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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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10. Vor drei großen Herren

In einer dürftigen Herberge der syrischen Hafenstadt Tripolis saßen Henner und Lutz einander gegenüber. Jedermann merkte, daß sie nicht im Glück lebten, ihr Gewand war abgetragen, das Eisenhemd darunter rostig und an den Rändern zerrissen, und ihre Miene sehr bekümmert. Sie waren ruhelos am Libanon umhergeritten und hatten vergeblich in allen Burgen nachgeforscht. Als das reiche Geschenk des Kaisers aufgezehrt war, hatten sie in der Not einem der syrischen Barone bei seinen Grenzfehden gedient, um sich rittermäßig durchzubringen. Öfter waren sie mit Kurden und Arabern zusammengestoßen und mit Mühe der Knechtschaft entgangen, zweimal auch waren sie in das Land der Ismaeliten eingedrungen, aber die Grenzwächter hatten sie trotzig abgewiesen, denn jedem bewaffneten Fremden blieb das Gebiet des Scheiks verschlossen. »Das letzte Pferd ist verkauft«, begann Henner.

»Dann brauchen wir's nicht zu füttern,« versetzte Lutz, »und sind die größte Sorge los.«

»Das Geld fordert der Wirt,« fuhr Henner fort, »er behauptet, ein Thüring und ein Ei aus den Dörfern des Hennebergers zu sein. Aber die heiße Sonne hat ihn hart gesotten und von Erbarmen ist nichts mehr an ihm zu finden.«

Lutz, welcher unnötige Worte gern vermied, schwieg still, und Henner begann nach einer Weile wieder: »Ein Krieger, der Knecht und Roß verloren hat, ist nicht glückselig zu preisen; wir sind jetzt Bettler, Chevalier, von dem Orden der armen Ritter, denen ich daheim manchmal mit Mißvergnügen ein Almosen zugesteckt habe. Darum frage ich Euch, was soll aus uns werden?«

»Wir fasten wieder, wie einst,« riet Lutz, »im Meer sind Fische genug, es ist hier nicht leicht zu verhungern.«

»Ich sorge nicht um unsern Magen, Herr,« antwortete der Marschalk, »aber Tag und Nacht muß ich an den Brief denken, den uns unser Geselle Godwin durch Nikolaus schreiben ließ. Denn was die deutschen Brüder vorlasen, war ganz widerwärtig; die Mühlburger wollen unsern armen Herrn bei lebendigem Leibe beerben.«

»Wüßten wir nur erst sicher, daß er lebendig ist,« bemerkte Lutz verständig, »dann wollten wir die Mühlburger flugs von Hof und Gut jagen.«

»Seit dem Briefe verläßt mich der Gedanke nicht, daß wir zu Hause nötiger sind als hier, und die Angst um den Hof wächst mir mit jedem Tage, den wir in diesem bösartigen Lande verweilen. Auch Frau Jutte mit den Knaben jammert mich.«

»Der Schiffer aus Bremen war hier,« warf Lutz ein, »er will Euch mitnehmen, wenn Ihr Euch während der Fahrt dem Schiffe als Kriegsmann gelobt.«

»Mich?« fragte Henner unwillig, »wir sind aber zwei.«

Lutz antwortete ausweichend: »Denkt daran, Herr, daß Weib und Kinder an Eurem Herde sitzen und daß der alte Godwin sich nicht auf dem Gute behaupten wird, wenn nicht Eure Fäuste ihm helfen. Ich aber habe nur eine, um die ich sorge. Seht Ihr mein Berchtel, Henner, so sagt ihr, daß sie das Strumpfband losbinden soll, welches ich ihr um ihr weißes Bein gelegt habe; denn ich kehre schwerlich zurück.« Er stützte den Kopf in die Hand.

»Laßt Euch sagen, Lutz,« sprach der Marschalk gerührt, »daß Ihr gewissermaßen besessen seid. Ich lobe die Treue, Ihr aber werdet hartnäckig ohne Nutzen.«

»Vielleicht kommt er doch wieder«, versetzte Lutz. »In seinem Hofe bin ich erzogen und er hat mich bei sich behalten und einen Mann aus mir gemacht, deshalb denke ich in seiner Nähe zu bleiben. Sprecht mir nicht dawider, Marschalk, Euer Amt ist, den Hof zu bewahren, und meines ist, auf den Herrn zu warten.«

Henner erhob sich. »Wahrlich, Geselle, Ihr habt das Richtige gefunden; was geschehen muß, soll geschehen ohne viele Worte, und wenn wir es beide vermeiden können, ohne Wehmut. Begleitet mich, wenn's Euch beliebt, zum Schiffe.«

Als Lutz von seinem Gefährten Abschied genommen hatte und das Schiff zum Hafen hinausfuhr, stand er am Strande und starrte nach der hagern Gestalt des Marschalks, der immer wieder die Hand nach ihm ausstreckte, bis ihm das Schiff und der Freund darauf wegen rinnender Tränen undeutlich wurden. Bald aber fand er seine bedachtsame Ruhe wieder und sprach zu sich selbst: »Bisweilen ist einer mehr als zwei. Mein Geselle war allzu ritterlich. Wir haben seither vielerlei Umwege gemacht, ich gehe geradeaus zu dem grimmigen Messerschmied in den Bergen und sage ihm auf den Kopf zu, daß er den Herrn gefangen hält und daß es endlich Zeit ist, ihn zu entledigen.« Er eilte in das kleine Hospital, welches die deutschen Brüder vor kurzem in Tripolis gegründet hatten, bat um ein altes Pilgerkleid und gab dafür sein Ritterschwert zum Pfande. So verließ er die Stadt als ein armer Waller und zog längs der Küste nordwärts, um das Grenzgebiet der Templer und Johanniter zu vermeiden; denn diese hielten scharfe Aufsicht über alle Reisenden, die nach den Bergen der Ismaeliten oder von dort nach der Küste gingen. Zwei Tage lief er in Pilgerweise und nahm Kost und Herberge bei barmherzigen Leuten, am dritten kam er an eine kleine Hafenstadt Valenia, welche früher den Ismaeliten gehört hatte und jetzt von den Johannitern und einem Bischof bewacht wurde. Dort schlug er sich in die Berge. Als er die Grenzwächter der Ismaeliten erblickte, eilte er auf sie zu und sagte, so deutlich er es mit arabischen Worten vermochte, daß er zu ihnen gedrungen sei, um in einer großen Sache ihren Vater, den Scheik, zu sprechen. Er wurde auf ein Pferd gesetzt und durch das Land geführt bis zu einer großen Burg, welche mit Türmen und Mauern auf steilem Fels ragte, so daß man nicht erkannte, wo die weiße Klippe aufhörte und wo das Menschenwerk begann. In der Burg blieb er strenge bewacht bis zu dem Tage des Verhörs. Endlich wurde er in eine weite Halle geführt, zwischen reichverzierte Säulen und Bögen; in einer Nische auf erhöhtem Raume stand ein Haufe der Geweihten im weißen Kaftan, kenntlich an der spitzen roten Mütze und dem roten Leibgurt, und längs den Wänden saßen auf Polstern Weise und Edle des Volkes. Lutz sah nach dem furchtbaren Alten umher, von dem er gehört hatte, aber vor ihm waren viele bejahrte Männer, er fand viele blitzende Augen auf sich gerichtet und nicht wenige weiße Bärte hingen bis zu den Gürteln herab, so daß er dachte: »Wenn ich nicht wüßte, wie rachsüchtig sie sind, würde ich sie für die ehrbarste Gesellschaft halten, die ich je geschaut. Doch wer unter wilde Tiere geht, hüte sich, ihren Zorn zu erregen«, und er verneigte sich tief zu beiden Seiten.

Nach langem Schweigen winkte ein Greis dem Dragoman und begann: »Freiwillig kamst du in unsere Berge, o Franke, verkünde, wer du bist und was du begehrst.«

»Ludwig von Ingersleben ist mein Name, ein Dienstmann bin ich des edlen Ivo, den ihr, wie ich vernehme, gefangen haltet; seinetwegen komme ich, euch zu bitten, daß ihr ihn freigebt.«

»Wer hat dir die Kunde zugetragen, daß dein Herr als Gefangener bei uns weilt?«

»Unter den Christen an der Grenze läuft die Sage«, behauptete Lutz kühnlich, und er hatte in der Tat unter vielem anderem auch dies vernommen.

»Wer von Fremden holen will, muß vorher bringen. Was gedenkst du zu bieten?« fragte der Alte weiter.

»Geld bringe ich nicht,« versetzte Lutz ehrlich, »doch vermag mein Herr euch Lösegeld zu zahlen, wenn ihr ihn nicht unmenschlich schätzt; ich aber erbiete mich, an seiner Statt als Gefangener bei euch zu bleiben, bis ihr das Geld empfangt.«

»Wenn Geld die lösen könnte, welche wir festhalten, so wäre mancher frei, der hinter Mauern weilt.«

Ein langes Schweigen folgte, dem Thüring aber kam vor, als ob sein Herr wahrhaftig hier in Gefangenschaft sei, und er hütete sich, seine Freude zu verraten und Ungeduld zu zeigen. »Hast du sonst etwas zu bitten und zu bieten,« fragte der Greis wieder, »so sprich, doch meide unnütze Worte.«

»Wohlan, ihr Herren, wenn ihr ein Recht zu haben glaubt an seinen Leib, so fordere ich, gewährt auch mir ritterliches Recht und stellt mir einen Kämpfer, damit ein Gottesurteil entscheide, ob das Leben meines Herrn euch gehört, oder seinen Freunden.«

»Gering ist dein Aussehen, wie magst du wagen, unsere Helden zum Kampfe zu fordern?«

Lutz öffnete sein Pilgerkleid und wies auf den weißen Rittergurt. »Ich bin schwertlos gekommen, um euch nicht zu erzürnen, aber ich trage die Ehrenzeichen eines Ritters und kein Fürst darf mir den Kampf verweigern, wenn ich ihn in ehrlicher Sache fordere.«

»Meinem Volke aber wird deine Forderung verächtlich; nur ein Unsinniger kämpft ohne Not um ein Gut, das ihm bereits gehört.«

»Ich dachte mir's«, murmelte Lutz. »Dann also, alter Herr, laßt mich mein letztes Gebot tun. Wenn euch so viel daran liegt, einen Ritter aus Ingersleben in eurem Turm zu bewahren, so laßt meinen Herrn frei, behaltet statt seiner mich und macht mit mir, was ihr wollt.«

»Du nennst dich selbst seinen Diener, ihn deinen Herrn, auch bei euch tauscht der Jäger nicht den Falken gegen die Amsel.« Wieder folgte langes Schweigen, endlich begann der Alte: »War der, welchen du deinen Herrn nennst, ein Christ?«

»Gewiß war er das«, versetzte Lutz.

»Wie kam es doch, daß wir ihn am Grenzsteine gefällt fanden ohne einen Glaubensgenossen, mitten unter Bekennern des Islam?«

»Er war von dem großen Kaiser zu euch gesandt mit maurischen Leibwächtern, weil diese eurer Sprache und Sitte mächtig sind. Hätte ich mit meinen Gesellen ihn begleitet, dann wäre die Missetat nicht vollbracht, oder ich würde nicht lebend vor euch stehen.«

Der Ismaelit gab ein Zeichen, einer der Geweihten trug ein blutgetränktes Tuch herzu, welches der Dragoman dem Thüring wies, und dieser vermochte seine Bewegung nicht zu bergen, als er das Tuch erkannte, welches sein Herr einst am Halse getragen hatte.

»Auf dem Gewebe steht ein Spruch, den die Mohammedaner für heilig halten; bewahren die christlichen Franken ein solches Amulett über ihrem Herzen?«

Erstaunt vernahm Lutz die Bedeutung der goldgestickten Zeichen. »Ich weiß nur, daß das Tuch eine Gabe der Herrin ist, welcher er sich geweiht hatte; wer die Herrin war, blieb sein Geheimnis. War sie eine Sarazenin, so wisset, daß wir auch fremdländischen Frauen unseren Dienst widmen. Ich selbst bewahre das Schleiertuch einer Dame, der ich diene, obwohl sie im Harem eines Sultans lebt.« Und er brachte bereitwillig aus seinem Gewande den zerrissenen Schleier hervor, den er einst bei den Kamelen gewonnen hatte.

Zum erstenmal bemerkte er unter den Ismaeliten eine Regung der Neugierde, leise Ausrufe wurden gehört und mehrere strichen zufrieden die Bärte. »Du selbst bist der Ritter, welcher mit den Johannitern kämpfte, um die Mutter des Sultans Elkamil vor der Gefangenschaft zu bewahren?« fragte der Alte.

Lutz hatte bis jetzt nie erfahren, daß die Herrin des Schleiers so ehrwürdig war, und er fand seltsam, daß die Wilden im Libanon das wußten. Als er in den Mienen der Ismaeliten die Billigung erkannte, dachte er: »Ihr würdet anders denken, wenn ihr jünger wärt«, aber er antwortete beherzt: »Ich bin der, welchen du meinst.«

Da traten die Geweihten auseinander, er sah auf der Höhe einen Greis im weißen Gewande sitzen und merkte, daß ihm erst jetzt der Anblick des Scheiks vergönnt wurde. Der Weißgekleidete schlug in die Hände, zwei Gewappnete führten einen jungen Neger herein, der mit ausgebreiteten Armen auf Lutz zueilte, sich vor ihm niederwarf und das Gesicht an sein Gewand drückte. »Ali, mein Rabenkind,« rief Lutz, die ganze Umgebung vergessend, »wo weilt unser Herr?«

»Sprich nicht mit dem Knaben«, warnte der Dragoman dazwischentretend. Die Stimme von der Höhe fragte: »Du kennst den Sklaven?«

»Er war ein Geschenk, welches mir die Frau, von der ich sprach, in das Lager des Kaisers sandte, und er war der einzige aus unseren Zelten, der meinen armen Herrn auf der Reise begleitet hat.«

»Im Tal des Todes fanden meine Söhne den Schwarzen«, sprach der Scheik. »Sprich wahrhaft, Franke, was hast du im Lager des großen Emperor über die Bluttat vernommen?«

»Daß umherziehende Kurden die Missetat verübten.«

»Unschuldig sind die Kurden an der Tat, Held Hassan und dein Herr fielen unter den Messern deiner Glaubensgenossen.«

Der Thüring sah erschrocken um sich. Was der Scheik behauptete, klang ihm nicht fremd in das Ohr, schon im Lager war allerlei über die Templer geflüstert worden, und er selbst hatte sich mit seinen Gesellen schwere Gedanken gemacht wegen der Feindschaft, die zwischen Ivo und einem Verwandten des Kaisers bestand. Nachdrücklich fuhr der Scheik fort: »Rache begehren wir für den Tod des Helden Hassan und für die Missetat, welche hinterlistig von Christen auf unserem Grunde verübt wurde. Darum handelt der Christ töricht, welcher von uns hohen Dienst begehrt, ohne den Gegendienst zu leisten, welcher uns wertvoll ist. Das Gesetz in den Bergen lautet: Leben für Leben; begehrst du deinen Freund lebendig zu schauen, so hilf uns, daß ein anderer erlegt werde.«

Lutz überlegte. »Vieles darf ich für meinen Herrn tun und willig gab ich Freiheit und Leben in eure Hand, aber wenn ihr mich gebrauchen wollt, daß ich an Stelle eurer Knaben irgendwie einen Christen oder Heiden hinterrücks treffe, so habt ihr euch gröblich in mir geirrt, und ich antworte euch, ich tue es nimmer und um keinen Preis. Darum macht mit mir, was ihr wollt, aber ein Mörder werde ich nicht.«

»Meine Söhne gebrauchen nicht fremde Hilfe, um einen Feind, der ihnen gewiesen wird, zu verfolgen; sie tragen die Rache über Land und Meer und wissen in Alexandrien und Messina den Todesgruß zu bieten. Die Missetat aber, um welche wir trauern, blieb auch uns geheimnisvoll. Darum begehren wir deine Hilfe, daß du den Mann erkundest, welcher die Tat geleitet hat, und daß du nach den Gebräuchen des Abendlandes das Leben des Mörders austilgst. Wir fordern von dir nur, was in deinem Volke für ehrenwert gilt; willst du den Gefangenen befreien, so sei unser Kämpfer, um die Bluttat zu rächen.«

Nachdenkend versetzte der Thüring: »Wegen der schweren Tat, welche an dem Gast und dem Gesandten meines Kaisers verübt wurde, darf ich den Gerichtskampf fordern als Christ und Ritter. Doch, Herr, erst muß ich glauben, daß ein Christ Anstifter und Vollbringer wurde, und ich muß wissen, wer der Täter war. Wie könnt Ihr mir Sicherheit darüber geben, da Ihr selbst, wie Ihr sagt, in Zweifel seid?«

Der Scheik neigte das Haupt. »Zwei Zeugen übergebe ich dir, der eine ist der schwarze Knabe, den wir in dem Tale des Todes fanden, er weiß von der Untat zu berichten, doch ist er ein Sklave. Der andere Zeuge aber ist dieses Werkzeug.« Er winkte, einer der Geweihten trug ein Dolchmesser herbei, dessen Spitze durch eine goldene Kapsel gestochen war, wie sie kaiserlichen Briefen angehängt wurde, um das Siegel zu bewahren. »Dies Messer durchbohrte das Tuch und den kaiserlichen Brief, welchen dein Herr auf der Brust trug, beide hemmten die tötende Gewalt des Stoßes. Den Knaben und das Messer sollst du ohne Säumen zu deinem Kaiser bringen mit dieser Botschaft aus unseren Bergen: Gemeinsam sei der Schimpf, den er und die Ismaeliten erduldet, darum senden wir an ihn die Zeugen und den Rächer, nach der Sitte seines Landes, damit er selbst für unsere und seine Rache sorge. Dies ist der Dienst, den wir von dir begehren, denn wir haben erkannt, daß du nicht zu den Argen gehörst, sondern zu den Treuen. Leiste uns einen Eid nach deinem Glauben, daß du von hier ohne Aufenthalt über das Meer vor das Angesicht des Kaisers eilen willst.«

Da hob der Thüring die Hand in die Höhe und sprach den Eid. »Gestatte mir, bevor ich scheide, meinen Herrn zu sehen.«

»Du wirst ihn wiedersehen,« antwortete der Scheik, »wenn er durch dich entledigt zwischen Messer und Kreuz am Grenzsteine steht, nicht eher. Geendet sei die Rede, meine Söhne geleiten dich. Nimm die Zeugen mit dir und gedenke deines Eides.«

 

Während Lutz mit dem Knaben Ali zum Tor der Burg hinausritt, lag der Gefangene wenige Bogenschüsse von ihm entfernt auf dem Dach eines morgenländischen Landhauses. Vor ihm öffnete sich ein lachendes Tal, tief in das Gebirge eingesenkt, von allen Seiten mit hohen Felsen umschlossen. Überall brachen starke Quellen aus dem weißen Gestein, sie strudelten und rauschten, bis sie sich unten zu einem See vereinigten. Bei dem milden Herbstlicht wies der Grund ein üppiges Grün, denn kleine Rinnen, von Menschenhand gezogen, verbreiteten weithin das lebenspendende Wasser. In heiterer Ruhe lag das Tal wie geschieden von der Welt. Über mächtige Fruchtbäume ragten auf kleinen Anhöhen die Turmhäuser der Landleute, am Fuß der Felsen kletterten genäschige Ziegen, und große Koppeln edler Rosse tummelten sich im Gehege.

Der Gefangene war nur an dem blonden Bart und der helleren Hautfarbe als ein Fremder zu erkennen, er trug das reiche Gewand eines Morgenländers und redete arabisch mit seinem Wächter Achmed, einem Jüngling, der seinem älteren Bruder Hassan in Gestalt und Gebärde ähnlich war. »Lange weilt der Knabe Ali auf der Burg«, begann Ivo.

»Unser Vater, der Scheik, hat ihn zu sich befohlen«, antwortete Achmed.

»Es geschah zum erstenmal,« murmelte Ivo unruhig, und da er die verwunderte Miene seines Gefährten sah, setzte er lächelnd hinzu: »Wer nicht von großer Sorge bedrängt wird, der schafft sich kleine.«

Der Jüngling wies hinab in den Hof, wo braune Mädchen in leichtem Gewande sich zum Klange einer arabischen Laute zierlich im Kreise drehten. »Sie zeigen dir ihre beste Kunst; es wird sie kränken, daß du so wenig auf sie achtest, denn der Sklavin ist der freundliche Wink des Herrn der beste Lohn.«

»Auch süßer Trank wird verleidet,« antwortete Ivo mit ernstem Lächeln, »ihre behende Kunst gleicht dem Gesange der Nachtigallen in deinem Tal. Bei mir daheim gilt derselbe Vogel für den lieblichsten Sänger und wir lauschen ihm freudig. Hier aber hörte ich im Frühling nicht einzelne singen, sondern scharenweis schmetterten sie im Laube und nahmen mir jede Nacht den Schlummer. Viel Wonniges ist hier gehäuft. Zürne mir nicht, Achmed, wenn ich, des Reichtums überdrüssig, mich nach der Armut meines Landes sehne.«

»Kommt dich die Schwermut an,« versetzte der Jüngling, »so lasse ich dein Roß satteln und wir reiten durch das Tal.«

»Auch die Wege dieses Tals haben wir durchmessen. Von Balsam duftet der Grund, und täglich erblühen neue Blumen, dennoch ist es für den Gefangenen ein geringer Unterschied, ob er die Schritte zählt von einer Kerkerwand zur andern oder die Sprünge des Rosses von Fels zu Fels.«

»Sonst warst du anders«, rief unzufrieden der Jüngling.

»Habe Geduld, du treuer Wächter. In Thüringen erzählen die Leute, daß eine holde Göttin, Frau Minne, im Innern der Berge wohnt und junge Helden zu sich lockt, sie beharren lange bei ihr in Freuden, zuletzt verzehrt sie doch der Kummer nach der Oberwelt. So habe ich hier gelebt wie im Traume, und wenn du mich den Sinn eurer Lieder lehrtest, so war mir zuweilen, als könnte ich im Morgenlande heimisch werden; jetzt ist auch für mich der Zauber gelöst. Wisse, mir gelang es, aus deinen Bergen einen heimlichen Gruß in die Heimat zu senden; ich sage dir nicht wie, damit du niemandem zürnst. Mit dem Gruß wandert jetzt meine Seele jeden Tag, ungeduldig folge ich dem Boten auf Schritt und Tritt; ich sehe ihn am Hafen und auf dem wilden Meer, und wie er die Botschaft in die Hand eines Weibes legt, der ich gern vertraue. Wahrlich, neulich am Abend erkannte ich die blonden Zöpfe der Magd Friderun neben der braunen Tänzerin dort unten, und ich schob das Mädchen zur Seite, um das Haar der Deutschen zu fassen. Zu Roß, Geselle,« schloß er, sich aufrichtend, »fliegt der Rappe dahin wie ein Pfeil, und saust die Luft um die Schläfen, so höre ich wohl auf, dir gleich einem Weibe Klagelieder zu singen.«

Von der Burg jagte ein Reiter heran, Achmed empfing die Botschaft und kehrte bestürzt zurück. »Unser Vater, der Scheik, fordert dich vor sein Angesicht.« Gleich darauf klang von der Höhe ein scharfer, eherner Ton über das Tal, und aus der Ferne antwortete der Gegenklang. »Die Männer meines Geschlechts werden aufgeboten zum Waffenritt.«

»Mir ahnt,« sagte Ivo ernst, »dies verzauberte Leben nimmt ein Ende. Ich bin bereit; nur mein altes Eisenhemd tue ich um, denn mir ziemt nicht, im Gewande dieses Tals vor deinen Herrn zu treten. Dir aber, Jüngling, danke ich, wenn ich nicht wiederkehre, für deine Sorge, denn treu wie ein Bruder warst du dem fremden Mann.«

Ivo hatte nur einmal, als er mit seiner Wunde in den Burghof getragen war, den Herrn der Berge undeutlich gesehen, denn der Greis stieg niemals von seiner Höhe in die Täler hinab. Als er jetzt in die Halle trat, fand er den Scheik allein auf seinem Polster sitzen, er sah eine hohe gefurchte Stirn und zwei Augen, welche scharf wie die eines Adlers nach ihm blickten. Dann senkte er nach der Sitte des Ostens sein Haupt und harrte der Anrede.

»Zwei Sommer weilst du bei uns, nicht als Gast, denn du beharrtest nicht freiwillig; nicht als Gefangener, denn meine Söhne haben dich geehrt gleich einem Gastfreund. Zwei Sommer war dein Mund verschlossen und die Pforte deiner Heimkehr blieb verschlossen, weil du dich geweigert hast, vor deinem Kaiser und deinem Volk Kläger zu werden über verruchte Missetat. Doch bevor das Laub vom Baume fällt, wandelt es sein Grün in bunte Farben; auch du wandelst wohl, bevor du aus dem Tal des Lebens scheidest, deine Gedanken. Darum frage ich dich in der letzten Stunde: Willst du ungesprochen mit dir nehmen, was nach der Sitte deines und meines Landes Racheruf fordert?«

»Ich muß schweigen, Herr,« antwortete Ivo, »was mir auch darum geschehe.«

»Dann scheidest du, Christ, wie du kamst, nicht Freund, nicht Feind, als ein Fremder, an den wir denken wie an die Wolke, welche vorüberzog. Meine Söhne gewähren dir die Entlassung, wandle dahin, ungescholten und ungegrüßt.«

Ivo vermochte nicht zu antworten, in der Freude bebte ihm das Herz; er sah sich in dem Hause seiner Väter, ihm war, als hörte er auf seinem Söller den Gesang der kleinen Vögel und den Speerruf seiner Ritter, und er neigte stumm das Haupt. Der Alte fuhr fort: »Einem Sohn meines Volkes hast du Treue bewiesen, wir fanden dich blutend über dem Leibe des Toten; die Männer des Geschlechtes Hassan achten darauf, dich in Ehren zu entsenden. Sie können dir nicht Gastgeschenke bieten, die der freundliche Wirt gibt und die der Gast nicht ausschlagen darf, du selbst magst dir vom Boden heben, was für dich bereit liegt.« Der Alte winkte und führte ihn in den Hof, dort waren zwei Teppiche gebreitet, auf dem einen seidene Gewänder, darüber ein Schwert in goldener Scheide, der Griff mit einem großen Edelsteine geschmückt; daneben hielt Achmed das arabische Roß, auf welchem Ivo durch das Tal gesprengt war, und den ritterlichen Speer mit dem Rohrschaft. Auf dem andern Teppich lag ein Pilgerkleid mit Hut und Stock, wie arme Christenwaller trugen. »Wähle«, sprach der Scheik.

Ivo trat an die Seite des Rosses, strich am Halse herab und sagte ihm leise in das Ohr: »Lebe wohl, Rappe.« Dann hob er Pilgerkleid und Hut vom Teppich. Der Scheik neigte das Haupt, machte das Zeichen der Entlassung und trat in die Halle zurück. Ivo aber hob den Arm gegen das Tal, welches in der Tiefe vor ihm lag: »Möge der hohe Vater im Himmel auch hier die Guten beschützen und ihnen mildere Sitten verleihen.« Er zog das Pilgerkleid über sein Eisenhemd und ergriff den Stab, da führte Achmed traurig das Roß zu ihm und sprach: »Noch einmal soll es dich tragen bis zum Grenzsteine, denn ich und mein Geschlecht geben dir das Geleit.« Ivo schwang sich auf und sprengte aus dem Hofe, draußen hielt ein Haufe Bewaffneter, an ihrer Spitze flog er neben Achmed den Felsen hinab in das Tal.

Er zog still wie im Traume dahin, auch der Jüngling ehrte durch Schweigen die ernsten Gedanken, doch war er immer herzlich um ihn bemüht und wenn der Christ des Weges nicht achtete, rief er dem Roß leise Mahnungen zu. So ritten sie Stunde auf Stunde in gestrecktem Lauf, bis sie an die Wildnis kamen, welche das Gebiet der Bruderschaft von dem Lande der Christen schied. Vor ihnen erhob sich weit sichtbar ein weißer Stein mit den Grenzzeichen, der Jüngling hob den Arm gegen sein Gefolge, die Ismaeliten riefen laut ihren Kriegsruf, fuhren auf ihren flüchtigen Rossen blitzschnell durcheinander und schleuderten das Holz der Wurfspeere an die metallenen Schilde, den Scheidenden im Getümmel umkreisend, dann hielten sie plötzlich still und Ivo neigte dankend das Haupt. Achmed sprang ab, ergriff den Zügel des Rappen und sagte, auf einen Haufen der Geweihten zeigend, der dicht geschlossen jenseit des Grenzsteines hielt: »Diesen muß ich dich übergeben«, und eine Tasche von der Seite lösend setzte er mit stockender Stimme hinzu: »Nimm hier und sei gesegnet.« Ivo sah ihn dankbar an: »Solange ich lebe, bin ich deiner eingedenk. Laß mich gehen wie ich kam.« Doch der Jüngling hielt noch einmal mit gesenkten Augen die Tasche hin: »Nimm nur so viel von mir, daß du dir Nahrung kaufen kannst beim ersten Hunger.« Da hob Ivo aus der Tasche zwei der kleinsten Silbermünzen und sagte: »Einst mahnte mich ein Darbender, dem ich ein Goldstück zuwarf, an den Tag, wo auch ich eine Spende aus fremder Tasche suchen würde. Lebe wohl.« Der Ismaelit wich zurück und Ivo schritt an dem Grenzstein vorüber gegen die Sonne, welche sich zum Abend neigte. Die Reiter vor ihm stoben auseinander und er sah auf dem Felde den Knaben Ali stehen und neben diesem einen Christenpilger. Im nächsten Augenblicke fühlte er sich an der Hand gefaßt und vernahm mit Entzücken die deutschen Worte: »Guten Tag, Herr, seid willkommen zur Reise in die Heimat.«

 

Unterdes hatte Bruder Sibold seinen Schützling bis nach der Stadt Anagni geleitet, wo Papst Gregor am liebsten weilte. Dort hielt er vor einem Frauenkloster und eilte, nachdem er Friderun der Sorge frommer Schwestern empfohlen, zu seinem Meister, welcher ihn ungeduldig erwartete. »Bringst du die Urkunde aus dem preußischen Grenzlande, so sei dreimal gesegnet, denn der heilige Vater ist feurig für unsere Fahrt gegen die preußischen Heiden und sorgt täglich um unsere Verträge mit all den christlichen Nachbarn, welche Anspruch auf das Heidenland erheben.« Mit der Urkunde ging der Meister zum Papst. Wenige Tage darauf stand er neben dem heiligen Vater in einer Kapelle der Kathedrale, und Papst Gregor, ein stattlicher alter Herr mit großen munteren Augen, begann:

»Du hast aufs neue deine Kunst bewährt, zu versöhnen. Ich habe den Kaiser bei unserem Wiedersehn demütiger gefunden, als ich erwartete; ich hoffe, der verlorene Sohn, welcher zu seinem Vater zurückgekehrt ist, hat in den Jahren des Bannes Bescheidenheit gelernt.«

»Oft habe ich seine Weisheit im heiligen Lande bewundert«, antwortete Hermann. »Alles, was den Heiden abgerungen wurde, hat nur er durchgesetzt. Da er gebannt war, konnte er wahrhaftig nicht mehr erreichen.«

»Willst du mir andeuten, mein Sohn, daß die Zuchtrute zu schnell geschwungen wurde?« versetzte der Papst in guter Laune. »Du freilich hast immer zur Geduld mit diesem argen Weltkinde geraten. Gern vertraue ich deiner Einsicht und Redlichkeit, aber du gleichst nur einer von den vielen Pfeifen in dieser Orgel, andere sind die Bischöfe und Mönchsorden, und noch andere deine Gegner, die Johanniter und Templer. Ich aber gebrauche für das hohe Lied, welches zur Ehre Gottes erklingt, alle Töne des heiligen Instrumentes, bald diesen, bald jenen. Jetzt ist die Stunde gekommen, wo ich dir, du wohltönendes Rohr der Kirche, den Mund öffne, damit du eine neue Weise zu Ehren der hohen Gottesmutter intonierst. Ich erkenne, daß für die nächste Zukunft in dem gelobten Lande keine Mehrung unserer Würde durchzusetzen ist. Deshalb will ich die neue Kreuzfahrt in die Nähe richten und dir und deinen Brüdern die Unterwerfung der heidnischen Preußen anvertrauen. Ich habe auch die Urkunde erhalten, durch welche der Polenherzog Konrad deinem Orden seine Grenzen öffnen will, damit ihr ein Kreuzheer in das Preußenland geleitet. Aber eine so liederliche und törichte Schrift habe ich kaum jemals gesehen, das Datum fehlt und jede gebührliche Form, und sogar die Hauptsache ist verschwiegen, eure Kreuzespflicht, das Land Preußen zu erobern, damit ihr es unter meiner Oberhoheit besitzet. Ich fürchte, der Herzog und sein Kanzler waren nach ihrer Unsitte sauren Weines voll.«

»Die Brüder klagen, daß mit den Polen schwer zu verhandeln ist,« versetzte ehrerbietig der Meister, »am Morgen sind sie voll Argwohn und am Abend behende mit Umarmungen, aber unfähig zu bedachtsamer Rede.«

»Dennoch fordere ich, daß die Urkunde ein ehrbares Ansehen habe, denn sie soll uns in saecula saeculorum dienen. Er muß eine andere ausstellen und meine Kanzlei soll sie ihm selbst vorschreiben, damit er sie nur unterzeichne.«

»Meine Brüder werden auf eine Gelegenheit harren müssen, wo der Pole wieder einmal ihre Dienste ersehnt«, bemerkte Hermann.

»Wende nur einige edle Pferde oder auch Geld an den Kanzler,« riet der Papst, »von solchem Geschenk muß er seinem Herrn abgeben, dergleichen Linsengericht macht diese Söhne Esaus gutwillig. Dem Magister Konrad in Hessen habe ich gebieten lassen, das Kreuz zu errichten und eine Preußenfahrt zu verkünden. Er wird es an sich nicht fehlen lassen. Und wahrlich, es tut not, in Deutschland die Seelen an den Dienst der Heiligen zu mahnen, denn Trauriges vernehmen wir von Unglauben und ruchloser Ketzerei, welche dort heimlich in die Seelen schleichen. Du aber, mein Sohn, nimm als Lohn für die Versöhnung mit dem Kaiser das neue Amt auf dich. Gern vertraue ich dir, denn du hast immer den Frieden betrieben, während andere eifrig waren, den Zwist zu nähren. Auch deiner Bruderschaft vertraue ich gern, denn deine Deutschen sind, wenn sie etwas beginnen, hartnäckig und wütend gegen ihre Feinde, und lieber sehe ich die neue Eroberung in euren Händen, als in der Gewalt meiner Söhne von St. Johannes, welche allzureich und weltlich werden. Und Bruder Peter vom Tempel läßt es zwar an Ehrfurcht gegen uns nicht fehlen, und sendet auch reichlicher Geld als ihr andern, aber ich fürchte, die Christenliebe gedeiht in seinen Konventen nicht allzu wohl. Doch wegen jenes Mordes, der vor Jahren an der kaiserlichen Gesandtschaft begangen wurde, haben sich die Templer entschuldigt. Denn durch sie wurden nur Ungläubige getötet, wie du wissen wirst.«

»Ich habe nur vernommen, was das Gerücht kündet«, versetzte Hermann vorsichtig.

Der Papst aber fuhr redselig fort: »Und wie der arme Bischof von Valenia meinem Kämmerer schrieb, soll jener Gesandte auch gar nicht tot sein, sondern den Mördern entronnen und bereits zu Schiff auf der Heimkehr. Hatte jemand bei dem schlimmen Handel schuld gegen einen Christen, so mag der Kaiser den Täter unter solchen suchen, die er für seine Treuen hält, obgleich die heilige Kirche manchen von ihnen besser kennt als er. Gehe also mit meinem Segen. Ich weiß, du kluger Rat, ich erfülle dir jetzt einen Herzenswunsch, den du lange in geheimer Seele bewahrt hast.«

Als der Meister in seine Herberge zurückkehrte, sagte er zu Bruder Sibold: »Nirgend erfährt man so viel Neues aus der Welt als hier, und dem heiligen Vater macht es zuweilen Freude, davon zu erzählen. Sorge dafür, daß dein Schützling seine Worte in acht nimmt, denn die frommen Schwestern werden sie neugierig ausfragen. Schaffe ihr auch das Gewand einer Mitschwester, damit sie in meinem Gefolge nach Otranto reisen kann, dort werde ich den Kaiser treffen.«

Bange Wochen vergingen der Pilgerin, zuerst auf der Fahrt im Gefolge des Meisters, dann zu Otranto in einem Frauenkloster, bis Hermann sie in die kaiserliche Burg geleitete. Auf dem Wege wies der Meister nach dem Hafen: »Das Schiff, welches dort einfährt, kommt aus dem heiligen Lande, die Kreuzfahne der Pilger steckt am Mast. Vielleicht bringt es auch dir Neues.«

Als Hermann für die Magd Zutritt erbat, fragte der Kaiser spöttisch: »Du, strenger Meister, führst mir ein Weib zu?«

»Sie ist im Geheimnis des schwarzen Kreuzes,« versetzte Hermann, »sie und ihr Vater haben der Bruderschaft Gutes getan.«

»Und du willst, ich soll für die Dienste bezahlen, die sie deinem Orden erwiesen hat? Ist sie jung und hübsch, eine Edle oder doch unter dem Ritterschild geboren?«

»Es ist Friderun aus Thüringen, die Tochter Bernhards, der des Kaisers Richter war. Sie kommt nicht mit leichtem Herzen; Eure Nichte, die edle Hedwig, übergab ihr ein Zeichen für Euch.«

Der Kaiser sah verwundert auf. »Laßt sie allein ihr Leid klagen.« Als Friderun in die Halle trat, kniete sie nieder, hob flehend den Ring in die Höhe und bot ihn dem Kaiser dar, der sie von seinem Sessel forschend ansah. Während Friedrich das Juwel betrachtete, wartete sie mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen auf die Anrede.

»Bringst du mir eine Botschaft von der Dame, welche dir diesen Ring gab, so sprich.«

»Ich komme eine Klage zu verkünden, welche die Landgenossen zwischen Berg und Tal einander leise in das Ohr sprechen. Die Welt ist in Not und Trauer; wenn die Bäume grünen und wenn der Wintersturm durch kahle Äste saust, jahraus, jahrein, harren wir vergeblich auf den höchsten Herrn der deutschen Erde, der über Recht und Frieden waltet.«

»Senden die Bauern aus Thüringen solche Botschaft an den Kaiser?« fragte Friedrich verwundert.

»Auf dem Berge steht der Baum,« fuhr Friderun begeistert fort, »an welchen der Kaiser seinen Heerschild hängen soll. So verkünden die Alten. Manche behaupten, daß dieser Kaiser längst gestorben sei und nur noch als Geist in der Tiefe des Berges hause; wenn der Nachtwind braust, meinen sie ihn zu hören, wie er herrlich durch die Lüfte fährt, und sie entsetzen sich. Der Vater aber sagt, nicht ein Nachtgeist, sondern unser Herr, der unter der welschen Sonne wohnt, werde über die Berge in das Land dringen mit seiner Heeresmacht, um sein armes Volk aus der Bedrückung zu retten, die wir von den falschen Richtern und von den raubenden Rittern erdulden. Ihr seid der Herr, und auf Euch hoffen wir.«

Friedrich sah sie betroffen an, er dachte daran, daß er erst vor kurzem die eigene Richtergewalt den deutschen Fürsten geopfert hatte. Und das Mißbehagen darüber niederkämpfend, spottete er: »Ich bin eurer Treue dankbar, daß ihr mir das Amt des großen Königs Karl zuschreibt, einmal aus dem Schlaf zu erwachen und eure Räuber an den Baum zu hängen. Unterdes saßen wir hier nicht müßig, du deutsche Sagenerzählerin. Euch aber fehlt, wie ich hoffe, in eurer Verlassenheit ein christlicher Trost nicht: Der heilige Vater ist eifrig, die Guten zu locken und die Bösen zu erschrecken.«

»Wir vernahmen, daß zwei Schwerter vom Himmelsherrn in die Welt gesandt sind, um die Völker zu regieren, das eine führt Ihr und das andere der Papst in Rom, den sie den heiligen Vater nennen.« Der Kaiser sah wieder auf. »Wir aber im Dorfe wissen, daß zur Zeit der Vorfahren nur ein Herr über uns gewaltet hat, der von deutschem Blute war, unser Kaiser.«

»Ist das Bauernmeinung?« fragte Friedrich, »hüte dich, du schöne Ungläubige, daß dich kein Pfaffe hört. Wisse, Kaiser und Papst sind wieder gut Freund.«

»Wir bewahren solche Gedanken vor jedermann, außer vor Euch, denn Ihr seid uns der Höchste auf Erden.«

Friedrich rührte mit der Hand an ihr Haupt und sprach gütig: »Steh auf und sprich mit deutlichen Worten, was du von mir begehrst. Denn nicht deiner Bauern wegen hast du den Ring empfangen.«

»Laßt mich knien, Herr,« bat Friderun, »Schweres habe ich Euch zu verkünden und Ihr sollt, wenn Ihr mir darum zürnt, nicht vergessen, daß ich eine arme Flehende bin.«

»Rede, wie du willst. Weshalb hast du die weite Fahrt zu mir gemacht?«

»Damit Eure Macht den Herrn Ivo befreie, denn er liegt gefangen am Berge Libanon.«

Friedrich fuhr auf: »Was soll die Rede? Du begehrst des Kaisers Hilfe für einen Toten?«

Die Magd zog die gebundene Locke aus ihrem Gewande. »Er lebt, so wahr dies Haar von seinem Haupte ist; dies Zeichen sandte er aus einem Volke, von dem sie Furchtbares erzählen.«

»Und dir sandte er den Notruf? Nicht du bist die Vertraute, welche die Farbe seines Haares kannte.«

Friderun senkte den Blick. »Ich lebte als Kind auf dem Edelhofe.«

»Wahrlich, dies ist kein Trug,« fuhr Friedrich fort, sie scharf betrachtend, »und mein alter Omar behält am Ende recht. Doch weshalb kommst du, für ihn zu reden, da du nicht von seinem Geschlechte bist?«

»Vor alter Zeit, als die Flamme loderte, die aus dem Rachen des leidigen Wurmes kam, rettete eine Frau meines Stammes seinen Ahnherrn, darum meinten wir, daß wir dem Nachbar die alte Treue erweisen müßten. Ich trage heimlich mit mir, was ihn befreien mag, wenn die Fremden Lösegeld nehmen. Seht her«, sie zog aus ihrem Gewande ein Tuch, knotete es am Boden auf und wies es gewichtig dem Kaiser, der darin edle Steine und Goldschmuck sah in derber Fassung, wie sie auf deutschen Edelhöfen bewahrt wurden. »Es ist der Schatz seiner Mutter,« erklärte Friderun, »ich bringe ihn Euch, Herr Kaiser, Ihr werdet am besten wissen, wie man ihn zu seiner Rettung verwendet.«

Friedrich sah lächelnd auf den Knäuel. »Packe ein, du Einfalt, und erzähle mir genau, was du von seiner Gefangenschaft erfahren hast.«

Die Magd berichtete, was ihr der Bärtige zugetragen hatte, und darauf von ihrer Reise. Unterdes hielt der Kaiser nachdenklich den Ring in der Hand. »Du sahst den König Heinrich?« unterbrach er ihre Rede.

»Ich sah ihn«, antwortete Friderun zögernd.

»Wie sah er aus, was sprach er zu dir? Rede, Magd, du warst erst so spruchreich, jetzt stockt dir das Wort in der Kehle. Durch den Ring weiß ich, daß du mir Ernsthaftes zu sagen hast.«

»Frau Hedwig zog mich auf eine Bühne; an der Wand eines großen Saales war diese erhöht und durch einen Teppich verschlossen. Hier harre und höre, flüsterte sie, verrätst du deine Nähe, so wird es dein Verderben. Durch eine Öffnung sah ich hinab in den Saal, wo fünf vornehme Herren beim Becher saßen. Vernimm auch die Namen, raunte sie mir zu, damit du sie melden kannst. Der bleiche Jüngling ist König Heinrich und der Starke mit dem gelben Bart ist Herzog Ludwig von Bayern.«

Der Kaiser stand auf. »Weiter!«

»Jener ist der Bischof von Straßburg und der Rote im Pelzrock ein Gesandter aus Böhmen.«

»Wenn meine bittersten Feinde nach Speier reiten, um mit dem Sohne zu trinken, so wird der Vater wohl die Kosten des Gelages zu zahlen haben«, murmelte Friedrich. »Fahre fort.«

»Die Herrin verließ mich, ich stand allein und vernahm vieles, was ich nicht verstand, bis die Frau selbst durch eine Tür in den Saal trat und von ihrem Sitz den Namen unseres Herrn, des Kaisers, nannte. Da vernahm ich Gelächter und frevelhafte Reden und einer rief: Das Roß des Deutschen Reiches ist es müde, zwei Reiter zu ertragen, der eine sitzt darauf, der andere will's von fern an der Leine lenken. Zerschneidet die Leine, daß der junge König frei durch das Land reite. Und ein anderer sprach: Unwürdig ist es, einen König am Gängelband zu führen, eine Königin begehrt er sich nach seinem Herzen, die verhaßte Gemahlin, welche ihm der Sarazene Friedrich aufgedrungen hat, jagt er aus seinem Hause und wählt sich ein schmuckes Königskind aus Böhmerland. Und ein dritter riet: Durch Seufzen und Schelten wird nichts gebessert, steht fest zusammen, werft die hohen Briefe, welche über die Alpen zu uns fliegen, ins Feuer und sperrt die welschen Tore.«

Der Kaiser faßte die Magd hart am Arme und schüttelte sie. »Und was sprach König Heinrich?« Friderun schwieg. »Rede, wenn dir dein Leben lieb ist, Horcherin.«

Friderun erhob sich. »Nehmt mein Leben, aber die Horcherin verklagt nicht den Sohn bei seinem Vater. Schon zu viel habe ich Euch von dem gesagt, was ich mit Unrecht hörte, und wer mir zornig droht, schließt mir die Lippen, auch wenn er mein Herr und Kaiser ist.«

Friedrich schritt heftig auf und ab, bis er vor Friderun stehen blieb, welche sich wieder auf ihre Knie niedergelassen hatte. »Du hast recht, Magd, es bringt Unglück, die Geheimnisse der Könige zu erlauschen. War keiner, der den dreisten Reden widersprach?«

»Keiner«, antwortete Friderun.

»Vier Namen nanntest du mir; wer war der fünfte?«

»Die Frau nannte ihn nicht.«

»Ein finsterer Mann mit schwarzem, geschorenem Haar, der Gräfin Hausherr.«

»So war er, und dieser gebot den Dienern. Als die Knaben mit goldenem Gerät eintraten, erhob sich die Frau, welche stumm unter den Männern gesessen hatte, und wieder trat sie an die Tür des Verstecks, zog mich hinaus und sprach: ›Was du vernommen hast sei dein, verschweige es oder gebrauche es nach deinem Gefallen. Samen der Zwietracht schwenke ich aus dem Tor, ob er verwehe, ob er hafte, ob er Heil bringe oder Verderben.‹ Und mit bleichem Antlitz ohne Gruß entließ sie mich. Auch ich sah nicht rückwärts, als ich aus dem Hause entfloh.«

Langes Schweigen folgte ihren Worten. Friedrich warf sich in den Sessel und beugte das Haupt. »Die undeutlichen Worte gleichen dem mißtönenden Schrei einer Eule,« sprach er zu sich selbst, »wer sie abwägen will, der vermag keinerlei Beweis zu finden, und doch regen sie eine wilde Flut von Schmerz und Sorge auf, denn sie stimmen zu anderen Berichten und sind Bestätigung einer Ahnung, die ich vor mir selbst verbarg«; und der große Herr der Erde barg das Gesicht in seiner Hand.

Es war so still in dem Gemach, daß man die Stechfliegen summen hörte, welche an dem Schleiertuch des Fensters auf und ab fuhren und Einlaß begehrten. Da drang aus den Lippen des Kaisers leise der Jammerlaut: »Heinrich, mein Sohn! Gegen den kinderlosen Alten stand ich in frohem Vertrauen auf den Nachwuchs meines Geschlechts. Mein Werk sollte fortleben in meinen Söhnen, die Fäden habe ich gezogen über Land und Meer, damit, wenn ich scheide, meine Knaben das Gewebe vollenden; jetzt zerreißt der eigene Sohn ruchlos die Arbeit meines Lebens.« – Draußen klang der Ruf der Wachen und kriegerische Musik, darauf Saitenspiel und das Schwirren und Lachen Sorgloser. Das Sonnenlicht fiel gedämpft durch den Vorhang in den Raum und umsäumte das Haar des Kaisers, im Schatten kniete das Mädchen aus Thüringen, der graue Mantel der Bruderschaft wallte ihr um den Leib, daß sie aussah wie ein Geist der heimatlichen Berge. Endlich erhob sich Friedrich, sein umherirrender Blick haftete auf der fremden Frau und wild zogen sich seine Brauen zusammen. »Was kauerst du hier, Unglücksgestalt? Ich sage dir, daß es Tod bringt, in die Geheimnisse der Könige zu dringen.«

»Ich weiß, wie einem Vater ums Herz ist, der um den verlorenen Sohn trauert,« antwortete Friderun, »habe ich Euch Unglück verkündet, so zürnet dem Boten nicht, ich durfte nicht verschweigen, was ich widerwillig gehört; denn wie der Vater im Himmel größer ist als der Sohn, so soll auch auf Erden der Kaiser mehr sein, als der junge König. Er ist jung, Herr, und er lachte sorglos wie ein leichtherziger Knabe. Er sieht Euch auch ähnlich, hoher Herr, und jedermann muß merken, daß er von Eurem Geschlecht ist. Leicht wird ein Sohn verlockt, wenn arglistiger Rat in sein Ohr dringt. Das haben auch wir in unserem Hofe erfahren.«

»Du sprichst gut,« murmelte der Kaiser, »gegen den Arglistigen hebt sich die Hand des Rächers.«

Aus dem Hofe klang vielstimmiger Freudenruf und gleich darauf die Totenklage, welche unter den maurischen Kriegern gebräuchlich war. Der Kaiser trat zornig an das Fenster: »Vergessen auch meine Leibwachen die Ehrfurcht vor ihrem Herrn? Was verstört ihnen die Zucht?«

Ein Leibwächter meldete eilig: »Der Knabe Ali steht unten und bei ihm ein deutscher Ritter.«

»Herein«, befahl Friedrich. Er öffnete die Tür eines Nebenzimmers und gebot der knienden Friderun: »Tritt zur Seite.« Als er sich umwandte, erkannte er den Thüring Lutz mit dem nubischen Knaben. »Steht auf, Mann. Ich sah Euch zuletzt auf trauriger Warte bei Jerusalem, und ich merke, nicht fruchtlos war Euer Harren, denn Ihr habt etwas von dem gefunden, was Ihr suchtet. Vernahmt Ihr von dem Gefangenen?«

»Mein Herr Ivo harrt am Tore auf die Erlaubnis, vor des Kaisers Angesicht zu treten.«

»Ihr bringt ihn,« rief Friedrich in freudigem Erstaunen, »warum sendet er Euch voraus?«

»Ich habe einen Handel gemacht wegen seiner Rückkehr mit dem weißbärtigen Alten im Libanon und gedachte zuerst dem Heiden meine Treue zu erweisen. Denn, Herr Kaiser, durch hohen Eid bin ich verbunden, die Missetat zu rächen, welche beim Grenzsteine der Messer verübt wurde an meinem Herrn, an dem Helden Hassan, an dem Mauren Abdallah und an dessen fünf Begleitern. Als Kläger stehe ich hier gegen einen Christen, den die Heiden im Gebirge mit ihrer schleichenden Rache nicht zu erreichen wissen. Ich bringe die Zeugen mit mir und fordere, wenn des Kaisers Majestät den Schuldigen erkennt, Kampf gegen ihn im Gottesgericht.«

»Du meinst Peter Montague vom Tempel«, rief Friedrich.

»Die Templer hatten teil an der Tat, denn ihr Meister selbst hat vorher meinen Herrn gewarnt; aber der Stifter und Führer des Überfalls war ein anderer.«

»Weißt du den Namen?« fragte Friedrich mit flammenden Augen.

»Ich denke, daß ich ihn kenne«, antwortete Lutz vorsichtig. »Möge mein Herr und Kaiser ihn selbst durch das Zeugnis erfahren. Die Mörder kamen als ein großer Haufe in der Tracht schweifender Kurden, nur der Knabe Ali entrann in den dunklen Wald. Die letzten Worte, welche er vernahm, rief ein Kurde in der Sprache der Lateiner, als er sich gegen Herrn Ivo warf, und die Worte waren: ›Hier, Minnesänger, nimm den Dank.‹ Als die Ismaeliten herzueilten, fanden sie die überfallenen Männer am Boden, die Rosse entführt, meinen Herrn über der Leiche des Helden Hassan, in seiner Rüstung diese Waffe.« Er wies dem Kaiser den Dolch, an dessen Spitze noch die goldene Kapsel steckte. »Die Ismaeliten meinten, der große Kaiser werde an dem Messer und an den Worten des Knaben den Täter erkennen.«

Friedrich warf einen Blick auf den kunstvoll gearbeiteten Griff der Waffe und schleuderte sie auf den Tisch. »Ich sah sie schon früher.« Er wandte sich zu dem Knaben und sprach arabisch mit ihm. Dann trat er an den Tisch und starrte auf die Waffe. »Es ist lange her, mein Vetter, daß du deine Wahl getroffen hast zwischen Vater und Sohn. Den vereitelten Überfall im Bade darf ich wohl auch auf deine Rechnung schreiben. Seitdem habe ich manches Mal deine Falschheit geahnt. Was ich dir gewähren konnte, hattest du erreicht, als vertrauter Rat des Knaben Heinrich hofftest du der große Gebieter der Christenheit zu werden. Die Versuchung war für dich zu groß, und mein war die Schuld, daß ich dir zu lange vertraute. Immer warst du klug und ohne Bedenken und fast hättest du mich überlistet. Aber einmal haben Neid und Eifersucht dir doch die kalte Ruhe genommen, eine Torheit war der kurdische Mummenschanz, durch ihn hast du dein Spiel verloren. Hinweg.« Er warf ein Tuch über die Waffe und trat zu Lutz: »Ihr habt als ehrlicher Ritter Eure Pflicht getan, die Vollstreckung der Strafe, welche Ihr den Ismaeliten gelobtet, nehme ich Euch ab, der Kaiser selbst wird Rächer der Missetat.«

Lutz griff verlegen an seinen Schwertgurt. »Verzeiht, Herr Kaiser, um meinen Herrn zu retten, habe ich bei meiner Ehre gelobt, gegen den Leib des Täters zu reiten.«

»Sorgt nicht,« versetzte Friedrich mit wildem Lächeln, »des Kaisers Rache zieht vielleicht nicht auf einem Ritterroß durch das Land, aber sie trifft das Leben.« Er faßte an sein Schwert. »Ich gelobe, Herr, Euch und Euren Heiden soll Genüge geschehen. Jetzt aber eilt, mir einen Lebenden herbeizuführen, an den ich lieber denke.«

Lutz und der Knabe verließen das Gemach, gleich darauf lag Ivo zu den Füßen des Kaisers, der ihm über sein Haupt strich und ihn küßte. »Daß du lebest, wurde mir wenige Stunden vor deiner Ankunft durch deine Haarlocke angekündigt. Eines sage mir vor allem, wie kam's, daß der wilde Alte dich nicht selbst als Rächer entließ?«

»Herr, ich durfte den Heiden niemals gestehen, daß ich Christen als Täter erkannt hatte und Euren Boten als Anstifter. Jener aber meinte nur mich.« Ivo berührte mit der Hand seine Schulter, an welcher der Kaiser einst das Tuch erkannt hatte.

»Ich verstehe,« sprach Friedrich, »aber wozu mußte der Bösewicht ein solches Gemetzel ersinnen? Konnte er nicht warten, bis es Zeit war, euren Handel zu einem ehrlichen Ende zu bringen? – Für dich, Ivo, bewahre ich zwei Getreue, welche sich deiner Rettung freuen werden, beide sind, wie ich fürchte, Ungläubige.« Er öffnete die Seitentür, winkte der Magd einzutreten und verließ das Gemach.

Als Friderun sich plötzlich dem Jugendgespielen gegenüber sah, stieß sie einen Schrei aus und lehnte sich an die Wand. Sie fühlte sich umfaßt und einen Kuß des Mannes auf ihrer Stirn und sie ruhte einen Augenblick alles vergessend in seinen Armen, doch bald entzog sie sich ihm und sprach mit bebender Stimme und niedergeschlagenen Augen: »Die Bauern von Friemar grüßen Euch vor den anderen.«

Hinter dem Kaiser trat der weise Omar ein. Der Araber faßte die Hand des Wiedergefundenen und legte sie sich an Herz und Haupt. »Auch der Alte freut sich in seiner Weise,« sagte der Kaiser lächelnd, »denn deine Rückkehr hat seine Wissenschaft zu Ehren gebracht. Wisse, Ivo, als ich dich und zugleich einen anderen entsendete, suchte Omar, wie er zuweilen für mich tut, den Erfolg eurer Reisen zu erkunden. Nachdem ich dir bereits den Auftrag gegeben hatte, erhielt ich das Prognostikum, welches mir und ihm seitdem Kummer gemacht hat, denn es lautete: Die Sendung zu dem Herrn der Messer mag vergeblich sein, doch der Bote kehrt gerettet zurück, und ferner: Die Botschaft nach Damaskus schafft dem Kaiser Glück, aber dem Boten mag sie zum Unheil werden. Da tauschte ich dir zuliebe die Ämter, und habe ich mit diesem gegrollt, weil du nicht wiederkehrtest. Jetzt hat sich die Verkündigung, welche dich anging, als wahr erwiesen – und,« setzte er finster hinzu, »auch was dem andern gedeutet wurde, mag sich erfüllen. Du aber erzähle, wie du bei den wilden Männern im Berge gelebt hast, denn ganz als ein Sagenheld stehst du vor mir.«

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