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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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4. Am Königshofe

In der Königsburg der Thüringe saß auf hohem Stuhl Gisela, die Königin, sie stützte das Haupt mit dem weißen Arm, und das Lockenhaar fiel ihr unter der Königsbinde über die Hand und deckte ihr die Augen. Zu ihren Füßen legte eine Dienerin das Goldgerät vom Königsmahl in die Truhe zurück und zählte die Stücke, bevor sie die Truhe verschloß und in das Schatzhaus der Herrin lieferte, sie sah lachend ihr Angesicht verzogen in dem gerundeten Metall und blickte auf die Herrin; aber die Königin kümmerte der Goldschatz wenig. Einige Schritte davon saß König Bisino, ein tapferer Kriegsmann, vierschrötig von Leibe, mit starken Gliedern und breitem Angesicht, er trug auf seiner Wange ein schwarzes Mal, das erblich war in seinem Geschlecht; einem Ahnen war's zum Spott gewesen, jetzt aber galt's für ein Königszeichen, gab's auch nicht Schönheit, es gab doch Stolz. Unwirsch war der König, der reichliche Trunk hatte ihm die Stirnadern geschwellt, und er haderte gegen den Sänger Volkmar, der vor ihm stand.

»Ich habe dich nach dem Mahle gefordert,« sprach der König, »daß die Königin dich befrage, aber sie scheint nicht zu wissen, daß wir hier sind.«

»Was befiehlt mein Herr?« fragte Frau Gisela, sich stolz aufrichtend.

»Es ist traun Grund,« murrte der König, »die Augen zu öffnen, wenn die Könige am Rhein Eisenbänder tragen und im feuchten Kerker liegen.«

»Warum boten sie ihre Hände den Fesseln?« versetzte Gisela kalt. »Wer Tausende seiner Krieger zur Totenhalle führt, dem ziemt übel, anderen den Vortritt zu lassen. Ich sehe die Tapferen mit Todeswunden auf blühender Heide, die blutlosen Gesichter im Kerker kümmern mich nicht.«

»Auch tapferen Mann verläßt das Glück«, sprach der König und sah scheu nach seinem Gemahl. »Du aber, Gesell, hast nicht alles gekündet, einer entfloh und kam in mein Land; in dem Hofe des Fürsten gab's lautes Getön, vom Heilruf Ingo bebte die Halle, du warst dabei, schnellzüngiger Spielmann, was hast du deinen Gesang getauscht? Weit anders klang dein Lied in der Waldlaube.«

»Schlechter Ruhm wäre dem Sänger, wenn sein Lied eintönig auf einer Saite schwirrte. Mein Amt ist, jedem das Seine zu geben, daß froh sich das Herz des Hörers öffne. Dem König verschwieg ich den Namen der Helden nicht, denn rühmliche Tat lebt durch meinen Mund. Doch ich wußte nicht, daß der Flüchtling dem großen Volksherrn den Sinn beschwert.«

»Ich kenne dich,« rief der König in ausbrechendem Zorn, »du tauchst behend wie die Otter im Fluß, hüte dein glattes Fell vor den Streichen meiner Knaben.«

»Der Sänger hat Friede auch bei wildem Volk. Deine Knaben, o König, die trotzigen Männer, deren Lärm jetzt aus dem Hofe bis in den Steinturm schallt, auch sie scheuen den Sänger; denn jede Untat trägt er durch die Länder, und wird ihm sein Mund für immer gestillt, dann rächen den Toten seine wackeren Genossen. Dein Zorn erschreckt mich nicht, doch ungern entbehre ich deine Gnade, denn reich hast du treuen Dienst belohnt. Nicht vermag ich zu erkennen, warum mein Herr den Namen des Fremden ungünstig hört; der Flüchtling scheint mir ein wackerer Mann, treu seinen Freunden und nicht begehrlich nach fremdem Gut.«

»Du sprichst nach Gebühr,« sagte die Königin freundlich, »und der König kennt wohl deinen Wert. Nimm hier für deine Kunde, war sie auch leidvoll, des Königs Botenlohn.«

Sie winkte der Dienerin, welche ihr die schwere Truhe vor die Füße schob, sie faßte hinein und bot wahllos dem Sänger ein goldenes Trinkgefäß. Der Sänger sah betreten darauf hin, bis die Königin die Brauen finster zusammenzog, da nahm er den Becher und neigte sich tief auf ihre Hand, die sie ihm reichte. »Hat dein schneller Fuß noch Frist, bei uns zu weilen, so lehre meine Mägde den neuen Tanzreigen, den du das letzte Mal in unserer Halle aufführtest. Und laß dich alsdann finden in meiner Nähe.«

Sie winkte ihm gnädig den Abschied; der König sah ihm unzufrieden nach.

»Du bist freigebig mit dem Gold deiner Truhe«, sagte er finster.

»Einen guten Handel macht der König, wenn er mit Gold das Unrecht abkaufen kann, das er einem niederen Mann zugefügt hat. Geringe Ehre ist es meinem Herrn, seine Sorge dem fahrenden Mann zu verraten, der von Halle zu Halle um Lohn singt. Dir bleibt nur die Wahl, den Mund des Mannes durch einen Becher zu schließen, oder für immer durch einen Schwertschlag. Darum gab ich ihm die Sühne, damit er schweige, denn weit berühmt ist der Mann und gefährlich wäre es, den Zeugen deiner Furcht zu töten.«

Der König fuhr kleinlaut fort, bestürzt, wie ihm öfter geschah, durch den hochfahrenden Sinn der Königin: »Was rätst du gegen den Fremden, den die Waldleute sich mir zum Trotz als Gastfreund gesellt haben, soll ich auch ihm Gold bieten oder Eisen?«

»Deine Gunst, König Bisino, denn Ingo, Ingberts Sohn, ist ein erlauchter Mann.«

»Ist es besser für mich, daß er den Königsprung vermag?« fragte der König wieder.

Frau Gisela sah ihn an und blieb stumm. »Edlen Sinn bindet nur Vertrauen«, versetzte sie endlich und trat vor den König. »Will mein Herr die Gefahr vermeiden, so lade er selbst den Fremden an seinen Hof und erweise ihm die Ehre, die ihm gebührt. Gefährlich ist der Königsohn vielleicht unter den Bauern am Walde, nicht in deiner Königsburg und in deiner Heerschar. Hier ist er dein Gastfreund, ihn bindet der Schwur und deine Gewalt.«

Der König überlegte: »Gut rätst du, Gisela, und du weißt, ich ehre deine Worte. Was die Zukunft bringt, das will ich erwarten.« Er erhob sich, die Königin winkte der Magd, sich zu entfernen. Als sie allein war, ging sie mit heftigem Schritt im Raume auf und ab. »Gisela heiße ich, vergeiselt bin ich in fremdem Land zu freudlosem Lager dem gemeinen Mann. Seit Jahren sitzt das Königskind der Burgunden elend auf dem Thron, und die Gedanken ziehen rückwärts zu dem Land der Meinen und zu der Kinderzeit. Dort sah ich ihn, den einst der Vater mir zum Gemahl bestimmte, da ich ein Kind war und er ein Knabe. Ingo, gebannter Mann, hart war dein Reisebrot und bitter dein Trunk in der Verbannung, bitterer doch mein Gram in der Königsburg. So oft aus fremdem Lande ein fahrender Krieger kam, forschte ich nach deinem Geschick. Jetzt naht dein Schritt dem Pfad, auf dem ich schreite, sei mir willkommen, ob du mir lieb wirst oder leid; denn müde bin ich der Einsamkeit.«

Draußen klang vielstimmiges Lachen und Gesang der Mägde, die Königin saß nieder und hörte, die Hände über dem Knie geschlungen, auf die Weise des Reigen, die der Sänger sang. Die Dienerin führte den Sänger leise herein. »Du hast vieles erzählt beim Mahle des Königs,« rief sie ihm lächelnd zu, »was meinem Herrn schwere Gedanken gemacht hat; jetzt laß du mich im Vertrauen wissen, wie du selbst den Banden der Römer entrannst, denn nahe genug war die Gefahr, daß ich einen werten Mann verlor, der mir oft Freude gebracht hat. Hast du ein Lied von der eigenen Not, so will ich's hören.«

»Wenig dachte ich an mich selbst in jener Stunde, Herrin, ich sah auf einen anderen, der mich errettete und sich selbst in größeres Leid warf.«

»Ich meine, das war jener Fremde,« sprach die Königin, »hebe den Sang an und dämpfe deine Stimme, wenn du kannst, daß nicht unnützes Volk sich an den Pforten dränge.«

Volkmar begann mit leiser Stimme seinen Bericht von der Kahnfahrt und dem Sprung in den Rhein. Zu der kleinen Fensteröffnung drang golden der Strahl der Abendsonne herein, er umsäumte die Gestalt des Sängers, der in tiefer Erregung vorsang, was ihm das Herz bewegte; im Dunkel saß die Königin und wieder fiel ihr das volle Haar über die Hand, die ihr geneigtes Haupt stützte, unbeweglich saß sie da, in sich selbst versunken, bis der Sänger mit jenem Wiederfinden in der Halle schloß.

»Das wird ein rühmlicher Gesang für zwei, für ihn und dich«, sagte die Königin gütig, da der Sänger geendet. »Du ziehe mit dem Segen der Götter zu Halle und Herd, daß die Kunde im Volke sich verbreite.« –

Beim Abendtrunk saß der König unter seinen Knappen, das Jauchzen und Lachen der starken Leibwächter umklang den Herd, aus großen Stangen und Bechern schöpften sie den würzigen Trank. »Spiel' den Reigen, Sänger,« rief einer der wilden, »den du heut des Königs Mägde gelehrt, damit auch wir geschickt die Weise springen auf der Heide.« »Laßt ihn,« spottete Hadubald, ein narbiger Kriegsmann, der vorzeiten Trabant am Römerhofe gewesen war und jetzt dem König diente, »sein Lied ist gerade gut genug, daß die Kraniche danach hüpfen im Hühnerhofe. Wer die Tänzerinnen, die schmeichelnden Mädchen aus Alexandrien, geschaut, dem dünkt das Stapfen der Bauern im Grase wie Marsch der Gänse.«

»Er ist stolz geworden,« rief ein anderer, »seit er den Goldbecher der Königin im Gewande birgt; hüte dich, Volkmar, unsicher ist ein Goldschatz dem fahrenden Mann, der über die Heide zieht.«

»Wolfgang ist dein Name,« versetzte der Sänger, »und wie der Wolf gehst du selbst lauernd über die Heide; übel geziemt an der Bank des Königs dein neidvoller Blick auf der Herrin Geschenk.«

Er nahm sein Saitenspiel zur Hand, rührte die Saiten und sang die Weise des Reigens. Da zuckte es den Männern in den Gliedern, sie schwenkten die Arme im Takte auf die Tafel und pochten mit den Füßen den Tritt; auch der König schlug mit der Hand auf den Deckel des Weinkrugs und nickte weinselig mit dem Haupte. Beim zweiten Vers aber erhoben sich die metgefüllten Knaben, nur die Alten widerstanden und umklammerten mit der Hand fest das Trinkhorn, die anderen aber traten je zwei den Reigen in langer Kette um die Bänke herum, daß der Saal laut ertönte. Der König lachte. »Du weißt sie zu zwingen,« rief er dem Sänger zu, »komm näher, Volkmar, du schlauzüngiger Mann, sitz' neben mir, daß ich dir vertraulich meine Meinung künde. Ich war heut unwirsch, es war nicht böse gemeint, mir lag deine Botschaft schwer auf der Seele. Was aber den goldenen Becher betrifft, den die Königin dir gespendet, so war nicht unrecht, was mein alter Knabe dir sagte. Gold ist Herrenmetall und paßt nicht für den Reisesack eines mäßigen Mannes; du selbst singst ja, daß es den Männern der Erde Unheil bereitet. Weise würdest du handeln, wenn du ganz in der Stille diese Beute mir aus gutem Herzen zurück in das Schatzhaus stelltest.«

Gern hätte der Sänger sich das Prachtstück bewahrt und er antwortete: »Was das Auge des Herrn begehrt, schafft dem Diener kein Glück; doch bedenke, Herr, auch in des Königs Schatz wird zum Unsegen das Stück, an welchem Trauer und Neid der Menschen hängen, die es verloren.«

»Darum sei außer Sorgen,« versetzte der König schmeichelnd, »mir tut das nichts.«

»Doch wenn die Herrin erfährt, daß ich ihr Geschenk so gering geachtet, mit Recht wird sie mir zürnen«, sagte der Sänger.

»Sie kennt es kaum, Volkmar, glaube mir«, fuhr der König überredend fort. »Ihr ist im Herzen ganz gleich, ob es Gold oder Kupfer ist. Wenn die Waldleute im Herbst ihre Pferde an meinen Hof senden, magst du dir ein gutes Roß aussuchen mit runden Hufen, und mein Kämmerer gibt dir ein schönes Gewand aus den Truhen, das wird dich stattlicher machen im Volk als das runde Blech. Denn ich meine es gut mit dir, Volkmar, ich fürchte für dich den Neid meiner Knappen.«

»Zuchtlose Worte hörte ich am Herd des Königs«, versetzte der Sänger gekränkt.

»Trag sie nicht schwer, Volkmar,« riet der König begütigend, »es ist wahr, ihre Rede ist zuweilen wild und ich bändige mühsam ihre Gewalttat; aber des Königs Kunst ist, jeden zu gebrauchen in seiner Weise, sie tun als schnelle Königsboten um Gold und einen warmen Sitz an meiner Bank alles, was ich will, und fragen nicht, ob die Tat blutig sei oder nicht. Wie kann ein König walten im Volk ohne solche Diener? Denn hochfahrend ist der Männer Sinn, jeder will nur tun, was ihm beliebt, jeder trotzt auf sein Recht und sucht sich Rache, und keiner fügt sich fremdem Willen. Jeder begehrt Kampf und Wunden zu eigenem Ruhm und ist eilig, zu den Göttern hinaufzufahren. Ich meine auch zuletzt einmal einen Sitz zu fordern in der Götterhalle, jetzt aber möchte ich lieber auf der Männererde über gefügige Nacken blicken; und muß auch ich Männer wegschaffen aus dem Licht, weil sie schädlich sind, so sind es doch nur wenige; die anderen aber auf ihrem Erbe zu erhalten, ist mein Vorteil und mein Ruhm, daran denke, Volkmar, weil du ein sinnvoller Mann bist. Trotzig ist das Volk und geschwollen sein Sinn, des Königs Sorge aber ist, für alle zu bedenken, was dem Lande frommt. Darum schilt mir nicht meine Getreuen. Es ist besser, sie üben zuweilen eine Nottat, als daß alle anderen Gewalt gegeneinander sinnen und das Volk der Thüringe einem fremden Geschlecht Frondienst leiste.«

Der Sänger schwieg. Der König fuhr schlau fort: »Der Wein hat mir das Herz geöffnet, und ich will zu dir reden wie zu einem Freunde. Sage an, wie man zu einem Bruder spricht, welcher Art ist der Fremdling? Ich möchte ihm gern trauen, aber er ist noch von der ungefügen Art, die sich rühmt, daß einst ein Gott in dem Ehebett ihrer Großmütter gelagert habe. Die Art ist wenig nütze auf der Männererde, ihr Blut ist schwarz geworden, wie alter Met im verpichten Kruge, sie schaffen schweren Rausch im Volke, sie gebärden sich, als ob sie die Vettern des Kriegsgotts wären und betrachten aller anderen Schicksal wie Spreu, die sie vor sich her blasen. Ist der Fremde ein solcher Gesell?«

»Mich dünkt, sein Mut ist fröhlich und sorglos seine Art, nur daß ein schweres Schicksal auf ihm liegt«, versetzte Volkmar.

»Wie hält er sich beim Becher?« fragte der König, »ich lobe mir einen rotwangigen Knaben, dem der Trunk die Kehle öffnet.«

»Er weiß fröhlich Bescheid zu geben bei Trank und Rede«, versetzte der Sänger.

»Dann soll er mir willkommen sein auf meiner Bank«, rief der König und schlug auf seinen Trinkkrug. »Dich aber habe ich gewählt zum vertrauten Boten, daß du mir den Fremdling aus den Waldlauben in meine Burg schaffst; führe ihn vor mein Angesicht.«

Volkmar erhob sich und stand überlegend: »Ich will dem Fremden deine Botschaft künden. Doch damit er den gewogenen Sinn meines Herrn erkenne, so flehe ich, daß mein König ihm zuvor Frieden gelobe und sicheres Geleit zum Hofe und vom Hofe, mein König und seine Knaben in der Halle.«

»Was fällt dir ein, Sänger?« rief der König mit ausbrechendem Unwillen, »wie kann ich ein Gelöbnis geben dem Wildfremden, dessen Sinn ich nicht kenne!«

»Du willst doch, o Herr, daß er sich in deine Hand gebe. Leicht ist es, von einem einzelnen den Schwur zu fordern. Mein Herr würde selbst den Fremdling für einen Toren halten, wenn er sich unter die Knaben hierher wagte ohne Frieden.«

»Was braucht mein König den fahrenden Mann zu solcher Botschaft?« rief Wolfgang, »er sende uns, wir bringen den Fremden auf seinen Füßen oder in seinem Schild, längst steht uns der Sinn nach einer Reise in die Dörfer der frechen Bauern.«

»Still,« sagte der König, »eure grobe Zunge gebrauche ich jetzt nicht, wenn ich mit meinen Waldleuten handeln will. Volkmar soll mein Bote sein, denn heut ist der Tag guter Worte, kommt der Tag für harte Tat, dann rufe ich euch. – Du meinst also, er wird kein solcher Narr sein?« fragte er lauernd, und aus den schwimmenden Augen brach ein heißer Blick, wie der Feuerstrahl aus einer Dampfwolke, aber er bezwang sich und fuhr gemütlich fort:

»Wohlan, ich will ihm alles geloben. Und ihr schweigt dort!« rief er, seine Stimme erhebend, in den Lärm seiner Mannen. »Tretet heran und gelobt in meine Hand Frieden für Ingo, Ingberts Sohn, zum Hofe, am Hofe und vom Hofe.« Die Männer taten den Schwur. »Und jetzt, Sänger,« schloß der König drohend, »lege ich dir auf deine Seele, daß du ihn herführst ohne Verzug.«

»Ich bin nur dein Bote, Herr, nicht vermag ich ihn zu zwingen.«

»Bedenke dein eigenes Heil, Volkmar«, rief der König und hob die Faust in die Höhe. »Leid wäre dir, wenn du in Zukunft die Vatererde meiden müßtest.«

»Ich will mich halten als ein treuer Bote«, versetzte der Sänger ernst.

»So ist es recht, Volkmar«, schloß der König besänftigt und erhob sich. »Geendet sei der Trunk, brecht auf von den Sitzen, und du, Volkmar, sollst mir heut anstatt Kämmerer sein, geleite mich.« Der König stützte sich schwer auf Volkmars Schulter und schritt mit ihm über den Hof zum Schlafhaus der Königin. Unterwegs sagte er ihm lustig ins Ohr: »Nun, Schelm, wo bleibt der Becher?«

Volkmar öffnete den Beutel, den er an seinem Gurt trug und bot das Goldgefäß dem König dar. »Stecke mir's ins Gewand,« sagte der König, »ich will um deinetwillen sorgen, daß Frau Gisela das Ding nicht erblickt.«

Am nächsten Morgen verließ der Sänger die Burg. Der König sah seinem Boten mißtrauisch nach und dachte in seinem Sinn: meine Waldfüchse werden mir den Fremden schwerlich in die Burg senden. Wenn sie ihn meiner Forderung weigern, dann geben sie mir einen Grund gegen sie zu ziehen, ihren Bauernstolz zu brechen und ein Ende zu machen mit ihrem freien Bunde. Dann aber wählen sie den Ingo zu ihrem Führer, er dünkt mich ein mannhafter Recke, und es könnte einen harten Kampf geben unter Scheitholz und Waldpilzen. Was dann das Ende wird, weiß keiner, und ich habe keine Lust, meinen Leib zum Schemel zu machen, über den ein anderer zum Herrensitz steigt. So trank er sorgenvoll seinen Met, verschlossen auch gegen die Königin, die mit ihren großen Augen forschend auf ihn hinsah und zuweilen seine Gedanken erriet, ohne daß er sie aussprach.

Tag auf Tag verrann, Ingo kam nicht. Dagegen pochte eines Abends Sintram, Theodulfs Ohm, an das Tor. Der König empfing ihn mit offenen Armen, er sprach lange heimlich mit ihm, und Frau Gisela merkte, wie der König dem Edlen mit einem Händedruck versicherte: »Dein Vorteil und meiner sollen zusammen in den Wald springen wie zwei Wölfe.« Aber als Held Sintram geschieden war, sah auch ihm der König unzufrieden nach und nannte ihn einen schiefäugigen Fuchs.

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