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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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11. Enttäuschung

Auf seiner Reise nach dem Deutschen Reiche ritt der Hochmeister in Thorn ein unter polnischem Geleit, das der König nicht hatte versagen können. Dem Rat war die Herberge des gefährlichen Nachbars unwillkommen, er trug Vorsorge, daß die Stunde der Ankunft vorher nicht ruchbar wurde und öffnete den Gästen Zimmer des Artushofes, damit der Verkehr mit den Bürgern leichter beaufsichtigt werde. Trotz dieser Vorsicht fand der Hochmeister bei seinem Einzuge die Straßen mit Menschen gefüllt, empfing Grüße von allen Seiten und sah neben den ernsten Mienen der Polnischgesinnten viele erfreute Gesichter. Als er das Gastgeschenk der Stadt entgegengenommen und mit dem neuen Burggrafen Hutfeld höfliche Begrüßung ausgetauscht hatte, sagte er Herrn Dietrich:

»Ich trete heut nicht ohne Sorge unserm finstern Alten gegenüber, ich fürchte, er ist mit uns nicht zufrieden und ich muß ein Bote werden, der ihm Unwillkommenes meldet.«

»Sein guter Rat, der unerbeten aus dem Winkel kam, ist Eurer Gnade oft lästig geworden. Wer nicht die Arbeit und Last der Verhandlungen auf sein Leben nimmt, der sollte sich hochtönender Ratschläge enthalten.«

»Ehre seine Klugheit und Treue«, gebot Herr Albrecht.

»Lieber ehre ich sein Geld, und deshalb bitte ich Euch, mit hoher Huld nicht zu kargen, denn Geld brauchen wir jetzt nötiger als je.«

»Wie darf ich ihm, der so große Opfer für uns gebracht, neue Zumutung stellen?«

»Was Ihr selbst nicht tun wollt, überlaßt getrost mir,« antwortete lachend der Vertraute, »da der Bürger die Ehre hat, Euer Bundesgenosse zu sein, so ist billig, daß er wenigstens zuträgt, was Euch fehlt.«

Auch Marcus erwartete den angekündigten Besuch nicht mit leichtem Herzen. Auf die begeisterte Hoffnung war Ernüchterung gefolgt, vieles war nicht gelungen, das Wichtigste noch unentschieden, und der Kaufherr hatte sich zuweilen gefragt, ob die rührige Geschäftigkeit des Hochmeisters nicht größer sei als sein festes Beharren. Aber als der edle Herr jetzt vor ihm stand und mit herzgewinnender Freundlichkeit seinen Gruß bot, da leuchtete doch die Freude im Angesicht des stillen Mannes.

»Ihr seid nicht einverstanden, Vater, daß ich in das Reich gehe«, begann Herr Albrecht nach dem ersten Austausch höflicher Worte.

»Verzeiht, gnädigster Herr, wenn ich mich zu der Meinung bekannte: der Herr gehört in sein Land und gute Helfer an fremde Höfe und Kanzleien.«

»Gute Helfer, selbst wenn ich sie hätte, werden meinen Bitten in der Fremde schwerlich geneigtes Gehör schaffen. Um den Hochmeister, welcher einsam in Königsberg sitzt, kümmert sich niemand; auch meine Vettern sind froh, wenn sie meine Mahnungen nicht hören. Allzuweit bin ich von den Reichstagen, von Rom und dem Kaiser entfernt. Die Reise ist lange bedacht, und meine beste Hoffnung ist, daß ich da, wo die letzte Entscheidung liegt, selbst für mich handle.«

Unzufrieden fragte Marcus: »Und hofft mein gnädigster Herr, daß in dem eigenen Lande, dem der Gebieter fehlt, Sicherheit und gutes Vertrauen zurückkehren werden? Vieles bleibt dort ungeordnet, und alle Gegner erheben ihr Haupt. Man erzählt, daß die neue Ketzerei in dem Ordenslande wenig Widerstand findet.«

»Wie vermag ich den Kampf aufzunehmen mit Gedanken, welche jetzt jeden erregen?« rief der Hochmeister lebhaft, und seine Vorsicht vergessend setzte er hinzu: »Wie darf ich wehren, Vater, was beschwerte Gewissen für sich als ein Recht fordern? Jedermann weiß, daß die Kirche einer Besserung bedarf.«

Die Brauen des Marcus zogen sich finster zusammen: »Der Hochmeister des Deutschen Ordens ist verloren, wenn Mißtrauen und übler Wille des heiligen Vaters sein Werk kreuzen. Nicht Eurer fürstlichen Gnade steht es zu, um die Schäden der Kirche zu sorgen; denn für das große Geschäft Eures Lebens ist der heilige Vater ein Geschäftsfreund, den Ihr zur Zeit notwendig braucht. Dem König von Polen gelingt besser, sich in Rom guten Willen zu sichern.«

»Mein Oheim trennt sich ungern von seinem Golde, dennoch kann er leichter volle Felleisen über die Alpen senden als ich. In seinem Lande zeigt er zwei Gesichter, den Polen einen römischen Hofmann, den Deutschen einen nachgiebigen Schutzherrn. So muß auch ich tun, Herr, denn unter meinen Augen löst sich von dem alten Bau der Kirche ein Stein nach dem andern.«

»Der große Dom, welcher die Christenheit umschließt, wird durch keine Neuerung zerworfen werden,« antwortete Marcus mit gehobenem Haupt, »und ich flehe in Ehrfurcht, daß mein gnädigster Herr um des eigenen höchsten Vorteils willen auch im Reiche die Gemeinschaft mit den Sektierern sorglich meide. Denn von wildem Rausche sehe ich die Menschen erfaßt, Gelübde sollen nicht mehr gelten, frech verkünden die neuen Lehrer Befreiung von jeder lästigen Pflicht, überall ist der Friede in Unfriede verkehrt und Krieg zwischen den Herzen, welche zusammengehören, die Dienenden erheben sich gegen ihre Herren, die Kinder gegen die Eltern.«

»Dennoch werdet Ihr es nicht tadeln, wenn ich einen Unfrieden, den ich nicht zu schlichten vermag, für mich zu benutzen suche; Ihr selbst in Thorn setzt Eure Hoffnung darauf.«

»Ungern tue ich es«, entgegnete Marcus finster. »Auch ist es nicht das Gewissen der Unzufriedenen, auf welches Eure ergebenen Freunde Hoffnung setzen, sondern die Sünde und Schwäche unserer Gegner; und Euch, gnädiger Herr, würde, wenn Ihr im Lande geblieben wäret, wohl in wenigen Tagen die Kunde zugegangen sein, daß die Bürger von Thorn sich gegen das polnische Regiment erhoben haben und Euch zu dienen bereit sind. Vermögt Ihr auch während des Stillstandes Euch dieser Stadt nicht offen anzunehmen, so sind es doch Eure Freunde, welche die Macht erhalten; ihr Beispiel wird in andern Städten Nachahmung finden, und ihre Klagen gegen die Polnischen laut genug bis in das Deutsche Reich hinüberklingen. – Ich nehme an, Eure Gnade hat befohlen, die Landsknechte, deren Fähnrich Georg König geworden ist, abzuzahlen, damit den Hochmeister kein Vorwurf treffe, wenn die Bürger von Thorn sich einen Teil der Heimziehenden anwerben.«

Der Hochmeister erhob sich schnell. »War es unrecht, Euch die Nachricht bis jetzt vorzuenthalten, so zögerte ich nur, weil mir schwer wird, dem Vater Schmerzliches zu sagen. Das Fähnlein ist in Händel mit polnischen Landsknechten geraten und in offenem Kampfe zerstreut worden; Euren Sohn fand ich auf blutigem Felde. Ich hoffe, Herr, daß es der Kunst meines Arztes gelingt, ihn dem Vater zu erhalten; aber er ist schwer verwundet.«

»Noch habt Ihr nicht alles gesagt«, rief Marcus, in das bewegte Gesicht des Herrn starrend.

»Er hat seine Schwurhand durch den Schlag eines Schwertes verloren.«

Da sprach Marcus vor sich hin: »Der Vater setzte die Hand auf das Eisen und dem Sohn wurde sie abgeschlagen.«

»Ich denke daran, Herr, daß Euer Sohn die Hand verlor, als er meine Fahne trug. Ich bitte, gebt mir Gelegenheit, ihm und Euch meine guten Dienste zu erweisen, soweit ich armer Mann das vermag. Ich habe meinen Medikus bei dem Kranken zurückgelassen; gestattet dem Sohn, wenn sein Zustand das erlaubt, mir in das Reich zu folgen, dort wollen wir ihn pflegen, und ich will ihn halten wie den liebsten meiner Diener.«

Der Vater stand abgewandt mit gebeugtem Haupte; als er das düstere Antlitz seinem Gaste zukehrte, zitterte seine Stimme: »Öffnen sich meinem Sohn die Tore der Vaterstadt, so soll er hierher zurück, denn der Vater vermißt ihn jeden Tag; bleibt der Bann, welcher über ihm hängt, in Kraft, dann möge er Eurer fürstlichen Gnade zu dienen suchen.« Er rang nach Fassung, aber der Hochmeister sah mitleidig den bittern Zwang, und aufbrechend sagte er traurig: »Was wir beide hoffen, werde unser Trost.«

»Auch gutes Glück gibt nicht jedem wieder, was er verlor«, antwortete der Alte. »Wenn die Heiligen unsere Wünsche nur gegen ein Opfer erfüllen, so möge das Unglück mich und die Meinen treffen und Ihr, gnädiger Herr, frei ausgehen. Denn Ihr seid immerdar die Hoffnung des ganzen Preußenlandes.«

Als Marcus allein in der Stube saß, das schwere Haupt in die Hand gestützt, vernahm er vor der Tür ein klägliches Seufzen, sein Knecht Dobise schlich herein, wischte die Augen bald mit der Mütze, bald mit dem Ärmel und brachte endlich heraus: »Meister, die Alte ist fort.«

»Wohin?« fragte Marcus in seinen Gedanken.

»Wer kann das sagen«, seufzte Dobise. »Sie verging ganz schnell, bevor sie den letzten Segen erhielt. Es gab im Holze ein großes Gekrach und Dröhnen, das man weit auf dem Felde hörte, und die Leute liefen ins Dorf und schrien, daß die Eiche umgestürzt war.« Marcus fuhr auf und sah ihn fragend an. »Ja, Herr, der alte Baum in der Lichtung. Es wehte kein arger Wind, und allen kam der Sturz wunderlich vor. Da schrie die Alte: ›Jetzt geht es zu Ende und alle Seelen fliegen von dannen!‹ Wer weiß wohin, Herr. Aber der Baum ist zur Erde gefallen und die Alte auch.« Er wischte sich wieder die Augen. »Herr, wie wird's mit dem Sterbekleide? Ich denke, weil sie Euch gehört hat, ist das eher Eure Sache, als meine.«

Marcus bedeutete ihm durch eine Bewegung der Hand zu entweichen, und Dobise setzte sich kummervoll in seine Kammer. »Ob ich ihr den Goldstoff zu ihrem Kleide einpacke und mitgebe, oder ob ich ihn behalte? Denn sie wäre eine vornehme Frau, wenn sich nicht vor ihrer Zeit manches in der Welt geändert hätte. Die Eiche und die Alte sind fort, Junker Georg ist verloren, die Jungfer Anna und das Kind sind tot, und mit diesem Haus geht es auch zu Ende, ich höre seit langem das Knistern im Gebälk. Dobise, sorge dafür, daß du deine Schätze anderswo versteckst. Niemand in Thorn weiß so viele Verstecke als ich,« fuhr er ruhmredig fort, »Geheimnisse des Hofes und andere, die ich als ein Erbteil von meinen Landsleuten überkommen habe. Auch diese sind jetzt verschwunden, und ich bin der einzige, der Bescheid weiß.«

Nach diesem Selbstgespräch geschah es, daß Dobise mit besonderer Heimlichkeit in dem alten Hause wirtschaftete, er trug zusammen und schnürte Bündel, wo ihn niemand sah, und begann am nächsten dunklen Abend mit seinem Kram auszuziehen. Er lief scheu um sich blickend zu den Trümmern der alten Burg, drang an der wegsamen Stelle, zu welcher er einst die Musikanten geleitet hatte, über den Graben, kletterte die gemauerte Einfassung hinauf und verlor sich unter den dunklen Schatten des Trümmerhaufens. Wenn er dort in einer Ecke den Schutt entfernte, fand er eine niedrige Holztür und dahinter Zugang in den Keller des alten Schlosses. Früher hatten Schiffsleute den Versteck gebraucht, um geraubtes Gut zu bergen oder Waren dem Auge des Zollwächters zu entziehen, jetzt freute sich Dobise der günstigen Stelle. Aber nicht lange blieb ihm dieser Besitz; denn seit einiger Zeit achteten fremde Augen auf jeden seiner Wege, und als er zum drittenmal unter die Steine kam, sein Bündel niedergelegt und mit Hilfe der Blendlaterne die Tür geöffnet hatte, fühlte er sich von starken Fäusten gepackt, und aus dem Schatten der Mauer trat eine Gestalt, welche er trotz der Verhüllung zur Stelle erkannte, weil er sie nächst seinem Gebieter mehr fürchtete, als jeden andern. Es war der Schwager seines Herrn, einst Genosse der Handlung. »Bindet ihn, Lischke,« gebot der Burggraf, »und steigt mit einem Trabanten hinab; ihr andern führt den Knecht ohne Lärm zum Kerkertor, dort will ich ihn selbst verhören.«

 

In der Neustadt lag unweit des Marktes die Schenke zur blauen Marie, in welcher ansehnliche Zunftgenossen am liebsten verkehrten. Sie war für Fremde von weitem kenntlich durch ein Holzbild der Himmelskönigin, welche im schönen blauen Gewande die geöffnete Hand über der Tür ausstreckte, als Zeichen, daß an diesem Ort den Neustädtern durch den frommen Wirt das Geld abgefordert wurde. In der großen Schenkstube standen Tische und Bänke aus Fichtenholz, dort saßen dichtgedrängt die Gäste, welche der Zufall oder alte Genossenschaft zusammenführte: Handwerksgesellen, Landleute aus der Umgegend mit ihren Weibern, dazwischen andere, deren Heimat und Amt unsicher war, leicht erkennbar an den herausfordernden Mienen, mit welchen sie ihre Nachbarn betrachteten. Aus dem Raume für das gemeine Volk führten mehrere Stufen zu einer Oberstube, welche stattlicher eingerichtet war, der untere Teil der getünchten Wände war mit gebohnten Brettern verschlagen, Tische und Bänke weiß gescheuert, auf dem Fußboden lag weißer Sand zu zierlichen Kreisen gesiebt, ein Ofen verbreitete behagliche Wärme und Talglichter in großen kupfernen Leuchtern erhellten den Raum, und wenn sie einmal dunkler brannten, so schneuzte sie der auf und ab gehende Wirt geschickt mit den Fingern. Aber heut tat er das nur aus alter Gewohnheit, denn die Stube war leer und er selbst bewegte sich als Wächter, um fremde Kunden abzuhalten. Denn seine Stammgäste waren in geschlossenem Gemach dahinter versammelt, und durch die Tür tönte ein Durcheinander heftiger Stimmen. »Jetzt spricht Herr Seifried,« brummte der Wirt, »man merkt's an der Stille, – er zählt die Summen auf, welche der Rat vergeudet hat, nicht umsonst hat er die Ratsbücher geführt, – er verhöhnt das Vornehmtun – jetzt verklagt er den Rat wegen der Ungerechtigkeiten, welche dieser an Neustädtern verübt hat – das hat sie erzürnt, er versteht sein Handwerk. Er versteht sich auch auf Striche am Kerbholz, denn er ist mir am meisten schuldig.«

Ein untersetzter Mann in dunklem Mantel, den Hut tief über die Stirn gedrückt, stieg aus dem Dunst der unteren Stube herauf; der Wirt maß den Fremden mit ängstlicher Miene, und als dieser leise gebot: »Öffnet und haltet Euch in der Nähe«, da ließ der Wirt den Gast dienstbeflissen in das verschlossene Gemach und hielt sein Ohr an die Tür. Die meisten Viertelsmeister und Zunftältesten der Neustadt standen in dem Raume zu geheimer Beratung, beim trüben Schein des Lichtes erkannte man kaum die geröteten und eifrigen Gesichter. »Was braucht es noch vieler Worte, uns zornig zu machen,« mahnte ungeduldig Dendel, der Zinngießer, »wir haben lange genug die Fäuste in der Tasche geballt, jetzt gilt's, sie ihnen unter die Augen zu strecken. Meiner Zunft bin ich sicher, schlagt um und ruft zum Sturme.«

Und Herr Seifried rief übermütig einen Spottvers, der auf den Straßen gesungen wurde: »Auf und an mit frischem Mut wohl gegen das edle Blut, das wenig hat und viel vertut.«

»Auch meine Knappen sind bereit,« schrie Kunz, der Lohgerber, die Faust auf den Tisch setzend, »und sie haben nichts dagegen, ihre gelben Schürzen im Rathause rot zu färben.«

»Ihr wißt, Nachbarn,« rief Barthel, »daß die Schneider der Neustadt bei jedem Alarm den Vortritt haben.«

»Wenn Ihr sie führt, Barthel,« spottete der Lohgerber, »Ihr tragt ihnen die Quaste vor, die Eure Schere vor Zeiten dem Hausteufel der Könige von seinem Schwanze geschnitten hat.«

»Schweigt mit den Possen,« gebot in dröhnendem Basse Wolf, Obermeister der Schmiede, »verteilt lieber die Arbeit für morgen zur Mitternacht. Wer lockt mit der Feuerglocke?« »Wir Schlosser«, antwortete ein Meister. »Und wer öffnet das Kerkertor?« »Bilse, der Grobschmied«, rief ein anderer.

Da klang aus dem Hintergrunde eine helle Stimme: »Wollt ihr die alte Ordnung der Stadt zerschlagen, Nachbarn, so nehmt mich mit, denn ich gedenke euch zu helfen.« Zwischen den Bürgern trat der Verhüllte an das Licht und entblößte sein Haupt, es war der Burggraf Hutfeld. Flüche und zornige Rufe wurden laut, die Messer fuhren aus der Scheide und vom Hintergrund schrie eine Stimme: »Auf ihn, er darf nicht lebendig von hinnen.«

»Laßt die Eisen stecken, günstige Nachbarn und gute Freunde,« gebot Hutfeld, »wenn scharfe Waffen diesen Streit beenden sollten, dann wäre euer Burggraf im Vorteil und ihr wäret Gefangene des Rats. In der vordern Wirtsstube zechen Trabanten und andere bewachen die Tür, durch welche ihr eingetreten seid.« Die Gesichter wurden lang, die gehobenen Arme sanken herab. »Wie durftet Ihr wagen, hier einzudringen?« schrie der Lohgerber, welcher zwischen Zorn und Sorge zuerst Worte fand.

»Da ihr nicht zu mir an den Ratstisch kamt, um eure Beschwerden vorzutragen, so komme ich zu euch, und ich schwöre bei den Heiligen unserer Stadt, ich komme ohne Arg in guter Meinung. Denn ich wiederhole euch, wollt ihr den Rat werfen, wollt ihr alten Mißbrauch nicht ärger machen, sondern bessern, so bin ich auf eurer Seite, und ich, der Burggraf, will euch helfen mit meinem Leben nach meinem besten Vermögen. Ich denke, wir müssen den Streit untereinander ausmachen, damit wir weder den andern Städten noch der Landschaft, weder den Polen noch anderen Fremden ein Recht geben, sich in den Zwist der Kinder von Thorn einzumischen. Denn dies geht uns allein an. Es handelt sich um Stadtgut und es handelt sich nur um unsere Hälse. Und darum bitte ich euch, hört auf meine Worte. Manches ist hier und anderswo geklagt worden über unser Regiment; ich weiß besser als ihr, daß vieles übel geordnet ist, und ich könnte zu euren Klagen noch andere setzen, die nicht weniger Grund hätten. Aber nicht die einzelnen Beschwerden sind das größte Leiden der Stadt, sondern der Rat selbst.«

Die Bürger trauten ihren Ohren nicht und standen in finsterm Schweigen, aber die Stimme des Schneiders rief: »Hört ihn, er hat das Richtige gesagt.«

»Liegt die Schuld am Rate,« fuhr Hutfeld fort, »so liegt sie doch nicht an den Männern, welche jetzt darin sitzen, denn diese sind nicht schlechter als andere in der Stadt; sondern der Schaden liegt darin, daß nach eingerosteter Gewohnheit nur wenige die Macht haben und zuweilen eigennützig gebrauchen und daß sie nicht immer erkennen, was der Bürgerschaft frommt. Vieles würde besser geschafft werden, wenn die Stadt den Beirat der verständigen Männer gewinnen könnte, welche hier versammelt sind, und einiger anderer aus der Altstadt, welche Einsicht und das Vertrauen ihrer Mitbürger besitzen. Darum ist meine Meinung, daß für die Thorner hohe Zeit ist, die Ratsstühle umzustellen, die kleine Zahl der Ratsherren zu vergrößern und euch und euresgleichen an den Ratstisch zu setzen, damit die Bürgerschaft das Recht erhalte, selbst für das Wohl ihrer Stadt zu sorgen. Mir ist nicht leicht geworden, euch dieses Angebot zu machen, denn ich gehöre zu den alten Regierenden, und ich und mein Geschlecht, wir hatten den Vorteil davon; aber ich erkenne die große Gefahr der Stadt, Fremde lauern darauf, sich einzudrängen, und der Unfriede frißt an eurem Wohlstand und ehrlichen Verdienst. Traut mir darum nicht weniger, weil ich mit schwerem Herzen komme, ich will euch ein ehrlicher Bundesgenosse sein, und ich hoffe, wenn ich am Ratstische mit euch sitze, daß wir das Beste der Stadt williger wahrnehmen, als der alte Rat vermochte. Wisset auch, günstige Nachbarn, in denen ich gern meine künftigen Ratsgenossen begrüße, ich bringe euch noch einen andern Verbündeten zu, und dieser ist König Sigismund von Polen.«

Ein Murren erhob sich, aber der laute Ruf: »Stille!« bändigte es. Und der Burggraf sprach weiter: »Der König weiß durch mich von vielem, was ihr mit gutem Grunde fordert, er ist gewillt, euch nachzugeben und eine Reformation der Stadt, die wir zusammen beschließen, durch sein Siegel zu bestätigen. Und darum frage ich euch jetzt noch einmal in Treue: Wollt ihr euren Burggrafen als Genossen annehmen zu gemeinsamem Werk?«

Alle schwiegen, aber Hutfeld erkannte in vielen Gesichtern die Befriedigung. Endlich begann Wolf, der Obermeister: »Da Ihr zu uns kommt als guter Nachbar, wie Ihr sagt, so sollt Ihr auch von uns ehrlichen Bescheid erhalten. Große Verheißungen haben wir von Euch gehört, und mancher unter uns meint vielleicht, daß es für ihn und die Stadt gut wäre, wenn wir auf Eure Worte achten; aber es besteht ein alter Verdacht zwischen uns und euch Herren vom Rat und wir wissen nicht, wieweit wir der Vertröstung trauen dürfen. Darum suchen wir zuerst bei Euch Sicherheit, daß keinem von uns in Zukunft nachgetragen werde, was er bisher gehandelt hat, auch nichts von dem, was Ihr, Herr, heut bei uns vernommen habt; denn heimlich seid Ihr zu uns eingedrungen.«

»Was ich von eurer Heimlichkeit gehört,« antwortete der Burggraf, »das gelobe ich euch zu verschweigen und zu vergessen, wenn auch ihr in meine Hand gelobt, euch die nächste Nacht und fernerhin der Gewalt zu enthalten und fortan in guter Gesinnung mit mir zu verhandeln. Alle habt ihr gesprochen als freie Bürger, die in ihren eigenen Schuhen stehen, und keinen von euch soll deshalb ein Vorwurf kränken, nur diesen hier nehme ich aus«, er wies auf den Stadtschreiber Seifried. »Er war ein Diener des Rates und er hat seinen Schwur gebrochen, denn er hat Ratsgeheimnis unter die Bürger getragen. War er unehrlich gegen den alten Rat, so wird er auch unehrlich gegen euch, die Herren vom neuen Rate, sein.«

Wieder erhob sich Gemurr und einige riefen: »Wir dürfen unsern Genossen nicht preisgeben«, aber Herr Hutfeld gebot kurz: »Entfernt Euch, Ratsschreiber«, und als Seifried entwich, ohne ein Wort zu sprechen, beschwichtigte der Burggraf die andern: »Auch ihr sollt über sein Schicksal entscheiden.« Und siegreich an den Tisch tretend, fuhr er fort: »Wohlan, ihr Bürger von Thorn, bietet jetzt freundlich eurem Nachbar einen Sitz in eurer Mitte, damit wir nach guter deutscher Weise bei einem Trunke besprechen, was unsrer Gemeinde vor allem nottut.«

Da lächelte achtungsvoll die Mehrzahl der künftigen Ratsmänner.

Marcus durchschritt am späten Abend ungeduldig die Kammer, sein vertrauter Knecht, der um vieles wußte, war verschwunden. Zuerst hatten die Hausgenossen gemeint, daß er, durch den Tod der Mutter verwirrt, auf das Gut entwichen sei, und Bernd war deshalb hinausgeritten, aber im Dorfe wie in der Stadt wußte niemand, was aus Dobise geworden war. Jetzt erwartete Unheil ahnend der Kaufherr seinen Gehilfen: »Auch die Neustädter beraten zu lange,« sprach er vor sich hin, »beim Trinkgelage vergessen sie, daß ihre Hälse in Gefahr sind.« Da pochte es stark an die Haustür, er vernahm den Schritt der Dienstmagd, welche öffnete, gleich darauf ihren Schrei und Geklirr von Waffen. Schnell erhob er sich und griff nach der Wand, wo sein Schwert hing, aber er trat zurück und sagte: »Es kommt nicht unerwartet.«

Die Tür flog auf und der Burggraf stand vor ihm. »Verzeiht, Herr Schwager, wenn ich zur Unzeit störe, ich komme diesmal im Amte.«

»Dann ist mir, wie Euch, jede Stunde gleich, hochgebietender Herr«, antwortete Marcus und bot dem Gaste den Sitz.

Hutfeld neigte dankend das Haupt. »Ihr wißt, Herr Schwager, daß die Bürger sich zuweilen über nächtlichen Verkehr auf dem Burghofe beschwerten. Der Rat ließ die Stätte bewachen, die Wächter ergriffen Euren Knecht, welcher im Begriff war, dort in einem Kellerloch gestohlenes Gut zu bergen. Es wurde vielerlei gefunden, was er selbst versteckt, auch alter Raub, den er gehehlt hat. Manches ist aus Eurem Hause, und darüber wird Euch das Gericht gegen Euren Knecht zustehen; anderes ist nach seinem Bekenntnis an fremder Stelle entwendet und von ihm gehehlt; und darüber steht das Gericht bei der Stadt, die Vollstreckung des Urteils aber, da er ein Unfreier ist, nach unserer Gewohnheit bei Euch, der Ihr sein Gerichtsherr seid. Nach dem Recht und Urteil der Stadt gebührt seinem Halse der Strang. Die Trabanten führen Euch den Gefangenen zu, ob Ihr ihn gegen Eure Bürgschaft selbst bewahren wollt oder dem Gefängnis der Stadt übergeben, bis Ihr ihn richten laßt. Auch den Kram, den er Euch entwendet zu haben bekennt, trägt der Ratsbote in Euer Haus zurück.« Und leiser fragte er: »Ihr bewahrtet einst die Goldhaube Eurer seligen Frau in dem Gewölbe des Oberstocks, habt Ihr sie etwa vermißt? Sie findet sich unter seiner Beute.«

Jetzt vermochte Marcus den Schrecken nicht zu verbergen und stemmte die Hand auf sein Pult. »Die Neuigkeit, welche Ihr mir in das Haus bringt, gebietender Herr, erschreckt mich mehr, als vielleicht eine andere, die mir größeren Verlust verkündete; denn der Unglückliche ist ein Hausgenosse gewesen, dessen Ergebenheit ich fest vertraute.«

»Er war Euch ergeben, nur daß er die Art eines Raben an sich hatte«, antwortete der Burggraf mit flüchtigem Lächeln.

»Kann ich ihn sehen?«

»Er ist zur Stelle.« Hutfeld öffnete die Tür und winkte. Als Dobise mit gebundenen Händen hereinwankte und auf die Knie fiel, hob Marcus gegen ihn den Finger: »Wie hast du die Haube entwendet?«

»Vom Seil durch das Fenster,« stöhnte Dobise, »sie blitzte mich beim Lichte an.«

Da wandte sich Marcus zu dem Burggrafen: »Ich übernehme die Bürgschaft für seinen Leib auf Habe und Gut, und ich lasse das Urteil gegen seinen Hals, wie ein ehrbarer Rat gebietet, vollstrecken auf der Gerichtsstätte seines Heimatdorfes.«

»Nehmt seinen Leib«, sprach Hutfeld.

Marcus hielt die Hand über den Gefangenen. »Er, der den Strang am Halse trägt, war durch viele Jahre ein heimlicher Knecht der Artusbrüderschaft, und die Ältesten des Hofes möchten ihm in seiner Not eine Gunst gewähren, soweit das strenge Recht verstattet. Ist's Euch genehm, hochgebietender Herr, wenn ich diese Gunst ihm biete?«

»Der Rat wird nicht dawider sein«, antwortete Hutfeld, und nachdrücklich fügte er hinzu: »Ich selbst habe ihn verhört und kein anderer.«

Ein düsterer Blick des Marcus antwortete der tröstenden Versicherung des Burggrafen, und er fragte den armen Sünder: »Begehrst du etwas Günstiges für deinen Leib und deine Seele, nur nicht dein verfallenes Leben, so sprich; dein Herr darf dir's gewähren.«

Zähneklappernd flehte Dobise: »Zum schwarzen Wasser im Walde, wo die vierzehn Nothelfer ihr Heiligtum haben, ziehen die Leute meines Volkes, wenn sie um ihre Seligkeit sorgen. Schickt mich dorthin, Herr, damit ich mir die Gnade des Himmels erwerbe.«

»Es sei«, antwortete der Herr. »Gelobe die Heimkehr, auf daß die Stadt ihr Recht an dir gewinne.« Er wies auf das Marienbild an der Tür, Dobise rutschte auf den Knien zum Bilde und hob die Hand.

»Du bist gebunden zur Wiederkehr, Tag und Stunde stehen bei dir, du darfst sie wählen nach deinem Gefallen. Kehrst du zurück, so verfällt dein Leib dem Richter.«

»Steh auf und entweiche,« gebot Hutfeld, »der Ratsbote öffnet dir das Tor.«

»Laßt mich noch einmal den Morgen in der Stadt erleben«, bat Dobise.

»In der Nacht bist du zu schädlichem Werk durch die Stadt geschlichen, darum versagen dir die Mauern den nächtlichen Schutz; zieh hinaus in die wilde Finsternis«, entschied der Burggraf.

Dobise sah sich mit irrem Blick in der Kammer um, dann schlich er schweigend hinaus. Die Schwäger standen einander allein gegenüber.

»Ich danke Euch, gebietender Burggraf, für Eure Mühe um mein Haus und meinen Knecht«, begann Marcus förmlich.

»Noch andern Dank möchte ich von Euch verdienen, Herr Schwager«, antwortete Hutfeld. »Ich hoffe, der Friede, welcher unserer Stadt lange gefehlt hat, soll zurückkehren. Ich habe heut mit den Häuptern der Unzufriedenen gehandelt, und wir haben uns über eine Reformation der Stadt friedlich geeinigt. An Stelle des alten Rates wird ein neuer treten. – Auch Euch geht die Neuerung an, Herr Schwager, und mir wird ein Wunsch erfüllt. Denn auch Ihr werdet zum Ratmann der Stadt erkoren.«

Marcus stand unbeweglich, aber dem forschenden Blick des Burggrafen antwortete ein flammender Blitz aus finsteren Augen. »Als Ihr über die Schwelle tratet, hochgebietender Herr, sah ich, daß Ihr als Sieger kamt.«

»Noch nicht,« entgegnete Hutfeld vorsichtig, »unser Schicksal wird nicht in Thorn entschieden.«

»Bis dahin laßt Euch meine Antwort genügen«, sprach Marcus. »Ihr könnt den letzten der Könige von Thorn zu der Stätte führen, wo sein Vater geendet hat, aber Ihr dürft ihn nicht mit dem Strang am Halse entlassen, wie seinen Knecht.«

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