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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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Aber die Herren im Hofe merkten nach wenig Wochen, daß es schwierig war, unter ihrem Gefolge den Frieden zu erhalten. Denn die Jungen waren stolz und jäh im Zorn und die Alten achteten eifersüchtig auf die Ehre ihrer Herren. So kamen Radgais, der Vandale, und Agino, ein wilder Gesell des Hofes, miteinander in Zwist, weil der Vandale einem Mädchen des Dorfes, das ihm zulachte, eine Spange geschenkt hatte. Darüber wurde Agino unwillig und sprach höhnend: »Wir meinten sonst, daß der Schatz deines Herrn gering sei, jetzt aber sehen wir, daß ihr Gutes im Sacke bergt.«

»Wer sein Leben im Kampfe wagt,« antwortete der Vandale, »dem fällt auch Silber in die Tasche, wer auf der Tenne drischt wie du, dem wachsen Schwielen in die Hand.«

Diese Reden hörten die Hofleute, und als am anderen Morgen Berthar mit seinen Mannen zu dem Speicher kam, um für die nächsten Tage den Rossen Hafer zu holen, da weigerte ihm Hildebrand, der in der Wirtschaft Ausgeber war, den gedroschenen Hafer, und er sprach: »Habt ihr die schwieligen Hände unserer Knaben geschmäht, so mögt ihr die Garben auch selbst ausstampfen mit euren Füßen oder mit denen eurer Rosse, wie es euch gefällt; meine Gesellen weigern sich der Arbeit für euch, da ihr so gröblich redet. Nehmt den Hafer in Garben und nicht in Säcken.«

Begütigend antwortete Berthar: »Unrecht war es von meinem Gesellen, den Landesbrauch der Wirte zu verachten. Aber du selbst bist ein bewanderter Mann und weißt, daß die Bräuche auf Erden verschieden sind. Anderswo heben die Bankgenossen eines Herrn nur die Garben in den Bansen, sie schneiden und schwingen das Futter, und auf dem Felde reiten sie mit der Egge, aber es gilt ihnen für unrühmlich, den Pflugsterz und den Flegel zu halten. Darum übe Nachsicht mit meinem Gefährten, weil ihn als fremden Mann eure Sitte wundert.«

Aber Hildebrand versetzte unwirsch: »Wer unser Brot ißt, soll sich unserem Brauch fügen; darum nimm nur die Garben, denn fortan erhältst du nur diese.«

Da mußten die Vandalen mit Garben bepackt zu ihrem Stalle ziehen, und Berthar befahl grimmig: »Werft die Garben in die Futterbank und schneidet, bis das Eisen bricht.«

Seit jener unweisen Rede des Radgais gab es manchen Streit unter den Mannen, aber beide Teile waren bemüht, ihn vor den Herren zu bergen. Beim Kampfspiel hatten sie anfänglich in denselben Reihen gestanden und einer des anderen Kampfweise nachgeahmt, wie die Fürsten ihnen geraten, jetzt traten sie gesondert in den Wettkampf, so daß der Fürst vor dem Reiterspiel mit Schild und Stange zu Theodulf sagte: »Warum halten die Gäste abseit auf ihren Rossen, gern schauten wir, wer das beste Lob verdient.« Da antwortete Theodulf: »Sie selbst wollen den Wettkampf nicht leiden, zu hart schellen die Stäbe der Thüringe auf ihre Schilde.« Und der Fürst ritt zu Berthar: »Wohlauf, Held, mische deine Reihen mit unserem Volk.« Da antwortete auch der Alte: »Nur um des Friedens willen halte ich unsere Knaben gesondert, damit nicht in der Hitze des Kampfes ein falsch geworfener Stab Streit errege.« Und der Fürst mußte schweigend dem getrennten Ritt zuschauen. Er mußte auch hören, wie seine Hofmannen spöttisch lachten, wenn die Fremden mit ihren Keulen warfen; dann rief aus den Reihen der Thüringe wohl ein kecker Gesell das peinliche Scheltwort: »Hundeschläger.« Und wieder, wenn die Hofleute beim Steinwurf sprangen und einem der Schwung mißglückte, dann zogen die Vandalen ihre Mienen kraus und summten ein höhnendes Wort, das sie erfunden hatten, weil die Thüringe bei ihren Mahlzeiten runde Ballen aus Teig von Weizenmehl vor vielem anderen hochachteten.

Und als nach dem Spiel der Reigentanz begann, da konnte man sehen, daß die Mägde vom Hofe sich nur zu ihren Landgenossen gesellten, und wenn die Fremden nicht ein Dorfkind fanden, das mit ihnen zum Reigen antreten wollte, so mußten sie zusehen. Darüber wurde der Fürst unwillig, und er rief zu den Vandalen: »Warum verachten meine Gäste das Hofgesinde?« Und wieder antwortete Berthar: »Die Mädchen des Hofes klagen, daß unsere Sprünge ihnen die Knöchel renken.« Da trat die kecke Frida hervor, neigte sich gegen den Alten und sagte: »Wenig kümmere ich mich darum, ob ich anderen mißfalle, wenn ich die Hand eines Fremden ergreife. Denn ich kenne einen vom Hofe, der die Mädchen bedräut hat, wenn sie sich mit den Gästen schwingen. Gefällt dir's, Held Berthar, und achtest du mich nicht zu gering, so führe du mich zum Tanze.« Berthar lachte und mit ihm die Herren, der Alte faßte die Hand der Jungfrau, sprang wie ein Jüngling und schwenkte sie rüstig über den Rasen, daß alle auf ihn sahen und Beifall riefen.

Die Fremden merkten wohl, daß die Fürstin ihnen gar nicht gewogen war, selten nur redete sie die edelsten unter ihnen an, selbst den Helden Berthar nicht, obgleich er von erlauchtem Geschlecht stammte. Aber auch die Fürstin fand Grund zur Klage, denn zwei von den Vandalen, die Brüder Alebrand und Walbrand, hatten mit zwei Mägden der Fürstin scharfe Worte gewechselt und hatten diesen am Abend aufgelauert und die Widerwilligen geküßt und ihr Gewand verschoben. Darauf trat die Fürstin im Hofe zu Ingo und erhob laute Klage über die Unzucht seiner Mannen, und Ingo, tief gekränkt durch die harten Worte der Fürstin und durch die Missetat seines Gesindes, hielt Gericht über die Schuldigen in der Gastherberge. Und obwohl sich bei der Prüfung ergab, daß es mehr Übermut als arger Frevel gewesen war, so strafte er sie doch hart mit Worten und setzte sie zu sichtlichem Schimpf herab in die unterste Stelle an seiner Bank. Traurig saßen seitdem die Übeltäter im Kreise der Genossen. Aber die Gnade der Fürstin erwarben die Fremden darum doch nicht. Als Ingo einst früher denn sonst vom Herde des Fürsten in seine Herberge kehrte, vernahm er in dem neuen Anbau daneben das scharfe Knirschen der Mühlsteine, und er fragte Berthar erstaunt: »Drehen die Mägde den Mühlstein im Schlafhause der Männer?« Da antwortete der Alte: »Weil du selbst fragst, sollst du es wissen. Nicht die Dirnen drehen, deine Knaben müssen die ruhmlose Arbeit unfreier Weiber vollenden, wenn sie ihr Brot essen wollen; denn die Mägde weigern sich, noch weiter für uns das Mehl zu mahlen, und die Wirtin gibt ihnen recht. Bitter ist solche Arbeit für die Helden eines Königs. Gern hätten wir dir verborgen, was deinem Gastfreund zur Unehre gereicht.«

Ingo trat hinter einen Pfeiler und bedeckte sein Gesicht mit der Hand.

Draußen heulte der Nordsturm um das Dach und warf eine graue Decke von Schnee und Eiswasser über den Hof. »An die Hausbalken tobt ein ungefüger Gesell,« fuhr Berthar fort, »er ist jetzt Gebieter auf Landstraße und Feld und möchte meinem König die Ausfahrt aus diesem Hofe verwehren. Dennoch ahne ich, daß du darauf denkst. Darum höre noch eins, was mir Held Isanbart, mein alter Kriegsgeselle, vertraute, den ich gestern heimsuchte. Der römische Krämer Tertullus war mit seinen Packpferden im Gau; von Westen kam er und zog nach der Burg des Königs. Du kennst den Mann, bei den Alemannen galt er für den schlauesten Späher des Cäsars. Jetzt hat er den Hof, in dem wir einliegen, vermieden, obgleich hier für einen Kaufmann der beste Markt wäre. Im Gau aber hat er überall nach dir und uns geforscht und hat feindliche Reden geführt, daß der Cäsar dich suche und daß er hohen Preis zahlen würde, wenn er deinen Leib oder dein Haupt unter seinem Banner erblickte, damit die üble Ahnung getilgt werde, welche seit deinem Drachenraube den Römerkriegern das Herz beschwert. Fährt der römische Krämer zum König Bisino, so birgt er in seinem Kasten eher Geschenke an den König als Waren, denn er war gar nicht eilig, die Bündel aufzuschnüren, wie sonst doch die Art dieser Leute ist. Darum saß Isanbart, der Held, sorgenvoll, und er läßt dich warnen, daß du einer Botschaft des Königs weniger trauest als ehedem.«

Ingo legte dem Getreuen die Hand auf die Schulter: »Auch du, Held, willst lieber in die Falle reiten, die uns der König stellt, als noch länger dies Knarren der Mühlsteine hören, womit ein feindliches Weib uns die Ehre kränkt. Dennoch hält es mich hier fest wie in Eisenbanden. Für diese Kränkung erbitte ich bei dem Fürsten Abhilfe, den Gau verlasse ich nicht, bevor ich eins weiß, was ich mit heißem Wunsch hoffe.«

Als Herr Answald am nächsten Morgen mit den Bankgenossen beim Frühstück saß ohne die Fremden, da öffnete sich die Tür, und Irmgard trat auf die Schwelle, hinter ihr trug Frida einen Sack mit Mehl. »Verzeih, Herr,« begann Irmgard, »daß ich dir anzubieten wage, was die Hand deiner Tochter auf dem Mühlstein mahlen half.« Die Jungfrauen stellten den Sack an die Füße des Fürsten. Verwundert sah der Fürst auf den Sack. »Was bedeutet die gestäubte Gabe, soll sie zu einem Opferkuchen für die Götter, weil die Hände freier Jungfrauen den Stein gedreht haben?«

»Nicht zum Opfer,« versetzte Irmgard, »sondern zur Sühne für verletzte Gastpflicht haben freie Hände das Korn gemahlen. Ich flehe, daß du, Herr, wenn es dir recht dünkt, dies Mehl deinen Gästen sendest. Denn ich höre, deine Hofleute weigern ihnen bereits das Mehl zu Brei und Brot, und die edlen Gäste müssen unter deinem Dache selbst die Arbeit unfreier Weiber verrichten.«

Da schwollen dem Fürsten die Stirnadern, und er rief, sich mächtig erhebend: »Wer hat mir diese Schmach angetan? Sprich, Hildebrand, denn dein ist die Sorge für die Mahlzeiten der Gäste.«

Hildebrand beugte sich verlegen vor dem Zorn des Fürsten. »Die Mägde waren erbittert über Ungebühr der Vandalen und weinten über harte Arbeit, und die Herrin meinte, daß sie Grund haben zur Klage.«

»Wie darfst du die Ungebühr weniger durch schweres Leid vergelten, das du allen zufügst? Deinen Herrn hast du entehrt vor seinen Gästen und üble Nachrede geschaffen vor dem Volke. Ergreift zur Stelle den Sack und tragt ihn nach der Herberge der Gäste, und dir, Alter, rate ich, daß du mitgehst und ihnen solche Entschuldigung machst, welche sie willig annehmen. Den Mägden aber sage, wenn sie sich ferner noch einmal beklagen, so soll ihnen eine harte Hand größeres Ächzen verursachen.«

»Zürne nicht den Mägden, Herr,« sprach Irmgard, »sie sind sonst gutwillig und würden auch die gehäufte Arbeit ertragen; aber einer in deinem Hofe unterfängt sich, herrisch mit dem Gesinde zu schalten, und dieser ist dein Schwertträger Theodulf. Viele fürchten sein hartes Wesen und sorgen, ob sie jetzt oder dereinst seine Gunst haben. Er verbietet den Mägden die Arbeit für die Gäste und auch den Tanz, wie es ihm gefällt. Niemand wagt dir das zu klagen; ich aber als deine Tochter gedenke nicht zu leiden, daß in dem Hofe meines Vaters einer, der ein Diener ist, unsere Ehre kränkt.«

Da der Fürst dies vernahm, gedachte er wohl, daß sein Kind recht hatte und fühlte doch auch geheime Sorge, weil die Jungfrau mit solcher Mißachtung von dem Manne sprach, den er ihr in der Stille zum Gemahl bestimmt und der jetzt so grimmig vor ihm stand. Er wurde deshalb wildzornig auf alle und rief der Tochter zu: »Nicht umsonst hast du die Mühle gedreht, wie harter Stein zermahlen deine Worte den Leumund deines Verwandten. Dennoch tadle ich deine Gabe nicht, denn sie vermag vielleicht eine schwere Beleidigung zu sühnen. Du aber«, rief er, drohend die Hand gegen Theodulf erhebend, »vergiß nicht, daß ich in diesem Hofe Herr bin, solange ich lebe, damit ich nicht vergesse, daß die Hausfrau dir Gutes wünscht. Wagt einer von euch noch gegen die Gäste feindliche Rede oder geheime Tücke, so dürfte der Hof und seine Haut für ihn zu enge werden.«

Herr Answald wies alle hinaus und kränkte sich einsam. Endlich ging er in das Haus der Fürstin und sprach auch zu dieser zornige Worte und geringes Lob gegen ihren Vetter Theodulf. Frau Gundrun verfärbte sich, sie merkte wohl, daß sie zu viel gewagt hatte und daß ihr Gemahl mit Recht um üble Nachrede besorgt war, und sie sprach begütigend: »Das mit den Mägden sollte für die Fremden nur eine Warnung sein, damit sie das Hofrecht scheuen, es ist abgetan und wird in Zukunft vermieden, sorge auch du nicht weiter darum. Und was den Vetter betrifft, so weißt du ja, wie treu er dir gedient hat und daß er um deinetwillen seine Narben trägt.« Und als es ihr gelungen war, den Herrn ein wenig zu besänftigen, fuhr sie fort: »Wie sorglos war vor wenig Monden der Blick in Hof und Flur, jetzt aber schwand der Frieden im Hause, die Eintracht im Lande, und mit Schwerem bedroht der Zorn des Königs. Ein erlauchter Mann ist dein Gast, aber Unheil hängt sich an seine Fersen. Ich denke an deine Tochter, Herr, sie fleht, daß die Vermählung mit Theodulf gemieden wird. Wider den Willen der Eltern hebt sich begehrlich der Sinn des Kindes.«

»Was hat Ingo mit dem Groll des Mädchens zu tun?« fragte der Fürst ärgerlich.

Frau Gundrun sah ihn mit großen Augen an. »Wer zu Rosse dahinfährt, achtet wenig auf das Kraut am Boden. Merke, Herr, auf ihre Blicke und Wangen, wenn sie einmal mit dem Fremden spricht.«

»Kein Wunder, daß er ihr gefällt«, versetzte der Fürst.

»Wenn er aber an Vermählung denkt?«

»Das ist unmöglich«, rief der Fürst mit mißtönendem Lachen. »Er ist ja ein Gebannter ohne Habe und Gut.«

»Warm sitzt sich's am Herd in den Waldlauben«, fuhr die Fürstin fort.

»Ein Fremder sollte so Unsinniges wagen, ein Mann, der gar nicht von unserem Volke ist und kein anderes Recht hat, als daß ihn die Landgenossen dulden? Unnötig sorgst du, Gundrun, schon der Gedanke daran empört mir den Mut.«

»Wenn du so meinst,« sprach die Fürstin nachdrücklich, »dann freue dich nicht des Tages, an dem er unser Haus betrat, nicht des Sanges in der Halle und nicht der fahrenden Männer, welche jetzt bei uns einliegen, auf das Gastrecht pochend und das Gut meines Herrn verzehrend. Der König begehrt den Fremden, laß ihn ziehen, bevor er und sein Haufe vielen unter uns Jammer bereitet.«

»Weißt du mehr von Vertraulichkeit zwischen ihm und meinem Kinde, als du mir sagst?« fragte der Fürst, vor sie tretend.

»Nur was sich dem ankündet, der sehen will«, versetzte die Fürstin vorsichtig.

»Mit großem Geräusch und freudigem Herzen habe ich ihn empfangen,« fuhr Herr Answald fort, »jetzt vermag ich ihn nicht als einen Überlästigen zu entsenden. Den Gemahl der Tochter zu wählen, ist des Vaters Recht, und keine Vermählung gibt es für das Kind als durch den Vater, das weiß auch dein Kind, da sie nicht sinnlos ist. Ich gedenke des Eides, den ich deinen Freunden gelobt, du aber bändige, wenn du kannst, den Hochmut deines Neffen und sorge dafür, daß er sich unserem Kinde werter macht als er jetzt noch ist, damit nicht der Trotz der Jungfrau im nächsten Frühjahr aufbricht, wenn wir sie zur Vermählung schmücken.«

Seit diesem Morgen war Herr Answald in seinem Gemüte beschwert, sooft er den Fremden gegenübertrat; unmutig erwog er die Vermessenheit und achtete mißtrauisch auf Wort und Gebärde des Gastes, und er dachte zuweilen selbst, daß das Lagern um seinen Herd im Winter eine Last sein werde. In diesen Tagen des Mißmuts ritt Held Sintram ein, als Unglücksbote vom König an den Häuptling und den Gau gesandt. Denn der König erhob helle Klage über das versteckte Hausen der fremden Schar und forderte unter Drohungen ihre Auslieferung in seine Hände. Der Fürst erkannte, daß entweder dem Gaste oder ihm und den Landgenossen eine nahe Gefahr drohe. Da er kein niedrig denkender Mann war, so gewann er seine Würde zurück, er trat vor Ingo und sagte ihm offenherzig, daß er die Häupter des Gaues unter dem Vorwande einer Jagd zu stiller Beratung laden werde. Ingo neigte sich nach den Worten beistimmend und versetzte: »Die erste Rede gehört hierbei den Wirten, die zweite dem Gaste.«

Die Boten ritten; drei Tage darauf saßen die Edlen und Weisen des Gaues wieder am Herde des Häuptlings. Aber es war nicht mehr Sommerluft, wo der Sinn der Männer fröhlich über der Erde waltet, sondern harte Winterzeit, wo sich Sorge und Groll erheben. Diesmal war die Miene des Fürsten kummervoll, als er begann: »Eine zweite Botschaft sendet der König um den Helden Ingo und sein Gesinde, und diesmal an die Gaugenossen und mich, nicht durch den Sänger, sondern durch den Helden Sintram. Der Volkskönig fordert die Fremden für seine Königsburg; ob wir seinem Gebot widerstehen oder unser Heil bedenkend nach seinem Willen tun, das frage ich.« Darauf erhob sich Sintram und wiederholte die Drohung des Königs: »Mit Gewalt will er die Fremden holen, wenn wir sie nicht senden, seine Mannen toben laut und freuen sich des Zuges gegen unsere Höfe. Einst habe ich vordenkend gewarnt, jetzt droht uns nahe das Unheil. Hatten wir auch gelobt, den Fremden gastlich zu schützen, jetzt ist nicht er es allein, der auf dem Lande liegt, ein fremdes Geschlecht reitet durch unsere Täler und lästig wird dem Volke das wilde Gesinde.« Langes Schweigen folgte der Rede, bis Isanbart endlich die Stimme erhob: »Da ich alt bin, wundert mich nicht, wie leicht sich der Sinn der Menschen ändert; schon ehedem sah ich manchen Wirt, der fröhlich war, einen Gast zu begrüßen, aber fröhlicher ihn zu entlassen. Darum mögest du, o Fürst, vor allem den Landgenossen sagen: hat der fremde Held das Hofrecht verletzt und deine Ehre geschädigt, oder hat sein Gesinde Missetat geübt im Volke?« Zögernd versetzte Fürst Answald: »Ich klage nicht über Frevel, die der Gast verübt, doch ungefüge und fremdländisch ist die Art seiner Mannen und sie eint sich schwer unserm Landesbrauch.« Da nickte Isanbart mit seinem grauen Haupt und sprach: »Dasselbe habe auch ich erfahren, da ich mit deinem Vater Irmfried im Land der Vandalen als Gast niedersaß. Auch wir waren, soweit ich gedenke, den Vandalen ungefüge und fremdländisch. Doch unsere Wirte lachten freundlich darüber und verglichen den Zwist der Mannen, wo er ausbrach, immer haben sie uns gebeten, länger zu weilen und mit reichem Gastgeschenk haben sie uns entlassen, als wir endlich heimritten. Darum meine ich, Vorsicht geziemt dem Wirt, bevor er fremde Gäste aufnimmt und Nachsicht, solange sie unter seinem Schutze weilen.« Und Rothari, den sie Pausback nannten, sprang auf und rief: »Bei jedem Volk der Männererde ist, soweit ich verstehe, ein Gesetz: zu seinem Herrn gehört das Gesinde. Wer den Herrn aufnimmt, kann seinem Gefolge den Frieden nicht weigern, wenn die Fremden nicht selbst sich durch Missetat friedlos machen. Wohl verstehe ich, daß die Zahl der Schwurgesellen deinem Hofe, o Fürst, zur Last wird, denn allzu groß ist die Zahl der Männer und Rosse für einen Hof. Du aber begehrtest, als sie kamen, die Ehre, sie allein vor anderen zu beherbergen. Wären sie in den Höfen der Edeln und Bauern verteilt je nach ihrer Geburt, dann hätten die Gäste niemanden beschwert und hätten beim Abendfeuer am Herde viele durch ihren Bericht aus fremden Ländern erfreut.« Gekränkt antwortete der Fürst: »Ich habe den Rat nicht über das Lagern in meinem Hofe gefordert, sondern über das Gebot des Königs, welches uns hart bedrängt.« Da sprach Bero, der Bauer, ihm entgegen: »Noch anderes bedrängt uns, Herr, mehr als die zwanzig und zwei Fremden. Der König sucht einen Vorwand, um den Zehnten von unsern Herden für sich zu erhalten und die Garben von unseren Feldern, wir aber erkennen, daß Herde und Ackerland uns ohnedies zu klein werden für unsern Bedarf. Alle Dörfer sind mit rüstiger Jugend gefüllt, sie fordert Baugrund für neue Höfe, Ackerland, Wiese und Waldweide. Wer soll es hergeben, alles ist aufgeteilt und versteint, die Hirten klagen, daß die Herden der Grundherren zu groß werden und der Eckern und Eicheln zu wenig, dem Roden des Waldes widerstehen die Gemeinden und noch mehr die Häuptlinge. Darum meinen viele, die Zeit sei gekommen, wo unser Volk wieder siedeln muß jenseit der Landesmark wie zur Zeit der Väter und der Ahnen. Und wir fragen in den Dörfern, wo ist leeres Land zum Besiedeln auf der Männererde? So herrscht Mißvergnügen im Volke und unsere Jungen werden dem zufallen, der ihnen freien Ackergrund bietet, selbst wenn es der König wäre. Das sage ich, um zu warnen, denn gefährlich ist die Habgier der Herren, wenn sie die Waffen des Volkes für sich begehren. Dennoch rate ich nicht, daß wir die Gäste dem König ausliefern. Will der König mit Gewalt sie entführen, so möge er es versuchen. Auch mir erregt der Gedanke Grimm, daß die Knaben des Königs mir die Rinder wegtreiben und die Scheuer anzünden möchten, aber von unserem Recht lasse ich mich nicht abdrücken, jedermann wird es für unrecht halten, wenn wir die Gäste im Schneesturm austreiben. Und lieber will ich mit meinem Hofe untergehen als ihnen aus Furcht das Gelöbnis brechen.«

Wieder sprang Rothari auf, schlug vergnügt in die Hand des Bauern und rief: »So spricht ein wackerer Nachbar, hört auf seine Worte.«

Endlich begann auch Albwin mit gewinnender Miene: »Was der Freie gesagt, dem falle auch ich zu. Ich rate, wir halten den Eid, der uns vielleicht lästig wird, wenn die Gäste daran mahnen und sich unsern Schutz begehren. Wollen sie aber freiwillig aufbrechen, so geben wir ihnen Förderung und Gastgeschenke, damit sie ungefährdet ziehen, wohin ihnen der Mut steht. Dem König aber liefern wir sie nicht in die Hand, außer mit ihrem freien Willen.«

Da stimmte die Mehrzahl bereitwillig bei, auch der Fürst und Sintram. Aber Rothari rief zornig: »Ihr wollt handeln wie der Fuchs mit der Bäuerin, als er ihr sagte: ich gelte dir das Huhn, aber fordere nichts.« Und Isanbart warnte: »Wie mögt ihr die Pflicht auf die Seele des Gastes legen, die auf euch und euren Kindern liegt. Wer kann den Wirt loben, der die Großmut des Gastes anruft.«

So stritten die Waldleute gegeneinander und zwiespältig blieb die Meinung.

Unterdes sang Hildebrand im Hofe laut den Jägerspruch und blies auf dem großen Horn die Weidgesellen zusammen. Gerüstet mit Speer und Armbrust, die Bracken an der Leine, eilten die Thüringe aus dem Hoftor; mit dicken Speereisen, mit Hornbogen und Keule kamen die Vandalen, welche der Hunde entbehrten. Hildebrand schied den Jagdzug in zwei Haufen, Hofmannen und Gäste, die Männer aus der Landschaft teilte er beiden zu. Die Jäger sprachen leise den Weidsegen, dann begann Berthar zu dem Jagdmeister: »Schlecht wird es deinen Gästen ohne Hunde auf glattem Pfad gelingen, sorge wenigstens, Held, da du doch die Gänge des Wildes kennst, daß mein Haufe nicht vergeblich den Schnee drückt, denn auch der schnelle Fuß vermag nimmer Wild zu erreichen, wo keines vorhanden ist. Manchmal hast du uns in die Irre gesandt, fern von den Fährten der Waldriesen; achte, wenn dir's gefällt, heut darauf, daß wir nicht vor den Gaugenossen gekränkt werden.«

»Wer Glück und Geschick entbehrt, schilt den Treiber,« versetzte Hildebrand, »du mahnst ohne Grund, ich habe billig geteilt.« Das Horn rief, die Hunde zerrten an den Riemen, fröhlich brachen die Jäger auf und grüßten die Frauen, welche der Ausreise am Hoftor zusahen. Als die Vandalen bei Irmgard vorüberzogen, erhoben sie plötzlich hellen Jubelruf und neigten die Waffen und Knie vor ihr. Auch Ingo trat von der Seite in ihre Nähe.

»Du allein, Held, hörst nicht auf den Jagdgesang?« fragte Irmgard.

»Noch andere bleiben zurück«, versetzte Ingo, nach der Halle weisend.

»Zweifle nicht an ihrer Treue«, flehte Irmgard. »Wenn du bei deinen Helden bist, sorgen wir nicht sehr, daß wieder ein Feuer zwischen ihnen und unseren Männern aufbrennt.« So mahnte ihn das Weib, welches er lieb hatte, selbst zu der Jagd, die manchem kummervoll wurde.

Ingo rüstete sich schnell mit dem Jagdzeug und eilte den Genossen nach, er erreichte sie noch vor der Teilung und wurde von seinen Kriegern mit Zuruf empfangen, auch die Landgäste freuten sich seiner und als gute Gesellen betraten alle den Wald. Hildebrand wies die Pfade, und von den Jünglingen des Dorfes geführt verschwand ein Haufe nach dem andern in den Talwindungen und zwischen den Hochstämmen. Bald erschollen aus der Ferne die Schläge der Treiber an die Stämme, das Gebell der Hunde und zuweilen ein lustiger Hornruf. Diesmal hatten die Vandalen den bessern Erfolg, sie beschlichen eine Auerherde, darunter den mächtigen Stier, der bereits im Hofe verkündet war, und ihnen gelang es, die Herde von der Höhe in ein tiefes Tal zu treiben, wo die Schneewehen den großen Leibern der Tiere den Lauf hinderten. Dort warfen sich die Männer von oben gegen die riesigen Stiere, mit gellendem Jagdruf, mit Pfeilschuß und Speerwurf drangen die Gesellen vom Rand der Höhen talab. Und sie fällten die Herde, nur ein Häuptling der Tiere, das Ungetüm, brach durch zu wegsamerer Stelle. Da warf Ingo das schwere Eisen gegen ihn, ein Blutstrom ergoß sich nach dem Wurf. »Er hat es!« rief Ingo, und der Heilruf der anderen antwortete. Aber der Waldriese arbeitete sich empor bis zum Hochwald, in weiten Sprüngen folgte ihm speerlos Ingo, sein Messer schwingend. Wieder brach das Tier, den Speer schleppend, in ein tiefes Tal, und während Ingo auf der Höhe vorwärts stürmte, um ihm auf schneefreiem Grunde zuvorzukommen, hörte er unten Gebell der Hunde, Jagdruf und Hornklang, und als er sich in das Tal warf, fand er den Stier am Boden, den Speer Theodulfs im Leibe, der Mann aber stand auf dem Tier und blies den Siegesruf. »Mein ist das Wild nach Weidrecht,« rief Ingo und schwang sich auf den Leib des Gefällten, »mein Speer gab ihm den Todeswurf.« Über der Beute standen die Männer gegeneinander und heißer Haß sprühte aus ihren Augen. »Mein ist die Waffe und mein der Stier«, rief Theodulf. Da riß Ingo den Speer des andern aus dem Leib des Stiers und warf ihn weitab, so daß er in den Ästen einer Fichte hängen blieb. Dem Thüring schlugen vor Wut die Zähne zusammen, einen Augenblick machte er Miene, sich im Faustkampf gegen Ingo zu stürzen, aber die stolze Haltung des Mannes verwirrte ihm den Gedanken, er sprang zurück und hetzte die Meute der Hunde gegen Ingo. Heulend fielen die wütenden Tiere den Helden an, vergebens schrie Hildebrand: »Wehe!« Ingo stieß mit seinem Messer das grimmigste nieder, aber auch die Vandalen sprangen herzu, den König aus der Not zu retten und trieben ihre Eisen den Hunden in den Leib. »Geendet ist die Jagd!« rief Berthar befehlend, »jetzt beginnt eine andere, der Bube darf die nächste Sonne nicht schauen, der die Hunde auf unseren König gehetzt hat. Heut waren wir Hundeschläger, wie du uns nanntest, und der letzte Hund, den wir schlagen, bist du.« Er hob die Keule zum Wurf, aber mit eisernem Griff umklammerte ihm Ingo den Arm: »Keiner wage ihn zu berühren, der Mann gehört meinem Schwert. Du aber, Hildebrand, lade die Richter zum Weidgericht, auf der Stelle vor blutiger Spur und erlegtem Wild entscheidet über mein Recht.« Die beiden Haufen wählten gesondert jeder einen Mann, diese den dritten. Die Richter schauten die Wunden, folgten der Todesspur bis zu der Stelle, an welcher Ingos Eisen den Stier getroffen, dann kehrten sie zurück, traten zusammen und sprachen das Urteil: »Dem Helden Ingo gehört die Beute.« Ein wildes Lächeln flog über das Antlitz des Königs, er kehrte dem Stier den Rücken. »Ich rate,« begann Hildebrand mit trüber Miene, »daß die Haufen nicht in gleicher Zeit zum Hofe ziehen, gefällt's euch, ihr Helden, so nehmt den Vortritt.«

»Die leichtesten seid ihr,« versetzte Berthar, »meine Gesellen werden Mühe haben, ihre Beute aus dem Walde zu schleifen. Dennoch meine ich, daß wir auf die Jagdehre nicht verzichten, denn von dieser Jagd wird im Lande noch länger erzählt.« Schweigend schritten die Bankgenossen des Herrn Answald dem Hofe zu, nur Theodulf sprach in seiner hochfahrenden Weise, um durch die Worte den Grimm zu bewältigen, der in ihm kochte; ohne Jagdruf betraten sie den Hof, Hildebrand eilte zum Fürsten. – Es war finster, als die siegvolle Schar mit ihrer Beute ankam. »Blast den Freudenruf,« rief Berthar, »wie so reicher Beute gebührt.« Der Halagesang ertönte, aber niemand öffnete das Hoftor und Wolf mußte vorspringen und den Querbaum zurückschieben. Die Vandalen legten die Jagdbeute vor dem Hause des Fürsten nieder, schieden grüßend von den Genossen aus Thüringen und sammelten sich still in ihrer Herberge.

Der Hof lag finster und der Wintersturm heulte über den Dächern, aber in allen Häusern und in der Halle summte das Geräusch halblauter Rede.

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