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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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Der Kämmerer trat ein. »Zürnt nicht, wenn ich Nichtiges melde. Zwei Fremdlinge, die mehr bartlosen Knaben als Männern gleichen, erflehen Zutritt. Sie tragen sich wie syrische Landleute, doch sprechen sie nur arabisch, und auch davon kam wenig über ihre Zunge.«

»Frage selbst, was sie begehren«, befahl Friedrich abweisend.

»Nur dem großen Emperor dürften sie den Auftrag sagen.«

»Dann kommen sie wegen geraubter Frauen oder Hammel. Der Sarazene Abdallah soll mit ihnen reden.«

Aber im nächsten Augenblick trat der gerufene Leibwächter ein, entsetzt, als hätte er einen Geist gesehen. »Sie kommen vom Scheik aus den Bergen, es sind verkleidete Fedavie mit den Messern. Gestatte, daß wir sie niederhauen, bevor sie stechen.«

»Ich bin dem Alten dankbar, daß er gleich zwei seiner Wespen an uns verschwendet«, sagte Friedrich betroffen. »Torheit«, unterbrach er sich selbst. »Ich habe ihm nie etwas zuleide getan. Ladet den Helden Hassan zu mir, doch geleitet ihn durch den anderen Eingang; alsdann führt die Boten herein, ich will sie selbst sehen.«

Als Hassan waffenlos, mit tiefer Verneigung eintrat, hob der Kaiser ein reichgeschmücktes Krummschwert, wie es die Morgenländer zu führen pflegten, aus den aufgestellten Rüstungen und reichte dasselbe dem Ismaeliten. »Ich empfange Boten deines Scheiks, sie sollen dich als freien Mann unter uns erkennen, nimm die Waffe und stelle dich neben mich.«

Ivo warf einen flehenden Blick auf den Kaiser und beugte das Knie. »Gut,« nickte Friedrich, »ich halte mich seitwärts, du magst an meiner Statt in die Mitte treten; ihr Wachen lüftet die Klingen und bringt sie her.«

Zwei unansehnliche Gestalten mit fahlen, verlebten Gesichtern und glanzlosen Augen traten herein, warfen sich am Eingang zur Erde und schlugen mit dem Haupt auf den Teppich, dann griff der eine in das Gewand, brachte einen Brief, der mit goldener Schnur umwunden war, hielt ihn an Herz und Haupt und legte ihn ehrfurchtsvoll in Ivos Hand. Dieser überreichte den Brief dem Kaiser. »Der Alte führt ein Siegel wie andere große Herren,« murmelte Friedrich neugierig, »und sogar sein Wappenzeichen, das Messer.« Er las, ihm entschlüpfte ein Ausruf des Erstaunens, und er gab den Brief an Hassan. »Lies, Held, und sage mir, ob alles ehrlich gemeint ist, was in diesen Zeilen steht.«

Der Ismaelit rührte mit der Hand an seinen Hals und versetzte stolz: »Mein Haupt sei dir Unterpfand, verächtlich ist die Lüge in den Bergen, auch unsere Feinde haben nie an der Wahrheit unserer Rede gezweifelt.«

Der Kaiser blickte ihm scharf in die Augen. »Ich vertraue dir. Wisse, Ivo«, begann er gutgelaunt in deutscher Sprache, die keiner der Anwesenden verstand, »dieser Tag bringt vieles Unerwartete; nicht nur der Sultan, auch der Scheik aus den Bergen erweist sich als ein wohlgefälliger Nachbar. Er dankt ganz höflich für die gute Behandlung seines Neffen Hassan, schreibt Ehrenvolles über die Hochherzigkeit, die ich diesem bewiesen habe, und bittet mich, einen Weisen zu senden, der mit ihm und seinen Gelehrten über den Glauben der Christen verhandeln könne. – Er weiß nicht, daß ich gebannt bin und daß ich nicht sogleich einen frommen Vater auftreibe, der in arabischer Sprache zu streiten vermag. – Zuletzt beweist er seine Achtung vor unserem Christentum dadurch, daß er mir diese hier zum Geschenk sendet.« Er wies auf die beiden Boten, welche am Eingange des Zeltes kauerten mit gesenkten Häuptern und stieren Augen gleich Stumpfsinnigen. Ivo sah in Widerwillen auf die Gesandten. »Was sollen Eurer Majestät diese kraftlosen Männer?«

»Auch der Alte wird schwerlich auf ihre Stattlichkeit stolz sein, aber er hält sie für nützlich. Zwei Seelen seiner Geweihten schenkt er mir und zwei Messer, damit ich sie, wie der wilde Heide schreibt, gegen meine Feinde gebrauche. Denn wisse, so kläglich sie aussehen, sie sind begeistert in ihrem Glauben, kein Hindernis und keine Gefahr hemmt, wie er behauptet, den Todesgruß, welchen sie tragen, und keine Marter lockt ihnen ein Geständnis ab. Wunderlich ist eine Macht, welche so über das Leben anderer verfügt, schneidende Werkzeuge sind diese Knaben in der Hand ihres Herrn, und dieser Herr soll fortan ich sein.«

»Mein Kaiser aber wird dem Geber die fluchwürdige Gabe zurücksenden«, bat Ivo.

»Du bist schnell«, versetzte Friedrich, mit düsterm Behagen auf die Willfährigen blickend. »Wer die Geschenke eines Morgenländers ablehnt, beleidigt ihn schwer, und der Alte in den Bergen vermag ein wertvoller Freund zu werden, ja noch mehr, er findet sogar ein Wohlgefallen an unserem Glauben.«

»Begehrt er in Wahrheit gutes Einvernehmen mit den Christen,« fuhr Ivo flehend fort, »so ist die erste Bedingung, daß er dem teuflischen Gebrauche der Messer entsage, denn kein Zutrauen ist möglich zu einem Volk, dessen Glaube ehrlose Taten heiligt. Niemand aber vermag ihm das so eindringlich zu sagen, als des Kaisers Majestät, wenn Ihr seiner Sendung entgegenhaltet, daß sie mit dem Gesetz unseres Glaubens unverträglich sei.«

»Du hast ganz recht,« versetzte der Kaiser ruhiger, »wenn du ihre Messer ehrlos nennst. Handeln aber die Christen anders?« Er wies auf das Kästchen. »Waren das nicht auch ehrlose Dolche, die gegen mich geschwungen wurden?«

»Viele Missetat geschieht unter uns, welcher wir fluchen,« entgegnete Ivo, »doch die Missetäter trifft in dieser Welt Zorn und Verachtung der Redlichen und vielleicht der Arm des irdischen Richters; und in jenem Leben, wie wir belehrt sind, die Schrecken der Ewigkeit.«

»Dein Kaiser ist auf Erden der höchste Richter,« antwortete Friedrich, »und er hat oft gefühlt, daß in Notzeiten sein Arm schwach ist, die Missetäter zu strafen. Da die Römer noch Heiden waren, bildeten sie ihren höchsten Gott Jupiter ab, wie er ein Bündel rächender Blitze in der Hand hielt, sie konnten kein besseres Zeichen göttlicher Macht erfinden. Wahrlich, diese Knaben, welche sich für ihren Herrn dem Tode geweiht haben, sind solchen Blitzen vergleichbar.«

Erschreckt durch diese Worte, warf sich Ivo dem Kaiser zu Füßen und rief: »Oh, mein gnadenvoller Herr, bannt die finsteren Gedanken aus Eurem edlen Geiste, denn der üble Teufel versucht die Guten durch seine Unholde, die er ihnen in den Weg sendet. Auch der Höchste und Beste auf Erden soll sich hüten, daß ihm nicht in schwerer Stunde die dienstwilligen Boten der Hölle als gute Gehilfen erscheinen für eine ehrliche Tat. Eurer Rache dienen die Schwerter der Redlichen und die Gewalt des laut verkündeten Richterspruches, nicht die heimliche Waffe der Verschwörer; ein heller Tagesfürst seid Ihr uns und nicht ein Gebieter finsterer Schatten.«

»Erhebt Euch, Herr,« rief der Kaiser unwillig, »allzu dreist mahnt Ihr vor Zeugen Euren Gebieter.« Da Ivo traurig zurücktrat, fügte er freundlicher hinzu: »Du meinst es gut, das weiß ich wohl, aber hege ein besseres Zutrauen zu mir. Sehe ich aus wie einer, der Meuchler sendet, um sich lästiger Feinde zu entledigen? Wahrlich, meine Gegner dürfen sich nicht beklagen, daß ich ihnen die Freude, mir zu schaden, unredlich verkürze. Wenn ich etwas von Notfällen sagte, so waren es nur solche, die ein König allein versteht. Tröste dich, Ivo, jene Stummen mögen abwarten, bis wir den Alten selbst auf bessere Gedanken gebracht haben, vielleicht behältst du recht, und ich kann sie ihm zurücksenden, ohne daß er sich gekränkt fühlt. – Du, Hassan, sprich zu den verlorenen Kindern deines Volkes, ihr anderen aber achtet darauf, daß sie nicht im Lager umherschweifen, und überlaßt sie sonst ihren eigenen tiefen Gedanken.«

Der unablässigen Sorge, mit welcher Ivo die Behausung der unheimlichen Gesellen bewachte, wurde er bald darauf durch den Kaiser selbst enthoben.

»Sattle, Held,« rief Friedrich dem Eintretenden zu, »du sollst einen weiten Weg für mich reiten. Nach dem Norden entsende ich dich mit einer Botschaft an den Sultan von Damaskus, du wirst ihn und sein Heer am Libanon finden, wo er mit den Johannitern um die Grenzsteine hadert. Von dort magst du ihn nach Damaskus begleiten, dort kannst du den Hofhalt eines reichen Morgenländers schauen, Geschenke bringen und empfangen.«

Ivo dankte durch einen frohen Blick. »Deine Augen sind unhöflich,« lachte der Kaiser, »sie verraten, wie glücklich du bist, meiner Nähe zu entrinnen. Entschuldige dich nicht,« fuhr er gütig fort, »und eile zurückzukehren. Auch deinen Schützling, den Ismaeliten, wirst du entlassen; ich sende zugleich mit dir den Grafen Humbert nach dem Libanon, er soll dem Scheik seinen Helden übergeben und meinen Dank für die Messer zurücktragen, die der Alte mir gesandt hat. Ich meine, dir wäre der Auftrag unwillkommen.«

»Ich danke, daß des Kaisers Majestät mich dieser Fahrt enthebt«, versetzte Ivo aufrichtig. »Möge Eure Huld dem Hassan eine ehrliche Heimkehr sichern, denn er hat sich unter uns unsträflich gehalten und doch geringe Freundlichkeit gefunden.«

»Du selbst kannst für deine Speerbeute sorgen, denn du reitest bis zu den letzten Burgen der Christen mit dem Grafen Humbert zusammen.«

Ivo machte eine Bewegung. »Ihr lebt beide unter dem Kreuz«, mahnte Friedrich ernsthaft. »Die Heiligen, denen ihr jetzt dient, fordern mancherlei Entsagung. Das Land ist unsicher, und ihr werdet gut tun, scharf auszusehen.«

Der Graf trat ein mit anderen Herren des Gefolges. Bevor der Kaiser sie anredete, schlüpfte aus der Seitentür ein maurischer Knabe und übergab kniend ein kleines Pergamentblatt. Friedrich las, seine Miene umwölkte sich, er setzte sich schweigend in den Sessel, las wieder und sah prüfend auf Ivo und den Grafen. Endlich erhob er sich, und nachdem er die Aufwartenden entlassen hatte, begann er in gebietendem Tone gegen beide von der vertrauten Sendung. Aber Ivo vermochte seine Überraschung nicht zu bergen, als der Kaiser dem Grafen Humbert die Gesandtschaft an den Sultan von Damaskus auftrug, ihm aber die Reise zu dem Alten vom Berge. Der Graf warf von der Seite einen wilden Blick des Triumphes auf Ivo und verneigte sich dankend gegen den Herrn. Als der Thüring folgen wollte, trat Friedrich auf ihn zu, und ihn scharf anblickend, sprach er: »Ich habe dir zuweilen gezeigt, daß du mir wert bist. Wenn du jetzt in stillem Verdruß die unwillkommene Reise antrittst, so wisse, Ivo, daß ich dir einen größeren Beweis meiner Neigung nicht geben konnte, als gerade den, daß ich dein Amt und das eines andern vertauschte.« Er gab ihm mündliche Aufträge, das Schreiben an den Scheik, das Verzeichnis der Geschenke und schloß: »Deine Ritter würden dir in dem fremden Land ohne Nutzen sein, nimm statt ihrer einen Beritt meiner Leibwächter, welche Sprache und Sitte des Morgenlandes kennen, du kannst dich für Leben und Tod auf sie verlassen. Um deine Thüringe werde ich unterdes sorgen. Sende mir den Hassan, damit ich selbst ihn entlasse.«

Sonst war Ivo jedem neuen Abenteuer fröhlich entgegengezogen, als er heut aus dem kaiserlichen Zelt trat, war ihm das Herz so schwer, wie niemals in seinem Leben und er schalt sich selbst darüber. Auch seine Ritter trauerten. »Zum erstenmal reitet mein Herr ohne mich unter Feinden«, klagte Henner, und Lutz bat: »Nehmt wenigstens den Rabensohn mit Euch, der uns aus dem Harem zugeflogen ist, denn er versteht das Schnarren und Krächzen alles Geziefers in diesem Lande.«

Mit sechs maurischen Leibwachen und den Saumrossen ritt Ivo, begleitet von Hassan und dem jungen Nubier, zum Sammelplatz des Lagers, gleich darauf kam der Graf von Meran mit großem Gefolge, darunter Brüder von St. Johannes und dem Tempel, welche nach ihren Burgen im Norden reisten. Ivo sah, daß in der ganzen Gesellschaft kein Deutscher war, nur Provenzalen und Welsche. Graf Humbert gab das Reisezeichen und die kleine Schar sprengte aus dem Lagerwall der Küste zu. Als sie eine Strecke geritten waren, trieb der Graf sein Pferd zu Ivo heran. »Der Kaiser will, daß Ihr die Reise bis zu den Grenzburgen in meiner Gesellschaft macht. Da Ihr ein Deutscher seid, so ist nicht unnütz, Euch zu erinnern, daß ich den Befehl habe und daß Ihr Euch meinem Gebot fügen werdet wie ein anderer.«

Ivo antwortete: »Der Oberbefehl gebührt Euch mit Recht, da Ihr der Ältere seid. Was Ihr zum Nutzen der Fahrt meinen Leuten gebieten müßt, das laßt mich wissen, und zwar mit der Höflichkeit, welche ich im Amt des Kaisers von Euch zu fordern habe. Außer durch mich kommt kein Befehl an den Ismaeliten Hassan und an meine Lanzenträger, denn die Leibwache führe ich, und für den Fremden bin ich dem Kaiser verantwortlich.«

Mit hoher Miene antwortete der Graf: »Ich bin nicht gewöhnt, den Befehl mit andern zu teilen.«

Ivo wandte sein Roß. »Dann gestattet, daß ich zur Stelle zurückreite und den Entscheid des Kaisers erbitte.«

»Ihr wißt das Vorrecht eines Günstlings keck zu benutzen«, versetzte der andere mit Hohn und sprach arabisch zu dem Führer der Leibwache. Dieser antwortete ehrerbietig und machte gegen Ivo den Gruß des Untergebenen. »Da die Leibwachen sagen, daß sie an Euch gewiesen sind,« schloß der Graf unzufrieden, »so überlasse ich Euch der Gesellschaft Eurer Ungläubigen.« Er sprengte vorwärts, die Schar bewegte sich in zwei Haufen dahin, die Genossen des Grafen lachend und in sorglosem Gespräch, Ivo allein unter den Morgenländern in trüben Gedanken.

»Meiden sie dich,« fragte Hassan, »weil du mit einem Sohn der Berge reitest?« und sein Flammenblick folgte dem Grafen.

»Ich fürchte vielmehr, Held Hassan, daß deine Reise beschwerlich wird, weil ich selbst jenem verfeindet bin.«

»Und warum reitet Ihr nicht seitwärts in ein Tal, um Euren Streit auszufechten?«

Ivo wies auf das Kreuz an seiner Schulter. »Beide haben wir der Rache entsagt, solange wir das heilige Zeichen tragen.«

»Solches Gesetz verdirbt den, der es am meisten ehrt«, versetzte der Fremde.

Fünf Tage zogen die Gesandten längs der Küste dem Norden zu. Oft ritten sie auf hartem Ufersand, umweht von dem milden Seewinde, oder blickten von der Höhe weit hinaus auf das blitzende und wogende Meer. Sie kamen durch die berühmten Hafenburgen der Christenheit, welche von früheren Kreuzfahrern über den Trümmern vergangener Städte Phöniziens aufgemauert waren, vor ihnen aber erhob sich zur Rechten gewaltig das Gebirge des Libanon, unten fruchtbare Gelände, darüber Höhen mit dunklem Bergwald und alles überragend die langgestreckten Schneegipfel.

Am sechsten Tage lenkten die Reisenden vom Küstenpfade den Bergen zu, welche rings um sie aufstiegen, hier als steile Felsklippen, dort durch dunkles Nadelholz gekrönt. Sie betraten das Grenzgebiet, welches die Templer den Ismaeliten entrissen hatten und durch ihre Burgen festhielten. Beim Aufbruch aus dem Nachtlager bemerkte Ivo, daß der Ismaelit nicht mehr das reichverzierte Krummschwert trug, welches ihm der Kaiser geschenkt, sondern eine Waffe, die er im Zweikampf verloren und bei der Entlassung zurückerhalten hatte, und er fragte: »Willst du die Ehrengabe ablegen, jetzt, wo wir deinen Bergen nahen?«

»Für den Kampf vertraut der Krieger am liebsten dem Stahl, welchen er erprobt hat«, versetzte Hassan.

»Sinnst du auf Schwertschlag?« fragte Ivo. »Wir ziehen im Frieden und du weißt, daß ich dem Kaiser mit meinem Leben für deine Heimkehr hafte.«

Hassan neigte höflich das Haupt. »Vor mir liegt das Land meiner Väter, und bei uns gilt das Sprichwort, daß der Fuß des Heimkehrenden am leichtesten an der Schwelle des eigenen Hauses strauchelt.« Sie ritten den Tag menschenleere und öde Höhen entlang, zwischen Felsen, welche steil gen Himmel ragten, zuweilen sahen sie ein lachendes Tal, welches noch im Spätherbst mit hellem Grün prangte, aber die vereinzelten Steinhäuser, welche gleich Burgen an den Felsen hingen, waren durch Feuer ausgebrannt und die verkohlten Balken lagen umher. Hier und da erschienen und schwanden Reiter auf den Höhen, einigemal glaubte Ivo die Tracht der Templer zu erkennen. Am Abend kamen sie an einen großen Chan und traten in niedrige Hallen, welche sich nach einem weiten ummauerten Hofraum öffneten, an dem Eingange hing das rote Kreuz der Templer. Dort wurden die Reisenden von einigen Brüdern des Ordens begrüßt, Tische waren aufgestellt und ein reiches Mahl gerüstet für die Herren und Knechte und gesondert für die maurische Leibwache nach dem Brauch ihres Glaubens, diese bediente ein sarazenischer Koch und ein Bruder des Ordens.

Die Sonne war untergegangen und große Feuer verbreiteten im Hofe Licht und Wärme, als eine Schar von Templern heransprengte, in ihrer Mitte sah Ivo mit Erstaunen die düstere Gestalt des Meisters Montague, den er weit im Süden beim Kreuzheer verlassen hatte. Der mächtige Mann begrüßte als Wirt die christlichen Gäste, auch zu Ivo trat er: »Da hier die Wegscheide ist für die beiden Boten des Kaisers, so bin ich zur Grenze gekommen, um für die edlen Herren zu sorgen, soweit die Bruderschaft vermag. Wisset, Herr, Ihr zogt bis jetzt im Schutze des Tempels, denn meine Brüder haben die Bergpfade bewacht.«

Bald schwirrte laute Unterhaltung in verschiedenen Sprachen, Graf Humbert war in besserer Laune als sonst, und Ivo beachtete wohl, wie vertraulich er mit den Templern lachte und Scherzworte tauschte. Auch Ivo wurde von einem Bruder deutscher Zunge, der mit dem Meister gekommen war, in ein leichtes Reitergespräch gezogen, und die Gäste rühmten freudig die leckere Kost, während behende Knaben der Templer den heißen Wein des Libanon schenkten. Dennoch war bei dem Gelage ein Zwang erkennbar, öfter als sonst geschieht, sprachen einzelne leise miteinander und lautes Gelächter wechselte mit unheimlicher Stille. Als Ivo aufstand, nach dem Helden Hassan zu sehen, fand er ihn allein neben dem nubischen Knaben auf dem Boden sitzen, mit dem Rücken an die Mauer des Chans gelehnt. Da nahm er einen gefüllten Becher und bot ihn dem Ismaeliten: »Du verschmähtest unter uns nicht den Lieblingstrank der Christen, trinke nach unserem Brauch auf ein gutes Ende der Fahrt.« Hassan wies dankend den Becher zurück. »Auch nicht, wenn ich dir zutrinke?«

Der andere weigerte sich wieder und wies nach den Templern. »Ich und jene schenken einander nichts als den Tod. Willst du dein eigenes Wohl beraten, so halte dich fern von mir.«

Da gebot Ivo dem nubischen Knaben, daß er ihm das Nachtlager an der Seite des Ismaeliten bereite, er selbst trat zu den Leibwachen und fand, daß auch diese stumm vor unberührten Speisen saßen. Als er fragte: »Verbietet heut euer Gesetz das Nachtmahl?« antwortete der Führer düster: »Sonst, wenn uns der Knappe des Meisters zum Mahle lud, kostete er von Speise und Trank vor, wie sich's gebührt, heut unterließ er die Höflichkeit. Dagegen forschte er prüfend, ob wir im Fall eines Kampfes das Schwert für den Ismaeliten ziehen würden.« – »Und was sagtest du ihm?«

»Daß wir tun werden, was du gebietest.«

Ivo nickte. »Achtet auf die Pferde, daß ihnen kein Gegner nahe. Du, Abdallah, wende deine Augen nicht von dem Fremden und schütte dein Lager dicht an unserer Seite.« Als er sich dem Tisch zuwandte, trat der Meister der Templer ihm entgegen. »Gefällt's Euch, Herr, so gönnt mir auf einige Augenblicke Eure Gesellschaft«, und das Tor des Chans öffnend, lud er ein: »Folgt mir hinaus in die Nachtstille.« Ivo sah zögernd nach dem Ismaeliten; da setzte der Templer hinzu: »Ihr werdet ihn hier wiederfinden, wie Ihr ihn verlaßt.« Im Freien begann er: »Euer Kaiser erforscht gern die Zukunft aus den Sternen; auch meine Brüder ehren diese Wissenschaft. Sie fragten die Himmelslichter nach dem Schicksal jenes Sohnes der Messer, den Ihr mit Euch führt, und ihnen wurde verkündet, daß dies seine letzte Reise ist und daß er gefällt wird, bevor er eine Burg seiner Genossen betritt.«

»Ich bin des Kaisers Bote, Herr,« antwortete Ivo, »und der Fremde ist meiner Ehre anvertraut.«

»Die Macht des Kaisers ist nichtig in diesem Lande, keinen andern Gewaltigen gibt es hier, als den scharfen Stahl. Jener aber gehört zu einer Rotte von Mördern; sie werden von ihren Nachbarn erlegt, wie man den Wolf und die wilde Katze erschlägt, welche, allen Waldtieren schädlich, im Dunklen schleichen. Ein unchristlicher Einfall des Kaisers war es, dem Heiden das Leben zu bewahren, als er unter Eurem Schwerte lag, und Ihr begeht ein Unrecht gegen die Christenheit, wenn Ihr ihn heimzuführen strebt.«

»Ihr wißt, Herr, daß mir als einem Gesandten nicht ansteht, den Wert des anvertrauten Mannes zu schätzen.«

»Dann fürchte ich,« antwortete Montague ruhig, »daß Ihr selbst durch Euer Amt belästigt werdet. Denn als meine Brüder in den Sternen lasen, daß jener dort dem Tode verfallen ist, da erspähten sie auch, daß jeder, der für ihn das Schwert zieht, von dem gleichen Schicksal bedroht wird. Da Ihr ein Edler und ein Christ seid, so hielt ich für recht, Euch zu warnen.«

»Wisset auch Herr,« rief Ivo stolz, »daß Ihr selbst Euch durch diese Rede in meine Hand gebt.«

Der Meister lächelte finster. »Ein Tor warnt, wo er verderben will, ich spreche in guter Meinung. Und ich sage Euch nur, was unsere Weisen aus den Sternen erforscht haben. Tut mit der Warnung, was Euch gefällt, ruft sie in die Berge, klagt sie dem Himmel oder schreit sie laut in den Hof. Blickt um Euch, Herr, die grauen Mäntel, welche Ihr vielleicht ringsum im Dämmerlichte seht, mögen Euch die Sicherheit geben, daß die Templer in dieser Nacht um Euch wachen. Zuletzt vernehmt noch dies: Meinen Brüdern verbietet ihr Eid, einen Christen, zumal wenn er das Kreuz trägt, mit ihren Waffen anzugreifen, außer in eigener Not zur Verteidigung. – Gefällt's Euch, so kehren wir zum Abendtrunk zurück.«

Ivo schritt im Hofe zum Grafen von Meran und rührte ihn am Arm. Dieser zuckte, als er den Mahnenden erkannte, aber so feierlich war der Ausdruck und die Haltung des Gegners, daß er sich erhob und zur Seite trat. »Ich bin gewarnt,« sprach Ivo, »daß mir und meinen Begleitern vor dem Ende der Reise ein Überfall droht, und ich hege Verdacht, daß er von Christen ausgeht, welche Gegner des Kaisers sind. Wie denkt Ihr Euch dabei zu verhalten?«

»Mich zwingt mein Amt, zum Sultan von Damaskus zu reiten,« versetzte Graf Humbert, »scheut Ihr Euch, Eure Reise zu wagen, so schließt Euch meinem Gefolge an, und wenn ich Euch gesund heimbringe, sagt dem Kaiser, daß Ihr Furcht hattet.«

»Solche Antwort habe ich erwartet,« versetzte Ivo ruhig, »doch war es meine Pflicht, von der drohenden Gefahr gegen Euch zu reden; denn es handelt sich hier um das Wohl eines Fremdlings, der in kaiserlichem Schutze reist, und um die treuen Leibwächter, für deren Heil ich zu sorgen habe.«

»Da Ihr Euch den Befehl über den Fremden und die Mauren vorbehalten habt, so müßt Ihr auch allein die Verantwortung für ihr Heil übernehmen.«

»Ihr sprecht wieder, Herr, wie ich erwartete,« antwortete Ivo, »und damit alles zwischen uns geordnet sei, bevor Ihr Euren Weg fahrt, so vernehmt noch die letzten Worte, welche ich Eurem und meinem Herrn durch Euch sende, da Ihr vielleicht dem Kaiser eher vor Augen treten werdet als ich. Der hochwürdige Bruder Montague sagte mir, daß die Templer einen Kreuzfahrer nur in eigener Not zur Verteidigung angreifen. Werde ich aufgehalten, so sind andere Christen weniger bedenklich gewesen.« Er kehrte dem Grafen den Rücken.

Der Graf von Meran trat zurück und sah unwillig nach dem Meister der Templer, der daneben stand und, die Worte Ivos bestätigend, mit dem Haupte nickte. »Seit wann haben die Brüder vom Tempel den Brauch zu warnen, bevor sie treffen?« fragte er leise.

»Seit sie für unrecht halten, in diesem Lande alte Kränkung zu rächen. Und ich sage dir, Humbert, meine Brüder sollen seinen Tod nicht auf ihre Seele nehmen, wenn es zu hindern ist.«

Die Feuer brannten nieder, der Meister brach mit seinem Gefolge nach der Burg Safitah auf, die Gesandten des Kaisers bereiteten in den Hallen ihr Nachtlager. Ivo streckte sich neben dem Ismaeliten auf den Teppich und befahl dem jungen Nubier, zwischen ihnen zu kauern, damit er im Notfall leise Worte von einem Ohr zum andern trage. Der Knabe erwies sich herzhaft und flüsterte: »Schlaft, Herr, ich wache.« Es war eine stille, bange Nacht, Ivo lag auf den Arm gestützt unbeweglich, aber seine ganze Seele war gespannt in Auge und Ohr; der Lärm in den Mauern war verstummt, er vernahm nur das Stampfen der Rosse und leise Seufzer der Schlafenden, und draußen in der Wildnis den Schrei eines Nachtvogels und das Gebell der Raubtiere. Zuweilen erhob sich der Knabe und warf ein Scheit in das niedergebrannte Feuer. So verging die Nacht den Schlaflosen. Als kaum der erste Tagesschimmer über den Himmel flog, rief der Marschalk des Grafen von Meran zum Aufbruch. Eilig wurden dem Grafen und seinem Gefolge die Rosse gesattelt, die Herren schwangen sich auf und ritten ohne Abschiedsgruß davon. Jetzt erst erhoben sich die gewarnten Helden, sie waren allein und Ivo atmete auf, als er ins Freie trat; vor der Herberge war alles still, nirgend ein Feind zu sehen, der Bergwind wehte frisch an die heißen Schläfen, und das aufsteigende Tageslicht weckte in allen Herzen neues Vertrauen. Ivo ergriff die Hand des Ismaeliten: »Vermögt Ihr allein Euch leichter zu retten, als in unserer Gesellschaft, so laßt mich das wissen.«

»Säße ich auf meinem Roß, das die Berge kannte wie ich selbst, so würde ich die Verfolgung der Templer verlachen, aber dieses Tier ist aus der Ebene und nicht behender als die Euren.«

»Dann reiten wir als treue Genossen zusammen«, entschied Ivo. »Euch, Held Hassan, gebührt, uns zu führen.«

Hassan winkte zu den Pferden, er selbst ritt voran und lenkte seitwärts in die Berge. Es war ein heißer Ritt um das Leben, Felsen hinauf und hinab, zwischen die Stämme mächtiger Zedern, in grüne Täler, durch angeschwollene Waldbäche und wieder steile Berglehnen hinauf. Die Rosse schnoben und strauchelten, hoch aufgerichtet saß der Sohn der Berge, seine Augen fuhren spähend über Nahes und Fernes, oft änderte er die Richtung oder lenkte zurück auf bereits durchlaufenen Weg. Als Ivo ihn bei solcher Umkehr fragend ansah, wies er in die Ferne, und da Ivo nichts zu erkennen vermochte und mit dem Haupt schüttelte, hob er zwei Finger in die Höhe und rief mit einem Blick wilden Abscheues: »Es sind Templer, sie verstehen sich auf die Jagd in den Bergen.« Die Sonne stieg höher, die Pferde ermüdeten und traten unsicher, Ivo fühlte unter den Leichtbewaffneten den Druck seiner schweren Rüstung. Und wieder wies er warnend auf die stöhnenden Pferde.

»Sie müssen aushalten, oder wir verderben,« versetzte der Ismaelit. Weiter ging die Fahrt über Steine und durch stürzendes Wasser. Endlich hielt Hassan vor einer steilen Klippe, schwang sich vom Roß, zog ein rotes Tuch aus dem Gewande, und in die Höhe klimmend, ließ er das Tuch in das Tal wehen. Als er zurückkehrte, blickte Ivo in ein freudiges Gesicht. »Noch sind wir nicht am Ziele,« sagte Hassan, »aber Kinder der Berge wissen, daß wir nahe sind, und ihre Reiter jagen mit der Botschaft in die nächste Burg.« Und sich wieder auf das Pferd schwingend, führte er einen Bergrücken entlang durch den Hochwald. Vor ihnen fiel die Höhe steil ab in ein kleines Tal, welches von einem reißenden Gebirgsbach durchströmt wurde. »Dort liegt das Land meiner Väter,« sagte er, mit einem Blick des Triumphes hinüberweisend, »der Bach ist die Grenze. Vermögen wir vor einem Anfall der Feinde hinüberzudringen, so sind wir der Gefahr enthoben, denn dort sammeln sich jetzt meine Brüder.« Vorsichtig stiegen die Reisenden in das Tal, drangen durch den kalten Bach, der seinen Schaum zu den Schaumflocken der zitternden Pferde warf, und trabten, die letzte Kraft aufbietend, den Hügel hinan, auf welchem ein hoher Grenzpfeiler stand, der ihnen ein Kreuz als Zeichen zukehrte. Ivo neigte sich vor dem heiligen Symbol, bevor er es hinter sich ließ, dann glitten sie in eine Senkung des Bodens hinab, die von hohen Zedern umschlossen war. Hassan hielt sein Roß an, sein dunkles Antlitz strahlte vor stolzer Freude, er wies nach dem Grenzstein zurück, in welchem auf dieser Seite zwei Messer eingehauen waren: »Hier ist meine Heimat.« Und würdig grüßend sprach er: »Seid willkommen. Wir lagern und harren der Meinen. Mir deucht, schon höre ich den Klang der Hufe durch den Wald.« Die ermüdeten Reiter stiegen von den Pferden, Ivo band den Helm ab, warf sich erschöpft neben den andern auf den Boden und faltete seine Hände zu stillem Gebet.

Plötzlich stieß Hassan einen wilden Schrei aus, Ivo fuhr auf, die Stätte war von dunklen Gestalten in schwarzer Kriegertracht umringt, von allen Seiten flogen die Wurfspeere, und ein gellendes Kampfgeschrei folgte der Stille. Er zog sein Schwert und eilte dem Ismaeliten zu Hilfe, der, am Boden liegend, gegen einen ganzen Haufen Feinde rang. Da sprang ein einzelner Gegner auf ihn zu, diesem war die schwarze Kurdenmütze abgefallen, und Ivo starrte in ein Angesicht, das er wohl kannte; er rief, sein Schwert wegwerfend: »Nimm dein Recht« und das Messer des andern bohrte sich durch die Rüstung in seine Brust. Seufzend sank er über den Leib des Ismaeliten. Im nächsten Augenblick waren die Mörder verschwunden, die Rosse der Getöteten entführt, lautlose Stille lag wieder über dem Tale des Todes, nur der Bergwind rauschte in den Wipfeln der Bäume.

 

Ungeduldig erwartete der Kaiser die Rückkehr seiner Gesandten. Er war mit dem Heere nach Süden aufgebrochen und lag bei Jaffa an der Straße nach Jerusalem. Seinem Vorsatz getreu, vermied er den Kampf mit den Sarazenen, aber er wußte trotz der Schwäche seines Heeres die Zauberkraft zu bewahren, die sein Wesen auf die feindlichen Fürsten ausübte, und benützte in den Verhandlungen meisterhaft die Uneinigkeit, welche die Sultane des Morgenlandes an gemeinsamer Tat hinderte. Endlich ritt der Graf von Meran in das Lager ein mit guten Versprechungen und reichen Geschenken des Sultans von Damaskus, ihm war alles wohlgelungen; von der andern Gesandtschaft wußte er nichts zu berichten, als daß er sie in der Herberge einer Grenzburg zurückgelassen hatte. Vergebens ließ der Kaiser durch ihn bei Templern und Johannitern, den nächsten Nachbarn der Ismaeliten, umfragen. Endlich kam vom Norden her ein Gerücht in das Lager, die Gesandtschaft sei von wilden Kurden, welche in dem Grenzland nach Raub umherstreiften, getötet worden. Da sprach der Kaiser traurig zu seinem Vertrauten Omar: »Du hattest falsch gerechnet. Nur was du mir prophezeitest, als er zuerst in mein Zelt trat, ist zur Wahrheit geworden, daß sein Dienst kurz und wohltätig für mich sein würde. Aber das Ende hat sich weit anders gefügt.« Der Araber eilte bestürzt zu seinen Kreisen und Sterntafeln, kehrte zurück und behauptete, der Geschwundene müsse noch wiederkehren. Da hoffte Friedrich aufs neue. Als aber Woche auf Woche verrann, sah er sich nach einem andern Boten in die Berge um und fand endlich einen redlichen Mönch aus sächsischem Kloster, der des Arabischen mächtig war; ihn sandte er mit einem Briefe heimlich über Damaskus in das Gebiet des Scheiks. Doch der Mönch brachte den Brief zurück, den Herrn der Berge hatte er gar nicht gesehen, denn er war in einer Grenzburg desselben aufgehalten worden, über das Schicksal der Gesandtschaft hatten die Ismaeliten ein finsteres Schweigen bewahrt und nur mündlich die stolze Antwort gegeben: sie wünschten dem Kaiser als einem hochsinnigen Helden Glück gegen seine Feinde, aber sie hätten erkannt, daß er zu schwach sei, um Treulosigkeit und Verräterei der Christen zu bändigen. Und der Glaube, dem so viele Schlechte vertrauten, sei ihnen verleidet und verhaßt.

Als die erste Nachricht von dem Überfall der Kurden zu den Zelten der Thüringe kam, schritt Henner schweigend in den Stall, sattelte sein Pferd und sprengte aus dem Lager, um seine Verzweiflung den Jüngeren zu verbergen. Da Lutz, besorgt um seinen Gesellen, nacheilte, fand er ihn auf der Höhe unter einem blätterlosen Baume sitzen, ganz verwandelt und weit älter als sonst. Er setzte sich zu ihm und faßte schweigend die Hand. »Du bist jung und du wirst wieder lachen,« sprach Henner, »ich aber habe ihn auf meinem Arm gehalten, da er ein Kindlein war, mir ist unerfreulich, daß ich ihn überleben soll, und ich sah aus, ob ich einen schweifenden Haufen von Bodwinen oder ähnlichem Heidenvolk erblicken könnte, um an diesen die Rache zu nehmen und ihm nachzufolgen.«

»Denkt auch daran, Marschalk, daß er vielleicht noch lebt,« tröstete Lutz, »und daß er Euch finden muß, wenn er zurückkehrt.«

»Tröstet Ihr Euch mit dieser Hoffnung!« stöhnte Henner, schlug die Hände vor sein Gesicht und weinte.

»Wir vernehmen oft,« begann der Jüngere wieder, »daß die Wüstenräuber gierig nach Lösegeld sind und lieber gefangen nehmen als töten.«

»Unser Herr ist nicht leicht zu fangen,« versetzte der Marschalk rauh, »Ihr solltet doch wissen, daß er sich nicht ergibt und am wenigsten diesen unritterlichen Bösewichtern.«

Das mußte Lutz seufzend zugeben und sie saßen wieder schweigend beieinander.

»Wenn er aber dennoch am Leben wäre und zu den Seinen zurückkäme,« begann Henner endlich, »so soll kein Auge ihn eher erblicken als das unsere, und wenn er zu Fuß kommt als ein müder Wanderer, so soll er hier eines unserer Rosse finden, damit er in das Lager reiten kann als ein Krieger. Merkt, Herr, daß dies von heut an unsere Warte ist, von der wir nordwärts blicken, denn hinter jenen Bergen ging verloren, was die Freude und Ehre unseres Lebens war.« Seit diesem Tage ritt der Marschalk täglich hinaus zu dem Baume und führte ein leeres Pferd an der Trense mit sich. Bald wußte man im Lager, daß die beiden dort auf ihren Herrn harrten; die Christen, welche des Weges zogen, sahen scheu hinüber, und mancher sprach ein stilles Gebet für den Verlorenen.

Der Vertrag des Kaisers mit dem Sultan war geschlossen, der Kaiser erwarb die heiligen Städte Jerusalem und Bethlehem, und die Herbergen auf dem Wege von der Küste bis Jerusalem. Als ihm das große Werk gelungen war, ließ er die beiden Dienstmannen vor sich laden und sprach: »Die Kreuzfahrt wird vollendet, wir brechen morgen nach Jerusalem auf, und auch ihr Herren werdet mich um des Verlorenen willen begleiten, denn ich verspreche euch, durch die Fürsten der Sarazenen unter den Horden, welche im Lande umherziehen, nachzuforschen, damit wir Sicherheit gewinnen über sein Leben oder seinen Tod.«

Da riet Lutz ehrerbietig: »In der Begleitung des Herrn war ein schwarzer Knabe. Das Heidenkind ist schlau und vermöchte wohl Auskunft zu geben; ich denke, daß es nicht getötet ist, sondern irgendwo als Sklave weilt.«

Der Kaiser nickte: »Ich kenne den Knaben. Zwar ist die Hoffnung gering, hier im Lande einen Neger bei den Händlern aufzufinden, dennoch will ich auch daran denken.«

Als die Kreuzfahrer die Kuppeln und Mauern Jerusalems vor sich sahen, loderte in dem müden und entzweiten Heere die fromme Begeisterung aufs neue in hellen Flammen empor, die Pilger warfen sich zur Erde, küßten den Boden, schlugen die Brust, seufzten, ächzten und weinten und zogen unter Bußgesängen in ungeheurer Prozession durch die Tore. Der Kaiser aber stellte überall seine bewaffneten Haufen auf, damit die Entzückten den Sarazenen in der Stadt nichts zuleide täten. Da ihm die christlichen Priester zürnten und das Hochamt zu seiner Krönung verweigerten, so erstieg er selbst in der heiligen Grabkirche die Stufen des Hochaltars, hob die Königskrone Jerusalems vom Altare und setzte sie sich auf unter dem hellen Jubelgeschrei des Heeres. Den deutschen Ordensbrüdern aber verlieh er zur Belohnung für ihre Treue die Königsburg von Jerusalem und setzte die Bruderschaft, welche sich bis dahin mühsam gegen die anderen behauptet hatte, in den berühmtesten Herrensitz als Wächter der heiligen Stadt. Und während seine Kreuzfahrer in vielen wallenden Haufen vor den zahlreichen geweihten Stellen knieten, tauschte er selbst höfliche Grüße und Versicherungen der Freundschaft mit den Sarazenen und veranstaltete zu seinem Vergnügen Wettgespräche, in denen die Weisen aus dem Morgen- und Abendland mit den schärfsten Waffen ihrer Dialektik und Rhetorik gegeneinander kämpfen mußten. Heimlich aber blieb sein Sinn auf die Heimkehr gerichtet, denn was er längst gefürchtet hatte, war geschehen, sein Erbland, das Königreich Sizilien, war von einem päpstlichen Heere überschwemmt.

Die Ritter des Herrn Ivo hielten sich auch in der heiligen Stadt gesondert von den übrigen unter traurigen Gedanken, und Henner fand seinen einzigen Trost in den Reden seines Gesellen Lutz, welcher fest an der Meinung hielt, daß ihr Herr noch am Leben sei. Auch aus Jerusalem ritten die beiden täglich zu der Straße, welche von Norden heranführte, sie hatten ihren Sitz auf hohem Felsblock gewählt, von dem sie ein weites Land übersahen. Dort begann einst Lutz: »Ich rate, Marschalk, daß wir bisweilen an das Heil unserer Seelen denken, damit wir nicht den Segen verlieren, der dem Pilger zuteil wird, wenn er an den heiligen Stätten kniet.«

Doch der Marschalk entgegnete finster: »Tut Ihr, was Euch frommt, ich aber vertraue, daß die Heiligen mein Gebet auch von diesem Stein erhören werden. Denn ich habe nicht viele Bitten an sie zu richten, sondern nur die eine, daß ich bald ebendahin fahre, wo mein Herr weilt, sei es auf Erden oder im Himmel oder sonstwo.«

Am Tage vor seiner Abreise ritt Friedrich mit Hermann von Salza aus den Mauern von Jerusalem. »Hier ist meine Arbeit getan,« begann er, »eine härtere erwartet uns in der Heimat. Das Banner des Kaisers weht über der heiligen Stadt und die Abendländer können auf den heiligen Steinen ihre Knie wund reiben, ohne von den Ungläubigen gemißhandelt zu werden. Ich habe für mich und meinen Sohn die Krone vom Altar gehoben, und dich und deine Brüder habe ich ansehnlich gemacht vor den Leuten; ich höre, die deutschen Ritter drängen sich jetzt an die Pforten deines Hauses, um bei euch die Gelübde abzulegen. Beide haben wir gewonnen, was die Herzen der Gläubigen an uns fesseln muß, und die hohe Meinung der Welt soll uns Bürgschaft werden für künftige Siege. Wir brauchen sie, Hermann,« fuhr er mit düsterm Lächeln fort, »denn in Wahrheit reitet jetzt der Kaiser neben dir als ein König ohne Land. Und ich würde teuren Preis dafür bezahlen, wenn ich mit dir auf dem Zaubermantel eines weisen Meisters nach Italien fliegen könnte, denn mir brennt das Herz darnach, an meinen Feinden Rache zu nehmen. Wer sind jene,« unterbrach er sich, nach der Höhe weisend, »die über dem Grabe der alten Kaiserin Helena die Speerwache halten?«

»Es sind die Dienstmannen des edlen Ivo,« antwortete der Meister ernsthaft, »sie wollen der Hoffnung nicht entsagen, daß ihr Herr zurückkehre.«

Friedrich ritt an die Traurigen und sprach zum Marschalk: »Vergeblich war alles Hoffen, ihr Treuen; gern werde ich selbst euch in meinem Dienste behalten, in Italien habe ich scharfe Arbeit für eure Schwerter. Auch Held Ivo würde mir seine Waffe gegen die welschen Feinde nicht versagt haben.«

Henner antwortete mit bebender Stimme: »Möge der Majestät des Kaisers alles wohl gelingen. Uns zürnt nicht, wenn wir noch hier beharren, bis wir untrügliche Kunde erhalten, ob unser Herr aus dieser Welt geschieden ist. Denn ganz Verworrenes reden die Leute. Wir aber meinen, daß er uns in diesem Lande finden muß, wenn er dennoch zurückkehrt, und wenn die Kunde erschallt, daß er irgendwo am Leben ist, so müssen auch wir zur Stelle sein, um sie sogleich zu vernehmen. Sobald wir unserer Pflicht gegen das Kreuzheer enthoben sind, denken wir nordwärts zu reiten, und selbst im Grenzlande zu suchen.«

Da gebot der Kaiser, daß sie sich noch bei seinem Kämmerer melden sollten, um Reisegeld zu empfangen, und sprach traurig zu Hermann: »Dies ist das Land, wo sich jeder für seinen Glauben unsinnig gebärdet. Aber das törichte Vertrauen dieser zwei armen Männer ist ehrwürdiger, als manches Pochen auf hohe Verheißung.«

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