die Frau Gräfin ihm tun wird, ist, daß sie die Forderung aufgibt, er solle ihrem Hausbedienten Abbitte tun.« Die Gräfin errötete vor Unwillen und wandte sich zum Minister: »Diese Surprise haben Exzellenz arrangiert. Das Spiel mit dem Gleichklang der Namen war kein Meisterstück.«

»Papa ist unschuldig, gnädige Gräfin«, sagte die Kleine. »Ich traf den Leutnant zufällig in unserem Hause, als er von Papa ohne günstigen Bescheid entlassen war. Seien Sie nicht böse auf mich, daß es mir Freude macht, auch einmal jemanden zu protegieren. Hätten Sie den armen Jungen gesehen, wie traurig er war, er hätte auch Ihnen leid getan. Bitte, schenken Sie mir die Verzeihung für den Leutnant und nehmen Sie dafür den Papagei.«

»Frauen halten ihr Wort gegeneinander«, sagte die Orczelska. »Ich bitte Eure Majestät, den genannten Leutnant zu pardonieren.« Und zu der Tochter vom Hause gewandt, fuhr sie fort: »Er soll sich nicht nur bei der lieben Komtesse bedanken, sondern auch bei mir.«

Da aber entschied seine Majestät mit hoher Würde: »Es ist für einen Offizier am besten, wenn er niemandem zu Dank verpflichtet ist als seinem Landesherrn. Teilen Sie ihm seinen Pardon mit, Flemming.«

 << Kapitel 84  Kapitel 86 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.