Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
Schließen

Navigation:

Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht

1. Zum Jahre 1721

Wenn Herr Bernhard Georg König mit seiner Frau Liebsten über den Marktplatz der kursächsischen Stadt lustwandelte, in welcher er während des Winters wohnte, so zogen die Bürger mit Hochachtung die Hüte, und ihre Bemerkungen hinter dem Rücken des Ehepaares waren nicht selten beifällig. Denn die Königschen Eheleute wurden zu den Honoratioren der Stadt gezählt, sie waren rechtschaffen, und sie waren wohlhabend, da ihnen nicht nur ein Rittergut in der Nähe gehörte, sondern auch in Zukunft der Besitz des besten Hauses am Markte gar nicht entgehen konnte. Man wußte, daß dies Vermögen von dem Vater der Frau herkam, welcher zu seiner Zeit ein reicher Kaufmann in Leipzig gewesen war und sein einziges Kind mit dem genannten König verheiratet hatte.

Aber auch Herr König war kein gewöhnlicher Mann. Als Sohn eines Thüringer Pfarrers hatte er Theologie studiert und war Geistlicher eines deutschen Regiments geworden, welches König Wilhelm von England in seinen Kriegen mit den Franzosen gebrauchte. Im Felde behauptete er sich als ein stattlicher Mann von festem Charakter, der den Tod nicht fürchtete, dem Teufel kräftig zu Leibe ging und seinen Soldaten eine heilsame Scheu vor dem breiten Pfade zur Hölle beibrachte. Und da er auch ein guter Gesellschafter und beim Glase Wein ehrbarer Fröhlichkeit nicht abhold war und leichter Französisch und Englisch lernte als die meisten Offiziere, so wurde er ein guter Freund seines Obersten und diesem bei schriftlichen Verhandlungen ein vertrauter Helfer. Er selbst lernte in Holland ein großartigeres Leben kennen, als in der deutschen Heimat zu finden war, und unterhielt, seinen Horaz in der Tasche, geselligen Verkehr mit berühmten holländischen Gelehrten, welche sich seines festen Lateins freuten.

Beim Regiment hatte er einem kursächsischen Kaufmann, welcher in das Kriegsgetümmel geraten war, wichtige Dienste geleistet, er hatte ihn nicht nur vor Ausplünderung behütet, sondern auch durch sorgsame Pflege aus schwerer Krankheit wiederhergestellt. Der Sachse erbat vor seiner Abreise die Ehre eines Briefwechsels und bewahrte fortan seinem Retter eine herzliche Dankbarkeit. Als nun der Feldprediger nach Jahr und Tag in die Heimat zurückkehrte, folgte er einer dringenden Einladung des Kaufmanns nach Leipzig. Dort wurde ihm unter dem Dache des Gastfreundes die aufblühende Tochter über alle Maßen lieb, und er offenbarte in seiner ehrlichen Weise dem Vater, daß er dies gastliche Haus verlassen müsse, weil er der Demoiselle Susanne gegenüber eine große Beunruhigung in seinem Herzen spüre und wegen mangelnden Reichtums, und zudem als Landfremder wegen mangelnder Hoffnung auf eine gute kursächsische Pfarre, nicht daran denken dürfe, die Tochter von den Eltern zur Frau zu erbitten. Da kamen dem Kaufmann die Tränen in die Augen über die Redlichkeit seines Erretters, und er bat diesen, es sich noch drei Tage in seinem Hause gefallen zu lassen. Und nach drei Tagen lud er ihn feierlich in die gute Stube, aus welcher die Hausfrau alle Leinwandkappen des seidenen Möbelbezugs weggenommen hatte, und dort verlobte der edle Mann den Gastfreund mit der herbeigerufenen Tochter, welche dem glücklichen Bräutigam leise gestand, daß auch sie ihn seit seiner Ankunft insgeheim im Herzen trage.

Jetzt bemühte sich Herr König ernsthaft um eine Pfarre in der Nähe, machte Reisen und suchte Gönner zu gewinnen. Aber das wollte sich nicht so leicht schicken, da ihm die Orthodoxen mißtrauten und auch die Stillen im Lande an seiner Erweckung zweifelten. Dagegen wurde er dem Kaufmann bald in anderer Weise unentbehrlich. Denn er verstand als Sohn eines Landpfarrers die Gutswirtschaft und wußte dem Amtmann des Gutes, welches der Kaufmann besaß, besser auf die Finger zu sehen als der Leipziger selbst. Auch der Handlung wurde er durch seine holländischen Bekanntschaften ein wertvoller Beirat.

Als sich vollends nach einigen Jahren begab, daß der Kaufmann aus diesem Leben schied, erwies sich der Schwiegersohn als die Stütze der Familie; die Handlung wurde aufgehoben, und er hatte jahrelang den Vorteil seiner Schwiegermutter wahrzunehmen. Endlich verließ die Familie Leipzig, Herr König zog mit seiner jungen Frau auf das Gut in der Lausitz, und die Schwiegermutter erwarb Haus und Garten in einer nahen Stadt, welche ihr seit ihrer Kindheit wohlbekannt war, da sie selbst aus einer adligen Familie der Umgegend stammte und in der Nähe Verwandtschaft und Anhang hatte.

War das Gut auch nicht groß, es bot der Familie als Sommeraufenthalt doch viele Annehmlichkeit; ganz zu geschweigen von dem Eingeschlachteten, den Säcken mit Weizenmehl und den Stoppelgänsen. Das Wohnhaus war ein alter Bau mit dicken Mauern und unregelmäßigen Fenstern, der Unterstock durch eiserne Gitter verwahrt wegen des immer noch stark umherschweifenden Gesindels, im Garten ein sorgfältig geschnittener Heckengang, ja sogar ein Weingeländer und ein Quartier mit Blumenbeeten, in welchem der Hausherr kostbare Tulpen und Narzissen zog, deren Zwiebeln ihm ein Freund aus Holland zusandte.

Doch wie wohl es dem Herrn König in weltlichen Dingen gelungen war, in seinem Gemüt trug er es als eine Entbehrung und zuweilen als ein Unrecht, daß er dem Predigtamt entsagt hatte, und es gereichte ihm fast zu einer Befriedigung, daß sein Dorf keine eigene Pfarre bildete; denn wenn einer der Dorfleute in Jammer und Gewissensnot lag, so war er der nächste, ihn zu trösten und zu ermahnen; auch der Schullehrer wurde eifriger in seinem Amt, da er merkte, daß das Auge des geistlichen Gutsherrn scharf auf ihn gerichtet war und daß ihm löblicher Pflichteifer Gutes in die Küche und in den Stall brachte.

Jeden Winter aber zog Herr König nach der Stadt in das große Haus der Schwiegermutter. Die Stadt war ein alter namhafter Ort mit Mauern und Türmen, an denen man noch die Löcher wies, welche feindliche Kugeln im Dreißigjährigen Kriege geschlagen hatten. Einst war der Ort stolz auf seinen Handel gewesen, jetzt sah er ein wenig heruntergekommen aus, aber es lagen doch nur wenige Häuser in Trümmern. Seine Bürger hatten viel Landbesitz, und wen das Handwerk nicht nährte, der konnte sich's vom Acker holen. Es saßen angesehene Beamte des Landesherrn darin, auch eine lateinische Schule war vorhanden, und einige Häuser gehörten Edelleuten der Umgegend, welche die vornehmste Sozietät bildeten, sooft sie in der Stadt wohnten. Unter ihnen fanden sich einzelne Herren mit polnischen Namen, da der Kurfürst von Sachsen zugleich König von Polen war; und wenn die Länder auch nicht zusammenhingen und die polnische Wirtschaft unter den Deutschen übel beleumdet blieb, so hatten sich doch mancherlei Fäden von einem Lande zum andern gezogen. Unternehmende Sachsen suchten an der Weichsel leichten Gewinn, und junge Polen kamen an die Elbe, um Geld zu borgen und unter den adligen Familien Edukation zu erhalten. Denn die Kursachsen galten dafür, gute Lebensart zu besitzen, der Hof zu Dresden war der prächtigste im ganzen römischen Reiche, und die Kunstwerke italienischer Köche und französischer Modisten verbreiteten sich aus der Residenz in die kleineren Städte. Auch das bücherdruckende Leipzig sandte beflissen seine literarischen Erzeugnisse durch das Land, und der Gelehrte stand an der Pleiße und Elbe in höherem Ansehen als anderswo. Sogar der Landadel verachtete nicht ganz das literarische Wesen und fühlte sich in einnehmender Redekunst und in jeder Art von wohlbedachten Komplimenten seinen Genossen aus der deutschen Nachbarschaft überlegen, er verstand, beim Beginn einer Mahlzeit stets das große Wort zu führen, doch wurde er im Verlauf der Festivität oft durch die stärkere Trinkkunst der anderen zum Schweigen und unter den Tisch gebracht.

So fand Herr König in der Stadt wohltuenden Verkehr. Auch seiner Schwiegermutter, die ihn nicht weniger verehrte als die eigene Frau, blieb er ein treuer Berater gegenüber großen und kleinen Versuchungen, zum Beispiel als der neue ungeschickte Kopfputz aufkam und danach die Erbauungsstunden, in denen fern von der Kirche das Lämmlein auf eigentümliche Weise verehrt wurde. Vollends, als es in dem eigenen Hause der Schwiegermutter zu poltern anfing, entdeckte er mit überlegener Ruhe, daß es zuerst nur Ratten hinter dem Holzverschlage gewesen waren und dann eine liederliche Köchin, welche mit ihrem Liebhaber das Geräusch eigennützig fortgesetzt hatte. Wenn er sich gerade und stolz gegen die vornehme Verwandtschaft hielt, so tat das zuweilen den Frauen wehe, doch trugen sie es schweigend, da sie merkten, daß ihm gerade deshalb von den Anspruchsvollen die gebührliche Hochachtung nicht versagt wurde.

Seine Gattin beschenkte ihn mit zwei Söhnen, und die Erziehung der beiden Knaben ward allmählich sein größtes Glück. Beide wuchsen kräftig heran, im Alter nur um ein Jahr verschieden. Der ältere, Georg Friedrich, ein Abbild des Vaters, blond, breitbrustig und gestreckt; der jüngere, Bernhard August, zierlich von Gliedern, mit braunem krausem Haar, der Mutter ähnlicher. Auf dem Hofe behaupteten sie als junge Gutsherren zuerst mit einer Gerte und unsicheren Beinchen ihre Herrschaft über das Federvieh, dann zausten sie den großen Hofhund, welcher ihnen mit seiner Nase liebkosend ins Gesicht stieß, endlich kletterten sie auf die Pferde und wurden Freunde des Großknechts. Im Hause aber legte ihnen die Mutter ihre kleinen Finger zum Gebet zusammen, dann lehrte der Vater den Tischsegen, und der Frau König traten die Tränen in die Augen, als Friedrich zum ersten Male, genau mit dem Anstande und Tonfall des Vaters, vor seinem Stuhle den lieben Gott zu Gaste bat. Nicht lange darauf mußten die Kinderlippen sich mühen, lateinische Vokabeln nachzusprechen; doch lernten die Knaben willig, weil der Vater die Fleißigen mitnahm, wenn er durch die Felder ging.

Auch den Kindern wandelte der Winter das ganze Tagesleben. Denn sobald sie nach der Stadt zogen, erhielten sie andere Wämser und Höslein, sie mußten einen kleinen Hut tragen, jeder Schmutzfleck wurde strenger gerügt, und ein artiges Händegeben hörte gar nicht auf. Sie standen erstaunt in den Putzstuben fremder Häuser, wo ihnen sehr verdacht wurde, wenn sie Bindfaden aus der Tasche zogen oder ungebärdig aufjauchzten; dagegen konnten sie auch alle Tage beim Laden des Pfefferküchlers vorbeigehen, sie sahen rings um sich geputzte Menschen, buntgetünchte Häuser und bei den Kaufleuten ausgestellte Spielwaren, erhielten oft Konfekt und süßen Wein und erkannten bald, daß in der Stadt alles prächtiger war; im Hause der Großmama schöngemusterte Wandbehänge, blanker Fußboden, große Fensterscheiben und ein Schoßhündchen mit langem Seidenhaar.

Während die Knaben im Wechsel von städtischer Zucht und ländlicher Freiheit heranwuchsen, beobachteten die Eltern mit stets neuer Verwunderung, wie verschieden das Wesen derselben sich entwickelte. Fritz, der älteste, war ein stiller Knabe, welcher seinen Ball nach dem Spiele sorgfältig in die Schublade legte, und wenn er aus dem Straßenstaub in die Stube kam, Strumpf und Höslein gutwillig bürstete. Er lernte fleißig; freute sich, sooft er neben dem Vater ausging, wenn dieser ihn an die Hand nahm, und wandelte geradlinig und ehrbar an seiner Seite. August aber war ein wildes Kind, welches am liebsten sprang und hüpfte und unaufhörlich der Nadel seiner Mutter zu tun gab. Oft zog er sich durch ein heftiges Auffahren Schelte zu, aber er war auch aufgeweckt und gesprächig, blieb schon als kleiner Kerl dem Fragenden selten eine Antwort schuldig und wußte gegen den Bruder und die Gespielen seinen Willen durchzusetzen, indem er trotzte oder schmeichelte. Leider waren seine Unternehmungen nicht immer löblich, und wenn er mit einer kleinen Bande zu den Frühäpfeln des Nachbars über den Zaun geklettert war, oder wenn er einem trunkliebenden Magister Eselsohren aus Papier auf den Rücken gesteckt hatte, so gab es für ihn trübe Stunden. Auch für seinen Bruder, denn obgleich dieser nur widerwillig dem Eifer des jüngeren folgte oder wohl gar seine Beihilfe zu einem gewagten Unternehmen versagte, so erhielt er doch seinen Anteil an der Strafe, weil er als der älteste nicht zurückgehalten oder weil er eine Missetat nicht angezeigt hatte. Trotz kleiner Niederlagen galt August in der Familie für ein glückliches Kind, dem alles wohl gelang, in der Regel deshalb, weil er der Großmama oder der Mutter bittend die Wange strich, was er zeitig gelernt hatte. Aber er wußte auch höhere Autoritäten für sich anzurufen, denn als ihm die Mutter einst an seinem Geburtstage die Lieblingsnäscherei verweigert hatte, faßte er beim Mittagsbrot den Löffel mit beiden Händen und flehte recht herzlich, daß ihm der liebe Gott nach Tische getrocknete Pflaumen schenken möge. Die Eltern lächelten; als aber die Mutter am Nachmittage sein rosiges Kindergesicht mit dem gekräuselten Haar inmitten der Gespielen betrachtete, wurde ihre Zärtlichkeit so übermächtig, daß sie einen Teller des geschätzten Naschwerks vor den Kindern aufstellte. Seitdem entdeckte die Kindermuhme, daß fromme Bitten dieses Knaben in merkwürdiger Weise Erhörung fanden. Als es zum Beispiel am Morgen vor einer langersehnten Ausfahrt zweifelhaft wurde, ob bei dem trüben Wetter die Reise zu wagen sei, da erhob August wieder nach der Morgenandacht des Vaters sein Stimmchen und bat den Himmel um Sonnenschein. Unterdes war sein Bruder beobachtend zu einer Torricellischen Röhre gelaufen, welche mit Quecksilber gefüllt am Fenster hing und durch die weisen Einrichtungen einer gütigen Vorsehung in den Stand gesetzt war, den Menschen bisweilen die kommende Witterung anzuzeigen. Nachdem August gebetet hatte, brach die Sonne durch das Gewölk, und es wurde ein schöner Reisetag. Da nun aber die Frauen den Knaben seiner wirksamen Bitten wegen rühmten, benutzte der Vater die gemeinsame Abendandacht zu einer Warnung und flehte in hohem Ernst, der liebe Gott möge ein Kinderherz davor behüten, daß es nicht in Eitelkeit verfalle und sich besonderer Gnade rühme, und ebenso auch helfen, daß die Liebe der Angehörigen stets vorsichtig sei und nicht aus dem Zufall ein Verdienst des Kindes mache. – Dadurch dämpfte der Hausherr die Reden des Frauenzimmers, doch konnte er nicht verhüten, daß dem Sohne die Zuversicht blieb, seine Wünsche durchzusetzen.

Unter die nächsten Bekannten des Hauses gehörte eine adlige Wittfrau, die Majorin von Borsdorf. Ihr Mann hatte in sächsischem Dienst gestanden, sie selbst war eine entfernte Verwandte der Madame König; sie lebte in beschränkten Verhältnissen, war aber mit den ersten Familien der Umgegend befreundet und wußte sich und ihr kleines Hauswesen vornehm zu halten. Ein Sohn war als Fähnrich in kursächsischem Dienst untergebracht; die Tochter, Dorothea, fast in gleichem Alter mit August, wurde von ihr erzogen. Dorchen war niedlich, aber, wie Madame König richtig erkannte, durch allzu große Liebe verwöhnt. Auch die Knaben konnten der Kleinen kühle Anerkennung nicht versagen, wenn sie in ihren Hackenschuhen zierlich über die Straße schritt, die Schultern gerade und das Köpfchen steif, wie einem Fräulein von Stande gebührte, oder wenn sie vor Frau König zu einem Knicks hinabtauchte, dabei die Augen niederschlug und anmutig lächelte, wie es eine Große nicht schicklicher hätte vollbringen können. Öfter aber wurde der Zwang lästig, welchen ihre Gegenwart den Spielen der Knaben auflegte; sie hielt ihr Schnupftüchlein nicht in der Tasche wie andere Kinder, sondern schwenkte es in der Hand, weil es mit einer Spitze umsäumt war, und sie wollte durch solche Bewegungen den Knaben befehlen, ihr zu bringen, was sie gerade begehrte. Widerwärtig war sie auch, wenn die Knaben ihretwegen in kleinen braunen Tonschüsseln und Töpfen kochen mußten; sie litt nicht, daß die Jungen Nüsse schnitten wegen zweifelhafter Sauberkeit der Finger, und war beleidigt, wenn die Könige zuletzt das kalt Gekochte, welches sie ihnen vorsetzte, nicht aufessen wollten, was wirklich eine Anmaßung war, denn das Verzehren fremder Kocherei galt damals unter den Kindern für weniger anmutig als das eigene Kochen. Da war nun auffallend, und Frau König lachte zuweilen darüber, daß ihre Söhne sich ungleich gegen die Ansprüche des Mädchens verhielten, denn Fritz, der sonst gefällig war, gab dem Dorchen keineswegs nach, sondern sagte schonungslos seine Meinung, während August sich der kleinen Dame williger fügte als irgendeiner anderen; und wenn er sich auch mit ihr stritt, doch durch ihr Nasenrümpfen und Abwenden des Kopfes genötigt wurde, seinen Widerstand aufzugeben. Vollends in größerer Gesellschaft war August ihr treuer Gefährte, und sooft die Kinder »Polnisch betteln« spielten, was gerade damals in Sachsen aufkam, gingen August und Dorchen als Bettelleute am liebsten miteinander im Kreise umher und erbaten abwechselnd Brot für sich selbst und einen Kuß für das andere. Dabei bemerkten die Mütter, daß Dorchen niemals Neigung hatte, sich von Fritzen küssen zu lassen, sondern ihrem Bettelmännchen leise vorschrieb, zu welchem Knaben er sie führen solle, damit sie das Unvermeidliche dulde.

Dies Verhältnis erhielt sich auch, als die Kinder heranwuchsen. Dorchen wurde konfirmiert, und die Knaben saßen in den oberen Klassen der lateinischen Schule. Da bedachten diese, jeder für sich, welches Geschenk sie der Gespielin machen wollten. Friedrich kaufte aus seinen gesparten Groschen ein kleines Kreuz von schwarzem Glase, das an seidener Schnur um den Hals zu tragen war, und August bat die Mutter um eine Beisteuer für ein rotes Glasherz mit goldenen Sternen, welches ebenfalls als Halsschmuck dienen sollte. Das Fräulein empfing beide Geschenke mit artiger Danksagung, aber sie hing das rote Herz sogleich um den Hals und behielt das Kreuz in der Hand. August lachte vergnügt, aber Friedrich ging schweigend zu seinen Büchern zurück. Auch als Dorchen beim nächsten Besuch, um nicht unhöflich zu sein, das Kreuzchen am Halse trug, machte ihr zwar August darüber Vorwürfe, aber Friedrich gab durch kein Wort zu verstehen, daß ihn diese Aufmerksamkeit freue.

Nach Kringeltanz und Pfänderspiel wurde den beiden Messieurs König noch Größeres im Verkehr mit halbwüchsigen Demoisellen zugemutet. In mehreren ansehnlichen Familien fanden die Eltern notwendig, ihren Kindern die eckigen Bewegungen und das allzu natürliche Wesen durch einen französischen Tanzlehrer abzugewöhnen, der eigens der Stadt zugereist war, um solche Guttat zu erweisen. Während dieser Stunden wurde der harte Knabensinn ein wenig erweicht, und Frau König beachtete mit inniger Freude, daß auch ihre Söhne beflissen waren, in Kavaliersweise den Mädchen die geziemende Ehre zu geben. Doch freilich stand die neue Kunst nicht einem Sohne so gut wie dem anderen. Fritz war in das Wachsen gekommen, er drohte sehr groß zu werden und wußte bei seiner schnell erworbenen Länge, welcher die Majestät fehlte, die hageren Glieder nicht gebührlich zu verwenden; August dagegen hatte den zierlichen Fuß und die kleine Hand der Mutter und in allen Bewegungen ein natürliches Geschick, welches ihm bald die Lobeserhebungen des Tanzmeisters eintrug. Wenn so die junge männliche Kraft auf auswärts gekehrten Fußspitzen wandelte, dazu mit angepreßten Ellenbogen den Hut hielt und dabei noch die Hände mit dem heuchlerischen Schein anmutiger Empfindungen zu bewegen suchte, da machte sich's fast immer, daß das junge Fräulein den Brüdern gegenüberstand und sie in ihrer Weise anlachte. Als vollends nach beendeter Tanzstunde beschlossen wurde, daß bei einem vornehmen Familienfeste acht Kinderpaare als Schäfer und Schäferinnen erscheinen sollten, alle gepudert, alle in Rosa und Weiß mit bebänderten Schäferstäben, da geschah es wieder, daß August und Dorchen miteinander zum Menuett in den Saal zogen. Dem ältesten Sohn hatte die Mutter angedeutet, daß er für das bukolische Kostüm bereits zu hoch aufgeschossen sei, doch wider alles Erwarten bestand Fritz eifrig darauf, an dem Aufzuge teilzunehmen. Aber der wackere Junge sah sehr auffällig aus. Er wurde mit der Tochter des Oberpfarrers, die ebenfalls in das Schießen gekommen war, zusammengesellt; sie stellte eine hagere Schäferin dar, welcher man die gute Weide nicht ansah, in der ihr Vater seine Herde hütete, und Fritz glich einem jungen schlenkrigen Giganten, der Jacke und Hosen des Thyrsis auf dem Felde gefunden hat. Da war nicht zu vermeiden, daß die Mädchen untereinander spöttische Bemerkungen über das Paar machten, und Fritz erkannte, daß Dorchen sich lebhafter als andere an dem Mokieren beteiligte.

Doch im Sommer darauf wurde Fritz über seine Länge ein wenig getröstet. Die Brüder waren mit den Eltern zum Besuch auf ein benachbartes Gut gefahren und dort mit Dorchen, die zu der Freundschaft des Gutsherrn gehörte, zusammengetroffen. Die drei jungen Leute schwärmten durch den Garten ins Freie und zogen den Bach entlang bis zu einer Mühle, dort freuten sie sich über das Klappern und über die kleinen Schaumwellen, in welche der Strom sich löste, wenn er aus der Holzrinne schoß. Das junge Fräulein ließ sich vom Müller eine lange Rute aus dem Weidengebüsch schneiden, schälte mit ihren Fingern zierlich die Rinde ab und wippte, während sie neben ihren Begleitern am Bache dahinzog, neckend ins Wasser, um durch aufspritzende Tropfen die Frisur und Sonntagskleider der jungen Herren zu gefährden.

August wollte sich das nicht gefallen lassen und lief auf sie zu, um ihr die Gerte zu entwinden, sie aber flüchtete auf einen Steg, der über den Bach führte, und verteidigte durch ihre Waffe den schmalen Zugang. Dabei glitt sie mit den Hackenschuhen aus und fiel ins Wasser. Es war unterhalb der Schwemme, das Bett des Baches war breit und hatte tiefe Stellen, sie aber schwamm, da ihr gesteifter Rock sich blähte, wie eine Wasserblume mit gehobenen Armen klagend abwärts. August sprang im Augenblick auf den Steg und in den Bach; doch er fand an der Stelle keinen Grund, und da der Aufenthalt im freien und kalten Wasser damals nicht zu den Ergötzlichkeiten eines wohlerzogenen Jünglings gehörte, so vermochte er durchaus nicht zu schwimmen. Durch den Schwung, den er sich beim Absprung gegeben, kam er der Gespielin nahe, so daß er sie mit der Hand erreichen konnte, aber er verbesserte ihre Lage nicht, denn er zog sie zu sich herunter. Friedrich dagegen war vom Ufer aus in den Bach gestiegen und watete zu den beiden Ringenden. Auch ihm ging das Wasser bis an das Kinn, bevor er sie erreichen konnte. Es gelang ihm, jedes an einem Arme zu packen und mit Anspannung aller Kraft an sich heranzuziehen; keuchend rief er dem Fräulein zu: »Umfassen Sie meinen Hals.« Sie hatte noch die Besinnung, zu gehorchen, und er hielt sie mit dem einen Arme fest, während er mit dem anderen den Bruder am Rocke ergriff. Aber obgleich Fritz ungewöhnlich stark war, wurde ihm die Last doch zu schwer, das Wasser stieg ihm bis an den Mund, seine Kraft schwand, und er wankte. Da vernahm er einen Zuruf, der Kahn des Müllers schoß heran, August wurde nicht ohne neue Gefahr in das Fahrzeug geschwenkt, und Fritz watete, die freie Hand am Kahn, in das Seichte zurück und erreichte mit dem Fräulein glücklich das Ufer. Als er ihre Hände, die seinen Hals krampfhaft umfaßt hielten, von sich löste, verlor sie die Besinnung. Die Müllerin lief mit einem Stuhle herzu, Dorchen wurde durch ein Tuch daran festgebunden und in die Stube getragen, wo die Müllerin, nachdem sie die Männer hinausgetrieben, ihr die Schnürbrust öffnete und die Erschöpfte durch Reiben und freundliches Zureden so weit herstellte, daß sie ihre nassen Kleider mit einem Anzuge der Frau vertauschen konnte. Den Jünglingen, die bleich und matt auf der Bank unter den Kornsäcken saßen, half der Müller mit seinem Knappen bei ähnlichem Kleiderwechsel. Als der Wagen mit den Müttern vom Schlosse kam, um die Geretteten abzuholen, lachten sie während der Rückfahrt einander wegen des Abenteuers und der Vermummung aus. Beide Jünglinge erhielten ihr Lob, welches allerdings mit Vorwürfen über die jugendliche Unbesonnenheit versetzt war; den Frauen hatte am meisten gefallen, daß August zur Stelle nachgesprungen war, und er empfing von ihnen mütterliche Liebkosungen; Herr König klopfte seinem Sohne Fritz zufrieden auf die Schulter und fragte laut: »Wer aber war der Retter?« Da antwortete Fritz ehrlich: »Der Müller!« – Als Dorchen kurz vor dem Aufbruche wieder in die Familienstube kam, immer noch schwach und verblichen, ging sie auf Fritz zu, sah ihn schweigend an und bot ihm die Hand. Gleich darauf eilte sie zu August, machte ihm einen tiefen Knicks und fragte: »Wie war es im Wasser, Sie dummes Gustchen?« Beim Abendgebet gab es in allen beteiligten Familien außergewöhnliche Danksagung und in der Nacht für die jungen Leute einen festen Schlaf.

Die Erlernung des Menuetts, wodurch in Haltung und Gemüt des Menschen vieles geändert wird, hatte auch das Verhältnis der Brüder zueinander gewandelt. Bis dahin waren sie wie untrennbar zusammen gewesen, jetzt saß Fritz oft allein über seinen Büchern, und der jüngere fand lustiger, mit Kameraden umherzustreifen, die ihm bequem geworden waren. Das ging eine Weile ohne Ärgernis, bis einst in der Dämmerung der Vater mit schnellem Schritt nach Hause kam und, ohne den Schlafrock anzuziehen, in die Arbeitsstube der Söhne trat.

»Weißt du, wo dein Bruder sich aufhält?« fragte er streng den Ältesten.

»Nein, Herr Vater.«

»Der Apotheker hat mir zugetragen, daß August mit lockeren Gesellen in der Hinterstube einer gemeinen Schenke tabagiert. Ist dir etwas davon bewußt?«

»Nein, Herr Vater.«

»Du ziehst dich sogleich an und kommst mit!«

Friedrich fuhr in seinen Rock, ergriff den Hut und begleitete den Vater, dem es heute schwer wurde, auf der Straße den ruhigen Schritt zu behaupten.

In einer Seitengasse, unweit dem Schenkhaus, hielt der Vater an. »Ich will dem Unglücklichen keine Demütigung vor den Bürgern bereiten. Geh hinein und führe ihn hierher.«

Friedrich trat mit trüben Ahnungen in die Tabagie. Schon vor der Haustür vernahm er Gesang, auch eine weibliche Stimme darunter, und als er in die Hinterstube drang, übersah er das ganze Unglück. Ein halbes Dutzend von Söhnen vornehmer Eltern saß in der kleinen, verräucherten Stube; jeder hatte eine große Stange dunkles Bier vor sich, und jeder hielt eine Tonpfeife in der Hand; aber was das Schlimmste war, Lene, ein dralles Mädchen, die Tochter des Schenkwirts, saß in bedenklicher Nähe des Bruders, der seinen Arm um ihren Hals gelegt hatte; und alle zusammen, August, Kameraden und Jungfer Lene, sangen recht herzlich, und zwar das wilde lateinische Lied: cerevisiam bibunt homines, ceter' animalia fontes, welches ein Dichter des deutschen Helikons also übertragen hat:

Nur die Menschen trinken Biere,
Wasser alle andren Tiere.

Friedrich brach erschrocken in die Orgie ein, neigte sich zum Ohr des erstaunten Bruders hinab und sagte leise: »Der Vater steht an der Ecke, ich soll dich herausholen.« August schnellte in die Höhe, hatte aber noch die Dreistigkeit, laut zu lügen: »Ich komme wieder«, und im Hausflur den Bruder zu bitten: »Verrate die Lene nicht.« Fritz führte den Schuldigen, nicht weniger heiß im Gesicht als dieser, dem Vater zu.

Herr König gönnte dem Sohne nur einen finsteren Blick und schritt voran dem Hause zu. Dort begann das Verhör und es kam alles ans Licht, denn die Beweise fehlten nicht, die geröteten Wangen verrieten geistiges Getränk und der Geruch in Haar und Kleidern den Kanaster. Auch die weibliche Stimme war auf der Straße vernommen worden, Fritz mußte zögernd bekennen, daß sie der Wirtstochter angehört hatte, und hielt für ein Glück, daß der Vater in seinem Zorne nicht nach dem räumlichen Abstand fragte, welcher zwischen dem dreisten Mädchen und dem Bruder gewesen war.

Es wurde für die Hausgenossen ein schmerzlicher Abend. Die Mutter weinte, der Vater, tief gekränkt durch die Ungebühr, verfügte drei Tage Stubenarrest, mit Ausnahme der Schulstunden, und August saß als Verurteilter über seinen Büchern, ohne hineinzusehen, denn er wußte, daß ihm noch das Schwerste bevorstand, die öffentliche Ermahnung bei der Abendandacht. Feierlicher als sonst traten die Dienstboten herein. August fühlte, daß ihre neugierigen Blicke auf ihm ruhten, er merkte die verweinten Augen der Mutter, aber er wagte gar nicht den Vater anzusehen, als dieser die Stimme erhob und dem Himmel die Ausgelassenheit des Sohnes noch einmal klagte, obwohl er überzeugt sein mußte, daß man dort oben über die ganze Angelegenheit bereits genügend unterrichtet sei. Als er zuletzt bat: »Wenn ich als Vater schuldig bin, weil ich ihn durch zu große Liebe und Nachsicht verwöhnt habe, so räche mein Vergehen nicht an seinem Leben«, da wurde auch August weich. Und als der Vater ihm winkte, näher zu treten und über seinem Haupte flehte, daß der Herr ihm Taten und Gedanken behüten möge, und als August die Tränen des Vaters auf seiner Stirn fühlte, da begann auch er zu schluchzen, obschon er ein Jüngling war, und küßte zerknirscht den Eltern die Hände. – Als nun alle weich, aber in gehobener Stimmung zu Bett gingen, mahnte Friedrich den Bruder in der Kammer: »Der Vater hat nicht alles gewußt.«

»Er ist streng genug gegen mich gewesen,« antwortete der Bestrafte, »ich bin immer froh, wenn die Nachtpredigt vorüber ist.« Doch Friedrich versetzte: »In dieser Stunde habe ich vor unserem Vater noch größere Ehrfurcht als sonst, und da ich kleiner war, ist er mir vorgekommen wie der Herrgott selbst und ich hätte vor ihm niederknien mögen. Aber heut wußte er das Ärgste nicht, mein Bruder, das mit der Lene.« August versuchte zu lachen, aber es gelang nicht recht, und Fritz fuhr fort: »Damit mein Schweigen kein großes Unrecht wird, und deiner Zukunft keinen Schaden bringt, so mußt du jetzt freiwillig dem himmlischen Vater versprechen, daß du niemals mehr mit ihr zusammenkommen willst.«

»Du bist noch kein Pfarrer,« versetzte der jüngere unwillig, »daß du mir so etwas zumuten darfst.«

»Ich bin dein Bruder und bin in Schuld gegen unseren Vater, weil ich verschwiegen habe, was ihn am meisten bekümmert hätte. Darum mußt du deinet- und meinetwegen freiwillig geloben, aber laut, damit ich es höre.« Und August mußte die Hände falten.

Das Ereignis warf finstere Schatten hinter sich. Obgleich Herr König vermieden hatte, selbst die Schenke zu betreten, so war das gewaltsame Herausziehen seines Sohnes doch mehrfach beobachtet worden, und ein mißgünstiger Momus versagte sich nicht, ein großes Skandalum daraus zu machen. Am zweiten Morgen nach der Orgie wurden öffentliche Anschläge gefunden, einer am Rathause, neben dem schwarzen Brett, einer sogar an der Kirchentür, in welchen die Geschichte gröblich und verleumderisch versifiziert dem Publikum erzählt ward. Zwar waren die Namen nicht genannt, doch deuteten Ausdrücke wie Rex und Regulus auf die Familie. In dem Libell war hämisch auf arrogante Leute gestichelt, welche für unanständig hielten, daß ihre Söhne Wirtshäuser besuchten, obwohl sie selbst in ihrem früheren Leben in schlechteren Herbergen verkehrt hätten, als die renommierte Schenke »Zur lustigen Wachtel« war. Um neun Uhr trug der Küster mit einer Empfehlung des Herrn Oberpfarrers das erste Exemplar in das Haus, um zehn Uhr brachte der Ratsdiener das zweite, um elf Uhr kam der Herr Bürgermeister selbst und nach ihm viele Bekannte. Alle bedauerten und verurteilten den Täter und alle verwunderten sich über das große Aufsehen, welches durch das Libell hervorgebracht wurde, alle hatten mit Wißbegierde gelesen und wiesen nach, daß noch mehr Abschriften existierten. Herr König empfand die Kränkung wie ein Mann in sauberem Kleide, welcher von einem Schornsteinfeger angestoßen wird, das Opus war witzlos, jämmerlich, durchaus verächtlich; auch blieb die Stadt nicht im Zweifel, von wem es herrührte. Da war ein heruntergekommener Magister Blasius, der allerdings angesehene Verwandte hatte, denn sein Bruder war doctor juris und kurfürstlicher Beamter; der Magister aber hatte sich auf Nichtstun und Völlerei gelegt, dazu eine Witfrau mit bitterbösem Gemüte geehelicht, und machte seitdem, wenn er zu Hause übel behandelt wurde, seinem Zorn durch satirische Ausfälle gegen die Menschheit Luft. Es wurde festgestellt, daß er an jenem Abende in der Vorderstube der Schenke gesessen hatte, und obwohl in dem Pasquill die Handschrift gut verstellt war, so blieb doch der Charakter des Poetasters kenntlich.

Was Herrn König die meiste Sorge bereitete, war der große Schmerz seiner Frau, welche weinend klagte, daß sie sich nicht mehr getraue, über die Straße zu gehen, weil jedermann spöttisch auf sie schaue. Wirklich wurde die Familie acht Tage lang durch teilnehmende Besuche und durch Gemurmel der Leute in Aufregung gehalten. Am schlimmsten war natürlich August daran, welcher von den Frauen bereits als verlorener Sohn betrachtet ward, auch Dorchens Mutter behandelte ihn eine Weile mit sichtlicher Kälte, nur Dorchen zeigte ihr gutes Herz, denn sie fragte ihn zwar neckend, wie ihm die Pfeife Tabak bekommen sei, aber sie lachte ihn dabei so freundlich an, daß er wohl merkte, sie sei ihm nicht böse.

Doch auch über dieses jammervolle Ereignis flutete der Zeitenstrom dahin, und nach einem Vierteljahr war die Reputation und das Wohlbehagen der Familie wieder auf die alte Höhe gebracht.

 << Kapitel 79  Kapitel 81 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.