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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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In der kleinen Ratsstube saßen am nächsten Morgen die vier Bürgermeister zusammen; der Burggraf, Herr Friedewald, hatte das Antlitz über den Tisch gebeugt, daß ihm das lange weiße Haar über die Augen herabfiel, und zögerte die Beratung zu beginnen. Achtungsvoll harrten die andern, und die beiden jüngsten, Herr Eske und Herr Seuse, richteten zuweilen neugierige Blicke auf ihren Kumpan Hutfeld, welcher aufrecht dasaß mit gefurchter Stirn, als ein Mann, der gewöhnt war, seine Ruhe im Kampfe zu behaupten. Endlich hob der alte Burggraf das Haupt und nach seinem ruhigen Nachbar sehend, fuhr er statt der gebührenden Einleitung in seinen Gedanken fort: »Ich gehöre nicht zu der Freundschaft seines Geschlechtes, aber ich habe den Knaben stets gern betrachtet. Die Bürger hatten auch nicht unrecht, wenn sie seinem Übermut etwas nachgaben, denn viele dachten wie ich, daß er eine Hoffnung der Stadt war. Mancher ist vielleicht umsichtiger und ebenso redlich im Gemüt, er aber hatte die Faust eines tapferen Mannes und sprang vor den anderen in die Gefahr. Er sollte eine Ehre werden für die Stadt und ein deutscher Hauptmann für die Landschaft.«

»Die schnelle Faust ist es, welche ihn von der Bruderschaft, von der Stadt und von dem Sonnenlicht scheidet«, antwortete Hutfeld ernsthaft.

»Ihr seid sein Freund und Pate und sprecht wie Eure Pflicht ist«, fuhr der Burggraf fort. »Wundere sich niemand, daß ich als der Alte bei seinem Verderben auch den Schaden fühle, welcher unsere Stadt bedroht. Ich weiß nicht, ob wir bessere Zucht und mildere Sitte haben als unsere Väter, aber da ich jung war, zogen die Bürger selbst aus den Toren und schlugen auf ihre Feinde, wir greifen in den Beutel und bezahlen fremde Söldner. Die Alten unterfingen sich, weil sie der eigenen Kraft stolz vertrauten, ihr Recht gegen die Ordensleute und gegen die Polen zu vertreten. Wenn unsere Söhne zu klug und zu fein werden, um selbst den Spieß zu tragen, so, fürchte ich, könnten fremde Fäuste ihnen bald einmal das Geld aus den Truhen holen.« Die andern schwiegen. »Und darum«, schloß der Burggraf, »bedaure ich, daß wir guten Stahl zerbrechen müssen, weil er zu scharf geschnitten hat.«

»Das Edikt bedroht den Übertreter nur mit Verbannung«, warf Herr Eske ein. »Ich meine, dem Zorn des Königs geschieht Genüge, wenn wir den Jüngling aus der Stadt senden, weil er der Zerstörung von Ketzerbüchern widerstrebt hat.«

»Ob die Mönche Ketzerbücher verbrannt haben, wissen wir nicht,« antwortete der Burggraf, »aber er wird verklagt und durch Zeugen überwiesen, daß er zum Widerstand gegen den Legaten des heiligen Vaters gerufen und selbst mit hölzerner Waffe den Schädel eines adligen Polen zerbrochen hat, welcher jetzt todwund bei St. Nikolaus liegt.«

»Es wird auch bezeugt werden,« versetzte Herr Eske, »daß der Pole als erster das Schwert gezogen hat, zum zweitenmal in unserer Stadt; der Pole selbst ist dem scharfen Gericht der Stadt verfallen.«

»Er war hier als des Königs Diener und die Bestrafung der königlichen Diener steht beim Könige selbst, uns bleibt nur die Klage. Die Bestrafung eines Knaben aus dem Artushofe heischt der König von der Stadt, und er hat genügenden Grund dafür, denn noch stand die Stadt in seinem Frieden, und allen ist bewußt, Herr Kumpan, daß während dieser Zeit scharfes Recht gilt und jeder handhafte Widerstand gegen des Königs Boten am Leben gestraft wird.«

Und wieder neigte der alte Mann das Haupt und sah traurig vor sich nieder.

»Ist es an dem, daß Hans Buck Arbeit haben soll, so ist ein Opfer genug für den Zorn des Königs«, erinnerte Herr Seuse. »Die Schüler der Johannesschule haben die Steine geworfen und ihr Magister hat sie angeführt. Muß ein Opfer fallen, so ist der Magister ein Fremder und gehört nicht zur Bruderschaft des Hofes.«

»Er hat nur mit Worten gehadert«, entgegnete der Burggraf. »Doch vergaß er die Bescheidenheit und gab seinen Schülern ein böses Beispiel vor allem Volke. Deshalb wird der Stadt unleidlich, daß er in seinem Amte beharre. Dazu hat er die Würde unseres geistlichen Vaters gekränkt, der an Statt seiner Heiligkeit unter uns weilte, und die Stadt wird wohltun, ihm ihren Frieden zu versagen und ihn auszuweisen in kürzester Frist.«

»Er war ein guter Lehrer unserer Kinder und hat sich sonst unsträflich gehalten«, warf Herr Eske ein.

»Er war zu hitzig für uns«, entschied der Burggraf. »Vorschnelles Wort verdirbt auch gerechte Sache. Hat er durch zwei Jahre den Bürgerkindern Gutes getan, so erweisen auch wir ihm Gutes, wenn wir ihn unversehrt an Leib und Habe von uns entsenden, bevor die von St. Nikolaus ihn wegen ketzerischen Irrtums verklagen. Denn ich vernehme, es ist auch Gedrucktes, das aus seiner Feder kommt, gebrannt worden.«

Hutfeld stimmte bei: »Der Elbinger, welcher während des Winters im Hafen lag, hat das Großsegel zum halben Mast gezogen, er ist fertig zur Abfahrt; gefällt es den hochmögenden Herren, so legen wir den Magister und seine Hausgenossen diesem als Ladung auf. Es mag anderen zugute gerechnet werden, wenn die Stadt gegen ihn einen harten Ernst beweist, und den Magister selbst enthebt es größerer Not.«

Damit waren die vier einverstanden, und der Burggraf fragte: »Wer wird Kläger wider den Gefangenen?«

»Der edle Kastellan von Dibow«, antwortete Hutfeld. »Der König besteht darauf, daß die Stadt selbst über den Täter richte, damit der Haß nicht auf ihn falle.«

»Der König war übel beraten, als er beschloß, den Haß der Bürger gegen uns zu wenden«, rief Herr Seuse.

»Wenn der König sich selbst seines Gerichtes begibt,« mahnte wieder Herr Eske, »so rate ich, daß wir ihm dennoch widerstehen und den Täter verurteilen, wie es uns frommt, und nicht, wie es ihm gefällt.«

Die andern sahen finster vor sich nieder.

»Uns frommt, dem König nicht zu widerstehen«, entgegnete der Burggraf nachdrücklich. »Der Waffenstillstand mit dem Hochmeister ist beschlossene Sache, und der König ist mächtiger im Lande als je. Einst, zur Zeit der Großväter, als der Ordensritter zwischen uns saß, verging selten ein Jahr, wo die Ordensleute sich nicht ein Menschenleben als Beute holten, entweder einen Mann oder ein junges Weib, darum verjagten wir die Frevler. Müssen wir jetzt zuweilen ertragen, daß der polnische Bär ein Leben für sich fordert, es geschieht doch nur selten und nie in mutwilligem Bruch des Stadtrechts, denn er haust nicht unter uns.«

»Aber er lauert an unseren Grenzen«, sprach Eske.

»Wo ist bessere Sicherheit auf Erden, und wo ist Friede?« fragte traurig der alte Burggraf.

Kurz darauf öffnete die weinende Barbara dem Bürgermeister Hutfeld die Wohnstube, und wieder standen die beiden Schwäger einander gegenüber. Wer die beiden nicht kannte, durfte zweifeln, welchem von ihnen das Schicksal des Gefangenen mehr am Herzen lag. Denn Marcus stand, seine Angst kräftig bezwingend, gerade aufgerichtet da, und auf des Bürgermeisters Gesicht, das im Rate so unbewegt erschien, lag jetzt die Verstörung. Der Hauswirt enthielt sich nicht förmlicher Begrüßung und bot den Stuhl, Konrad aber beachtete nicht die Höflichkeit und begann sogleich: »Ich komme vom Könige, es ist dort keine Hoffnung.«

»Habt Ihr für meinen Sohn gebeten, hochmögender Herr?«

»Ich tat es.«

»Hast du dem König gestanden, Konrad, daß der Knabe ein Sohn deiner Schwester ist und du ihm vom Taufstein her an Vaterstelle?«

»Wenn das der König weiß, so erfuhr er es nicht durch mich«, versetzte Hutfeld mit gefurchter Stirn.

Marcus trat zurück: »Ich denke, Ihr tatet klug, Euch dem Polen nicht zu verleiden.«

»Ich schwieg nur, weil ich unserm armen Knaben mehr zu nützen glaubte, wenn ich als Bürgermeister von Thorn bat.«

»Und was hat der Rat über Georg beschlossen?« fragte der Vater kalt.

»Du weißt selbst,« antwortete Hutfeld mit zuckenden Lippen, »wie der Verlauf sein wird; morgen früh fällt der Spruch des Gerichtes; noch lag des Königs Friede auf der Stadt, der Verwundete gibt keine Hoffnung, der König, auch wenn er schonen wollte, ist gezwungen, die Steinwürfe zu rächen, welche den Legaten und die Priester getroffen haben.«

Marcus stützte sich mit der Hand auf die Tischplatte. »Die Stadt hat von dem Polen neue Gunst erfahren und wird eifrig sein, seinen Zorn zu besänftigen.«

»Aufschub wäre Rettung,« antwortete Hutfeld bedeutsam, »der König will ihn nicht gewähren. Die Priester haben ihn erzürnt, und er tat, daß ich's hörte, den Schwur: ›Nicht eher kehre ich den Schweif meines Rosses gegen diese aufrührerische Stadt, die ich eben erst durch Huldbeweise geehrt, bis Ihr die Kunde bringt, daß das Urteil vollzogen ist.‹«

»Wenn der Vater den hochmögenden Rat um Aufschub anfleht, würden Bürgermeister und Rat noch einmal den Ritt zum Könige über die Brücke wagen?«

»Wenn der Rat selbst solche Bitte tut und der König sie gewährt, dann übernimmt der Rat auch die Bürgschaft dafür, daß nach Ablauf der Frist der Gefangene zur Stelle ist«, versetzte Hutfeld ablehnend, und nach einer Weile fuhr er fort: »Als ich heimritt, dachte ich daran, daß du stets bemüht warst, dir den guten Willen der Geschorenen zu sichern. Ich weiß, daß sie dir als einem Rechtgläubigen vertrauen. Die guten Dienste des Vaters könnten wohl die Missetat des Sohnes überwinden, wenn du den Bischöfen jetzt eine goldene Sühne bietest.«

»Habe ich als treuer Sohn der Kirche von meinem irdischen Verdienst geopfert, so habe ich es getan, um die Gunst der Heiligen für mich zu gewinnen, nicht die der Priester. Ihr wißt so gut wie ich, daß es vergeblich wäre, Gold an den hochwürdigen Legaten Zacharias zu zahlen, da dieser ein Welscher ist. Denn er würde jede Gabe willig annehmen und auch mit lauten Worten Fürbitte einlegen, zu gleicher Zeit aber durch die geistlichen Väter der Polen den König aufstacheln, damit die Kränkung seiner Würde dennoch gerächt werde. Den polnischen Herren aber vermag man ihren Zorn nie in den ersten Tagen abzukaufen, sondern erst nach einiger Zeit.«

Die beiden Welterfahrenen sahen einander an. »Dann bleibt noch ein Mittel,« begann Hutfeld feierlich, »das letzte.«

»Ihr sprecht zu einem Vater, hochmögender Herr.«

»Ich geleite dich zum Könige und schaffe, daß du vor sein Angesicht geführt wirst ohne Zeugen. Tu den Kniefall des Bittenden und gib dem König eine Verheißung. Ich weiß, er begehrt sich den Eichwald, der bei Nessau deinem Hause verblieben ist, beweise ihm darin guten Willen, und du magst von ihm gleiche Gefälligkeit erwarten. Du hast nie vor seinem Angesicht gestanden, und es ist wohl möglich, daß er den Namen deines Sohnes ohne gute Meinung gehört hat; gewinnst du diese durch Demut und Gefügigkeit in seine Wünsche, so gewährt er dir, was er irgend vermag, nicht Verzeihung für Georg, aber längeren Aufschub und dadurch die Wahrscheinlichkeit, ihn zu retten, so oder so.«

Marcus sah vor sich hin, während Hutfeld warm auf ihn einredete. Als er das Haupt erhob, fand er die Augen des andern ängstlich und forschend auf sich geheftet. Er richtete sich hoch auf. »Gilt der alte Burgwald von Nessau für ein so königliches Geschenk, daß der König von Polen darum den Kopf eines Deutschen freigibt, den er werfen könnte? Ich bin nicht gewöhnt, königliche Herren durch Geschenke zu verpflichten, und ich fürchte, ich könnte straucheln, wenn ich den Wald in der Hand tragen und dabei niederknien sollte. Erlaßt mir die Kniebeugung, die ich bisher nur vor dem Himmelsherrn und seinen Heiligen geübt habe, und nehmt den Wald für das Haupt des Knaben, den Eure Schwester unter dem Herzen getragen. Nehmt den Wald, Ihr selbst, die Stadt, der König, ganz wie Eurer Weisheit am förderlichsten scheint.«

Hutfeld versetzte unwillig: »Wundert Euch nicht, wenn andere für Euren Sohn nicht tun, was Euch selbst zu tun nicht gefällt. Soll ein Angebot dem Leben des Sohnes frommen, so muß die demütige Bitte des Vaters dasselbe annehmbar machen.«

»Soll ich demütig flehen, so vertraue ich vor allen den heiligen Fürbittern.«

»Dann scheide ich von Euch mit noch größerem Leide, als ich herbrachte, denn ich sehe keine Hilfe, die Ihr und ich miteinander beraten könnten.«

»Ich danke Euch für Euren guten Willen, Herr Bürgermeister«, sprach Marcus; aber plötzlich, auf den andern zutretend, erhob er die Hand und rief drohend: »Wahrlich, Konrad, das Blut deines Schwesterkindes wird auf dein Haupt fallen, denn du bist es, der dem Dienst des Königs meinen Knaben opfert.« Seine Augen flammten, und die Faust bebte in starker Bewegung.

Hutfeld trat einen Schritt zurück, aber er wich nicht dem Zorn des Vaters, sondern entgegnete leise: »Hüte du dich selbst, Marcus, daß du nicht deinen Sohn um ein Traumbild hinopferst, das – wenn es etwas anderes wird als ein Traum, dein und deines Sohnes Haupt auf dieselbe Stätte führt, auf der dein Vater endete.«

»Damals stand Konrad Hutfeld neben mir und hielt meine Hand!«

»Damals machtest du es deinen Freunden nicht so schwer, dir zu dienen, als jetzt«, antwortete Hutfeld bewegt.

»Wo liegt mein Knabe in Haft? Man hat mir den Zutritt zu ihm verweigert.«

»Nur bis der Spruch des Gerichtes gefallen ist«, versetzte der Bürgermeister. »Er ist in der Artuskammer des Kerkerturmes. Die Stadt hat bis jetzt die Pflicht, ihn zu bewahren. Da er unter alt und jung manchen verwegenen Freund zählt, werde ich den Kastellan von Dibow, der als des Königs Kläger in die Stadt geritten ist, heut, wenn die Abendglocke läutet, auffordern, den Zugang vom Turm von der Alt- und Neustadt her zu bewachen, damit die Stadt der Verantwortung enthoben werde.«

»Nehmt meinen Dank, namhafter Herr, für diese Vorsicht«, antwortete Marcus. Beide sahen einander schweigend an, endlich streckte Hutfeld die Hand aus, Marcus ergriff sie, und die beiden Schwäger tauschten einen Händedruck, doch wurde kein Wort mehr gesprochen.

Marcus blickte auf die geschlossene Tür und murmelte: »Ich kenne dich, und ich weiß, daß zwei scharfe Augen auf meine Wege spähen. Der Streit, welcher zwischen uns begonnen, wird einen von uns beiden verderben. Heut aber muß ich am Leben meines Sohnes prüfen, ob du ein redlicher Gegner sein kannst.« Er öffnete schnell die Schreibstube und rief seinen Gehilfen Bernd. Unterwürfig trat der stille Mann ein und erwartete in kummervollem Schweigen die Aufträge des Meisters. Sie verhandelten leise, dann rief Bernd den Dobise in die Stube und ließ den Herrn mit seinem Knechte allein. Endlich schlich Dobise in seine Geschirrkammer, und Bernd eilte aus dem Hause dem Strome zu. Als es dunkel wurde, verließ auch Dobise durch die Hintertür das Haus. Marcus schritt allein mit gerungenen Händen auf und ab. Die weinende Magd brachte das Licht und begehrte Trost von ihm. Er wies sie mit einer Handbewegung hinweg und hob aus dem geheimen Schranke das Buch, über dem er in stillen Stunden am liebsten saß, hastig wandte er die Blätter: »Zu dir flehe ich vor allen, Gebenedeite, holde Jungfrau Maria, du Königin von Preußenland. Oft haben meine Vorfahren und oft habe ich deine Gnade erfahren, auf deinem Mantel trugst du, wie die Sage kündet, die Seelen meiner Ahnen in die Himmelshalle, über dem Mastkorb unserer Schiffe schwebtest du und wehrtest der bösen Macht des Eises und des Sturmes, nach jeder Fahrt nahmst du huldvoll den Herrenzins von gewonnenem Gut. Du bist es, in deren Dienst ich lebe, damit dein Reich aufs neue erhoben werde vom Haff bis über den Strom, sei mir auch heut barmherzige Fürbitterin. Doch nicht dich allein bemühe ich für die Rettung meines Sohnes. Darum rechne mir meine demütigen Dienste nicht ganz auf gegen seine Rettung, damit ihm und mir noch eine Hoffnung bleibe für unsere Stadt und unser Land. Wenn ich Gnade bei dir gefunden habe, so erweise mir diese auch bei anderm Wunsch, von dem du aus ungezählten Bitten weißt.« Er schlug mehrere Blätter um. »Sei gegrüßt, St. Johannes, Prediger in der Wüste. Ich armer Sünder habe dir treu angehangen, denn immer dünkte mich meine eigene Sorge als ein Abbild der deinen. Auch ich habe gelebt in der Wüste, und ich bin in irdischem Kampf der Vorläufer eines Größern, der vollenden soll, was ich im kleinen begann. Das Haupt meines Vaters fiel unter dem Schwert, wie das deine, und ich, der Sohn, lebe, wie du gelebt hast, in der Sorge, daß mir dasselbe geschehe. Gedenke heut meines Flehens und der Werke, die ich nach Kräften deinem Heiligtum zugewandt, und schütze den Sohn in der Gefahr, die uns jetzt umgibt.« Und bei dem dritten Blatt sprach er: »Ich weiß, heiliger Nikolaus, daß manche in deinem Heiligtum meinem Knaben abgeneigt sind, laß ihn heut seine Vermessenheit nicht entgelten. Man rühmt von dir, daß du selbst fröhlicher Mummerei nicht abhold bist und dem Possenspiele der Kinder freundlich zusiehst; auch mein Sohn ist nur kindisch einhergesprungen auf den Straßen der Stadt, und als er sich gestern gegen den Zug auflehnte, der aus deinem Klosterhofe zog, tat er es nicht in hartem Unglauben, sondern als ein Schulknabe, der seinem Lehrer die Treue beweisen will. Ich habe Goldstoff auf deinen Altar gelegt und dir neue Kerzen angezündet zur Sühne für deine Priester. Darum sei auch du nicht strenge gegen ihn und widersprich nicht, wenn andere Heilige für ihn bitten.« Und er blätterte weiter. »Zu dir flehe ich heut vor andern, St. Jakob in der Neustadt, du bist als Helfer in Todesnöten weit berühmt und angerufen in der ganzen Christenheit. Sonst habe ich dich mit meinem Flehen selten beschwert, heut hebe ich als ein jammernder Vater zu dir die Hände.« Er warf sich auf den Boden. »Nimm gnädig das Gelübde an, das ich in dieser Stunde ablege. Dorthin, wo im Lande Hispanien dein großes Heiligtum errichtet ist, will ich büßend ziehen in Betfahrt nach armer Pilger Weise, wenn deine Fürbitte meinen Knaben vom Tode löst. Habe Mitleid mit seinem sorglosen Gemüt, er ist ein frischer Gesell, ich habe ihn streng gehalten und fern von dem gefährlichen Werk, das ich selbst betreibe, harmlos lebt er noch dahin in seiner Jugendblüte, und ich denke, keine schwere Sünde lastet auf seiner Seele. – Jeden von euch vieren flehe ich an und alle vier zusammen, ihr seid die großen Helfer von Thorn, in eurer Obhut steht die Mauer und der Strom, alle Herrlichkeit und Macht unserer Stadt, und in eurer Hand sind die Seelen aller Großen und Kleinen, der Lebenden und der Toten.« –

Das Dunkel der Nacht lag auf den Gassen, doch in der Stadt blieb es unruhig, die Schenken waren überfüllt, und wenn sich eine Tür öffnete, drang mit dem Lichtschein lautes Geräusch der Stimmen auf die Straße, häufiger als sonst schritten Ratsherren und ansehnliche Bürger mit ihren Dienern, welche die Laterne trugen, über den Markt; am lautesten schwirrten die Stimmen in der Nähe des Kerkertores zwischen alter und neuer Stadt. Dort erhob sich über dem Tore ein festes Haus mit dicken Mauern, zur Seite mit einem runden Turm, der wie viele andere über die Fluchtlinie der Stadtmauer ragte. Georg saß in dem Herrengelaß des Turmes, welches man im Spott die Artuskammer nannte. Es war ein kahler Raum mit hoher, schmaler Lichtöffnung, er enthielt einen alten Tisch und eine Lagerbank, die Wände waren bis zur halben Höhe verkleidet, nicht mit Holz, sondern mit Eisenplatten, an welche in regelmäßigen Zwischenräumen starke eiserne Ringe geschmiedet waren, um Ketten daran zu befestigen. Als vom Turme zu St. Johannes die Abendglocke läutete, zog eine Schar bewaffneter Polen vor das Kerkerhaus, geführt von dem Kastellan des Königs, geleitet vom Bürgermeister selbst. Hutfeld betrat mit dem Kastellan das Haus, rief den Schließer und gebot: »Weist dem edlen Herrn bei Lichte den gefangenen Mann, schließt die Tür vor seinen Augen und hängt das Schlüsselbund an den Haken. Das Gelaß gehört innen der Stadt, draußen den Wächtern des Königs.«

»Wenn ich gutstehen soll für den Gefangenen,« sagte der Kastellan, »so begehre ich auch die Treppe zu hüten, den Wächter und seine Schlüssel.«

»Es sei für diesmal,« versetzte Hutfeld, »doch daß es kein Beispiel gebe gegen die Rechte der Stadt.«

Der Kastellan ließ das Gefängnis öffnen, trat ein und sah, ohne den Gefangenen zu beachten, mit dem Grauen, welches auch ein wackerer Krieger in verschlossenen Mauern fühlt, die furchtbare eiserne Rüstung an der Wand. Er nahm das Licht und untersuchte die Wände, alles war fest gefügt. Er blickte nach der Höhe. »Durch das Luftloch könnte sich vielleicht ein schlanker Leib zwängen.«

»Es hat's nie jemand versucht«, antwortete der Schließer kopfschüttelnd. Das Gefängnis wurde verschlossen, zwei Bewaffnete auf die Stufen der Treppe gestellt, zwei andere in das Zimmer des Schließers vor das aufgehängte Schlüsselbund, und diese sahen lachend zu, wie der Schließer sich mit untergeschlagenen Armen niedersetzte und murrte: »Es geschieht zum erstenmal, daß der Schließer von Thorn durch polnische Säbel seines Amtes enthoben wird.«

In zwei Haufen lagen die Polen vor dem Gefängnis und bewachten von der Altstadt und Neustadt die geschlossenen Pforten, sie zündeten große Feuer auf der Straße an, und die rote Flamme erhellte die kleinen Fenster des Baues und die Mauer, so daß man selbst ein Wiesel erkannt hätte, welches auf der Höhe lief.

So verging Stunde auf Stunde; die Polen um das Gefängnis tranken, schrien und erhoben wilden Gesang, der die Bürger der benachbarten Häuser tief kränkte. Oben in der eisernen Kammer lag Georg auf der Bank. Von den Feuern drang ein rötlicher Schein durch die Fensterluke, zuweilen trieb der Wind eine Rauchwolke herein, dann starrte Georg in der Dämmerung auf die Wirbel des Dampfes. Er wußte wohl, daß er in üblem Handel war, aber die Größe seiner Gefahr kannte er nicht. Ihn wunderte, daß er den ganzen Tag ohne Zuspruch aus dem Vaterhause geblieben war, auch der trübe Ernst des Schließers hatte ihn für kurze Zeit nachdenklich gemacht, und als am Abend der Kastellan eindrang und das Gefängnis untersuchte, ohne ihn selbst zu grüßen oder wie einen Lebenden zu beachten, da fiel größere Sorge auf sein Herz, und das Geschrei der Wächter wie der Feuerschein wurden ihm unheimlich. Aber immer tröstete er sich damit, daß er ein junger Bruder des Artushofes sei und daß auch diesmal, wie bei allen früheren Händeln, die er mit der Stadt gehabt, das Drohen ärger sein werde als die Strafe. »Sie sagen, ich bin ein Sonntagskind,« sprach er endlich müde, »diesen kommt das Glück im Schlafe. Wenn ich nur wissen könnte, wie es ihr ergangen ist, ich wollte das harte Lager mir ganz vergnüglich gefallen lassen.« So entschlief er. Im Traume kam ihm vor, als ob er in seiner Kammer läge und Dobise mit der Leuchte hereinschliche, um ihn zu wecken, wie er jeden Morgen tat. Er weigerte sich, zu erwachen, und murmelte: »Tölpel, noch ist es nicht Zeit.« Aber die Leuchte fuhr fort zu flackern, er öffnete die Augen und sah in Wahrheit den Dobise mit einer kleinen Blendlaterne vor sich stehen. Erstaunt richtete er sich auf und rieb die Augen. »Nehmt hier dies in Eure Hand«, flüsterte Dobise mit heiserer Stimme und hielt ihm ein kleines Kruzifix hin. »Der Alte schickt es Euch, daß Ihr darauf schwört bei dem Manne am Kreuz und bei den vier großen Stadtheiligen, das Geheimnis dieser Kammer niemals zu verraten, auch nicht, um Euer Leben vom Tode zu retten. Schwört, denn morgen mittag faßt Hans Buck Euren Hals, wenn Ihr nicht vorher entrinnen könnt. Auch Euer Großvater saß hier, bevor er gerichtet wurde; ihm aber hatten die Herren vom Hofe den Ausgang gesperrt.«

Georg sprang auf: »Steht es so, dann schaffe mich fort, wenn du kannst. Wo ist dein Schwanz, du Teufel?« Hastig sprach er den Eid, Dobise steckte das Kreuz ein. »Harret noch ein wenig,« flüsterte er, »erst muß ich den wilden Polen etwas vormachen.« Er schlang einen Strick in einen der Eisenringe an der Wand und warf das andere Ende, welches durch ein Gewicht beschwert war, aus der Fensterluke, das Seil zog sich straff. »Dort hinaus kann nur ein Kater, aber nicht wir beide. Mögen sie sich darüber die Köpfe zerbrechen,« raunte er mit schlauer Miene, »Ihr aber folgt mir.« Er ergriff an der andern Seite der Wand einen Ring, drückte und zog, ein Feld des eisernen Tafelwerks sperrte sich auf, und eine dunkle Öffnung, der niedrige Zugang zu einer engen Treppe, wurde sichtbar. Dobise wies in die schwarze Tiefe und lachte: »Nur die drei Ältesten der Bruderschaft kennen das Geheimnis, und der vierte bin ich, denn die Herren müssen einen haben, der mit dem Eisenwerk umzugehen weiß und der seinen Hals für sie wagt. Nehmt die Leuchte und kriecht voran, damit ich hinter Euch zusperre. Sie sagen, dies Kunstwerk wurde von einem Schlosser aus Nürnberg erfunden. Auch wer guten Witz hat, wird von der Kammer aus die Tür nicht erraten.«

»Fort«, mahnte Georg flüsternd; er tauchte in die dunkle Wölbung hinab und hielt auf der Treppe kniend die Leuchte, während Dobise die eiserne Tür von außen zuzog, verriegelte und noch durch eine hölzerne Tür verschloß. Tief gebückt strichen die Flüchtigen in einem schmalen Mauergang, die dumpfe Luft machte das Atmen schwer, und der Weg wollte kein Ende nehmen, zuweilen stiegen sie Stufen hinab, dann ging es wieder eine Weile eben fort. Zuletzt war der Gang durch eine Wand geschlossen, Georg fühlte an den kalten Stein. »Der Weg hat ein Ende.«

»Fallt auf die Knie und kriecht durch das Loch«, riet Dobise. Eine Maueröffnung, durch Entfernung einiger Steine gebildet, gewährte gerade Raum zum Durchkriechen. Georg schob die Leuchte voran und schlüpfte hindurch. Als er sich erhob, stand er in einem Gewölbe, das zum Aufbewahren von altem Gerät diente, Dobise kauerte am Boden, schichtete die herausgezogenen Steine wieder in das Loch, strich einen dunklen Kitt in die Fugen und häufte Holzbündel davor. »Dies ist Dobises Tür, niemand versteht sie zu öffnen als ich. Ihr aber gebraucht dies Bündel, es ist ein polnischer Mantel darin, Mütze und Stiefel, denn als Pole müßt Ihr entweichen.« Ohne Freude öffnete Georg den Pack und wechselte die Kleidung. »In dem einen Stiefelschaft ist das Leder doppelt, ich habe Geld eingenäht; der Alte schickt Euch außerdem zur Reise diesen Beutel. Es ist Gold darin«, sagte er mit lüsternen Augen.

»Das Siegel des Beutels ist erbrochen«, versetzte Georg befremdet.

»Ich mußte ihn doch öffnen, um Euch den Notpfennig in die Stiefel zu nähen; und wenn ein und das andere Stück dabei verlorenging, so werdet Ihr es dem Alten nicht klagen, denn ich habe noch manches bei Euch gut und muß mich bezahlt machen deswegen und wegen meiner Lebensgefahr. Jetzt aber rate ich Euch, Euer Gebet zu sprechen, wir sind hier über dem Graben auf der Neustädter Seite; diese Tür führt bei den Predigermönchen heraus, und Ihr müßt an dem Polenvolke vorüberstreichen.«

»Wo führst du mich hin?«

»In die Trümmer des Ordensschlosses, den Weg, welchen Ihr von der Musik her kennt; an der gelben Weichsel liegt unser Kahn im Versteck, Ihr sollt mit dem wilden Wasser abwärts treiben. Es wird Zeit, der Morgen ist nahe.«

»Schnell hinaus«, gebot Georg und lüftete den polnischen Säbel in der Scheide. Dobise schloß die Tür auf, löschte die Leuchte, und Georg atmete die frische Nachtluft. Er warf einen Blick zur Seite, die Polen lagen und saßen in einiger Entfernung müde um die niedergebrannten Feuer, die Flüchtigen glitten längs der Mauer des Klosters dahin, hielten eine Weile im Schatten der Klosterpforte und gingen von da mit festerem Schritt unangefochten durch die leeren Straßen. Stürmisch schlug das Herz des Jünglings, als er in der Dämmerung undeutlich die Schule erkannte, und er hielt an, aber Dobise rief ängstlich: »Vorwärts! Es ist nicht das erstemal, daß Ihr den Weg über die Burgmauer findet, hinweg, wenn Euch Euer Leben lieb ist.«

Sie kletterten auf den Steinhaufen der Ordensburg. »Heut könnt Ihr nicht weilen, um eine Musika zu beginnen, Ihr müßt auf der Flußseite wieder hinaus, die Mauer hinab. Folgt vorsichtig, denn die Steine sind locker, aber der Graben unten hat eine trockene Furt.« Dobise kletterte wie ein Kater voran, mühselig folgte Georg, indem er murmelte: »Du weißt hier gut Bescheid, bin ich erst Bürgermeister, so frage ich dich, wozu du diese Kenntnis gebraucht hast.«

»Ihr seid just auf dem Wege, Bürgermeister zu werden«, spottete Dobise. »Reicht mir die Hand«, und er half ihm vom Grabenrand ins Freie. »Haltet Euch fern vom Fährtor, bei der Färberei soll der Kahn liegen.«

Georg trat an den Strom, laut rauschte das Wasser, auf der geschwollenen Flut schwammen kleine Eisschollen. Der Schiffer erhob sich aus dem Fahrzeug: »Dies wird üble Fahrt zwischen treibenden Baumstämmen und Schollen, das Wasser reißt und kocht in den Strudeln wie in einem Topfe.« Sie bestiegen den Kahn, der Schiffer löste das Seil, und Georg trieb, dem Tode entronnen, von der Heimat geschieden, auf dem wilden Strom hinein in die unsichere Dämmerung.

Als am Morgen der polnische Kastellan die Zelle des Gefangenen betrat, fand er nur das Seil, welches über die Stadtmauer hinabhing. Da erhob sich großer Lärm, die Polen schrien Verrat, ihre Boten ritten über die Brücke zum Könige, das Gefängnis wurde wiederholt untersucht, aber nichts Unrechtes gefunden, die Wächter sämtlich verhört, doch es war auf niemanden etwas zu bringen, am wenigsten auf den Schließer und die Beamten der Stadt. Der Zorn des Königs legte sich erst, als am Nachmittag der Bürgermeister Hutfeld allein vor seinem Angesicht gestanden hatte. Die Thorner und die Polen stritten darüber, ob es einem Manne möglich sei, seinen Leib durch die Lichtöffnung des Kerkers zu zwängen, die Abergläubischen neigten zu der Annahme, daß der Teufel aus dem Hause des Marcus dabei wieder im Spiele gewesen sei, und die Klugen wunderten sich, daß die Verfolgung nicht eifriger betrieben wurde, denn der Wächter über dem Fährtore hatte Männer auf einem Kahne gesehen, der gegen Morgen stromab gewirbelt war.

Die Mönche aber hatten von ihrem feurigen Werk schlechten Gewinn. Viele unter ihnen waren durch Steinwürfe getroffen, dem hochwürdigen Legaten selbst war ein Stein an das Bein geflogen, und er ächzte, als er am nächsten Morgen in aller Frühe auf das Maultier gehoben wurde, damit er der zornigen Stadt entweiche. Ihre Absicht hatten die Eiferer vollends nicht erreicht. Zwar die Teufelspuppe fand man halb verbrannt im Grase, aber der Ballen des Buchführers war nur an den Rändern gesengt und verkohlt, die frommen Väter hatten vergessen, daß festgepackte Bücher der Flamme lange widerstehen. Hannus erhielt von seinem Krame kaum ein einzelnes Stück zurück, denn als das Volk den Holzstoß auseinanderwarf und den Inhalt des Ballens zerstreute, wurden die angesengten und gebräunten Büchlein wie eine wertvolle Beute aufgegriffen und in die Häuser getragen. Wer sich bis dahin um den Inhalt der neuen Lehre nicht gekümmert hatte, der las jetzt neugierig davon, es war wohl keine Familie, in welche nicht gerettete Bogen gelangten, und der Stadtschreiber Seifried hatte Grund, zu spotten, daß gerade durch den Scheiterhaufen jener Nacht die neue Lehre in Thorn eingebürgert worden sei.

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