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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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13. Schluß

Im Lande der Alemannen weilte der gebannte Immo auf einem Hofe des Königs, bis seine Wunde geheilt war und seine Brüder mit reisigem Gefolge dem Heere zuzogen. Als Heinrich über die Alpen nach Italien drang, und durch Überraschung und Gewalt den Widerstand seiner Feinde brach, da führte Immo das Banner der freien Thüringe vom Walde, wie einst sein Vater getan; er und seine Brüder fochten in den Straßen Pavias gegen die empörten Welschen, und als König Heinrich von einem treuen Bischof in Pavia zum König des langobardischen Italiens geweiht wurde, klang auch Immos Heilruf unter den Säulen und Steintrümmern der alten Königsstadt. Heinrich kehrte im Sommer nach Deutschland zurück, aber er ließ die Brüder als Wächter gewonnener Burgen durch den Winter in Italien.

Seit jenem Gerichte waren Jahr und Tag vergangen, ein neuer Sommer zog ins Land, und kleine Blätter schlüpften aus den Baumknospen, da legten die Mannen Immos der Mühlburg festlichen Schmuck an, sie hefteten Fichtenkränze an Tor und Zinnen und breiteten schöne Teppiche aus dem Lande Italien an die Wände und über den Fußboden. Denn im Ringe seiner Edlen vermählte König Heinrich den Burgherrn mit der Tochter des Grafen, und der große Erzbischof erteilte den Vermählten den Segen der Kirche. Edith schritt im Brautzug an der Hand des Königs, gefolgt von sechs Söhnen; auch Graf Gerhard trat hinter dem König einher, er lächelte nach allen Seiten und freute sich, aber er war verfallen und gar nicht in seiner alten Kraft, denn auf dem Kriegszuge hatte ihn ein Pfeilschuß verwundet, und im Heere sagten sie, daß der Pfeil nicht aus welschem Köcher gekommen sei, sondern hinterrücks aus dem eines heimlichen Feindes. Da der Graf an der Wunde kränkelte, so sprach er öfter vertraulich mit dem Mönch Reinhard, denn ihn ängstigte jetzt seine Feindschaft mit den Wigbertleuten.

Als am Abend des festlichen Tages der König in seinen nahen Hof zurückkehrte, folgte ihm Gundomar, welcher dem Feste ferngeblieben war, in das Gemach. Heinrich hielt dem Helden den Becher entgegen: »Heut bin ich fröhlich, auch du glätte die Falten auf deiner Stirn, denn Gutes bedeutet dieser Tag deinem Geschlechte.«

»Alles ist dem König wohlgelungen«, versetzte Gundomar. »Ich aber flehe jetzt zu meinem Herrn, daß er mir nicht zürne, wenn ich mein Schicksal von dem seinen scheide.«

Heinrich sah betroffen auf die ernsthafte Miene: »Unverständiges sprichst du. Da ich noch ein Kriegsmann war wie du, gelobten wir einander Gesellen zu sein; an den Eid habe ich gedacht, auch wenn ich dir einmal zürnte. Wie willst du dich von mir scheiden?«

»Als ich gestern durch die neu geflickte Mauer ritt, dachte ich daran, daß sie von meinem Herrn gebrochen wurde, obwohl ich der Frau, die dort oben gebot, angelobt hatte, daß der Bau meines Geschlechtes ihr unversehrt zurückgegeben werden sollte.«

»Du hast es gelobt, nicht ich«, unterbrach ihn Heinrich.

»Du hast getan nach Art der Könige. Denn sie üben das Vorrecht, das Gute für sich zu begehren, das Unrecht auf das Haupt ihrer Diener zu wälzen. Auch klage ich nicht darüber, denn ich weiß, auch den König zwingt die Königspflicht. Ich aber sah zerbrochen, was zu bewahren meine Pflicht war, und mir war diese Tat eine Mahnung, daß ich genug für meinen Herrn getan und gesündigt habe. Und ich saß im Abendlicht am Fuß der Mauer und sah in die untergehende Sonne, da erkannte ich, daß auch für mich das Tor des Himmels geöffnet wird.«

»Du willst der Welt entsagen?« rief der König bestürzt. – »Ich aber brauche dich; ein Undankbarer bist du, daß du mich verlassen willst, denn gütig war ich dir, und oft habe ich deine harte Meinung mit Geduld ertragen.«

»Gütig war mein Herr, auch wenn er fragte, ob die Treue des anderen ihm nütze, gütiger noch ist der Herr in der Himmelshalle.«

»Bist du unzufrieden, weil ich andere mehr ehre als dich, so fordere, Gundomar.«

»Was du von dem einen nimmst, gibst du dem anderen, das ist die Art der Mächtigen; ich aber wähle mir jetzt den Herrn, der jedem zu spenden weiß aus dem Schatz seiner Liebe.« Er hob eine goldene Kette vom Halse und legte sie zu den Füßen des Königs. »Dies war die erste Spende, die du mir gabst, und vor allem Schmuck habe ich sie hochgehalten. Wie dieses Gold, so will ich hinfort alles entbehren, was ein Mensch dem anderen zu schenken vermag.«

Heinrich wandte sich gekränkt ab. Gundomar kniete an seiner Seite nieder und faßte seine Hand: »Laß mich dahinfahren. Gleichgültig ist mir alle Freude der Welt geworden. Wenn ich deine Ritter im Kampfspiel reiten sehe und die langen Züge der Wallenden in ihren Festgewändern, so scheinen sie mir wie spielende Kinder gegenüber den hohen Engeln, die ich im Abendlicht dahinschweben sehe.«

Der König hielt traurig die Hand des Knienden fest, und dieser fuhr fort: »Alle Liebe, die du je zu mir in deinem Herzen gehegt, laß sie den Knaben meines Geschlechts zugute kommen. Der junge Held, dem du heut deine Huld erwiesen, wird ihrer würdig sein. Er hat sich gesträubt gegen den fremden Willen, der ihn in das Kloster warf, damit er für die Schuld anderer büße. Jetzt tausche ich mit ihm. Der jüngere Held in blühender Jugend soll meinem König unter Waffen dienen, ich aber wende als müder Mann meine Schritte dem Kloster des heiligen Wigbert zu.«

Auf der Mühlburg saß Edith in dem hohen Herrenstuhl, zu ihren Füßen die sieben Söhne, und im Ringe umher die vertrauten Gäste des Geschlechts: Heriman, das Haus Baldhards, worin Brunico und der Mönch Wigbert, auch Balderich mit seiner Tochter und andere Freie aus den Nachbardörfern. Die Gäste schwenkten fröhlich die Festbecher, welche die junge Wirtin Hildegard ihnen mit holdem Lachen darbot. Als sie den Becher zu Brunico trug, reichte sie ihm die Hand: »Das nächste Hochfest feiern wir im Hofe deiner Braut und erflehen Segen für euch beide.« Und Immo mahnte seinen Klostergenossen Rigbert: »Jetzt ist die Stunde gekommen, wo du vom Kloster und von den Vätern berichten sollst.«

»Gutes und Böses habe ich zu künden«, begann Rigbert. »Ganz verwandelt kehrte Tutilo vor einem Jahre in das Kloster zurück, er hatte mit König Heinrich seinen Frieden geschlossen und demütigte sich bei seiner Ankunft vor Herrn Bernheri. Dieser aber wurde täglich kränklicher, er stieg niemals mehr von St. Peter herab und warf in seinem Gemach mit dem Krückstock nach den Hirschgeweihen, weil er den Stock für einen Speer hielt. Der König jedoch wollte nicht leiden, daß dem Herrn Bernheri, solange dieser lebte, sein Amt genommen würde. Da nun Reinhard fast immer in der Nähe des Erzbischofs weilte, so wurde Tutilo wieder zum Präpositus erhoben und er herrschte in ganz neuer Weise; denn sonst hatte er wenig auf die Regel geachtet, jetzt aber wurde er hart und eifrig und versagte den Brüdern auch Erlaubtes. Du selbst magst ermessen, ob er das getan hat aus frommem Eifer oder aus einem anderen Grunde. Darum wurde der Widerwille der Brüder groß, und mehr als einmal kehrten Unzufriedene dem Heiligtum den Rücken und liefen aus. So verbot Tutilo im letzten Herbst dem Vater Bertram, fernerhin in seinem Garten zu arbeiten, weil dieser sein Herz in sündiger Weise an die Obstbäume gehängt habe. Da stieß Bertram seinen Spaten in die Erde und ging schweigend in die Klausur zurück, Sintram aber saß seitdem kraftlos in seinem Garten und vermochte nicht mehr zu graben. Tutilo herrschte auch diesen an und bedrohte ihn mit Buße und Geißel. Als Bertram das vernahm, erhob er sich, und weil gerade wieder Brüder in Empörung von St. Wigbert scheiden wollten, schritt auch er trotzig aus der Klausur in den Garten, nahm seinen Spaten auf den Rücken und winkte Sintram, dasselbe zu tun. So zogen die beiden Alten in die wilde Welt, traurig war ihr Anblick für die wandernden Brüder, denn beide wankten vorwärts wie unter schwerer Last. Als sie nun zur Höhe gekommen waren, wo am Birkengehölz das steinerne Kreuz errichtet ist als Grenzzeichen unseres Glockenschalls, da läutete gerade die Glocke vom Turme des heiligen Michael. Der wandernde Haufe wandte sich um, und manche klagten und weinten. Bertram aber sprach: ›Weiter vermag ich nicht zu gehen, und von der ehernen Stimme des Engels will ich mich nicht scheiden; wandelt ihr dahin und sucht Frieden in der Fremde, mir gefällt diese Stätte und hier will ich bleiben.‹ Auf der Stelle begann er eine Grube zu graben, und die Brüder vermochten ihn nicht abzuhalten, denn er antwortete ihnen nicht mehr. Endlich verließen ihn die anderen, nur Sintram blieb bei ihm. Am nächsten Morgen läutete dieser an der Klosterpforte und berichtete, daß sein Geselle Bertram in Frieden geschieden sei, und daß er neben einem Grabe liege, das er sich selbst geschaufelt hatte. Sintram wankte in die Klausur zurück und blieb darin, bis sie ihn nach wenigen Tagen auch hinaustrugen. Der gute Vater Heriger setzte durch, daß die beiden an der Stelle bestattet wurden, wo die Glocke von St. Michael sie gemahnt hatte. Und gerade jetzt wird dem hohen Erzengel eine Kapelle über ihrem Grabe erbaut. Jetzt ist Herr Bernheri von uns geschieden, eine neue Ordnung beginnt für St. Wigbert und ein heiliges Leben. Auch ich fahre jetzt dahin zurück.«

Immo hob die Hand gen Himmel. »Unter den Engeln weilt ihr, liebe Väter, blickt günstig auf den Mann herab, den ihr als wilden Schüler gesegnet habt. Den guten Lehren, die ihr mir übergeben habt, verdanke ich Leben und Glück. Einem Spruch habe ich nicht gehorcht, der Mutter und den Brüdern habe ich zu lange meine Kriegslust geborgen, dadurch habe ich uns allen das Herz krank gemacht. Daß ich aber in der eigenen Bedrängnis meinen Helfer Heriman nicht im Stiche ließ, sondern die letzte Kraft daran setzte, ihn zu retten, das hat, wie ich merke, dem König bessere Gedanken über mich eingegeben, gerade als er mir am meisten zürnte. Und daß ich mir von Gerhard, als er in Not lag, nicht die Tochter angeloben ließ, das hat mir die Neigung des Königs und die Braut wiedergewonnen. Mein Erbteil habe ich nicht in fremde Hand gelegt, darum stehe ich jetzt als froher Herr auf freiem Eigen. So hat sich jede Lehre als heilbringend bestätigt.«

Da rief Edith ihm zu: »Zornig trugst du das Schülerkleid. Dennoch sollst du heut die Mutter preisen, daß sie dich, den Widerwilligen, zu den Altären sandte. Denn nicht die Weisheit allein, sondern auch, was wenigen glückt, die liebe Hausfrau gewannst du dir unter den Mönchen durch die Klosterschule.«

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