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Die Ahnen

Gustav Freytag: Die Ahnen - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ahnen
authorGustav Freytag
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin
titleDie Ahnen
created20020523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1872
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9. Unter dem Rößlein der Horsila

Die Felder in Thüringen waren geleert, die Viehherden weideten auf den Stoppeln, und die Jäger zogen mit ihren Hunden in den Bergwald. Auch die Brüder Immos hatten durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie waren gegen die Elbe gezogen, um einen Einbruch der Böhmen zu rächen, aber der Feind war ihnen eilig hinter seine Berge ausgewichen, und sie fanden nur die verkohlten Trümmer der niedergebrannten Höfe. Da waren sie unzufrieden heimgekehrt und sannen mit ihren Landsleuten auf einen vergeltenden Zug für das nächste Frühjahr.

Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen und gerade über die Brücke eines Nachbardorfes ritten, fanden sie den Weg durch Gedränge der Einwohner gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus den Höfen, einander zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten Reiter, und um diese schloß sich der Ring. Die Jagdhunde der Brüder fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen, und Erwin hatte Mühe, die Zerrenden an ihren Riemen zurückzuhalten.

»Es sind Fremde, welche ausgefragt werden«, rief Ortwin, und schneller trabten die Rosse. Die Dorfleute machten den Jünglingen grüßend Platz, und diese fanden in der Mitte den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr gekleidet und von einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das Saitenspiel bewahrte. Zwei Landleute hielten das Roß des Spielmannes am Zügel, vor ihm standen die Ältesten des Dorfes und in großem Kreise alt und jung mit aufgerissenen Augen, Verwunderung und helle Neugierde in den Gesichtern. »Sei gegrüßt, Spielmann,« rief Odo lächelnd, »wer die Pferde betrachtet, muß rühmen, daß du Glück im Kriege gehabt hast.« Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es die wohlgeformten Glieder rege. »In dem siegreichen Heere findet auch ein armer Spielmann etwas Gutes«, versetzte er stolz.

»Wunderbares erzählt er von dem Glück des Königs und wie die Burgen des Markgrafen brannten«, berichtete ein alter Bauer.

»Tag und Nacht könnte ich euch erzählen, niemand vermöchte in einem Niedersetzen alle Heldentaten herzusagen«, fuhr Wizzelin fort. »Auch bei euch raste ich wohl einmal und singe unter der Linde; jetzt aber öffnet den Weg, denn ich begehre dringend weiterzuziehen.«

»Ich hoffe, du herbergst heut bei uns im Hofe«, mahnte Odo. Doch unter den Dorfleuten erhob sich Gemurr. »Er hat noch wenig gesagt«, riefen mehrere Stimmen. »Wir verlangen von den Nachbarn zu hören, welche freiwillig zu König Heinrich gezogen sind«, schrien andere.

»Als Helden kehren sie zurück, ihre Wagen sind schwer mit dem Kampfgewinn beladen, und Beuterosse führen sie in langer Reihe, auch böhmische Knechte, welche ihnen der König zugeteilt hat, wenn sie dieselben nicht bereits an die Händler verkauft haben; denn ihnen wird mühsam sein, die Menge der Sklaven auf der Reise zu ernähren.«

Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete, und die Knaben schlugen in ihrer Aufregung Purzelbäume im Staube.

»Sahst du den Dindo, den Sohn meiner Schwester Wendilgard?« fragte eine stattliche Bäuerin.

»Dindo?« versetzte Wizzelin, »der Held mit den runden Backen, sicher kenne ich ihn. Er kehrt ganz heil zurück, und ich meine, in seinem Reisegepäck liegt auch eine Spange, welche das stolze Herz seiner Base erfreuen wird.«

»Was weißt du von Engilbrecht«, klang es aus dem Haufen, »und vom Vortänzer Richilo?«

»Engilbrecht kommt ohne Wandel, so wie er gegangen ist, und der schnelle Richilo hat neue Reigen getanzt von der Mauer in eine brennende Stadt, beide schreiten mit gebauschten Taschen einher und bringen für manche, die ihnen lieb sind, Gutes in ihren Säcken; geduldet euch jetzt, und ihr alle werdet erstaunen.«

Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung, und aller Blicke richteten sich nach den Brüdern. Niemand wollte die Frage tun, die zuerst ihnen gebührte. Da sie aber schwiegen, rief Sigilind, ein mutiges Weib: »Weißt du etwas von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?«

»Ha,« rief Wizzelin, »du nennst einen von den großen Helden des Königs Heinrich; laut hörte ich seinen Goldschatz rühmen, denn Armringe aus Königsgold, die wohl ein halbes Pfund schwer waren, hat er meinen Genossen auf die Straße hingeworfen als Lohn für ihre Lieder.«

Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und Sigilind, Gisa, Engiltrud und die anderen Weiber hoben die Hände zum Himmel und rannten von dannen, um den Höfen die unglaubliche Kunde zuzutragen.

»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen auseinander,« spottete Wizzelin leise zu Odo, »die Bahn ist gefegt, gefällt's euch, so dringen wir durch.« Und nach allen Seiten grüßend und Rückkehr verheißend, trabte er mit den Brüdern von dannen.

Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes geritten, so flog die Kunde von seiner Ankunft durch jeden Stall und jede Kammer; auch hier drängten die Leute heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und seinem Gefährten die Pferde anzubinden, und die Mägde steckten die Köpfe zusammen und bewunderten sein schönes Gewand und die klirrende Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und sein Geschlecht waren nicht willig, zu wedeln, sie bellten wütend und unablässig und sprangen feindselig an den Spielleuten herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo, welcher die Hunde scheuchte, mit finsterem Lächeln: »Der Fahrende vermag die Gunst der Männer und Frauen zu gewinnen, die Köter aber bleiben seine Feinde, sie erkennen ihn in jedem Gewande.« Er ordnete Haar und Rock und zog sein Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen der Herrin Edith trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute, alle in froher Erwartung der Kunst, die er nach dem Mahle spenden würde. Den Spielleuten wurde ein besonderer Tisch gestellt, aber Edith winkte, daß ihnen gute Kost geboten wurde und der beste Met des Hauses. Und Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher, welcher ihm der Ehre wegen noch lieber war als der Trank.

Nach dem Mahle begann Edith: »Da du beim Heere des Königs weiltest, so gib uns Kunde, soweit du vermagst. Denn nur Undeutliches hörten wir von seinem Siege und dem Unglück der Feinde.«

Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom Raub des Schatzes, von Belagerung der Feste und von den Kämpfen gegen Hezilo. Er sprach langsam und feierlich, und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang; vieles berichtete er getreu nach der Wahrheit, anderes, wie es ihm in den Sinn kam. Den Namen des Mannes aber, an den jeder in der Halle dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit verhaltenem Atem lauschten die Zuhörer, nur wenn er vom Schlachtgewühl erzählte, rührten sich die Männer, ihre Augen glänzten, und sie nickten einander zu, und sooft er den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte, seufzten die Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet hatte, sprach Edith: »Füllt ihm aufs neue den Becher. Du aber bewahre das Silber mit unserem Dank, denn große Dinge hast du uns verkündet, die wir alle im Gedächtnis behalten, solange wir leben.« Da sprang Gottfried auf, überreichte dem Spielmann den Becher und begann: »Weißt du etwas von meinem Bruder Immo, so verkünde auch das, denn an ihn dachten wir alle, als wir dich hörten.« Bei diesen Worten des Knaben brachen die Dienstleute in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der schnell verhallte, aber er kam aus bedrängten Herzen, die von einer Last befreit wurden. Wizzelin hob den Becher und rief: »Heil sei dir, junger Held, daß du als der erste nach ihm fragst im Saale seiner Väter.« Er ergriff sein Spiel, fuhr schnell über die Saiten und sprach: »Dieses Spiel hat oft von seinem Namen getönt, denn wir Fahrenden singen mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und am Herdfeuer. Wollt ihr das eine hören, wie er den Grafen Ernst schlug?« Und die Saiten rührend, stimmte er die Weise an: »Einen Helden weiß ich, Immo aus Thüringeland. So lautet das Lied,« erklärte er, »höre Geschlecht Irmfrieds!« Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des Baches die Helden des Babenbergers schlug, den Waltram, Hartwin und den jungen Hadamund, und wie er darauf die Wache am Felsentor hielt, um durch seinen Leib den König zu decken. Dort lief der edle Graf Ernst gegen ihn an, die Speere flogen, die Schilde krachten, und aus den Schwertern fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger mit zerschlagenem Helme betäubt zurückfuhr. Da warf Wolfere von fern her den Hammer und traf dem jungen Helden das Haupt, daß er blutend zurücksank. Aber den Fall seines Edlen zu rächen, sprang König Heinrich selbst in den Kampf.

Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt, wie er wollte, und er war gewöhnt, daß sie durch hellen Ruf und leises Stöhnen ihren Anteil kundgaben. Heut aber freute sich der Schlaue über das Entzücken, welches er erregte. Die dienenden Frauen streckten in ihrer Aufregung die Hände immer wieder dem Himmel zu, Gertrud schluchzte vor Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den Nasenflügeln und griffen mit den Händen um sich. Der Knabe Gottfried stand wie verzückt mit glühenden Wangen und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt schien zu wachsen, und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt. Auch andere sah der Sänger, welche sich gegen die Gewalt seiner Töne wehrten, bis ihr stolzer Groll dahinschmolz in der heißen Freude über die Ehren eines Haussohns. Die Mutter barg nach den ersten Tönen ihr Gesicht in der Hand, und als er den Sturz Immos verkündete, erhob sie sich von ihrem Sitz und trat zurück in das Dunkel. Die Brüder saßen im Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich Männern, welche gefaßt sind, Unwillkommenes zu hören. Doch auch ihr Widerstand wurde schwach, in ihren Augen leuchtete die Freude, die jüngeren sprangen auf und traten nahe zu dem Sänger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen Mund zuckte die Bewegung. Und als der Sänger endete und ein Jubelgeschrei der Dienenden, welches nicht enden wollte, durch den Saal brauste, da trat Odo zu dem Spielmann, bot ihm den Becher, aus dem er selbst getrunken hatte, und sprach: »Nimm noch dies Silber, das dir die Söhne Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit dem Bruder, wir freuen uns doch, wenn der Name unseres Geschlechtsgenossen im Lande gerühmt wird.«

»Weißt du mehr von ihm?« rief Gottfried.

Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten. »Ihr mögt wählen unter den Liedern, die ich von ihm habe.« Und er verkündete ihnen nach der Reihe alles, wie Held Immo unter den Sachsen ritt, wie er den Dienstmann Egbert schlug und wie er als erster sich mit seinen Genossen in die Festung schwang.

Der Sang war verklungen, die Hörer saßen schweigend, ganz aufgelöst von der starken Bewegung. Da ergriff Wizzelin seine Fiedel und begann mit dem Bogen die Saiten zu rühren, langsam, in einer rührenden Weise, aber er sang und sprach nicht mehr. Auch die Versammelten saßen still, und wenn einem das Herz zu weich wurde, so wischte er verstohlen die Träne ab.

Das war die erste Kunde von Immo, welche in sein Vaterhaus drang. Nicht lange darauf kehrten die Bogenschützen in ihre Dörfer zurück mit hochbeladenen Wagen und manchem schönen Beutestück. Mehr als einer wurde nach dem Hofe geladen und erzählte, so gut er vermochte, von sich selbst und von seinem Anführer, und daß Immo mit dem Sohne Baldhards am Main von ihnen geschieden war, um zu den Sachsen an die See zu fahren. Seitdem kam keine Nachricht von dem Helden, auch die Eltern Brunicos wußten nichts zu erkunden. Die Blätter fielen, und der Sturmwind tobte um die Mauern der Mühlburg, von welcher der alte Dienstmann Berthold täglich nach seinem Herrn aussah. Berg und Wald lagen unter weißer Schneedecke. Jeder, der einen warmen Ofensitz erlangen konnte, schlüpfte hinein und lauschte vergnügt auf das Brodeln im kupfernen Topfe. Aber der Stuhl, den Edith täglich dem Herrensohne rückte, blieb leer, und niemand wußte zu sagen, ob er unter dem Dach eines Gastfreundes geborgen saß, oder ob er auf wilder See umhertrieb in rasendem Sturm und wirbelndem Schnee.

Die weiße Decke, welche den Bergwald verhüllte, schwand im Frühlingswind. In tausend Rinnen rieselte und strömte das Wasser zu Tale, jeder kleine Quell wurde zum Bach, die Waldbäche fluteten wie große Ströme, die Weiher und Seen am Fuß der Berge überschwemmten Ried und Wiesen, und dem Fremden, welcher von einer Höhe auf die thüringische Ebene herabsah, glitzerte überall zwischen Wald und Ackerbeeten eine gewundene Wasserfläche entgegen, aus welcher die Dorfzäune hervorragten, und er konnte zweifeln, ob er einen ungeheuren See vor sich sah mit zahllosen Inseln oder einen breiten vielarmigen Strom. Dann lagerte am Morgen und Abend dichter Nebel auf der Flut, und bei Tage flatterten ungeheure Schwärme von Wasservögeln darüber hin. Aber nach wenigen Wochen war der Schwall vermindert, Sonne und Wind verscheuchten den Wasserdunst, die Erde sog begierig das befruchtende Naß, und während die Knospen der Bäume schwollen, hob sich der Wiesengrund wieder aus der Flut, und die Waldbäche zogen gebändigt durch ihre Ufer den Flüssen zu und strudelten, wo ein Baumstamm oder eine Erdscholle in ihrem Bett haftete. Dies war die Zeit im Jahre, wo die Männer aus den Waldlauben sich ihrer Schiffahrt freuten. Denn auch ihnen war ein Fluß zuteil geworden, nur klein, aber ehrwürdig dem ganzen Lande, welcher aus den Waldbächen zusammenrann und zwischen dem Gebirge und steilen Hügeln der untergehenden Sonne zufloß. Die Horsila war damals kein unscheinbarer Bach, sie trug befrachtete Kähne in die Werra, und weit von Norden her kamen Fahrzeuge der Sachsen und Friesen die Strömung hinauf bis an den Wald. Dort war bei dem alten Dorfe Horsilgau der kleine Hafen, wo sie ein- und ausluden; eine wertvolle Stätte für die Waldleute, denn die Landfracht vom Norden her war teuer und der Weg oft unsicher. Das Wasser brachte ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flämischen Weber und manches Kaufmannsgut, das ihre Frauen ungern entbehrt hätten; sie aber tauschten dagegen ein, was ihr Land an Waren bot: Honig und Wachs, Pelzwerk und Tierhäute. Auch die Erfurter kamen heran, sooft die Kähne abfuhren und anlegten, sie schlugen am Ladeplatz ihre Bänke auf, kauften und tauschten und führten die Fracht auf hochbepackten Karren nach ihrem großen Markt. Vor anderen aber freuten sich die Mönche des heiligen Wigbert der Schiffahrt, sie waren seit alter Zeit die Herren der kleinen Wasserstraße, und sie hielten die Burg Gotaha zumeist darum hoch, weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr Herrenrecht über den Fluß behaupten half. Denn der Zehnte, welchen die Mönche von allem Schiffsgut erhoben, war eine wertvolle Einnahme des Klosters, er lieferte die Wolldecken ihrer Lager, Stoff zu ihren Kutten und vor allem die geehrte Fastenspeise, den gesalzenen Heerfisch, welcher ihnen das ganze Jahr Freude an ihrem Trunk gab. So wertvoll war dies Herrenrecht, daß sie durch viele Jahre blutige Kämpfe darum geführt hatten. Dennoch vermochten sie es nicht ungeschmälert gegen einen Nachbar zu bewahren, welcher klug gleich ihnen und stärker als sie ebenso auf der Nordseite der Horsila herrschte, wie sie längs dem Walde. Ihr Feind war das Kloster von Fulda, in welchem der heilige Bonifazius beigesetzt war. Und die beiden Glaubensboten, Winfried und Wigbert, kämpften aus ihren Klöstern zweihundert Jahre nach ihrem Tode grimmige Fehden um die Heringstonnen der Nordsee und um die Gewebe derselben Friesen, deren Vorfahren sie einst bekehrt hatten. So heftig tobte der Kampf zwischen den Bewaffneten der beiden Klöster, daß die Sachsenkönige mehr als einmal gezwungen waren, sich zwischen die Streitenden zu stellen. Endlich hatten die Mönche von Fulda das Recht erworben, daß auf ihrer Uferseite Kähne frei von dem Zoll der Wigbertleute fahren durften. Aber der Haß der Klöster wurde durch den Schiedsspruch des Königs nicht gestillt, und fast in jedem Jahre wurden Männer erschlagen und Häuser niedergebrannt.

Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee früher als sonst. Das Tauwetter vereitelte einen Rachezug, den König Heinrich über die gefrorenen Sümpfe in das Slawenland gerüstet hatte. Dafür bereitete es den Waldleuten die Freude, daß sie am Fest der Tag- und Nachtgleiche auf schneelosem Anger ihre Reigen sprangen, und daß sie an demselben heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf ihrem Fluß eröffneten. Die Fahrt war eine Woche vorher zu Erfurt und auf dem Lande angesagt worden, damit sich beizeiten rüste, wer Gut und Ware nach der Werra zu den Hessen und Sachsen abwärtsführen wolle. Schon hatten die Erfurter ihre Lastwagen zu einer kleinen Wagenburg beim Dorfe vereint. In langer Reihe lagen die Kähne, welche von den Waldleuten die Wasserrößlein genannt wurden, am Ladeplatz, neu geteert, lang und schmal, zum Teil beladen auf die Abfahrt harrend, während die anderen durch Schiffer und starke Lastträger gefüllt wurden. Aber auch von der Mündung des Flusses waren bereits einige Kähne stromauf geführt, die Schiffer hatten ihre Güter an dem Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung, sie waren an ihren Strohhüten, den langen weißen Röcken und den breiten Schwertmessern als Sachsen zu erkennen. Ein weiter Raum war auf dem Anger abgesteckt und mit einem Seil umfriedet, dort stand das Marktkreuz und St. Wigberts Banner, und daneben hielt der Hauptmann mit seinen Bewaffneten und dem Büttel, um den Marktfrieden zu erhalten und von Vieh und Waren den Zoll zu erheben. In der Ferne auf der anderen Seite des Baches wehte neben einem Schuppen das Banner von Fulda, geschützt durch Gewappnete, welche der großen Familie des heiligen Bonifazius angehörten. Doch auf der Wigbertseite war der rege Verkehr.

Auch die Landleute, welche nicht selbst um Schiffahrt sorgten, eilten an diesem Tage gern zu der Stätte. Wer Freunde und alte Genossen begrüßen wollte, konnte sie dort finden, wer sich einem Herrn zum Dienste geloben wollte, suchte dort die Gelegenheit, Rosse und Herdenvieh wurden aus den Winterställen zum Verkauf herangetrieben. Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem Gefolge, und das Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner Musik, mit neuen Liedern und Kunststücken. Im ganzen Lande war die Lust dieses Tages berühmt, und sie erschien den streitbaren Männern um so ehrenvoller, weil selten ein Fest verging ohne Schwerthiebe und tiefe Wunden.

Die Sonne schien hell, und größer als seit langer Zeit war das Gewühl der zugewanderten Gäste. Nicht allein an dem Flusse, in allen Dörfern längs dem Bergwald wurde der Ausgang des Winters und die junge Herrschaft des Sommers gefeiert, man sah lange Reihen geschmückter Dorfleute im Freien tanzen und vernahm ihren Gesang und das Getön der Fiedeln und Pfeifen, überall auf den Hügeln und den Vorsprüngen der Berge waren Holzstöße errichtet, welche nach Untergang der Sonne brennen sollten, denn die ganze Nacht galt für günstig und heilbringend, sie wurde beim Trinkkrug, unter Gesang und Reigentanz durchwacht und war vielen der liebste Teil des Festes.

Zwischen den Bänken, worauf die Erfurter ihre Ware ausgelegt hatten, zogen die Dienstmannen der Edlen mit ihren Knechten, daneben junge Dorfhelden vom Nesselbach; auch die Leute aus den Wendendörfern waren mit ihren Frauen gekommen, und neben thüringischer Sprechweise vernahm man sächsische Worte und die feintönende Rede der Slawen. Durch das Gewühl sprengten sechs hochgewachsene Reiter, die Söhne Irmfrieds, unter ihnen Gottfried, der heut zum erstenmal im Schwertgurt über das Land ritt und stolz auf die Grüße und Glückwünsche antwortete, welche ihm hier und da aus den Haufen zugerufen wurden. Neugierig blickte der junge Krieger auf die fremdländischen Männer und Waren, aber die neue Würde hielt ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen. Die Brüder stießen auf einen Trupp berittener Spielleute, darunter auch Weiber in fremder Tracht, welche ihre Pferde in künstlichem Tanze trieben, während die Männer um die Raststelle handelten. Als die sechs einen Augenblick in der Nähe hielten, scheute das Roß eines fahrenden Weibes, und sie glitt dicht vor den Brüdern auf den Boden. Mitleidig sprang Gottfried ab, um sie vor den Pferdehufen zu bewahren, aber wie ein Federball hob sich das Weib vom Boden, und bevor er sich's versah, fühlte er einen leichten Schlag auf seiner Wange, das Weib schwang sich in den Sattel, und davonsprengend rief sie lachend: »Gesegnet seien dir die hübschen roten Wangen.« Da lachten die Leute ringsumher, Gottfried aber wurde vor Zorn noch röter und warf einen feindlichen Blick auf die Dirne. Noch grollte er über die Dreistigkeit, da hörte er, wie Graf Markwart von Tonna spottend den Brüdern zurief: »Seit wann treibt ihr Helden Kaufmannschaft wie die Krämer zu Erfurt?«

Odo sah ihn befremdet an. »Nichtige Worte redest du.«

Der Graf wies auf Ballen und Tonnen, welche am Ufer lagen. »Sie tragen das Zeichen, womit ihr marktet, was euer ist. Ich rühme die Klugheit, welche das Erbe durch Handel zu mehren weiß.«

Odo versetzte: »Rühmlicher wäre es, das Erbe durch Kaufmannschaft zu mehren als durch raubgierigen Wolfssprung auf der Heide, den die Leute dir zutrauen.«

Markwart hob zornig den Arm, doch als sechs hochstämmige Helden nahe um sein Roß drängten, begnügte er sich, Feindseliges zu murmeln, und wandte sich zur Seite. Die Brüder aber ritten zu den Tonnen und sahen erstaunt die Runenmarke, welche mit weißer Farbe den Stücken aufgemalt war. »Das ist Immos Zeichen,« riefen sie wie aus einem Munde, und Odo fragte den Schiffer, welcher dabei stand: »Woher kommst du, und für wen bringst du das?«

»Mein Wasserroß trug es vom Norden, drei Wochen haben wir gegen den Strom gerungen, und mancher treibende Baumstamm streifte an den Bord, bevor wir ausluden. Für einen Burgmann im Lande ist es bestimmt.« Die Brüder bestürmten ihn mit Fragen, aber von Immo wußte der Mann nichts zu berichten.

In der hölzernen Halle, welche unweit des Baches errichtet war und im Sommer allerlei Frachtgut bewahrte, saßen heut die Häupter der Landschaft, Edle und Grafen, welche dem Feste zugeritten waren. Markwart von Tonna war da mit seiner ganzen Sippe und seinen trotzigen Dienstmannen, die Grafen aus dem Nordgau und andere, neben den Thüringen auch Hessen, unter diesen Graf Gerhard aus den Buchen. Ihn hatte die Gnade des Königs wieder zu einem stattlichen Herrn gemacht, denn obgleich ihm die Waldwiesen und mancher andere schöne Acker abgenommen waren, galt er noch immer für reich an Erbe und Lehen, auch in Thüringen hatte er unweit der Horsila Hufen und hörige Leute. Heut begrüßte er die edlen Thüringe zum erstenmal seit seinem Unglück, er war leutselig und mild gegen jedermann, und wenn einer auf die letzte Gefahr anspielte, so zuckte er nur wehmütig mit den Achseln. Aber die meisten der Anwesenden vermieden, davon zu sprechen, denn sie wußten wohl, daß sie selbst um ein kleines in derselben Not gewesen wären. Der Raum war mit Tischen gefüllt, und der Schenkwirt, auch ein Knecht des heiligen Wigbert, lief mit den Kannen umher und drehte fleißig am Hahn seiner Fässer. Die Sonne sank hinter die Berge, und es dämmerte in dem fensterlosen Raume, als die Söhne Irmfrieds eintraten. Odo grüßte, und von mehreren Tischen klang der Gegengruß, aber Markwart und sein Geschlecht, welches mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges saß, sperrte, sich breit setzend, den Weg zu den Tischen. »Gib Raum, Markwart,« sagte Odo, »damit wir dir nicht die Knie scheuern.« Aber der Held streckte sein Bein kräftig aus und versetzte: »Mich wundert, daß die Söhne Irmfrieds begehren, ihren Sitz unter den Edlen des Landes zu nehmen, da sie sonst häufiger die schwieligen Hände der Bauern drücken, als die unseren.«

»Harre, bis wir für ehrenvoll halten, deine Hand zu fassen,« versetzte Odo, »unterdes wundere dich nicht, daß ich deinen Stuhl schwenke, da du selbst das nicht tun willst.« Mit einem kräftigen Ruck drückte er den beschwerten Stuhl beiseite. Markwart hielt sich mit Mühe im Gleichgewicht; er fuhr auf und mit ihm sein Geschlecht, die Hände griffen an die Schwerter, und das Eisen klirrte in der Halle. Aber der Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme: »Gedenkt des Marktfriedens,« und Gerhard sprang begütigend dazwischen und rief: »Wer eine Hand zuviel hat, der greife an das Schwert, ihr anderen aber hütet euch, denn jedes Tun hat seine Zeit, und jetzt ist die Zeit, friedlich zu trinken.« Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall, der Tumult wurde gestillt, und der Wirt lief wieder mit den Kannen. Gerhard aber begann in der schweigenden Versammlung versöhnliches Gespräch: »Obgleich an dieser Stelle die Mönche Wigberts ihr Rauchfaß schwingen, so will ich doch über sie die Wahrheit sagen. Ich weiß manchen, der größeres Vertrauen zu anderen Fürbittern hat. Darum möchte ich dich, Held Odo, fragen, was dir von neuen Wundern des Glaubenshelden Meginhard bewußt ist. Denn auch davon hören wir gern beim Trunke.«

Bevor Odo die Antwort gab, rief der Mönch, welcher während des Sommers als Aufseher im Dorfe wohnte: »Ungewaschenes Zeug kommt aus Eurem Munde, Gerhard, weil Ihr unserem Heiligen in seiner eigenen Halle die Ehre vermindern wollt. Achtet lieber auf anderes, was draußen vorgeht. Denn wundervolle Kunde vernehmen wir, die jedermann mit Staunen erfüllt. Ein fremder Spielmann sagt sie den Leuten, auch euch, ihr Herren, wird es freuen, sie zu hören. Dich aber, du Geschlecht Irmfrieds, geht sie noch mehr an als die anderen.« Der Mönch steckte eine Fackel an, daß ihr rotes Licht die Halle erleuchtete, und in das Tor sprang ein Spielmann, gefolgt von einem großen Haufen Neugieriger, er schwang sich auf eine Bank, die einer seiner Genossen vor den Eingang stellte, und lud mit heftigen Armbewegungen alle edlen Herren und jedermann ein, die unerhörte Neuigkeit zu vernehmen, welche aus dem Nordmeer gekommen war, vom Kampfe der Sachsen gegen die Seeräuber. Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen den Sieg gewonnen, indem sie über das Strandeis zogen und die festen Burgen der Räuber zerbrachen, und unter ihnen stritten die Helden der Thüringe, der edle Immo, Irmfrieds Sohn, und Brunico, sein Genosse. Grimmig war die Not der Helden im Streit gegen die Seegespenster und gegen die Riesen unter dem Räubervolk, die mit Eisenstangen auf sie schlugen. Und er schrie: »Alles, was je von Kämpfen gesungen wurde, ist wenig gegen diesen Kampf, und alles, was je von einem Schatz geschaut wurde, ist ganz wenig gegen den unermeßlichen Goldschatz, den die Helden aus den Burgen der Räuber gewannen. Von ihm will ich euch jetzt erzählen, soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt habe, denn alles vermöchte einer nicht zu schauen. Zuvor aber spendet mir etwas, denn später, wenn ihr gehört habt, lauft ihr auseinander.« Da lachten die Zuhörer, und viele griffen nach den Ledertaschen, der Spielmann hob einen Beutel an einer langen Stange und fuhr damit durch die Versammlung, er überging keinen, und wenn jemand mit dem Kopf schüttelte, so schnitt er ihm ein Gesicht oder sagte ihm etwas Boshaftes, wenn er das wagte, so daß die Herren lachten und williger gaben. Und als er eingesammelt hatte, erhob er sich wieder, beschrieb die Herrlichkeit des Goldgerätes und schätzte es nach hundert Pfunden recht genau, bis die Leute an der Tür vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen. Als er geendet hatte, schied er von seinen Zuhörern, indem er schrie: »Jetzt ziehet dahin, ihr edlen Herren und guten Leute, und verkündet es jedermann im Lande, denn selig sind die Eltern und selig ist die ganze Verwandtschaft der Helden, die mit so teurem Goldschatz heimkehren.«

Die Zuhörer am Eingange liefen auseinander, in der Halle vernahm man durch das Gesumme halblauter Reden Rufe des Erstaunens. Aller Augen hefteten sich auf die Brüder, und mancher trat an ihren Tisch und rief ihnen scherzend Heil zu; auch neidisches Gemurr und mißgünstige Blicke stachen gegen sie. Odo aber sprach verwundert: »Ist auch der Fahrende ein verlogener Mann, vielleicht ist doch manches wahr. Haltet fest an euren Sitzen und wehrt euch mit scharfer Zunge gegen jede Ungebühr, denn ich merke, nicht in Frieden reiten wir heut nach Hause.«

Graf Gerhard aber eilte aus der Halle, gefolgt von einem vertrauten Dienstmann, denn es zog ihn mächtig zu den geheimnisvollen Ballen und Fässern, welche, wie er vernahm, dem glücklichen Immo gehörten. Er wandelte längs des Bachs, und sein Mann wies auf den geschichteten Haufen und die weißen Zeichen. »Alles riecht nach Fastenspeise, die von der See kommt«, begann der Graf, und seine Nasenflügel zuckten. »Das ist die Schlauheit. Sie haben den Schatz ganz unscheinbar unter Eßbarem oder auch unter anderen Waren geborgen. Von je waren die Sachsen ein listiges Volk, obgleich sie sich ganz einfältig zu stellen wissen. Viel Wunderliches hörten wir längst über den Goldschatz der Seeräuber. Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt, durch viele Geschlechter haben sie gesammelt, wie Könige saßen sie in ihren Strandburgen, sie tranken ihr Bier aus goldenen Schüsseln, welche mit Edelsteinen besetzt waren, und man sagt, daß sie die Hufe ihrer Rosse nur mit Silber beschlugen. Dies alles hat ihnen Herzog Bernhard und dazu Held Immo genommen, und was hier liegt, mag diesen zum reichsten Manne im Lande machen, wenn er es auf seine Burg heimführt.«

Er blickte scharf um sich, in der Nähe war niemand zu erkennen, auf den Bergen flammten die Osterfeuer, aus den Hütten klang Geschrei und Jauchzen und weiter abwärts am Bache lautes Gezänk und der Ruf nach Waffen.

Die Wächter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten und schauten nach der Stelle, wo wilde Worte und Schläge getauscht wurden. Der Dienstmann traf eine kleine Tonne, welche von den anderen abgerollt war, mit einem Stoß, daß sie zur Seite fuhr. »Gefällt's Euch, Herr,« sagte er lüstern, »so gebe ich der Runden noch einige Tritte, und Ihr könnt in Ruhe prüfen, wie dieser Schatz der Räuber aussieht.«

Unwillig entgegnete der Graf: »Willst du mich im Königsfrieden zum Diebe machen, du Wicht? Wie darf ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen, wenn er es nicht durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt? Hallo, Wächter! hütet euer Gut, die Fässer kollern.«

Ein Mann in langem Mantel, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, sprang herzu, hob das Faß an seine Stelle und brummte: »Hütet Euch selbst, daß Ihr nicht auf den Boden kollert.«

»Enthalte dich der Grobheit, Freund,« versetzte der Graf sanftmütig, »denn ich meine es gut. Ich hoffe, Held Immo läßt seinen Goldschatz nicht lange im Wind und Mondenschein liegen.«

»Habt auch Ihr gehört, daß der Held seinen Schatz in diesen Tonnen bewahrt?« fragte der Mann. »Wir harren der Wagen: noch während dort die Feuer brennen, wird alles hinter Tor und Riegel geborgen.«

»Ich lobe die Vorsicht«, bestätigte Gerhard. »Die Osterfeuer werden heut nacht den Weg zur Mühlburg erleuchten. Wer aber schreit dort und schlägt so wild?« fragte er einen der Wächter, welcher herantrat.

»Es sind wieder die Knechte der Heiligen, welche einander bei den Haaren fassen,« antwortete dieser lachend, »die Fuldaer sind über das Wasser gekommen, um die Dorfmädchen im Reigen zu schwingen, und die Knaben Wigberts wollen das nicht leiden.«

Der Graf schüttelte mißbilligend das Haupt. »Uns schelten die Mönche, wenn wir einmal das Schwert ziehen, aber niemand von uns hegt einen solchen Grimm gegen seinen Feind wie die Heiligen gegeneinander. Wollen sie selbst nicht Frieden halten, so sollen sie sich nicht wundern, wenn auch wir zuweilen einer dem anderen den Weg verhauen.« In schweren Gedanken schritt er der Halle zu, hinter ihm ballte Brunico, der Mann im Mantel, die Faust.

Auch auf dem umfriedeten Raum vor der Halle hatte der nächtliche Jubel begonnen. Überall loderten hohe Freudenfeuer, die Bänke, auf denen die Krämer gute Bissen feilboten, waren umdrängt von Begehrlichen; was stolze Knaben gern ihren Mädchen schenken: bunte Bänder, Glasringe, Halsperlen und kleine Metallspiegel, wurde eifrig gekauft, am dichtesten umlagert waren die Stellen, wo aus Fässern und großen Kannen Bier und Met geschenkt wurde; überall, wo ein Spielmann geigte, ein Sänger sang, sammelten sich die Zuhörer. Um die Feuer aber schwangen frische Knaben die Mädchen im Tanze, gesondert nach Gauen und Dörfern; zwar fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub und Blüten, durch welche sie sich im Sommer unterschieden, aber viele trugen das rote Kreuz Wigberts, andere das Rad, mit welchem Erzbischof Willigis seine Angehörigen bezeichnete, und die aus dem Nessebruch führten ein Büschel roter Wolle, mit grünem Band umwunden, statt der Distel, welche sie zu anderer Zeit auf ihren Mützen trugen. Viele tanzten in Eisenhemd und Helmkappe, alle die klirrenden Schwerter an der Seite, zu ihren hohen Sprüngen schrien Pfeife und Fiedel in gellenden Tönen. Von allen Feuern erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer, welche die Thüringe vom Walde gewaltiger auszustoßen wußten als andere Helden.

»Mich wundert, daß diese hier so sanft sind und sich ganz ohne Messer ergötzen,« bemerkte Gerhard im Durchschreiten zu seinem Dienstmann, »sonst waren sie behender, das Eisen von der Hüfte zu holen.«

»Die einander raufen wollen, springen jetzt noch über den Zaun ins Feld,« lachte der Dienstmann, »weil sie sich scheuen, ihre Hand unter das Beil zu legen. Später reißen sie wohl die Schranken nieder, dann klingen auch hier scharfe Weisen.«

Am Tor der Halle stieß Gerhard auf den Mönch, welcher, von zwei Dienern begleitet, den großen Zinnbecher trug, in welchem St. Wigbert an diesem Feste ansehnlichen Gästen den Ehrentrunk bot. Diese Spende war den Herren der Halle die wichtigste Handlung des Abends, denn stets empfing der zuerst den Becher, welcher seinem Geschlecht nach der Edelste war. Viele der stolzen Herren erhoben den Anspruch und fühlten Eifersucht gegen andere, darum schuf der Becher jedes Jahr, wenn nicht zufällig einer von den höchsten Herren des Reiches anwesend war, dem bevorzugten Geschlechte Händel und Feindschaft. Gerade deshalb war der Vortrunk um so ehrenvoller. Der Mönch stand mit dem Becher in der Mitte der Halle, segnete den Wein und begann: »Da unter den edlen Herren, welche St. Wigbert begrüßt, niemand dem Königsgeschlecht der Sachsen angehört, so reiche ich den Becher heut dem Helden aus dem ältesten Geschlecht der Thüringe.« Und er trug den Becher zu Odo. Einzelne Stimmen riefen Beifall, aber lauter war das mißfällige Gemurr und Geschrei. Die Gegner steckten die Köpfe zusammen und fuhren von ihren Sitzen. Odo aber erhob sich, trank der Versammlung Heil und reichte den Becher seinem Bruder Ortwin. Da rief Graf Gerhard, den die anderen zu ihrem Wortkämpfer gewählt hatten: »Sehr ungeschickt ist die Wahl des Mönches und eine Kränkung für uns alle. Einen Jüngling hat er zum Vortrunk gerufen, während hier nicht wenige sitzen, deren Haar im Rat und Kampfe ergraut ist.«

»Eure Klage nenne ich ungerecht,« rief Odo zurück, »denn nicht den jungen Krieger soll der Trunk ehren, sondern das Geschlecht, für welches ich hier als Ältester stehe.«

»Wir aber vermögen nicht die Ehren deines Geschlechtes zu rühmen«, entgegnete Gerhard. »Haben deine Ahnen auch hier und da das Schwert mannhaft geschwungen, was keiner von uns ableugnet, so führt ihr doch kein Banner, welches der König euch in die Hand gelegt hat, wie wir anderen, die wir als Herren das Schildamt üben. Und wenn ihr auf eure edle Herkunft pocht, so wisset, daß man hier und anderswo euren Bauernadel belacht.«

Die jüngeren Brüder sprangen von ihren Sitzen, und Odo rief: »Wenn der König unsere entlaufenen Knechte mit Lehen und mit einem Banner begabt, so rühmen sich die Knechte, große Herren zu sein. Wir Bauern aber meinen, der König kann zum Grafen und Markgrafen ernennen, wen er will, aber niemanden zu einem Edlen.«

»Euch aber«, rief Graf Gerhard wieder, »haben die Mönche zu Edlen gemacht, ja man sagt auch, daß sie euch in der Stille zu kleinen Königen gekürt haben, nur daß man nicht laut davon reden darf.«

Odo schlug an sein Schwert. »Ich erkenne, daß Ihr selbst Lust habt, von dem Königsstabe, den wir in der Hand führen, die Belehnung zu erhalten.«

Da erhob sich wieder der Hauptmann von St. Wigbert und rief mit mächtiger Stimme durch die Halle: »Übel fügen sich heiße Worte zu starkem Trunk, ich rate, daß ihr beide in dieser Nacht euren Wortkampf stillt, morgen aber, wie euch Herren gebührt, an Versöhnung denkt oder an Schwertschlag.«

Aber Gerhard fuhr eifrig fort: »Nicht wir andern haben den Unfrieden begonnen, sondern diese, vorhin, als sie hier eintraten. Und es ist wohlbekannt im Lande, daß ihr sogar untereinander nicht Frieden halten könnt. Schon zur Zeit eurer Väter raunte man im Volke mancherlei von der Brudertreue, welche die Männer eures Geschlechts einander beweisen, und jetzt hören wir wieder, daß ihr eurem ältesten Bruder Unheil gesonnen habt, so daß dieser als ein fahrender Recke in der Welt herumschweift.«

Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried, daß dieser vor den versammelten Edlen seine erste Kampfprobe ablege, denn er war schneller Worte mächtig. Und in der Stille, welche dem kränkenden Vorwurf des Grafen folgte, sprang Gottfried vor und rief laut: »Eure Rede ist unwahr, Graf Gerhard, nie haben wir gegen unseren Bruder Immo Untreue erwiesen, und jetzt leben wir in großer Sorge um den Abwesenden. Deshalb ersuche ich Euch, daß Ihr die Kränkung zur Stelle widerruft.«

»Ein Hähnchen höre ich krähen«, versetzte der Graf lachend.

»So vernehmt, ihr edlen Herren,« fuhr Gottfried fort, »daß ich vor euch allen den Grafen Gerhard einen Verleumder nenne, und überall außerhalb des Marktfriedens will ich mit meinen Brüdern das an seinem Leib und Leben erweisen, wo ich ihn treffe.« Er löste seinen Handschuh und warf ihn vor den Grafen, dieser aber stieß verächtlich mit dem Fuß daran.

Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des Jünglings Gottfried; und von dem Eingang her rief eine tiefe Stimme: »Nehmt auch den meinen.« Ein hoher Krieger schritt auf den Grafen zu, dieser fuhr zurück wie vor einem Geiste, als er die zornige Entschlossenheit in einem wohlbekannten Antlitz sah, und vermochte nur zu antworten: »Dich habe ich hier nicht erwartet, und dich habe ich nicht gemeint, Held Immo.«

Als er den Namen nannte, der heut in aller Munde war, regten sich die Anwesenden, viele sprangen auf und drängten heran, um den Helden zu sehen. Immo aber wies auf die Fehdezeichen: »Widerruft die Kränkung und gebt vor allen Edlen meinen Brüdern ihre Ehre, oder nehmt den Streit auf auch mit mir.«

Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner: »Du selbst magst wissen, Immo, daß ich ungern gegen dich kämpfe, wenn ich an Vergangenes denke; und du weißt auch, daß meine Ehre mir nicht gestattet, Kampfesworte, die vor den Edlen gesprochen sind, zu widerrufen.«

»Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander gehandelt haben,« versetzte Immo, »das alles sei vergessen in dieser Stunde. Als Sohn meines Geschlechtes stehe ich dir gegenüber, und Abbitte fordere ich von dir, oder ich suche an deinem Leben die Rache.«

Da rief Gerhard mit querem Blick: »Meine nicht, mir durch dein stolzes Drohen den Willen zu beugen, ich widerstehe dir, wenn du auch jetzt auf deinen Goldschatz vertraust«; und die Handschuhe vom Boden hebend und auf den Tisch werfend, rief er: »Du denke daran, wenn du den Schaden trägst, daß nicht ich die Fehde gefordert habe, sondern du. Und darum sei Unfriede zwischen uns statt Friede, sobald wir den Schranken den Rücken kehren, und Kampf sei um Leib und Leben, Gut und Habe zwischen mir mit meinen Helfern und dir mit deinen Helfern.« Er wandte sich trotzig ab, setzte sich zu seinem Genossen Markwart und verhandelte leise mit diesem. Immo trat zu dem Tisch der Brüder, und den Jüngling Gottfried küssend, sprach er: »Ich grüße euch, meine Brüder. Gewährt mir einen Sitz in eurer Mitte und einen Trunk aus eurem Becher, damit die Fremden erkennen, daß sich die Söhne Irmfrieds in der Not nicht voneinander scheiden.«

Die Brüder rückten zusammen, Ortwin trug ihm den Stuhl und Odo goß ihm den Trank ein, der Stolz wehrte ihnen zu reden, und sie saßen schweigend beieinander. Doch von den anderen Tischen eilten Bekannte des Geschlechts mit den Trinkkannen heran, den Helden zu begrüßen, und er stand, von vielen umgeben, und antwortete auf die neugierigen Fragen. Aber sein Blick flog prüfend durch den Raum und nach dem Tische des Grafen Gerhard, bis er an der Tür seinen Vertrauten Brunico erkannte, da winkte er diesem und trat mit ihm zur Seite in heimlichem Gespräch.

Brunico drängte sich hinaus ins Freie; nicht lange, so klang in dem Gewirr von vielerlei Tönen ein neuer Gesang, ähnlich dem Quarren eines Frosches; bald hier, bald dort schrie einer aus dem Volk der Langschenkel, so daß die Leute einander lachend fragten: »Ist auch der brüllende Held Reginheri in seinem Sumpf erwacht?« Doch als sich der Froschgesang auf einer Stelle außerhalb der Schranken vereinte und mit einem lauten Heilruf endete, da dachten die anderen, daß dies ein Zeichen übermütiger Genossen war, welche miteinander zu den Bergfeuern ausschwärmten.

Die Helden in der Halle aber, welche nicht selbst der Fehde teilhaftig waren, freuten sich, daß der Festabend so rühmlich verlief und daß man davon im Lande singen und sagen würde. Sie saßen jetzt friedlich bei ihren Kannen, denn ihr Gemüt war erfrischt wie die Flur nach einem Gewitter.

Plötzlich klang in das wilde Geschwirr des Marktes ein Klageschrei und der Ruf nach Rache. Der Gesang verstummte, die Pfeifer und Fiedler setzten ab, die Krämer liefen zur Abwehr vor ihre Bänke und warfen mit ihren Knechten die Waren schnell in die geöffneten Kasten. In die Halle sprang ein verstörter und blutender Mann und schrie: »Die Hunde des Bonifazius sind über das Wasser gedrungen, einer von uns liegt erschlagen, rächet den Schaden, ihr Wigbertmannen.« Und unter die verstörten Haufen springend, rief der Mann dieselbe Klage. Da schwand die Freude in wildem Zorn, die Frauen wichen in das Dunkel zurück, die Männer fuhren zusammen, rissen flammende Brände aus den Feuern und stürmten dem Flusse zu. Vergebens sprengte der Vogt mit seinen Mannen dazwischen und schrie den Frieden aus, die Wütenden lösten die Haltseile der leeren Kähne und drängten sich hinein, mancher Wilde sprang ins Wasser und rang sich hinüber auf die Seite der Fuldaer. Dort stürmten Bewaffnete entgegen, um die Einbrecher in die Flut zu werfen, und dicht am Ufer entbrannte der Kampf. Aber neue Haufen folgten über den Fluß, auf Tonnen und Bänken suchten sie durch das Wasser zu schwimmen; die Fuldaischen wurden rückwärts gedrängt, die rote Lohe flammte an dem Holzhaus, über welchem das Banner des heiligen Bonifazius wehte, und das Banner selbst verschwand in den aufsteigenden Flammen.

Auch die Herren in der Halle waren an das Ufer geeilt, die einen in bitterer Sorge, die anderen schadenfroh. Da sprach Immo zu seinen Brüdern, und es waren die ersten Worte, die er seit dem Eintritt mit ihnen wechselte. »Gefällt es euch, Söhne meines Vaters, so reiten wir. Laßt euch nicht beschweren, wenn ich euch begleite; denn ich merke, andere sinnen darauf, uns außerhalb des Friedens zu treffen.«

Und Odo antwortete mit derselben Zurückhaltung: »Da der Unfriede uns alle angeht, so sei auch die Abwehr und der Angriff gemeinsam.« Sie verließen zusammen die Halle und eilten zu ihren Rossen. Erstaunt fanden die Brüder Immos, daß bei ihren Knechten und Rossen eine reisige Schar von Landleuten aus den freien Dörfern hielt.

Nicht lange nachher knarrten die Räder beladener Wagen auf dem Wege, welcher zwischen dem Leinbach und einem Waldhügel nach der Mühlburg führte. Nur zwei Reiter bildeten die Bedeckung, die Knechte hatten Mühe, die Pferde in dem aufgeweichten Wege bergan zu treiben, sie schrien laut und knallten mit den Peitschen. Endlich kam an einer kleinen Steile der Zug ganz in das Stocken. Da rasselte und klang es im Holz, eine Anzahl Reiter sperrte die Straße und warf sich gegen die Wagen. Die berittenen Wächter flohen ohne Kampf talab, auch die Knechte sprangen flüchtig dem Bach zu. Als Graf Gerhard heransprengte, war das Werk getan, die Wagen in Besitz seiner Reisigen. Er lachte und rief: »Leichten Kaufes wurde großes Gut in ehrlicher Fehde gewonnen. Lenkt die Wagen seitwärts in das Holz, treibt, meine Mannen, in einer Stunde haben wir es hinter Wasser und Mauer geborgen.« Die Pferde wurden einen Waldweg bergan geführt, sie schritten jetzt rüstiger als vorher, und der Graf brummte vergnügt vor sich hin. »Ich hörte zuweilen rühmen, junger Immo, daß dein Schwert gut schneidet, aber in Listen bist du schwach, und der Alte hat dir behende abgeführt, worauf du mit trotzigem Mute vertrautest.« Der Zug betrat eine kleine Lichtung des Waldes, welche in hellem Mondschein lag, umgeben von dichtem Niederholz, dessen laublose Äste die lichte Stelle mit dunklem Grau einfaßten. Da flimmerte es in dem Holze hier und da wie von blankem Eisen, die Reiter, welche die Vorhut bildeten, jagten zurück und meldeten atemlos, daß der Weg durch Gewappnete versperrt sei; auch hinter der kleinen Schar des Grafen klang ein Kriegsruf, Hörner und laute Stimmen antworteten, und mit Erstaunen sah der Graf sich rings eingehegt durch Fußvolk und Reiter. Er riß die Pferde des vordersten Wagens herum auf die Mitte der Waldwiese und gebot den Reisigen, einen Ring um die Wagen zu ziehen. Er umritt seinen Haufen, hob den Speer und erwartete mutig den Anlauf.

Aber der Angriff erfolgte nicht. Den ganzen Rand der Lichtung hielten schnellfüßige Knaben umstellt, auf dem Wege stampften die Rosse der Gegner, und man vernahm ein Rollen und Dröhnen, als ob Baumstämme gewälzt würden. Jenseits des Weges zog sich ein offener Wiesengrund dem Gebirge zu, dort hatten die Dorfleute der Umgegend einen mächtigen Holzstoß getürmt, welcher in dieser Nacht als Freudenfeuer aufflammen sollte. Um den Stoß schwebten die Schatten, er wurde zusehends kleiner. »Herr,« warnte den Grafen sein vertrauter Dienstmann, »sie sperren die Wege, denn durch das Niederholz vermögen unsere Rosse schwerlich zu dringen. Brecht durch, bevor sie uns einhegen.«

»Soll ich den Schatz im Stich lassen?« fragte der Graf unwillig, »was in den Wagen liegt, gibt Gold und Ehre für euch alle«, und er schrie hinüber zu den feindlichen Reitern: »Was säumen die Helden, heranzusprengen, offen ist das Kampffeld. Trotzige Worte hörten wir in der Halle, hier aber, merke ich, schlottern euch die Beine im Bügel.«

Da rief Brunico zurück: »Schlecht kämpft sich's im Waldesdunkel, harret noch ein wenig, bis wir euch die Osterfeuer anzünden.«

»Brecht durch, Herr,« rief der Vertraute aufs neue, »denn sie schichten das Holz auf der Wegseite zu einem Walle.«

»Pfui über dich, Immo,« rief der Graf, in dem jetzt die Sorge mächtig wurde, »unritterlichen Brauch übst du, ich harre deiner, komm heran und schlage dich um den Schatz.«

Immo rief zurück: »Auch euch war der Pfad zum Kampfe geöffnet, allzulange habt ihr euch um die Tonnen gedrängt, jetzt rate ich, mit uns in Bauernweise den Festbrauch zu üben. Die Flammen lodern, schwingt euch zum Tanze über die Scheite.« Eine kleine Flamme leckte auf, die zweite, die dritte, bald sperrte das Feuer wie ein Wall die Belagerten von dem Wege ab. Aber auch längs dem ganzen Rande des Niederholzes leuchteten die Funken, jeder der Knaben, welche dort die Wache hielten, schwenkte Kienfackeln, denen gleich, womit sich die Dorftänzer auf den Bergen um die Flammen drehten; und jeder schleuderte mit wildem Geschrei und Jauchzen die lodernden Brände gegen die Rosse der Belagerten. Die Rosse scheuten und stiegen, die Reiter selbst, entsetzt über das feurige Gefängnis, vermochten der wütenden Tiere nicht Herr zu werden, mehr als einer wurde abgeworfen und lag ächzend am Boden. In diesem Augenblicke brachen die Söhne Irmfrieds mit ihrer Schar wie ein Wettersturm durch die Flammen, im Nu waren die Helfer des Grafen überrannt, gefangen und gebunden. Der Graf selbst schlug tapfer mit dem Schwert um sich, aber durch eine mächtige Faust wurde er am Nacken gepackt und von seinem Rosse geschwenkt, daß er schwertlos auf den Boden fiel. »Ergebt Euch, Gerhard,« rief Immo, »gelobt, als mein Gefangener zu folgen, damit ich Euch die Schmach der Weiden erspare.« Betäubt gelobte der Graf.

In wenig Augenblicken war das Werk getan, behend rannten die Thüringe, die flüchtigen Rosse der Gebundenen einzufangen. Sie bändigten die Pferde an den Lastwagen und zerwarfen das Holz des brennenden Walles, und nachdem sie sich auf ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf um die Brüder gesammelt hatten, brach der ganze Zug mit den Wagen und den Gefangenen nach der Mühlburg auf.

Längs der Freudenfeuer, welche überall auf den Hügeln und um die Dörfer flammten, zogen die Sieger jauchzend und singend dahin. Es war tief in der Nacht, als sie in die Burg kamen. Immo, der während der Fahrt sich von den Brüdern ferngehalten hatte, ritt jetzt zu ihnen, als sie im Hofe auf den Rossen hielten und sprach grüßend: »Seid willkommen im Hause unserer Väter, nehmt vorlieb mit karger Bewirtung, denn erst beim Licht der letzten Sonne ist der Wirt aus der Fremde heimgekehrt. Gefällt es euch, so enden wir unseren Handel mit den Gefangenen noch während der lustigen Nacht, wie er begonnen wurde.«

»Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortänzer,« versetzte Odo lächelnd, »wir vertrauen, daß du auch gegen die Gefangenen unser Recht wahren wirst.«

Im Hofe der Mühlburg wurde ein großes Feuer entzündet und herbeigeholt, was der Vogt aus dem Keller zu liefern vermochte. Kräftig tranken die Thüringe, und auch den Gefangenen, welche kummervoll auf den Stufen der Halle kauerten, wurden die Kannen geschwenkt. In der Halle aber saßen die Söhne Irmfrieds mit ihren Dienstmannen und die Landleute von der Nesse, unter ihnen mit gebeugtem Haupt der waffenlose Graf. Da rief Immo ihm zu: »Hebt den Becher, Graf Gerhard, und trinkt trotz Eurer Not. Einst lag ich als Gefangener in Eurem Turm, da ludet Ihr mich in Eure Halle und botet mir den Trunk an Eurem Tisch. Heut tue ich Euch mit Freuden dasselbe zur Vergeltung.«

»Ich lobe dich, Immo,« antwortete der Graf trübe, »daß du in dieser Stunde an den Wechsel des Glückes denkst, beide haben wir ihn seit jenem Abend in der Halle erfahren. Vergiß auch nicht, daß dem Sieger eine Ehre ist, Maß zu halten in allem, was er dem Gefangenen auflegt. Behandelt mich mit Billigkeit, ihr edlen Herren, denn glaubt meiner Erfahrung, die ich mir zu meinem großen Kummer erworben, wer allzuviel für sich begehrt, fühlt zuletzt selbst den Schaden.«

Immo versetzte ernsthaft: »Meine Brüder und ich, wir sind Herren geworden über Euren Leib und Euer Leben, und wir vermögen Euch jetzt zu zwingen durch Haft und Bande und zu schatzen an Habe und Gut, weil Ihr wider die Wahrheit und wider eigenes Wissen das Ansehen und die Ehre unseres Geschlechtes mit gehässigen Worten angefeindet habt. Dennoch sollt Ihr erkennen, daß die Söhne Irmfrieds gegen einen bezwungenen Feind Billigkeit üben. Eure Zunge hat Euch in Unfrieden gebracht, Eure Zunge soll Euch auch den Frieden wieder gewinnen, wenn Ihr sie weise gebraucht, solange die Thüringe sich in dieser Nacht um die Festfeuer schwingen.«

In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung, und er rief: »Sage mir, was ich reden soll, damit ich mich aus der Not löse.«

Und Immo fuhr fort: »Wollt Ihr Abbitte tun wegen aller kränkenden Worte und wollt Ihr mit allen Euren Helfern schwören, nichts von dem, was in dieser Nacht gegen Euch gesagt und getan worden ist, an uns oder an einem unserer Helfer zu rächen, sondern in Zukunft Frieden und guten Verkehr zu bewahren, so mögt Ihr mit unseren Gefangenen, mit Waffen und Rossen, frei und ledig von hinnen reiten, sobald der erste Sonnenstrahl unsere Dächer bescheint.«

Graf Gerhard sprang erfreut in die Höhe und rief: »Wahrlich, Immo, manchen Beweis deines guten Verstandes habe ich erhalten, aber diesen will ich dir niemals vergessen. Ich bin bereit zu allem, was du von mir verlangst, zu Abbitte und Gelöbnis.«

»Wohlan,« gebot Immo, »ladet jeden in die Halle, der jetzt im Hofe weilt, zuletzt die Gefangenen. Und mit diesen werdet Ihr Euch barhaupt und stehend demütigen.«

Ein Hornzeichen rief die Gäste und das ganze Gesinde zusammen, und als alle versammelt waren, führte Immo den jungen Gottfried auf den Ehrensitz, und zu diesem sprach der Graf barhaupt die Abbitte: »Alles, was ich gegen Ehre und Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und getan habe, das sei ungesagt und ungetan, alle edlen Rechte erkenne ich ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk. Denn wisset, ihr Herren, wenn ich auch manchmal im Ärger anders sprach, immer habe ich das Geschlecht Irmfrieds vor anderen hochgeschätzt. Und ich bin bereit, nachdem ich Vergangenes abgebeten habe, alles Gute für die Zukunft zu geloben, nicht nur weil ich in Not bin, sondern auch weil ich merke, daß dies in Wahrheit meines Herzens Wunsch ist.«

Als der Graf dies nach Gebühr vollendet hatte und seine Worte durch die anderen Gefangenen bestätigt waren, wurde er mit ihnen in die kleine Kapelle vor den Altar geführt, dort gelobten die Helden für alle Zukunft jedem Rachegedanken zu entsagen. Darauf ward der Graf auf den Ehrensitz in der Halle geleitet, und jetzt trat Gottfried vor und bot ihm den Friedensbecher. Gerhard tat einen tiefen Trunk und seufzte, aber er wurde mild und froh, ja er lachte ein wenig über sein Unglück und sprach allerlei Vertrauliches zu Immo.

Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gäste vorgeführt und Immo geleitete den Grafen selbst in den Hof. Als dieser aufsteigen wollte, sah er die beladenen Wagen, und mit einem sehnsüchtigen Blick sprach er zu Immo: »Hätte ich diese in ehrlicher Fehde gewonnen, so würde ich fortan meinen Met aus goldenem Becher trinken.«

Da antwortete Immo: »Eifrig habt Ihr darum geworben und als ein Held Euer Leben dafür gewagt. Wisset, Ihr habt gefochten wie der alte Hildebrand, um wollene Decken, welche die Sachsen mit guter Kunst verfertigen, und zumeist um den gesalzenen Seefisch, welchen die Leute den Hering nennen.«

Als die Entledigten abgezogen waren, dankte Immo mit freundlichen Worten die Landleute ab, welche als freiwillige Helfer herangeritten waren. »Da die Gefangenen gegen den Gebrauch kein Lösegeld gezahlt haben und auf ihren Rossen davonreiten, so nehmt dafür mit meinem Dank einen Teil der Waren aus dem Sachsenland, welche ihr wiedergewonnen habt; nicht als Entgelt, sondern zur Verehrung.« Das waren die Nachbarn wohl zufrieden, und Immo gebot dem Brunico, einen billigen Anteil auszuscheiden. Diesen luden sie vergnügt auf einen Karren und schieden mit Heilruf zu ihren Dörfern.

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