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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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2. Der Kriegsrat

Als die gelichteten Regimenter von der Stätte des Kampfes aufbrachen, um sich zur Nacht mit dem vorausgezogenen Heer zu vereinigen, war unter den letzten, welche von der Verfolgung zurückkehrten, Bernhard mit seiner Kompanie. Er erkannte die Hutfedern des Feldobersten vor einem Trupp Reiter, welcher am Wege hielt.

»Ich melde mich zu Befehl meines Herrn Generals«, grüßte Bernhard.

»Laß die Höflichkeit«, gebot der andere, wandte sein Pferd dem Lager zu und gab dem Gefolge einen Wink, außer Gehörweite zu reiten. »Ich muß vertraulich mit dir reden und begehre deinen Rat.«

»Den brauchst du nicht, Bruder«, versetzte der Rittmeister trocken. »Du warst stets neunmal klug und trägst jetzt deine Hutfeder wie einer, der jahrelang den Befehl geführt hat.«

»Doch sage ich dir, mein Amt muß aufhören, je früher um so besser, denn es wird unmöglich, unser herrenloses Volk aus dem Stegreif zu führen, wie wir tun müssen. Wir reiten durch das Land allen Potentaten unheimlich und nur, daß jeder uns zu gewinnen hofft, bewahrt uns auf kurze Zeit vor neuen Stößen.«

»Wir fürchten sie nicht, Wilhelm. Das Wasser muß den anderen bedrohlich an die Kehle steigen, bevor sie ihr zusammengelaufenes Volk gegen uns senden. Unter allen, die jetzt im Felde schwärmen, haben wir die schärfsten Stacheln, und sie wissen das.«

»Noch sind wir vielleicht zu fürchten. Doch ohne Quartiere, ohne Verpflegung schwinden wir dahin wie Schnee in der Sonne. Muß der Soldat sich täglich rauben, was er braucht, so wird er in kurzem zum Räuber und Marodebruder.«

»Laß jeden, der ein Schelm wird, henken, wie du seither getan.«

»Bis die Unzufriedenen den Profoß erschlagen und uns dazu. Und ich sage dir, die Ordnung ist nicht aufrechtzuerhalten, wenn wir nicht Sold zahlen und Land belegen wie die anderen.«

»Wer nicht Sold zahlt, sind die anderen. Dränge dich ein zwischen Schweden und Hessen.«

»Wir vermögen uns ohne festen Proviantplatz nicht zu behaupten, sobald Schweden und Hessen sich gegen uns konjungieren. Und wir haben kein Geschütz, um eine geschlossene Stadt einzunehmen.«

»Was wir nicht haben, wollen wir gewinnen, vertraue dem Glück und unseren Fäusten.«

»Wer alles auf Fortunas Launen setzt, der kann schnell alles verlieren.«

»Er kann auch alles gewinnen, Wilhelm.«

»Und welchen Gewinn hoffst du für dich und mich?« fragte der Feldoberst schnell.

»Was du dir ersehnst, verbirgst du mir, Herr Graf Wilhelm von Weimar«, versetzte Bernhard lachend. »Was ich für uns ersehne, ist, wie du weißt, der Frieden; auch für mich selbst und für die Schwester, die ich jetzt im wilden Lager bewahren muß. Ich dachte seither, der frühere Student Wilhelm Hempel könnte ein wenig dazu helfen; für welche rühmliche Arbeit ich auch seinen getreuen Commilito König rekommandiere.«

Der Befehlshaber warf einen mißtrauischen Blick auf den Freund, aber er sagte lächelnd: »Jetzt trabt dein Gaul auf dem rechten Wege; du sollst noch heut für die gemißhandelte Frau Deutschland deine Zunge gebrauchen. Ich habe zur Nacht den Kriegsrat zusammengeladen und will das Eisen schmieden, während es vom Gefecht heiß ist. Wisse, die Regimenter Rußwurm und Schütze werden schwierig, der Schwede Königsmark hat seine Spione unter sie geschickt und den Offizieren heimliche Versprechungen gemacht; sie werden fordern, daß wir dem Königsmark zuziehen.«

»Du willst ja dasselbe.«

»Meint der General,« fuhr Wilhelm finster fort, »durch geheime Intrigen unsere Völker zu gewinnen ohne mich? Wenn sie ihm zuteil werden, so soll er sie nur aus meiner Hand erhalten. Dazu habe ich dir eine Rolle zugedacht in der heroischen Komödie unserer dickköpfigen Offiziere, deren Spielmeister ich heute sein muß.«

»Du weißt, Wilhelm, ich rede nicht anders, als meine Gedanken sind.«

»Sprich nur, wenn du gefordert wirst, wie dir's ums Herz ist, und du wirst mir recht sein; sorge auch, daß Gottlieb Stange nicht fehlt, denn ihn brauche ich nötig. Es ist alles bedacht; wir werden dem Willen unserer Herren ein wenig nachgeben müssen,« fügte er mit stolzem Lächeln hinzu, »und verhüten, daß kein Schaden geschehe; und ich hoffe, du reitest morgen nach Gotha.« Bernhard hielt erstaunt an: »Ich tauge nicht zu deinem klugen Paktieren.«

»Ich gedenke dich an einen ehrlichen Herrn zu senden, gegen den du in deiner Art reden kannst.«

»Dann danke ich dir für den Auftrag, auch wegen meiner Schwester Regine. Das Kind ist zu schwach und säuberlich für dieses Leben unter dem Trosse. Ich nehme sie mit mir und schaffe ihr ein Unterkommen bei frommen Leuten bis auf bessere Zeit.«

Das Gesicht des Freundes verfinsterte sich: »Wenn du alles mit dir führst, was dir lieb ist, wer bürgt mir dafür, daß du selbst zu dem verlorenen Haufen zurückkehrst?«

»Der Eid, den ich den Völkern geschworen«, antwortete Bernhard stolz. »Ich ersuche Euch, Herr, solche Gedanken vor mir und Euch geheimzuhalten.«

»Dein Eid soll dich binden?« fuhr der andere grollend fort, »leicht ist ein Vorwand gefunden, ihn zu umgehen.«

»Zweifelt Ihr an mir, so wählt einen anderen Boten, und dies sei das letzte Wort, welches wir als alte Kameraden gewechselt haben. Kommt der Tag, wo Euer Befehl aufhört, dann werdet Ihr mir Rede stehen wegen Eures Verdachtes.«

Wilhelm bezwang mit Mühe seine Bewegung: »Sei nicht so streng gegen mich, Bruder. Mir verstört es die Gedanken, daß ich dich und deine Schwester entbehren soll. Denn was dieses Leben, den scharfen Hader um eine unsichere Zukunft bisher erträglich machte, das waren die Stunden, wo wir drei in deinem Quartier zusammensaßen, du zur Laute spieltest und die werte Demoiselle Königin uns mit hohen Worten ermahnte, wenn wir uns als Weltkinder zu gröblich gebärdeten. Bernhard, ich bitte dich, laß die Schwester hier, ich will an deiner Stelle Tag und Nacht über sie wachen, als wenn ich ihr Bruder wäre.«

»Du bist es aber nicht, Wilhelm.«

»So gib sie mir zur Frau«, brach der General heraus. Mit großem Erstaunen sah Bernhard auf seinen Freund: »Der Himmel sei mein Zeuge, daß mir kein anderer Schwager lieber wäre als du. Die Schwester aber werde ich nie gegen ihren Willen zwingen. Du selbst weißt, daß sie nicht ist wie andere Weiber und zuweilen schwer heimgesucht wird. Sie ist krank und kann im Lager nie genesen. Aber auch du, Wilhelm, lebst nicht in einem Stande, der dir ratsam macht, den Bräutigam zu spielen.«

»Du meinst, weil ich ein anderes Spiel unternommen habe, bei dem mein Kopf als Einsatz steht. Es war nicht freundlich, mich in dieser Stunde daran zu mahnen. Daß der Bürgerssohn aus Weimar über Nacht zu einem Herrn von acht Regimentern geworden ist, welcher nicht in eines Königs Namen henken läßt, sondern in dem eigenen, das macht ihn zu einem Wundertier, auf das die Leute mit Fingern zeigen, und es verleidet ihn auch seinem eigenen Freunde als Schwager. Sage mir nichts,« fuhr er ruhiger fort, »es ist möglich, daß du recht hast; ich aber will dir und anderen beweisen, daß ich Witz genug finde, in diesem tollen Wagnis meinen Kopf zu behaupten. Ist auch heut keine Zeit zu freien, wenn ich die Völker aus ihrem Aufstand hinübergeführt habe unter neuen Befehl, dann versuche ich, ob du dich als treuer Kamerad gegen mich beweisen wirst. Jetzt wiederhole ich noch einmal die Bitte: Laß deine Schwester hier; du weißt, von unseren Reitern wird sie keiner kränken, mir aber ist ihre Nähe wie die Bürgschaft meines guten Glückes. Als sie in Tränen beistimmte zu unserem Widerstand gegen den Franzosen, fühlte ich mich leichter in meinem Herzen und dir ging es ebenso.«

»Sie selbst soll entscheiden, ob sie bleiben will oder mit mir gehen«, antwortete ernsthaft der Bruder.

»Es sei«, sagte der Feldoberst, aber das Zugeständnis wurde ihm schwer. »Doch gönne mir ehrliche Karten, gestatte, daß ich sie in deiner Gegenwart bitte, deine Rückkehr unter uns zu erwarten. Sei unbesorgt, Bernhard, ich werde nicht als ein Liebhaber zu ihr reden, sondern nur als dein Kamerad.« Bernhard reichte ihm die Hand.

Neben einem verlassenen Dorfe leuchteten die Lagerfeuer. Als die Reiter näher kamen, umgab sie das Gewühl des Trosses; durch das Gedränge der Karren, zwischen den Weibern und Buben, welche Stroh und Holz an die Feuer schleppten, wand sich der Trupp langsam der Mitte zu, wo ein Raum für die Zelte und das Gepäck der Befehlshaber abgesteckt war. Dort stand unter den Troßkarren der Offiziere ein Wagenhaus, aus starken Brettern gezimmert, hell getüncht, mit zwei kleinen Fenstern. Daneben schlug der Knecht die Pfähle für ein Linnenzelt in den Boden. Bernhard schied von dem Freunde, sprang eilig ab und hielt im nächsten Augenblick ein Mädchen in den Armen, welches ihm schon vom Wagen die Hand entgegengestreckt hatte.

»Ihr seid verwundet, Bruder«, rief Regine zurückfahrend, als sie einen zerschlitzten Ärmel und tropfendes Blut sah.

»Nur ein Schnitt ins Fleisch, den deine Kunst schnell heilen wird.«

»Wir hörten die Schüsse, und die Buben schrien, daß Alt-Rosen zum Angriff reite,« klagte die Schwester, »ich aber saß festgefahren im Hohlwege, und da ich nach meinem Pferde rief, wußte niemand wo es war, und mir blieb nur übrig, in bitterer Not den lieben Gott zu bitten. Es war eine angstvolle Stunde, um mich stöhnten die Weiber und forderten, daß ich auch für ihre Männer Gutes vom Himmel erflehen sollte, dazwischen heulten die kleinen Kinder; bis endlich der Wilhelm an der Berglehne vorüberritt und mir zurief, daß er Euch in guten Kräften auf Eurem Pferde gesehen.«

Das Weib, welches liebevoll die Hand des Bruders festhielt, war von zarter Gestalt. Beim ersten Blick sah man, daß sie kein abgehärtetes Kind des Lagers war, die Sonne hatte ihre Haut nicht gebräunt, und die kleinen Hände waren harte Arbeit nicht gewöhnt. Die großen dunklen Augen mit langen Wimpern und zusammengewachsenen Brauen, sowie die bleiche Farbe der rundlichen Wangen gaben ihr das Aussehen einer Trauernden und Kranken, aber sie bewegte sich behend und kräftig, als sie in den Wagen kletterte und Verbandzeug herzubrachte. »Kommt in das Zelt«, bat sie, auf den wunden Arm deutend.

»Geh voran, Prinzessin Dorimene, bevor dein untertäniger Amadeo seinen Arm preisgibt, muß er nach den Pferden sehen.«

Wenn Weiber oder stöhnende Buben in die Nähe des Feuers kamen und die Geschwister erblickten, so prallten sie hastig zurück. »Das ist die schwarze Hexe«, flüsterte ein Troßbube, hinter einen Baum zurückweichend, seinem Genossen zu.

»Du Mondkalb,« belehrte dieser, »die schwarze Nonne heißt sie.«

»Das ist Gurr wie Gaul,« versetzte der erste, »sieh nur, was sie für Augen macht.«

»Fort, Lumpengesindel!« schrie Pieps und stürmte mit einer Wagenrunge auf sie ein.

Als Bernhard zum Zelte zurückkehrte, erwartete ihn die Schwester am Eingange und zog ihn hastig hinein; er fühlte, wie ihre Hand zitterte, und erkannte bei der brennenden Wachskerze in ihren Zügen die Aufregung.

»Blitz!« sagte er heiter, mit ihrer Hilfe sein Wams ausziehend, »hier hängt auch die Laute, sie wird in den nächsten Tagen vor mir Ruhe haben« – er strich mit der hohlen Hand über die Saiten und summte die beliebte Weise: »Venus, du und dein Kind seid allezwei blind.«

Die Schwester machte den Verband zurecht. »Singt nicht, Bernhard,« bat sie, »Ihr habt heut Menschenblut vergossen.«

»Das gehört zum Amt eines wackeren Reiters«, antwortete der Bruder. »Doch dir will ich's gestehen, heut wurde uns der Ritt sauer gemacht. Der schlaue Franzose hatte unsere eigenen Offiziere zu einer Kompanie formiert, unsere alten Kameraden stürmten mit heißen Gesichtern gegen uns, und meine Reiter stutzten, als ihnen ihre früheren Offiziere zuriefen: Hie Weimar zur Hilfe! Erst als sie mich im Gedränge sahen, erhielten sie ihren Zorn, und es wurde ein scharfes Raufen. Wäre uns nicht Sukkurs gekommen, du hättest mich vielleicht nicht wiedergesehen, denn der Schelm Reinbold summte um mich wie eine Hornisse, ihm danke ich diesen Schlitz im Wams. Doch auch er entkam nicht mit heiler Haut, und ich sah, wie er auf seinem flüchtigen Pferd wankte.«

Die Schwester setzte sich und rang die Hände. »Ach wie gern wollte ich sterben, wenn ich Euch aus dieser blutigen Gesellschaft erlösen könnte. Die Welt ist ganz ins Arge verkehrt; wo ist noch Liebe und Erbarmen zu finden? Auch mein Bruder rühmt sich seiner wilden Taten. Schaffet den Zorn aus Eurer Seele,« bat sie, mit dem Schwamm auf seine Wunde tupfend, »und entsaget Eurer Freude am Raufen und Eurem wütenden Reiten über Stock und Stein und denket fleißiger an den süßen Herrn, der als Lamm der Welt Sünde trägt.«

»Wetter,« brummte der Bruder, »das Lamm hat jetzt viel zu tragen.« Als er aber die Kränkung der Schwester merkte, fügte er gutherzig hinzu: »Habe Nachsicht mit mir, Frau Pastorin, die Worte sind schlimmer als die Meinung. Ich vertraue gern auf die Bitten meiner frommen Schwester und hänge mich an ihre Schürze. Denn wenn auch ich nicht in der Gnade bin, du bist erkoren und ausgewählt.«

Regine legte ihm die Leinwandfäden auf die Wunde.

»Mäßig und gleichförmig sollt Ihr sein in Eurem Gefühl, immer an die lieben Engelein denken und nicht an die Katzbalgerei in Eurer Kompanie; und wie Ihr jetzt stillhalten müßt, während ich die Binde rolle, so sollt Ihr immer still dahinleben in ruhigem Gemüt, denn das ist die beste Hilfe zur Seligkeit.« Und sie band ihm die Leinwand fest. »Tut es noch weh? Ungern sehe ich Euch auch so viel mit dem Wilhelm zusammen, den Ihr jetzt Euren General nennt, denn er hat nur irdischen Ehrgeiz.«

»Er meint es doch gut zu dir und mir. Bereite dich, ihn noch heut zu sehen, er will dir etwas erzählen.«

Eine Magd schob die Leinwand zurück, der General trat ein und wandte sich mit ritterlicher Haltung zu Regine: »Zürnt mir nicht, werte Demoiselle, wenn ich Euch den Bruder auf ein oder zwei Wochen versende. Er reitet mit einem Auftrage nach Thüringen.«

Die Schwester trat schnell zum Bruder und flehte: »Nehmt mich mit.«

»Ich bitte Euch,« fuhr der Gast gehalten fort, »daß Ihr bei uns seine Rückkehr erwartet. Der Weg ist weit und beschwerlich, der Ritt muß schnell sein und würde Eure Kraft erschöpfen. Ihr seid in den nächsten Wochen sicherer im Lager als irgendwo anders, denn wir haben jetzt eher die Freundschaft der Mächtigen abzuhalten, als ihrer Feindschaft zu begegnen.«

»Es kann Euer Ernst nicht sein, Herr, daß ich mich von dem Bruder scheiden soll; droht ihm auf dem Wege Gefahr, so will ich sie mit ihm teilen. Nehmt mich mit Euch, Bruder,« bat sie wieder, »laßt mich nicht zurück unter fremden Leuten.«

»Bin ich Euch ein Fremder, Regine?« fragte der General unzufrieden. »Gönnt mir für diese kurze Zeit das Recht, über Euer Wohl zu wachen. Mir ist, als ob die Gottesfurcht mit Euch von dannen ziehe und aller Schutz des Himmels, und manchem unter unseren Reitern wird es ebenso gehen.«

»Ach! Monsieur Wilhelm,« sagte Regine, »Ihr seid ein gar weltliches Kind und folgt Euren Eingebungen. Ihr hört nur zum Schein auf andere, und wenn Ihr auch gütig gegen mich seid, Ihr beachtet mich nur, wie die Kinder ihr Spielzeug.« Sie bat wieder mit gefalteten Händen: »Laßt mich mit dem Bruder ziehen, hier finde ich den Frieden nicht, nach dem ich mich sehne. Ich gedenke wohl, wie unser seliger Vater, da ich noch ein Kind war, das Land Thüringen rühmte, weil es treu zum Evangelium halte und christliche Gesinnung dort noch nicht geschwunden sei; dort hat auch der erwählte Mann Gottes, Doktor Luther, zu seiner Zeit gelebt, und es steht in meiner Bibel eingeschrieben, daß er unseren Voreltern zugetan war, und daß ihr Glück von ihm seinen Anfang genommen hat. So hoffe auch ich, daß für den Bruder und mich dort ein besseres Glück kommen wird.«

»Euer Bruder aber gehört mir«, sprach Wilhelm zwischen Unwillen und Rührung.

»Nur solange Gott will«, antwortete das Mädchen und schlang die Arme um den Bruder, wie um ihn zu schützen.

»Lebt wohl, Regine«, schloß der General, mühsam seine Bewegung niederkämpfend. »Euch, Rittmeister König, erwarte ich im Rat.«

In der zerstörten Dorfkirche versammelten sich die Offiziere der Kompanien zum Kriegsrat. An den Pfeilern waren brennende Kienfackeln befestigt, auf dem steinernen Fußboden vor dem Altar flammte ein Feuer, und der Rauch wirbelte um die glaslosen Fensteröffnungen oder sammelte sich zu rußigen Wolken an der gewölbten Decke. Im roten Scheine glitzerten die trotzigen Augen der Geladenen, und über die gefurchten Gesichter flogen grelle Lichter und tiefe Schatten. Als der Feldoberst vortrat und seinen Hut lüftete, erstarb das Gesumm in tiefer Stille. »Ich bedanke mich bei den Herren Offizieren, und ich bedanke mich bei den Regimentern der Nachhut, daß sie heute ihre angestammte Bravour bewiesen haben, als sie den verräterischen Franzosen verjagten. Seiner sind wir, wie zu hoffen ist, für immer ledig. Darum aber steht uns schwere Wahl bevor, nämlich daß wir entscheiden, welchen Potentaten wir zu unserem Kriegsherrn erkiesen wollen, um ihm das Jurament zu leisten, damit wir vor Gott und der Welt als ehrliche Soldaten erkannt werden und nicht als herrenlose Räuber. Nun ist euch allen bewußt, daß der römische Kaiser Ferdinandus III. uns hohe Anträge und Versprechungen zukommen ließ. Unsere Völker aber haben seinen Boten abgewiesen, weil sie die evangelische Sache nicht verraten wollen. Auch die Landgräfin von Hessen hat uns eingeladen, und der Schwede Wrangel hat eine Ambassade geschickt, welche öffentlich den Rat gab, daß wir zu den Franzosen zurückkehren sollten, und sich erbot, diesen mit uns zu versöhnen; dieselbe Legation aber hat uns auch in höchstem Vertrauen mitgeteilt, daß, wenn solche Versöhnung unmöglich sei, der Schwede selbst sehr kontent sein werde, uns in sein Heer aufzunehmen. Zwischen diesen hohen Bewerbern haben wir uns zu entscheiden, und ich bitte jedermann in eröffnetem Kriegsrat zu einer guten Wahl zu helfen entweder durch Vortrag eigener Meinung oder durch Beistimmung. Da die Völker bereits gegen den Kaiser entschieden haben, so ersuche ich die Herren Offiziere, zunächst über das Angebot der Frau von Hessen zu verhandeln.«

Von allen Seiten erhob sich Gemurr und Einrede.

»Sie lebt in Unfrieden mit ihren Befehlshabern,« rief es aus dem Haufen, »sie operiert mit den Franzosen, und wir bekommen bei ihr wieder den Turenne auf den Nacken.« Es ergab sich nach heftigem Hin- und Herreden, daß in dem Heere geringe Bereitwilligkeit war, hessisch zu werden.

»Wohlan,« begann der General wieder, »so bleibt die Konjunktion mit dem Schweden. Ich frage, ob der Kriegsrat sich für den Feldmarschall Wrangel zu entscheiden vermag?«

Wieder Gemurr und laute Rufe. »Dort regieren die schwedischen Kommissare; sie schicken uns Deutsche ins Feuer und essen die Kastanien, die wir ihnen herausgeholt.« – Aber auch Freunde der Schweden ließen sich vernehmen: »Dem Gustav Wrangel glückt es gegen alle seine Feinde. Einst haben wir den großen Schwedenkönig einen Erretter genannt, und die ältesten von uns haben unter ihm gedient. Es ist das Heer seiner Tochter, der Königin, zu dem wir jetzt zurückkehren.«

Da rief ein alter Haudegen des Regiments Rußwurm unter die Streitenden: »General Königsmark!« Und viele Stimmen in seiner Nähe wiederholten den Namen. Der Rufer trat vor: »Der General ist von Blut ein Deutscher wie wir, er ist ein pompöser Herr, der dem armen Soldaten auch das Seine gönnt, und er ist ein tapferer Feldherr, dessen Bravour weltkundig geworden. Bei ihm finden wir Soldaten von Fortune die beste Ehre und Anerkennung. Darum, liebe Brüder, rate ich, daß wir nur diesen als unseren Feldherrn wählen und daß wir uns nicht darum von ihm abwenden, weil wir bei ihm der schwedischen Königin das Jurament leisten müssen. Sind die Schweden auch nicht eingeborene Deutsche, so wissen wir doch alle, daß sie echte Martissöhne sind.«

Ein Geschrei der Zustimmung kam aus vielen Kehlen, aber auch heller Widerstand erhob sich, und der General, welcher Mühe hatte, die Ordnung zu erhalten, blickte forschend in die Versammlung.

Endlich trat Gottlieb Stange in den Ring, er nahm den Hut ab, strich sich mit der Hand sein graues Haar glatt und verneigte sich bedächtig nach beiden Seiten. »Wir vernahmen soeben von meinem Herrn Bruder Rußwurm sechste Kompanie, daß die Schweden die echten Söhne des Martis oder Martinus sind, welches ich nicht bezweifeln will, obgleich ich noch nicht erfahren habe, daß besagter Heiliger seinen echten Söhnen mehr gebratene Gänse und mehr gebackene Martinshörner in ihre Quartiere liefert als uns anderen. Solange der große König Gustavus Adolfus lebte, dachten wir wenig daran, daß der Schwede von Mitternacht her als Fremder kam, denn der König war ein gerechter Herr, und wir hofften, daß er ein Retter der evangelischen Sache sein werde. Seit seinem Tode aber hat sich der Eigennutz erwiesen, und viele von uns zogen unserem seligen Herzog Bernhard zu, weil dieser aus deutschem Blute war, angenehm als Landsmann, wie auch als Kriegsfürst formidabel. Was wir seit seinem Tode von den Franzosen erduldet haben, ist jedem bekannt, und viele von uns sind der Meinung, daß zwischen dem Turenne und dem Wrangel, was die gute Gesinnung gegen uns Völker betrifft, kein größerer Unterschied sei als zwischen Kessel und Ofentopf, obgleich einer dem anderen sein schwarzes Gesäß vorwirft. Wir aber sind es herzlich müde, einem Fremden zu dienen, und die Reiter stecken die Köpfe zusammen und bedenken die deutschen Potentaten des evangelischen Glaubens, welche wir wählen könnten. Sie finden keinen Mann, der gegenwärtig mit seinen Völkern im Felde liegt, nur die Frau von Hessen. Diese jedoch behagt ihnen nicht, weil sie ein Weib ist, welches nicht selbst zu Felde zieht, und manche nehmen auch Anstoß daran, weil sie beim Abendmahl ganze Stücke Brot ißt, obwohl man ihr dies zugestehen könnte, wenn sie dem armen Soldaten den Braten ließe, doch man sagt von ihr, daß sie knickerig haushalten läßt in ihren ausgesogenen Quartieren. Nun aber sehen und erfahren wir alle, daß der Kaiser seine Freude daran hat, wenn Deutschland verödet wird, und daß der Hahn von Frankreich einen Stolz darin findet, in den deutschen Höfen zu krähen, und daß der schwedische Bär auch keine Lust verspürt, aus der Nähe der deutschen Stallungen abzuziehen, solange er noch ein Kalb zum Zerreißen findet. Keiner will den Frieden, nur der Bauer will ihn und der arme Soldat, und die beiden müssen einander zuvor totschlagen. Und ich sage euch, ihr Herren, wenn es nach den drei mächtigen Gebietern im deutschen Lande geht, so wird nicht eher Friede, als bis der letzte Bauer an den dürren Ast gehenkt ist; wenn keiner mehr Brot und Hafer baut, dann gehört das Land ganz den wilden Hunden, und dann kommt Ruhe in die Täler. Darum ist unter den Völkern die Meinung, daß wir, die wir zumeist Thüringer und Sachsen sind, uns auch einen Herren wählen von unserer eigenen Art, den wir erhöhen und zu einem Kriegsfürsten machen, damit er durch uns dazu helfe, den ersehnten Frieden in das gequälte Deutschland zu bringen. Nun aber haben manche von uns einen deutschen Herrn wohl erkannt, Ernestus, den Bruder unseres seligen Herzogs Bernhard, damals, als er bei uns Kriegsdienste tat und als er Gubernator in Franken war. Dieser ist ein Mann, an welchem wir keinen Tadel wissen, redlich und treu, und wir trauen ihm zu, daß ihm unser Feldgeschrei von heute: ›Hie Teutschland!‹ ein angenehmer Ruf sein werde. Darum dachten wir daran, unseren Herrn General zu bitten, daß er vor allem Abgeordnete der Völker zu dem Herzog sende; wenn dieser uns haben wollte unter billigen Bedingungen, so würden wir ihm am willigsten dienen.«

Nach den Worten des beliebten Mannes trat eine kurze Stille ein, dann ein Gemurmel, welches sich endlich zum lauten Geschrei verstärkte: »Wir wollen den Herzog Ernestus!« Und der Feldoberst erkannte, daß die Mehrzahl sich diesen begehrte. Aber auch der Widerpart eiferte heftig. Endlich riefen helle Stimmen aus dem Hintergrunde nach Gehör, und einer der Ruhestifter schrie: »Wir haben mancherlei Opinion vernommen, ehrliche Worte und wohl auch Meinungen, welche von Fremden dem Heere zugetragen sind, aber wir wollen eine frische und redliche Rede hören, welche die Völker sonst wohl gern vernommen; wir von Alt-Rosen fordern den Rittmeister König auf, daß auch er seine Meinung sage.« Und aus den hinteren Reihen erklang Beifallsruf.

Der Befehlshaber winkte dem Freunde zu, und Bernhard trat vor: »Ansehnliche Herren und lieben Brüder! Da ich einer der jüngsten bin, ziemt mir mehr zu hören als zu raten. Was dem Heere am vorteilhaftesten ist für Sold, Quartiere und Ruhm, darüber haben viele unter uns mehr Erfahrung als ich. Ich aber will sagen, was uns allen während unserer Händel mit den Franzosen am Herzen gelegen hat: Wir haben uns von dem Marschall darum geschieden, weil wir Deutsche sind und unser Blut nicht länger für den Eigennutz fremder Potentaten vergießen wollen. Wir hören viel von der alten Herrlichkeit des deutschen Landes, wo ist sie hingeschwunden? Ich kenne manchen unter euch, der mitten in Brand und Plünderung aus tiefem Herzen erseufzte über das Unglück, welches wir ertragen und anderen zufügen, und ich hörte manchen Kriegsmann mit grauem Haar einen Fluch ausstoßen gegen die vornehmen Perücken, welche Frieden im Munde führen und den Krieg im Herzen begehren. Fünf Jahre verhandeln die Schreiber über den Frieden, und wir sind weiter davon entfernt als je. Ich aber lebe des Glaubens, daß der römische Kaiser als der hartnäckigste und diffizilste Gegner des Friedens gegen uns steht. Er fühlt in seinen Erblanden wenig von der Kriegsnot und ist wohl zufrieden, wenn die Dörfer und Städte der evangelischen Landesherren verwüstet werden. Und ich sage euch, ihr Herren und Brüder, nicht eher wird er sich einem billigen Vertrage zuneigen, als bis ein deutsches Heer über seine Berge zieht und seine Hofburgen ausbrennt. Darum, wenn die Großen üblen Willen haben, das deutsche Land in einen bessern Zustand zu bringen, so meine ich, sollen wir Kleinen dazu helfen. Habt ihr den Mut und den Willen, euch als Helden zu erweisen und den Kaiser zum Frieden zu zwingen, so wählt euch einen kühnen Kriegsobersten, dem ihr zutraut, daß er sich mit eurer Hilfe hoher Anschläge vermesse. Und in diesem Falle rate ich, daß ihr dem General Königsmark zuzieht, obgleich er den Schweden dient. Denn wir wissen, daß er von allen großen Befehlshabern am fröhlichsten schlägt und in seinen Reiterstiefeln weder Tod noch Teufel fürchtet. Wollt ihr jedoch so hohes Wagnis nicht auf euch nehmen, so wahrt wenigstens euer Gewissen, auf daß ihr nicht ferner an der Zerstörung teilhabt, und sucht einen gerechten protestantischen Landesherrn, dem ihr euch zum Schutz seines Landes anbietet und der vielleicht, wenn er die Regimenter entlassen will, mit unseren Völkern, ihren Weibern und Kindern die leeren Bauernhöfe seines Landes besetzt. Wollt ihr in solcher Weise für das Heil des gemeinen Reiters sorgen, so fragt den Herzog Ernestus, den Bruder unseres seligen Kriegsherrn, ob er die Regimenter auf billige Bedingungen in seine Gewalt aufnimmt. Nur zwischen diesen beiden Heerstraßen haben wir die Wahl, und heute müssen wir uns entscheiden. Doch worauf die Mehrzahl auch ihren Sinn richte, daran mahne ich euch bei unserer brüderlichen Treue und bei dem schweren Eide, den wir einander geschworen haben, daß die Minderzahl sich nicht beschwert fühle und sich gutherzig mit ehrlichem deutschem Gemüt dem Beschluß der anderen füge, damit wir fest beieinander stehen und Glück und Unglück gleich Brüdern teilen.«

Seinen Worten folgte wieder tiefe Stille, dann wurde aufs neue die geteilte Meinung in den Rufen laut: »Für den General Königsmark! Für den Herzog Ernestus!« Der Führer erkannte, daß es Zeit sei, zum Beschluß zu kommen, er trat vor und rief: »Wer für Herzog Ernestus ist, der hebe die Rechte, damit der Wille des Heeres kundbar werde.«

Die große Mehrzahl der Hände fuhr in die Höhe.

»Die Mehrhand ist für den Herzog!« verkündete er, und ein langes Beifallsgeschrei antwortete. »Was der Kriegsrat beschlossen hat,« fuhr er fort, »soll sogleich ins Werk gesetzt werden. Morgen mit Sonnenaufgang wähle jedes Regiment einen Abgesandten. Dazu wähle ich einen, der bei der Ambassade meine Stelle vertritt. Noch ersuche ich die Herren, folgendes zu bedenken: Zwei Meinungen sind hier verkündet. Die Mehrzahl hat für die eine entschieden. Dennoch ist unsicher, ob es den Gesandten gelingt, mit dem Herzog zu paktieren. Sollte sich wider Hoffen ein Hindernis ergeben, so schlage ich vor, da die Not drängt, daß in diesem Fall unsere Abgeordneten Vollmacht erhalten, weiterzureiten und nach Beschluß der Minderzahl mit den schwedischen Befehlshabern zu verhandeln.« Auch dies wurde nach manchem Widerspruch zum Beschluß erhoben, und der Kriegsrat löste sich geräuschvoll und mit guten Hoffnungen auf.

Den nächsten Morgen ritt ein Reitertrupp aus dem Lager nordwärts; in seiner Mitte rollte der Lagerwagen Reginas, von vier starken Gäulen gezogen. An demselben Tage führte der Befehlshaber das Heer bei Würzburg über den Main.

 

Der verlorene Haufe wälzte sich wieder vorwärts auf staubigen Wegen über Felder und Heide, die Rosse zerstampften die Halme des Ackers, die Weiber und Kinder drangen in die Dorfhütten, in welchen noch der Landwirt hauste, und zernagten wie ein ungeheurer Rattenschwarm das Wenige, was er zur Erhaltung des eigenen Lebens versteckt hielt. Wo der Dampf von den Feuerstätten des Heeres aufstieg, da wurde die Arbeit eines Jahres versengt, vergeudet, verdorben. An den Lagerbränden verkohlte der Mut und die Hoffnung, die Freude an redlichem Erwerbe, Nächstenliebe und Erbarmen in diesem Jahre wie bisher. Seit fast dreißig Jahren loderte das Kriegsfeuer im Lande, es war zuerst hie und da aufgebrannt, dann war es zu einer ungeheuren Brunst geworden, welche mit feuriger Lohe über das ganze Land lief, mit heißem Dampf jede Brust beengte und schonungslos Leib und Seele der Lebenden zerstörte. Jetzt war die Flamme kleiner geworden, aber sie flackerte bald hier, bald dort in die Höhe, wo sie unter den Trümmern noch Nahrung fand, und niemand war stark genug, ihr zu wehren, ja die Fremden schürten, während sie vom Frieden sprachen, unablässig in der Glut.

Es ist wahr, viele Eltern der sonnengebräunten Brut, welche jetzt raublustig in Scheuern und Ställe des Bauern sprang, wußten nicht mehr, was Friede bedeute und was Herrschaft des bürgerlichen Gesetzes; sie selbst waren unter den Schrecken der Kriegsfurie geboren und zu Männern erwachsen und hatten Kinder gezeugt, welche heimatlos und schädlich durch das Land schwärmten, gleich ihren Eltern.

Und doch schien die Sonne warm wie vorzeiten, im Frühjahr sang die Lerche in der Luft, im Sommer schlug die Wachtel im Unkraut des Ackers, und an den Fruchtbäumen, welche noch nicht als Brennholz gefällt waren, röteten sich die Kirschen. Wenn die kleinen Reiterbuben dem Johanniskäfer zusangen: Sonnenvöglein flieg aus, komm wieder in mein Haus! so gebärdeten sie, die niemals in eigenem Hause gesessen hatten, sich, ohne es selbst zu wissen, als ehrbare Hofherren, wie vor langen Jahren ihre Vorfahren. Die deutsche Natur lebte ungewandelt wie einst, und der ausgeruhte Acker war willig, neue Frucht zu tragen. Undeutlich klang im tiefsten Herzen derer, welche noch nicht ausgetilgt waren, in dem verwilderten und verdorbenen Geschlecht, ein Ton der Sehnsucht und Klage. War es nur der Wunsch nach besserem Glück, von dem ihnen eine Sage aus dem Munde der Alten zugekommen war, war es nur Schmerz über alle Angst und Not, die sie umgab, oder war es ein stärkeres Gefühl, welches wohl einmal dem Manne die Faust um Schwert und Büchse ballen konnte? Die Väter des gequälten Geschlechtes hatten sich lange gerühmt, daß sie Deutsche waren, und hatten doch fremde Sprache, Mode, Sitte ungeschickt nachgeahmt und sich zu Dienern der Fremden entwürdigt; und jetzt, wo Deutschland als Beute der Fremden niederlag und aus den Stuben der Gelehrten die Trauerklagen über den Verfall der alten Herrlichkeit in das Volk drangen, jetzt antwortete aus den Lagerhütten der gemeinen Soldaten, welche eine harte Notwendigkeit trieb, sich durch Zerstörung und Verderb des Volkes zu erhalten, ein scharfer Gegenklang. Die narbigen Reiter, die zuerst dem Sachsen Bernhard von Weimar gedient hatten, dann dem Franzosen verhandelt waren und mit Abenteurern aus jedem Lande des Weltteils Schulter an Schulter gekämpft hatten, sie, die gefürchteten Alten des Krieges, die Waffenlehrer des jüngeren Schwarms, sie empörten sich gegen einen fremden Feldherrn und gegen die eigenen Offiziere, weil sie zuletzt nur für die deutsche Sache kämpfen und sterben wollten. War das ein verlorener wilder Ton in langer, banger Nacht, wie das ferne Gebell eines hungrigen Wolfes, oder waren es die ersten Noten eines Liedes, welches von da ab aus dem Gemüt des deutschen Volkes erklingen sollte, bald so, bald anders angehoben, wie das Gezirp eines jungen Vogels, bis es nach Jahrhunderten unwiderstehlich herausschmettern wird als Schlachtgesang einer siegreichen Nation?

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