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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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11. Die Mutter auf der Burg

Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder die ganze Nacht sorgenvoll nach der Tiefe, immer wieder erwogen sie, ob er getötet sei, ob er in Erfurt gefangen liege, oder ob er sich auf einem Umweg in die Berge schlagen und zu ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede Tierstimme im Walde dünkte ihnen ein Zeichen des Nahenden. Als der Morgen graute, sandten sie Läufer in die Dörfer, welche ihnen gehörten, und forderten heimlichen Zuzug ihrer Dienstmannen, und zwei von ihnen warfen sich mit den Knechten in das Gehölz, wo ein gedeckter Anritt zu den Bergen möglich war. Aber friedlich lag die Landschaft, auch von dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten die Ebene nach Erfurt überschaute, vermochten sie nichts zu erkennen, nur einzelne Reiter sahen sie hier und da auf den Feldwegen, und ihre spähenden Knaben verkündeten, daß es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig bei den Bauern nach der flüchtigen Schar forschten, aber den Rand des Gehölzes vermieden. Als die Sonne im Mittag stand, rief Ortwin: »Nicht länger vermag ich die Unsicherheit zu ertragen, es bringt uns wenig Ehre, hinter den Mauern zu harren, während der Bruder in Not ist; ich sattle und reite nach dem Hofe der Mutter und weiter der Stadt zu, damit ich Bericht einhole, sei er böse oder gut.«

»Ich widerrate,« versetzte Odo, »daß du der Mutter unter die Augen trittst, denn besser ist es, daß sie völlig keinen Teil habe an unserem Handel und fortan ebensowenig der Jüngling Gottfried, so wollte es auch unser Bruder Immo. Der Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte Gertrud, welche die Mutter auf meine Bitte gestern dem Bruder gesandt hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht zu loben, leicht könnten wir noch dich verlieren; besser gefällt mir, daß wir den Müller Ruodhard schicken, er versteht die Leute auszufragen und hat überall eher Frieden als ein anderer.«

Der Rat gefiel den Brüdern, und Ruodhard stieg eilig von dem Berge. Auf dem Herrenhofe fand er alles in Schrecken und Verwirrung, Frau Edith hielt das Tor geschlossen, nur über dem Grabenrand konnte er mit den Knechten verhandeln. Niemand dort wußte etwas von Immo und seinem Knappen. Dann lief er bis Erfurt. Alle Schenken waren gefüllt, und jedermann sprach von dem Raube, aber die Leute stritten, wer der Räuber sein möge, und von Immo vernahm er völlig nichts, und er meinte, daß dieser schwerlich in Haft liegen könne, weil die Reisigen noch auf der Jagd wären.

Da beschlossen die Brüder, still zu harren, aber sie fragten unsicher, wie lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn ein Landgeschrei erhoben würde und wenn gar die Mutter die Entlassung forderte.

Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf dem Wartturm die Wache, da lachte Ortwin: »Den Kranich Ludiger hörte ich schreien, wie lief der Vogel aus unserem Hofe über das Land?« und als er hinabsah, erkannte er, daß an der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege etwas Fremdes lag. Er ließ das Tor aufsperren, die Brücke werfen, eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in die Höhe, dann sprang er abwärts bis an das Gehölz, aber er vernahm nur noch ein Rasseln der Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite, und versuchte vergebens den Springer zu erkennen. Er flog zurück, rief in den Hof: »Eine Botschaft bringe ich, was sie bedeute, mögt ihr selbst erkennen«, und hielt ein kleines dichtumwundenes Bündel in die Höhe. Das Gebinde ging von Hand zu Hand, und Odo sprach: »Sicherlich ist es ein Zeichen, ruft die alte Gertrud, denn sie versteht alles Geheime besser zu deuten als wir anderen.« Gertrud betrachtete mit scharfen Augen das fremde Stück, sie setzte sich nieder, murmelte Unverständliches darüber, löste behutsam das Band und dachte nach. Endlich hob sie die Hand und rief: »Ich verstehe den Gruß, Günstiges kündet er dem Hause; denn daß der Kranich rief, meldet euch, daß die Botschaft von einem Sohne des Hofes kommt; blau ist das Band, welches das Zeichen umschließt, und mit blauer Farbe malt ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fünf Pfeile um ein Haselreis, und eurer sind fünf, und das Reis in der Mitte meint die Jungfrau. Der dies gesandt hat, will, daß ihr mit euren Waffen die Jungfrau umringt wie die Pfeile das Reis. Das Reis ist noch ganz frisch, darum ist, der es sandte, nicht weit entfernt.« Da rief Odo: »Geendet ist der Zweifel. Er lebt, und er denkt seine Beute zu bewahren, er soll erkennen, daß auch wir nach seinem Willen tun; wir halten die Jungfrau, und wir halten die Burg gegen jedermann; denn hoch ist der Berg und fest die Mauer, und viele Helmkappen mögen daran zerschellen, wenn die Grafen aus der Ebene sich gegen uns erheben.«

Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern Balderich, in dessen Hofe Immo verborgen lag. Ungeduldig forderte der Verwundete, daß Brunico ihn nach der Mühlburg schaffe; sein verrenkter Arm war ihm eingerichtet, aber der Schmerz und Blutverlust einer tiefen Armwunde hinderten, das Roß zu besteigen, und Brunico merkte, daß die Wege auch in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da dachte Immo, daß der Balsam, welchen die Mutter bewahrte, ihm schnelle Heilung verschaffen könnte, und er mahnte seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds Hilfe zu gewinnen. Deshalb lief der kluge Knabe von der Mühlburg nach dem Herrenhofe, um die Arznei, welche Brunico selbst nicht zu holen wagte, vertraulich zu erbitten.

Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlüpfen und den Herrensohn heimlich zu grüßen. Als Gottfried in den Saal trat, fand er seine Mutter in Unterredung mit einem Mönch des heiligen Wigbert, den er nicht kannte; es war eine düstere breitschulterige Gestalt, mehr einem Kriegsmann als einem Mönch zu vergleichen. Und er vernahm, wie die Mutter zu dem Fremden sprach: »Ich wußte längst, daß die Geweihten auch die hohe Pflicht üben, ihren Feinden zu vergeben und für sie zum Himmelsherrn zu bitten, aber daß Ihr, ehrwürdiger Vater, gegen den mein armer Sohn am ärgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhängt und ihm jetzt Eure Fürbitte zuteil werden laßt, das nimmt schwere Sorge von meinem Herzen.«

Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr heimlich: »Gib mir den Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten, aber frage nicht, wer er ist.«

Edith sah ihn mit großen Augen an, dann eilte sie in ihre Kammer, riß die Büchse aus der Truhe, trug sie in den Saal und hielt sie dem Mönch hin, indem sie sprach: »Segnet die Arznei, ehrwürdiger Vater, denn vor jedem anderen Gebet mag das Eure dem Unglücklichen frommen, der sich dies begehrt.«

Der Mönch neigte sich darüber und segnete, Gottfried sprang hinaus und übergab dem Knaben die Büchse. Der Wigbertmönch aber sah mit finsterem Blick dem enteilenden Knaben nach.

Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den Hof: »An das Tor, ihr Genossen, Staub wirbelt auf der Straße, einen riesigen Zug sehe ich mit Wagen und Herdenvieh, und Eisen blinkt über den Rossen.« Die Brüder sprangen herzu, in kurzem waren die sechs Kinder Irmfrieds auf der Höhe des Turmes gesammelt. »Ich sehe kein Banner wehen,« sprach Erwin, »und sorglos ziehen sie dem Gehölz zu.«

»Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse als Männer,« rief Adalmar, »wie Flüchtige nahen sie und nicht wie Feinde.« »Weiber erkenne ich im Haufen und den jüngsten Bruder«, lachte Arnfried.

»Es ist die Mutter selbst«, rief Odo. Die Brüder sahen einander mit kummervollen Mienen an. »Sie naht mit ihrem Gesinde, die Bewaffneten des Gutes führt sie herbei.«

»Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kämpfen«, murmelte Erwin.

»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren,« sprach Ortwin, »aber wie sollen wir ihrem Willen widerstehen?«

»Alles hat seine Zeit,« riet Odo, »wenn sie fordert, mögen wir weigern, jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.«

Die Söhne eilten hinab. Das Tor wurde geöffnet, auf der Mauer drängten sich die Mannen, und die Herren traten vor die Brücke, um den Zug zu empfangen. Schweigend nahten die Reiter, ohne Gruß und Willkommen sahen die alten Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten auch die Söhne an das Roß der Mutter, sie aus dem Sattel zu heben. Als Edith den Boden berührte, begann sie: »Es ist mir lieb, daß ihr mich empfangen habt, geleitet die Mutter in das Haus des Bruders. Du aber, Odo, gestatte, daß deine und meine Leute den Hof betreten,« und nach rückwärts gewandt rief sie: »Gehorchet, wenn Herr Odo euch fordert, denn er hat hier zu gebieten.« An der Hand des Sohnes schritt sie in den Hof und grüßte die Kriegsleute, welche ihr jetzt zuriefen und die Waffen zusammenschlugen. Unterdes sprachen die jüngeren Brüder mit Gottfried. »Sie hat unseren Hof geräumt,« erzählte dieser, »alle, die treu an ihr hängen, führt sie unter Waffen her. Was sie hier begehrt, hat sie mir nicht vertraut.«

Edith blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern, Weibern und Vieh, und auf die unsicheren und verlegenen Blicke, mit denen sie betrachtet wurde. »Harrt nur ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, führe mich zu dem Herde, an welchem mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn verlor.«

Die Brüder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich zu dem leeren Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet, dann trat sie unter ihre Söhne. »Euch wundert, wie ich erkenne, die Mutter hier zu sehen, und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet, ich aber komme, bei euch zu bleiben und euer Schicksal zu teilen. Sorget nicht, daß ich euch den Sinn mit Klagen beschwere oder gar mit Vorwürfen, weil ihr gefrevelt habt gegen Frieden, Recht und die heilige Kirche. Andere werden euch darum bedrohen, ich aber will euch dienen, soweit eine Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, daß wir in Todesnot stehen. Wisset, meine Söhne, der König naht mit großem Heergefolge, der Erzbischof und die Grafen im Lande haben ihre Mannen in den Sattel gefordert, heut oder in den nächsten Tagen wird der Feind die Burg umschließen, und die Kinder des Helden Irmfried werden hinter Mauern ihren letzten Kampf kämpfen, wenn sie nicht demütig ihr Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.«

Die Brüder standen betroffen.

»Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen den König,« antwortete Odo, »obwohl wir erkennen, daß wir in großer Gefahr stehen. Aber Mutter, daß ich alles sage, mehr als den König und den Erzbischof fürchten wir deinen Wunsch, daß wir die Braut des Immo den Feinden ausliefern.«

Da antwortete Edith: »Stets habe ich gehofft, daß mir die Heiligen gewähren würden, ohne große Missetat mein Leben zu beschließen; aber anders hat der üble Teufel es gefügt. Will ich meinem Geschlecht die Treue beweisen, so muß ich die Mitschuld auf mich nehmen zu meinem Schaden hier und dort. Eure Mutter bin ich, ihr Knaben, ich habe euch gezogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten Tage eurer Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit mir tragen, du einsames, verfeindetes Geschlecht. Und die Engel mögen es wissen und die Heiligen mögen mir verzeihen. Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht von eurem Los, wie es auch falle.« Da riefen ihr die Söhne Heil und hingen sich ihr um Hals und Hände. Edith aber fuhr fort:

»Laß uns an die nächste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen sollen wissen, daß die Herren einig sind. Alle, die ich dir herführe, sollen dem Herrn Immo in deine Hand sich zuschwören. Ich bringe auch, was zumeist die Sorge der Frauen ist, Vorrat von den Gütern für Küche und Keller, vertraue mir die Aufsicht darüber an, damit ich mit meinen Mägden dir nütze, und ich rate, laß abladen und einräumen, solange nicht größere Sorge bedrängt.«

»Gestatte, Mutter, daß ich dir die Jungfrau zuführe«, bat Odo. Das Antlitz der Edith erblich, ihre Hand zog sich zusammen und sie rang nach Fassung, aber im nächsten Augenblick sprach sie lächelnd: »Erst machen wir das Haus fest, damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben werden. Denn der Zweifel lähmt auch den Mutigen, aber wer seine Pflicht kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg und Hof versorgt, dann denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt ist.«

Als Odo die Tür des Gemaches öffnete, in welchem Hildegard geborgen war, saß die Jungfrau gebeugt auf dem Lager, die Hände im Schoß gefaltet. Sie fuhr auf und sah erschrocken auf eine hohe Frauengestalt und den strengen Ausdruck eines edlen Antlitzes. »Es ist unsere Mutter,« sagte Odo, »welche zu dir kommt.« Da sank Hildegard vor Frau Edith auf den Boden, und Odo verließ leise das Zimmer.

»Steh auf, Jungfrau,« begann Edith, »ich bin nicht der Herr, welchen du dir gewählt hast.«

Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. »Im Traume sah ich dein Angesicht, es gleicht dem seinen, aber feindlich blicken die Augen. O sei barmherzig, Herrin,« rief sie in ausbrechendem Schmerze, »der Sturmwind riß ein Blatt vom Baume, und es flatterte bis vor deine Füße. Zertritt nicht die Bebende!«

Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die tränenfeuchten Augen. »Das sind die Züge, welche meinem Sohne lieber wurden als der Wille der Eltern und das eigene Heil. Waren es deine Tränen oder war es dein Lachen, womit du sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit Lächeln begann's und die Tränen folgten; das ist das Schicksal aller, welche einander liebhaben auf dieser Erde. Leid brachtest du uns und Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau,« fuhr sie milder fort, »ich komme nicht, dich zu schelten und zu richten, sondern damit ich dir Frauenrat gebe, sooft du ihn begehrst. Setze dich zu mir, und wenn du mir gefallen willst, so sprich mir von ihm!« Sie führte Hildegard zu dem Lager, aber die Jungfrau glitt wieder an ihren Knien herab und klagte: »Laß mich liegen, Herrin, und zu dir aufsehen wie zu einer Fürbitterin, denn mir ist, als hätte ich dir Großes abzubitten, daß ich hier bin und daß ich ihn liebe.«

Edith neigte sich zu ihr herab: »Rede nicht weiter, bevor du mir eins gesagt hast. Als meine wilden Knaben dich hertrugen, folgtest du mit gutem Willen oder haben sie eine Widerwillige auf das Roß gehoben? Bist du als Braut meines Sohnes hier oder als Gefangene?«

Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde Röte, und sie neigte das Haupt in den Schoß der Mutter. »Als er eintrat,« murmelte sie, »erschien er mir wie damals, wo er mich am Kreuz mit dem Schilde deckte. Gleich dem hohen Engel Michael stand er bei mir im Kriegskleide, und mir schwand die quälende Angst vor dem Kloster.«

Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die feuchte Stirn der Jungfrau.

Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib der Herrin und klagte: »Meine Mutter ist tot, und freudenlos lebte ich. Da trat er in unsere Halle. Holdselig waren seine Worte, fröhlich seine Art, und unter den Männern wußte er sich zu behaupten, daß ihm keiner zu widersprechen wagte. Er wurde mir schnell so vertraulich, als hätten wir lange beieinander in der Schule gesessen. Und er lachte mich an und faßte meine Hand. Sein Lachen ist lieblich, Herrin. Er trank aus dem Becher, den ich ihm bot, und aß von meinem Teller.«

»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens gestellt«, murmelte Edith.

»Sie preisen ihn auch als einen Helden, Herrin, denn keiner kommt im Kampfe gegen ihn auf, und die kleinen Spielleute erzählen, daß er mit dem Speer sicherer als ein anderer auf die Stelle trifft, nach der er wirft. Jedermann wundert sich, wo er im Kloster so Schweres gelernt hat.«

»Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst,« versetzte Edith, »und sein Vater staunte selbst darüber. Ich sorge, auch im Kloster hat er mehr an Holz und Eisen gedacht als an die Bücher.«

»Dennoch, Herrin, versteht er ganz gut das Lateinische, obgleich er selbst sein Wissen nicht rühmt; und er weiß so geschickt mit Sprüchen und Versen zu antworten, daß es eine Wonne ist, ihn anzuhören.«

»Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein?« fragte Edith. »Das war es, was ihm gefiel, ich dachte sonst, die heilige Sprache hilft nur dazu, den Glauben vertraulich zu machen, ich merke aber, sie verlockt auch Männer und Frauen zueinander.«

»Du sagst die Wahrheit, Herrin. Denn die in der Schule waren, verstehen einander leicht unter fremden Leuten. Damals, als ich ihn zuerst sah, wurde mir weh ums Herz, weil er mir gestand, daß er ungern im Kloster weilte. Aber später kam mir ganz andere Sorge.« Sie hielt an und sah vor sich nieder. »Denn als ich ihn im Kriegskleide wiedersah und erkannte, daß er dereinst mein Herr werden sollte, da erschrak ich über den schweren Gedanken. Und ich saß im Sonnenuntergang auf dem Idisberge, bis die Nacht heraufstieg; und als der Nachtwind in den Zweigen rauschte, hörte ich immerdar seine Stimme und daneben eine andere, als wenn ich selbst mit ihm redete, aber fern und leise wie oben aus dem Wipfel des Baumes, und die eine Stimme sprach: Selig war ich, Held, denn ich habe deine Liebe gefunden, und jetzt zittre ich, dich zu verlieren. Und die andere Stimme antwortete: Ruhm ersehne ich, und schrecklich will ich meinen Feinden werden, gedenkst du das Weib eines Helden zu sein, so darfst du nicht vor dem Tode beben. Wenn zwei einander liebhaben, sollen sie auch beten, daß sie miteinander sterben. Da merkte ich, Herrin, was es bedeutet, einen Mann im Herzen zu tragen. Mein Geschlecht habe ich verlassen um seinetwillen,« unterbrach sie sich selbst, »und jetzt ist er nicht hier, ich aber gehöre zu ihm, wo er auch weilen mag.«

»Allzu ungeduldig bist du, an seinem Hals zu hangen«, versetzte Edith finster. »Verwundet ward er in jener Nacht.«

»Die Brüder sagten mir's,« antwortete Hildegard leise, »an sein Lager will ich, und fühlst du Erbarmen mit meiner Not, so sage mir, wo ich ihn finde.«

»Auch der Mutter bergen sie die Stätte«, rief Edith. »Meinst du, mich quält es weniger als dich, daß er unter Fremden liegt in traurigem Versteck?«

Hildegard sprang auf. »Wenn du ihn liebst, so komm mit mir aus diesen Mauern; wir hüllen uns in niederes Gewand und suchen ihn, bis wir ihn finden. Denn der treue Mann, der ihn im Heereszug begleitete, weiß es, wo er weilt.«

»Eitel ist dein Wunsch,« antwortete Edith, »wenn wir diese Burg verlassen, so würden wir ihn eher verraten als retten. Denn wisse, Jungfrau, der König naht mit seinem Heergefolge in feindlichem Willen, um den Raub zu rächen. Meinen Sohn, seine Brüder und uns alle auf dieser Burg bedroht des Königs Zorn.«

Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank, abgewandt von der Mutter, auf die Knie. Edith saß lange Zeit schweigend, endlich begann sie forschend: »Klagst du, daß er und sein Geschlecht um deinetwillen an Leben und Ehre bedroht sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe, auch der Himmelsherr erhört nur die Bitte derer, welche in Demut und Reue zu ihm flehn. Reut dich das Unheil, das allen droht, so denke auch auf die Rettung. Um dich allein geht der Kampf. Du vermagst ihm Leben und Freiheit zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des Richters sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.«

Hildegard lag unbeweglich, Edith trat näher und sprach über ihrem Haupte: »Liebst du ihn über alles, wie du sagst, so kannst du das jetzt erweisen: Kehre zurück zu deinem Geschlecht, wende deine Schritte dem Kloster zu und entsage ihm, damit du ihn rettest!«

Ein Schauer flog über Hildegards Leib, sie richtete sich auf, und ihre großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter. »Ist deines Herzens Meinung, Herrin, daß ich tue, wie du sagst?«

»Ich sage dir's, du aber antworte!«

Hildegard fuhr in die Höhe. »Eine Feindin hörte ich des geliebten Mannes und eine Feindin meiner Liebe. In den Abgrund will ich tauchen, in die Flammen will ich springen, um sein Leben zu retten, bezeugt ihr guten Engel, die ihr meine Gedanken bewacht, daß ich die Wahrheit rede. Mein Leben nehmt für ihn, aber meine Liebe verrate ich nicht. Hat er alles für mich hingegeben, ich habe dasselbe getan. Gebunden bin ich an ihn und solange ich atme, gehöre ich ihm zu. Jetzt ist meine Treue der Stab, an den er sich hält auf seinem Lager, in seiner Angst. Du aber willst mich zerbrechen und hinwerfen, damit er erkenne, daß seine Liebe nichtig war, und die Jungfrau, der er alles geopfert hat, feige und schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen auf uns blicken wie auf zwei wilde Tiere, welche von den Jägern umstellt sind, wisse auch, unter den friedlosen Tieren ist der Brauch, wenn der Bär verwundet ist und von den Hunden umstellt, so läuft die Bärin nicht abwärts, um ihn zu retten, sondern sie wirft sich der Meute entgegen. Die Kraft der Glieder ist mir versagt, aber mein Wille ist fest wie der seine. Sage mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten, aber mahne mich nicht, daß ich lebend ihm entsage.«

Da rief Edith: »Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer Taube siehst du ähnlich, aber wer dir die Kappe von dem Haupte löst, der erkennt die edle Art eines Falken. Zürne nicht, daß ich dich versucht habe. Denn ganz fremd warst du mir. Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht, und sie fragt zuerst, ob das Weib, das der geliebte Sohn sich erkor, würdig ist, seine Vertraute zu werden anstatt der Mutter. Gesegnet seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir als Braut des Sohnes und als Genossin im Hause. Deine Mutter bin ich von heute und du mein Kind, und verteidigen will ich dich gegen den König und alle Welt. Komm zu mir, Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen, daß er mir das Glück gewähre, deine Hand in die meines Sohnes zu legen.«

Hildegard warf sich an die Brust der Mutter.

Frau Edith hatte recht verkündet. Als der König durch reitende Boten des Erzbischofs die Kunde von dem Raube der Jungfrau erhielt, da hemmte er, wie sehr auch sein Herz sich nach dem Süden sehnte, sogleich die Fahrt und kam mit den Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt waren, über die Werra zurück. Der Erzbischof ritt ihm entgegen. Er fand den König hocherzürnt und wortkarg, und als er ihm von dem Raube berichtete, unterbrach ihn der König heftig: »Wer ist Kläger?« Und da der Erzbischof erwiderte: »Ich selbst durch meinen Vogt, und der Vater der Jungfrau«, hob der König drohend die Hand und rief: »Sagt dem Grafen, er soll seine Pflicht nicht säumig tun, denn des Königs Auge ist noch über ihm.« Zuletzt sprach der Erzbischof: »Ist auch die Stunde ungünstig, um die Verzeihung des Königs zu erbitten für einen anderen, der in Ungnade lebt, so darf ich doch dem Flehenden mich nicht versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mönch Tutilo begehrt, sich vor dem König zu demütigen; unstet treibt er umher im Zwist mit seinem Abte, er kam von Ordorf zu mir und stöhnte, daß ich ihm die Huld des Königs wiedererwerbe.«

»Er hat also Lust, die Rute zu küssen, wie die anderen Empörer seines Geschlechtes getan haben«, spottete der König. »Manchen besseren Anblick weiß ich, als einen hochfahrenden Mann, der widerwillig die Knie beugt und seine Miene zur Demut zwingt. Doch da dem Könige nicht ziemt, gegen einen Mönch zu hadern, so laßt ihn herein.«

Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag Tutilo vor dem Könige auf dem Fußboden. Als der Mönch nach kurzer Unterredung mit gesenktem Haupt, einem reuigen Manne ähnlich, entwich, trat Heinrich in den Saal, in welchem sein Gefolge harrte, und rief: »Ihr sagtet mir, ehrwürdiger Vater, daß der Räuber Immo spurlos verschwunden sei, wenn er nicht etwa bei seinen Genossen auf der Mühlburg hause; Ihr wart im Irrtum.« Und er rief Gundomar und gab ihm einen leisen Befehl.

An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem Dorfe zu, in welchem der Hof des Bauern Balderich lag. Die Reiter umstellten das Dorf und drangen unter harten Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem Königsvogt von Erfurt in die Kammer, in welcher Immo saß. Dieser wandte sich finster ab, als er seinen Oheim erblickte, aber dem Vogt reichte er die Hand. »Mir tut's von Herzen leid, Held Immo,« sprach dieser traurig, »daß ich dich zur Stelle dem Könige überliefern muß.«

»Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst,« antwortete Immo ruhig, »nur eine Bitte erfülle mir, verhindere deine Reisigen, daß sie den Leuten hier einen Schaden an Leib und Gut zufügen, denn aus Mitleid haben diese mich aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag.« Das versprach der Vogt.

Am anderen Morgen sahen sie von der Burg in der Morgensonne blinkende Speere und wehende Banner; der König hielt mit seinem Heerhaufen bei dem nahen Dorfe, in welchem die Sachsenkönige seit alter Zeit einen Hof hatten, das Königsbanner ließ er auf einem Hügel errichten, der zu dem Erbe Irmfrieds gehörte, und ringsherum die Wagenburg schlagen. Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg langsam ein friedlicher Zug, an dessen Spitze der Erzbischof Willigis ritt und neben ihm der Mönch Reinhard. Edith selbst mit ihren sechs Söhnen empfing die frommen Väter am Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre Söhne weisend: »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung vor dem Altar kniete, erbatet Ihr, hochwürdiger Vater, den Segen der Himmlischen für mein Leben; hier seht Ihr, was ich von meinem Glück zu bewahren vermochte. Daß Ihr jetzt in unserer Not zu uns kommt, dafür danke ich dem Ewigen, denn als eine gute Vorbedeutung sehe ich Euer geweihtes Haupt in diesen Mauern.«

»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes,« versetzte Willigis, »sondern als Diener eines strengen Richters. Eile hinauf, gebot er mir, zerwirf das Nest unholder Vögel und bringe mir die Brut herab unter meine Hand! Darum übergebt euch der Gnade des Königs ohne Widerstand, denn scharf ist sein Zorn und schnell folgt seinem Willen die Tat.«

Odo versetzte ehrerbietig: »Wir stehen hier in festen Mauern unter treuen Schwurgenossen, wir haben nicht die Wahl, ob wir die Feste und die Jungfrau dem König ausliefern wollen oder nicht, denn unser Bruder Immo, der hier gebietet und heut fern ist, befahl uns, beide zu halten gegen jedermann.«

Da entgegnete der Erzbischof: »Es ist eures Bruders Hals, um den ich sorge, wenn ich von euch die Ergebung fordere. Denn wisse, Geschlecht Irmfrieds, Held Immo liegt gefangen in des Königs Gewalt.«

Edith rang die Hände gegen den Himmel, und die Brüder traten bestürzt zusammen.

»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten in das Lager, sein Versteck wurde dem König durch einen Feind verraten.«

»Tutilo«, schrie die Mutter entsetzt.

»Seitdem hält der König fest, was euch zwingt. Liefere mir die Nestlinge des toten Irmfrieds, befahl der König, bevor die Sonne zur Mittagshöhe gestiegen ist; wenn sie länger zaudern, so lasse ich den Gefangenen an den Fuß der Mühlburg führen, wo man von der Höhe sein Haupt sehen kann, und ich werfe sein Haupt auf den Grund. Austilgen will ich den frechen Trotz, der Landrecht und Königsmacht mißachtet, und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen die Räuber mir widerstehen. Darum wollt ihr, junge Helden, den Bruder vor jähem Tode bewahren, so folgt mir aus der Burg zum Könige. Wenn er eure Ergebenheit sieht, wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem Rat solcher, welche euch Gutes wünschen.«

Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern: »Unsere Lose warfen wir am Herdfeuer, als wir uns dem Bruder gelobten. Wenn wir willig waren, in den Gassen der Stadt unser Leben für das seine zu wagen, so müssen wir dasselbe vor dem Schwert des Königs tun. Ich bin bereit, den Priestern zu folgen. Vier von euch lade ich, daß sie zu mir treten.«

Da traten alle fünf auf seine Seite, Odo aber wies seinen Bruder Gottfried zu der Mutter: »Nach dem Willen des Gefangenen gehörst du zu ihr, und dir ziemt auch jetzt, diesen Willen zu ehren. Hochwürdiger Herr, wir sind gerüstet, Euch zu folgen. Wir allein, denn nur wir fünf waren Genossen des Bruders bei der Tat. Die Burg unseres Geschlechtes aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders vermögen wir Euch nicht zu übergeben; darüber zu entscheiden, steht bei unserem Bruder Immo, wenn er auch gefangen ist; und solange wir nicht deutlich erkennen, daß er die Übergabe fordert, dürfen wir Brüder sie nicht vollbringen. Darum lege ich die Gewalt über die Burg und über alles, was sie umschließt, in die Hand unserer Mutter. Sorge du, Mutter, für Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns aber segne, da wir uns von dir scheiden.«

Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die Knie und küßten ihr Hände und Gewand. Sie riß bleich und tränenlos einen der Liegenden nach dem anderen an ihr Herz, ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man vernahm keine Worte. Und als die fünf der Tür zuschritten, stürzte sie ihnen nach und umfaßte ihnen noch einmal Hals und Haupt, bis sich die Weinenden von ihr lösten.

Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend zugesehen, obgleich sie gewöhnt waren, alle irdische Liebe als nichtig zu betrachten. Jetzt begann der Erzbischof: »Den redlichen Entschluß Eurer Söhne, edle Edith, will ich gern dem König rühmen; die Helden haben wohlgetan, dem Urteil der Mutter zu vertrauen, denn als fromm und weise wird sie im ganzen Lande geehrt.«

»Sechs junge Leben, die mir gehören, hat König Heinrich für sich genommen, was will er von der verwaisten Mutter noch mehr?«

»Die Burg und die geraubte Jungfrau, die Eure Söhne darin bewahren, begehrt er von Euch.«

»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das Frauengemach, in welchem die Mutter gebietet, und nicht in das Heerlager des Königs. An die Burg aber hat der König völlig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der Lebenden und Toten willen.«

»Denkt in Eurem Schmerz auch daran, edle Frau, daß Eure Söhne durch ihre Missetat dem Spruch des Königs verfallen sind.«

»Sind meine Söhne schuldig, zu büßen für eine schwere Tat, so bin ich, ihre Mutter, in derselben Schuld. Denn Blut sind sie von meinem Blut, und wenn sie jetzt auch auf ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin sie ihr Mut treibt, meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und bei Nacht. Dies Geheimnis einer Mutter vermag kein Priester zu begreifen. Haben sie Missetat geübt, so bin ich dem Richter verfeindet wie sie; und gleich ihnen will ich das Erbe des Geschlechtes bewahren gegen jedermann, auch gegen den König selbst.«

»Hütet Euch, Frau,« mahnte der Erzbischof, »freiwillig Eure schuldlose Seele mit derselben Schuld zu beladen, welche auf jenen liegt. Denn nicht nur den irdischen Richter haben sie erbittert, auch dem Himmelsherrn haben sie geraubt, was ihm zukam, als sie eine Jungfrau entführten, die geweiht werden sollte. Darum sorgt für das Heil ihrer Seelen, indem Ihr die Jungfrau zurückgebt, sonst möchte der große Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen als König Heinrich, und Eure Söhne für ihre Tat hinabstoßen in das Reich des üblen Drachen.«

Da rief Edith mit flammenden Augen: »Und wenn wahr wäre, was Ihr sagt, und wenn der große Himmelsgott ihnen die Wolkenhalle verschließt um so kleine Schuld, weil sie den Besitz eines geliebten Weibes begehrten und weil sie alle treu waren in der Not; meint Ihr, ehrwürdige Väter, daß die Mutter allein im Himmelssaal kauern wird, getrennt von ihren Kindern? Werden diese verworfen, so will auch ich verworfen sein; lieber will ich meinen sieben Knaben ihre Becher und Schüßlein in der finstern Hölle zureichen, als fern von meinen Kindern Euch, Ihr Heiligen, in der strahlenden Burg des Himmels.«

Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie, und Willigis schlug schnell das Kreuz. Er war ein alter und gestrenger Herr, der eifrig für die Kirche sorgte. Aber als Frau Edith so empört vor ihm stand, höher als sonst und einem Weibe aus der Urzeit ähnlich, da dachte er daran, daß sie von den wilden Sachsen herstammte wie er selbst auch; und obschon ihm graute, so kam ihm doch vor, als ob er wohl auch so reden könnte. Aber seiner Würde gedenkend, zog er sein Gewand zusammen und wandte sich zum Abgang. »Wer die Strafen der Menschen nicht scheut und die Strafen der Ewigkeit nicht über alles fürchtet, mit dem hat ein Priester nichts mehr zu reden.«

Edith jedoch faßte ihm das Handgelenk mit eisernem Griff. »Haltet an, ehrwürdiger Vater, Ihr selbst und wohl auch andere haben mich in meinem Glücke über Gebühr gerühmt als ein gottseliges Weib, das den Heiligen treu diene. Weshalb meint Ihr wohl, bin ich verwandelt? Den ältesten Sohn habe ich verloren, weil ich nach Eurem Rat forderte, daß er gegen seinen Wunsch der Kirche diene und diese Burg den Heiligen übergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm gezürnt, und mein Auge hat ihn seitdem nicht wieder gesehen. Finsteren Gedanken habe ich seine junge Seele preisgegeben, gerade als er den Rat und die Liebe der Mutter am meisten bedurft hätte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich fürchte, in dieser Welt für mich verloren, und diese Burg, die der König ein Nest unholden Geflügels nennt, soll zerworfen werden durch Eisen und Feuer. Versucht das rühmliche Werk, laßt Eure Knechte kommen mit der Haue und dem Brande, stürmet die Mauern, erschlagt meine Getreuen und führt hinaus an Strick und Kette, was Ihr hier an lebenden Häuptern findet. Einen Leib werdet Ihr dennoch zurücklassen. Folgt mir, Ihr Geweihten, zu der Stelle, die auch Ihr ehren solltet, wenn Ihr Eures Amtes denkt.« Sie zog den Erzbischof aus der Halle über den Hof und öffnete die Tür der kleinen Kapelle. Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz darüber. »An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen Stein der Heiden geworfen, und sein Genosse Wigbert hat darüber den Altar geweiht. Euch, Erzbischof, und dem frommen Könige sollte dieser Ort ehrwürdig sein, und ich meine, Ihr solltet für Frevel halten, dies Mauernest zu zerreißen und den Flug der Vögel, welchen hier die Heiligen ihren Sitz geweiht haben. Was Ihr tun wollt, steht bei Euch, was ich tun will, berge ich Euch nicht. Brecht Ihr das Haus, dann wird dies die Stätte, wo ich ausharre unter berstenden Mauern und brennenden Balken. Sagt dem König, daß hier das Grab der Edith ist, und daß die Mutter der sieben Knaben keine andere Antwort für ihn hat.« Sie warf sich am Altar nieder, die Sendboten verließen schweigend den Raum.

»Wilde Worte hörten wir«, begann der Erzbischof zu Reinhard, als sie herabritten. »Doch auch der schüchterne Vogel wandelt seine Art, wenn ein Feind die Krallen nach seiner Brut ausstreckt.«

Reinhard antwortete seufzend: »In meinem Herzen fühle ich den Jammer über das Schicksal, welches diesem Geschlecht bereitet wird. Hochwürdiger Vater,« bat er, die Hände faltend, »wenn jemand den Helden Immo vom Tode zu retten vermag, so ist Eurer Weisheit diese gute Tat vorbehalten.«

Der Erzbischof schüttelte das Haupt. »Du kennst noch zu wenig den Sinn dieses Königs. Meinst du, daß Heinrich seine Reise unterbrochen und uns alle als Zeugen seines Tuns mitgeführt hätte, wenn er nicht seine eigene Macht erhöhen wollte, indem er die Häupter eines edlen Geschlechts auf den Rasen wirft. Selbst wenn er dem Schuldigen nicht feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in seinem Herzen entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt als strengen Richter zu erweisen. Denn die Trauer über des Richters Spruch fühlen nur wenige, die Kunde aber, daß er wieder einen Räuber aus der Zahl der edlen Schildträger getroffen hat, fliegt durch das ganze Land, sie schreckt die Argen und gewinnt dem König die Herzen der Friedlichen. Auch hat der König hier wenig um die Rache mächtiger Herren zu sorgen, denn einsam und ohne großen Anhang von Lehnsleuten haust das Geschlecht am Walde.«

»Dennoch vernahm ich, daß der König einst den Helden Immo wert hielt«, warf Reinhard bittend ein.

»Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhärtet,« versetzte der Erzbischof, »vielleicht, weil Held Gundomar dem Jüngling feind ist, vielleicht wegen anderem. Nicht umsonst wurde König Heinrich in Klosterzucht gezogen, er hat gelernt, was dem Manne am schwersten ist, seine Gedanken zu verbergen. Dreien Königen habe ich in die Tiefe ihrer Seelen gespäht, jetzt handle ich mit dem vierten, und eifriger als die früheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und reiche Spenden. Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem Lammfell die Tatze eines Raubtiers, und ich merke, wenn er sich vor den Heiligen am tiefsten demütigt, denkt er am meisten an den eigenen Vorteil. Mich aber freut die kluge Art, denn auch wir sind nicht einfältig, und beide verstehen wir, wo unser Vorteil gemeinsam ist.«

Am Fuß des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge ein Zeichen, die Reisigen rückten im Kreis um das Geschlecht Irmfrieds, und Willigis begann zu Odo: »Steigt von den Rossen, ihr jungen Helden und gebt eure Waffen meinem Hauptmann, daß er sie euch bewahre.« Die Brüder saßen unbeweglich, sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre Schilde am Arm herauf. »Demut rate ich euch, wenn ihr dem Leben des Bruders nützen wollt; du selbst weißt, edler Odo, daß du nicht hoch zu Roß dem Könige vor die Augen reiten darfst. Denn er fordert, daß ihr euch ihm ergebt, und barhaupt, mit den Füßen im Staube müßt ihr ihm nahen.« Die Brüder sahen einander grimmig an, und Erwin gebot leise: »Schließt euch zusammen, damit wir wenden und rückwärts durchbrechen.« Aber Ortwin mahnte: »Dann stolpern die Rosse über das Haupt unseres Bruders«, und Odo sprach: »Der Pfeil flog vom Bogen, wir ändern nicht mehr seinen Lauf, taucht zur Erde und fügt euch.« Da sprangen sie von den Rossen, hingen die Schwerter ab, lösten die Helme und schritten zu Fuß unter den Bewaffneten dem Lager zu mit gerötetem Antlitz und Tränen der Scham in den Augen. Vor dem Lager ritt Willigis noch einmal zu ihnen und riet in guter Meinung: »Leichter biegt sich im Sturm der junge Stamm als der alte, und er schnellt auch wieder in die Höhe und breitet seine Wipfel lustig in der Sonne. Denket daran, daß der König vor allem Demut fordert; vermögt ihr sie nicht in eurer Rede zu erweisen, so werdet ihr euer Heil am besten bedenken, wenn ihr schweigend kniet.«

Der König hielt auf seinem Roß mit großem Gefolge, er sah finster über die Söhne Ediths, welche schwerfällig die Knie beugten. »Trotzig finde ich die Waldleute noch in ihrer Haft. Wo habt ihr die Jungfrau? Auch erkenne ich nicht des Königs Banner auf der Burg.«

Willigis antwortete: »In der Burg gebietet die edle Edith, und sie weigerte mir die Jungfrau, welche, wie sie sagte, in Frauenzucht gehöre und nicht in ein Heerlager, da sie die Braut ihres Sohnes sei. Und weil Frau Edith aus edlem Sachsengeschlecht stammt, welches in alter Zeit mit dem Hause des Königs befreundet war, so hielt ich für recht, daß der König selbst gebiete und der Sachsenfrau seinen Willen verkünden lasse. Denn schwere Worte sprach die Mutter in ihrem Schmerz, und ich fürchte, sie begehrt sich den Tod im brennenden Hause.«

Der König zog den Mund zu einem herben Lächeln. »Ich sah Frau Edith einst, als ich ein Knabe war. Meint sie mit dem König zu streiten, weil er sie damals im Kinderspiel auf die Hände schlug? Ist sie so bereit, die Pfänder zu verlieren, welche ich von ihr in der Hand habe? Ein Ende will ich machen mit dieser Widersetzlichkeit. Führt die Räuber ab, doch so, daß sie sich nicht ihrem Bruder gesellen. Euch, hochwürdiger Vater, bitte ich, zur Stelle mit den Fürsten und Edlen, welche mir folgten, im Rat niederzusitzen über den Raub der Jungfrau, damit Ihr mir Eure Meinung erklärt, die ich gern beachte, soweit ich vermag. Denn ich selbst will richten.« Und sein Pferd wendend, rief er Gundomar zu sich. »Dies geht dich an,« sprach er gütiger, »denn ist dir das Haus des toten Irmfried auch verfeindet, so wirst du doch um deiner eigenen Ehre willen dafür sorgen, daß die Frauen nicht in ihrer Torheit das Schicksal der Männer teilen. Reite hinauf und sage ihnen mein Gebot, daß sie vor mir erscheinen.«

Gundomar vernahm die Botschaft mit umwölkter Miene. »Hartes gebietet der König,« murmelte er, »mein Fuß betrat die Mauer nicht seit den Jahren meiner Jugend.«

Aber mit blitzenden Augen rief der König: »Willst auch du mir widerstehen? In guter Meinung sprach ich zu dir. Wahrlich, es ist Zeit, eine Warnung zu geben, denn unbändig und eigenwillig gebärdet sich jeder in dieser Waldecke.«

Da warf Gundomar sein Roß herum, winkte mit der Hand, daß seine Ritter ihm folgten, und sprengte dem Berge zu. Weit vor den anderen fuhr er dahin, und die Hofleute sahen freudig auf den streitbaren Helden. Doch hätten sie sein Antlitz geschaut, die Angst darin hätte sie gewundert. Als er den steilen Bergweg hinaufritt, sank ihm das Haupt auf die Brust und er seufzte schwer. Vor dem Wallgraben hielt er still wie einer, der nicht ganz bei sich ist, er vergaß sein Begehr, zum Turme hinaufzurufen, und vernahm auch nicht, daß der Vogt ihn anschrie. Erst als der drohende Ruf zum zweiten Male erklang, hob er das Haupt und starrte wie ein Träumender um sich. Da rief der alte Berthorad: »Ein Antlitz sehe ich, das ich vorzeiten fröhlicher schaute. Bringst du Frieden, Herr, so harre, daß ich dich unserer Herrin verkünde.« Er eilte von der Mauer, nicht lange, und das Tor wurde geöffnet, Gundomar winkte seinem Gefolge, zurückzubleiben und ritt allein in den Hof. Auch dort zögerte er, abzusteigen und zuckte am Zügel, als ob er wieder hinauswenden wollte. Aber neben ihm erhob sich die alte Gertrud am Boden: »Graues Silber glänzt in deinem Haar, aber deine ersten Locken wuchsen, als ich dich auf dem Arme trug. Kannst du dem Weibe deine Hand reichen, das allen Söhnen Irmfrieds als Wärterin diente, so sei gesegnet.«

Gundomar schüttelte das Haupt, und Gertrud rief zornig: »Sieh dorthin, du Held, der Schlehenstrauch steht noch an der Mauer. Weiß ist die Blüte, aber schwarz die Frucht; dort trank der Boden das Blut zweier Brüder, die im Todeshaß gegeneinander schlugen. Dort binde dein Pferd an, du Feind des Geschlechtes. Sechs Söhne Irmfrieds sind deiner Rache verfallen, nur das jüngste Kind ist noch übrig; ich denke, du kommst, auch mit dem letzten den Kampf zu beginnen.«

»Schweig, Alte,« versetzte Gundomar grimmig, »führe mich zu deiner Herrin!«

Gertrud wies auf die kleine Kapelle. »Traust du dich, den Ort zu betreten, wo die Sünden vergeben werden, wirst du sie finden.«

Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum. An einer Ecke des Altars saß Edith auf den Stufen, sie wies auf die andere Seite. »Dort sitze nieder, Gundomar, denn die Nähe der Heiligen tut uns beiden not, wenn wir miteinander reden.«

Gundomar warf sich auf die Stufen des Altars, und es war ein langes Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete, warf er scheue Blicke nach Edith und sprach abgewandt: »Eine Lüge ist es, daß die Zeit das Herz des Menschen wandelt. Die Wunde brennt heut, wo ich dich wiedersehe, wie vor fünfundzwanzig Jahren. Die Krallen des Hasses und der Eifersucht fühle ich wie damals, wo ich dich verlor; und was die Priester als schwere Sünde strafen, das hege ich unablässig in meinem Innern, den heißen Wunsch, der mich zu dir treibt.«

Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: »Du siehst eine Mutter, die ihre Söhne großgezogen hat, und im Witwenschleier des toten Gemahls gedenkt.«

»Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter Glanz mich einst selig machte. Nicht die Mutter erkenne ich und nicht die Witwe eines anderen, nur das Weib, das ich selbst begehrt habe.«

Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab.

Aber Gundomar fuhr fort: »Wie im Traum habe ich dahingelebt alle diese Jahre, nur meine Sehnsucht nach der einen und mein Haß gegen einen anderen haben wahrhaft in mir gebrannt; alles übrige war mir wie ein Spiel der Gaukler. Oft habe ich gebüßt und die Geißel über meinem Rücken geschwungen, aber fruchtlos war das Fasten und vergeblich die Schläge, denn die bösen Feinde versuchten mich immer wieder. Noch hier merke ich sie«, raunte er scheu um sich blickend. »Vieles habe ich auf Erden erlebt, sündige Liebe und sündigen Haß, ich sah, wie man eine Krone gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes, wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fühle ich den Eisfrost in meinen Gliedern, verleidet ist mir diese Erde und ich schmecke die Galle aus dem Honig. Mich jammert, daß die Menschen so begehrlich sind nach Goldschmuck und Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich dir, da ich dich wiedersehe gegen deinen Willen, damit du mich nicht hassest, wenn du an mich denkst. Denn nur an deiner Meinung ist mir gelegen, um die anderen sorge ich wenig. Ich ringe und suche, was mir die Kraft gibt zu überwinden, damit mir das ewige Erbarmen nicht fehle.«

Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: »Meide den König und suche dir einen anderen Herrn.«

»Ich denke daran bei Tag und Nacht«, antwortete Gundomar leise. Und sich erhebend fuhr er mit verändertem Tone fort: »Der König sandte mich. Forderst du meinen Rat, so weißt du, daß ich dir nichts berge.«

»Rate mir, so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist.«

»Dem Könige liegt am Herzen, seine Hoheit in einem Herrengericht zu erweisen. Dazu bedarf er die Geraubte und dich ladet er zur Mehrung seines Ansehens. Ich rate dir, daß du gehst. Denn der wird den Königen am meisten verhaßt, der sie hemmt, wo sie vor dem ganzen Volk ihre Würde erweisen wollen.«

Edith machte eine abweisende Bewegung und Gundomar fuhr fort: »Willst du dem König in der Burg widerstehen, so vermagst du das ganz wohl; denn ihm fehlt alles Sturmgerät, und er kann nur wenige Tage vor diesen Mauern liegen, weil die Königspflicht ihn übermächtig nach dem Süden treibt. Beim Abzug wird er dem Gerhard und den Grafen in der Ebene die Fehde gegen dich und die Deinen übergeben. Auch diesen Feinden kannst du siegreich entgegentreten. Merke, Edith, die Burg und den jüngsten Sohn vermagst du lange gegen den König zu bewahren, nicht die Häupter der Söhne, welche in seiner Gewalt sind. Denn diese wird er Rache heischend werfen. Kommst du dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager, so denkt er vielleicht auch an deinen Wert und an dein Herzeleid. Darum flehe ich dich an, Edith, daß du mir folgst.«

»Rate anderes, Gundomar; die Braut meines Sohnes und die Burg übergebe ich nicht.«

»Was frommt die Brautschaft, wenn der Bräutigam schwindet, und wie kannst du ihm die Burg bewahren, wenn du ihn selbst verlierst.«

Edith barg ihr Antlitz in den Händen. »Du sprichst die Wahrheit. Aber wo die Gedanken in der Seele feindlich gegeneinander ringen und der Mensch angstvoll zweifelt, was ihn retten werde, da findet er einen Trost, wenn er treulich die Pflicht tut, welche ihm aufgelegt ward. Der Herr dieser Burg und der Jungfrau hat uns geboten, beide festzuhalten; seinem Gebot folge ich, was uns allen auch darum geschehe.«

»Du verdirbst dich und andere«, rief Gundomar heftig. »Wohlan, manchen Dienst habe ich dem König geleistet und ich meine, er wird sich scheuen, mir die Ehre zu kränken. Um deinetwillen will ich wagen, was Heinrich mir nicht befahl. Ich biete dir mit der Jungfrau und dem jüngsten Sohne freies Geleit zum Gerichte des Königs, und wenn du es nach dem Gericht begehrst, wieder in die Burg zurück. Bis zu eurer Rückkehr mögen deine Dienstmannen die Burg halten, nur daß sie friedlicher Botschaft des Königs den Zutritt nicht weigern, wenn er sich Zeugen rufen will zu seinem Gericht.«

Da erhob sich Edith: »Gelobe mir, Gundomar«, und er warf sich am Altar nieder und legte die Finger auf sein Schwert.

Unterdes war der König nach dem Hofe gesprengt, in welchem er rasten wollte. Als er durch das Gedränge von Edlen und Landleuten schritt und hier und da anhielt, um einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen, erkannte er Heriman, den Goldschmied, welcher sich demütig verneigte. Der König winkte ihm ein wenig zu. Und da er seltene und kostbare Waren, wie sie der Goldschmied häufig aus der Fremde brachte, gern ansah und kaufte, so befahl er seinem Kämmerer: »Frage den Heriman, ob er etwas begehrt oder etwas bringt; begehrt er, so laß du dir seinen Wunsch sagen, und bringt er, so führe ihn zu mir.« Dem Eintretenden rief er gütig entgegen: »Wie gedeihen dir deine Fahrten auf des Königs Straße?«

»Wir Thüringe danken dem König, daß er die Raublust der Schildträger gebändigt hat«, versetzte Heriman.

»Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Straße, sobald der König nur den Rücken kehrt. Ich bin hier, um über einen Friedensbruch zu richten, der euch Erfurter nahe genug angeht; und ich denke eine Warnung zu geben, welche andere Missetäter abschrecken soll, damit friedliche Leute wie du zu Ehren des Königs gedeihen. Was birgst du Gutes in deinem Sack, laß sehen.«

»Nur wenig habe ich, was wert ist, von dem König betrachtet zu werden«, versetzte der Goldschmied, öffnete einen Lederbeutel und breitete seine Schätze auf den Tisch: geschliffene Edelsteine, goldene Borten und zierliche Ketten, Gewürze und Balsam aus dem Orient in seltsamen Kapseln, Schnitzwerk aus Elfenbein, Dolche und Messer mit kostbarem Griff und Scheide.

Der König betrachtete mit Kennerblick Schmuck und Steine und schob hier und da ein Stück zurück. »Was bewahrst du in dem Kästlein?«

»Es ist ein Ring,« versetzte Heriman, »mit dem Stein, den sie Saphirus nennen, er verändert die Farbe, wenn der Ringfinger einen Becher berührt oder auch einen Teller, in welchem Gift ist. Der Stein wird jetzt sehr begehrt von vornehmen Geistlichen und Laien.«

Der König warf einen gleichgültigen Blick darauf und wies an seinem Finger einen Ringstein derselben Art. »Nicht jeden Helden meines Geschlechtes hat dieser Stein vor dem Verderben bewahrt, Heriman, es ist sicherer, den eigenen Augen zu vertrauen, als der Warnung, welche aus Steinen kommt.«

»Besseres hoffe ich dem König zu bieten,« versetzte Heriman, »sobald ich von der nächsten Fahrt über den Rhein zurückkehre. Denn was hier im Lande Pilger und fremde Händler zutragen, das gelangt meist in die Hände der ungläubigen Juden, und diese legen es zuerst dem ehrwürdigen Herrn Willigis vor, weil er ihr Schutzherr ist; ich aber dem Könige.«

»Du meinst also, die Juden stören dir das Geschäft«, fragte der König, einen Edelstein gegen das Licht haltend.

»Sie haben das Geld, und wer mit kostbarer Ware handelt, vermag sie nicht zu entbehren. Auch klage ich nicht über sie, zumal Herr Willigis ihnen günstig ist, weil sie seiner Macht in der Stadt nützen.«

»Und dir gefällt die Macht des Erzbischofs in der Stadt Erfurt«, warf der König hin, in Betrachtung des Steines vertieft.

»Ein weiser Herr ist Willigis; bald werden die Mauern der Stadt zu enge sein für die Zahl der Unfreien, welche er von den Hufen des Stiftes und anderswoher unter seinem Gericht versammelt. Wir alten Burgmannen aber, die wir uns rühmen, von den Vätern her freie Leute zu sein, sehen ungern, daß der Vogt des Königs nicht mehr allein zu Gericht sitzt, denn es fehlt nicht an Schlägereien zwischen unseren Leuten und den Zugehörigen des Erzbischofs. Ich fürchte, in kurzem sind wir die Minderzahl. Doch wir wissen, es ist schwer, den Heiligen zu widerstehen.«

Der König legte den Stein weg und fragte in verändertem Ton: »Wie war's mit dem Raub der Grafentochter? Erzähle, was du davon weißt.«

»Die Leute des Erzbischofs haben die Nachtglocke geläutet,« entgegnete Heriman vorsichtig, »sonst würde die Stadt wenig davon wissen, zumal da niemand erstochen wurde. Selten vergeht eine Woche, wo nicht größerer Lärm in den Gassen ist. Unter den Burgmannen sind viele dem Helden Immo und seiner Sippe wohl geneigt; denn diese gelten sonst im Lande für redliche Männer, und wer ungerecht bedrückt wird, findet zuweilen bei ihnen Schutz.«

Der König sah mit großen Augen auf den Goldschmied und befahl streng: »Packe deinen Kram ein, ich will heut deine Steine nicht sehen; denn du kommst nicht um des Kaufes willen, sondern du begehrst etwas anderes von mir.«

»Als ich totwund am Idisbach lag,« antwortete Heriman, seine Steine langsam in den Sack sperrend, »da war es Held Immo, der mich aufhob, und ihm verdanke ich, daß ich heut vor den Augen des Königs stehen kann. Ich wäre niederträchtig, wenn ich nicht gut von ihm redete, da der König zuerst mich seinetwegen gefragt hat.«

Heinrich nickte: »Du hast recht, laß nur liegen.« Heriman packte aus, und der König sah wieder auf die Steine. »Also die Leute des Erzbischofs schlugen an die Glocke. Ich höre, daß einige aus der Stadt den Räubern Vorschub leisteten und sogar mit ihren Wehren die Bewaffneten des Herrn Willigis an der Verfolgung hinderten. Weißt du auch darüber etwas?«

Heriman besann sich. »Sie sagen, daß scharfer Schwertschlag getauscht wurde, und daß Held Immo nur darum ins Unglück kam, weil er einen anderen, der, wie sie sagten, ein Erfurter war, nicht unter den Schwertern der Reisigen zurücklassen wollte. Und da manche in Erfurt glauben, daß der Held wegen seiner Treue gegen ein Stadtkind verwundet und gefangen wurde, so trauern diese über sein Unglück.«

Da schob der König den Kram heftig von sich und stand auf. »Räume fort, ich will gar nichts mit dir zu tun haben.«

Heriman öffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte ruhig ein. »Wenn der Herr König meint, daß die Erfurter Lämmern gleich sind, welche sich scheren lassen und dann noch aus der Hand, die sie geschoren hat, das Futter nehmen, so kennt er seine treuen Bürger nicht. Bei uns lebt mehr als einer, der einen Racheschwur gegen den Grafen Gerhard getan hat, weil dieser ein raubgieriger und ungerechter Mann ist.«

»Jetzt verstehe ich«, versetzte der König sich setzend. »Das an dem Dolch ist ja wohl Byzantiner Arbeit, laß sehen.« Und Heriman packte wieder aus. »Wie kommt's, daß man den Mann nicht mit Weiden geschnürt hat, der, wie du sagst, für den Räuber Immo das Schwert zog, und dem der Räuber, wie du sagst, seine Treue erwies. Mich wundert's, daß einer, der des Königs Frieden so frech gebrochen hat, frei in den Gassen wandelt.«

»Die Wächter des Erzbischofs waren Stadtfremde,« entgegnete Heriman, argwöhnisch nach dem König blickend, »und die Erfurter haben vielleicht nicht sehr nach dem Einheimischen gesucht. Auch hat der Bürger eine Gewohnheit. Bevor er im Zwielicht das Schwert zieht, so streift er sein Haar, wenn er es lang trägt, über das Gesicht; vielleicht birgt er auch seine Glieder in einem wendischen Kittel.« Er trat an den Tisch, bereit die Steine wieder einzupacken.

»Laß nur liegen,« sagte der König, »ich sehe, dein Haar ist kurz genug. Sagtest du nicht, daß sich die Dienstleute des Erzbischofs zu eurem Schaden in der Stadt mehren?«

»Herr, die Stadt wird dabei groß, und wenn auch schlechtes Volk unter den Zugewanderten ist, so muß man doch zugeben, der Stiftsvogt des Mainzers hält über seine Leute strenges Gericht. Nur sorgen bei uns die Alten, welche Bescheidenheit haben, daß die Königsmacht dadurch kleiner wird, und daß sie vielleicht einmal ganz schwindet.«

»Denken viele wie du, daß sie lieber dem König dienen wollen als dem Erzbischof?«

»Das Mehrteil wird sagen, es kommt darauf an, wie der König ist und wie der Erzbischof ist. Dennoch, wenn der König eine starke Hand hat und sein Vogt billig denkt, so wird der Bürger freudiger einem Helden dienen, der ein Schwert trägt, als einem geschorenen Haupte.«

»Ihr selbst sitzt am liebsten daheim; aber ihr hört es gern, wenn der Spielmann vor euch singt, wie die Knie des Königs im Drange der Schlacht wund gerieben wurden«, sagte der König mit trübem Lächeln. »Gemächlicher ist dein Herdsitz, Heriman, als der Sitz deines Königs, welcher das ganze Jahr im Sattel reitet. Geh in Frieden mit deinen Waren, dies hier habe ich für die Königin ausgewählt, laß dir den Preis von meinem Kämmerer zahlen. Und vernimm noch eins, was ich dir in deiner Redeweise vertrauen will. Die bescheidenen Leute in Erfurt und anderswo meinen, der Mann handelt unweise, welcher mit unbedecktem Haupt auf der Straße läuft, wenn der Hagel herunterschlägt. Besser täte er, sein Antlitz zu bergen, bis das Wetter vorübergerauscht ist.«

»Das ist gute Lehre,« versetzte Heriman demütig, »zumal wenn sie ein König gibt. Aber wir im Lande haben ein Sprichwort, womit wir uns trösten: je treuer der Sinn, desto dicker der Kopf.«

Als Heriman das Gemach verlassen hatte, sprach der König zu dem eintretenden Kämmerer: »Das ist ein redlicher Thüring. Sorge, daß er sein Geld ohne Verzug erhält.«

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