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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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Es war am vierten Tage der Maienfahrt, die ritterliche Schar kehrte von Norden her in die Umgegend von Erfurt zurück; wieder trug die Natur ihr schönstes Feierkleid, die Tautropfen blitzten wie Edelsteine an Gras und Blumen, die Amsel pfiff im Gehölz und von der Höhe trillerte die Lerche. Harte Stöße hatte der unermüdliche Speerbrecher empfangen, aber noch stärkere hatte er ausgeteilt, mit Stolz blickte er rückwärts auf ein Bündel, welches mit seidener Decke umhüllt an seinem Sattel befestigt war, denn es enthielt zehn Stücke bunten Stoffes, die sein Marschalk aus den Wappenröcken geworfener Ritter geschnitten hatte. Beinahe war der Stoff gesammelt für einen Mantel, und doch war im Turnier noch der meiste Zuwachs zu erwarten. Sah man dem Herrn und seinem Gefolge auch die Anstrengung der letzten Tage an, sein Herz war froh, denn sein Ruhm war hoch gestiegen, die stärksten Ritter der Landschaft hatten vergebens ihre Rosse gespornt und mächtige Speere gegen ihn eingelegt, und die Spielleute zählten bereits in langen Gedichten seine Gegner auf, den Schmuck ihrer Rüstungen und den Verlauf seiner siegreichen Kämpfe.

Ivos Lippen bewegten sich und er sang leise vor sich hin. Da hielt der Zug. Auf einer kleinen Anhöhe standen Rosse, Helme blinkten und Bewaffnete lagerten am Rand eines Gehölzes. »Gutes Glück,« rief Herr Henner, »dort harren edle Gäste, weckt sie aus ihrer Ruhe, denn mir scheint, sie haben den Ausguck versäumt und wir überraschen sie.« Herausfordernd klang die Posaune, aber kein Gegenruf antwortete und die fremden Reiter traten nicht einmal an die Rosse. »Sie schlafen,« rief Ivo verwundert, »blast zum zweiten Male.« »Sie haben sich träge verlegen und vermögen die Glieder nicht zu rühren«, spotteten seine Ritter. Auch der zweite Klang weckte keine Antwort. Der Marschalk ritt vor, aber nach wenig Roßsprüngen wandte er um und rief seinem Herrn zu: »Sie führen nicht Wappen, nicht Decken, nur ein schwarzes Kreuz erkenne ich an den Mänteln und die Vollbärte der Gesichter. Es sind Marienbrüder vom deutschen Hause in Jerusalem.«

Mehrere aus dem Gefolge bekreuzigten sich. Ivo hielt sein Pferd an: »Wir vernehmen zuweilen von ihren Taten im gelobten Lande, doch wir selbst sehen wenig davon; denn bei uns schleichen sie wie die Mönche, bergen ihr Antlitz in den Siechhöfen und stellen sich, wie man sagt, ungern zum Speerkampf. Dennoch begehre ich ihr schwarzes Zeichen als Beute, wenn es auch nur ein trauriger Schmuck ist. Wir reiten näher, ob wir sie herauslocken.«

Er ritt vom Marschalk begleitet zu den Fremden. Aus dem kleinen Haufen der Gelagerten erhob sich ein Bruder und antwortete ernsthaft dem Gruße, ein Mann von mittleren Jahren, der über dem Kettenhemd einen braunen Überwurf von grobem Wollstoff trug, über der Brust ein großes Kreuz von schwarzen Tuchstreifen und um die Schultern einen weißen Mantel. Sein voller Bart war mit Grau gemischt, die festen Züge des Antlitzes von südlicher Sonne gebräunt.

»Geschlossene Helme sehe ich hier,« begann Ivo, »und Schwerter, welche am Rittergurt hängen, aber auf die Ladung meines Rufers kam von euch keine frohe Antwort. Ist keiner unter euch, ihr Herren, der sich einen goldenen Fingerring begehrt, wenn er mir ehrlich widersteht, oder meine Rosse und Rüstungen, wenn er mich wirft? Schwingt euch vom Boden und ergreift die Speere.«

Einige der Jüngeren sprangen auf, der Führer aber hob die Hand, und die behenden Knaben traten zurück. »Euer Ring, edler Herr, soll die Brüder nicht locken, sie dürfen kein Gold tragen, nicht am Finger, nicht am Harnisch und Gewand; auch eure Rosse und Rüstungen dürfen sie nicht erwerben, denn sie führen nicht eigenes Roß und nicht eigene Waffen, sie gebrauchen nur, was ihnen die Bruderschaft zuteilt.«

»Lockt euch der Preis nicht,« rief Ivo wieder, »so kämpft, wenn euch an der Huld guter Frauen gelegen ist; einer Herrin zu Ehren fordere ich euch, habt ihr eine Frau, welcher ihr dient, so streitet für ihren Ruhm; denn ich hoffe, Ehre erwirbt bei Männern und Frauen, wer mich aus dem Sattel zu schwingen vermag.«

Aber ungerührt antwortete der Bruder: »Keiner von uns dient einer irdischen Frau, und das einzige Weib, welches wir anflehen, ist die hohe Gottesmutter. Auch Euch, Herr Ivo, ziemt nicht, die Himmelskönigin gegen ein irdisches Weib herauszufordern.«

»Nun denn,« versetzte Ivo gereizt, »wenn ihr nicht um Beute kämpfen wollt und nicht für Frauenminne, so schwingt euch in den Sattel, weil ihr Ritter seid, damit euch die Leute nicht schelten, daß ihr ruhmlos die Waffen führt.«

Wieder regten sich die Jüngeren und zornige Blicke drohten dem Herausforderer. Doch der Bruder wies auf einen Speer im Boden, an welchem die scharfe Eisenspitze glänzte. »Wir treffen mit dem Speere nur, wenn wir den Tod geben und erwarten, zu Reiterlust und Spiel führen wir die Waffen nicht.«

»Wohlauf, ihr Herren, ist euer Brauch so unmild, so weiß ich euch mit gleicher Waffe zu begegnen; auch ich führe Speerholz, an welchem der Todesstachel befestigt ist. Ihr seid geladen zum Kampf nach eurer Weise.«

»Wir töten Ungläubige, wenn sie uns trotzig widerstehen«, versetzte der Bruder. »Unter den Christen ist unser Amt nicht, Wunden zu schlagen, sondern zu heilen. Wir üben hier die Bruderpflicht.« Er trat zurück und wies auf die Gruppe am Boden. Ivo hob sich im Sattel und sah, daß zwei Brüder einen entblößten und blutigen Mann in den Armen hielten, während ein dritter mit dem Verband beschäftigt war. Er war als Sohn einer harten Zeit gewöhnt, ohne Schrecken auf Wunde und Tote zu sehen, aber der schweigsame Ernst, mit welchem die Brüder um den Kranken bemüht waren, und ihr fremdartiges Aussehen fesselten seinen Blick, er zwang sein bäumendes Roß zu halten. »Ist der Sieche von eurer Gesellschaft?«

»Es ist ein armer Landfahrer, den andere schlugen, welche an Nächstenliebe und Gnade ärmer waren als er.«

»Und was wollt Ihr mit ihm beginnen, Herr?«

Der Bruder zeigte in das Gehölz, wo zwei der Jüngeren Holzstangen zu einer Trage zusammenbanden. »Wir tragen ihn, bis wir gute Leute treffen, welche ihn um Christi willen aufnehmen.«

»Und wenn ihr die Höfe an der Landstraße verschlossen findet?« fragte Ivo. »Wer kennt das Schicksal, das der Arme sich bereitet hat, und wer weiß, welchen Fluch er mit sich durch das Land trägt?«

»Einer weiß es, der uns Barmherzigkeit geboten hat«, versetzte der Bruder feierlich.

Ivo schwang sich aus dem Sattel und trat näher, aber er fuhr unwillkürlich zurück, denn der Verwundete hob gegen ihn das Haupt, wimmerte leise und streckte die geöffnete Hand in die Höhe; Ivo erkannte jenen Dürftigen, dem er vor wenig Tagen ein Goldstück in den Schoß geworfen hatte. »Ich gab ihm Geld vor vieler Augen,« murmelte er, »und ich fürchte, um des Goldes willen liegt er heut am Boden.«

Der Krieger, welcher den Verband angelegt hatte, erhob sich und sprach zu dem Führer einige Worte in fremder Sprache.

»Mein Bruder sagt, daß dies Leben bei guter Pflege vielleicht erhalten wird«, erklärte der Anführer und neigte das Haupt zum Abschiede, während die jüngeren Brüder den Kranken vorsichtig auf die Trage aus Baumästen hoben. Ivo warf noch einen traurigen Blick auf das Opfer seiner Milde, bestieg das Roß und sprengte nach dem Wege. Lauter Zuruf der Seinen grüßte ihn, die Spielleute bliesen auf den Pfeifen und schlugen die kleinen Handtrommeln. Er aber hielt still und senkte das Haupt: »Fröhlich sangen die Sommervögel in mein Herz, da klang der Schrei eines Habichts durch die Luft, die kleinen Sänger bergen sich im Laub und ich vernehme ihre Stimme nicht mehr.« Er sah um sich und erkannte das große Dorf, welches im Grunde vor ihm lag, wandte das Pferd und ritt schnell zu den Brüdern zurück.

»Sucht ihr ein Obdach für euren Schützling, so nehmt freundlich mein Fürwort an. Ich kenne den Richter im nächsten Dorfe und hoffe ihn zu bereden, daß er dem Kranken und euch Herberge schafft; gefällt es euch, so geleite ich euch dorthin.« Er wies auf das Tor von Friemar, aus dem die Landleute in hellen Haufen strömten, um die Herrlichkeit der geschmückten Rosse und Reiter zu schauen. Der Fremde verneigte sich dankend, die dunklen Gestalten folgten dem festlichen Zuge, vier Brüder trugen den Verwundeten.

Als die Reiter den Anger betraten, wurden sie auch hier durch Heilruf und vertrauliche Grüße empfangen. Die Kinder liefen zu beiden Seiten der Schar auf und ab, schrien vor Aufregung und zeigten einander die bekannten Herren. Die Frauen standen mit untergeschlagenen Armen, und manche hübsche Magd errötete und schlug ihre Zöpfe auf die Schulter zurück, wenn die jungen Ritter ihr grüßend Scherzworte zuriefen. Im Dorf warteten auch die Alten neugierig vor ihren Höfen; die Hunde bellten, die Spielleute bliesen und sangen. So kamen die Gäste vor den großen Hof, der mitten im Dorfe am freien Platz lag. Dort aber war das Tor geschlossen, kein Menschenhaupt an Tür und Fenstern zu sehen, vergebens suchte Ivo nach den langen Zöpfen der Magd Friderun; die Landleute traten scheu zurück und tauschten kopfschüttelnd leise Worte. Der Knappe Ivos stieß mit der Speerstange an das Tor, aber alles blieb still. »Ist der Richter daheim?« rief Ivo in den Haufen.

»Ich vermute, daß er im Hause ist«, versetzte ein alter Bauer.

Der Knappe öffnete die kleine Torpforte, Ivo stieg ab, bedeutete die Brüder, seine Rückkunft zu erwarten, und trat ein. Auch im Hofe war niemand zu finden, nur der Hahn rief mißtrauisch sein Federvolk zusammen und der Hofhund zerrte wütend an seiner Kette. Ivo öffnete den Drücker der halben Tür, welche in das Wohnhaus führte, trat auf die Schwelle und sah in den dämmrigen Hausflur. Im Holzstuhl am Herde saß der Richter und starrte mit gebeugtem Haupt vor sich hin, das weiße Haar hing ihm über sein gramdurchfurchtes Gesicht. Neben ihm auf den Stufen der Bühne saß die Tochter, bleich und verweint, beide unbeweglich in stillem Jammer. Als die Gestalt des Eintretenden den Raum verdunkelte, hob der Richter das Haupt und blickte auf den geschmückten Ritter, sein Antlitz rötete sich, die buschigen Brauen zogen sich zusammen, und indem er sich langsam erhob, fragte er mit rauher Stimme: »Was wollt Ihr, Herr, in dem Trauerhause?«

»Wo ist Euer Sohn Berthold?« rief Ivo.

»Tot«, antwortete der Bauer und schlug mit der geballten Faust auf den Herd.

»Er ist fortgeritten von uns nach der Mühlburg,« sprach die Tochter leise, »weil er den Hohn Eurer Ritter nicht ertragen konnte.«

»Trieb ihn der Groll über die erlittene Kränkung in den Hofdienst?« versetzte Ivo betroffen. »Dann ist mir von Herzen leid, daß es die schnellen Hände meines Gefolges waren, die ihn aufschreckten. Denn seit unserer Kinderzeit war ich ihm freundlich gesinnt.«

»Für Euren freundlichen Sinn sage ich Euch geringen Dank, Herr,« begann der Richter wieder, »und wenig liegt mir daran, wenn Ihr mir und denen, die mir gehören, lächelnd zunickt. Zu ehrlicher Arbeit hatte ich mir einen Sohn erzogen und nicht zur Gesellschaft für Euresgleichen. Ob er jetzt als ein Gauch durch das Land zieht, mit bunten Lappen behangen, oder ob er in der Dämmerung dahinreitet, um die Rinder des Landvolkes fortzutreiben, das ist für mich ein geringer Unterschied. Und ich sage Euch, edler Herr im lichten Sommerkleide, ich bin nicht dankbar dafür, daß Ihr Euch herablaßt, mich in meinem Hause zu begrüßen. Haben auch die Kornsäcke lange meinen Nacken gedrückt, Euch gegenüber ist er steif, wenn Ihr Willkommen von mir begehrt. Denn Ihr und Euresgleichen habt mir den Sohn genommen, für dessen Ehre ich mich gemüht habe, solange ich meine Bauernschuhe trage.«

»Ich aber denke daran,« antwortete Ivo gemessen, »daß Ihr ein alter Mann und in schwerem Kummer seid, wenn ich Eure Rede ohne die Antwort ertrage, die ich Euch leicht geben könnte. Heut, Richter, kam ich nicht um meinetwillen, sondern weil ich Eure Hilfe für einen andern begehre. An der Grenze Eurer Flur lag ein Schwerverwundeter, den die Brüder vom schwarzen Kreuz aufgehoben haben; schon allzulange harren sie mit dem Kranken vor Eurem Tor. Sie werden Euch fragen, ob Ihr den Armen aufnehmen wollt. Mich reut's, daß ich unternahm, bei Euch Fürsprech zu sein; dennoch mahne ich Euch an Eure Pflicht, tretet hinaus und gebt den Fremden Bescheid.«

»War's auf unserer Flur?« murrte der Alte, »kennt Ihr so genau das Maß der Bauernäcker?«

Die Tochter ergriff seine Hand: »Geht vor das Tor, Vater.«

Als der Alte die Hand der Tochter an der seinen fühlte, faßte er heftig darnach, die Tränen stürzten ihm aus den Augen, er zog sein Kind zu sich, legte sein Haupt auf das ihre und schluchzte laut. Ivo trat leise in den Hof zurück und sah über Holzhaufen und Scheuern, der Hahn schritt stolz, ohne ihn zu beachten, durch das Stroh, der Hund knurrte ihn aus seiner Hütte mißtrauisch an; hinter dem Hoftore ragten die buntbemalten Speerstangen und klang das Summen der Menge, aber ihm kam vor, als gehöre er selbst nicht zu der Genossenschaft, welche draußen auf Ritterspiele hoffte.

Nicht lange und der Richter schritt aus dem Hause und öffnete mit fester Hand die Pforte.

Als er vor die Menge trat, hoch aufgerichtet, mit seinem weißen Haar und dem runden großen Haupte, war er in seiner Trauer so ehrwürdig, daß ihn alle mit Scheu betrachteten. Die kleine Schar der Brüder hielt unbeweglich, der Führer lenkte schweigend sein Roß zur Seite, so daß der Richter den Wunden auf der Trage vor sich sah. Er betrachtete den Mann. »Es ist ein Fremder«, sagte er kalt.

»Es ist ein Todwunder,« antwortete der Bruder, »unser Amt ist, den Kranken zu heilen und wir bitten Euch, daß Ihr uns dafür Obdach gewährt.«

»Wollt Ihr bezeugen, daß er auf unserem Dorfgrunde lag?« fragte der Richter.

»Wir kommen nicht, für ihn zu zeugen, sondern ihm Liebe zu werben. Zum andern Mal bitte ich Euch, nehmt ihn unter Eurem Dache auf und uns dazu, damit wir ihn pflegen. Denn unser Erlöser spricht: Was ihr dem Geringsten auf Erden tut, das habt ihr mir getan.«

Doch der Bauer hob abweisend die Hand und versetzte finster: »Tragt ihn unter das Dach der ritterlichen Herren, welche bereit sind, solche Wunden zu schlagen.«

»Wir aber stehen vor Eurer Tür,« fuhr der Bruder fort, »und dreimal zu bitten ist uns befohlen. Darum flehe ich zum drittenmal, daß Ihr ihn aufnehmt und uns dazu. Und wir mahnen Euch mit den Worten, die unser Herr Christus selbst gesprochen hat, als er sagte: Ich suche nicht meinen Willen, sondern ich handle nach dem Willen meines Vaters, der mich gesandt hat.«

Der Hofwirt sah schnell auf und fragte: »Steht das geschrieben in dem heiligen Buche, aus dem wir nur dann in unserer Sprache hören, wenn die Pfaffen sich ein Roß begehren oder ein Stück unseres Ackers? Steht das in Wahrheit geschrieben, so ist es eine weise Rede, denn auch der Sohn Gottes dachte daran, daß er der Sohn war, und gab seinem Vater die Ehre. Und weil Ihr mir diese Worte sagt, so will ich Euch aufnehmen als ein Vater, der seinen Sohn verloren hat, und ich will Euch einführen in das verlassene Haus.« Er schlug den Holzriegel des Tors zurück. »Tretet ein, ihr Herren.«

Die Bärtigen betraten hinter dem Richter den Hof, die nachdringenden Dorfleute wies dieser mit einer Handbewegung zurück und führte die Gäste zu einem Gebäude, welches, kleiner als das Wohnhaus, mit der Langseite an der Straße stand. Auf der Schwelle hielt er und begann finster: »Hier wohnte einst mein Vater, als er mir den Hof übergeben hatte. Dann ein Jüngling, den seine Mutter, während sie lebte, zu adlig hielt in Kleidung und Sitte.« Er öffnete zögernd die Tür. In dem leeren Gemach waren die Fensterladen geschlossen, durch die Ritze fiel ein spärliches Licht auf die Dielen und das Lager an der Wand. Der Richter riß den Laden auf, die Bewegung wollte ihn übermannen und er gebot mit heiserer Stimme: »Dort ist das Bett, legt den Elenden hinein, und dies sei eure Herberge, wenn sie euch, ihr Fremdlinge, genügt.« Er wandte sich zur Tür. »In meinem Pferdestalle ist seit der letzten Nacht Raum geschafft für zwei Rosse; begehrt ihr sonst noch etwas, so ist mir eine Tochter geblieben, sie soll für euch sorgen.«

»Ich danke Euch, Richter«, versetzte der Anführer. »Einem Bruder mit seinem Knecht und zwei Rossen bitte ich Obdach zu geben und so viel Kost, daß sie nicht Not leiden, bis wir jenen dort in unser nächstes Haus schaffen können. Wir andern reiten zur Stelle unsern Weg. Für Euer Erbarmen können wir Euch nichts bieten; wir werden jeden Abend für Euch beten, daß der Himmelsherr Euch Gnade erweise und die Trauer von Eurem ehrwürdigen Alter nehme.«

Der Richter neigte das Haupt ein wenig, schritt zu seinem Herde zurück und saß dort wie zuvor.

Während der Alte mit den Bärtigen verhandelte, trat Ivo zu Friderun: »Der Vater hört auf Eure Worte; sorgt mit gutem Bedacht, daß er nicht ungerechten Groll gegen mich und meinen Hof bewahre. Denn sein altes Haupt ist mir vertraut und ehrwürdig. Und Euer Bruder war es, der zuerst das scharfe Schwert gegen die Meinen entblößte.«

»Als ein Freier ritt der Bruder mit dem Mühlburger, Euer Ritterspiel in der Nähe zu schauen,« antwortete Friderun, »fremd war er und unbeteiligt an Euren Händeln; da haben Eure Dienstmannen ihn vom Rosse gerissen und ihre unfreien Hände haben den Freien geschlagen. Die Alten im Dorfe gedenken noch, wie der Großvater Eures Herrn Henner, der jetzt so ritterlich prangt, im schmucklosen Kleid eines Knechts die Hammel durch unsere Dorfgasse trieb.«

»Ihr irrt,« versetzte Ivo, »nicht als ein Freier zog der Bruder in der Schar meines Gegners, sich und sein Roß hatte er in die Farben des andern gekleidet, und ein fremdes Abzeichen trug er wie ein Dienender.«

»Fremde Farben und fremdes Abzeichen!« wiederholte Friderun leidenschaftlich. »Waren es nicht auch Eure Farben, die er trug? Und ist der Rabe darauf Euch so unbekannt? Was konnte mein lieber Knabe dafür, daß Euch die Bilder seines Begleiters nicht gefielen? Oh, du mein armer Bruder! Als du noch ein Kindlein warst, hat man dich gelehrt, deine kleinen Arme auszustrecken und zu jauchzen, sooft das blaue Herrengewand und sein Wappenbild in unserm Dorfe zu sehen war. Teuer hast du für die Zuneigung bezahlt, die du in deinem treuen Gemüte bewahrtest. Denn aller Trost, den Herr Ivo unseren Herzen zu geben weiß, sind nur die stolzen Worte: Es ist ihm recht geschehen.«

»Nicht so, Friderun; Euren Bruder erkannte nicht ich und kaum einer von den Meinen, als er verkleidet im Haufen ritt. Erst als er auf dem Boden saß, sah ich sein verstörtes Angesicht, und glaubt mir, ich dachte dabei an Euch und den Vater und sein Unfall tat mir wehe.«

»Ihr aber rittet hoch zu Roß vorüber, statt anzuhalten und ihn mit Eurer Hand aufzuheben.«

»Wie durfte der Verletzte, wenn er ein Mann war, in der Stunde der Kränkung die Hand des Gegners fassen?«

»Wundert Euch also,« rief Friderun, »daß in dem Bruder die Scham brennt und daß er darauf denkt, die Schmach zu rächen in Eurer Weise? Hat Euch der Vater schwere Worte gesagt, so haben Eure Dienstmannen die verschuldet, denn einsam habt Ihr sein Alter gemacht und auf sein weißes Haupt das bitterste Leid gehäuft. Sie sagen, daß Euch der Mantel, um den Ihr stecht, hohen Ruhm schaffen werde, wenn Ihr ihn Eurer Herrin um die Schultern hängt; denkt auch daran, daß Eure Fahrt Trauer unter Leute gebracht hat, die bisher treu zu Eurem Hause hielten und die sich in der Stille freuten, wenn Euch alles im Leben gut gelang.«

»Bei allen Heiligen,« erwiderte Ivo unwillig, »selten hörte ich ein Weib, das so scharf mit seiner Zunge zu schneiden versteht als Ihr, schon da Ihr ein Kind wart, haben sich die Leute gewundert, und auch die Mutter hat Euch darum gescholten.«

»Eure liebe Mutter ist zu den Engeln heimgegangen, von denen sie zu uns kam. Meint Ihr, daß sie sich über alles freuen würde, was Ihr tatet, um Gold und Silber für Eure Ritterfahrt zu gewinnen? Von einem Manne aus Erfurt erfuhren wir, daß Ihr den alten Stadthof Eures Geschlechtes aus der Hand gegeben habt; und doch hielt Eure selige Mutter viel auf den Hof, und sie sagte zuweilen, daß der Turm im Stadtfrieden ihrem Geschlecht einmal wertvoller sein könne, als manche Hufe auf dem Lande.«

Ivo fühlte ein scharfes Mißbehagen über die dreiste Rede, doch antwortete er gutherzig: »Heut darf ich Euch nicht zürnen, wenn Ihr scheltet, Ihr übt in Eurem Schmerze nur ein altes Vorrecht; und ich weiß wohl, Eure Meinung ist gut, wenn Ihr auch um die Ehren des Ritteramtes wenig sorgt.«

Aber seine freundlichen Worte bezwangen nicht den Zorn der Jungfrau.

»Mögen andere Euer ritterliches Abenteuer preisen, unsere freien Bauern wundern sich, daß Ihr, der Edle aus dem alten Blut der Thüringe, Eure Habe und Eure Glieder übermütig preisgebt dem Speerholz jedes groben Gesellen, dem einmal sein Herr den weißen Riemen um seinen Knechtsleib geschnallt hat. Geringen Ruhm finden wir darin, daß Ihr solche wie Euresgleichen ehrt, die als Kuhdiebe durch die Nacht reiten, Unfreie, deren Leib und Leben unter dem Hofrecht eines Herrn steht, die als Knechte Schläge und Fesseln ertragen müssen und die in Wahrheit nur wie Roßknechte gebraucht werden, auch wenn Ihr sie nach Eurer höflichen Sitte Herren nennt. Und wir Freien halten es für einen schlechten Brauch in der Welt, daß der unfreie Knecht, wenn er den Eisenhelm empfängt, sich unter die Edlen setzt und über die Schulter auf die Freien im Bundschuh herabsieht. Auch Ihr helft dazu, daß die alte Freiheit im Lande untergeht, und mancher trauert, daß wir das von Eurem Geschlecht erleben.«

»Oft habe ich vernommen,« versetzte Ivo erstaunt, »daß die Bauern mit Mißgunst und Neid nach den Höfen der Ritter schauen und auch gegen die Edlen geheimen Haß bewahren, aber in Eurem Hofe, Friderun, hätte ich bessern Verstand gehofft.«

»Meint Ihr so,« rief Friderun mit blitzenden Augen, »dann reut mich jedes Wort, das ich Euch sagte. Bin ich Euch nur die Magd aus dem Bauernhofe, so fahrt dahin in Eurem Stolz, ich behalte den meinen.« Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, aber gleich darauf zog sich ihr Gesicht finster zusammen, und sie wandte sich ab.

Noch einen düstern Blick warf Ivo auf die Gespielin seiner Kinderzeit, dann schritt er durch das Tor und schwang sich auf sein Pferd.

Gegen Abend kam der Richter aus seinem Hause in den Hof, er sah zuerst, wie er gewohnt war, nach dem Stand der Sonne, an der Tür des Stalles fuhr er zurück, doch bezwang er sich und trat hinein. Schweigend betrachtete er die fremden Rosse, denen der junge Knecht das Futter schwang. »Woher kam der Braune in unsere Täler?« fragte er endlich den Knecht.

»Aus dem heiligen Lande«, antwortete dieser unterwürfig.

»Du aber stammst, wenn ich deine Sprache richtig erkenne, aus Thüringen. Hast du einen Vater, und wo lebt er?«

»Mein Vater war ein Schmied von der Naumburg, die Eltern starben an der Pest, da nahm mich mein Herr Arnfried aus dem leeren Hause und zog mich bei der Bruderschaft auf.«

»Ich hoffe, er war strenge gegen dich.«

»Er ist gut wie ein Engel des Himmels, aber der Orden ist streng«, versetzte der Jüngling mit weicher Stimme.

»Ich denke mir's,« sprach der Richter zu sich selbst, »darum gefielen mir die Männer. Ist jener, der bei dem Kranken sitzt, dein Herr Arnfried?«

»Nein, Herr,« antwortete der Knecht, »der andere war's, welcher mit Euch am Tore sprach, er ritt von dannen. Der jetzt am Lager wacht, ist Bruder Gottfried, der von den Sarazenen stammt.«

Der Richter sah verwundert auf das Pferd: »Laß mich seinen Braunen von vorn sehen.« Er schüttelte den Kopf und schritt nach der Gastwohnung.

Der Bruder grüßte vom Lager des Verwundeten mit einer Handbewegung und wandte sich wieder dem Kranken zu. Der Richter aber setzte sich abseits und bedeckte das Gesicht mit der Hand. Als der Kranke einmal stöhnte, richtete er sich auf und betrachtete das dunkle Antlitz und den schwarzen gekräuselten Bart des Bruders, welcher die Lippen des Liegenden mit einem Trank anfeuchtete und vorsichtig die Decke zurechtrückte. »Fremdländisch ist Euer Roß und fremd seid Ihr selbst, ich hoffe, Ihr seid ein Christ.«

Der Bruder antwortete, das Haupt neigend, mit fremder Betonung: »Ich glaube an Gott den Vater, den Sohn und den heiligen Geist, und sie sind eins und in gleicher Hoheit anzubeten.«

Der Kranke seufzte und machte eine Bewegung, der Richter schlug sein Kreuz und sprach: »So sind auch wir im Glauben gelehrt. Von Euch aber vernahm ich, daß Ihr aus der Heidenschaft stammt; gibt es bei Euch Söhne, die ihren Vätern ungehorsam sind?«

»Auch dort ist ein Gesetz, daß der Sohn den Vater ehre, solange dieser lebt, und wenn er getötet wird, seinen Tod an dem Feinde räche.«

»Habt auch Ihr so gehandelt gegen Euren Vater?«

Der Bruder wies auf sein Haupt, an welchem eine rote Narbe vom Scheitel nach der Stirn herablief. »Ein Edler meines eigenen Stammes erschlug meinen Vater. Ich nahm an seinem Leben die Rache und verfiel darum den Schwertern seiner Blutgenossen. Als ich mit solchen Wunden in der Sonne lag, fanden mich die Brüder, in ihrem Hause erwachte ich zum Leben, seitdem diene ich ihnen.«

Der Richter nickte beistimmend: »Ich merke, Ihr seid ein treuer Bruder. Ein geistliches Leben führet Ihr, aber anders als unsere Mönche und Pfaffen, denn ganz verdorben sind diese, nur auf Wohlleben denken sie, auf kostbare Gewänder und schöne Weiber, und ich sorge, kraftlos sind ihre Gebete für uns Laien. Für den Reichen beten sie aus Habgier, um den kleinen Mann kümmern sie sich wenig. Doch vernahm ich, daß jetzt allerlei neue Brüder in das Land kommen, welche als armselige Leute leben, sich ihre eigene Kost an den Türen betteln und am liebsten für die armen Laien beten. Ich denke, auch Ihr gehört zu diesen Bittenden.«

Der Bruder erhob stolz das Haupt. »Ich bin ein Krieger und kein Bettelmönch, ich diene nur durch gute Werke im Hospital oder mit den Waffen auf dem Schlachtfeld.«

»Und wer sind Eure Feinde?«

»Die der Meister uns nennt.«

Der Richter schüttelte sein weißes Haupt, aber er blieb sitzen, bis er draußen den Peitschenschlag seiner heimkehrenden Knechte hörte. Nach Sonnenuntergang kam er zurück, begleitet von seiner Tochter, welche den Tisch mit einem weißen Tuch bedeckte und kräftige Kost aufsetzte, der Alte selbst brachte eine Kanne vom besten Bier, das er in seinem Keller bewahrte, stellte sie vor den Gast und schüttelte wieder das Haupt, als dieser sich mit wenigen Bissen begnügte und auch dem starken Trunk nicht volle Ehre erwies. Eine stämmige Magd trug dem Fremden Streu in eine Ecke und breitete darüber das Polster, die Decke und ein weiches Kopfkissen. Der Richter blieb schweigend auf seinem Schemel, endlich begann er: »Gedenket der Ruhe, Bruder«, und als der Sarazene auf den Kranken wies, fuhr er fort: »Sagt mir, was ich diesem tun soll. Denn ruhelos ist für mich die Nacht, und ich sorge, wenn ich allein liege, werde ich einem fluchen, der nicht hier ist. Darum laßt mich an Eurer Stelle sitzen, Fremder. Ihr seid Eurem Vater treu gewesen bis über den Tod, darum sollt Ihr jetzt schlafen und ein armer Vater will statt Eurer wachen.«

Der Bruder sah ihn dankend an und gab in wenigen Worten die Anweisung. Dann sprach er am Lager kniend leise die Gebete und schob, bevor er sich ausstreckte, das weiche Kopfkissen, welches ihm nicht erlaubt war, beiseite. Der Richter aber saß bei dem Kranken und starrte auf das hagere Gesicht des Liegenden, der zuweilen zuckte und stöhnte. So durchwachte der Alte die Nacht, zuweilen aufgerichtet mit finsterer Miene und geballter Faust, dann wieder mit gebeugtem Haupt und gefalteten Händen.

Ivo hatte sich mit kurzem Abschied von den Bärtigen getrennt und zog in seiner lustigen Schar dahin. Aber er nahm nicht teil an der geräuschvollen Fröhlichkeit der anderen. Dem hochherzigen Manne waren die harten Reden des alten Bauern und seiner Tochter lästiger als er irgend jemandem gestanden hätte, auch das Unglück des Knaben Berthold beschwerte ihm den Sinn. Seit der Kinderzeit hatten ihn die Tränen, welche andere in seiner Nähe vergossen, beunruhigt, manchem Knecht hatte er die verdiente Strafe abgebeten und dem Traurigen heimlich gute Bissen zugetragen. Auch Friderun bewahrte in ihrer Lade ein Geschenk, das er ihr als Knabe aus gutem Herzen gemacht hatte, eine bunte Holzpuppe, welche ein lustiges Männlein vorstellte. Zog man an einem Faden, so bewegte das Närrchen den Kopf und die Arme. Ivos Mutter hatte es einst dem Sohne von Erfurt mitgebracht und der ganze Hof hatte sich gefreut, wenn der Knabe mit dem Gaukelmann spielte und aus dem Stegreif possierliche Worte dazu sprach, wie er sie von fahrenden Leuten gehört hatte. Gerade damals war die kleine Friderun nach dem Tode ihrer eigenen Mutter auf den Hof gebracht worden, weil die Edelfrau ihre Pate war; das Kind saß in einer Ecke, bangte sich unter der fremden Umgebung und weinte, als wollte ihm das kleine Herz brechen. Da ging Ivo leise zu ihr und legte sein Spielzeug in ihren Schoß. Das Geschenk hatte sie auch ein wenig getröstet, nicht sowohl wegen des närrischen Gesichtes, als deshalb, weil ihr die gute Meinung des Knaben wohltat, und die Mutter, welche von ihrem Ehrensitz die Kinder beobachtete, hatte genickt und dem Mädchen erlaubt, das Bild zu behalten. Heut, wo Ivo die Jungfrau in Tränen gesehen hatte, mußte er immer wieder an jenen Tag denken, an dem das fremde Kind mit seinen großen Augen so verstört zu den Füßen der Mutter gesessen hatte. Er fühlte ihr Leid mit wie damals als Knabe, und ihm war, als müßte er ihr etwas recht Gutes erweisen. Doch er selbst hatte ihr den Bruder aus dem Hause getrieben und er hatte Schuld an den Tränen, die sie heut weinte. Vergebens spornte er sein Roß, um der schwächlichen Gedanken ledig zu werden.

Henner aber, der seinen Herrn nicht aus den Augen ließ, sprach bekümmert zu seinem Genossen Lutz: »Ich sorge um ihn, er ist triste und pensant, er sieht müde aus, er hat heimliche Maladey. Die Bärtigen und die Bauern haben ihm seine Kraft gemindert, und er wird sie jetzt mehr brauchen als zuvor. Denn wißt, Kumpan, wir sind seither fast nur gegen gute Gesellen geritten, die außer der Ehre nur den Ring begehrten. Jetzt kommen wir unter die Erzbischöflichen von Erfurt und werden mit den Grafen von Gleichen und ihren Dienstmannen zusammenstoßen, von denen viele einen alten Groll gegen uns bewahren; harte Rennen stehen bevor, ungefüge Speere und böse Absicht, welche unserm Herrn den Mairitt verderben möchte. Strengt Euren Witz an, daß wir erfinden, was ihn wild macht, denn zu hurtigem Rennen gehört ein ganzer Mann und ein scharfer Wille, sonst helfen nicht starker Rücken, nicht feste Schenkel.«

»Ich habe ihm die zwei besten Pferde gespart,« tröstete der ruhige Lutz, »auf den Fuchs kann er sich verlassen.«

»Aber nicht auf sich selbst«, entgegnete Henner. – »Alle guten Geister, mir ahnte, daß uns Unheil bevorsteht. Dort hält der Rettbacher am Wege, der alte Rennteufel bringt uns heut in Not.«

»Er kommt nicht, um zu stechen, er ist ganz allein.«

»Er kommt zu spähen und sinnt Arges. Reitet flugs zu den Knechten, welche die Pferde führen, und leidet nicht, daß er sich an die Tiere herandrängt.«

»Guten Tag, Henner«, grüßte der Rettbacher, ein stämmiger Mann mit einem Stiernacken, kurzem Oberleib und starken Schenkeln, der im Lande für einen der gewaltigsten Speerkämpfer galt und ein Schrecken in den Rennbahnen war, weil er sich wenig um die Ehre, aber sehr um die Kampfbeute kümmerte. »Ein schöner Zug,« fuhr er fort, »ich sehe viele Hufe, die Ihr dem Sieger als Preis gestellt habt. Wieviel mögen ihrer wohl sein?«

»Gewinnt den Preis, und Ihr könnt sie gemächlich zählen«, spottete Henner. »Doch ich sehe, daß Ihr ohne Speer kommt.«

»Vielleicht reite ich doch«, lachte der andere schlau.

»Dann rüstet Euch, wir haben nicht weit bis zur nächsten Raststelle.«

»Sie liegt einsam im Felde«, versetzte der Rettbacher. »Manchem wird lieber sein, vor einer großen Menge zu stechen. Auf der Heide könnte es dem Sieger schwer werden, Euch von den Rossen zu heben und aus den Rüstungen zu schälen.«

»Was wollt Ihr damit sagen, Ihr Kobold?«

»Nichts gegen Eure Ehre, Henner. Doch Vorsicht ist gut. Nicht jedermann hat aus Eurer Aufforderung verstanden, ob auch die Rüstungen und Rosse der Dienstmannen in den Preis gestellt sind, oder nur die des Herrn und seiner Knechte.«

»Nehmt an, daß der Sieger alles erhält, was unter dem Wappenzeichen unseres Hofes reitet.«

»Herr Ivo handelt immer großartig. Gebt Ihr die Beute selbst oder zahlt Ihr den Wert in Geld?«

»Wie dem Sieger beliebt«, antwortete Henner unwillig.

»Schätzt der Sieger nach eigenem Ermessen?«

»Ihr wißt ja selbst, daß er das Recht hat«, rief Henner noch zorniger.

»So ist's in der Ordnung«, bestätigte der andere und sah mit Luchsaugen auf die vorbeischreitenden Pferde. »Da ist ja auch der Fuchs«, sagte er nachdenklich und ritt heran.

»Zurück, Wilhelm, oder Euer Pferd macht einen Bocksprung ins Grüne,« rief Lutz, den Zudringlichen mit der Speerstange abtreibend, »wir leiden nicht, daß eine Bremse um die Ohren unserer Rosse summt.«

»Vorsicht ist immer gut«, wiederholte der Ritter, ungerührt durch den Verweis. »Die Zahl stimmt mit meiner Rechnung. Eure letzte Rast haltet Ihr ja wohl bei Erfurt?«

»Habt Ihr gezählt? Dann beeilt Euch, heut die Beute heimzutreiben,« höhnte Henner, »denn morgen würde die Zahl nicht stimmen.«

»So?« brummte der Rettbacher, »ich verstehe, Ihr wollt heut noch in Euren Hof führen, was Ihr morgen nicht gebraucht.«

»Dürfen wir den Erfurtern weniger Pferde zeigen als den Bauern im Lande? Unser Herr denkt weit anders, wir hoffen, morgen mehr und Besseres zu weisen als Ihr hier seht. Meint Ihr, daß wir unsere besten Pferde wie Roßtäuscher durch das Land führen?«

»Euer Fuchs ist doch hier«, bemerkte der Rettbacher.

»Es ist wohl möglich, daß der morgen Ruhe hat. Den Stolz des Stalles hebt jeder für das Ende auf. Die vier Pferde, welche uns morgen zugeführt werden, findet Ihr nicht im Zuge.«

»Vier?« fragte der Schlaue, »wir haben doch nichts von neuen Rennpferden bei Euch gehört.«

»Wir wissen einen Vorteil geheim zu bewahren«, versetzte Henner.

»Ihr seid nicht von gestern«, schloß der Rettbacher achtungsvoll. »Also vier? Gute Fahrt, Herr, vielleicht sehen wir uns wieder.« Und er trabte mit kurzem Gruße nach Erfurt zu.

»Was wolltet Ihr mit den vier Pferden?« fragte Lutz neugierig.

»Vielleicht meinte ich die Gäule, welche uns den Hafer nach Erfurt schaffen«, lachte Henner. »Merkt auf, Lutz: Er wollte heut abend gegen uns reiten und es ist wohl möglich, daß unsere Feinde ihm allein die drei Speere gelassen hätten. Unser Herr aber darf heut diesem alten Stoßvogel nicht im Kampfe begegnen, sonst erleben wir Malheur. Über Nacht findet Herr Ivo wohl sein Vertrauen wieder und morgen ist großes Gedränge, da muß der Habgierige sich mit einem Speer begnügen, deshalb habe ich ihm die Beute, die er sich bereits gezählt hat, so stattlich gemehrt.«

So geschah es. Der kluge Henner wußte bei dem letzten Rasten seinem Herrn leichten Kampf zu verschaffen, die Schwäche Ivos ging vorüber. Am nächsten Morgen freute sich der Marschalk über das Feuer, mit welchem er in den Sattel sprang, und über die Gewalt der Stöße, welche er austeilte.

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