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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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2. In die Fremde

Wenn Herr König auf seine Söhne sah, wie wohlgezogen und stattlich sie heranwuchsen, hob sich ihm das Herz vor Freude, er nahm seine strengste Miene an, damit die Kinder die Zärtlichkeit nicht merkten und faltete gleich darauf demütig die Hände. »Friedrich hat wieder eine der besten Zensuren erhalten,« sagte er vergnügt zu seiner Gattin, »ich hoffe, er soll werden, was sein Vater nicht geworden ist, ein Doktor der Gottesgelahrtheit und ein Verkünder der reinen Lehre.« Da antwortete seine Frau zustimmend: »Um meinetwillen haben Sie den heiligen Stand aufgegeben, ich muß mich freuen, daß unser Ältester das Amt des Vaters erwählt. Doch denke ich, auch dem Gustchen haben die Lehrer sein Lob zugeteilt.«

»Das Lob ist mit allerlei Tadel gemischt,« sagte der Vater ernsthaft, »insonderheit wegen seines unruhigen Betragens.«

»Aber mein lieber Schatz weiß doch, daß der Brummkreisel wider Gustchens Willen aus dem Schlüssel fiel und in der Schulstube umherfuhr, damals als der Rektor ihn so hart verklagte.«

»Der Kreisel dreht sich nicht ohne Schwung und Sie mögen annehmen, daß er die Weisung, vorwärts zu laufen, erhalten hatte«, antwortete der Vater. »Obgleich es diesem Sohne keineswegs an Applikation fehlt, so tritt sein weltlicher Sinn doch immer mehr hervor, und für seine Unternehmungslust wird eine strengere Disziplin notwendig, als bei der Laufbahn eines Gelehrten möglich ist.«

»Sie waren der Meinung, daß er einmal unser Gut übernehmen könnte.«

»Ich weiß, daß Sie, geliebtes Suschen, dies für ihn wünschen und ich füge mich gern Ihrem Willen. Aber soll er als ein fester Mann sich unter dem landsässigen Adel und gegenüber den Bauern behaupten, so muß er vorher gelernt haben zu befehlen, und ich halte bei diesem Sohn die militärische Karriere für die heilsamste.«

»Das meinte auch unser Vetter, Herr v. Mickau, nur widerriet er den preußischen Dienst, weil dort ein sehr rigoröses und eigenmächtiges Wesen sei.«

»Aber der Militär ist dort angesehen, denn der König von Preußen ist der größte Soldatenfreund in der Welt. Und obgleich unserem August in Preußen wie hier in Sachsen nicht vorteilhaft sein mag, daß er von bürgerlichem Stande ist, so wird doch bei den Preußen, wie ich aus Erfahrung weiß, der tüchtige Mann mehr geschätzt als bei uns, wo die Obersten sich mit Schoßhündchen tragen und leichtfertige Damen mehr kommandieren als die Generäle. Mein lieber Major Vogt vom Regiment »Markgraf Albrecht« gehört auch nicht zum Adel und wird doch von seinem Chef und dem Könige selbst favorisiert, weil er ein guter Offizier ist, er hat sich freiwillig erboten, unsern August in seiner Nähe zu placieren.«

Frau König sah schmerzlich zur Höhe: »In die wilde Fremde!«

Der Hausherr küßte sie auf die Stirn. »Es ist nur eine Lehrzeit, Suschen; bei der Mutter könnte der ausgelassene Knabe doch nicht bleiben, und die Entfernung zur Garnison ist nicht viel weiter, als die nach einer Universität.«

Während sich auf solche Weise die Trennung der Söhne vom Vaterhause vorbereitete, wurde auch Dorchen in die Fremde geladen. Eine Nichte der Frau von Borsdorf hatte einen vornehmen Polen geheiratet, der Güter an der Weichsel besaß, aber einen großen Teil des Jahres am Hofe beschäftigt war. Da seine Gemahlin zarter Gesundheit wegen dem anstrengenden polnischen Hofleben fernbleiben sollte, wurde ihr in der ländlichen Einsamkeit eine Gesellschafterin wünschenswert und Dorchen dafür erbeten. Der Mutter war sehr schwer, sich von ihrem Liebling zu trennen, aber sie bedachte die Zukunft der Tochter, daß sich in dem großartigen Leben und unter den reichen Polen viel mehr Möglichkeiten und Aussichten eröffneten, als in dem engen Leben der sächsischen Stadt, in welcher jedermann die Mitgift als eine Hauptsache erwog. Auch ihre Verwandten, welche das Fräulein gern ohne eigene Unbequemlichkeiten versorgen wollten, rieten eifrig, den Antrag anzunehmen, und so fügte sich's, daß die junge Borsdorferin in demselben Herbst, welcher den beiden Königen zur Trennung vom Vaterhause bestimmt war, unter dem Schutz eines alten Onkels nach Dresden, und von da in das Polnische versandt werden sollte.

Während der Vorbereitungen zur Reise kam einst Dorchens Mutter in der Dämmerstunde zu vertraulichem Besuch in das Königsche Haus, und als Herr König in die Familienstube trat, begann nach der Begrüßung eine schickliche Besprechung der Stadtneuigkeiten. Und es war allerdings etwas Aufregendes eingetreten. Der Nachtwächter hätte um Mitternacht zwei Subjekte überrascht, welche mit einer Blendlaterne bei einem Winkel der Stadtmauer in der Erde gruben. Vor dem Magistrat hatte sich ergeben, daß sie einen Schatz suchten auf Grund einer Anweisung, die sie von einem fremden Abenteurer für gutes Geld gekauft hatten. Diese Offenbarung hatte die Form eines Briefes, den ein Vater an seinen Sohn richtete, und es war darin alles genau beschrieben, der Stein in der Mauer, welchen eingemeißelte Kreuze kenntlich machten, auch die Größe des Schatzes, unter welchem viele Kleinodien, silberne Becher, Perlen und Goldmünzen sein sollten. Das Machwerk war zu den Akten geliefert worden, und man erzählte in der Stadt, daß die Nacht darauf ein gestrenger Rat selbst in aller Stille habe weitergraben lassen; ob etwas gefunden worden, wußte man nicht, mutmaßte jedoch allerlei. Herr König hatte durch die Gunst des Bürgermeisters Einblick in den Schatzzettel erhalten und sprach sich, wie von einem aufgeklärten Manne zu erwarten war, mit großer Unzufriedenheit über die häufigen Betrügereien durch Schatzbriefe aus, welche gerade sehr im Schwange waren.

Nachdem man diesen Gegenstand gänzlich abgesprochen hatte, kam der Augenblick, wo Frau von Borsdorf die eigentliche Ursache ihres Besuches offenbaren konnte, indem sie fragte, ob der hochgeschätzte Freund vielleicht unter den Honoratioren der Städte in Polnisch-Preußen Bekanntschaften habe, da er mit vielen Personen von Distinktion in Briefwechsel stehe. »Denn,« fügte sie hinzu, »es kann meiner Doris von Nutzen sein, wenn sie einer deutschen Familie in den Städten empfohlen ist.«

Herr König holte eine Karte, sah nach und überlegte, aber ihm war dort kein näherer Bekannter bewußt. Endlich sagte er lächelnd: »Vielleicht kann das liebe Fräulein Dorchen mir zu einer Bekanntschaft helfen, die ihr selbst dienlich ist. Ich habe soeben gegen den Betrug mit Schatzbriefen gesprochen, ich selbst aber habe vor Jahren unter den hinterlassenen Papieren meines Vaters einen Brief gefunden, welcher auch Dinge erwähnt, die seinerzeit im Polnischen aufbewahrt wurden.« Seine Söhne sprangen auf und bestürmten ihn mit Fragen, er ging in die Nebenstube, öffnete die Klappe des Schreibtisches und brachte ein vergilbtes Papier vor die Augen der Gesellschaft.

Um nun die Befriedigung der Neugierde zu einer kleinen moralischen Betrachtung zu benutzen, begann er gutlaunig: »Wir gehören ja nicht dem Adel an, und ich habe niemals den Trieb gehabt, meinen bürgerlichen Stand mit einem anderen zu vertauschen, welcher in der Welt für vornehmer gilt. Ich wünsche auch, daß meine Söhne sich dieselbe Bescheidenheit bewahren. Denn obwohl den Adligen vieles in der Welt leichter gemacht wird, so habe ich doch nicht gefunden, daß sie dadurch größere Redlichkeit und Tüchtigkeit erwerben als andere. Dies sei mit allem Respekt vor dieser verehrungswürdigen Frau gesagt. Doch auch wir dürfen uns ansehnlicher bürgerlicher Vorfahren freuen. Mein Vater war Pfarrer, mein Großvater aber war Rittmeister unter den Schweden; dieser und die liebe Großmutter müssen gleich nach der Geburt meines Vaters gestorben sein, denn er hat beide nicht mehr gekannt, und wurde von seiner Tante erzogen. Aber in noch früherer Zeit waren Voreltern von uns, wie dieser Brief ausweist, ansehnliche Kaufleute in Frankfurt am Main, ja aus dem Briefe scheint hervorzugehen, daß wir ursprünglich aus Polen stammen. Und Magister Kurz, unser hiesiger Historikus, ist der Meinung, der deutsche Name König werde wohl eine Übersetzung von dem nicht seltenen Familiennamen ›Kralitsch‹ sein, welcher bei den Polen so viel wie Goldhähnchen oder Zaunkönig bedeuten soll. Ich aber denke, wir sind von deutschem Blut, doch stammen wir aus Polen.«

Das alte Papier, dessen krause Schriftzüge dem Lesenden Mühe machten, war der kurze Geschäftsbrief eines gewissen Herrn B. Gusek, datiert von Thorn im Jahre 1531, worin dieser dem Kaufmann König zu Frankfurt am Main unter anderem folgendes schrieb: In der Stube über dem Flur des Eckhauses habe ich nach dem Gebot Eures seligen Vaters den Inhalt des Schrankes, von welchem Ihr wissen wollt, vermauert und menschlicher Neubegierde entzogen. – »Daraus ist ersichtlich,« fuhr Herr König fort, »daß meine Vorfahren in jener alten Zeit zu Thorn wohlbekannt waren, und ich habe zuweilen daran gedacht, mich dort bei einem Liebhaber der Historie zu erkundigen, ob von denselben noch etwas zu erfahren sei. Jetzt bin ich bereit, an den dortigen regierenden Konsul, Herrn Rat Roesner, einen renommierten Mann, zu schreiben. Da das Schloß Ihres Herrn Schwagers nur einige Meilen von Thorn liegt, so hat Fräulein Dorchen vielleicht Gelegenheit, den Brief abzugeben, und sie wird bei einem Besuch selbst das Beste tun, sich der Familie des Konsuls zu rekommandieren.«

Gewährte dies Anerbieten auch nicht gerade viel, so erklärte doch die Mutter höflich ihre Befriedigung.

Die Herbstfreuden dieses Jahres wollten nicht gedeihen. Als vom Gute die erste junge Gans mit einem Tragkorbe Äpfel bei Frau von Borsdorf abgegeben wurde mit der herkömmlichen artigen Redensart, daß die Äpfel zum Füllsel für die Gans verwandt werden möchten, da konnte die unbillige Zumutung, welche dem Fassungsvermögen der Gans gestellt wurde, diesmal kein Lächeln hervorlocken, und die Mutter sagte traurig zu der Magd: »Sonst kamen die Äpfel auf den Weihnachtstisch meiner Doris.« Und als Herr König selbst mit Dorchen am Weingeländer des Gutes vorbeiging und ihr eine ungewöhnlich große Traube wies mit den Worten: »Die Traube war für das liebe Fräulein bestimmt, wenn es bei uns geblieben wäre«, da wunderte er sich, daß Dorchen, die er sonst für ein leichtherziges Mädchen hielt, sich plötzlich über seine Hand beugte und die Hand mit nassen Augen küßte. Vollends am letzten Abend, welchen das Fräulein mit ihrer Mutter bei Königs verlebte, war die feierliche Stimmung nicht zu bannen. Vergebens brachte der aufgeregte August allerlei Gesellschaftsspiele in Vorschlag, um sich und den anderen die Laune zu verbessern. Er setzte das prophetische Glücksrädlein auf den Tisch, bei welchem die Anwesenden der Reihe nach den schwebenden Zeiger über einer Scheibe zu drehen hatten; wenn der Zeiger stillstand und mit der Spitze auf eine Nummer wies, wurde aus einem Büchlein die Weissagung abgelesen, welche unter derselben Nummer verzeichnet war. Aber da ergab sich nur Ungereimtes. Dorchen wurde vor der Gemeinschaft mit trunkenen Brüdern gewarnt, Fritz vor der Hingabe an den Kriegsgott Mars und August erhielt die Warnung, daß Propheten im Vaterlande nichts gelten. Sogar das unterhaltende Post- und Reisespiel versagte, obgleich die Eltern sich mit dazu setzten, die Mutter frische Nüsse für Einlage und Gewinn heranbrachte und Herr König ermunternd riet: »Seht zu, ihr jungen Reisenden, wer von euch als erster in der Stadt des Glückes ankommt.« Aber auch hierbei stolperten alle drei Kinder unablässig über Hindernisse, Fritz blieb in der Herberge liegen, August wurde von einer Schildwacht arretiert und Dorchen fiel gar unter Räuber, so daß endlich Herr König selbst als erster in der Stadt anlangte und die Nüsse unter trüben Gedanken der Anwesenden geknackt werden mußten. Als es zum Abschied kam, durfte man annehmen, daß Dorchen, die sich stets schicklich zu benehmen wußte, das passende Abschiedskompliment sagen würde. Dorchen hatte sich's auch ganz ordentlich zu Hause überlegt, zuerst für Frau König, dann für den Hausherrn und dann, kürzer und zutraulicher, gegen die Jungen. Als aber alle um sie herumstanden, so feierlich und in Erwartung, da versagten ihr plötzlich die Gedanken, sie begann laut zu schluchzen, und als August ihre Hand faßte, lehnte sie sich weinend an seine Schulter.

Ob in der Zukunft einmal eine eheliche Verbindung Augusts und Dorchens angemessen sein werde, davon war zwischen den Müttern niemals auch nur mit einem Wort die Rede gewesen; natürlich nicht, so unverständig und voreilig durften sie nicht das Schicksal der geliebten Kinder lenken. Dennoch lag beiden Frauen die erwähnte Aussicht stets in Gedanken; sie gab ihrem Verhältnis eine Wärme, deren Höhengrad allerdings wechselte, die aber doch bei jeder Gelegenheit durch Übersendung von Kuchen, Mitteilung des Eingemachten und bereitwillige Aushilfe in der Wirtschaft sichtbar wurde. Denn es war damals die Zeit, wo alle Welt darauf sann, Angehörige und Bekannte unter die Haube zu bringen. Und der Mann, welcher in der angenehmen Lage war, eine Frau ernähren zu können, mußte eine ungewöhnliche Hartnäckigkeit besitzen, um den Andeutungen und Schlingen, welche ihm von guten Freunden gelegt wurden, aus dem Wege zu gehen; beharrte er aber in solcher Verstocktheit, so hatte er sein ganzes Leben hindurch den stillen Genuß, von Projekten wie von einem Schwarm Liebesgötter umschwebt zu werden, er erhielt Einladungen zu Gänsebraten und erfreute sich großer Zuvorkommenheit, bis er endlich, wenn er als Heiratskandidat hoffnungslos geworden war, als Pate begehrenswert ward, und in dieser behaglichen bürgerlichen Eigenschaft noch in hohem Greisenalter die Vergnügungen achtungsvoller Freundlichkeit genoß.

Auch Madame König wußte recht gut, daß es für die beiden Kinder viele Möglichkeiten gab, die sich nicht berechnen ließen. Da war zuerst Dorchens adeliger Stand, es konnte jeden Tag ein Freiwerber von Noblesse kommen, welcher imstande war, seine Frau ansehnlich zu halten. Und Dorchen verdiente, wie ihre Mutter mit Recht annahm, den besten Kavalier, und hätte sich auch in sehr distinguierter Stellung trotz ihrer einfachen Erziehung gut behauptet. Dann waren noch andere Aussichten, denn die Familie hatte vornehme Verwandte; und obgleich diese bis dahin nichts getan hatten, so war es doch möglich, daß durch ihre Konnexion eine Beförderung erreicht wurde: Stelle in einem Fräuleinstift oder gar das ausgezeichnete Amt einer Hofdame. Auf der anderen Seite bot auch Augusts feuriges Temperament keinerlei Bürgschaft für die ferne Zukunft. Deshalb war der Verkehr beider Mütter gerade so voll von Hintergedanken, wie der zwischen zwei Diplomaten großer Mächte, welche bald vertraulich Arm in Arm gehen und bald einander mit kühler Zurückgezogenheit behandeln.

Heut aber ging der Hausfrau das Herz auf. Während sie eine Träne abwischte, vergaß sie die Vorsicht und sagte bedeutsam zu der Freundin: »August wird die Trennung von unserm Dorchen schwer ertragen.« Jedoch der Augenblick war nicht günstig gewählt, denn Frau von Borsdorf verweilte mit ihren Gedanken gerade bei den polnischen Hoffnungen und antwortete deshalb in kühlem Ton: »Monsieur August ist jung und wird sich bald trösten.«

Da schwieg Frau König, tiefgekränkt durch solchen Stolz, und drückte das aufgestiegene Heiratsprojekt wieder tief in die Flut ihrer Gedanken hinab.

Am nächsten Morgen läuteten die Glocken den Sonntag ein, als Friedrich durch das Stadttor ins Freie ging. Er bog von der Landstraße ab, einem niedrigen Hügel zu. Dort hatten die Kinder oft unter einer alten Linde gespielt, Schmetterlinge gefangen und in der Kiesgrube nach Versteinerungen gesucht. Heut blinkten die Tautropfen in allen Farben des Regenbogens, um die Kamille und wilde Zichorie summten die Käfer, und in der alten Linde schrien die Finken und das junge Volk der Spatzen. Aber dem Jüngling war das Gemüt beschwert. Er setzte sich unter den Baum auf einen bemoosten Stein und starrte ins Leere. Eine, die jetzt in die Fremde ging, war ihm von Herzen lieb; er wußte, daß sie mit seinem Bruder viel vertraulicher verkehrte, als mit ihm, und er kannte auch die Pläne seiner Mutter. Oft hatte er gegen die Eifersucht gekämpft, mit einem Heldenmut, den niemand ahnte, hatte er sein Gefühl bezwungen; doch gestern, nach dem Abschiede, war der Schmerz übermächtig geworden, und er fühlte sich ganz ohne Kraft und Hoffnung. Um ihn grünten, glänzten und schwirrten die Wunderwerke der Schöpfung, deren weise Anordnung ihm der Vater freudig erklärt hatte, aber die Bienen krochen vergebens in die Blumenkelche und befestigten Wachs an ihren Beinchen, und das Volk der Ameisen lief auf der Straße, die es sich mit unsäglicher Mühe zwischen den Grashalmen gesäubert hatte, unbeachtet hin und her, ohne daß er das Verdienstliche ihrer Tätigkeit anerkannte. Auch als er über sich in einem Loch des Baumes ein graues Gewebe erblickte, erhob er sich zwar und löste die Zellen eines verlassenen Wespennestes aus der Öffnung, aber er hielt die Zellen achtlos in der Hand, obwohl sie regelmäßig wie aus feinem Papier zusammengebaut waren, und vermochte dabei an nichts von alledem zu denken, was sich für einen vernünftigen Naturfreund aus dem merkwürdigen Gebilde ergab.

Da plötzlich schwirrte in der Nähe ein Flug kleiner Vögel auseinander, und dasselbe Fräulein, um welches er in seinem Schmerz sorgte, kam auf ihn zu. Das war kein Wunder, denn ganz in der Nähe lag der Garten, welcher Dorchens Mutter gehörte; vielleicht war Fritz deshalb, ohne es selbst zu wissen, unter die Linde gegangen, von der man die offene Gartentür beobachten konnte. Er fuhr in die Höhe, auch Dorchen hemmte den schnellen Schritt und trat befangen in den Schatten des Baumes.

»Ich war bei unseren Blumen,« begann sie leise, »da erkannte ich den Monsieur Fritz unter der Linde, und wollte Ihnen noch einmal Lebewohl sagen.«

Friedrich sah das Fräulein glückselig an, aber so mächtig war seine Bewegung, daß er nichts Passendes zu antworten wußte und nur sagte: »Ich fand hier dies Wespennest.«

»Wie zierlich es ist«, versetzte das Fräulein, ohne die Augen bis zu ihm aufzuheben, und beide saßen im nächsten Augenblick nebeneinander auf dem Stein, nicht ganz nahe, denn das Gewebe lag zwischen ihnen. »Ich habe immerzu an Sie gedacht,« fuhr Fritz mutiger fort, »wie es Ihnen unter dem fremden Volke gehen wird, und ob Sie auch unsrer gedenken werden.«

»Mir ist bange,« rief das Mädchen und rang die Hände, »und mir war heute früh, als könnte ich den Abschied nicht ertragen. Der Mutter verberge ich meine Angst, um ihr die große Bekümmernis nicht zu vermehren, aber Ihnen gestehe ich's, Monsieur Fritz, denn ich weiß, daß Sie gegen jedermann schweigen; ich fürchte mich vor den ausländischen Verwandten, und wenn es nicht um meines Bruders willen wäre, dem eine Fürsprache beim polnischen Hof nützlich sein soll, so wäre ich niemals gegangen.«

»Wo Sie auch sind, Fräulein, die Leute werden Sie liebgewinnen«, antwortete Fritz, der jetzt zu trösten versuchte. Aber dabei fühlte er plötzlich wieder das Weh des Abschiedes und sah auf das Wespennest. »Es wird Ihnen vergönnt sein, was schon diesen kleinen, unvernünftigen Tieren zuteil wird. Sie machen sich jeden Sommer ein neues Häuschen, das alte bleibt leer hängen. Auch Sie werden neue Freunde finden, welche Ihr gutes Herz hochschätzen, und die alte Bekanntschaft wird sein wie dies verlassene Gewebe.«

»Halten Sie mich für so veränderlich?« fragte das Fräulein, und man hörte am Tone, daß sie gekränkt war.

»Nein, nein!« bat Fritz und ergriff im Eifer ihre Hand. »Aber Sie sind jung und voller Anmut, und wer Sie sieht, wird Sie lieben; da ist es natürlich, daß auch in Ihrem lieben Herzen sich etwas Neues anspinnen wird.« – Dorchen wandte ihm das Gesicht zu und fragte schnell: »Wird das bei Ihnen auch so sein? Und wird die gute Freundschaft, in der wir bis jetzt gelebt haben, auch nicht mehr bedeuten, als diese leere Hülse?«

Fritz schlug die Hände zusammen und rief in inniger Bewegung: »Ich weiß nicht, was aus mir werden wird und wohin mich der liebe Gott führt, aber das weiß ich wohl, daß ich das Fräulein Dorchen in meinem Herzen lieb haben werde, solange ich lebe.« Und er schubste das Wespennest, das er zum Sinnbild der Unbeständigkeit gemacht, auf den Boden. Dorchen beugte sich nieder, hob das verachtete Gewebe auf, legte es in ihr Taschentuch, knotete dies hastig zu und stand auf. »Ich will es mir aufheben«, sagte sie. Sie griff in die Tasche und brachte ein kleines Kissen heraus, welches die Form eines Herzens hatte und am Rande mit den kleinen Blumen Vergißmeinnicht bestickt war und sagte verlegen: »Behalten Sie das zum Andenken an mich, ich habe Lavendel und anderen Wohlgeruch aus unserem Garten hineingetan, wenn Sie es unter die Wäsche legen wollen. So oft Sie den Geruch spüren, denken Sie an mich.« – Sie legte es ihm in die Hand, beide küßten einander unschuldig wie Kinder zum Abschiede und Dorchen weinte an seinem Halse, doch nur einen Augenblick, dann klang leise aus ihrem Munde: »Seien Sie Gott befohlen!« Und schnell eilte sie dem Garten zu, an dessen Tür die alte Wärterin bereits nach ihr ausschaute.

Als Fritz allein war, küßte er auch das Herz und barg es in der Westentasche, dann sah er noch einmal um sich und merkte, wie lieblich es in der Natur duftete und sang. Jetzt wurde ihm klar, daß eine weise Vorsehung alles fügt, Großes und Kleines, und unter dem Geläut der Kirchenglocken schritt er langsam nach Hause.

Es war für die Königschen Eltern eine harte Zumutung, daß die beiden Sterne, welche ihnen der liebe Gott für Licht und Wärme an ihren Himmel gesetzt hatte, zu gleicher Zeit unsichtbar werden sollten. Zuerst verschwand Fritz in der akademischen Dämmerung. Von ihm war der Abschied nicht so schwer. Er blieb auf der Universität doch im Inlande, und er konnte jedes halbe Jahr, ja noch öfter, zum Besuch heimkehren. Auch hielt er sich tapfer bis zur letzten Stunde, da erst übermannte ihn die Rührung, als der Vater seine Hand und die des Bruders zusammenhielt und dabei sagte: »Bleibt einander treu.«

Seinen Sohn August brachte der Vater selbst nach der kleinen märkischen Stadt, in welcher die Kompanie des Regiments »Markgraf Albrecht« in Garnison lag. Dort trafen die Ankommenden nach schriftlicher Verabredung mit dem Major Vogt zusammen, der in Geschäften des Regiments vom Stabsquartier zugereist war. August sah mit Stolz, wie herzlich der Major seinen Vater empfing.

»Ich habe, mein Herr Bruder, deinen Sohn für diese Kompanie bestimmt, weil ich hoffe, daß er sich gerade hier gut zu den Offizieren schicken wird. Ihr, mein lieber Monsieur August aber, beweiset unter uns, daß Ihr ein Sohn Eures Vaters seid, lernt schweigend gehorchen, ertragt tapfer, was Euch nach dem Vaterhause hart und bitter scheint, und spannt Eure Kräfte aufs äußerste, um im Dienste fest zu werden. Obwohl ich Eure Wünsche und Beschwerden, auch wenn sie gerecht sind, fortan nur durch Euren Kapitän vernehmen darf, so werde ich Euch doch im Auge behalten, und wenn Ihr Euch Mühe gebt und gute Applikation zeigt, werde ich es an mir nicht fehlen lassen.« Noch während der Anwesenheit des Vaters wurde August als Gemeiner eingekleidet, der Major machte ihm Hoffnung, daß er im Winter Unteroffizier werden könnte und setzte für ihn sofort das Traktament eines Freikorporals durch, auch leidliches Quartier erhielt er in einer Kammer neben dem Sekondeleutnant. Nachdem der Vater den Major und die Offiziere der Kompanie zu einem Mittagstisch geladen hatte, der so gut war, als die Gastwirtschaft des Städtchens leisten konnte, merkte August an den freundlichen Mienen seiner Vorgesetzten, daß er mit guten Aussichten in seinen neuen Stand eintrat. Dennoch war der nächste Morgen, an dem er den scheidenden Vater nicht einmal bis zum Stadttor begleiten durfte, weil sein Drillen begann, der schmerzlichste seines jungen Lebens; und als er dem Wagen nachsah, meinte er, das Herz müsse ihm zerspringen. In den nächsten Freistunden fand er trübseligen Trost darin, die guten Dinge auszupacken, welche ihm die Mutter zur Verbesserung seiner Soldatenkost mitgegeben. Er wies sie in dem Bedürfnis menschlicher Teilnahme seinem Stubennachbar, dem Sekondeleutnant, und freute sich, daß dieser sowohl Schinken als Rauchwurst sehr lobte und es nicht verschmähte, sie mit ihm zu prüfen, dabei aber verständig riet, nicht gegen jedermann freigebig zu sein. Bei diesem Genuß aus der Heimat und bei einigen Flaschen Wein, für welche August einen goldenen Pfennig, die heimliche Gabe der Mutter, opferte, erkannten der Leutnant und er gegenseitig ihre guten Qualitäten, und August erhielt in den öden Tagen nach der Trennung bei seinem Nachbar menschenfreundlichen Trost.

Der erste Winter war eine harte Lehrzeit. Der Rekrut sank oft des Abends todmüde auf sein hartes Lager, aber sein Ehrgeiz war aufgestachelt, und eine natürliche Gewandtheit kam ihm zugute, auch gelang ihm bald, die Billigung und das Zutrauen der Unteroffiziere zu gewinnen, und er fand hinter rauhem Wesen bei mehr als einem der Subalternen Gutherzigkeit und das Bedürfnis, sich honett zu halten.

Als das Frühjahr herankam, wunderte er sich, wie schnell der Winter vergangen war. Jetzt wurde das Exerzieren mit doppeltem Eifer betrieben, die Kompanien wurden in einer benachbarten Landstadt zusammengezogen, und als dort der Dienst im Regimente unter den Augen des Markgrafen Albrecht geübt war, marschierte das ganze Regiment nach Berlin, zu der großen Aktion des Jahres, der Revue, welche der König selbst abnahm, nachdem er zehn Regimenter Infanterie und einige Kavallerie zu einem Korps formiert hatte. Die Kompanien von »Markgraf Albrecht« versammelten sich zu Beginn schon um Mitternacht vor dem Quartier ihres Chefs und zogen mit frühem Morgen in die Nähe von Tempelhof, wo zwei Tage lang manövriert werden sollte. Da wurde August nach schlafloser Nacht und übergroßer Anstrengung in den Straßen der Hauptstadt ohnmächtig; doch als er wieder zu sich kam, ging er dem Regiment nach, und obgleich der Kapitän warnte, erbat er doch die Erlaubnis, das Manöver mitzumachen. Und er hielt aus, wiewohl er noch einmal erschöpft zusammenbrach, so daß Markgraf Albrecht selbst, ein alter wunderlicher Herr, ihm etwas Beifälliges zurief. Nach dem großen Manöver wurden die einzelnen Regimenter vom Könige gemustert, und weil Seine Majestät mit Albrecht zufrieden gewesen war, lobte der Chef auch die Kompanien, und der Hauptmann sagte rühmend zu August: »Ihr habt Euch brav gehalten; morgen um drei Uhr werdet Ihr vor die Augen Seiner Majestät geführt.«

Am nächsten Tage traten alle Unteroffiziere des Regiments, welche auf Avancement dienten – es waren außer August sämtlich Junker aus adeligen Familien –, im Lustgarten gegenüber dem königlichen Palais an und wurden in einer Reihe aufgestellt. Nachdem zuerst der Markgraf sie gemustert hatte, kam mit dem Glockenschlag drei der König Friedrich Wilhelm aus der gelben Pforte auf den Platz und fragte, vom rechten Flügel anfangend, jeden der Unteroffiziere nach Namen, Heimat, Dienstalter.

Dem sorglosen August hatte vorher das Herz in unruhiger Erwartung gepocht, weil er zum ersten Male durch den strengen Kriegsherrn besichtigt werden sollte, und er hatte auf die Pforte gestarrt, als ob aus ihr das Schicksal selbst gegen ihn heranschreiten werde. Als er aber den König erblickte, minderte sich seine Befangenheit. Er sah einen kurzen, starken Herrn mit rötlichem Angesicht und runden Backen, im einfachen blauen Rock, wie ihn die anderen auch trugen, mit brauner Stutzperücke und dreieckigem Hut, in der Hand einen starken Rohrstock, und er dachte sich, daß Seine Majestät recht gutmütig und behaglich aussehe, einem märkischen Pächter ähnlich. Und erst als er den König in der Nähe sah, und den scharfen Blick auffing, der aus den runden grauen Augen in die Gegenüberstehenden bohrte, wurde er aufs neue von Bangigkeit erfaßt. Sobald der König die Antworten des Kursachsen vernommen hatte, wandte er sich zum Chef des Regiments: »Wie kommt der hierher?«

»Sein Vater ist jetzt Rittergutsbesitzer in der Lausitz, stand aber vorzeiten als Feldprobst in preußischen Diensten unter Feldmarschall Lottum, und geleitete, die Bibel in der Hand, sein Regiment bei der Erstürmung von Namur durch die Bresche.«

»Der Sohn sieht propre aus,« sagte der König zufrieden, »hat er denn auch Vigueur?«

»Daran fehlt es nicht, Eure Majestät. Er hat gebeten, die Revue durchzumachen, obwohl der Kapitän ihn in das Quartier zurückschicken wollte, da er neu war und von einer Ohnmacht überkommen wurde.«

»Das ist gut!« fuhr der König, zu dem Jüngling gewandt, huldreich fort. »Ihr habt einen braven Vater. Wenn Ihr Euch verpflichten wollt, in meinem Dienst zu bleiben, so will ich Euch ein gnädiger Herr sein und Euch befördern.«

Da gab August, hingerissen durch die Huld, und seiner eigenen höflichen Beredsamkeit froh, zur Antwort: »Ja, Eure Majestät, es soll, solang ich lebe, mein Stolz sein, Eurer Majestät Zufriedenheit und Gnade zu gewinnen; ich bin ganz zu Eurer Majestät allerhöchstem Befehl.«

»Gut!« wiederholte der König und schritt weiter.

Durch diese wenigen Worte war der Fremdling den Preußen kameradschaftlich empfohlen; der Major Vogt sprach, nachdem der König sich entfernt hatte, mit aufrichtiger Herzlichkeit zu ihm, und die Offiziere seiner Kompanie betrachteten ihn seitdem außerhalb des Dienstes zuweilen als ihresgleichen, denn obgleich er noch das Kurzgewehr eines Unteroffiziers trug, hatte ihm doch die königliche Gnade bereits den Sponton des Offiziers in Aussicht gestellt.

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