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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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6. Enttäuschungen

Die hohe fürstliche Teilnahme machte den Gast im Hause des Schloßpredigers zu einem Gegenstand sorglicher Pflege. Der Herzog sandte einen Wildbraten und sogar einen guten Trunk für seinen Schützling, er hielt im Vorbeireiten an und fragte den Hausherrn, welcher vergnügt auf die Schwelle trat, nach dem Befinden der Fremden, ja, er stieg selbst die finstere Treppe hinauf und versicherte Regine mit tröstenden Worten seines Schutzes. Da war natürlich, daß ihr manch gutes Süppchen gekocht wurde, und daß die Schloßpredigerin nicht leiden wollte, wenn ihr Gast an die Waschgefäße trat und in der Küche unter den Töpfen hantierte. Doch Regine beharrte dabei, das Wohlwollen, welches ihr so plötzlich zuteil geworden war, durch treue Hilfe zu verdienen, sie bemächtigte sich der Bäffchen und Kragen des Geistlichen, wußte diese in glänzendem Weiß zu erhalten, machte mit herzlicher Innigkeit die Hausandachten durch und ging bei jedem öffentlichen Gottesdienst schüchtern neben der Schloßpredigerin zur Kirche hinauf; dort saß sie auf einem Ehrenplatz mit niedergeschlagenen Augen und merkte nicht, daß sie der kleinen Schloßgemeinde zu beständiger Verwunderung gereichte und daß auch die hohen Herrschaften vom Chore aus den Verlauf ihrer Andacht genau beachteten.

Sie war glücklicher als seit lange. Aber bei ihrem Wohlbefinden war ein Haken, den sie selbst nicht merkte. Sie erwies sich nicht als das Wunder, das sie doch sein sollte, sie wandelte durch die Stunden des Tages ganz wie ein anderes Mädchen und zuweilen verschönte ihr herzliches Lachen die Räume des Pfarrhauses, wenn Licentiatus Hermann als Gast gegenwärtig war, kleine Abenteuer von der Universität erzählte und dabei die fremdartige Sprache der Süddeutschen possierlich nachmachte. Vielleicht war es das ruhige Glück, welches dem Mädchen die Erweckungen fernhielt; aber solche Enthaltsamkeit war nicht ganz nach dem Sinne ihrer Gönner. Der Herzog begnügte sich, bei dem Geistlichen deshalb vertraulich anzufragen, und sagte: »Haltet das Kind nur gut, das Übrige sei dem Herrn befohlen!« Aber der Schloßprediger fühlte die Verantwortlichkeit und daß die Sache einen Fortgang haben müsse, und es geschah, daß er sich bei Nacht von seinem Lager erhob und in Socken an die Kammertür seines Gastes schlich, um zu horchen, ob sie nicht vielleicht an leere Wände die wertvollen Worte verschwende, so daß die Hausfrau, ebenfalls in Socken, nacheilen und mit kräftigem Protest an seinen Husten erinnern mußte.

Endlich fand der Schloßprediger, daß es notwendig sei, die sibyllinische Tätigkeit seines Gastes, soweit geistlichem Zureden möglich ist, aufzumuntern; er spielte sich eines Tages mit vorsichtigen Worten auf die früheren Zufälle des Mädchens, forschte genau nach den Kennzeichen, an denen das Eintreten dieses Zustandes von dem teilnehmenden Beobachter erkannt werden könne, und beachtete im Amtseifer nicht, daß sein Gast sogleich alle Heiterkeit verlor und hilfeflehend zu ihm aufsah. Zuletzt wagte er sogar den Rat: »Meine liebe Jungfer, da des Herzogs Gnaden ein besonderes Interesse an Euren prophetischen Aussprüchen nimmt, so wäre für uns alle wünschenswert, wenn derselbe einmal davon profitieren könnte.« – Regine versetzte kummervoll: »Ach, ehrwürdiger Herr, ich vermag ja dabei nichts.«

Aber wohlmeinend fuhr der Geistliche fort: »Vielleicht würde durch Gebet, sowie durch ernste Richtung des Willens auf die erwähnte Begabung der erwünschte Effekt zu erreichen sein.«

Regine stand erschrocken auf: »Soll ich meinen lieben Schöpfer bitten, daß er mich träumen lasse, damit dem Herrn Herzog eine Unterhaltung bereitet werde?«

»Die liebe Jungfer möge meine Worte nicht uneben auslegen. Diese Träume könnten manches enthalten, was als göttlicher Fingerzeig für Seine herzogliche Gnaden von hoher Importanz sein würde, insbesondere wenn es der Jungfer gelingen sollte, dem Herzoge etwas wegen der großen Flügelhauben und Bänder, wodurch die Weiber jetzt Ärgernis geben, ans Herz zu legen, sodann wegen des unmäßigen Saufens seiner Kavaliere, vielleicht auch wegen der höchst nötigen Erhöhung der Stolgebühren.«

Regine saß wie vernichtet in tiefem Schweigen, so daß der Schloßprediger den Eindruck seiner Worte merkte und gutmütig fortfuhr: »Die Jungfer ist uns allen wert geworden durch gottesfürchtiges und säuberliches Wesen, auch ohne ihre Träume, von denen wir ja nicht wissen, ob sie eine himmlische Heimsuchung oder Begnadigung sind. Es wäre uns nur lieb, darüber einmal durch eine Beobachtung informiert zu werden.«

Diese Unterredung hatte zur Folge, daß Regine in tiefe Trauer verfiel; sie saß den Tag über schweigsam und abgespannt, und die Schloßpredigerin, die es für passend hielt, selbst die Bewachung zu übernehmen, hörte sie noch am späten Abend in ihrer Kammer weinen. Den anderen Tag war sie bleich und unruhig, die Hände flogen ihr bei einer Arbeit, die sie vergebens zu bezwingen suchte, wie im Fieber, und als sie am Nachmittag der Hausfrau klagte, daß sie sich müde und erschöpft fühle, und von dieser auf einen Lehnstuhl geführt und in warme Decken gehüllt wurde, da konnte der Geistliche zum Herzog eilen und berichten, die Anzeichen seien günstig und es sei wohl möglich, daß der Gast heut allerlei offenbare.

Auch der Herzog wurde durch Wißbegierde getrieben und ließ schnell den Lizentiaten Hermann rufen, damit dieser die Enthüllungen zur Stelle niederschreibe. Als er in die Stube des Schloßpredigers trat, fand er die Kranke im Lehnstuhl zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, die Wangen leicht gerötet, so friedlich und heiter, daß er sich über sie neigte und sie lange mit innigem Wohlwollen ansah. Sie hatte noch nichts geredet. Doch sobald er der Schläferin gegenüber einen Sessel einnahm und das Geflüster der Anwesenden eine gewisse Erregung erkennen ließ, teilte sich die Bewegung der Schlafenden mit, sie rührte die feinen Hände, holte tief Atem und begann deutlich und langsam zu sprechen: »Du lieber Gott, bei dir ist Friede. Wir bitten täglich darum, und ich weiß, du wirst dich unser erbarmen.

»Sorge nicht um mich, mein Bruder, mir geht es wohl auf Erden, die Leute sind gut gegen mich, vor anderen der fromme Herzog. Betet alle für ihn« – der Schloßprediger hob die gefalteten Hände. –

»Als er gestern auf die Jagd ritt, stand ich am Fenster und ich ängstigte mich um ihn. Die Wälder sind unsicher; wahret Euch, lieber Herr, denn das Land könnte Euch nicht missen. Ich freue mich, daß der Herzog sich nicht zu einem Kriegsfürsten gemacht hat, wie unsere Reiter begehrten, denn wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden.

»Ich fürchte, er traut zuviel auf den Herrn Schloßprediger, denn dieser ist ein Fuchs; er wollte mich bereden, daß ich dem guten Herzog etwas wegen der Stolgebühren verkünden sollte.«

»Entsetzlich«, seufzte der Schloßprediger. »Das war ein Mißverständnis, herzogliche Gnaden.« – Der Herzog hob strafend den Finger, Regine aber schwieg; es war tiefe Stille, nur der bedrängte Hausherr fuhr nach seinem Sacktüchlein. Endlich begann die Schlummernde wieder: »Ei, da ist ja auch Monsieur Hermann? Hm, hm! – Danke für freundliche Nachfrage, ganz gut.« – Der Lizentiat legte errötend die Feder weg.

»Sie wollen hören, was ich im Traume rede, du lieber Gott! Aber auf dein Wort, welches du verkündet hast, wollen sie nicht hören. Sie berühmen sich hoher Kenntnis der Schrift, aber ihr Herz ist kalt. Wie wollen sie dazu helfen, daß dein Reich und deine Herrlichkeit auf dieser Welt heimisch werde?

O Schöpfer mein, den Augen dein
darf niemand keck erscheinen.
Mein Unverstand ist dir bekannt,
kann seufzen nur und weinen.«

Wieder schwieg sie still und bewegte sich unruhig. »Die Hände werden mir kalt,« murmelte sie, »und ich werde erwachen.« – Sie neigte das Haupt und seufzte noch einige Male, dann öffnete sie die Augen und sah mit starrem Blick auf die Versammlung.

»Des Himmels Segen über dich, du gutes Kind«, sagte der Herzog. »Wir haben diesmal keine Verkündigung vernommen, wohl aber christliche Gesinnung. Was Ihr geschrieben, Hermann, bleibt vertraulich zwischen den Anwesenden. Euch aber, Schloßprediger, ermahne ich, daß Ihr Euch nicht einfallen laßt, Eure Wünsche der Jungfrau in das Ohr zu sagen; Ihr seht, sie kommen schnell an den Tag.«

»Dennoch darf ich Eurer herzoglichen Gnaden nicht verbergen,« sagte der Schloßprediger bedrückt, »daß mir ein Zweifel gekommen ist, ob, was sie hier verkündet hat, irgendwie durch göttliche Erleuchtung gesagt ist. Schon Martinus Luther hat erfahren, daß auch der Satan in leuchtendem Gewande sich zu präsentieren wagt.«

»Haltet Ihr die Andeutung wegen der Stolgebühren für eine teuflische Eingebung?« fragte der Herzog mit Spott.

»Für einen Irrtum, gnädigster Herr«, antwortete der Geistliche feierlich. »Nicht nur ich, sondern alle meine Amtsbrüder sind der Meinung, daß ein neues Edikt über die Stolgebühren für das geistliche Ministerium nötig sei, und ich erinnere mich, daß ich darüber zu der Jungfer gesprochen. Aber keineswegs war die Meinung, daß ich wie ein Fuchs hinterlistig durch solche Rede Eurer Gnaden gute Meinung für diese Angelegenheit gewinnen wollte; und ich wiederhole meine Befürchtung, daß die Aussage der lieben Jungfer eher Traumgespinst einer kranken Person, als eine Offenbarung sei.«

»Was es auch sein mag, Ehrwürden, ich denke, auch Ihr seid der Meinung, daß es aus einem reinen kindlichen Herzen kam; und ich bin willens, die Herzogin zu veranlassen, daß sie der Jungfer auf dem Schlosse ein Unterkommen bereite, damit Euch nicht durch ein neues Mißverständnis das arme Kind verleidet werde.«

So schied Herzog Ernst und die Kranke saß da, gestochen durch die kalten Blicke ihrer geistlichen Wirte. Als aber nicht lange darauf einige Schloßdiener kamen und Regine in einer Sänfte nach dem Friedenstein hinauftrugen und mit ihr ihre Habe, da erkannte der Schloßprediger, daß hier ein ernster Fall vorliege und daß er in einem natürlichen weltlichen Bestreben ein geistliches Unrecht verübt habe. Er ging die ganze Woche schwermütig umher und hielt am nächsten Sonntage in Gegenwart des Hofes eine nachdrückliche Predigt, in welcher er eine Menge Fallstricke bezeichnete, durch welche Satan die Gerechten dieser Welt für sich einzufangen sucht. Zum Schluß aber erhob er in auffälliger Bewegung seine Stimme und klagte sich selbst vor seiner Gemeinde an, daß auch er in Gefahr gewesen sei, einer Versuchung aus eigennützigem Interesse zu unterliegen; und er bat die gesamte christliche Zuhörerschaft, ihn durch Gebet zu unterstützen, damit er Verzeihung erwerbe. Dazu erwies sich die Gemeinde willig, und der geistliche Herr sah mit Befriedigung, daß auch sein Herzog die Hände faltete und für ihn bat. So hatte er die üblen Folgen seines vorschnellen Eifers allerdings von sich weggebetet und durfte wieder mit gehobenem Haupte einherschreiten; aber gegen die fremde Jungfer und ihre begünstigte Stellung im Himmel und auf Erden vermochte er fortan ein gewisses Mißtrauen nicht loszuwerden.

Zu derselben Zeit, in welcher Regine durch die irdische Klugheit des geistlichen Herrn gekränkt wurde, sollte auch ihr Bruder durch ähnliche Gesinnung hoher weltlicher Befehlshaber von seiner Kompanie geschieden werden. Er war mit seinen Begleitern unter schwedischem Kondukt den Quartieren des Generalleutnants Königsmark zwischen Weser und Leine zugeritten. Dort wurden die Abgesandten in Herberge gelegt, Bernhard selbst durch einen Offizier, der ihm als Führer zugeteilt war, vor das Tafelzelt des Generals geführt. Er stand vor einem ansehnlichen Bau, der nur von außen linnen war, denn an den zurückgeschlagenen Zipfeln des Eingangs sah man den kostbaren Seidenstoff des Innern; dafür diente das Zelt auch zur Pracht bei Gastereien und beim Empfange fremder Besucher. Eine grüne Schnur schloß die Umgebung in weitem Kreise ab und wurde durch Hellebardiere bewacht, welche dem dreisten Andrängen Neugieriger zu wehren hatten.

»Seine Exzellenz sind noch bei der Tafel, und Ihr werdet Euch gedulden müssen«, sagte der Schwede und führte seinen Gast zu einem Haufen von Soldaten und Offizieren niederer Grade, welche schaulustig außerhalb der Schnur standen. Bernhard sah lange Reihen reichgekleideter Diener die Speisen in großen Silberschüsseln auftragen, behende Pagen liefen ab und zu oder stolzierten hochmütig durch die harrende Menge; der Kellermeister brachte einen goldenen Pokal mit beiden Händen heran, und hinter ihm schritten seine Küfer mit schweren Kannen; überall reicher Schmuck und edles Metall, eine Pracht, wie sie Bernhard noch nirgend geschaut hatte, selbst nicht bei dem französischen Marschall, dem die hungernden Soldaten oft Böses wünschten. Da wurde ihm das Herz schwer, und er fragte sich zweifelnd, ob der neue Herr besser sein werde als der alte. Er hatte Zeit zu solchen Betrachtungen, denn die Mahlzeit währte lange, zuweilen vernahm er aus dem Innern des Zeltes lautes Gelächter und Rufe nach dem Mundschenk. Die schwedischen Offiziere, die um ihn her standen, hatten seinen Gruß mit kalter Höflichkeit erwidert und ihn neugierig betrachtet, doch da er stolz aufrecht stand und wie ein Kriegsmann aussah, der seinen Degengriff schnell zu finden weiß, so begnügten sich die Beobachter mit abfälligen Blicken und leisen Bemerkungen. Endlich nach einer harten Geduldsprobe hörte er das Geräusch der aufbrechenden Zechgesellschaft, die Diener strömten zum Ausgang und stellten sich in Reihen auf, und die Befehlsträger und Würdenträger schritten zwischen ihnen, einzeln oder zu zweien, ins Freie, alle mit geröteten Gesichtern, mancher mit wankendem Tritt. Wieder verging eine Weile, die Zuschauer hatten sich verlaufen und Bernhard stand allein, da kam sein Begleiter geschäftig aus dem Zelt, ihn zur Audienz zu holen.

Sie durchschritten den großen Raum, in welchem das Mahl aufgetischt worden, und Bernhard sah die bunten Teppiche der Tribüne, auf der die Tafel stand, in der Mitte den vergoldeten Sessel des Generals mit purpurnem Samt überzogen, einem Fürstenstuhle ähnlich, da General Königsmark als Gubernator von Bremen und Verden sich den regierenden Herren in Deutschland gleich achtete. Der Offizier schlug einen Vorhang zurück, und der Rittmeister befand sich zwischen Tapeten, die aus Gold und grüner Seide gewirkt waren, dem berühmten Kriegshelden gegenüber. Der General hatte diesen Ruf wohl verdient durch die Klugheit seiner Anschläge und wilde Verwegenheit im Gefecht, aber auch durch die Leutseligkeit, in der er mit seinem Volke zu verkehren wußte, wo es galt, zu gewinnen; nicht zuletzt durch sein prachtvolles und großartiges Auftreten und durch einen Anschein von sorgloser Verschwendung. Doch die, welche ihm zu kontribuieren hatten, wußten, daß er habgierig zu greifen und festzuhalten verstand. Auch sein Äußeres war so, wie es der Soldat an seinem Feldherrn liebt, er hatte das Lob, ein schöner Mann zu sein, und war auch sein Antlitz durch Ausschweifungen aufgedunsen, die großen feurigen Augen, hoch geschwungene Brauen und eine starke Adlernase darunter gaben ihm bei seiner stolzen Haltung ein heroisches Aussehen. Mit kurzem Gruß beantwortete er die tiefe Verneigung Bernhards.

»Euer Name und Euer Regiment? Was wart Ihr vor Eurer wilden Reformation?«

»Fähnrich in der Leibkompanie.«

»Warum seid Ihr nicht Eurem Obersten gefolgt?«

»General Rosen ist durch Marschall Turenne verhaftet, und ich bin ein Deutscher.«

»Das bin ich zuletzt auch,« sagte der Feldherr, »leider ist diese Qualität kein Passeport zu einem glücklichen Leben.« Und mit gehobener Stimme fragte er: »Warum seid Ihr nicht zum Feldmarschall Wrangel gestoßen, der sich doch, wie ich höre, mehrfach durch Unterhändler um Euch bemüht hat?«

»Er ist ein Schwede, unsere Völker aber begehren sich einen Kriegsobersten von deutschem Stamme, dem sie zutrauen, daß er der evangelischen Sache aufrichtig dient und seinen Soldaten ein redliches deutsches Herz beweist.« Der General hob warnend die Hand, schritt zum Vorhang und sah nach, ob ein fremder Hörer in der Nähe sei. Dann begann er freundlicher:

»Soll ich Euch Gutes raten, Euch und Euren Kameraden, so schweigt von Eurem deutschen Wesen, insonderheit wenn Ihr mit mir verhandelt. Ich führe Amt und Befehl von der Krone Schweden und bin ein treuer Diener meiner Königin. Bezeuget mir,« fuhr er mit lauter Stimme fort, »daß ich durch keinen Boten einen Antrag an Euch gesandt, und mich in keiner Weise um Euch beworben, sondern daß Ihr freiwillig zu mir kommt und erst zu fragen habt, ob mir an Euch gelegen ist oder nicht.«

»Solcher Antwort waren wir von Ew. Exzellenz durchaus nicht gewärtig«, antwortete Bernhard unwillig. »Als in unserm Kriegsrat Euer Name genannt wurde, gedachten wir, daß Ihr als ein erfahrener Feldhauptmann und Held den Wert der Regimenter besser taxieren würdet. Zumal auch durch Boten, welche vorgaben, in Eurem Auftrage zu handeln, einzelnen Kompanien Versprechungen gemacht wurden, damit dieselben sich Eurem Heere zuwenden möchten.«

»Ob meine Obersten Euch in solcher Weise angesprochen haben, weiß ich nicht,« antwortete der General, »und kann für Versuche einzelner nicht respondieren. Von mir selbst ist kein Antrag ausgegangen, und wenn ich Euch nehme, tue ich es nur auf meine Bedingungen.«

»Wir aber«, versetzte Bernhard, »wollen uns nur auf geschlossenen Vertrag übergeben, und wir suchen nach teuer erkaufter Experienz einen Herrn, der uns bei seiner Ehre gelobt, den Vertrag zu erfüllen, und dem wir zutrauen, daß er uns das Paktum halte. Ist Eurer Exzellenz an uns nichts gelegen, so habe ich meinen Bescheid, und ich kann gehen.«

Königsmark trat auf ihn zu und hob wieder die Hand. »Ihr seid kurzab mit Worten, Herr Abgesandter, das frommt bei solchem Handel nicht, wie Ihr mit mir begehrt.« – Er wies auf eine große goldene Ehrenmünze, welche er am Halse trug. »Ihr seht die eine Seite der Medaille, mir liegt die andere auf der Brust, und ich will mit Euch, obgleich Ihr mir fremd seid, in der deutschen Weise reden, deren Ihr Euch rühmt. Was Euch gefällt, daß ich ein Deutscher bin, das gerade ist mir in Stockholm ein Hindernis für Gunst und Glück, denn argwöhnisch belauern dort meine Feinde meine Mensuren und warten nur auf einen Vorwand, mich zu verleumden, als wenn ich mehr an den eigenen Nutzen oder auf den Vorteil der deutschen Landsleute denke, als an den schwedischen. Schon bin ich Euretwegen von dem Wrangel angefeindet und bei der Königin verklagt. Ich aber habe keine Lust, das Schicksal des Friedländers zu teilen, denn als ein drohendes Schreckbild lebt sein Abfall in der Erinnerung aller Potentaten. Wenn ich jetzt willfährig und mit offenen Armen Euch Empörer empfange, so werde ich selbst geheimer Anschläge verdächtig, und mir wie Euch würde das wenig frommen. Darum wiederhole ich Euch: mir ist wohl bewußt, was Ihr wert seid, aber ich kann nicht wie andere Euch die Hände drücken und in das Ohr sagen: kommt zu mir, während ich mich vor den Franzosen anstelle, als ob ich Eure Rückkehr zum Turenne betreiben wollte. Ich sage Euch kurz und gut, begehrt habe ich Euch nicht! Wollt Ihr doch zu mir, so darf ich's Euch nicht versagen, aber Ihr müßt Euch meinem Vorteil fügen. Was ich Euch bewillige, will ich Euch redlich halten. – Doch wie mir zugetragen wird, hat sich in Euren Völkern das Geschrei erhoben: der Soldat müsse zu dem helfen, was die Perücken niemals durchsetzen werden, daß nämlich dies gedrückte Deutschland pazifiziert werde. Solche Meinung ist neu und unerhört in den Heeren. Habt Ihr diese Gesinnung?«

»Auch den Soldaten jammert der allgemeine Ruin,« antwortete Bernhard, »und die Weiber und Kinder des Trosses fühlen den Hunger.«

»Wenn sie gute Quartiere erhalten, kommen ihnen vielleicht andere Gedanken,« versetzte der General lächelnd, »nur im Kriege macht der Soldat seine Fortune. Jetzt hofieren uns die deutschen Fürsten, ist der Friede geschlossen, dann fegen sie uns durch einen Federbart aus dem Lande. Dennoch, Herr Rittmeister, bin auch ich dem Frieden nicht abhold, nur daß er rühmlich komme und zur rechten Zeit.«

»Verzeihet, Herr, die trauernde Germania fragt seit Jahren, wann soll die rechte Zeit kommen?«

»Für Euch, Herr Abgesandter, wenn Ihr ein gemachter Mann geworden seid,« antwortete der General, »und für andere, wenn sie in gleichem Falle sind. Ihr scheint mir von der Art zu sein, aus welcher Frau Fortuna ihre Günstlinge wählt, ich hoffe, es soll Euch auch bei mir gelingen.« Er ging zum Tische und ergriff ein Blatt: »Die Bedingungen Eurer Völker über Sold, Quartiere, Dienst sind mäßig, und sie werden uns nicht scheiden. Doch was hier nicht verzeichnet steht, möchte ich von Euch erfahren, da wir allein sind. Ihr seid im Vertrauen der Offiziere. Was begehren diese unter der Hand für sich selbst, und was begehrt Ihr für Euch als Unterhändler?« Da Bernhard ihn schweigend ansah, fuhr er fort: »Meine Kassen sind leer, und hoch dürft Ihr nicht fordern.«

»Herr General,« sagte Bernhard kalt, »gestattet mir und meinen Kameraden die Nachrede zu vermeiden, als wenn wir die Regimenter an Euch verkauften.«

»Ihr tut am besten, Geld zu nehmen,« riet der General gutmütig, »denn mit anderem kann ich Euch noch weniger gefällig sein.«

»Wir Offiziere begehren keine Begabung, die vor den Völkern geheim bleiben müßte.«

»Ich habe Euch für klüger gehalten«, versetzte der Schwede trocken. »Ihr werdet noch lernen, daß das ganze Wesen der Welt durch zwei Prinzipia regiert wird, bei den Soldaten heißt es: nehmen, was zu greifen ist, bei den Schreibern: eine Hand wäscht die andere.«

»Ich habe keinen Auftrag, für die Offiziere der Kompanien etwas zu fordern, außer eines, daß sie im Befehl belassen werden; und vielleicht, Herr General, würde ich mich auch nicht zum Boten eines andern Auftrages hergegeben haben.«

»Das tut mir leid um unser Geschäft,« antwortete der Feldherr, »denn wenn die Führer begehren, ihre Kompanien zu behalten, so sage ich Euch geradeheraus, daß ich darauf nicht mit Euch paktiere. Die Ihr als Offiziere bestellt habt, sind im Tumult aus dem gemeinen Volke gewählt, es ist unmöglich, daß sie in ihren Stellen bleiben. Das wäre ein himmelschreiendes Exempel für alle Zeit, meine Offiziere würden sie niemals als ihresgleichen anerkennen, und kurz, ich sage Euch, soll ich Euch nehmen, so werden die Regimenter neu formiert, die Obersten und Rittmeister von mir bestellt.«

»Euren Willen werde ich dem Kriegsrat mitteilen«, antwortete Bernhard mit Zurückhaltung.

»Das Hin- und Herziehen verdirbt Euch und schadet mir,« rief der General, »soll ich abschließen, so muß es heut geschehen und mit Euch! Sprecht ehrlich, wie weit könnt Ihr mir nachgeben?«

»Wer die Feldbinde des Offiziers getragen hat, wird um seiner Ehre willen diese nicht ablegen«, sagte der Rittmeister finster.

»Das gebe ich zu«, versetzte der Feldherr. »Die Führer der Kompanien mögen zu Leutnants werden. Nur einer soll seine Kompanie behalten, und der seid Ihr.« Da Bernhard stumm blieb, fuhr der Graf fort: »Wollt Ihr diese Abmachung nicht auf Euren Kopf nehmen, so laßt Eure Begleiter darüber entscheiden; und ich sage Euch, eine Mehrzahl wird froh sein, die Kompanien loszuwerden, denn auf die Länge würden sie schlechteren Gehorsam finden, als meine Offiziere. – Noch bleibt das schwerste Stück,« fuhr er nach einer Weile fort, »was soll ich mit Eurem Führer machen, den Ihr, wie ich höre, General tituliert, obgleich er bei Turenne nur Wachtmeister war?«

»Er hat sich als ein guter Oberst bewährt im Befehl gegen die Feinde und gegen die Soldaten,« antwortete Bernhard, »und das Heer hängt an ihm.«

»Um so schlimmer«, murmelte der General. »Was fordert er für sich?«

»Wollen Ew. Exzellenz observieren, daß er es ist, der die Völker der Krone Schweden zuführt, und daß er wohl das Recht hat, eine ehrenvolle Anerkennung zu verlangen.«

»Ich sage Euch, mein Säckel ist leer, doch soll es mir auf ein Stück Geld nicht ankommen.«

»Unsere Völker begehren für ihn das Amt eines Obersten in einem unserer Regimenter.«

»Das ist wieder unmöglich«, rief der General. »Die Majestät von Schweden würde niemals eine solche Ernennung tolerieren und bestätigen. Auch kann Euer Führer selbst das Amt nicht wünschen, denn er würde, bevor acht Tage ins Land gehen, seiner Ehren durch Degenstiche enthoben sein. Tut ein anderes Gebot.«

»Ich bin dazu nicht ermächtigt«, antwortete Bernhard.

»So laßt mich selbst mit ihm verhandeln, es wird sich dazu Gelegenheit finden, wenn Eure Regimenter herangekommen sind. Will sich Euer Führer mit Diskretion der königlichen Gnade anvertrauen, so bin ich bereit, nach Befund der Sache die Forderung eines mäßigen Ranges zu befürworten, ich selbst würde mich auf ein Wespennest setzen, wenn ich mehr täte.«

Mit diesem Bescheide wurde Bernhard entlassen.

Vor den Abgeordneten des Heeres wiederholte der Feldherr sein Anerbieten. Er war leutselig, ließ Wein kredenzen und trank den Fremden auf baldige Konjunktion zu. Bernhard erkannte, wieviel dem General daran gelegen war, den Zuwachs zu erhalten, und wie es ihm auch gelang, die gute Meinung der Abgesandten zu erwerben; und er hörte mit Verachtung, daß schwedische Offiziere mit seinen Begleitern verhandelten und daß leise Worte durch den Klang des Geldes Gewicht erhielten.

Als der Rittmeister mit den anderen Abgeordneten zu den weimarischen Regimentern zurückkehrte, fand er die gemeinen Soldaten nicht in guter Stimmung. Das Unsichere der Lage und die Strenge des Führers, welcher Gewalttätigkeiten gegen die Einwohner nicht leiden wollte, hatte viele unzufrieden gemacht. Dem General war durch seine stillen Vertrauten, die er am Lagerfeuer unterhielt, zugetragen worden, daß einzelne Kompanien schon darüber handelten, sich gegen ihn aufzulehnen und einen anderen Befehlshaber zu setzen. Mit bitterem Lachen vernahm er den Bericht des Freundes. »Als dein Schreiben kam, daß Herzog Ernst die Annahme verweigere, da schwand den alten Reitern das Vertrauen. Ich sage dir, die Undankbaren werden für sich annehmen und mich preisgeben.«

»Was willst du tun?«

»Aushalten«, rief Wilhelm. »Meint Herr Königsmark, daß ich mit seinen Pfennigen in der Tasche und der Schmach auf dem Haupte von dannen reiten werde, nachdem ich ihm acht stolze Regimenter zugeführt? Ich will diese hochmütigen Schweden noch zwingen, mich zu beachten; denn wisse, den Soldaten wird schnell die Reue und neue Unzufriedenheit kommen, und sie werden nach einem Mann aussehen, der für sie denkt und spricht.«

»Mit Gefahr seines eigenen Kopfes, wenn er der Schwedenkönigin den Eid geleistet hat.«

»Sorge nicht um mich,« sagte der General, »ich bin vorsichtig und will ihnen mit ihrer Münze bezahlen.«

In großer Versammlung der Offiziere wurde die Antwort des Schweden verhandelt und den Völkern zur Entscheidung vorgelegt; und der Soldat entschied, wie Wilhelm vorausgesagt, bereitwillig für den Marsch zum Königsmark.

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