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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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7. Bei Accon

Auf dem Deck einer starken Kogge aus Lübeck saßen die Pilger, den Blick nach der aufsteigenden Küste von Cypern gerichtet. Ihre Wangen waren gebleicht durch den Meerwind und das ungewohnte Schaukeln des großen Wasserrosses, und oft hatten sie sich reisemüde gewundert, daß es so viel wildes Gewässer auf Erden gebe. Jetzt harrten sie schweigend des Landes, nur der sorglose Lutz sang leise einen heimatlichen Reigen. »Wer kann hier tanzen,« sprach Henner unzufrieden, »wenn er nicht vom Geschlecht der Meerweiber oder der Seehechte ist, denn großmäulige und habgierige Gesellen wälzen sich um uns.« – »Segel ahi«, rief der Maat über die Brustwehr des Gerüstes, welches oben am Mastbaum ragte. Gleich darauf schrillte derselbe Ruf wieder und wieder. Der Schiffer trat zu Ivo. »Es sind Schiffe des Kreuzheeres, welche von Accon heimkehren, Ihr werdet im Hafen Neues aus dem heiligen Lande erfahren.« Bald sahen die Pilger eine ganze Flotte, welche von Osten her einfuhr oder bereits landete, viele Boote fuhren an das Land, und doch standen die Leute auf den Fahrzeugen Kopf an Kopf gedrängt.

»Geht der Kreuzzug rückwärts?« fragte Ivo verwundert, »auch Banner der Edlen sehe ich an den Mastbäumen; die Krieger hasten, nach dem Ufer zu kommen, aber sie ziehen nicht gleich Siegern daher.«

Als er mit seinen Begleitern im Boote durch das Gewirr der Schiffe ans Land fuhr, riefen ihm Stimmen entgegen: »Kehrt um, nutzlos ist eure Reise, die Kreuzfahrt ist vergangen.«

Henner wies zur Seite. »Seht dort Gesichter, die wir in der Heimat nur zu gut kannten. Graf Meginhard, Euer Ohm, hebt sich an den Strand.«

Ivo sprang aus dem Boote. War auch daheim nur geringe Freundschaft zwischen ihm und seinem Verwandten gewesen, hier pochte ihm doch freudig das Herz, als er dem Mann seines Blutes entgegentrat. »Seid gegrüßt im fremden Lande«, sagte er fröhlich.

Der Graf antwortete kalt der Begrüßung. »Ihr kommt zu spät, Ivo, wenn Ihr gesonnen seid, weiter ostwärts zu fahren. Wir Thüringe haben geringe Ursache, die Treue des Kaisers zu rühmen, er hat uns verlassen, und der Zorn des Papstes hat die gewappneten Pilger von ihrem Gelübde gelöst. Das ganze Heer läuft auseinander. Umsonst haben sich die Pfaffen in der Heimat heiser geschrien und ganz umsonst haben wir unser Geld aufgewandt.«

»Der Kaiser aber wird kommen.«

Der Graf lachte. »Dann mag er allein die Heiden in ihre Sandwüste scheuchen, die Hilfe der Christen hat er verloren. Eilt euch,« rief er seinen Begleitern zu, »damit wir Herberge in der Stadt finden, bevor der Schwarm der Fahrenden eindringt. Wundert Euch darum nicht,« schloß er, seine Mütze gegen Ivo lüftend, »wenn ich Euch verlasse. Wollt Ihr Euch weise beraten, so wendet den Kiel Eures Schiffes einer anderen Ritterfahrt zu.«

Ivo erkannte im Gefolge des Grafen den leidigen Herrn Konz und den jungen Berthold, welche mit den Herren vom Niederhof feindliche Blicke tauschten. Er rief dem Oheim nach: »Wollt Ihr mir noch sagen, wo der Meister des deutschen Ordens weilt?«

»Er müht sich zu Accon, Wasser in einem Siebe zu tragen«, antwortete der Graf über die Achsel zurück.

Da sprach Ivo zornig zu seinen Gesellen: »Ich aber meine, daß jetzt ein anderes Sieb geschwenkt wird, welches die Spreu des Heeres vom Weizen sondert.«

Am dritten Tage darauf lag die Küste des heiligen Landes vor den Augen der Pilger; alle knieten auf dem Verdeck, ein alter Priester sprach die Gebete und stimmte den Hymnus an, zu welchem die Laien das Kyrie sangen, indem sie sehnsüchtig die Arme gegen das Land streckten. Als der Gottesdienst mit heißer Andacht vollendet war, deutete der Geistliche den Thüringen die sichtbaren Strecken des Landes. »Dort gegen Norden ragen die beschneiten Gipfel des Libanon, jener blaue Fels im Süden ist der heilige Berg Karmel, und hier vor uns liegt Accon, der eherne Schirm der Christenheit, denn dreieckig, gleich einem Schilde, liegt es da, an zwei Seiten von den Wellen umspült.« Er wies auf einen alten Turm, der auf einer Klippe trotzig in die See hinausgebaut war, als äußerste Wacht des Außenhafens. »Dies ist der Fliegenturm, dort hinten ragen die Zinnen der Königsburg, dies sind die starken Türme und die Basteien der Brüder von St. Johannes und weiter abwärts hinter den Hügeln liegt das Pilgerschloß, die Burg der Templer, welche nicht ihresgleichen auf Erden hat.«

Als das Schiff in den Binnenhafen fuhr, läuteten die Glocken und dröhnten große eherne Pauken den Gruß der Stadt. Eine unzählbare Menge war zusammengelaufen und antwortete den winkenden und grüßenden Pilgern durch lautes Geschrei. Wie Gestalten einer fremden Sage schwebten und drängten die Menschen vor den erstaunten Augen der Landenden, sie fanden sich umgeben von Trachten, die sie niemals geschaut, und angerufen durch Laute menschlicher Rede, dergleichen sie niemals gehört. Neben dem Griechen im langen bunten Gewande standen der Jude im Kaftan, der syrische Christ mit weißem Turban und Wollgürtel, Frauen, welche Stirn und Kinn verhüllt trugen, aber mit Auge und Hand zu sich heranwinkten, und Lateiner aus jedem Volk des Abendlandes vom braunen Portugiesen bis zum hagern Schotten. Unter den Erwachsenen wanden sich aalgleich halbnackte Kinder, weiß, braun und schwarz, und hoben begehrlich die geöffneten Hände. Abseits von dem Volksgetümmel aber harrten stolze Krieger des Christenheeres, viele im schwarzen Mantel der Johanniter oder im weißen der Templer, Leibwächter des Patriarchen mit vergoldeter Rüstung und georgische Reiter, Mann und Roß in glänzende Schuppenpanzer gehüllt. Zwischen die Menschen schoben sich Esel und Maultiere der Führer, welche die Reisenden und ihr Gepäck in Empfang nehmen wollten, dahinter ragten die langen Hälse und Höcker der Kamele. Und der ganze seltsame Schwarm grüßte, winkte, schrie. »Wir hörten eine Sage über den Turmbau zu Babel,« murmelte Henner, »hier ist einiges aus dem Wirrwarr übriggeblieben. Weiche zurück von meiner Tasche, Gesindel.«

»Heil sei allen tapferen Deutschen!« schrie ein vierschrötiger Mann, seine Nachbarn zurückstoßend. »Hierher, ihr Herren, hier steht der echte Blitzschwab, bei mir findet ihr Herberge und heimische Kost, berühmt sind die Klöße und vielgepriesen ist der Wein des Wirtes zum Greifen.«

»Segen über Eure goldnen Locken, Ihr edler Herr!« rief von der andern Seite eine ältliche Frau, die ein rotes Turbantuch um die Schläfen trug und am Halsbande ein großes silbernes Kreuz. »Nimmer hätte ich mir träumen lassen, euch, ihr ruhmvollen Helden, hier zu sehen. Habt ihr nie von der Wirtin zum heiligen Georg gehört? Ein Erfurter Kind bin ich, und ich sah manchen von euch, da er nicht größer war als so hoch.«

Ein Ritterbruder von St. Johannes nahte hinter einem Knappen, der mit seinem kurzen Spieße rücksichtslos auf die Schienbeine der Zudringlichen schlug, so daß sie scheu zurückfuhren und dem Ritter eine Gasse bis zu Ivo öffneten. »Seid willkommen, edler Herr,« begann der Bruder höflich zu Ivo, »der hochwürdige Meister sendet Euch und den Herren seinen Gruß und erbietet sich zu jedem guten Dienst, den ein Fremder in diesem Lande begehren mag. Gestattet Ihr's, so führe ich Euch vor seine Augen, denn er selbst ist zur Stelle.«

Ivo trat mit seinen Rittern zu einer Gruppe von Johannesbrüdern, aus deren Mitte der berühmte Meister Bernard ihm entgegentrat. Der Lothringer segnete ihn in deutscher Sprache und bot ihm verbindlich das Gasthaus des Ordens zur Herberge an. Da Ivo sich aber nicht in der ersten Stunde seiner Ankunft einer Bruderschaft verpflichten wollte, so dankte er artig, und der Meister, ein geheimes Mißvergnügen verbergend, entließ ihn mit wiederholtem Angebot ritterlicher Dienste. Sogleich hingen sich wieder die Erfurterin und der Schwabe an ihn. »Begehrt Ihr den Greif oder St. Georg,« fragte Henner, »mir scheint, die Ehrbarkeit ist in beiden gleich.«

»Die Landsmännin soll uns haben,« versetzte Ivo lachend, »wie sie auch sei.«

»Sehr klug tatet Ihr,« lobte vertraulich die Frau, »daß Ihr die Skorpione in den Strohsäcken der Weißkreuze vermieden habt, die vom Johannes sind gieriger als alle anderen und mißgönnen sogar einer ehrlichen Frau ihre kummervolle Nahrung. Heda, Jakob, wo bist du und wo sind die Esel?«

Ein syrischer Mann zerrte seine Tiere am Halfter herzu und mit vielem Aufwand von Worten und Gebärden führte die Wirtin ihre Gefangenen triumphierend in die Stadt. Durch enge, schmutzige Gassen, zwischen den rückströmenden Haufen drängte und stieß sich der Zug bis zur Herberge, während Henner und Lutz mit den Knechten im Hafen zurückblieben, um das Ausschiffen der Rosse und der Heeresrüstung zu überwachen.

Der Abend kam heran, bevor die Thüringe sich mit ihren Tieren unter dem Schutz des heiligen Georg geborgen hatten, und in einem weiten Hofe, der mit Fliesen gepflastert war, an Tischen und Bänken zusammensaßen. Der ganze Raum füllte sich mit Gästen; auch hier schwirrten viele Sprachen des Abendlandes durcheinander, doch blieb das Deutsche obenauf. Es waren zum Teil Leute von achtbarem Aussehen, neben ihnen andere mit deutlichen Gaunergesichtern und gefällige Weiber, bunt aufgeputzt, mit frechen Blicken; auch deutsche Spielleute fehlten nicht, bald klang die Sackpfeife und die Flöte, bald sang ein Wanderer, der den silbernen Armring seines Herrn trug, zu der kleinen Harfe. Auf allen Tischen standen Kannen mit dem feurigen Wein Palästinas, oft gefüllt von den gefälligen Töchtern des Gasthofes, die zwar einer Mutter gehorchten, aber in verschiedenen Mundarten auf die Befehle der Gäste antworteten.

Die Angekommenen hatten keinen ruhigen Sitz, denn um sie kreiste neugierig und begehrlich der Schwarm. Manche fragten wehmütig nach der Heimat, andere priesen ihre Waren, die sie in Körben vorzeigten, oder erboten sich zu jeder Art von Diensten, auch zu unsäuberlichen. Sogar Brüder von St. Johannes saßen in dem Haufen, und Ivo wunderte sich, daß die Ordensregel das lustige Zechen nicht hindere. Aber er war doch froh, als derselbe Bruder, der ihn am Hafen begrüßt hatte, zu seinem Tische trat, denn der schwarze Mantel desselben scheuchte sogleich alle Zudringlichen aus der Nähe, und dem Bruder höflich Sitz und Becher bietend, sprach er: »Mit frommen Gedanken betraten wir das Land der Verheißung und erwarteten Bußgesänge zu hören, aber wir vernehmen hier weltliches Getöse, lauter und wilder als daheim.« Der Bruder lachte. »Jeder Ankommende hegt dieselben Gedanken, und mancher, der betend landet, lernt hier das Fluchen. Doch,« fügte er höflich hinzu, »Eure Frömmigkeit ist zuverlässig größer als die der meisten Pilger, da Euch das Herz treibt, zu kommen, während die anderen abziehen.«

»Wir vernahmen auf dem Wege, daß der heilige Vater aus Zorn gegen den Kaiser die Waller von ihrem Eide entbunden hat.«

Der Bruder versetzte vorsichtig: »Traurig war für uns der Tag, wo die Botschaft verkündet wurde. Was soll aus dem Weinberge werden, wenn der Aufseher selbst die Arbeiter hinausscheucht? – Jetzt aber sind wir alle begierig, Neues zu hören, und Ihr werdet auch deshalb meinen Brüdern eine Freude machen, wenn Ihr unseren Hallen die Ehre Eures Besuches vergönnt.«

Ivo neigte sich stumm, der Bruder fuhr fort: »Ihr habt heut, edler Herr, den Antrag meines Meisters zurückgewiesen, sicher aus wackerem Stolz. Verzeiht aber die Frage: Gedenkt Ihr lange in dieser Herberge unter Dieben und Trunkenbolden auszuharren?«

»Wir kamen hierher, mit den Ungläubigen zu kämpfen.«

»Kämpfen?« antwortete der Bruder verwundert. »Wir leben seit Jahren im Waffenstillstand oder im Frieden mit den Sarazenen, nur daß wir eingeschlossen sind. Die Ruhe soll dauern, bis der Kaiser kommt. Wer weiß, wann?«

Die Thüringe sahen einander betroffen an. »Wurde das Kreuzheer dazu aufgeboten, um hier ruhmlos zu liegen?« fragte Ivo.

»Das Heer ist zum großen Teil verlaufen,« erklärte der Bruder, »was noch kriegslustig unter den Waffen steht, vermag den Kampf im freien Felde nicht aufzunehmen. Derweilen vertreiben wir die Zeit, indem wir miteinander zanken, und da Fehde und Zweikampf unter dem Kreuze verboten sind, so müssen wir uns begnügen, mit der Zunge zu stechen. Hätten wir nicht die Frauen, welche uns zuweilen ein Lächeln gönnen, so wäre das müßige Sitzen gar nicht zu ertragen. Wir haben eine Tafelrunde als Liebeshof eingerichtet, die Nichte des Patriarchen Gerold ist Großmeisterin. Jeder Neue wird geprüft, ob er hoher oder niederer Minne dient, und erhält alsdann eine Lehrmeisterin.«

»Die haben wir Thüringe nicht nötig«, bemerkte Lutz. »Sitzt Ihr dabei auf dem Erdboden?«

»Die Paare, welche sich gesellen, ruhen auf weichem Polster, sie schmiegen sich nahe zueinander und die Leuchte brennt zuweilen dunkel. Seid Ihr dem Sange und fröhlichem Minnespiel nicht abhold, so könnt Ihr Euch dort manche Stunde verkürzen.«

Ivo sah vor sich nieder und Henner brummte: »Ich hoffe, Ihr brecht unterdes fleißig Eschenholz.«

»Ihr wißt ja selbst, daß der heilige Vater die Turniere verboten hat, dafür stechen wir in der Rennbahn nach hölzernen Mohrenköpfen.« Der Brust des Marschalk entrang sich ein beistimmender Laut, der einem Stöhnen glich.

Auf der Straße gellte ein verzweifelter Schrei nach Hilfe, mancher Gast wandte das Gesicht neugierig dem Eingange zu, aber die lärmende Unterhaltung wurde nicht unterbrochen, bis zwei Männer einen Verwundeten, dem das Blut aus großer Brustwunde lief, in den Hof trugen. Die Wirtin stürzte sich wild aus ihrer Burg, einem hohen Verschlage nahe der Tür, von dem sie mit scharfem Blick alle Tische überschaute, und die Eintretenden abwehrend, schrie sie: »Hinaus, ihr heillosen Tröpfe, wollt ihr mir den Fußboden beschmutzen? Legt ihn auf die Straße und ruft die Wache des Balif.«

Henner erhob sich und durchschritt das Gewühl: »Es sind Schiffskinder des Lübeckers.«

»Er ist von unserer Back«, klagten die Seeleute gegen Ivo. »Er wankte allein wenige Schritte vor uns durch die Gasse, da warfen sich die Mörder über ihn und raubten ihn behende aus. Unsere Gesellen verfolgen die Feiglinge.«

Der Johannesbruder beugte sich über den Erschlagenen. »Es ist vorbei mit ihm, der Stoß kam von geübter Hand«, sagte er achselzuckend. »Warum trug er kein Stahlhemd unter der Jacke? Sorgt für die Bestattung, ihr guten Männer, und wenn ihr Rache begehrt, so nehmt sie an der ersten Nachtmotte, der ihr begegnet; es ist kein Mangel daran.« Noch andere Matrosen traten ein, verstört und grimmig. »Wir verfolgten die Bösewichter bis zu einem großen Hause, sie sprangen hinein, vor uns schlug man die Tür zu; das weiße Zeichen von St. Johannes hing darüber.« Die zornigen Gesichter der Seeleute wandten sich gegen den Bruder, welcher stolz entgegnete: »Sie haben das Asylrecht gefordert. Das weiße Kreuz schirmt jeden, der ihm vertraut. Naht morgen bei Tage höflich der Pforte und klagt bei dem Hauskomtur.« Und zu Ivo gewandt, fügte er entschuldigend hinzu: »Wundert Euch nicht, wenn Ihr hier mehr von heimlichem Überfall vernehmt, als daheim. Der heilige Friede, welcher hier geboten ist, trägt die Schuld. Denn wer sich mit dem Schwert nicht rächen darf, bezahlt zuweilen ein Messer.« Doch als er aus der ernsten Haltung Ivos erkannte, daß auch dieser gekränkt war, leerte er sein Glas und empfahl sich mit zierlichen Worten künftiger Gunst. Auch der Tote wurde hinausgeschafft, eine schwarze Tochter der Wirtin fuhr mit einem großen Schwamm über den Fußboden und der Lärm tobte weiter.

Die Wirtin im Turban aber trat zu Ivo, und auf den leeren Sitz des Bruders deutend sprach sie leise: »Da Ihr ein Thüring seid, so traut diesem Ritter nicht, denn er ist aus Franken, und selten bezahlt er einen Becher, den er bei mir trinkt. Ihr habt wohl selbst gemerkt, daß er nur gekommen ist, um Schakale zu locken.«

»Was bedeutet das?« fragte Ivo.

»Verzeiht, wir nennen die neuen Pilger so. Denn Schakal ist hier ein Tier, dem Fuchs ähnlich, welches hinter dem Löwen hertrabt und diesem das Wild jagen hilft, dafür läßt der Löwe dem Schakal den Abfall der Beute.«

»Begehrt die große Bruderschaft den Beistand der Pilger, damit diese unter ihrem Banner fechten?«

»Fechten? Hier wird seltener gefochten als daheim«, versetzte die Wirtin. »Gewöhnlich müssen die Fremden ihnen um Gotteslohn Säcke tragen, Mörtel mischen und Steine heben für ihren Burgenbau. Wie könnten die Brüder als Herren unter uns sitzen in ihren Palästen, wenn die Pilger ihnen nicht mit ihrem Schweiß die Mauern zusammenfügten?«

»Das mag gute Arbeit sein für die armen Waller, die in ihrer Heimat Ähnliches getan haben, doch schwerlich für solche, welche das Waffenkleid tragen.«

»Ihr irrt, Herr. Wisset, daß für den Pilger in diesem Lande jede Arbeit, die er den Heiligen zur Ehre tut, ein gutes Werk ist, welches ihm den Himmel öffnet, und die niedrigste Arbeit das heilsamste. Ich selbst sah Fürsten und Grafen die Mauerkelle schwingen, und auch mich dünkt es ein rühmliches Tun, wenn gerade die Not bedrängt. Die Bruderschaften aber sinnen unablässig auf Vergrößerung, und deshalb fangen sie den neuen Pilger in ihren Herbergen ein, damit er sich ihnen gelobe und ihnen diene, wozu sie ihn gebrauchen. Erst vor wenigen Tagen haben die Templer einige tausend Mann des Kreuzheeres entführt, damit sie ihnen die Mauern der Stadt Saida wieder aufrichten.«

»Wie kommt's, daß die Brüder vom Tempel nicht auch in Eurer Herberge werben?«

»Die sind zu stolz, um in die Schenken zu gehen,« antwortete die Wirtin, »sie verstehen darum den Fang nicht weniger gut.«

»Und haben die Brüder vom deutschen Hause denselben Brauch?«

Die Wirtin zuckte mit den Achseln. »Diese sind stille Männer, aber sie sind arm und haben wenig Gewalt. Ihre kleine Herberge ist überfüllt durch die Kranken. Wollt Ihr den Rat einer geringen Frau beachten, so traut hier niemandem, denn jeder sorgt nur für sich selbst.«

»Auch Ihr, Mutter?« fragte Ivo lächelnd.

»Ach, edler Herr,« rief die Frau beweglich, »Ihr werdet es mit einer Witwe nicht zu genau nehmen. Bedenkt, wir sind hinausgestoßen an die äußerste Grenze unter die Heidenschaft, wir sind es, welche für die ganze Christenheit das Ärgste wagen und dulden, damit wir frommen Pilgern hilfreich sein können.« Ihre Rede störte ein plumper Gesell mit borstigem Haar, einem Schlächter ähnlich, welcher, die Mütze in der Hand, herzutrat: »Solltet Ihr selbst einmal eine sichere Hand bedürfen, bei Tage oder bei Nacht, so gebt mir und meinem Gesellen den Vorzug, weil ich ein Deutscher bin und in diesen Hof gehöre.«

»Was ist dein Amt?« fragte Ivo mit Widerwillen. Der Mann wies auf das breite Messer an seiner Seite und machte eine kurze Bewegung mit der Hand. Da winkte ihm Ivo, zu entweichen, und sprach finster zu der Wirtin: »Herbergt Ihr auch ehrlose Gesellen dieser Art?«

»Heilige Magdala,« rief die Wirtin, »scheltet mir nicht meine Sangliers. Wie soll eine fromme Frau unter dem wilden Volke haushalten, wenn sie nicht einige Trotzköpfe hat? Die meisten Prälaten und die großen Laien halten sich dergleichen. Ich nähre nur zwei, damit sie dort vor meinem Stuhl sitzen und die frechen Trunkenbolde schrecken. Der Wirt zum Greifen aber bewahrt ein ganzes Rudel und vermietet sie auch, was ich niemals tue. Denn ich achte, soviel ich vermag, auf Ehrbarkeit.«

Am nächsten Morgen begann Ivo zu seinen Gefährten: »Wir sind in dies Land gekommen, um allerlei zu lernen. Was die Kreuzespflicht gebietet, das wollen wir tun bis aufs äußerste, fremdem Brauch fügen wir uns nur, wenn er unserer Ehre nicht zu nahe tritt. Wir schlagen noch heut Zelt und Hütte draußen im Lager auf und verhalten uns dort nicht als Werkleute, sondern als Krieger. Denn darum sind wir gekommen, und die Heiligen werden uns nicht zürnen, wenn wir uns nach Sitte der Heimat unedler Arbeit versagen. Immer aber laßt uns, ihr Herren, treu zusammenstehen und ein gutes Vertrauen bewahren.«

Als die Pilger aus der Herberge traten, umfing sie wieder betäubender Lärm der großen Stadt. Von dem Syrer Jakob, ihrem Dragoman, geführt, wanden sie sich durch das Gewirr der engen Gassen und kletterten halsbrechende Stiegen zwischen den Häusern, welche gleich zahllosen Burgen um sie ragten, weiß getüncht, mit spärlichen Lichtöffnungen und platten Dächern. Unter den schmucklosen Wohnungen kleiner Leute standen mächtige Steintürme und reichverzierte Paläste, die Burgen edler Geschlechter, dazwischen eine große Anzahl Kirchen und Kapellen, deren Glocken fast unablässig läuteten. An den freien Plätzen aber lagen die stattlichen Höfe der Kaufherren aus Pisa mit gewölbten Lauben, wo hinter metallenen Gittern Waren des Morgen- und Abendlandes ausgestellt waren. Bei jedem Schritt haftete der erstaunte Blick der Thüringe auf feilgebotenen Früchten und Lebensmitteln, von denen heimkehrende Pilger Wunderbares berichtet hatten; auf kostbaren Stoffen und edlem Metallschmuck, von deren Pracht und Fülle ihnen selbst das Lied des Sängers nichts verkündet hatte. Sie sahen die reiche Stadt, von Meer und Ebene abgeschlossen durch zwiefache hohe Mauern, die aus Felsstücken wie für die Ewigkeit gebaut waren, darüber ragten mächtige Türme und als Vorwerke große Bastionen, die Barbakanen, welche gerundet oder im Winkel gegen den Strand und die Ebene vorsprangen; jede war selbst eine kleine Festung, trug auf der Plattform ihre Wurfgeschosse und enthielt im Innern große gewölbte Räume und Gemächer, in denen sich eine ganze Schar bergen konnte. Auf diesen Basteien wehten die Banner der Bruderschaften und einzelner Edlen, an der nördlichsten Ecke, beim Tore von St. Leonhard, auch das Banner der Marienbrüder. Draußen in der weiten Ebene aber lagen einzeln an Quell und Bach die burgähnlichen Wohnhäuser der syrischen Landbauer zwischen großen Wein- und Orangegärten, in der Niederung breiteten sich Feigenbäume und Olivenwälder, am Rand der Bäche wuchs der Oleander, auf den Höhen ragten Zypressen und flachgewipfelte Pinien. Der Syrer wies in die Ferne: »Dort hinter den Bergen liegt Jerusalem.« Und die Pilger neigten sich ehrfürchtig der heißersehnten Stadt zu.

In der Barbakane der Marienbrüder fand Ivo ihren Meister. »Ich dachte wohl, daß Ihr beharren würdet«, rief ihm dieser grüßend entgegen.

»Der Kaiser kommt zum Frühjahr,« sprach Ivo, »er hat es mir, da ich Urlaub nahm, feierlich bestätigt.«

»Er kommt als ein Gebannter«, murmelte Hermann. »Euch aber, edler Herr, beweise ich meine Achtung, wenn ich in diesem Lande den Rat gebe, helft Euch selbst und schlagt Euch als ein Freier durch alle Hindernisse. Sucht Ihr den Beistand eines erfahrenen Mannes, so werde ich immer bereit sein. Meine Bruderschaft aber gehorcht einem strengen Gesetz, sie naht freiwillig nur dem Kranken und dem Feinde, und sie verrichtet ohne Entgelt nur Werke des Erbarmens und des Krieges. Wer uns sonst gebraucht, muß uns rufen, und wer von uns begehrt, muß uns leisten. Denn nur unsern Dienst vor Augen gehen wir still unseren Weg zwischen den Guten und zwischen den Argen und suchen beide für uns zu benützen. Deshalb ist der beste Wunsch, den ich für Euch hege, daß Ihr niemals unsern Beistand gebrauchen mögt.«

Ivo meinte, daß dies kalte Worte eines Mannes waren, den er im Herzen verehrte, und er nahm sich vor, die Dienste des Meisters und seiner Brüder solange als möglich zu entbehren. Er meldete seine Ankunft dem Herzoge von Limburg, welcher an Kaisers Statt Führer des Heeres war, und rückte mit seinem Gefolge an demselben Morgen auf die Ebene unweit des Strandes, wo die Zeltgassen verödet lagen. Sein Zelt wurde aufgeschlagen, einige leere Hütten gesäubert und ausgebessert, und es war für alle der erste frohe Augenblick seit vielen Tagen, als Henner das Wappenschild seines Herrn auf der gemalten Speerstange befestigte und, sein Haupt entblößend, rief: »Fliege in Ehren über getreue Herzen.«

Das Jahr neigte zum Ende, die Pilger freuten sich über die milde Luft der ersten Wintermonate, und Henner richtete hinter den Hütten eine kleine Rennbahn ein, auf welcher die Thüringe sich und ihre Rosse eifrig im Speerkampf übten. Wurde das ritterliche Stechen auch von der Kirche nicht gelobt, die Krieger durften sagen, daß sie es als Übung nicht entbehren konnten. Bald war die Bahn in dem trägen Lager ein gesuchter Ort, nicht nur Landsleute, auch Fremde sammelten sich darin, und über den Trümmern der gebrochenen Speere gewannen die Thüringe gute Kundschaft mit vielen fröhlichen Gesellen. Der Herzog von Limburg verstach selbst zuweilen gegen Ivo seinen Rohrschaft und rühmte den Helden und seine Ritter vor den Häuptern des Heeres.

Aber die Ungunst des Winters störte das sorglose Treiben. Ein kalter Nordost hinderte die Schiffahrt, die Zufuhr blieb aus, eine unleidliche Teuerung begann. Denn Weizen und Gerste, die unentbehrlichen Lebensmittel, wurden zumeist mit den Summen erkauft, welche fromme Christen des Abendlandes zu dem Kreuzzuge gesteuert hatten. Immer war die Verteilung unbillig gewesen, der kleine Haufe, für welchen Henner zu sorgen hatte, wurde gegen andere Scharen zurückgesetzt, die großen Bruderschaften und die mächtigen Gebieter nahmen gern das Beste vorweg, und mit viel scharfem Wortgefecht hatten die Thüringe kaum das Notdürftige behauptet. Jetzt war gar nichts zu erhalten, alle Beschwerden Ivos blieben fruchtlos; der Herzog schalt heftig auf die Verteiler, vermochte aber die Parteilichkeit nicht zu brechen. Und Henner mußte aus der Geldtasche, welche er als leichte Last über seinem Herzen bewahrte, den Tagesbedarf zu unerhörtem Preise einkaufen. Sein Zorn wurde größer, wenn er sah, wie wohlgenährt die Pferde vom Tempel und Johannes waren. Denn die Brüder hatten durch große Magazine weislich für ihren Bedarf gesorgt, sie besaßen eigene Lastschiffe und Unterhändler in anderen Häfen. Darum ging der Marschalk mit umwölkter Miene einher, bemüht, seinem Herrn die Not zu bergen. Unterdes suchten Lutz und Eberhard, die jungen, durch Jagdbeute der Küche zu helfen. Doch in der Nähe des Lagers war das Wild fast gänzlich getilgt, sie mußten weit in das Land ziehen und stießen mehr als einmal mit feindlichen Bodwinen zusammen, welche auf ihren Rossen schweifend das Lager umlauerten, und unter den braunen härenen Mänteln gerade dann hinter einer Erdwelle auftauchten, wenn die Pilger ein Rudel Rehe oder Gazellen beschlichen hatten. »Ein Glück ist, daß diese Heidetraber im weißen Hemde niemals einen Pfeil versenden«, tröstete sich Lutz, als er einen Rehbock durch einen Lanzenstich im Arme erkauft hatte.

Als Ivo einst in der Rennbahn ritt, erkannte er unter den Zuschauern weiße Mäntel der Templer, und Herr Peter von Montague, ihr Meister, kam grüßend heran und rühmte die gute Hofzucht der Pferde. »Sie haben nicht ihre volle Kraft«, antwortete Henner, ein wenig getröstet durch das Lob des stolzen Helden, der von dem ganzen Kreuzheere mit Scheu betrachtet wurde. »Schwer haben sie sich an das Futter des Landes gewöhnt, und jetzt wird es ihnen knapp zugemessen.«

Der Meister lächelte ein wenig und sagte im Davonreiten: »Solltet Ihr einmal Lust haben, Pferde Eurer Zucht zu verkaufen, so bitte ich, denkt vor andern an die Brüder vom Tempel.«

Henner sah ihm finster nach. Wenige Tage darauf begann Ivo beim Lageressen: »Feiern wir im voraus das Osterfest, ihr Herren? Täglich bietet der Koch gesottene Fische. Wie kommt es auch, Herr Eberhard, daß Ihr so verstört sitzt und den Arm verbunden tragt.«

»Ich fiel, als wir Fische aus der Bucht holten, von der Klippe in die See,« antwortete der Vasall, »und ich wäre nimmer aus der kalten Flut getaucht, wenn mich mein Geselle Lutz nicht an den Haaren herausgezogen hätte.«

Da stieß Henner plötzlich sein Schüßlein beiseite und große Tränen liefen ihm aus den Augen. »Es ist mir nur um die Pferde,« seufzte er, »sie wollen durchaus nicht mit Gräten vorlieb nehmen.«

Ivo stand auf und winkte dem Marschalk ins Freie. »Sagt mir alles, Henner.«

»Die Geldtasche ist leer,« versetzte Henner, »und wir sind am Ende.«

Ivo nahm die schwere Goldkette vom Halse, den einzigen Schmuck, welchen er trug: »Nimm.« Henner wog die Kette in der Hand. »Oft habe ich sie in Gedanken geschätzt, sie ist die letzte Bürgschaft für Eure Heimkehr.«

»Für die Zukunft vertrauen wir dem, in dessen Dienst wir hierher gekommen sind«, antwortete Ivo.

»Sie hilft auch nur auf kurze Zeit, Herr. – Eberhard trägt eine Schiene um den gebrochenen Arm und wird ihn den Sommer schwerlich im Ernste gebrauchen. Er sehnt sich heimlich nach Hause, nur daß ihn die Scheu abhält, Euch das zu sagen.«

»Und Ihr, Henner?«

»Ihr werdet doch nicht ohne mich und meinen Gesellen Lutz in Jerusalem einziehen wollen?«

Ivo zerriß die Kette in zwei Teile. »Die Hälfte sei für Eberhard und seinen Knecht zur Heimfahrt, die andere Hälfte für uns, damit wir aushalten. Zwölf Rosse hatten wir bis jetzt, verkauft die Hälfte den Templern, so bleibt dem Manne ein Pferd.«

Es war für Henner der schwerste Ritt seines Lebens, als er am Nachmittage in die Burg der Templer zog, die Pferde anzubieten. Der Meister empfing ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. »Schätzt die Pferde selbst und empfangt zur Stelle den Preis. Wir füttern und gebrauchen sie für euch, begehrt ihr sie einst zurück, so mögt ihr sie wiederkaufen. Und findet ihr es zu schwer, unter eigenem Banner bessere Zeit zu erwarten, so wißt, daß meine Brüder sich freuen werden, euch von unseren Vorräten mitzuteilen, soviel ihr wollt.«

»Diese verstehen besser als andere, für sich zu werben«, sagte Ivo mit trübem Lächeln, als ihm Henner die Unterredung berichtete. »Mein Stolz gleicht einer Espe, von welcher der Sturmwind einen Ast nach dem andern bricht, unruhig zittern die Blätter der letzten Zweige, wie lange, und die karge Frist, welche wir erlangt haben, wird verronnen sein.«

Die Worte sollten bald Wahrheit werden. Die warme Frühlingssonne umkleidete wenige Tage darauf die Landschaft mit buntem Farbenglanz. Während in der Heimat die ersten Veilchen und Schneeglocken sich furchtsam an die kalte Luft wagten, leuchtete hier die Ebene gleich einem gestickten Teppich, die weißen Lilien und die Rosen öffneten die geschwellten Knospen, die Turteltauben girrten auf den Sykomoren und die Nachtigall schmetterte aus dem Zitronenhain ihre Lieder. In dem Lager liefen die Krieger zusammen, denn aus der Stadt bewegte sich unter Glockengeläut und geistlichem Gesange, geführt von dem Herzoge von Limburg und dem Patriarchen, ein langer Zug mit dem wallenden Banner der Marienbrüder; sie kamen nicht im kriegerischen Schmuck, sondern trugen Schanzzeug und Baugerät, und in langer Reihe folgten Lasttiere und Karren. Mit düsterem Blick sahen die Templer, welche bei Ivos Rennbahn hielten, auf den großen Schwarm, als er, das Kreuzlied singend, durch die Ebene zog, und der Johannesbruder barg nicht den Ausruf: »Niemals hätte ich gedacht, daß das Marienspital eine solche Schar für sich erbeuten würde.« Da dachte Ivo, daß es Deutsche waren, welche auszogen, und er folgte mit seinen Rittern. Eine gute Meile landeinwärts erhob sich ein ansehnlicher Hügel, an dessen Fuß mehrere weiße Häuser syrischer Landbauern glänzten. Der Zug erstieg die Höhe, die Karren wurden zusammengefahren, das Heer umschritt singend den Gipfel, dann trat es in großem Ringe zusammen und der Patriarch rühmte, daß das beabsichtigte Werk eine heilige Tat und die Teilnahme daran für jeden heilbringend sei; er weihte die Stätte und erteilte den Segen. Darauf wurde die gesamte Schar unter Ordensbrüder verteilt und zur Arbeit geführt. Um den abgesteckten Raum begann ein Teil der Pilger den Graben zu ziehen und einen Wall zu erhöhen, während andere Haufen die Abhänge des Berges von Bäumen und Gestrüpp reinigten. Der Herzog von Limburg und der Ordensmeister taten den ersten Spatenstich, und beide arbeiteten tapfer mit Hacke und Grabscheit, ringsum klangen die Äxte und Hauen laut an Holz und Stein, denn wohl mehr als tausend kräftige Männer schufen am Werke.

Ivo sah eine Weile schweigend zu. Als dem Meister ein großer Stein, den er aus dem Boden heben wollte, abglitt, sprang er herzu, hob die Last und lachte, als der Meister ihn mit freundlichem Kopfnicken grüßte. Bald faßte er selbst eine Haue und half frisch bei der Arbeit. In der Rastzeit trat er zu Hermann und sprach, das Haupt neigend: »Nehmt mich zum Arbeiter an, auch für mich ist die Zeit gekommen zu dienen, und ich will es am liebsten für Euch tun, da Ihr mich im Namen unseres Volkes zur Pilgerfahrt geladen habt.«

Der Meister antwortete ernsthaft: »Ich empfange Euren Dienst, den Ihr mir als ein Freier bietet, Ihr aber nehmt, solange Ihr an unserem Werke schafft, auch unsere Hilfe für Euer Leben. Keine unrühmliche Arbeit ist es, edler Ivo, der Ihr Euch weiht. Dies ist streitiges Land zwischen uns und den Sarazenen, uns aber gehören die Meierhöfe, welche Ihr in den wonnigen Tälern vor uns seht. Starkenburg soll dies Kastell heißen, ein Schutz für Accon und zur Behauptung der Landschaft. Vielleicht sind auch schon die Stätten bestimmt, an welchen weiter abwärts die nächsten deutschen Burgen gebaut werden. Meine Brüder leiten die Arbeit, denn sie haben darin Erfahrung; Bruder Arnfried von Naumburg gebietet den Maurern auf der Höhe – Ihr seht ihn mit Richtscheit und Meßstock schreiten –, und dort unten bereitet Bruder Sibold aus Bremen ein Heerlager für die Arbeiter; diesem will ich Euch zuteilen.«

Ohne Freude empfing ihn der Alte: »Was fiel meinem Meister ein, daß er mir einen Gehilfen sendet, der zuverlässig nichts versteht als Rosse zu drücken und der außerdem ein Edler ist? Kennt Ihr das Geheimnis der Zahlen?«

»Wie der Knabe es auf dem Zahlbrett lernt.«

»Wißt Ihr die Zahlzeichen auf eine Wachstafel zu schreiben?« Das wußte Ivo nicht. »Versteht Ihr die Linien auf diesem Pergament zu deuten?« und er hielt ihm einen gezeichneten Plan hin. Ivo fand die Linien unverständlich. Der Bruder bewegte mißbilligend das weiße Haupt: »Ich dachte mir's wohl, es ist geringe Freude, einen Ungeschickten zu lehren.«

»Habt Geduld mit mir«, bat Ivo, den aufspringenden Stolz unterzwingend. »Ich will mir eifrig Mühe geben, Euch zu gefallen.«

»Haltet wenigstens die Meßschnur«, gebot der Bremer, und Ivo faßte an.

Am Abend war es ihm gelungen, dem strengen Alten so weit zu gefallen, daß dieser sagte: »Ich sehe, Ihr seid willig. Dafür will ich Euch Zeichen in den Sand ritzen und erklären, damit Ihr sie morgen bei Sonnenaufgang merkt. Legt ein Brett darüber, sonst tilgt Euch ein plumper Fußtritt die Wissenschaft.«

Früh am nächsten Morgen saß Ivo auf dem Sande in der Wolljacke, ein Schurzfell um die Hüften, er zog mit einem Schnitzmesser gerade Linien auf ein dünnes Brett, sägte vorsichtig das umrissene Stück ab und rief, seine Arbeit in die Höhe haltend, dem Marschalk zu: »Wißt Ihr, Henner, was ein Winkel ist?« Er mußte die Frage wiederholen, denn rings um ihn krachten die Äxte; auch seine Ritter und Knechte waren in Werkleute verwandelt, welche Balken und starke Pfosten zurechthieben. Endlich antwortete Henner, seine lange Gestalt reckend und den Schweiß von der Stirne wischend: »Ich kenne nur einige Winkel in Erfurt, in welchen nicht viel Gutes zu finden ist. Doch die Heiligen hier haben andere Gewohnheiten als bei uns, für die Seele mag ihre Sitte heilsam sein, aber dem Rücken tut sie weh. Wir merken, Herr, daß dies die Heimat des heiligen Joseph ist, der, wie sie sagen, ein Zimmermann war.«

Wieder half Ivo dem Alten und war eifrig bei der Arbeit, denn er erkannte allmählich das Sinnvolle der Zeichen, welche er machen half. In der Mitte des Lagers sah er einen großen freien Raum, den Ring zum Marktverkehr und zur Sammlung beim Alarm, in der Mitte des Ringes das Wachthaus und dahinter nach der Zahl der Apostel die Stellen der zwölf Schenken und Kaufbuden, seitwärts den Kirchhof, auf dem die Kapelle der Jungfrau Maria gezimmert werden sollte. Von den vier Ecken des Marktes liefen vier Lagergassen nach zwei gegenüberliegenden Toren, und kleinere Gassen nach den Pforten auf den beiden anderen Seiten, längs der Gassen wurden die Hüttenräume für je zwölf Schüsselgenossen abgesteckt und in Quartiere geteilt; um den ganzen Raum wurde die Furche für den Wall und Graben gezogen.

Mit dem Werke gewann Ivo auch den Bruder lieb, denn er merkte wohl, daß dieser in seiner Art ein vielerfahrener und weiser Mann war. Als sie alles abgegrenzt hatten und die Pfähle mit verschiedener Farbe bezeichnet in Reihen standen, sah der Alte zufrieden auf sein Werk und sprach im Selbstgefühl eines Meisters: »Auch Ihr habt jetzt die Kunst gewonnen, ein Lager abzustecken, welches so groß ist, daß zweitausend Mann darin bequem wohnen und zugleich den Wall verteidigen können. Glaubt aber nicht, daß Ihr deshalb versteht, auch das Lager für weit größere Anzahl zu errichten, indem Ihr nach Eurer Willkür die Quartiere vergrößert, Ihr würdet nur ein ungefüges Werk zustande bringen und die Mannschaft würde sich entweder drängen oder nicht imstande sein, den ganzen Wall zu verteidigen. Denn jedes Maß ändert das andere, und eine Zahl hängt von der andern ab. Dies größere Geheimnis aber darf nur ich wissen und der Orden, denn der Lehrherr muß etwas vorausbehalten vor dem Lehrling.«

Das gab Ivo ergeben zu, und Sibold fuhr fort: »Diese Kunst, die wir jetzt üben, vermag man hier im fremden Lande nicht zu gewinnen, wo vieles unordentlich zugeht. Sie ist aber ein Geheimnis, das wir Nordfahrer und zum Teil Eure Nachbarn, die Magdeburger, ergründet haben, wenn wir mit unseren Meerschiffen den Strand der Heiden im kalten Osten anliefen oder unter den Fremden handelten. Merket auch, daß dieses Lager zugleich eine Stadt werden kann für die Siedler, wenn diese hier dauern. Wo wir das große Alarmhaus gesetzt haben, wird ein Stockwerk übergebaut für den Rat der Gemeinde, und die zwölf Apostel dahinter werden zwölf Kaufhäuser, aus den Lagergassen erstehen die Straßen und aus den Hütten die Wohnungen mit ihrem Hofraum. Dann mögen sich die neuen Burgmannen statt des Holzgerüstes eine Kirche bauen und statt des Pfahlwerkes eine Mauer errichten. Solche Werke gedeihen bei uns überall, wo die Kaufleute ihre Bank unter den Ostleuten aufschlagen und die Bauern ihnen nachziehen, um auf neuer Scholle zu siedeln.«

Ivo sah über das Lager auf die fruchtbare Landschaft, um sein Haupt sangen die Sommervögel, die Natur blühte und duftete, und er rief begeistert: »Wahrlich, keinen besseren Wohnsitz kann ich denken für Männer meines Volkes. Bald soll, wenn unser Schwert hilft, hier ein neues Heimwesen gegründet werden. Und ich denke, auch Euer Meister hat das gewollt, als er die Arbeiter bei der neuen Burg ansiedelte.«

Der Alte schwieg, endlich sprach er in seinen Gedanken: »Viel bin ich umhergezogen über das salzige Meer in Sturm und Eisfrost unserer Heimat. Und in manchem Lande fremder Menschen habe ich, als ich noch ein freier Mann war, die Warenballen aufgeschnürt, gekauft und getauscht, um in Reichtum meine Tage zu enden. Wisset, Herr, eine Sturmnacht vertilgte die Hoffnungen meiner Seele, zwei gewappnete Söhne versanken mir mit ihrem Schiffsvolk im Ostmeere. Seitdem wurde mir die Sorge um mein einsames Leben verächtlich und ich dachte oft an den Saal der ewigen Freude, in dem ich meine lieben Jungen wiederfinden könnte. Da übergab ich mich und mein Gut der Bruderschaft und kam in dieses Land. Mit gutem Grunde sagt Ihr, daß das Land erfreulich ist für Auge und Herz, und doch kennt Ihr noch wenig davon. Ich aber habe das Schönste darin geschaut, was einem Paradiese gleicht.«

»Ihr meint das heilige Jerusalem?« fragte Ivo.

Bruder Sibold schüttelte das Haupt. »Dort wurde der Herr gemißhandelt und gekreuzigt, und wenn sie auch sagen, daß große Verheißung an der öden Stätte hängt, mir war, als ich dorthin pilgerte, das Herz schwer bedrückt. Nein, ein anderes Tal preise ich, wo ich selbst sterben möchte. Seht dort, gerade vor uns, hinter den Bergen, liegt das gesegnete Nazareth, in wenigen Stunden könnte Euch ein Roß hintragen. Dort wuchs unser lieber Herr bei seiner Mutter und dem treuen Joseph auf. Dort stand ich mehr denn einmal als Waller, und ich sage Euch, nichts auf Erden gleicht der Seligkeit dieser Stunden. Denn ich sah in meinem Geiste das liebe Kind mit seinen treuen Augen vor mir, als es vor dem Hause saß und spielte, wie Kinder tun, und ich kniete an der Quelle, zu der ihn gewöhnlich seine Mutter schickte das Wasser zu holen, und hörte in meinem Geiste, wie die Himmelskönigin, wenn er das Krüglein brachte, zu ihm sprach: ›Lütte Putje, wat vorsumst du di?‹ Da dachte ich an meine eigenen Jungen.«

Den Alten übermannte die Bewegung, er setzte sich auf einen Stein zur Seite und faltete die Hände. Ivo stand still neben ihm und legte den Arm über seinen Hals. Auch er dachte an die Heimat, obwohl kein blondhaariger Knabe seine Rückkehr erwartete. Nach einer Weile fuhr der Bruder traurig fort: »Ihr saget, aus diesem Lager hier mag eine Stadt unseres Volkes werden, und wie Ihr denken vielleicht andere; ich aber sorge, diese Hoffnung wird nicht in Erfüllung gehen.«

»Die Ankunft des Kaisers steht bevor, Vater; vertraut auch Ihr, daß die träge Ruhe ein Ende nimmt und die Heiden vor unseren Waffen entweichen.«

»Wenn Waffen dies Land festhalten könnten,« entgegnete der Alte kopfschüttelnd, »so wäre es nicht verloren worden, trotz unserer Sünden. Wir Kaufmänner aus Bremen haben darüber andere Gedanken. Die Edlen und Ritter haben durch das ganze Land unablässig Burgen erhöht und unzählige Christen haben ihr Blut vergossen, sie zu behaupten. Aber das Beste wollte nicht gelingen, die Christen haben nirgend im Lande eine Stadt gebaut, und nur die Küste vermochten sie festzuhalten, weil die Schiffahrt und der Handel ihnen gehören. Denn eines fehlt hier, unsere Bauern und Arbeiter, die hinter dem Stadtwall hausen und von da das umliegende Land in Frieden bezwingen.«

»Mögen sie hier beginnen«, rief Ivo. »Viele kräftige Ackerleute unseres Volkes kommen in den Kreuzheeren.«

Da sprach der Alte leise: »Sie gehen wieder oder verderben, denn sie vermögen hier nichts. Wundervoll ist, was dieses Land den Menschen gewährt, und zwiefältig ist der Segen. Denn die Wolle wächst nicht nur auf den Schafen, sondern noch zarter auf einem Gesträuch des beackerten Bodens; den süßen Seim sammelt nicht nur die Biene, auch die Menschen kochen ihn aus einer kostbaren Rohrpflanze, die sie im Sumpfe bauen. Fremdländisch ist der Bau, und unsere Landsleute sind den fleißigen Syrern an Kunst nicht überlegen, sondern die Syrer ihnen. Und ebenso sind diese hier in vieler Handwerksarbeit voraus. Darum können unsere Landgenossen sich nur mühsam durch ihrer Hände Arbeit behaupten und sie finden es leichter, als müßige Herren über den Arbeitern zu sitzen. Dies ist der Grund, daß unsere Hüttenlager sich niemals in Städte verwandeln, und deshalb wird um die Burgen der Kampf toben, solange wir hier sind.«

»Solange wir hier sind?« wiederholte Ivo. »Meint Ihr, Vater, daß die Christenheit einmal aus dem teuren Lande entweichen wird?«

Der Alte vermied die Antwort. »Ein Bremer Kaufherr hatte, da ich jung war, ein Sprichwort, welches viele verlachten: Der Untreue vergeht, der Redliche besteht. Ihr seid ein billig denkender Mann, und auch ich gehöre zu einer Bruderschaft, welche auf Treue hält, aber ich hörte manchen frommen Mann bitterlich klagen, daß die Sarazenen gerechter und wahrhafter sind als die Lateiner, denen auch wir zugezählt werden. Das beachten die alten Einwohner dieses Landes sehr wohl, auch wenn sie Christen sind; und sie werden darum den Sarazenen williger dienen als uns Abendländern. Wenige wagen davon zu reden, einer aber weiß es, der vorsichtig für uns alle denkt.« Und der Alte wies nach dem Hügel, auf dem der Meister seiner Bruderschaft stand.

 

Während Ivo in der Fremde, da, wo er kühne Rittertat gehofft hatte, die Meßschnur hielt und den friedlichen Lehren des alten Bürgers lauschte, war in seiner Heimat der Friede geschwunden und eine gepanzerte Faust hob sich gegen die andere. Vor andern erfuhr die schuldlose Frau Else mit ihren Kindern die Rache des Schicksals. Wie ihr Gemahl sein Schwesterkind aus den Burgen von Meißen verjagt hatte, ebenso trieben jetzt die Brüder des Landgrafen sie mit ihren Kindern aus der festen Wartburg, und die Thüringe erzählten einander mit Schrecken, daß die Landgräfin zu Fuß aus der Burg gewandert war und wie eine Bettlerin mit ihren Kleinen Obdach in der Stadt Eisenach erbeten hatte. Der tote Landgraf hatte aber auch als strenger Herr die Raublust in den Bergen gebändigt und mehr als einen frechen Missetäter gezwungen, barbeinig und auf den Knien Genugtuung zu geben. Jetzt brannten überall neue Fehden auf, man sah den Himmel oft von niedergesengten Höfen gerötet und vernahm von geblendeten Bauern und weggetriebenen Herden.

In dem Hofe Ivos stand der alte Godwin trübe zwischen Ställen und Scheuern. Von den entfernten Dörfern kamen unwillkommene Nachrichten, noch hielt die Teuerung an und viele Hintersassen waren nicht imstande dem Herrenhofe die Gebühr zu leisten, andere entzogen sich aufsätzig ihren Pflichten, da die Hand des Gutsherrn nicht über ihnen war. Zwar sollten Hof und Gut den hohen Frieden genießen, welchen die Kirche verkündet hatte, aber mancher gewalttätige Nachbar umlauerte die Grenzen und enthielt sich durchaus nicht eigennütziger Eingriffe. Auch der alte Graf Meginhard kam mit seinem Gefolge über die Brücke geritten, rief die Hofleute herrisch an, sah in die Ställe und saß in der Halle nieder, weil er bei der langen Abwesenheit seines Neffen um das Erbe des Geschlechtes zu sorgen habe; und am greulichsten war dem Kämmerer, daß sogar Ritter Konz unverschämt über den Hof schritt und ein junges Roß von der besten Zucht am Halfter aus dem Stalle führte, um es nach der Mühlburg zu nehmen. Nur mit Mühe vermochte Godwin durch den alten Grafen diese Gewalttat zu hindern.

Lange hatte der Kämmerer ungeduldig nach Nikolaus ausgesehen, der ihm lieber gewesen war als den anderen Rittern des Hofes und der ihm jetzt Nachricht aus Welschland bringen sollte. Aber der Schüler blieb lange aus. Und als er endlich spät im Winter zurückkehrte, war sein Übermut ganz geschwunden und er wollte wenig von dem berichten, was er selbst erlebt hatte.

Auch ihm war nicht alles wohlgelungen. Ivo hatte, während er, vom Kaiser festgehalten, bei Otranto auf die Abfahrt wartete, zuweilen wieder die Saiten der Harfe gerührt und ein neues Lied an die Herrin erdacht. Vor dem ersehnten Tage der Abreise legte er seinem Liedergesellen Nikolaus die Verse ans Herz, damit dieser sie, wie er bisher getan, vor den Landsleuten singe, und Ivo machte ihm vor allem zur Pflicht, nach Augsburg an das Hoflager des jungen Königs Heinrich zu gehen, sich dort in den Haushalt der Gräfin von Meran zu schmeicheln und das Lied vor ihr und ihren Frauen zu singen. Dies war für Nikolaus ein willkommener Auftrag. Denn er ließ seine Stimme am liebsten vor schönen Frauen ertönen. Als er nach Augsburg kam, erkundete er leicht das ansehnliche Turmhaus, in welchem die Herrin wohnte. Er fand einzelne aus dem Gefolge, denen er schon einmal bei den Landgräflichen in Thüringen vorgesungen hatte, und gewann den Eintritt in die untere Steinhalle. Schnell machte er die Hofleute, welche darin saßen, durch seine Lieder und Scherzreden gutwillig und lauerte auf eine Gelegenheit, die ihm das Gemach der Herrin öffnen würde. Als Frauenrosse an das Tor geführt wurden und zierliche Hofknaben zur Schwelle eilten, um der Gebieterin aufzuwarten, trat er aus der Halle in den Flur, stellte sich so auf, daß man ihn sehen mußte, griff in die Saiten der Harfe und hob mit lauter Stimme den Ton des Herrn Ivo an. Eine verhüllte Frau, welche, gestützt auf den Arm ihres Kämmerers, herankam, hielt still, sobald sie den Gesang vernahm, und hörte einem Verse aufmerksam zu, dann winkte sie mit der Hand und sprach: »Eine wohltönende Stimme ward Euch zuteil, Sänger, und gern vernehme ich bei Gelegenheit mehr davon, meldet Euch, wenn Ihr wiederkommt, vor meiner Kammer.« Sie rauschte vorüber und wurde auf das Roß gehoben, während der Schüler, seines Glückes froh, sich tief verneigte. Aber sein Behagen ward jämmerlich gestört, als ein Herr mit braunem, gefurchtem Gesicht, welcher einem Welschen glich, in den Flur trat und mit scharfer Stimme gebot: »Führt den Fahrenden in mein Gemach und harret vor der Tür.« Sogleich fühlte sich Nikolaus gepackt und widerwillig fortgeschoben. Als er im verschlossenen Gemach dem Fremden gegenüberstand, sprach dieser: »Auch ich bin ein Freund des Gesanges. Sing mir das Lied, das du unten an der Tür erschallen ließest.« Der Schüler hielt für das beste, dem unfreundlichen Mann seinen Willen zu tun. Dieser hörte abgewandt zu. »Ich kenne die Weise deines Liedes, denn öfter wird nach derselben in diesem Hause gesungen. Mit welchem Namen benennt ihr Sänger die Weise?«

»Es ist der Ton des Herrn Ivo,« versetzte Nikolaus, »und er heißt so, weil der edle Ivo von Ingersleben in diesem Tone zu dichten pflegt.«

»Du aber bist der Fahrende, der in seinem Solde singt?«

»Ich bin, wie Ihr seht, ein lateinischer Schüler und singe seine Lieder.«

»Und dein Herr hat dich gesandt, damit du sie in diesem Hause singen sollst?«

Solche Frage dünkte den Schüler ungehörig. »Ich sang das Lied hier, wie ich es überall singe, wo man mich hören will.«

Im nächsten Augenblick fühlte er die Spitze eines Dolches an seinem Halse und vernahm entsetzt die Worte: »Gesteh', oder dies Eisen durchbohrt dir die Kehle.« Da vermochte er in der Todesangst die Wahrheit nicht zu bergen, zumal sie ihm nicht verboten war, und seufzte: »Es ward mir befohlen.«

»Und wie heißt die Dame, vor der du singen solltest?« Da nannte er traurig den Namen. Der Herr öffnete die Tür und gebot den Dienern: »Faßt die Riemen und geißelt ihn hinaus. Läßt du dich noch einmal in diesem Hause oder in der Nähe blicken, so hast du zum letzten Male das Sonnenlicht geschaut.«

Behende entsprang Nikolaus den Knechten, eilte in die Herberge und kehrte noch an demselben Tage der ungastlichen Stadt den Rücken. Lange war ihm aller Gesang verleidet, auch die Rückkehr in den Edelhof mißfiel ihm, denn er gedachte, daß er in seiner Angst die Wahrheit gesagt hatte, wo sie seinem Beschützer nicht frommte. So flatterte er unstet umher wie ein Vogel, dem der Marder das Nest zerrissen hat, und erst die Winterkälte trieb ihn unter das schützende Obdach.

Er hütete sich, Herrn Godwin etwas von seinem Abenteuer zu gestehen, als er aber in den Hof des Richters kam und Friderun ihn mit herzlicher Freude empfing und das Beste hervorholte, was sie aus Küche und Keller ihm anzubieten hatte, da ging ihm das Herz auf, und nachdem er die ganze Reise des Herrn Ivo bis zum Hafen berichtet und vielen Fragen der Magd geantwortet hatte, vertraute er ihr auch über den Herd hinüber einiges von seinem späteren Schicksal, vor allem den Unglimpf, welchen er im Dienste des Herrn Ivo erfahren hatte, und er freute sich, daß Friderun ihn dabei aus ihren großen Augen so entsetzt anstarrte, als hätte sie selbst das Unglück erlebt. Da er aber zuletzt gedrückt hinzufügte: »Ich sorge, die Dame selbst oder eine ihrer edlen Frauen ist seine Herrin«, und darauf zu der Magd hinübersah, war ihr Sitz leer und sie selbst wie ein Geist verschwunden.

Dagegen stand in der Tür eine große Gestalt und die Hand des Richters fiel schwer auf seine Schulter. »Ihr haltet übel den Vertrag, dem Ihr Euch gelobtet.«

Beunruhigt durch die finstere Miene des Alten, sagte Nikolaus: »Ich dachte, Herr, die mühsame Arbeit sei Euch selbst verleidet.«

»Ich aber rate Euch, daß Ihr Eures Eides gedenkt«, versetzte der Alte feierlich. »Folgt mir, denn die Zeit ist gekommen, wo Ihr mir deuten sollt, was ich selbst nicht zu lesen vermag.« Er führte den betroffenen Schüler in die Kammer, öffnete die Truhe, hob einen Pack heraus, den er sorgfältig in Leinwand geschlagen hatte, und enthüllte eine Anzahl Pergamentblätter, gebräunt und vielgebraucht, das Außenblatt durch dunkle Flecke entstellt. Der Richter setzte den Daumen an die Flecke. »Der mir dies gab, sagte aus, daß hier Blut eines Mannes ist, welcher getötet wurde, weil er diese Blätter zu lesen vermochte.«

Nikolaus sah entsetzt auf das Pergament, sein Grauen überwindend, schlug er die Blätter um, aber er legte sie nach wenigen Augenblicken wieder weg, sein rötliches Antlitz war erblichen und seine Augen fuhren angstvoll umher, während er den durchbohrenden Blick des Richters auf sich gerichtet fühlte.

»Versteht Ihr, was in dem Buche steht?«

»Es ist die Verkündigung, welche sie das Evangelium des Markus nennen, und es ist in deutscher Sprache geschrieben. Diese Bücher sind ein Geheimnis der Unseligen, welche von den Pfaffen Abtrünnige und Ketzer genannt werden. Ein solches Buch lesen, bringt, wie ich fürchte, den Tod.«

»Gilt bei den Schriftkundigen für Wahrheit, was hierin geschrieben steht?«

»Es ist ein Teil der heiligen Offenbarung.«

»Dann will ich es verstehen trotz aller Pfaffen,« rief der Richter mit starker Stimme, »was mir auch darum geschehe. Denn ich erkenne, nicht umsonst wurde das Buch in mein Haus getragen. Vernehmt, Nikolaus, am Tage, wo ich meinen Sohn verlor, forderten mich die Kreuzbrüder zur Hilfe bei einem guten Werke. Einen Landfahrer, der auf der Straße verwundet worden, nahm ich auf und half ihm zur Genesung. Er war ein Mann, der wegen der Pfaffen aus seiner Heimat am Rhein entwichen war, flüchtig zog er gen Osten, um sein Haupt unter dem Böhmervolk zu bergen. Das einzige, was ihm die Räuber gelassen hatten, war diese hohe Verkündigung. Ich habe manche Nachtstunde neben ihm gesessen und seltsame Worte gehört, und ich sage Euch, er, der heimatlos auf Erden umherirrte, war ein frommer Mann, der unserm himmlischen Vater unter Tränen diente. Vieles hat er mir gesagt, was hier ungesprochen bleibt, und große Worte hat er mir zugeraunt von dem Tage, an welchem Himmel und Erde vergehen werden und den niemand weiß, nicht die Engel, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater; und dazu andere Worte, die zu seiner Zeit der Herr Jesus in Todesnot gesprochen hat: ›Vater, nicht wie ich will, geschehe, sondern wie du willst.‹ – Habt Ihr jemals diese hohe Rede vernommen?«

»Ich kenne die Worte«, antwortete der Schüler mit gesträubtem Haar.

»Diese Stellen in dem Buche will ich selbst erkennen, damit ich die Wahrheit erschaue. Dies sind Worte, die ein treuer Sohn zu seinem Vater sprechen muß, und sie sind der Grund eines echten Glaubens; denn ich hoffe, auch im Himmel gilt der Vater mehr als der Sohn, und was uns die Pfaffen von der gleichen Würde des Sohnes vorreden, ist Trug.«

»Schwer ist es, Richter, die Verkündigung zu verstehen, und ich lobe die Bescheidenheit des Mannes, der in so großer Sache der Deutung weiser Lehrer vertraut.«

»Wer sind die weisen Lehrer?« fragte der finstere Richter. »Sind es die Mönche, welche betteln, oder die andern, welche sich mit den größten Weinfässern im Lande berühmen? Ist es der Papst, der unsern Herrn Kaiser in den Bann getan hat, während dieser die Fahrt zum heiligen Grabe bereitet? Die Welt ist zerrüttet und die Rachsucht tobt, wo Liebe herrschen soll und Erbarmen. Ich aber bin ein Richter und führe Schwert und Strang gegen die Missetäter, ich will auch Richter sein über Recht und Unrecht in dem Glauben, an dem meine eigene Seligkeit hängt. Wenn mir jemand klagt, dieser Mann hat Missetat geübt, so lade ich die Zeugen; jetzt will ich Zeugen rufen in einer Sache, die mir zumeist am Herzen liegt.« Und er legte die Faust auf das Pergament.

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