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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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Als der Hauptmann am nächsten Morgen eilig eintrat, fand er einen bleichen, finstern Mann, der am Herde vor sich hinstarrte, während Henner an Stelle der Hausfrau Töpfe zum Feuer rückte. »Vermögt Ihr herauszukommen, Fähnrich, so gedenkt der Fahne,« mahnte Hans bekümmert, »es ist etwas auf dem Wege.«

»Der Pole kommt,« antwortete Georg mit rauher Stimme, »dies ist die rechte Zeit für ihn und mich.« Er legte schnell sein Schwert um, ergriff die Fahne und stieg mit seinem Gefährten die Mauer hinauf zur Stelle, wo die Wache stand, während Henner bei den Kochtöpfen zurückblieb.

Es war ein kalter Morgen, die Sonne stand gedeckt hinter einer dunklen Wolkenwand, über der kahlen Heide lag der Reif. Ein einzelner Reiter bewegte sich von dem polnischen Lager langsam heran.

»Er führt einen Kurzspieß und kommt als Bote«, sagte Wuz.

»Er reitet mit steifen Beinen,« fuhr der Hauptmann fort, »daran erkennt Ihr den Landsknecht, und wenn sie auf Kamelen und Seehunden ritten, sie müßten die Beine spreizen.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist Tiele Storch, ihr Ausrufer, diesmal hat er's nicht eilig, alte Gesellen zu begrüßen.«

Argwöhnisch umschauend, ritt der Fremde in den Schloßhof. »Treibe deinen Gaul,« rief der Hauptmann von der Mauer herab, »der Morgentrunk ist bereit.«

Aber Tiele hielt mitten im Hofe an. »Ich bringe Botschaft an Euch und Eure Gesellen, gefällt es Euch, so hört sie unter freiem Himmel, wo die Sonne scheint und die Luft weht.«

Hans sah den Fähnrich mit düsterm Blicke an. »Der Wein ist ausgetrunken, werft die Gläser gegen die Wand, und kümmert Euch nicht, wohin die Scherben fallen. Kommst du als Bote, so harre, bis ich die Brüder lade.« Er hob die alte Trommel, welche unter einem schützenden Dächlein stand, die dumpfen Schläge trieben die Knechte aus den Häusern, sie eilten an das Tor und traten mit ernsten Mienen in den Kreis, der sich nach der Seite des Fremden öffnete, so daß dieser dem Hauptmann und Fähnrich gegenüberstand. Er war vom Pferde gestiegen, hielt seinen Kurzspieß verkehrt mit der Spitze nach unten, und seine lauten Worte kamen mit Anstrengung aus der Kehle. »Ich grüße den Orden der freien und wehrhaften Knechte, tragen sie Spieße oder Rohr, ich grüße den Hauptmann, und ich grüße den Fähnrich, mit Gunst oder ohne Gunst bringe ich Botschaft von meinem Hauptmann und von meiner Bruderschaft, und sie senden euch, weil es nicht anders sein kann, dies rote Zeichen, nicht zu Liebe, sondern zu Leide, und sie sagen euch ab allen Frieden und bieten euch Unfrieden.« Er warf einen großen rotgefärbten Handschuh vor dem Hauptmann nieder. »Am dritten Morgen von heute wollen sie ausziehen gegen euch mit Harnisch und Wehr von Sonnenaufgang nach Untergang, um sich mit euch zu schlagen nach Landsknechtsbrauch. Am Kreuze auf brauner Heide, wo im Sommer die Blumen blühen und im Winter der Schnee weht, wollen sie den Grund rot färben mit eurem Blut. Ihr aber, Hauptmann, bestätigt, daß ich meinen Auftrag nach Gebühr verkündet, sei er mir oder Euch lieb oder leid.«

Hans trat einen Schritt vor und gebot: »Fähnrich, hebt das Pfand auf und bewahrt's. Wir aber bieten Euch und Euren Gesellen unsern Gegengruß ohne Gunst und in heller Feindschaft, die sie durch Euch gefordert haben. Am dritten Morgen von heut ab werden auch wir ausziehen mit Harnisch und Wehr von Abend gegen Morgen, damit wir euch treffen und auf brauner Heide schlagen nach Brauch freier Knechte. Euch aber bestätige ich, daß Ihr nach Gebühr abgesagt habt, wenn nicht zu Liebe, dann zu Leide, und die Bruderschaft verweigert Euch nicht den Botenlohn, der dem Absager gebührt als letzte Gunst. Holt einen Becher mit rotem Wein, damit er ihn trinke, abgewandt und ohne Bescheid.« Während ein Knecht den Trunk holte, standen die Männer einander schweigend gegenüber. »Ihr hattet es eilig, den Frieden aufzukündigen,« begann endlich Hans mit erheuchelter Ruhe, »ich selbst war gestern am Kreuz, aber ich sah keinen dürren Ast, der doch verabredet war als Warnung.«

Der Bote räusperte sich. »Der Pan Stibor kam erst gestern zu uns geritten, auf jeder Sattelseite einen Beutel mit Geld, er hat allen Rückstand bezahlt, doppelten Sold verheißen und ehrliche Ablohnung zum nächsten Monat, damit wir heimkehren, wenn wir vorher euch aus der Burg werfen und die Herrschaft über euren Garten in seine Hand geben.«

Hans wandte sich grimmig lächelnd zu seinen Gesellen: »Dann kommt ihr also schwer um die Hüften, mit gefüllten Taschen; meinen Knaben wird es wohltun, mit euch zu teilen. Nehmt den Becher und trinkt.«

Der Bote wandte sich ab, leerte das ansehnliche Gefäß, in dem aber nur Bier war, und goß die Neige in den Schnee. »Aus der Erde kam's, zur Erde fällt's«, sagte er, den Becher vor dem Hauptmann auf den Boden setzend.

»Aus der Erde wuchsen wir, und zur Erde sinken wir,« wiederholte Hans, das Haupt neigend, »unsern Seelen aber sei Gott gnädig. – Um die Männer haben wir gehandelt nach Brauch der gewappneten Knechte, sorgen wir jetzt um unsere Weiber und Kinder, daß sie Frieden behalten beim Sieger. Wollt ihr einen Eid darauf geben und empfangen, damit ihr euch als ehrliche Feinde erweist? Denn ihr dient einem Fremden, der unlustig ist, unsern Brauch zu ehren.«

»Wir bieten Freiheit für die wehrlosen Weiber und Kinder, und von ihrer Habe Kochlöffel und Bett, ihr Gewand und was sie sonst unter dem Gürtel tragen.«

»Wir fordern auch Pferde und Wagen für die Unsern,« versetzte Hans, »und wir wollen sie den Euren gewähren.«

»Ihr wißt, daß dies gegen den Brauch ist«, antwortete der Bote rücksichtsvoll.

»Wir sind aber in fremdem Lande, und hundert Meilen über Heide und Schnee sind weit für kleine Füße.«

»Darf ich's nicht beeiden, so will ich doch bei meinen Brüdern dafür sprechen«, sagte der Bote.

Als der feindliche Rufer sich entfernt hatte, standen die Knechte auf ihre Wehren gelehnt und sahen bestürzt einander an.

»Die Hunde verlassen sich darauf, daß sie unser Gelöbnis in der Tasche haben«, murmelte Hans.

»Was werdet Ihr tun?« fragte Georg.

»Ihnen entgegenziehen, wie wir gelobten«, versetzte Hans düster. »Die Knechte können nicht in Schande leben.«

»Müßt Ihr das Fähnlein im Freien daran wagen, so dürft Ihr doch die Hilfe des Ordens anrufen, damit Euch der Rücken gedeckt werde.«

»Den Orden?« rief Hans verächtlich, »ich sage Euch, die Junker und alle ihre Kumpane werden froh sein, wenn man uns von hier vertreibt, und sie werden sich lieber mit den Polen vertragen, als uns helfen. Die Bürger aber und das Landvolk sind so armselig und zerschlagen, daß es ihnen geringe Sorge macht, wer aus der Burg nach ihren leeren Höfen sieht. Dies ist ein Streit, der nur uns Knechte angeht. Werden wir der andern Meister, so fegen wir ihnen die Taschen und ziehen in unsere Burg zurück, werden sie die Stärkeren, so ist ganz gleich, wer nach uns in diesen Steinen gebietet.«

»Dennoch mahne ich Euch, daß Ihr die Pflicht habt, diese Stadt und Burg unserem Kriegsherrn zu bewahren. Darum bitte ich, berichtet dem Pfleger ohne Verzug durch sichere Boten von dem drohenden Zweikampf.«

»Wozu dem Pfleger eine Freude machen? Sende ich einige aus meinem Haufen, so könnten sie fehlen, wenn ich sie brauche, und wir sind um keinen zuviel.«

»Wenn niemand reiten will, so entsendet mich.«

Hans sah ihn mißtrauisch an. »Wollt Ihr von uns weichen?«

»Ich hoffe, daß Ihr das nicht im Ernste meint«, rief Georg.

»Ihr aber sollt daran denken,« entgegnete der Hauptmann, »daß der Weisel den Stock nicht verlassen darf. Reitet Ihr ohne Euer Tuch, so geht es Euch an Ehre und Hals, und nehmt Ihr den Knechten das Zeichen weg, dem sie sich gelobt haben, so wird ihr Eid null und nichtig, und sie schwärmen auseinander wie Raubbienen. Was meine Knechte hier zusammenhält, ist nur der Glaube, daß sie im Haufen vor Eurer Fahne kämpfen müssen und Euch rächen, wenn Ihr auf dem Grunde liegt.«

»Wollt Ihr niemanden aus dem Fähnlein daran wagen, so gestattet, daß ich den Henner abschicke, damit er für Burg und Stadt eine Hilfe herbeiholt.«

»Die Helfer, wenn sie kommen, könnten uns bei der Gelegenheit selbst aussperren«, antwortete mürrisch der Hauptmann. »Doch tut nach Eurem Gutdünken.«

Georg kehrte zum Turme zurück und berichtete dem Reiter, welcher ruhig über dem Frühstück saß, in Eile die neue Gefahr. Henner erhob sich: »Zum Henker mit der ganzen Bruderschaft. Sie hätten sich dreimal besonnen, bevor sie für den Hochmeister ihre Hälse wagten, weil sie aber eine Bosheit gegen ihresgleichen gefaßt haben, stolpern sie wie Betrunkene in eine nutzlose Schlägerei.« Er stürzte die Blechkappe über sein Haupt. »Auch ich rate nicht, dem Pfleger zu vertrauen. Doch vernahm ich, daß der Hochmeister selbst zu einer Reise in das Deutsche Reich aufgebrochen ist und hier in der Nähe verweilt, vielleicht gelingt mir, ihn zu finden. Verlaßt Euch darauf, daß ich mein Pferd nicht schone. Tragt Euren Kummer wie ein Mann, Jörge, in drei Tagen hört Ihr von mir.« Er eilte hinaus, Georg warf sich in den Sessel, und sein Haupt sank ihm schwer auf den Herd.

Die drei Tage vergingen in stürmischer Vorbereitung. Schnelle Boten beritten die Dörfer der Umgegend und riefen die Rotten, welche dort mit ihrem Troß lagerten, nach der Stadt; die Waffen wurden gemustert, die Knechte neu eingeteilt und gezählt. Es waren noch an dreihundert Mann, welche unter die Fahne traten, und etwa ebenso stark sollte der feindliche Haufen sein. Aber die Knechte des Hans waren stolz auf größere Erfahrung im harten Kampfe.

Am Frühmorgen des dritten Tages stand Georg mit dem Hauptmann über dem Tore. Hans wies nach dem Osten, wo die Morgenröte feurig heraufstieg: »Dort oben brennt's rot genug, auf der Heide aber liegt der Reif. Noch niemalen habe ich vor einem Streite den Morgenschauer so tief im Mark gefühlt als heut.«

»Wenn unsere Knechte die Arme heben, werden sie wärmer werden«, versetzte Georg zerstreut und sah nach dem Wege, auf dem er die Rückkehr des Henner erwartete. »Er bleibt zu lange aus«, murmelte er.

»Ein Landsknecht soll sich niemals auf Pferdehufe verlassen, ist eine alte Rede«, sagte der Hauptmann.

»Wenn nicht Gewalt ihn zurückhält, so kommt er«, antwortete Georg.

»Wir aber können nicht warten, bis ihm gefällig ist, die Gesellschaft der Junker zu verlassen. Ich wollte, Fähnrich, eine, um die Ihr trauert, wäre heut hier. Sie würde einen Segen über unser Eisen sprechen.«

Er sah prüfend auf Georg. »Um Euch sorge ich nicht, obgleich Ihr zum erstenmal die Fahne im Sturme tragen sollt. Vergeßt nur nicht, sie hochzuhalten, die Spitze stracks nach vorwärts, denn auf dies Zeichen achten alle Knechte, und denkt auch daran, daß Ihr nicht in die erste Reihe gestellt seid und nicht in die zweite, sondern in die dritte, weil Ihr nicht selbst um Euch schlagen sollt, sondern das Tuch gegen den Wind halten. Nur wenn keiner mehr vor Euch steht und die fremden Fäuste nach Euch greifen, mögt Ihr die Fahne um Euch werfen und Eure Rechte gebrauchen, solange Ihr könnt.« Noch einmal sah er in die Runde und neigte sein Haupt. Dann gebot er mit mannhafter Stimme: »Laß die Trommel schlagen, Wuz, damit die Knechte ihren Frühtrunk verlassen.«

Die Trommel dröhnte, und Hans achtete scharf nach dem Ton; als die Schläge in der frischen Morgenluft kräftig über den Alarmplatz klangen, sagte er zufrieden: »Sie spricht an, ihr ist der Streit gelegen.«

In der Stadt wurde es laut, Weiber und Kinder schoben die Karren aus den Torwegen und warfen die Bündel hinauf, um sich in dem Schloßhofe zu bergen. Überall ängstliche Gebärden und wilde Rufe, die Knechte rannten zum Platze und stellten sich auf, viele mit bleichen Gesichtern und verstörten Mienen. Hans aber sprach zu seiner Frau, die gleich einem Mann bewaffnet zu ihm geeilt war: »Manches Jahr bist du Hauptmann gewesen in meiner Hütte und an meinem Feuer, heut übergebe ich dir, den Weibern und Troßbuben die Wache über das Schloß«, und leiser fügte er hinzu: »Auch die Wache über die Vorräte, welche ich hier zurücklassen muß. Stelle die besten der Weiber auf das Tor, laß Steine herzutragen und achte darauf, daß der Zugang und alles übrige verschlossen bleibt.«

»Sorge nicht um uns, Johannes,« versetzte das Mannweib, »achte auf dich selber, daß du nicht gerade mit dem Hauptmann zusammenstößt, denn er hat einen alten Groll auf dich noch vom Reiche her, und verdeckte Kohlen halten lange die Glut.«

»Euch haben sie Frieden gelobt. Wenn ich nicht wiederkehre, so gebraucht eure Zungen, damit sie ihr Wort halten; denn auch ein Unbändiger scheut sich vor eurem Geschrei und Fluchen. Ich denke, Alte, daran wirst du es nicht fehlen lassen, lange Jahre hast du dich bei mir redlich geübt.« Er hob ihr das Kinn und sah ihr vertraulich in das wettergebräunte Gesicht. Sie hielt seine Hand fest, und eine Träne lief langsam über die Wange.

»Sonst war ich näher bei dir auf dem Felde«, klagte die Frau.

»Unsere Spur ist breit genug, ich denke, du wirst noch zurechtkommen. Finde ich den Rückweg nicht, so findest du den Weg zu mir; ich hoffe, die Heiligen werden sich mehr um dich kümmern als um die andern, weil du mit mir an der Kirchentür standest. Alles hat sein Gutes.« Er wandte sich ab und trat zum Haufen, dort gab er die letzten Befehle, dann hob er den Spieß, welchen er im Kampfe trug, lüftete seinen Hut und gab das Zeichen zum Aufbruch.

Langsam bewegte sich der Haufen aus dem Tore; im Schloßhof beim Trinkkruge hatten die Knechte sich für eine ansehnliche Schar gehalten, jetzt im Freien auf der weißen Decke, welche der Reif über das Land gelegt hatte, erkannten sie, wie klein ihre Zahl war, und besorgte Blicke spähten nach der Ferne, um zu erkunden, ob die Feinde in größerem Zuge entgegenkämen.

Kurz darauf sprengte ein Reitertrupp durch die Stadt dem Schlosse der Landsknechte zu, die Weiber in der Burg erkannten weiße Mäntel und das Ordenskreuz. »Öffnet«, gebot die Stimme des Pflegers an dem geschlossenen Tor. Aber über die Zinne hob sich die Frau des Hauptmanns, eine Hellebarde in der Hand. »Weicht von hinnen, wer Ihr auch seid; hier gebietet niemand als Hans Stehfest und sein Volk.«

»Öffne, alte Törin,« wiederholte der Reiter ungeduldig und stieß mit dem Schaft seiner Lanze gegen das Tor, »oder meine Buben lassen dich ihr Speerholz fühlen.«

»Kommt der Ordenspfleger, um die geworbenen Knechte zu grüßen, so soll er hinausreiten auf die Heide, wo unsere freien Knaben zum Streite ziehen. Wollt Ihr kämpfen, so rückt gegen die Polen, nicht gegen uns Weiber. Macht Euch fort, sage ich, oder mein Troß wirft Euch mit Steinen.«

Der Reiter zog sich zurück. »Sprengt die hintere Pforte«, gebot er einem Trupp Knechte. Diese führte Henner um das Schloß herum, trotz dem Widerstand der Weiber rissen sie die Pforte auf. Nach längerem Verzug und vielem Lärm gelang es, den vorderen Zugang zu öffnen. Mühsam wanden sich die Reiter durch aufgefahrene Karren des Trosses, umtobt von dem Geschrei und Geheul der Weiber und Kinder.

Mit seinen Begleitern ritt der Hochmeister in den Hof. »Besetzt die Mauern und sichert die Pforte,« befahl Herr Dietrich von Schönberg, »wir kamen noch zu rechter Zeit.«

»Wohin zog der Hauptmann mit dem Fähnlein?« fragte der Hochmeister die Alte, welche mit ihrer Hellebarde feindselig vor ihm stand.

»Den Weg zum Steinkreuze findet ein Blinder. Seid Ihr der Herr, dem die Fahne gehört, so achtet darauf, daß Hans Stehfest mit seinen Knechten nicht unter Euren Farben erschlagen werde.« Sie wandte sich finster ab, stieg auf einen Karren, ergriff die Zügel und peitschte die Pferde zum Schloßtor hinaus.

Da gebot Herr Albrecht dem Pfleger: »Sorgt mit Euren Reisigen für die Sicherheit des Schlosses«, und dem Herrn Dietrich: »Laßt ihm an Mannschaft zurück, was diese Mauer bedarf, und ihr Herren folgt mir, daß wir den Bruch des Stillstands verhindern.« Aber er sah rings um sich umwölkte Gesichter und widerwillige Mienen. Herr Dietrich bat mit höfischer Ergebenheit: »Wir dürfen nicht leiden, daß mein gnädiger Herr sich mit dem schwachen Haufen in freiem Felde einem polnischen Angriff preisgebe.« Von der andern Seite drängte der Pfleger sein Pferd heran. »Nichts Besseres kann Eurer fürstlichen Gnade und dem Orden geschehen, als wenn die fremden Ratten sich untereinander auffressen.«

»Ohne Befehl und wie Meuterer sind die Schelme ausgezogen, ganz eigenmächtig und in Rachsucht«, rief ein alter Komtur. »Das Schloß behaupten wir, wie mögen wir unsern Gebieter und unsere Waffen in unrühmlichem Kampfe gegen Knechte daransetzen.« Und mit Kopfnicken und Gemurmel fielen ihm andere bei. Da trieb Henner sein Pferd aus dem Kreise. »Ich bitte um Urlaub, Herr, daß ich zu dem Haufen reite, ich habe dort einen Gesellen, der zu mir gehört, und ich will ansehen, wie er im Sturm die Ordensfahne hält.«

»Nehmt mich mit, Junker,« gebot in bitterem Unwillen der Hochmeister, »wenn meine Ordensbrüder in bedächtiger Klugheit die Ehre ihres Herrn vergessen, so will ich allein dafür sorgen, daß meinem Andenken die Schande erspart bleibe.« Und er ritt hinter Henner dem Tore zu.

Da blickte Herr Dietrich finster auf seine Kumpane und jagte mit einem Teil der Weißmäntel dem Herrn nach.

Gerade als sie aus den engen Gassen der Stadt ins Freie kamen, fuhr im gestreckten Lauf ein Schwarm polnischer Reiter ihnen entgegen. Die Polen stutzten und warfen sich seitwärts auf das Feld, dort hielten sie an, und ihre Führer berieten, endlich ritt ein einzelner Reiter auf die Ordensbrüder zu. Herr Dietrich löste sich aus dem Trupp und rief dem Fremden entgegen: »Ihr kommt zu spät, Kastellan, wenn Ihr ein Gastlager im Schlosse sucht; der Hausherr hat den Schlüssel abgezogen und bewahrt ihn an seiner Schwertseite.«

Aber Pan Stibor schwenkte lachend die Hand zum Gruße: »Dennoch komme ich nicht zu spät, Seine fürstliche Gnaden zu begrüßen und meine Landsleute zu entschuldigen. Denn nicht wir Polen sind darüber her, den Frieden zu brechen, sondern die fremden Knechte, welche untereinander in Zwist geraten sind und jetzt auf der Heide zusammen schlagen.«

»Wollt Ihr deshalb mit meinem gnädigsten Herrn verhandeln, so seid Ihr in unsern Reihen willkommen,« rief Herr Dietrich dagegen, »Ihr mögt uns helfen, den Streit zu hindern. Euren Haufen aber ersuche ich aus unsern Feldern heimzusenden, denn Ihr seht, Pan Stibor, wir sind hier die Stärkeren.« Der Pole überlegte, dann rief er einen Befehl zurück, der polnische Haufe stob von dannen, er selbst kam mit höflichem Gruß auf den Hochmeister zu.

Unterdes bewegte sich das Fähnlein der Knechte langsam nach der Stätte, wo auf öder Heide ein verwittertes Steinkreuz ragte. Die Gesichter der Wilden waren fahl, aber in den düstern Zügen lag mürrische Entschlossenheit. Georg trug die Fahne mit gehobenem Haupte, gleichgültig wie ein Traumwandler gegen alles, was um ihn vorging, denn immer schwebten zwei körperlose Gestalten vor seinem Auge, ein Weib und ein Kind, und kein Gedanke wurde in ihm lebendig als der eine, daß er auf dem Wege sei, sie wiederzufinden. Zur Seite sah er das Kreuz zwischen erstorbenen Distelstauden, und einen krächzenden Raben, welcher auf dem Kreuze saß, und er lächelte über den Vogel. Der Hauptmann rief Halt, denn wenige hundert Schritte vor ihm brach der feindliche Haufe aus einem Kieferngehölz. Auch dieser hielt. »Wir haben sie,« rief Hans mit starker Stimme über seine Schar, »dringt gegen sie und stecht in ihre vollen Taschen.« Ein wilder Schrei folgte der Mahnung, und von drüben antwortete ein gleicher Ruf. Der Trommler schlug, die Führer sprangen vor und ordneten ihre Rotten zu viereckigem Schlachthaufen; mitten auf der Seite, die dem Feinde zugekehrt war, hielt Georg die Fahne, umgeben von den stärksten Knechten, welche riesige Schlachtschwerter führten. Vor die Spießträger traten in gelöster Ordnung die Knechte mit Feuerrohr, um den feindlichen Haufen für den Einbruch zu lockern. Umständlich wurde die Schlachtordnung von beiden Teilen geformt. Endlich dröhnte die große Trommel zum zweitenmal, der ganze Haufen fiel auf die Knie, jeder der Knechte sprach mit gehobener Waffe ein stilles Gebet und warf, um sich für den Tod zu weihen, eine Handvoll Erde hinter sich. Als Hans aufstand, gab er dem Fähnrich das Zeichen. Da schwenkte Georg das Fahnentuch in der Luft und rief den alten Schlachtenruf der Knechte: »Wohl über sie, Herr«, und »Über sie, Herr«, schrie der Haufe nach. Von drüben klang derselbe Schrei, und langsam, mit schwerem Tritt, rückten die Fähnlein aufeinander zu, so daß beide in Schußweite hielten; die Schützen stützten sich auf ein Knie, bliesen das Zündkraut an, und die ersten Schüsse krachten aus den schweren Rohren. Aber nicht lange ertrug die grimmige Ungeduld das tatlose Harren, nach jeder Kugel, welche traf, tönte der Kriegsruf wilder aus den heiseren Kehlen. Die dichte Masse bewegte sich und drückte, bis der Hauptmann erkannte, daß der Augenblick gekommen sei; der Trommler schlug zum dritten Male in schnellem Sturmschlag, die Schützen liefen zur Seite, die Spießträger senkten die Waffen, und die Haufen brachen zum Sturm gegeneinander vor.

In dem Augenblick regte sich's hinter den Feinden am Holz, ein Schwarm berittener Polen trabte aus dem Walde und stellte sich zur Seite auf, den Reitern folgte fremdes Fußvolk, welches als Rückhalt für die Landsknechte den Waldrand besetzte. An der Spitze der Reiter meinte Georg seinen Feind Pietrowski zu erkennen. Hans aber stieß einen schweren Fluch aus: »Die ehrlosen, meineidigen Schufte!« Denn er verstand wohl, daß gerade in der Entscheidung seinem Haufen die Kraft des Stoßes zerbrochen wurde, und er schrie mit mächtiger Stimme zurück: »Drauf und dran.« Da stießen die Haufen zusammen, die Spieße krachten, Todwunde fielen, mit wildem Geschrei rückten und drängten die beiden zusammengeschobenen Massen gegeneinander, treibend und weichend, gleich zwei wütenden Stieren, deren Hörner sich nicht mehr zu lösen vermögen. Aber nur kurze Zeit behielt der Haufe des Hans Stehfest seine Stärke; an den scharfen Ecken, wo Wuz und Benz den Befehl hatten, vermochte ihr gutes Beispiel nicht zu verhindern, daß in der Sorge um die neue Gefahr die Kraft erlahmte. Dort begann die Flucht; nicht lange, und nur in der Mitte, wo der Hauptmann und der Fähnrich trieben, hielt noch ein Knäuel zusammen. Vor der Fahne lag eine Reihe der alten Doppelsöldner am Boden, und von den Starken mit den Schlachtschwertern sprang einer nach dem andern vor die Fahne, zerschlug Spieße und warf sich gegen die Leiber der Feinde; und einer nach dem andern wurde erstochen. Der letzte war Peter Meffert, wütend hieb er um sich, und sein Schwert traf den Heinzelmann, daß dieser in die Arme seiner Nachbarn sank. Als der Wilde zurücksprang, sah er seinen Hauptmann am Boden, den Haufen zerstreut und den Fähnrich, der, nur noch von wenigen Knechten umgeben, in der Linken die Fahne hielt und in der Rechten den geschwungenen Degen. Da schrie der Landsknecht: »Der letzte Streich sei für mich und die Rache«, und sich zur Flucht wendend, schlug er mit dem furchtbaren Schwerte gegen den Arm des Fähnrichs, daß diesem die Hand mit der Waffe zu Boden fiel und der Verstümmelte auf die Fahne hinsank.

Vom Walde flogen die polnischen Reiter heran, und ihr Führer senkte mit brennenden Augen die Lanze, um den Wunden auf dem Fahnentuch zu durchbohren. Aber von der Seite rief eine Stimme: »Hierher, du Henkersknecht, daß ich dir die adlige Feder ausraufe«, und Henner stürmte mit seinem Rennspieß gegen den Polen. Er stach ihn im Nu durch die Gurgel und vom Pferde, doch er selber stürzte gleich darauf, von einem polnischen Streitkolben getroffen, neben Georg auf die Heide. »Armer Henner«, seufzte Georg.

»Gehab dich nicht weinerlich, Jörge«, antwortete Henner leise, und ein Lächeln flog über sein entstelltes Gesicht. »Jetzt liegen zwei beieinander, die zusammengehören; ich aber habe dir meine Treue bewiesen als ein deutscher Edelmann.« Er zuckte, dann lag er still.

Unterdes dröhnte auf dem Felde der Hufschlag eines geschlossenen Reitertrupps, die Verfolger wichen zurück, da, wo der Fähnrich und die Fahne lagen, umschlossen die Reiter im Kreise den Hochmeister. Herr Albrecht stieg ab, beugte sich über den toten Henner, sprach herzlich zu Georg und übergab ihn der Pflege des Arztes in seinem Gefolge. Und zu seinem Vertrauten gewandt setzte er traurig hinzu: »Der Hochmeister kam zu spät, weil seinen Ordensbrüdern der Ritt nicht behagte; jeder Landesherr, der mit angeborenem Recht seinen Leuten gebietet, hätte williger Gehorsam gefunden.«

Der kurze Tag ging zu Ende, bewaffnete Ordensleute schützten die Stätte des Kampfes vor Raubtieren mit menschlichem Antlitz und vor den hungrigen Wölfen, während die Weiber des Trosses mit lauter Klage die Wunden und Getöteten auf ihre Karren luden. Da saß am Steinkreuz unter den Disteln eine alte Frau; über den Leib des starken Hans gebeugt, hielt sie sein Haupt in ihrem Schoße; sie saß unbeweglich und ohne Tränen, nur zuweilen strich sie mit ihren Händen sein graues Haar. Um sie flatterte und krächzte der Rabe, und über die Heide brauste mit mächtiger Stimme der Wind: Aus der Erde wuchset ihr, zur Erde sinket ihr.

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